Fefe, § 177 StGB und Nein heißt Nein

 

[Content Note: Diskussion von Vergewaltigung, Rape Culture]

tl;dr Zur Änderung des Vergewaltigungsparagrafen und warum es eine Schutzlücke ist, wenn Nein nicht Nein heißt

Felix von Leitner a.k.a Fefe hat mal wieder einen Blogpost geschrieben. Man sollte ihn ignorieren, ich weiß. Das gelingt mir gerade nicht, weil ich nicht damit klar komme, wie man mal eben so Opfer sexualisierter Gewalt verhöhnen und sich dafür auch noch feiern kann.

Worum geht’s?

Deutschland muss eine Lücke im Straftatbestand der Vergewaltigung schließen. Das findet Fefe nicht gut. Zitat:

Das Sexualstrafrecht soll verschärft werden.

Nach dem geltenden Paragrafen 177 Strafgesetzbuch setzt eine Vergewaltigung voraus, dass der Täter Gewalt anwendet, dem Opfer droht oder es ausnutzt, dass dieses sich in einer schutzlosen Lage befindet. Der Tatbestand der Vergewaltigung ist damit so eng beschrieben, dass sich laut Maas Fälle ergeben, die bisher nicht erfasst würden.

Ja. Die Fälle, die keine Vergewaltigung sind. Der Name deutet es ja schon an. Der „gewalt“-Part. Aber offensichtlich ist das nicht genug.

Vier Zeilen, um seine völlige Empathielosigkeit zu zeigen. Vielleicht kein Rekord für Fefe, dennoch auch für seine Verhältnisse ein ziemlicher Tiefpunkt.

Anschließend driftet er ohne Zurückhaltung in Maskulismus-Tropes ab:

Haben die Männer wirklich noch nicht genug die Arschkarte gezogen in unserer Gesellschaft? Reicht es nicht, dass Männer früher sterben, sich vorher totarbeiten, und bei Scheidungen die Kinder weggenommen kriegen? […]

Ich hatte es schon getwittert, ich wiederhole es nochmal: Es lässt tief blicken, dass Fefe die geplante Neufassung des Vergewaltigungsparagrafen nicht als Täter*innen sondern als Männer benachteiligend auslegt.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass er die Tragweite dieser Äußerung bemerkt und zurückrudert. Hat er nicht. Stattdessen beschimpft er in seinem Blog nun Leute, die seinen Text kritisieren und verlangt Argumente für die Gesetzesänderung

Die Argumente sind bekannt. Ich wiederhole sie aber gerne nochmal. [Ich verwende hier teilweise alten Text von mir selber wieder, falls jemandem was bekannt vorkommt.]

Was genau stimmt nicht mit dem deutschen Vergewaltigungsparagrafen?

Den kompletten Wortlaut des Gesetzes könnt ihr hier nachlesen. Die aktuelle Tatbestandsdefinition von Vergewaltigung lautet:

(1) Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,
2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

[…]

§ 177 StGB in der geltenden Fassung führt also nur dann zu einer Strafbarkeit eines sexuellen Übergriffs, wenn eine Nötigungshandlung (Drohung oder Gewalt) oder eine schutzlose Situation des Opfers vorliegen. Ohne Erfüllung dieser Tatbestandsmerkmale kann eine Bestrafung nicht erfolgen, auch wenn das Opfer mit den sexuellen Handlungen nicht einverstanden ist.

In Deutschland gibt es somit Vergewaltigungen, die de jure keine sind. Oder anders ausgedrückt: In Deutschland gibt es de facto Vergewaltigungen, die nicht strafbar sind.

So etwas nennt man eine Strafbarkeitslücke.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Da fehlt ein vierter Punkt, der ungefähr so lauten müsste:

4. ohne Zustimmung oder gegen ihren geäußerten Willen

Außerdem ist das „nötigt“ falsch und durch z.B. „dazu bringt“ zu ersetzen. Hier muss „nur“ nach mangelndem Einvernehmen gefragt werden. Mangelndes Einvernehmen erfordert keine Nötigung.

Die Lösung des Europarates

Die Konvention 210 des Europarates (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) ist am 1. August 2014 in Kraft getreten [Wikipedia | PDF (en) | PDF (de)]. Art. 36 der Konvention 210 definiert Vergewaltigung als vorsätzlich erfolgte Penetration ohne freiwillig gegebene Zustimmung.

Artikel 36 – Sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung

1 Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen oder sonstigen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass folgendes vorsätzliches Verhalten unter Strafe gestellt wird:

a) nicht einverständliches, sexuell bestimmtes vaginales, anales oder orales Eindringen in den Körper einer anderen Person mit einem Körperteil oder Gegenstand;

b) sonstige nicht einverständliche sexuell bestimmte Handlungen mit einer anderen Person;

c) Veranlassung einer Person zur Durchführung nicht einverständlicher sexuell bestimmter Handlungen mit einer dritten Person.

2 Das Einverständnis muss freiwillig als Ergebnis des freien Willens der Person, der im Zusammenhang der jeweiligen Begleitumstände beurteilt wird, erteilt werden.

[…]

Deutschland ist verpflichtet, diese Konvention umzusetzen und alle Vergewaltigungen unter Strafe zu stellen.

„Es gibt keinen Skandal“, erklärt Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (!) in seiner Rechtskolumne in der Zeit, auf die Fefe sich bezieht, zur aktuellen Gesetzteslage in Deutschland. Und macht dann seitenlange Ausführungen über Nötigungshandlungen. Ausführungen, die man sich getrost hätte schenken können, denn es ist bereits klar: Die Gleichsetzung „keine Nötigung“ mit „keine Vergewaltigung“ ist falsch. Wir diskutieren nicht mehr über Nötigung.

Das sehen die Opferverbände so (die Fischer konsequent in Anführungszeichen setzt) und das sieht der Europarat so (siehe oben). Fischer aber findet:

[…] Artikel 36 der Konvention des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verlangt von der Bundesrepublik Deutschland nicht die Verwirklichung eines Paradieses der Moral.

„Paradies der Moral“ hieße, wenn man die geplante Änderung zugrunde legt, Leute nicht einfach ungefragt penetrieren zu dürfen. Das geht also offenbar einigen schon zu weit.

Aber wir sind ja Kummer gewöhnt. Fefe ist ja auch mit Menschen auf Vornamenbasis (Julian Assange), die von Schweden als einem Saudi-Arabien des Feminismus sprechen, weil man nach dortigem Recht nicht einfach schlafende Frauen penetrieren darf.

Das Argument ist ein Strohmann

Ich hatte gestern auf Twitter das Fefe-Fandom gebeten, mir mal Fefes Argumente anzumarkern. Leider hat sich niemand bereit gefunden, das zu machen.

Aber natürlich habe ich das „Argument“ auch allein gefunden. Es ist ein Strohmann-Argument, das ungefähr so alt wie unsinnig ist: Beweisschwierigkeiten.

BGH-Richter Fischer erklärt in seiner Kolumne, er wolle Beweisschwierigkeiten nicht überbetonen, um … ich möchte jetzt einem Strafrichter am BGH nichts unterstellen, aber für mich sieht es schon ein bisschen so aus, als täte er dann genau das. Was er jedenfalls nicht tut: Klarstellen, dass das nichts miteinander zu tun hat.

Fefe dagegen betont nicht nur über. Er hat dieses (Strohmann-) Argument und kein anderes.

Also nochmal langsam:

§ 177 StGB stellt in seiner aktuellen Fassung nicht jede Form von sexuellen Handlungen ohne Zustimmung unter Strafe.

Wir verlangen von den Opfern ausreichende Gegenwehr, zu der sie womöglich nicht in der Lage sind, anstatt von Täter*innen, sich zu überzeugen, dass ihr Gegenüber Sex mit ihnen haben will.

Das ist Rape Culture.

Der Unterschied zwischen sexualisierter Gewalt und Sex hängt nicht davon ab, ob sich jemand wehrt oder nicht. Ein sexueller Übergriff ist bereits ein Übergriff bevor und unabhängig davon, ob sich das Opfer wehrt. Die Tat wird nicht erst mit der Gegenwehr zur Tat.

Alle nicht einverständlichen sexuellen Handlungen sollten strafbewehrt sein.

Auch Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind, sich zu wehren oder ihren Willen zu äußern, z.B. weil sie starr vor Schreck sind, müssen geschützt werden.

Es ist nicht zu viel verlangt, sich zu versichern, ob Einverständnis besteht.

Wie stellt das Gericht fest, ob Einverständnis vorlag oder nicht? Durch Beweisaufnahme, wie sonst auch. Das hat nichts mit der Tatbestandsdefinition zu tun.

Einer angeklagten Person muss die Tat nachgewiesen werden. Das ist bei § 177 StGB oft schwierig. Das wird es nicht erst durch die geplante Neuregelung.

Beweisschwierigkeiten sind kein plausibler Grund, Tatbestände nicht unter Strafe zu stellen.

Fefes „Wie soll ich mich denn verteidigen“ ist also auch Bullshit. Ihm muss die Tat nachgewiesen werden, nicht die Unschuld.

Was wird sich durch die neue Regelung ändern? In Fällen, in denen unstreitig keine Zustimmung vorlag, haben die Opfer nicht mehr einfach „Pech gehabt“, weil sich die Tat nicht als Vergewaltigung qualifizierte. Viele Fälle werden deshalb nicht angezeigt oder verfolgt, weil sie nach der aktuellen Gesetzeslage keine Vergewaltigungen sind.

Für den Europarat steht in Deutschland eine Hürde zu viel im Gesetz: Wir verlangen eine Nötigungshandlung in Form von Drohung oder Gewalt. Daraus ergibt sich eine Schutzlücke. Vergewaltigung selbst ist Gewalt. Please do the math.

Bitte fragt euch, wie man ticken muss, damit man „Nein heißt Nein“ als „Arschkarte“ für „die Männer“ wahrnimmt.

//

Update 15:20:

[#CN Gewalt]

FAQ: Ist Zwangsernährung dann nicht Vergewaltigung?

§ 177 StGB hat einen Kontext: Sexualisierte Gewalt. Zwangsernährung ist i.d.R. nicht sexualisiert und steht damit i.d.R. nicht im Kontext sexualisierte Gewalt (i.d.R. = in der Regel, nicht „nie“). Gewalt ist sie dennoch. Der Straftatbestand der Körperverletzung kann erfüllt sein, wenn hier Zwang „gegen den Willen“ bedeutet.

Critical Nerdness: Fefe, die Fundis und der ganze Rest

[Content Warnung: Rassismus]

tl;dr Fefe erklärt Privilegien und Herrschaftspositionen am Beispiel seiner selbst und dies ist das Making of.

Derailing für Anfänger ist gar nicht wirklich eine Anleitung. Das scheint Leser Felix von L. (Name geändert), der das Verschwörungsblog Fefes Blog betreibt, allerdings entgangen zu sein, anders lässt sich sein Beitrag über Sigmar Gabriels Auftritt bei den Jusos kaum erklären.

Was hat Gabriel beachtenswertes gemacht? Unter Verweis auf den Nationalsozialismus – der natürlich unbestreitbar schlimm war – behauptet, dass es heutzutage keine Rassisten in der CDU gibt. Das ist natürlich großer Quatsch. Klar gibt es Rassisten in der CDU. Allein Erika Steinbachs Äußerungen reichen für drei Rassisten. Und auch in der SPD gibt es welche. Wie überall.

Nachdem Fefe den „Einlauf“, den Gabriel von den Jusos bekommen habe, nun vordergründig gewürdigt hat, geht es im Text bergab. Denn jetzt wirft Fefe Antideutsche, Woman’s Rights Bewegung, „Privilegien“-Slang, „die Weltrevolution“ und „Fundamentalisten“ in einen Topf, und toppt damit jede Extremismustheorie.

Auf der anderen Seite sind die Jusos natürlich auch politisch überhaupt nicht ernstzunehmen mit ihrem Antideutschen-und-Womyn’s-Rights-Vokabular. Check mal deine Privilegien, Alter!1!!

Und damit ist auch klar, dass Gabriel nur auf Granit beißen konnte, egal mit welchen Argumenten er gekommen wäre. Fundamentalisten kann man nicht mit Argumenten oder Kompromissen überzeugen. Bei Fundamentalisten bringt es nichts, wenn man auf bereits erzielte Errungenschaften verweist.

Wenn das mal kein Strohmann ist.

Von welchen Errungenschaften Herr Fefe hier ausgeht, bleibt unklar. Im Zweifel die beliebten Klassiker: „Können wir nicht einfach miteinander klarkommen?“, „Also, ICH sehe Hautfarbe überhaupt nicht!“, oder „Wir können doch nicht jedem Armutsflüchtling Asyl geben!“

Im Gegenteil wird einem dann erst Recht vorgeworfen, dass man die Weltrevolution mit faulen Kompromissen aufhält.

Das kann durchaus passieren, wenn man den Hinweis auf aktuelle Probleme damit kontert, dass in der Vergangenheit bereits andere Probleme gelöst wurden. Da passt ja die Antwort nicht so ganz zur Frage. „Weltrevolution“ ist darüber hinaus keine hegemoniale Position bei den Jusos, und insofern die Unterstellung dieses Vorwurfs abwegig. Was allerdings interessant ist: Dass Fefe theoretisch in der Lage ist, „Weltrevolution“-Gelaber als Appeal to bigger problems Fehlschluss zu erkennen. Merken wir uns das für später, das werden wir nochmal brauchen!

Der Gabriel kann froh sein, dass ihm niemand Derailing vorgeworfen hat (das solltet ihr überhaupt mal in Ruhe lesen, vielen ist ja gar nicht klar, dass es dieses Gedankenspektrum überhaupt gibt.

Leute, die sich mit Fallacies in wohlfühlgewissen Diskussionen auseinandersetzen. Ein Gedankenspektrum. Leute, die sich Gedanken machen sozusagen. Ganz schlimm.

Und auch äußerst zielgruppenorientiert: Es wird als von allen Lesenden als sofort und zweifelsfrei erkennbar dargestellt, dass nichts dran sein kann.

Money Quote:

Der Prozess, „Fakten” höher zu bewerten als „Meinungen” ist sehr stark im Interesse verwurzelt, Privilegien zu bewahren.

Viel Spaß bei der Lektüre!)

Hier wird nun der pisa-geplagte Nerd vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt: Anführungszeichen. How do they work?

Um dem ganzen mal direkt die Spannung zu nehmen: Es ging in dem Text gerade darum, dass behauptete Fakten nicht immer gleich Fakten sind und Meinungen oft mehr als „nur“ Meinungen. Dass es eben nicht so einfach ist wie Fakten = gut, Meinungen = böse. Dass wir alle voreingenommen, interessengeleitet und vielleicht nicht immer so wissenschaftlich und „rational“ sind, wie wir uns das gerne einbilden.

Und dann kommt der Lautsprecher der Nerdfraktion, zieht aus einem 82.000 Zeichen / 12.000 Wörter Text, 1 (in Worten: einen) Satz raus, und versagt dann noch bei der Erfassung der Anführungszeichen um „Fakten“ vs. „Meinungen“. Well.

Ab hier wird’s albern.

Ich betrachte ja dieses Privilegien-Checken-Getue ähnlich wie die Pro-Life-Fraktion. Die haben sich lange genug eine Nische so zurechtgelegt, dass sie sich in einer Opferrolle hinein interpretiert haben.

Mal ganz abgesehen davon, dass Fefe hier eine Gruppe – ich nenne sie einfach mal expliziter als er das tut Feminist*innen – die sich gegen Abtreibungsverbote und für die körperliche Autonomie von Frauen einsetzt mit ihrem politischen Gegner gleichsetzt, fällt er auch noch auf die Propaganda dieser Gegner herein, und übernimmt deren Selbstbezeichnung als „Pro Life“, statt sie Anti Choice zu nennen. Die sind nicht „für Leben“, wie Fefe gleich sogar noch selber feststellen wird.

Im Einzelnen: Wenn Fefe schreibt „ich betrachte“ [dies als so und so] ist seine eigene Subjektivität plötzlich Objektivität. „Opferrolle“ ist eine „schöne“ Verallgemeinerung, mit der er von vornherein ausschließt, dass tatsächliche Marginalisierungen angesprochen sein könnten.

Gerade bei den Pro-Lifern ist das zu schön, wenn sich weiße Mittelschichtsangehörige mit Eigenheim und zwei Autos als verfolgte Minderheit fühlen.

Was haben die weißen Mittelschichtsangehörigen mit Eigenheim und zwei Autos mit den Marginalisierten zu tun? Wir dürfen gespannt sein. (Strohmann, falls es jemand nicht gemerkt hat.)

Und überhaupt: Schreibt wer? Selbstständiger Informatiker, offenbar sich häufiger mal Auslandsreisen leisten könnend, whiter than sour cream.

Nach dem Principle of Charity ist Fefe hier immerhin zugute zu halten, dass er wenigstens nicht eine eigene „Marginalisierung“ ins Feld führt, wie etwa Christopher Lauer im Berliner Parlament seinerzeit mit seiner „Wir sind Nerds“-Rede.

Dieses indignierte Gestikulieren empfinde ich als sehr unterhaltsam. Und genau wie man nie jemanden von der Pro-Life-Fraktion sieht, der ein paar schwarze HIV-Babies adoptiert, deren Vater unbekannt und deren Mutter Crack-abhängig ist und abtreiben wollte,

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

genau so wenig kann man Privilegien-Checken-Leute dabei beobachten, wie sie tatsächlich Privilegien abzugeben gewillt sind, sobald das mit persönlichen Einschnitten in die Lebensqualität verbunden wäre.

Und hier eine Burden of Proof Fallacy / Argumentum ad ignorantiam.

(Fun Fact: Unterhaltsamerweise ist das das Gegenteil der KlaueFischer „Argumentation“ [Originalquellen: Klaue, Fischer], nach der Einschnitte in die Lebensqualität Ausdruck „puritanischer Lustfeindlichkeit“ sind.)

Zieht jemand von denen nach Afrika und hilft da Verhungernden?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

Setzt da wer ein Testament auf, das ihr Hab und Gut an die Zigeuner vererbt, wenn sie mal welches erlangen sollten?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp eingeschlichen.

Lernt da jemand Brotbacken und verteilt das Brot unter den Armen?

Ja, absolut machen die das. Viele von „denen“ machen soziale Arbeit oder engagieren sich neben ihrem Tagesjob.

Zahlt da jemand freiwillig mehr Studiengebühren, weil das ein Privileg ist?

Weil die alle Geld zu viel haben und das in ihre Unis investieren wollen?

Zahlt jemand von denen seine Arztrechnung lieber aus eigener Tasche und lässt die Versicherung in Ruhe?

Um den scheiß Kapitalismus zu unterstützen? Jemand zu Hause?

Geben diese Leute alles auf, werden Arzt und ziehen nach Haiti und helfen da
Menschen?

Ja, das machen Leute.

Nein.

Doch.

Aber wisst ihr, wer das macht?

Die Kubaner.

Die™.

Und denen geben wir zur Strafe noch ein Handelsembargo oben drauf.

Auf die Gefahr hin, dass das kein Witz werden sollte: Das reicht nicht mal für eine Post Hoc Fallacy, weil der zeitliche Zusammenhang schon nicht gegeben ist.

Ich hab neulich so einen Artikel gelesen […]

*auf die Uhr guck*

Wir im Westen führen einen Studiengang ein, legen uns eine neue Sprache dafür zurecht, und glauben, damit irgendjemandem geholfen zu haben.

Fefe als $Aufzählung_unmarkierter_Gruppen ist „der Westen“. Kann Spuren von Wahrheit enthalten. Aber keine von Einsicht. (Ich mag ja keine Europäer*innen, die verallgemeinern alle immer so.)

[…]

Wenn wir mal ehrlich sind, ist schon die Tatsache, dass wir uns hier über Geheimdienstexzesse und Internetfilter unterhalten, ein seltenes Privileg.

Vgl. „oppression olympics“.

In Ländern, in denen plötzlich Wohlstand ausbricht, z.B. China, ist der genau so schlecht verteilt wie bei uns. Ein paar Superreiche, und das Gros der Bevölkerung ist knapp über dem Verhungern oder hungert. Solange wir dafür keine Lösung finden, müssen wir über den Rest gar nicht reden.

Und hier nun „erst muss die Weltrevolution kommen“-Gelaber, über das er sich oben bei anderen beschwert.

Solange wir schon innerhalb unseres Landes und der EU nicht in der Lage sind, Obdachlosigkeit abzuschaffen, und dafür zu sorgen, dass im Winter niemand erfriert, weil Heizen zu teuer war, werden wir die Ungerechtigkeit gegenüber anderen Teilen der Erde ganz sicher nicht lösen können.

Was für ein bestechendes Argument, Probleme nicht zu lösen.

Und im Grunde will das ja auch niemand. Sonst könnte die EU sowas wie Frontex ja gar nicht machen, wenn nicht die breite Mehrheit der Bevölkerung das insgeheim so haben wollen würde.

Ja, so nah dran.

Und unsere „Entwicklungshilfe“. Damit wir uns weniger schuldig fühlen, […]

Und hier flackert dann tatsächlich noch fast sowas wie Erkenntnis auf. Aber:

Aber Hauptsache ihr habt alle eure Privilegien gecheckt! Dann sterben gleich ne Million Afrikaner weniger an Hunger — oder an deutscher Munition aus deutschen Gewehrläufen.

Da haben wir dann nochmal eine Appeal to bigger problems Fallacy. Und mehr Rassismus.

Wenn das keine Benchmark für privilegierte Ignoranz ist, dann weiß ich auch nicht.

Einen Absatz habe ich oben herausgekürzt, um ihn nochmal ernsthafter zu behandeln, weil er so symptomatisch für das gesamte Problem ist:

Unser Wohlstand basiert auf einer historischen Schuld, die leider nicht weggeht, wenn wir unsere Privilegien jetzt aufgeben. Und es geht ja leider auch den Unterprivilegierten nicht besser, wenn wir Privilegien aufgeben.

„Race“ ist eine Sozialstruktur. „Wir“ sind ALLE Rassisten. „Wir“ wüssten „uns“ und „die“ gar nicht zu unterscheiden ohne racialized Consciousness – rassisiertes Bewusstsein.

Diese „Vergangenheit“ hat bis heute zur Folge, dass Weißsein einen Wert hat. Dass Rassismusbetroffene völlig überraschend rassismusbetroffen sind. Dass weiße Menschen Bewohner*innen der unmarkierten Kategorie sind und NICHT über rassistische Stereotype abgewertet werden. Und das zu deren Vorteil ist. Und das Master Narrative – das herrschende Narrativ – sagt: Rassismus? Kennen wir gar nicht! Und ist das schlüssig, dieses so offensichtlich falsche Narrativ gelten zu lassen, nur weil eine Mehrheit, die davon profitiert, sagt „Isso weil isso“? Und dass Marginalisierte mit ihrem Counter Narrative Probleme haben, überhaupt zu Wort zu kommen, geschweige denn, ernst genommen zu werden? Wird das dem sonst so wissenschaftlichen Anspruch gerecht? Wer kann die Spielregeln festlegen, was als „rational“ gilt? Wer kann sie bisweilen brechen, ohne als „Meinung“ dazustehen?

An das Master Narrative stellt niemand diese Ansprüche an Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Faktentreue. Wenn Rassismusbetroffene ankommen und sagen „Hey, mich verletzt, dass du rassistische Wörter benutzt“ sagt der Mainstream „Ja, mir doch egal“ oder „Mach da erst mal ne Doppelblindstudie über dein Mimimi“. Oder macht sich über Derailing für Anfänger lustig, wo diese ganzen Entgleisungstechniken, die privilegierte Menschen benutzen, um dieses „Mir doch egal“ nicht offen eingestehen zu müssen, zerlegt wird.

Ja, „wir“ Weißen müssen uns mit unseren Privilegien beschäftigen. Privilegien hinterfragen, abgeben, abbauen, aufhören Leute zu marginalisieren und zu unterdrücken. Ja, damit ist Leuten geholfen. (Wenn ihr das als Privilegierte nur von euch und eurer Peergroup abfragt, kommt ihr da zu einem anderen Ergebnis, völlig klar.)

Wenn „wir“ unseren eigenen Rassismus konfrontieren, statt immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen, vorzugsweise auf Neonazis, Buschkowskys, Sarrazins, „die Amis“. Oder wie Sigmar Gabriel auf „den Nationalsozialismus“ verweist und meint, mit dieser weißdeutschen Erinnerungskultur wär aber auch mal genug gegen Rassismus getan, und wenn man Rassismus mit damals vergleicht, würde man verharmlosen. Umgekehrt macht das Sinn. Sonst geht Rassismus nie weg. Dann drücken „wir“ uns vor unserer Verantwortung mit Verweis auf „damals“.

Das ist liberale Wellness, sich immer nur über andere aufzuregen, statt sich mal die eigene Beteiligung einzugestehen. Rassismus geht viel weiter. Der fängt bei „uns“ an.

Es geht bei dem Ding mit den Privilegien um weit komplizierteres als einfach „Privilegien aufgeben“. Insofern wehrt sich Fefe auch hier wieder gegen einen Strohmann (und unterliegt einem Sein-Sollen-Fehlschluss, wo „Privilegien“ eine Analysekategorie ist).

„Wir“ müssen mal eingestehen, dass der Mythos der „unverdienten“ Priviliegen gar nicht mal so schlüssig ist. Rassismus reproduziert sich nicht über irgendeine Magie oder Raketenwissenschaft, mit der Menschen nichts zu tun haben, sondern den reproduzieren wir, beabsichtigt oder auch nicht, bewusst und unbewusst. „Wir“, nicht „die“.

Ja, das schmerzt. Ja, das kratzt am positiven Selbstbild, dass man Teil des Problems ist. Das verursacht kognitive Dissonanz, wo man sich doch selbst ganz gut findet, und sich doch auch engagiert und alles.

Aber da muss man dann vielleicht auch mal durch.

~

Danke an @Sokalist*n für das Lektorat und an @yetzt für das tl;dr.

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Dies ist eine Übersetzung des Textes „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ (1988) von Peggy McIntosh.

[Edited to add 10.12.2014: @evilmel_ hat mit ein paar anderen die Übersetzung nochmal überarbeitet. Danke!]

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Tägliche Auswirkungen von White Privilege
Schwer fassbar und flüchtig
Verdiente Stärke, unverdiente Macht

„Mir wurde beigebracht, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit zu sehen, nicht in unsichtbaren Systemen, die meiner Gruppe Dominanz verleihen.“

Peggy McIntosh

Bei der Arbeit, Materialien und Perspektiven aus der Frauenforschung in den Rest des Lehrplans zu bringen, habe ich oft den Unwillen von Männern bemerkt, einzuräumen, dass sie ihm Lehrplan übermäßig privilegiert sind, selbst dann, wenn sie einräumen, dass Frauen benachteiligt sind. Sie mögen sagen, dass sie auf die Verbesserung des Status von Frauen in der Gesellschaft, der Universität oder im Lehrplan hinarbeiten wollen, aber dass sie nicht die Idee unterstützen können oder wollen, den von Männern zu verringern. Bestreiten, das Tabus gleichkommt, umgibt das Thema Privilegien, die Männer durch die Benachteiligung von Frauen gewinnen. Dieses Bestreiten schützt davor, dass männliche Privilegien voll anerkannt, vermindert oder beendet werden.

Indem ich über nicht anerkanntes männliches Privileg als Phänomen nachdachte, erkannte ich, da Hierarchien in unserer Gesellschaft ineinandergreifen, dass es höchstwahrscheinlich ein Phänomen beim White Privilege gibt, das gleichermaßen bestritten und geschützt wird. Als weiße Person, erkannte ich, ich war Rassismus als etwas gelehrt worden, das anderen zum Nachteil gereicht, war aber nicht gelehrt worden, einen seiner resultierenden Effekte, das weiße Privileg, zu sehen, das mir einen Vorteil verschafft.

Ich denke, Weißen wird so sorgfältig beigebracht, White Privilege nicht zu erkennen, wie Männern beigebracht wird, Male Privilege nicht zu sehen. So habe ich auf eine ungeschulte Art begonnen, zu fragen, wie es ist, White Privilege zu haben. Ich sehe White Privilege jetzt als ein unsichtbares Paket unverdienten Vermögens, auf dessen Einlösung ich mich jeden Tag verlassen kann, bei dem aber vorgesehen war, dass ich es nicht wahrnehme. Weißes Privileg ist wie ein unsichtbarer gewichtsloser Rucksack voll mit besonderen Vorräten, Karten, Ausweisen, Codebüchern, Visa, Kleidung, Werkzeugen und Blankoschecks.

White Privilege zu beschreiben, macht eine*n neu verantwortlich. Wie wir in der Frauenforschung daran arbeiten, männliches Privileg aufzuzeigen, und Männer auffordern, ihre Macht aufzugeben, muss jemand, die*der darüber schreibt, White Privilege zu haben, fragen “Nachdem ich es beschrieben habe, was will ich tun, um es zu verringern oder zu beenden?”

Nachdem ich das Ausmaß, in dem Männer auf der Basis von nicht eingestandenem Privileg arbeiten, erkannt habe, habe ich verstanden, wie viel der Unterdrückung durch sie ihnen unbewusst war. Dann erinnerte ich mich an die häufigen Vorwürfe von Women of Color [1], dass weiße Frauen, denen sie begegnen, unterdrückend seien. Ich begann zu verstehen, warum wir (Weißen) gerade als unterdrückend gesehen werden, auch wenn wir uns nicht so sehen. Ich fing an, die Arten zu zählen, auf die ich unverdientes Privileg aufgrund meines Weißseins genieße, und auf die Nichtbeachtung dessen Existenz ich konditioniert worden war.

Meine Ausbildung hat mich nicht trainiert, mich selbst als Unterdrückerin zu sehen, als unfair begünstigte Person, oder als Mitwirkende an einer beschädigten Kultur. Mir wurde beigebracht, mich als Individuum zu sehen, dessen moralischer Zustand vom individuellen moralischen Willen abhängt. Meine Ausbildung folgte dem Muster meiner Kollegin Elizabeth Minnich, die darauf hingewiesen hat: Weiße lernen, über ihr Leben als moralisch neutral, normativ und durchschnittlich und auch ideal zu denken, so dass, wenn wir auf das Wohl anderer hin arbeiten, das als Arbeit dahin gerichtet gesehen wird, die “ihnen” erlaubt, mehr wie “wir” zu sein.

Tägliche Auswirkungen von White Privilege

Ich beschloss, an mir selbst zu arbeiten, indem ich wenigstens ein paar der täglichen Auswirkungen von White Privilege in meinem Leben identifiziere. Ich habe die Bedinungen ausgewählt, die in meinem Fall etwas mehr mit Privileg aufgrund meines Weißseins verknüpft sind, als mit Klasse, Religion, ethnischem Status, oder geografischer Lage, obwohl natürlich alle diese anderen Faktoren kompliziert miteinander verwoben sind. Soweit ich es beurteilen kann, können meine afrikanisch-amerikanischen Kolleg*innen, Freund*innen und Bekannten, mit denen ich in täglichen oder häufigen Kontakt komme, zu dieser/m speziellen Zeit, Ort und Arbeitsgebiet, auf die meisten dieser Bedinungen nicht zählen.

1. Ich kann, wenn ich möchte, arrangieren, die meiste Zeit in der Gesellschaft von Menschen zu sein, die, wie ich, weiß sind.

2. Ich kann vermeiden, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich zu misstrauen gelehrt wurde und die gelernt haben, meinesgleichen oder mir zu misstrauen.

3. Wenn ich umziehen muss, kann ich ziemlich sicher sein, eine Wohnung mieten oder kaufen zu können in einer Gegend, die ich mir leisten kann und in der ich leben wollen würde.

4. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Nachbar*innen in einer solchen Gegend neutral oder nett zu mir sind.

5. Ich kann die meiste Zeit alleine einkaufen gehen, und ziemlich sicher sein, dass ich nicht verfolgt oder belästigt werde.

6. Ich kann den Fernseher einschalten oder die Titelseite der Zeitung anschauen und Menschen repräsentiert sehen, die wie ich weiß sind.

7. Wenn mir über unser nationales Erbe oder “Zivilisation” erzählt wird, wird mir gezeigt, dass Menschen sie dazu gemacht haben, was sie ist, die, wie ich, weiß sind.

8. Ich kann sicher sein, dass meinen Kindern Lernmaterialien gegeben werden, die die Existenz von Menschen bezeugen, die, wie sie, weiß sind.

9. Wenn ich will, kann ich ziemlich sicher sein, eine*n Verleger*in für dieses Stück über White Privilege zu finden.

10. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Stimme in einer Gruppe, in der ich das einzige weiße Mitglied bin, gehört wird.

11. Ich kann sorglos darüber sein, ob oder ob ich nicht einer anderen Person in einer Gruppe, in der er*sie das einzige weiße Mitglied ist, zuhöre.

12. Ich kann in ein Musikgeschäft gehen und darauf zählen, die Musik vertreten zu finden bzw. in einen Supermarkt und die Grundnahrungsmittel kaufen, die meinen kulturellen Traditionen entsprechen und in einen Frisiersalon gehen und jemanden finden, der*die meine Haare schneiden kann.

13. Egal ob ich Schecks, Kreditkarten oder Bargeld verwende, kann ich darauf zählen, dass der Umstand, dass ich weiß bin, nicht gegen den Anschein meiner finanziellen Zuverlässigkeit arbeitet.

14. Ich kann dafür sorgen, dass meine Kinder die meiste Zeit vor Menschen, von denen sie wegen Vorurteilen nicht gemocht werden, geschützt sind.

15. Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen täglichen physischen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.

16. Ich kann ziemlich sicher sein, dass die Lehrer*innen und Arbeitgeber*innen meiner Kinder sie akzeptieren werden, wenn sie in Schul- und Arbeitsplatznormen passen; meine Hauptsorgen um sie betreffen nicht die rassistische Haltung anderer.

17. Ich kann mit vollem Mund reden und ohne dass Menschen das darauf zurückführen, dass ich weiß bin.

18. Ich kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen, oder Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidungen auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabet*innenrate der Weißen zurückführen.

19. Ich kann in der Öffentlichkeit zu einer mächtigen männlichen Gruppe sprechen, ohne dabei stellvertretend die Weißen auf den Prüfstand zu stellen.

20. Ich kann in einer schwierigen Situation gut abschneiden, ohne eine Ehre für die Weißen, genannt zu werden.

21. Ich werde nie gebeten, für alle Weißen zu sprechen.

22. Ich kann die Sprachen und Gebräuche von People of Color, die die Mehrheit in der Welt ausmachen, unbeachtet lassen, ohne in meinem weißen Umfeld eine Strafe für solche Gleichgültigkeit zu spüren.

23. Ich kann unsere Regierung kritisieren, und darüber reden, wie sehr ich ihre Konzepte und ihr Verhalten fürchte, ohne als Außenseiter*in aufgrund meines Weißseins gesehen zu werden.

24. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich die “verantwortliche Person” sprechen will, ich eine Person vor mir haben werde, die, wie ich, weiß ist.

25. Wenn ein*e Verkehrspolizist*in mich herauswinkt oder das Finanzamt meine Steuererklärung prüft, kann ich sicher sein, dass ich nicht ausgewählt wurde, weil ich weiß bin.

26. Ich kann leicht Poster, Postkarten, Bilderbücher, Grußkarten, Puppen, Spielzeug und Kinder-Zeitschriften mit Abbildungen von Menschen kaufen, die, wie ich, weiß sind.

27. Ich kann von den meisten Treffen von Organisationen, denen ich angehöre, nach Hause gehen und mich einigermaßen eingebunden fühlen anstatt isoliert, fehl am Platz, in der Unterzahl, ungehört, auf Abstand gehalten oder gefürchtet.

28. Ich kann ziemlich sicher sein, dass eine Auseinandersetzung mit eine*r Kolleg*in, die nicht wie ich weiß ist, eher seine*ihre Aufstiegschancen gefährdet als meine.

29. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich für die Förderung einer Person, die nicht wie ich weiß ist oder eines Programms, das sich um den Ausgleich rassistischer Diskriminierung dreht, argumentiere, unwahrscheinlich ist, dass mir das in meiner jetzigen Situation schadet, auch wenn meine Kolleg*innen mit mir nicht übereinstimmen.

30. Wenn ich erkläre, dass ein rassistisches Problem vorliegt, oder dass kein rassistisches Problem vorliegt, wird mein Weißsein mir mehr Glaubwürdigkeit für beide Positionen verleihen als eine Person of Color sie haben wird.

31. Ich kann mich entscheiden, die Entwicklungen im Minority Writing [Schreiben von Minderheiten] oder bei den Aktivismus-Programmen für Minderheiten zu ignorieren oder zu verunglimpfen oder aus ihnen zu lernen, in jedem Fall aber Wege finden, mehr oder weniger vor negativen Konsequenzen dieser Entscheidungen geschützt zu sein.

32. Meine weiße Sozialisation vermittelt mir kaum Befürchtungen davor, die Perspektiven und die Macht von Menschen zu ignorieren, die nicht, wie ich, weiß sind.

33. Mir wird nicht akut bewusst gemacht, dass meine Form, mein Verhalten oder mein Körpergeruch auf alle Menschen zurückfallen wird, die, wie ich, weiß sind.

34. Ich kann mir über Rassismus Gedanken machen, ohne als eigennützig oder selbstsüchtig gesehen zu werden.

35. Ich kann einen Job bei einer*m Arbeitgeber*in, di*er benachteiligte Gruppen fördert, annehmen, ohne dass meine Arbeitskolleg*innen vermuten, ich hätte ihn bekommen, weil ich weiß bin.

36. Wenn mein Tag, meine Woche oder mein Jahr schlecht läuft, brauche ich mich nicht bei jeder negativen Episode oder Situation zu fragen, ob sie rassistische Untertöne hatte.

37. Ich kann ziemlich sicher sein, Leute zu finden, die bereit sind, über meine nächsten beruflichen Schritte mit mir zu reden und mich zu beraten.

38. Ich kann über viele Optionen, soziale, politische, imaginäre oder berufliche, nachdenken, ohne zu fragen, ob eine Person, die, wie ich, weiß ist, akzeptiert oder ihr gestattet würde, zu tun, was ich tun will.

39. Ich kann zu spät zu einem Meeting kommen, ohne dass die Verspätung darauf zurückfällt, dass ich weiß bin.

40. Ich kann öffentliche Unterkünfte wählen, ohne Angst, dass Menschen, die, wie ich, weiß sind, nicht hinein können oder misshandelt werden an den Orten, die ich gewählt habe.

41. Ich kann sicher sein, dass, wenn ich rechtliche oder medizinische Hilfe benötige, der Fakt, dass ich weiß bin, nicht gegen mich arbeiten wird.

42. Ich kann meine Aktivitäten so arrangieren, dass ich nie Gefühle von Ablehnung erleben muss, die darauf beruhen, dass ich weiß bin.

43. Wenn ich geringe Glaubwürdigkeit als Führungskraft habe, kann ich sicher sein, dass nicht das Problem ist, dass ich weiß bin.

44. Ich kann leicht akademische Kurse und Institutionen finden, die nur Leuten Aufmerksamkeit schenken, die wie ich weiß sind.

45. Ich kann erwarten, dass Bildsprache und Bilder in allen Künsten von Erfahrungen von Menschen zeugen, die, wie ich, weiß sind.

46. Ich kann Abdeckstifte oder Pflaster in “fleischfarben“ nehmen und sie passen mehr oder weniger zu meiner Hautfarbe.

47. Ich kann alleine oder mit meine*m Ehefrau*mann reisen, ohne mit Verlegenheit oder Feindseligkeit derjenigen, die mit uns zu tun haben, zu rechnen.

48. Ich habe keine Schwierigkeiten, Wohnviertel zu finden, wo die Menschen unseren Haushalt billigen.

49. Meinen Kindern werden Texte und Unterrichtsstunden gegeben, die unsere Art der Familie implizit unterstützen und sie nicht gegen meine Wahl der häuslichen Partnerschaft einnehmen.

50. Ich fühle mich willkommen und “normal” in den üblichen Bereichen des öffentlichen Lebens, institutionellen und sozialen.

Schwer fassbar und flüchtig

Ich habe jede der Erkenntnisse auf dieser Liste immer wieder vergessen, bis ich sie niederschrieb. Für mich hat sich White Privilege als schwer fassbar und flüchtig herausgestellt. Der Druck, ihm aus dem Weg zu gehen, ist groß, denn wenn ich mich ihm stelle muss ich den Mythos der Meritokratie [2] aufgeben. Wenn diese Dinge wahr sind, ist dies nicht so ein freies Land, das Leben ist nicht, was man daraus macht: viele Türen öffnen sich für bestimmte Leute durch etwas anderes als ihre eigenen Tugenden.

Beim Auspacken des unsichtbaren Rucksacks mit White Privilege, habe ich Bedingungen alltäglicher Erfahrung aufgelistet, die ich vorher für selbstverständlich hielt. Auch habe ich von keiner dieser Bedingungen als schlecht für den Inhaber gedacht. Ich denke jetzt, dass wir eine feiner differenzierte Taxonomie [3] für Privilegien benötigen, da einige dieser Variationen nur das sind, was man für alle wollen würde in einer gerechten Gesellschaft, und andere die Lizenz geben, ignorant, ahnungslos, arrogant und destruktiv zu sein.
Ich sehe ein Muster die Matrix von White Privilege durchziehen, ein Muster von Annahmen, die an mich als weiße Person weitergegeben wurden. Es gab ein wichtiges Stück Kulturrasen, es war mein Rasen, und ich war bei denen, die den Rasen kontrollieren konnten. Mein Weißsein war ein Vorteil für jede Bewegung, die ich erzogen war, machen zu wollen. Ich konnte über mich als auf wesentliche Arten zugehörig denken, und daran, die Sozialsysteme für mich funktionieren zu lassen. Ich konnte frei verunglimpfen, fürchten, vernachlässigen oder ahnungslos sein gegenüber allem außerhalb der dominanten weißen Formen. Als Angehörige der weißen Dominanzkultur konnte ich diese auch ziemlich frei kritisieren.

In dem Maße, wie meine weiße Gruppe selbstsicher, ungezwungen und ahnungslos gemacht wurde, dürften andere Gruppen unsicher, unbehaglich und entfremdet geworden sein. Weißsein schützte mich vor vielen Arten von Feindseligkeit, Angst und Gewalt, die mir wiederum auf subtile Art antrainiert wurde, People of Color aufzuerlegen.

Aus diesem Grund erscheint mir das Wort “Privileg” jetzt irreführend. Normalerweise denken wir über Privilegien als in einer bevorzugten Lage sein, ob verdient oder durch Geburt oder Glück übertragen. Doch arbeiten einige der Bedingungen, die ich hier beschrieben habe, systematisch darauf hin, bestimmte Gruppen zu über-ermächtigen. Ein solches Privileg verleiht einfach Dominanz, weil jemand weiß ist.

Verdiente Stärke, unverdiente Macht

Ich will dann unterscheiden zwischen verdienter Stärke und unverdienter Macht. Verliehenes Privileg kann wie Stärke aussehen, wenn es tatsächlich eine Erlaubnis ist, zu entkommen oder zu dominieren. Aber nicht alle Privilegien auf meiner Liste sind zwangsläufig schädlich. Einige, wie die Erwartung, dass die Nachbar*innen anständig zu dir sein werden, oder dass vor Gericht nicht gegen dich verwendet wird, dass Du weiß, Schwarz oder Person of Color bist, sollten die Norm sein in einer gerechten Gesellschaft. Andere, wie das Privileg weniger mächtige Menschen zu ignorieren, verzerren die Menschlichkeit sowohl der Inhaber als auch der ignorierten Gruppen.

Wir könnten zumindest beginnen, indem wir unterscheiden zwischen positiven Vorteilen, bei denen wir daran arbeiten können, sie auszubreiten, und negativen Arten von Vorteilen, die, wenn sie nicht zurückgewiesen werden, immer unsere gegenwärtigen Hierarchien stärken werden. Zum Beispiel sollte das Gefühl, dass man in den menschlichen Kreis gehört, wie die amerikanischen Ureinwohner*innen sagen, nicht ein Privileg Weniger sein.
Im Idealfall ist das ein Anspruch, den man nicht verdienen muss. Derzeit, da nur Wenige ihn haben, ist es ein unverdienter Vorteil für diese. Dieser Artikel resultiert aus einem Prozess des Erkennens, dass einiges der Macht, die ich ursprünglich als zum menschliches-Wesen-Sein in den Vereinigten Staaten zugehörig sah, aus unverdientem Vorteil und übertragener Dominanz bestand.

Ich habe nur sehr wenige Männer getroffen, die wirklich erschüttert waren über systemisches, unverdientes, männliches Privileg und die damit übertragene Dominanz.
Und so ist eine Frage für mich und andere wie mich, ob wir wie sie sein werden, oder ob wir wirklich erschüttert, sogar empört sein werden, über weiße Privilegien und damit übertragene Dominanz, und wenn ja, was wir tun werden, um diese zu verringern. In jedem Fall müssen wir mehr daran arbeiten, zu identifizieren, wie sie tatsächlich Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Viele, vielleicht die meisten, unserer weißen Studierenden in den Vereinigten Staaten glauben, dass Rassismus sie nicht betrifft, weil sie keine People of Color sind; sie sehen Weißsein nicht als Teil ihrer Identität.

Darüber hinaus, da Weißsein und Mannsein nicht die einzigen bevorteilenden Systeme am Werk sind, müssen wir gleichermaßen die täglichen Erfahrungen mit Vorteilen durch Alter oder Ethnizität oder körperliche Fähigkeit oder Vorteile in Bezug auf Nationalität, Religion oder sexuelle Orientierung untersuchen.

Schwierigkeiten und Gefahren um die Aufgabe, Parallelen zu finden, gibt es viele. Da Rassismus, Sexismus und Heterosexismus nicht gleich sind, sollten die Vorteile, die mit ihnen verbunden sind, nicht als gleich angesehen werden. Darüber hinaus ist es schwierig, Aspekte unverdienten Privilegs zu entwirren, die mehr auf sozialer Klasse, ökonomischer Klasse, Weißsein, Religion, Geschlecht und kultureller Identität beruhen, als auf anderen Faktoren. Dennoch sind alle Unterdrückungen miteinander verzahnt, wie die Mitglieder des Combahee River Collective in ihrem “Black Feminist Statement” von 1977 aufgezeigt haben.

Ein Faktor scheint klar über all die verzahnten Unterdrückungen: Sie nehmen sowohl aktive Formen an, die wir sehen können, als auch eingebettete Formen, die man als Mitglied der dominanten Gruppen gelehrt wird, nicht zu sehen. In meiner Klasse und meinem Ort habe ich mich selbst nicht als rassistisch gesehen, weil mir beigebracht wurde, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit von Mitgliedern meiner Gruppe zu sehen, nie in unsichtbaren Systemen, die unaufgefordert von Geburt an weiße Dominanz auf meine Gruppe übertragen.

Missbilligung des Systems wird nicht ausreichen, um dies zu ändern. Mir wurde beigebracht, zu denken, dass Rassismus enden könnte, wenn weiße Individuen ihre Haltung ändern würden. Aber Weißsein öffnet in den Vereinigten Staaten viele Türen für Weiße, egal ob oder ob wir nicht die Art, wie Dominanz auf uns übertragen wurde, billigen. Individuelle Handlungen können diese Probleme lindern, aber nicht beenden.

Um soziale Systeme neu zu gestalten, müssen wir zuerst ihre kolossalen unsichtbaren Dimensionen anerkennen. Das Schweigen und Abstreiten, das weiße Privilegien umgibt, sind die wichtigsten politischen Werkzeuge hier. Sie halten das Denken über Gleichberechtigung oder Gleichheit unvollständig, schützen unverdientes Privileg und übertragene Dominanz, indem sie dieses Thema tabuisieren. Das meiste Gerede von Weißen über Chancengleichheit erscheint mir jetzt über die Chancengleichheit zu sein, zu versuchen, in eine dominante Position zu kommen, während man abstreitet, dass Systeme von Dominanz existieren.

Es scheint mir, dass Ignoranz gegenüber weißen Privilegien, genau wie Ignoranz gegenüber männlichen Privilegien in den Vereinigten Staaten stark unbewusst unterstützt gehalten wird, um den Mythos der Meritokratie aufrecht zu erhalten, den Mythos, dass demokratische Wahl für alle gleichermaßen verfügbar ist. Dass die meisten Menschen unwissend darüber gelassen werden, dass die Freiheit selbstbewusster Aktion nur für eine kleine Anzahl von Menschen da ist, unterstützt diejenigen, die an der Macht sind und dient dazu, die Macht in den Händen der gleichen Gruppen zu halten, die bereits am meisten davon haben.

Obwohl systemische Veränderung viele Jahrzehnte dauert, gibt es drängende Fragen für mich und, so stelle ich mir vor, für einige andere wie mich, wenn wir unser tägliches Bewusstsein für die Begünstigungen des Weiß-Seins erhöhen. Was wollen wir mit diesem Wissen tun? Wie wir aus der Beobachtung von Männern wissen, ist es eine offene Frage, ob wir uns entscheiden, unverdienten Vorteil zu nutzen, und ob wir etwas von unserer willkürlich verliehenen Macht nutzen, um zu versuchen, Machtsysteme auf einer breiteren Basis zu rekonstruieren.

Quelle:
White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack via Amptoons und via NYMBP (.pdf)

Links:
Combahee River Collective via History Is A Weapon: The Combahee River Collective Statement (1977)
Wikipedia: Combahee River Collective [Englisch | Deutsch]
Wikipedia: Whiteness Studies | Weißsein
Transcript: Barack Obama’s Speech on Race, March 18, 2008
Linksnet: Critical Whiteness – ein falscher Freund?