Was wir über Liebe, Sex und Hausarbeit schon immer nicht so genau wissen wollten

In der ak war heute ein sehr schöner Text von Sarah Speck mit dem Titel »Unterschiedliche Sauberkeitsstandards« darüber, wie sich heterosexuelle Paare über ungleich verteilte Hausarbeit belügen. In dem Text stand nichts wirklich Neues, aber ich möchte ihn trotzdem dringend empfehlen, weil er ein richtig guter Einstieg ist für Menschen in hetero- und hetero-ähnlichen Beziehungsformen in dieses Thema rund um Ungleichheit in Beziehungen.

Was die Autorin gut herausstellt, ist, dass uns unsere eigene Gleichheitslegende auf die Füße fällt, wenn wir sagen, dass wir emanzipierte Partnerschaft leben, und nicht eingestehen können, wenn das nicht mit der Realität übereinstimmt.

Nadine Lantzsch hat schon 2012 bei der AG Queer Studies dazu vorgetragen, wie eine neoliberale/postfeministische Gleichheitsrhetorik, die das Geschlechterverhältnis als nicht mehr hierarchisch darstellt, tatsächliche Gleichstellung verhindert. (Mein Post dazu.)

Und ich habe auch schon öfter zu dem Thema geschrieben. Ich zitier mich mal selber:

Männer nehmen nicht ihren Frauen Arbeit ab, wenn sie sich an der Arbeit, die Haushalt, Kind(er), und sie selber verursachen, beteiligen. Männer hören nur damit auf, ihre Frauen auszubeuten.

Simone de Beauvoir hat mal sinngemäß gesagt, dass Töpfe scheuern aus Liebe erträglicher sei […]. Und das ist der Trick. Auch heute noch machen Frauen, selbst in auf Gleichberechtigung angelegten heterosexuellen Zweierbeziehungen, tendenziell mehr Hausarbeit. Frauen machen systemtragende Scheiße™ mit aus Liebe. Und weil sie sich nicht eingestehen, dass in überholten Rollenbildern feststeckende Männer sie schamlos ausnutzen könnten.

Das können wir uns natürlich nicht eingestehen. Unsere Partner sind ja nicht so und würden doch nie. Aber doch. Natürlich würden unsere total emanzipatorischen Partner wie so ziemlich alle ihre unemanzipatorischen Pendants auf unsere Kosten von den Verhältnissen profitieren. Das passiert ständig und andauernd. Wir wollen es nur nicht wissen.

Selbst Anfang 20jährige Frauen, die in Jungs-WGs die Töpfe schrubben, schaffen es heute, sich irgendwie als emanzipiert zu begreifen, weil das für Teile ihres Lebens stimmt, und der Rest ist dann halt „Liebe“.

Heute würde ich noch viel weiter gehen und sagen, dass das Problem nicht ausschließlich heterosexuelle Beziehungen betrifft, sondern es auch andere Konstellationen gibt, in denen das so passiert. Außerdem würde ich das „Zweier-“ in Zweierbeziehung streichen, denn A) sind auch in Mehrfachbeziehungen die einzelnen Beziehungen meistens „Zweier-“ und B) sind Mehrfachbeziehungen grundsätzlich erstmal 0% emanzipatorischer als RZBs. (Dazu könntet ihr diesen Text lesen.)

Wir betrügen uns selbst, weil unsere Beziehungen sonst schon an unseren Minimalstandards scheitern würden.

Und es ist sogar noch schlimmer. Unsere privilegierteren Partner*innen stecken auch den Rahmen dafür ab, wie wir auszusehen haben, wie wir uns zu verhalten haben, damit wir attraktiv sind und nicht zu anstrengend und überhaupt in Frage kommen für eine Beziehung.

Sexuelle Anziehung ist politisch. Und um das abzukürzen, und weil ich das hier und hier schon mal aufgeschrieben hatte: Männliche Dominanz überwinden wollen ist nicht sexy.

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Ich hatte übrigens auch einen Text in der ak 615: Vom Privileg, über anderer Leute Realität zu philosophieren (Eine Replik auf den Beitrag von Anja Hertz in ak 613)

It’s not you, it’s kyriarchy

[kyriarchy]

This tweet by @alisonphipps had me thinking about all the ideas in feminism that make me want to turn my badge in.

Like why can people endorse „Lean In“ / glass ceiling / „trickle down“ / corporate feminism for instance and almost everyone including lots of feminists who call themselves intersectional still share their mostly plagiarized / watered down / whitewashed / diversified-but-still-very-privileged ideas of feminism? That’s not actually „more reasonable“ as so many people like to put it. It’s mostly part of a backlash against feminism.

It’s easy to make money off feminist ideas. Everyone’s a feminists these days. Feminism makes you look progressive. Make capitalism look nice and caring and you will sell more stuff. People want to look like they care even if they don’t really care at all. Like when Facebook pretends to be your friend or the Skype bot sends you hugs.

Look at Dove for instance: They appropriate body positivity then tell you properly loving yourself means you need to invest in their products for self care. Be your authentic unadulterated self for just $$$.

Or look at Buzzfeed editors shopping at Primark for science a pointless article in which they try to fit their asses into too small jeans then blame the fashion industry for their looks. That’s feminism. And because they’re feminist they can be classist, ableist and racist on a regular basis without being criticized. You can’t be perfect so what’s the use trying anyway?

Look at women in tech feminism. It’s predominantly privileged white women who fit into bro culture. Some of them actively sucking up to male dominated power structures. And we call them pioneers. Think again, seriously.

Or take this whole modern brand of feminism as a lifestyle product intended to make its users feel good about themselves. EditionF for example. There’s no real class analysis in it because they have class interests to protect. There’s no intent to make a real difference except for themselves plus a bit of charity. Everything else is embellishment. Look how this strong female character can have it all from a wheelchair / while being black / despite not asking their parents for another loan!

A huge amount of privilege is relegated into the footnotes like it doesn’t matter at all. Everything this is about is telling you that if other women can do this, it’s practically your fault if you don’t make it. Like upwards social mobility is attainable for more than a few. If these female role models they shove into our faces can juggle kids, shitty husbands and a board membership with just the help of a few underpaid migrant care workers you should be able to do three jobs, care for your kids all on your own and have no life besides that hands down. Or else you must be a loser. It’s all in your mindset. No matter life without social security is more expensive. No matter you struggle to make ends meet living paycheck to paycheck if at all. Also, smile more.

This is peak neoliberal appropriation of feminism. And this sucks so hard I want to turn my badge in.

This kind of individualist approach to feminism negates power structures and structural inequalities. If your parents couldn’t afford the high profile education you need to access certain circles, you can make an effort all you want later on, you will never be able to make up for it.

People who are feminists mock people who buy groceries at Aldi when they can’t afford better. Same goes for mocking people’s Amazon wishlists, Paypals, Patreons, …. Or mocking #GiveYourMoneyToWomen because your best effort at analyzing inequality in capitalism is somewhere between a bag of hot air and a steaming pile of shit.

People who are feminists bully sex workers on a regular basis while other people who are feminists just recently put sex workers on top of their list of people whose rights they are totally willing to fight for and then entirely forget them in their analysis. Same goes for transgender, nonbinary and agender individuals. Feminists talk about „people with uteruses“ (or uteri) regarding reproductive rights, just to expose themselves two minutes later by still associating feminism with vaginas. People who are feminists say „violence against perceived women“ then instantly forget about the existence of everyone but cis women. This is not intersectionality. This is a fig leaf on a pile of shit, no matter how well-intended.

Feminism worthy of its name has to center the interests of the most marginalized people. Most „mainstream“ approaches to feminism fail precisely at this point. It’s not enough to express your intention to fight for marginalized people and then not do it.

Also, you can’t self-help yourself out of structural inequalities. Don’t tell people the consequences of social inequality are their own fault. Think twice before you endorse this message.

Nothing personal

 

tl;dr in dem ich ein paar Mal „scheiße“ sage

Ich will nicht politisch sein. Es verdirbt mir ungefähr jeden Tag den Tag.

Ich lese mein eigenes Twitter und denke, „Halt doch einfach die Klappe, nützt ja eh nichts“. Ich hab mein Darktwitter aufgegeben, weil ich ständig Angst hatte, dass Leute nichts mehr von mir wissen wollen, wenn ich was Falsches sage. „Wie kannst du nur sowas von mir denken?“ Ich denke das gar nicht. Ich hab nur Angst.

Gefühlt hat immer Priorität, wie schlimm die Verletzung durch Kritik ist, und nie, dass der Kritik Verletzungen zugrunde liegen, die schwerer wiegen als sich persönlich beschämt fühlen. Sexismus ist nichts Persönliches. Unterdrückung ist nichts Persönliches. Sich zurückziehen, wenn Kritik eine*n selber betrifft, ist nichts Persönliches. Menschen ausschließen, die sich wünschen, dass man Verantwortung übernimmt, und weniger nur redet und mehr macht, wenns drauf ankommt, ist nichts Persönliches.

Es gibt kein unpolitisch. Man verhält sich immer zu Dingen. Auch durch Nichtstun, Schweigen, Raushalten.

Man kann nicht die konsensfähigen Inhalte von Leuten teilen die nebendran ein Rundum-Sorglos-Paket aus Scheiße auffahren, diskriminieren, belästigen und mobben, und damit nichts zu tun haben wollen.

Ich wünschte, es würden nicht so viele Leute einen Widerspruch sehen, wenn jemand gleichzeitig ein netter Mensch und ein Arschloch ist, und Unterdrückung und andere Scheiße damit verteidigen, dass die Person aber „eigentlich ein netter Mensch ist“ und die Kritik damit ja nun irgendwie falsch sein müsste.

Ich wünschte, es würden weniger Menschen unterstellen, „PC Culture“ würde Perfektion und Unmögliches verlangen, wo man nur ein bisschen weniger vermeidbare Scheiße will.

Es macht mich wütend, dass Menschen in bestimmten privilegierten Positionen sich verbitten können, für ihre Handlungen kritisiert zu werden, und dafür auch noch Unterstützung bekommen. Dass viele theoretisch/abstrakt Handlungen verurteilen, in konkreten Fällen dann aber auf Ausnahmen verweisen, dass es kompliziert ist, wie schlimm es jetzt ist, dass ihnen unterstellt wird, sie würden $sowas unterstützen.

Ostracizers are Evil. Geek Social Fallacy #1. Weil Täter ausschließen ein zu hoher Preis ist, schließt man im Ergebnis Betroffene aus und Menschen, die sich mit ihnen solidarisieren. „Man muss auch die andere Seite sehen“. Aber warum soll man so tun, als gäbe es bei Sexismus, Harassment, Mobbing, Übergriffen, Stalking, Vergewaltigung auf der einen und Betroffenen auf der anderen Seite „zwei Seiten“, zwischen deren Interessen man abwägen könnte? Damit das Sinn macht, muss man den kompletten Machtkontext ausblenden.

Ich will nicht, dass Opfer die sozialen Folgen ausbaden müssen. Ich will, dass Täter[*innen] und ihre Unterstützer*innen Verantwortung tragen, erst recht wenn sie sich feministisch identifizieren. Sich gegenseitig raus halten aus feministischen Kontexten, die sie für die Opfer ansonsten unsicher machen. Dass die Opfer rein formell nicht ausgeschlossen werden, heißt nicht, dass deren Rückzug freiwillig ist.

Es gibt kein neutral befreundet sein mit Vergewaltigern, Stalkern, Mobbern und Menschen, die diese unterstützen. Es ist nicht neutral, nichts zu sagen, wenn sich im Freundeskreis lustig gemacht wird, Menschen angegangen, beschimpft und lächerlich gemacht werden. Und der Unterstützungsfav unter gegen Feminist*innen gerichtete Scheiße ist auch nicht neutral.

Ich denke, man kann mit Tätern befreundet sein, ohne sich gleichzeitig komplett scheiße zu verhalten. Ich hab das heute etwas anders formuliert getwittert und von zwei Menschen, deren Meinung ich sehr schätze, Widerspruch bekommen. Vielleicht geht es nicht. Ich wünsche mir jedenfalls, dass das geht.

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Ich habe vor kurzem nochmal Sara Ahmed’s „Feminist Killjoys“ gelesen. Ahmed beschreibt dort das Phänomen, dass Feminist*innen, wenn sie auf ein Problem aufmerksam machen, als Störer*in und Quelle des Problems ausgemacht werden.

Ich wünschte, dass sich mehr Menschen darauf einlassen würden, den Gründen dafür auf den Grund zu gehen.

Query the Norm: Eine Einführung in queere Theorie & Praxis

 

[Und nochmal ein überarbeitetes Vortragsskript.]

tl;dr Was ist Queer Theory? Was ist Queerfeminismus? Wie funktioniert das und was soll das Ganze?

Was ist Queer Theory?

Queer Theory ist ein Bereich der poststrukturalistischen Theorie, der in den 1990er Jahren aus Queer Studies und Women’s Studies hervorgegangen ist, die bereits seit längerem begonnen hatten, essentialistische Annahmen über Geschlecht und Sexualität in Frage zu stellen.

Essentialismus ist die Annahme notwendiger Eigenschaften, also z.B. davon auszugehen, dass man an biologischen Merkmalen die Geschlechtsidentität ablesen könnte, oder dass mit dem Geschlecht bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder Fähigkeiten verbunden wären.

Nachdem man gemerkt hatte, dass Sex/Gender/Begehren immer in Kategorien von Norm und Abweichung einsortiert wurden, hat Queer Theory sich um Historisierung der herrschenden Annahmen über Sex/Gender/Begehren bemüht. Das heißt, darum, zu zeigen, dass diese Annahmen historisch geworden sind, dass es Inkonsistenzen gibt in der vermeintlichen Naturgegebenheit der Dinge, dass die vermeintliche Natur sich veränderte, eine Geschichte hatte, einen historischen Kontext. Und das nicht, weil wir zu besseren Erkenntnissen gekommen und mittlerweile klüger wären, sondern teils das Gegenteil: Dass wir Identität erst aufwändig konstruieren müssen, um sie dann als Abweichung von einer Norm zu betrachten, die vorher gar nicht existierte.

In der Geschichte wurde also, abhängig vom jeweiligen Kontext und den vorherrschenden Ideologien, etwas anderes zum Problem gemacht, als unnatürlich betrachtet, was vorher überhaupt nicht oder ganz anders thematisiert wurde. Der Homosexuelle als Identitätskategorie musste erst erfunden werden, um statt dem Begehren die Person abzuwerten.

Queer Theory bedient sich der Werkzeuge des Poststrukturalismus, vor allem der Dekonstruktion. Und zeigt damit, dass der heteronormative Diskurs eine Ideologie ist.

Was ist queer?

Queer war zunächst eine abwertende Bezeichnung für homosexuelle Menschen, die sich diese dann angeeignet – reclaimt – haben. Aber queer ist kein Synonym für schwul, lesbisch oder LGBT (lesbian, gay, bisexual, trans*).

-> The Identity Project
-> 22 Stunning Queer Photography Projects Showcasing LGBT Community Diversity

Queer ist mehr als schwul, lesbisch, bisexuell, polysexuell, pansexuell, asexuell, Frauen die Sex mit Männern haben und sich nicht als hetero bezeichnen, Männer die Sex mit Männern haben und nicht schwul sind, transgeschlechtlich, intersexuell, genderfluid, non-conforming, bigender, agender, nonbinary.

Queer ist Sex/Gender/Begehren außerhalb der Norm. Queer ist Widerstand gegen die Norm, gegen statische Identitäten, Marginalisierungen, Ausschlüsse und Essentialisierungen.

Queer ist nicht spezifisch und nicht stabil. Queer denaturalisiert die Norm. Queer verschließt sich der Festlegung, was queer ist.

„Given the extent of its commitment to denaturalisation, queer itself can have neither a foundational logic nor a consistent set of characteristics.“ (Annamarie Jagose, 1997, 96)

„Angesichts des Ausmaßes seines Einsatzes für Denaturalisierung kann queer selbst weder eine fundierende Logik noch eine konsistente Reihe von Eigenschaften haben.“

„There is nothing in particular to which it necessarily refers.“ (David Halperin, 1995, 62)
„Es gibt nichts bestimmtes, aus das es sich notwendigerweise bezieht.“

„It is an identity without an essence.“ (Michael Warner, 1992, 19)
„Es ist eine Identität ohne Essenz.“

Und queer ist Selbstbezeichnung. Es funktioniert als Fremdbezeichnung nicht. Es ist zwar Umbrella Term. Wird aber teilweise auch abgelehnt, u.a. weil es so offen und unspezifisch ist. Queer unterscheidet sich von der früheren Schwulen- und Lesbenbewegung vor allem dadurch, dass die von außen zugeschriebene Identität mit in Frage gestellt wird. Also während die Schwulen- und Lesbenbewegung davor gesagt hat „Ja, wir sind das. Deal with it.“, sagt Queer Theory: „Die ganze Zuschreibungspraxis ist falsch“.

Die Heteronorm

„Queer“ ist Sex/Gender/Begehren außerhalb der Norm.

Heteronormativität ist die Einstellung, dass Heterosexualität der normale und natürliche Ausdruck von Sexualität ist.

Die Heteronorm ist ein System, in dem davon ausgegangen wird, dass alle Menschen in zwei klar voneinander unterscheidbare Geschlechter fallen, Mann und Frau, mit bestimmten geschlechtsspezifischen Eigenschaften, komplementär und in gegenseitigem Begehren aufeinander bezogen.

Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Fortpflanzung werden zirkulär aufeinander bezogen und gleichgesetzt. [Und weil das so oft nicht verstanden wird: „Ein Zirkelschluss ist ein Beweisfehler, bei dem die Voraussetzungen das zu Beweisende schon enthalten. Es wird also behauptet, eine Aussage durch Deduktion zu beweisen, indem die Aussage selbst als Voraussetzung verwendet wird.“ (Wikipedia)]

Zwangsheterosexualität (compulsory heterosexuality) nennt man, dass heterosexuelles Begehren als Norm gesetzt wird, d.h. hetero sein als normal gilt und vorausgesetzt wird. Das heißt, die Heteronorm bedingt eine Abfolge von immer wieder sich outen müssen. Weil Zwangsheterosexualität alle als heterosexuell verortet, bis sich etwas anderes erweist. Es reicht also nicht, sich ein Mal zu outen, sondern das muss unter Umständen immer wieder gemacht werden.

Niemand fragt „Bist du etwa hetero?“, es ist von „Ehe“ und „Homoehe“ die Rede, statt von Hetero- und Homoehe, Heterosexuelle müssen sich nicht Freunden und Familie gegenüber outen, heterosexuellen Jugendlichen wird nicht erklärt, dass es bestimmt nur eine Phase ist.

Die Heteronorm erzeugt Geschlechterdifferenz entlang dichotomer (also: zweiteiliger) Unterscheidungen. Mann und Frau werden als einzige Geschlechter naturalisiert. Und was nicht in die binäre Logik passt, wird zur abweichenden, markierten Position. Aus Differenz wird „unnormal“. Unmarkiertes gilt als „natürlich“ und die Norm bleibt als solche unbenannt.

Tatsächlich werden vergeschlechtlichte Körper in Diskursen materialisiert (hergestellt).

Die Norm ist, was Judith Butler die heterosexuelle Matrix, später heterosexuelle Hegemonie, nannte: Eine Reihe von Normen für Sex/Gender/Begehren, die Abweichendes marginalisieren – an den Rand drängen – und pathologisieren – zu Krankheiten und Syndromen machen.

-> Sinfest: Sisterhood 7: The Patriarchy

Die Heteronorm reglementiert in eine bestimmte Richtung. Wie das funktioniert zeigt dieser Sinfest Comic. Monique nimmt die rote Pille und sieht plötzlich die Matrix, diese ganzen sexistischen Anrufungen und Zuschreibungen.

Auf der Unterdrückungsachse Gender/Geschlecht gibt es mehrere Diskriminierungsformen:

Sexismus

Mit Männern als Norm und Frauen als Abweichung, bzw. allen anderen Geschlechtern als Abweichung

Cis-Sexismus

„Cis-“ nennt man Menschen, deren Geschlecht (oft: „Geschlechtsidentität“ oder vereinfacht das „gefühlte“ Geschlecht) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Cis-Sexismus ist also die Diskriminierung von Menschen, bei denen das NICHT übereinstimmt. Dass der Begriff Cis-(Gender) nicht im Mainstream verwendet wird, zeigt schon, wie weit die Norm ent_nannt wird: Die meisten würden da „Normale“ (in Anführungszeichen!) und „Transsexuelle“ sagen.

Heterosexismus

ist die Diskriminierung von nicht-heterosexuellen Menschen. Auch dieser Begriff ist wenig verbreitet. In der Alltagssprache wird das Phänomen stattdessen oft „Homophobie“ oder „-hass“ genannt. Aber diese Benennungen verkürzen Diskriminierung auf eine persönliche Ebene. Die Endung „-phobie“ stigmatisiert zudem von echten Phobien Betroffene, indem abwertende Handlungen damit gerechtfertigt und verharmlost werden. (Das nennt man ableistisch, von Ableism / Behindertenfeindlichkeit, hier bezogen auf psychische Störungen.) Also ist der Begriff nicht nur falsch sondern auch noch diskriminierend.

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Heteronormativität ist nicht die einzige Norm, über die eine bestimmte Gruppe Hegemonie über eine andere erlangt. Whiteness (Weißsein) ist eine weitere dieser Normen, die „Andere“ über Rassismus ausschließt. Jede Unterdrückungsform hat ihre eigene Norm, von der die Diskriminierten als abweichend konstruiert werden. Es geht immer um Norm und Abweichung.

Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung sind Einwirkungen oder Handlungen, die, basierend auf Vorurteilen, Einzelnen oder Gruppen aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder sozialen Kategorie soziale Teilhabe oder Menschenrechte verweigert. Diskriminierung kann viele Formen annehmen, alle beinhalten irgendeine Form von Ausgrenzung oder Ablehnung.

Diskriminierung ist Vorurteil + [ein Backup aus] Macht.

Diskriminierung = Vorurteil + Macht

Diskriminierung braucht ein asymmetrisches Machtverhältnis.

Unterdrückung wirkt – wie der Name schon sagt – von oben nach unten. Das heißt, in einem asymmetrischen Machtverhältnis kann man nicht nach oben diskriminieren.

Dazu gibt es auf Tumblr einen schönen Post, wo jemand genervt ist von der Behauptung, Unterdrückung würde in beide Richtungen funktionieren: Wenn ich meinem Chef sage, er wäre doof und gefeuert, passiert ihm nichts. Wenn er dann sagt, „Nein, SIE sind gefeuert‘ bin ich arbeitslos. Gleiche Aussage, asymmetrisches Machtverhältnis. [I hate the whole „Opression works both ways thing]

Wenn die Machtkomponente fehlt, bleiben „nur“ Vorurteile und der Effekt bleibt auf der persönlichen Ebene.

Diskriminierung wirkt aber auf gesellschaftlicher Ebene, geht also sehr viel weiter. Vorurteile können natürlich auch verletzen, aber bei Diskriminierung kommt zu dieser Verletzung auf der persönlichen Ebene noch der größere (auch: strukturelle) Effekt – der auf gesellschaftlicher Ebene – hinzu. Und dieser Effekt heißt Unterdrückung.

Die Macht steckt im System, d.h. die handelnde Person muss nicht selbst oder nicht unmittelbar erkennbar über Macht verfügen oder von der Diskriminierung direkt oder überhaupt profitieren. (Dass es auch Männer gibt, die ganz schön zu kämpfen haben, widerlegt z.B. nicht, dass Männer durch Sexismus privilegiert werden. Das ist ein Kategorienfehler.)

Die einzelne Stammtischparole oder rassistische oder sexistische Bemerkung mag harmlos und nicht als Ausdruck von Macht erscheinen. In der Summe sorgen sie aber dafür, die Adressierten immer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Keine*r von uns. Anders.

(Weil die einzelnen Vorfälle oft klein und unbedeutend erscheinen, nennt man die auch „Mikroaggressionen“. Leute, die beweisen wollen, dass Rassismus / Klassismus / Sexismus /… nicht so schlimm sind, verweisen dann oft auf die einzelne Mikroaggression, und „übersehen“ bequemerweise, zu was für einer Größenordnung die sich summieren.)

Diskriminierung / Privilegierung

Die Macht tritt z.B. auch dadurch in Erscheinung, dass die Gruppe, der eine privilegierte Person angehört, von verschiedenen Unannehmlichkeiten regelmäßig verschont bleibt (z.B. Racial Profiling, verminderte Jobchancen). Auch wenn die Person das als normal und selbstverständlich erlebt, ist es ein Privileg, allein deshalb, weil nicht alle Zugang zu dieser „normalen“ Behandlung haben.

Die Norm ist machtvoll. Und die Macht hinter dieser Norm sorgt dafür, dass Menschen, die abweichen, Probleme haben.

Sei es die Frau im Informatik- oder Maschinenbaustudium, die im männerdominierten Umfeld nicht ernst genommen wird. Die Frau mit Kopftuch, die für rückständig oder fremdbestimmt gehalten wird. Die trans Frau, die keinen Job findet, weil davon ausgegangen wird, dass ihr Geschlecht die Kundschaft irritiert.

Die Macht ist Teil der Verhältnisse und der Beziehungen der Menschen zueinander, und vor allem ist die Macht produktiv: Sie bringt diese Gruppen – und das „Wissen“ über sie – überhaupt erst hervor.

Macht ist produktiv

Was bedeutet das „Die Macht ist produktiv“?

Macht ist bei Foucault nicht repressiv sondern produktiv. Und Macht im Sinne von Foucault ist nichts, das besessen werden kann. Macht durchdringt Subjekte, Strukturen und ihre Beziehungen.

Macht und Wissen sind bei Foucault eng miteinander verbundene Konzepte. Foucault hat z.B. die Wissenschaft als objektiven Ort der Wissensproduktion widerlegt.

In den Worten von Foucault:

Man muß wohl auch einer Denktradition entsagen, die von der Vorstellung geleitet ist, daß es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind, daß das Wissen sich nur außerhalb der Befehle, Anforderungen, Interessen der Macht entfalten kann. […] Eher ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert. Diese Macht/Wissen-Beziehungen sind darum nicht von einem Erkenntnissubjekt aus zu analysieren, das gegenüber dem Machtsystem frei oder unfrei ist. Vielmehr ist in Betracht zu ziehen, daß das erkennende Subjekt, das zu erkennende Objekt und die Erkenntnisweisen jeweils Effekte jener fundamentalen Macht/Wissen-Komplexe und ihrer historischen Transformationen bilden. [Michel Foucault: Überwachen und Strafen]

Was heißt das? Die Wissenproduktion steht nicht außerhalb der Machtverhältnisse. Wissen und Macht bedingen sich gegenseitig. Macht bringt bestimmtes Wissen hervor und Wissen Macht. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Dennoch nimmt bestimmtes Wissen, nehmen bestimmte Gruppen, für sich in Anspruch, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Sexism. Does it still exist? Many men say „no“.

Es gibt anerkanntes Wissen und weniger anerkanntes Wissen. Existiert Sexismus? Viele Männer finden: Nein.

Wir können also nicht „die Wahrheit“ suchen, sondern müssen die Machtverhältnisse hinter der Wahrheit anschauen.

Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist hergestellt, also nie frei von den sozialen Bedingungen ihres Zustandekommens. Dass viele Leute zu derselben Wahrheit kommen, sagt noch nichts über die Übereinstimmung dieser Wahrheit mit der Realität. Wahrheit und Realität sind zwei gänzlich verschiedene Dinge.

Die Frage ist also nicht, ob und warum eine Ideologie falsch ist, sondern es gilt, den herrschenden Konsens zu hinterfragen.

Nach Althusser ist das Bildungssystem der größte ideologische Staatsapparat und Bildung nie ideologiefrei. In staatlichen Schulden wird nicht objektiv und wertfrei Wissen vermittelt, sondern in Übereinstimmung mit den Normen und Werten der jeweiligen Gesellschaft.

So erfolgt zum Beispiel Sexualerziehung in öffentlichen Schulen immer im Kontext des herrschenden Wertekonsens. Und bei dem steht in Deutschland immer noch (Ehe und) Familie an vorderster Stelle und damit Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit.

Wahrheit ist relativ.

Deconstruct

Versuchen wir mal, Wahrheit zu dekonstruieren.

Das zentrale Argument für Dekonstruktion stützt sich auf Relativismus, d.h. die Ansicht, dass Wahrheit immer in Bezug zu unterschiedlichen Standpunkten und Rahmenbedingungen des urteilenden Subjekts steht. Oder anders ausgedrückt: Zu den unausgesprochenen Vorbedingungen und Möglichkeiten denkbarer/meinbarer Ansichten.

Poststrukturalismus geht davon aus, dass der Gegensatz zwischen subjektiv und objektiv nicht gilt, weil das Subjekt außerhalb seiner selbst produziert wird. Das Subjekt ist nicht der absolute Ursprung seiner Ansichten. Die Ansichten sind erlernt, auch neue Ansichten, die aus der Kombination mehrerer erlernter bestehen.

Auch rein objektives Wissen gibt es nicht. Wissen gehört notwendig zu einer Person. Anders als ein Fakt, der einfach so existieren kann, auch ohne dass ihn jemand wahrnimmt, kann Wissen über einen Fakt nicht existieren ohne jemand Wissendes. Beliebtes Beispiel: Das Universum existiert, auch ohne dass jemand um seine Existenz weiß.

Subjektivität konstituiert sich außerhalb des Subjekts. Das Subjekt dringt immer ein in die Objektivität der Dinge, die es weiß. Wahrheit ist also immer subjektiv und universale Wahrheit damit unmöglich.

Relativismus ist zwingende Folge. Es gibt nicht die eine Wahrheit.

Binarismen

Um zu verstehen, die diese Gruppen zustande kommen, die Unterdrückende und die Unterdrückte, Norm und Abweichung, müssen wir ein bisschen ausholen.

Diskriminierung liegen immer binäre Unterscheidungen zugrunde, mit bestimmtem Wissen, bestimmten Wahrheiten über die jeweiligen Gruppen. Wie funktionieren diese Binarismen?

Begriffe erhalten ihre Bedeutung über ihren Gegensatz. Die Bedeutung der Begriffe hängt an der Spur des anderen, die ihrer Definition innewohnt. Aufgefallen ist das dem Linguisten Ferdinand de Saussure. Der kam als erster darauf, dass Zeichen ihre Bedeutung nicht einfach aus der Referenz auf reale Dinge erhalten, sondern aus ihrer Differenz zu anderen Zeichen.

Westliches Denken hängt stark an binären Oppositionen (Derrida 1986). Diese Gegensätze haben eine unterwerfende Struktur, d.h. sie sind immer hierarchisch: Ein Begriff ist hoch bewertet in diesem Gegensatzpaar, der andere bleibt dahinter zurück. Der eine wird privilegiert auf Kosten des anderen. Ein Begriff im Gegensatzpaar ist immer dominant über den anderen: Mann über Frau, Weiß über Schwarz.

Binarismen sind die extremste Ausprägung dieser Differenz und weit verbreitet bei der kulturellen Produktion von Wirklichkeit. Binäre Oppositionen haben einen Herrschaftseffekt. Sie müssen ausschließen, um eine klare Abgrenzung zu errichten. Was mehrdeutig oder zwischen den opponierenden Kategorien ist, wird unsichtbar (gemacht).

Poststrukturalistische und feministische Theorie wurde genutzt, die praktischen Auswirkungen solcher Binarismen zu erforschen. Dabei wurde aufgezeigt, wie anhand dieser Binarismen Dominanz [re]produziert wird und Hierarchien bis hin zu Dominanzverhältnissen etabliert werden.

Im kolonialen Diskurs zum Beispiel werden diese gewaltvollen Hierarchien mit der Zuweisung bestimmter Eigenschaften an Kolonisatoren und Kolonisierte ständig wiederholt: Kolonisator/Kolonisierte lässt sich auch ausdrücken als weiß/schwarz, Zivilisierte/Primitive, Wilde (engl. savage), menschlich/barbarisch … Die weißen „Retter“ sind Ärzte, Lehrer, Helfer. Und genauso wird in weißen deutschen Schulbüchern vermeintlich objektives Wissen vermittelt: Indem man den Kontinent Afrika bis heute auf den kolonialen Blick reduziert.

Was bedeutet das? Der beliebte Einwand, ein Unterdrückungsverhältnis könne in beide Richtungen unterdrückend wirken, ist falsch. Die binäre Unterscheidung ist hierarchisch.

„Umgekehrter Rassismus“, „umgekehrter Sexismus“ und überhaupt umgekehrte Unterdrückung existieren nicht. Was hiermit oft bezeichnet wird, sind „Kollateralschäden“ der Unterdrückung für die privilegierte Gruppe. Die ändern aber nichts an deren Privilegierung und machen die Privilegierten nicht „auch unterdrückt“.

Nach den ganzen Grundlagen: Zur Anwendung …

Ist Zweigeschlechtlichkeit ein Hoax?

Zweigeschlechtlichkeit ist eine dieser binären Unterscheidungen. Was bedeutet das?

„One is not born, but rather becomes, a woman“, „Man wird nicht als Frau geboren, man wird eine“, schrieb Simone de Beauvoir.

Janet Mock, Autorin und Transgender-Aktivistin, erkärte dem Fernsehmoderator Piers Morgan 2014 in einem Interview, dass sie tatsächlich nicht, wie er sagte, früher ein Mann war.

„Niemand wird mit dem oder dem Geschlecht geboren“, sagt Judith Butler: „Wir handeln, gehen und sprechen in einer Weise, die einen Eindruck verdichtet vom Mann oder Frau sein“.

„Wir handeln“, so Butler, „als ob das Mann-Sein oder Frau-Sein eine innere Realität wäre oder etwas, das einfach wahr ist über uns, eine Tatsache, aber eigentlich ist es ein Phänomen, das die ganze Zeit produziert und reproduziert wird; also ist zu sagen, dass Geschlecht performativ ist, zu sagen, dass niemand wirklich ein Geschlecht ist von Anfang an.“ [Judith Butler: Your Behavior Creates Your Gender, Interview (2011)]

Mit ihrer These, dass Geschlecht performativ ist, die sie unzählige Male erklären musste, wie in dem gerade zitierten Interview, hat Butler 1990 in ihrem Buch Gender Troube“ der Identitätskategorie „Frau“ den Teppich unter den Füßen weggezogen.

Sie hat gezeigt, dass Geschlecht nicht vor-diskursiv ist, sondern gemacht und mit Bedeutung gefüllt wird, mit Ideologie, Körperlichkeit, Macht, Diskursen, Politik.

Butler hat gezeigt, dass sich Geschlecht nicht auf eine authentische Ursprünglichkeit zurückführen lässt, und dass die Suche nach wahrer authentischer Weiblichkeit oder Männlichkeit verdeckt, dass Geschlecht performativ ist.

„Natürliches“ Geschlecht ist ein soziales Konstrukt. Wir sind nicht nur „born naked, and the rest is drag“, unserem „naked“ ist Bedeutung schon eingeschrieben, lange bevor wir „Moment mal“ sagen können.

Nach Butler kann es keine Politik auf der Grundlage einer sozialen Identität geben. Ihre Antwort war Subversion: Ein queerpolitischer Gegendiskurs.

Aber die Biologie!?

Wenn wir bestimmte Teile Geschlechtsteile nennen und einem bestimmten Geschlecht zuordnen, schafft das bereits Rahmenbedingungen, eine bestimmte Brille, durch die wir Dinge sehen.

Schauen wir uns mal biologisches Geschlecht an:

„Biologisches Geschlecht“ manifestiert sich auf vier Ebenen: Chromosomen, Gonaden, Hormonen und Anatomie.

Es gibt Menschen mit XX Chromosomen, die sind meistens weiblich. Menschen mit XY Chromosomen sind meistens männlich. Es gibt Menschen mit XX Chromosomen mit männlichem oder mit XY Chromosomen mit vollständig weiblichem Erscheinungsbild. Es gibt Menschen mit XXY, XYY und anderen Variationen. Menschen mit fehlenden oder nicht funktionierenden Keimdrüsen, mit Androgenresistenz, mit auffälligen Serumspiegeln bei den Geschlechtshormomen.

Menschen, deren Körpergeschlecht uneindeutig ist, werden als oder bezeichnen sich als Intersexuelle. Menschen deren Körpergeschlecht eindeutig, aber nicht ihr Geschlecht ist, u.a. als transsexuell, transgender, nonbinary, … Es gibt intersexuelle Menschen, die sind transsexuell, transgender, nonbinary ….

Wir weisen Kindern bei der Geburt ein Geschlecht zu. Es wurden und werden Kinder mit uneindeutigem Geschlecht von Ärzten verstümmelt, damit sie „normal“ aussehen und ihnen oft das falsche Geschlecht zugewiesen.

Es gibt mehr als zwei Geschlechter, selbst wenn wir nur auf die Biologie schauen. Der biologistische Diskurs macht Teile der Variationsbreite zu Normabweichungen, zu Syndromen und Krankheiten.

(Anm.: Selbst Biologen gehen mittlerweile davon aus, dass Geschlecht ein Spektrum ist und die Idee der Zweigeschlechtlichkeit simplifizierend. Link.)

„Der »Rekurs auf die biologischen und die materiellen Bereiche des Lebens« ist, so Butler, immer »ein linguistischer Rekurs« (KvG, 11). Anders ausgedrückt: Wir, als Menschen, die immer schon in das symbolische System des Diskursiven hineingeboren werden, können uns auf die Welt nicht anders als linguistisch beziehen. Jeder Blick auf die Welt ist diskursiv gerahmt und trägt damit eine je nach historischem Zeitpunkt und soziokulturellem, politischen Kontext spezifische Brille.“ (Paula Irene Villa: Judith Butler)

Der biologistische Diskurs stellt also nicht nur objektiv fest, er benennt, bewertet, ordnet ein.

„Ohne Heten keine Fortpflanzung!“


Vielleicht. Aber wieso wirkt sich eine Subjektposition, das gleichgeschlechtliche Begehren, so auf das gesamte Leben aus? Dazu sollten wir uns zunächst mal anschauen, wie Homosexualität als Identität entstand.

Foucault datiert in The History of Sexuality die Entstehung der homosexuellen Identität um das Jahr 1870. Er zeichnet nach, dass Homosexualität notwendigerweise eine moderne Erfindung sein muss, da es früher schon gleichgeschlechtlichen Sex gegeben habe, aber eben keine korrespondierende Identitäts-Kategorie.

Um 1870 macht Foucault mit der zunehmenden Medikalisierung von Sexualität in verschiedenen medizinischen Diskursen die Idee des Homosexuellen aus, nicht länger als jemand, der bestimmte Formen von Sex praktiziert, sondern als Person, deren gesamtes Sein durch diese Akte bestimmt ist. Während homosexuelles Begehren und Praxen vorher keine bestimmte Art von Individuum hervorgebracht hatten, wurden Personen, die homosexuelles Begehren zeigten, von nun an zu einer bestimmten Art von Person: Dem Homosexuellen.

Die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität wurde, so Foucault, im Moment ihrer Beschreibung geschaffen.

Und diese schreibt Foucault Carl Friedrich Otto Westphal und seinem 1870 veröffentlichten Paper „Die Konträre Sexualempfindung: Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes“ zu, einer der ersten Beschreibungen von Homosexualität als psychiatrischer Störung. Darum wählt Foucault 1870 als Geburtsstunde des modernen Homosexuellen.

Homosexuelle Handlungen – unter Männern – wurden zwar vorher bereits von Religion und Gesetz verurteilt, aber eben als Verlangen, dass jeden ereilen konnte und nicht nur eine bestimmte Art von Männern.

Mit der Datierung und Begründung für das Auftauchen der homosexuellen Identität, wie Foucault sie nachzeichnet, waren nicht alle einverstanden.

Allan Bray etwa datiert das Auftauchen von Homosexuellen als „Spezies“ bereits auf Ende des 17. Jahrhunderts, als sich in England um die Molly Houses eine urbane homosexuelle Subkultur bildete. In den Molly Houses trafen sich Männer, die Interesse an Sex mit Männern hatten, aber nicht notwendigerweise für Sex, sondern zum Trinken, Flirten, Reden. Dort, so argumentiert Bray, konstituierte sich Homosexualität im modernen Sinn als Identität, entwickelten sich eigene Arten sich zu kleiden, zu reden, eigene Gestik und Jargon. Sie bildeten den kulturellen Kontext für homosexuelle Identität und Community. [Bray 1988:84, zitiert nach Jagose].

John D’Emilio (1992b:5; auch zitiert nach Jagose) sieht die Voraussetzungen für das Entstehen einer homosexuellen Identität erst Ende des 19. Jahrhunderts im Wachstum des Kapitalismus und der damit verbundenen Restrukturierung der Familie durch Lohnarbeit und Arbeitsteilung erfüllt. Hier standen Homosexuelle dann plötzlich außerhalb des normativen Konzepts der Kleinfamilie mit der Zuständigkeit vor allem der Frau für den häuslichen Bereich.

Aber was bedeutet es, dass homosexuelle Identität ein Konstrukt ist?

Dass Fortpflanzung eben keine hinreichende Begründung für die Vorherrschaft dieses einen bestimmten Lebensstils der Heterokleinfamilie ist. Wieso leben Menschen überhaupt mit den Menschen zusammen, mit denen sie Kinder haben? Wieso nicht mit jemand anderem? Oder in Kollektiven? Wieso gilt es als Ideal, wenn Kinder biologisch eigene Kinder sind? Wieso überhaupt Kinder haben? Wieso 1 andersgeschlechtliches Gegenüber? Wieso nicht 0 oder 5? Und wieso übernehmen in Heterobeziehungen immer noch Mütter wie selbstverständlich den Hauptteil der Sorge-Arbeit, während Väter, wenn sie sich mal um den eigenen Nachwuchs kümmern, abgefeiert werden? (Die letzte Frage war hoffentlich tendenziös genug formuliert, um als Antwort durchzugehen.)

It gets better!?

Aber Homosexuelle sind mittlerweile ziemlich akzeptiert, oder? It gets better! It gets better, aber so lange sich Menschen outen müssen, ist die Heteronorm intakt.

Queerfeminismus

Und damit kommen wir zum Queerfeminismus. Was will er, was kann er, was unterscheidet ihn von „handelsüblichem“ Feminismus? Was macht queere Ansätze besser?

Queerfeministische Praxen

Zu den queerfeministischen Praxen haben Leah Bretz und Nadine Lantzsch, letztere von der Mädchenmannschaft, ein sehr schönes Buch geschrieben – „Queer_Feminismus – Label und Lebensrealitäten“ – in dem sie ganz viele Möglichkeiten queer_feministischer Interventionen gesammelt haben, an denen ich mich jetzt mal entlang hangeln werde.

Ich kann hier nicht auf alles eingehen, daher nur beispielhaft. (Kauft das Buch, wenn ihr Geld übrig habt.)

Kritisches Verorten

Als erstes geht es dort um Kritische Selbstverortung, also das ständige sich bewusst machen der eigenen Position, nicht nur diskriminierter Positionen sondern vor allem auch der Positionen, wo man privilegiert ist. Das Konzept kennen wir aus der Postkolonialen Theorie u.a. aus Spivaks „Can The Subaltern Speak“. Die Subalterne (Subalternität heißt soviel wie untergeordnet sein) könnte selber sprechen, wenn man sie denn ließe.

Die permanente kritische Selbstreflexion kann man wahrscheinlich als Grundvoraussetzung für jeden sinnvollen queer_feministischen Aktivismus bezeichnen, für linken Aktivismus, der den Anspruch an sich stellt, Unterdrückung insgesamt überwinden zu wollen, überhaupt.

Was sind eigene Kämpfe? Wo betreibt man Stellvertreter*innenpolitik? Womöglich über die Köpfe von Betroffenen hinweg, oder sogar gegen deren Interessen. Reproduziere ich dominantes Redeverhalten, mache ich bestimmtes Wissen, bestimmte Personen/Gruppen unsichtbar? Welches Wissen akzeptiere ich, welche Wissensproduktionen kenne ich gar nicht und warum? Wen lasse ich zu Wort kommen? Von wem akzeptiere ich Kritik? Wie verhalte ich mich zu Kritik? Bin ich dankbar für Hinweise darauf, wo ich selbst Unterdrückung reproduziere, weil gemeinsames Ziel ist, diese zu überwinden, oder tue ich so, als wäre ein wütender feministischer Mob über mich hergefallen und unterstelle niedere Motiven wie Hass oder Selbstdarstellung?

Hier wäre in der Praxis z.B. auch auf ganz einfache „Kleinigkeiten“ zu schauen: Dass die weniger beliebten Arbeiten nicht immer an den weniger privilegierten Teilnehmer*innen hängen bleiben. Wer den Kuchen mitbringt. Dass im Lesekreis auch schwarze lesbische Sozialistinnen gelesen werden und nicht immer weiße Männer mit Bart.

Intervention in Sprache

Eine weitere queerfeministische Praxis ist die Intervention in Sprache.

Beispiele für diskriminierende Sprache habe ich ja bis hierhin schon einige genannt. Die Diskussion um rassistische Sprache in Kinderbüchern flammt auch immer mal wieder auf. Weiße wollen sich nicht „verbieten“ lassen, das N-Wort zu verwenden. Linke Zeitungen schreiben das N-Wort aus, weil sie ja Rassist*innen zitieren. Intervention gegen diskriminierende Sprache wird häufig mit Meinungsfreiheit, Zensur und Political Correctness abgewehrt. Weiße von links bis rechts außen sind sich einig, greifen hier auf exakt die gleichen Strategien zurück und verteidigen etwa das N-Wort damit, dass es ja eigentlich nur „schwarz“ bedeute, als sei damit die rassistische Verwendung vom Tisch.

Queerfeministische Intervention in Sprache besteht aber nicht nur aus Intervention gegen diskriminierende Sprache sondern auch in der Schaffung eigener nicht diskriminierender Sprache. Besonders auffallen dürften hier Wortschöpfungen, die die Normen und Konstruktionscharakter sichtbar machen: frauisiert und typisiert, für die Herstellung der Geschlechter von Frauen und Typen.

Ein weniger lustiges Beispiel wäre das Gender_Gap: Ein Unterstrich zwischen dem Wortstamm und der Endung _innen, der sichtbar machen sollen, dass da zwischen [neben!] männlicher und weiblicher Form noch mehr ist. Dieses mehr ist nicht etwa trans*, wie viele fälschlich annehmen, sondern Menschen, die sich als weder männlich noch weiblich verorten. Das Gendersternchen erfüllt einen ähnlichen Zweck wie das Gap, sieht aber mehr nach Wildcard aus, erschließt sich also intuitiver. Am Ende von Wörtern macht das Sternchen den Konstruktionscharakter deutlich. (Frau*) [Anm.: Das letztere finde ich persönlich nicht sinnvoll, u.a. weil eine häufige falsche Lesart ist, dass „Frau“ nur Cisfrau meint.]

Neben Intervention in diskriminierende Sprache und Schaffung eigener, nicht diskriminierender Sprache, geht es hier aber auch darum, was NICHT gesagt wird: Wen nenne ich? Wen nicht? Auch Nicht-Erwähnung marginalisierter Positionen und Wissenproduktion haben einen Machtkontext.

Fat Acceptance

Als weitere queerfeministische Intervention wäre die Fat-Acceptance / Fat-Positivity Bewegung zu nennen und die Intervention gegen rassistische, sexistische, cis-sexistische, lookistische, und pathologisierende Körpernormen.

DIY

Do it Yourself ist ein weiteres großes Betätigungsfeld im Queerfeminismus. Das geht von klassischen Handarbeiten und anderen kreativen Projekten über Schreiben, Bloggen, Zines, Musik machen, Texte umschreiben, um Songs den Heterosexismus zu nehmen. Hetero-Lovesongs aus der „falschen“ Perspektive singen. (Oder Männer auslachen, die Summertime Sadness covern und sich von den High Heels distanzieren.)

Intervention in öffentliche Räume

Intervention in öffentliche Räume sind z.B. feministische Demos und Gegendemos wie z.B. die zu den Anti-Choice-Märschen. Oder die Umbenennung von Straßen mit rassistischen oder kolonialrassistischen Namen (wie der M*****-Straße in „Möhrenstraße“ durch die Gruppe Decolonize The City). Oder „Sexistische Kackscheiße“-Aufkleber auf sexistischen Werbeplakaten im öffentlichen Raum. Oder im Supermarkt die gegenderten Grillsaucen umsortieren. Oder überall, wo Produkte für die Dame und den Herrn getrennt sind, mal durchzumischen.

Queerfeministische Intervention als Lohnarbeit

Oft schlecht oder gar nicht bezahlt, da von Aktivist*innen erwartet wird, sie arbeiten für die gute Sache(tm) (und hätten keine Miete zu bezahlen). Die Betätigungsfelder sind hier vielfältig und reichen von offiziellen Stellen, über NGOs bis zu Bildungsarbeit, Workshops, Vorträgen …

Beziehungen

Und als letztes Betätigungsfeld hier zu nennen: Beziehungen. Das Hinterfragen der Hetero-Zweierbeziehungsnorm und der Romantischen Zweierbeziehung. Hier ist für viele die Lösung Polyamorie und Beziehungsnetzwerke. Die aber natürlich auch nicht die Lösung sind, sofern sich nicht auch kritisch mit der Ökonomie postmoderner Liebe auseinandergesetzt wird. [Dazu hatte hier schon mal was geschrieben.]

Was macht Queerfeminismus anders?

Cis-/Hetero-/Sexismus sind strukturelle Machtverhältnisse. Die Norm bilden die Positionen cis/hetero/männlich. Und je nach Übereinstimmung oder Abweichung ihrer Positionen von dieser Norm werden Menschen unterschiedlich stark privilegiert oder diskriminiert.

Unter Feminismus verstehen viele nur Antisexismus und darunter nur die Gleichstellung von Frauen mit Männern. Sexismus ist aber, wie wir gehört haben, nur eine von mehreren Diskriminierungen auf der Achse Geschlecht – Heterosexismus und Cis-Sexismus sind weitere – und nur eine von vielen Diskriminierungsformen.

Zu Queerfeminismus gehört, Machtverhältnisse an ihren Grundlagen zu kritisieren, d.h. bereits die Diskriminierungen und Ausschlüssen zugrunde liegenden Normen zu hinterfragen.

Intersectional or bullshit

Daraus ergibt sich für viele Queerfeminist*innen zwingend, dass Queerfeminismus intersektional sein muss.

Intersektionalität ist ein Konzept, das zuerst benannt und beschrieben wurde 1989 von Kimberlé Crenshaw, das davon ausgeht, dass die verschiedenen sozialen Kategorien – „Race“ / Class/ Gender / Ability / Sexualität usw. – und die damit verbundenen Machtverhältnisse sich überschneiden, interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Das hat zur Folge, dass sich die einzelnen Positionen nicht für sich allein stehend analysieren lassen.

Dazu gibt es netterweise den Fun Guide von Miriam Dobson, in dem am Beispiel von Bob, dem mehrfach diskriminierten gestreiften Dreieck, erklärt wird, was Intersektionalität ist.

-> Intersectionality: A fun Guide

Man kann die Unterdrückung schwarzer Frauen nicht analysieren, indem man ihre Betroffenheit von Rassismus und Sexismus jeweils einzeln betrachtet. Ihre Betroffenheit von Rassismus führt dazu, dass sie andere Formen und Ausprägungen von Sexismus erleben, als weiße Frauen.

Weiße Frauen/Feministinnen diskutieren bis heute von ihren Erfahrungen aus universalisierend über weibliche Körper als „Ware“, und übersehen dabei, dass in der Geschichte schwarzer Frauen Sklaverei Realität war. [Ein Beispiel wäre hier Sexarbeit als „weiße Sklaverei“ zu bezeichnen, was nicht nur eine unsinnige Gleichsetzung ist, sondern auch schwarze Frauen in Sexarbeit – und wiederum deren spezifische Probleme – unsichtbar macht.] Rassistische und klassistische Stereotype verschärfen Sexismus, auf Arten, die weiße Mittelschichtsfrauen einfach nicht erleben.

-> Aktuelles Beispiel für White Feminism: Meryl Streep & Co. und das Emmeline Pankhurst Zitat auf dem T-Shirt zum Suffragette Film. 

Der Mainstream

Der feministische Mainstream zentriert die eigenen und sich ins eigene Weltbild fügende Interessen, oft Interessen scheinbarer Mehrheiten – in Wirklichkeit gesellschaftlich dominanter Gruppen –, Interessen weißer, cis / heterosexueller / ableisierter Mittelschichtsfrauen.

Es geht diesem Feminismus oft gar nicht darum, insgesamt etwas zu verändern, die Grundlagen von Unterdrückung zu überwinden. Oft geht es um nicht mehr als eigenes Fortkommen, Anerkennung, Karriere, Work-Life-Balance, Aufteilung von Care- oder Reproduktionsarbeit in heterosexuellen Partnerschaften.

Es gibt unzählige Beispiele, wie auch im Feminismus dominante Gruppen von ihrem Standpunkt aus universalisieren, marginalisierte Gruppen gewaltsam ent_nennen, unsichtbar machen, und Diskriminierung und Ausschlüsse [re]produzieren.

Feminismus, der von „Männern und Frauen“ spricht, ent_nennt andere Geschlechter und reproduziert damit Cis-Sexismus. Das gleiche gilt für veraltete Schreibweisen mit Binnen-I oder Schrägstrich.

Das mag zunächst harmlos erscheinen, sind ja nur Schreibweisen. Da werden aber Menschen weggelassen und diese immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie in der Realität der so Schreibenden keinen Platz haben.

Das generisches Maskulinum (auch treffender „Androgenderung“ genannt) setzt Männer zur Norm, und lässt sich eigentlich gar nicht sinnvoll mit einem Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit vereinbaren.

Feminismus, der auf biologistische Diskurse eingeht, essentialisierend auf die Norm Bezug nimmt, Penis mit männlich, Vagina und Brüste mit weiblich gleichsetzt, reproduziert Cis-Sexismus. Das gilt auch für die oft ironisch gemeinten Abwertungen von Männern über Geschlechtsteile. Transgeschlechtliche Menschen haben genug Probleme, ohne dass ihnen der Feminismus aus Ignoranz in den Rücken fällt.

Pluralismus!?

Kritik an Feminismus, der über die eigenen Interessen andere vergisst oder sogar diskriminiert, wird mittlerweile vielfach mit der Begründung abgewehrt, dass es ja viele unterschiedliche Feminismen gäbe, und man eben diesen einen praktiziere und sich gar nicht anmaße, für alle zu sprechen.

Zum einen wird dann aber trotzdem weiterhin Solidarität eingefordert für Anliegen, die mit den Lebensrealitäten von lesbischen, schwarzen, armen, behinderten, … usw. Frauen wenig oder gar nichts zu tun haben.

Natürlich sind z.B. Repräsentation und Diversity wichtig, das Durchbrechen von „gläsernen Decken“ also ein legitimes Anliegen. Von wem sie ausgebeutet werden, kann Arbeiter*innen in schlecht bezahlten Jobs aber darüber hinaus herzlich egal sein.

In den privilegierteren Klassen können sowohl Männer als auch Frauen kein Interesse an einem kompletten Umsturz des Geschlechterverhältnisses haben, weil daran die gesamte Ökonomie hängt, die ihren Status sichert. Kapitalismus braucht Diskriminierung, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Wenn alle miteinander statt gegeneinander arbeiten würden, hätte der Kapitalismus ein großes Problem.

-> Beispiel für solchen Eliten-Feminismus wäre „Lean In“ von Sheryl Sandberg.

Darum zeigt sich der komplexifizierte Backlash heute nicht mehr nur in offener Opposition gegen Kämpfe um Gleichberechtigung, sondern auch in Aneignung von Feminismus in einer harmlosen, die eigenen Interessen schützenden Version, bei gleichzeitiger Zurückweisung der Aspekte, die wirkliche grundlegende Veränderung für alle bedeuten würden. Angela McRobbie nannte das mal einen geschlechterpolitischen New Deal: Einlassen auf einen liberalen Feminismus, der nicht an den Grundlagen des Geschlechterverhältnisses rüttelt. Eliten-Feminismus rüttelt auch und vor allem nicht am Klassenverhältnis. (Charity ist kein Rütteln am Klassenverhältnis.)

Privilegierte Feministinnen, einflussreiche Frauen mit Reichweite, weisen häufig darauf hin, dass Interessen Marginalisierter Minderheiteninteressen seien und man sich zunächst um Wichtigeres kümmern müsse, dass Feminismus mehr für den Mainstream sein oder Männer mitnehmen müsse, dass es nur miteinander ginge. Denkfehler – wohl beabsichtigter – daran ist: Dass die Rechte der (oft vermeintlichen) Minderheiten bereits jetzt von den Launen genau dieser vermeintlichen Mehrheiten abhängig sind, die die kulturelle Hegemonie für sich beanspruchen. Diese setzen also im Feminismus ganz einfach ihre Dominanz fort.

Zurück zu der Kritik, es gebe ja unterschiedliche Feminismen und nur die eigenen Interessen zu vertreten sei nur eine Art Pluralismus …

Diese Art, Kritik abzuwehren, ist weiterhin eine Umkehrung der Kritik der weniger privilegierten Feminist*innen, die sich regelmäßig dagegen wehren müssen, dass privilegiertere Frauen ihren Standpunkt universalisieren und für „die Frauen“ sprechen: „Wenn wir nicht für Euch sprechen können, dann sprechen wir für uns und sprecht ihr für euch selber“. Den Raum, in dem Andere sprechen könnten, geben privilegierte Feministinnen dann aber regelmäßig nicht frei.

„Mainstream“-Feminist*innen beschweren sich häufig, dass sich im Feminismus „plötzlich“ auch mit Rassismus beschäftigt wird. Fragen sich, was das miteinander zu tun hat. Verstehen dann nicht, inwiefern es Aneignung ist, ein Martin Luther King Zitate für die „sozialen Kämpfe“ der weißen Mittelschicht zweckzuentfremden. Fragen, warum LGBT-Themen im Feminismus so präsent sein müssen. Warum nicht eher die Probleme heterosexueller Paare mit Kind? Feminismus müsste wieder mehr für die alltäglichen Probleme „normaler Leute“ sein. Die seien doch in der Mehrheit. Die feministische Sprache finden sie überfordernd oder machen sich lustig. Die Realität anderer Menschen zu negieren, macht ihnen nichts aus. Wissen, nach dem sie nicht bereit sind zu googeln, erwarten sie von Queerfeminist*innen hinterher getragen zu bekommen. Weil sie meinen, von DEREN Anliegen überzeugt werden zu müssen. (Anm.: Da sieht man, wie weiß/heterosexuell/privilegiert der feministische Default a.k.a. das Verständnis von „wir“ ist.)

Und sie möchten bitte nicht cis genannt werden, oder hetera oder weiß, weil sie das als diskriminierend und spaltend empfinden. „Wir“ sind doch alle auf einer Seite.

Auf dominante Reproduktion der Heteronorm angesprochen, tun sie so, als wäre ihnen das Küssen verboten worden. Erklären, sie könnten ja nichts dafür, dass sie hetero sind, als wäre das der Punkt. Am besten erklären sie noch, sie seien auch „born this way“ und sie seien ja anderen gegenüber auch tolerant.

Dieses gewaltsame Ent_nennen, das Unsichtbarmachen und Marginalisieren anderer als der eigenen Interessen, nennt man auch „unter den Bus schubsen“.

Aber es ist doch schön, wenn Leute ein bisschen Feminismus machen!?

[Das Macklemore Bild aus dem Vortrag erspare ich euch.]

„Same Love“ ist ein Rückschritt, eine Anerkennung nur von Gleichem. Für Sameness. Es wirbt für Toleranz, weil die Leute ja nicht anders können. Toleranz funktioniert aber nur in einem asymmetrischen Machtverhältnis. Der WHM in der Chefetage braucht meine Toleranz nicht, er lacht darüber.

„I Can’t Change Even if I wanted to“ ist kein Argument. Was, wenn Leute sich anpassen könnten? Hätten sie dann weniger Anspruch auf allgemeine Menschenrechte? Die Frage ist doch: Warum kann so etwas abgesprochen werden? Und von wem. Und zu welchem Zweck passiert das.

this-is-what-a-feminist-looks-like

Emma Watson wird für liberale Allgemeinplätze gefeiert. Dafür, dass endlich mal wer zum dreitausendsten Mal klarstellt, dass es bei Feminismus nicht um Männerhass geht. Dafür, dass sie Männer nett um Unterstützung bittet und Feminismus nun endlich auch Männer erreicht, deren Unterstützung der einfachen Wahrheit, dass Frauen auch Menschen sind, bislang daran scheiterte, dass sie nicht nett gefragt wurden.

Karl Lagerfeld, der dicken Frauen die Existenzberechtigung abspricht, wird gefeiert, weil er für Chanel (und viel Geld) eine Feminismus-Show inszenierte.

Celebrities tragen „This is what a feminist looks like“-T-Shirts, die von Elle UK, Whistle’s und der Fawcett Society, Großbritanniens größter Frauenrechtsorganisation, für 45 Pfund / $72 verkauft werden. Zur großen Erleichterung aller Beteiligten haben sich Vorwürfe, die Shirts würden von Näher*innen auf Bangladesh, Sri Lanka, Indien und Vietnam in Mauritius unter Sweatshop-Bedingungen angefertigt, nicht bestätigt: Die NGO Labour Behind The Label stellte dazu klar, dass die Löhne beim Hersteller CMT mit unglamourösen 62 Pence ($0.99) die Stunde über dem Mindestlohn in Mauritius lägen, aber der Mindestlohn in Mauritius bei weniger als der Hälfte dessen, was man dort als existenzsichernden Lohn bezeichnen könnte.

Es ist schön, wenn Leute ein bisschen Feminismus machen. Was hier passiert ist aber, dass Menschen ihr bisschen Feminismus so machen, dass es anderen schadet. Mainstream- und Popfeminismus sind nicht einfach nur „zu wenig“, sie fügen sich ein in ein System der Unterdrückung.

Und das ist der Unterschied, den Queer Theory und intersektionaler Queer*Feminismus versuchen zu machen: Wir wollen, dass alles anders wird.

Von Kommentare deaktiviert für Query the Norm: Eine Einführung in queere Theorie & Praxis Veröffentlicht unter Allgemein

SWERF Theorie 101 / Sexarbeit, Porn und Kink im Feminismus

Ich wollte eigentlich einen Blogpost schreiben über fehlende Solidarität im Feminismus für bestimmte „Themen“. Die Themen, um die es dabei gehen sollte: Sexarbeit, Porn und Kink. Das mache ich jetzt aber nicht, sondern erkläre erstmal was zu den Grundlagen von Sexarbeiter*innenfeindlichkeit und Kink-Shaming im Feminismus. Wie immer notwendigerweise unvollständig.

Ich habe diese Themen zu einem zusammengefasst. Wie und warum die zusammen gehören, will ich versuchen, in diesem Text zu erklären. (Die hängen beide auch noch eng mit Transfeindlichkeit im Feminismus zusammen, aber dazu hatte ich hier schon mal geschrieben.)

Netterweise hat Past Me ein Vortragsskript rumliegen lassen, das ich mit ein paar Änderungen und Kürzungen recyclen kann. Falls jemandem Teile dieses Textes bekannt vorkommen, habt ihr das also vielleicht schon mal live gehört.

So.

Sexarbeiter*innenfeindlichkeit und Kink-Shaming im Feminismus. Wo kommen solche Haltungen her? Wie werden die begründet? Was haben die miteinander zu tun? Und warum können wir die nicht einfach als unterschiedliche Meinungen oder Pluralismus hinnehmen?

Radikalfeminismus

Die problematischen Ansichten, um die es hier heute geht, stammen aus dem Radikalfeminismus der 2. Welle der Frauenbewegung, die in den 1960er Jahren begann.

Was sind die Unterschiede zwischen Radikalfeminismus und Feminismus der nachfolgenden 3. und 4. Welle?

Die Basis für Radikalfeminismus bilden zwei widerlegte Annahmen:

1. dass das Patriarchat die primäre Unterdrückung darstellt
2. dass alle Frauen gemeinsame Unterdrückungserfahrungen und Kämpfe haben

Kritik daran kam zuerst von Schwarzen Feminist*innen. Die haben erklärt, dass sie mit weißen Frauen der Kampf gegen Sexismus verband und mit schwarzen Männern der Kampf gegen Rassismus, und dass sie damit zwei Gruppen angehörten, die in überschneidenen Kämpfen gegeneinander standen. Schwarze Frauen erleben Sexismus anders als weiße. An der Überschneidung von anti-schwarzem Rassismus und Sexismus entsteht eine besondere Form von rassistischem Sexismus, den weiße Frauen nicht erleben mit u.a. Bezügen auf eine Geschichte in Sklaverei und Dehumanisierung.

Aus der Erkenntnis, dass die Kämpfe nicht trennbar sind, entwickelte Kimberlé Crenshaw das Konzept der Intersektionalität, das davon ausgeht, dass sich die verschiedenen Unterdrückungsachsen überschneiden und interagieren, was zur Folge hat, dass sich die einzelnen Positionen in den Unterdrückungsverhältnissen nicht für sich allein stehend analysieren lassen.

Der Fehler der Radikalfeministinnen war, dass dort überwiegend weiße Frauen ihre Erfahrungen zentriert und von ihren Erfahrungen aus verallgemeinert haben. Für die weißen Radikalfeministinnen ging weiterhin jedes Übel vom Patriarchat aus. Deswegen haben sich zuerst schwarze Feministinnen, dann andere, deren Interessen aufgrund dieser falschen Analyse an den Rand gedrängt wurden, vom Radikalfeminismus weg- und weiterentwickelt.

Mit der dritten Welle der Frauenbewegung kamen Queer Theory und Judith Butlers Konzept von Gender in den Feminismus. Und seit der vierten Welle versteht sich Feminismus als inklusiv und intersektional. „Wir“ sind aber nicht alle in der 4. Welle angekommen.

Umgekehrt gibt es aber auch Kritik: Viele Radikalfeministinnen kritisieren Feminismus der späteren Wellen z.B. als „Choice Feminismus“.

„Choice Feminismus“ nennt man die Idee, dass alles, wofür sich eine Frau entscheidet, bereits ein feministischer Akt wäre. Das ist natürlich unsinnig und Choice Feminismus insofern ein Problem. Wenn Radikalfeministinnen diesen Vorwurf aber pauschal an modernen Feminismus machen, ist das eine grobe Verkürzung einer unerwünschten Position. Ja, im modernen Feminismus geht es um Optionen um Wahlfreiheit. Nein, das heißt nicht, dass jede Wahl, die man trifft, automatisch in Ordnung wäre.

Was sind SWERFs?

Sex Worker Exclusionary Radical Feminism (SWERF), auf deutsch „Sexarbeiter*innen ausschließender Radikalfeminismus“, ist eine Unterform des Radikalfeminismus, die gegen die Beteiligung von Frauen an Pornografie und Prostitution opponiert. (Quelle: RationalWiki und nochmal RationalWiki)

Der Begriff wurde analog zum Transausschließenden Radikalfeminismus gebildet, da sich diese beiden inhaltlich und personell stark überschneiden.

Beide verfolgen normative Ansätze, d.h. einen Feminsmus, der Frauen vorschreiben will, wie sie sich zu verhalten haben.

SWERFs stören sich an der Objektivierung und Ausbeutung von Frauen durch Pornografie und die „Sex-Industrie“ (als ob das eine homogene Angelegenheit wäre), und an Gewalt und Missbrauch, die Sexarbeiterinnen oder Prostituierte erleben. Da unterscheiden sie sich entgegen ihrer eigenen Behauptungen kaum von vielen anderen Feministinnen. Was sie unterscheidet ist ihr Umgang mit Frauen, die freiwillig in Sexarbeit sind. In diesen sehen sie in aller Regel „Handlangerinnen des Patriarchats“ und behandeln sie entsprechend: Etwa mit Mobbing und derselben Unterdrückung, gegen die sie vorgeben zu kämpfen.

Wie die TERFs sind auch die SWERFs im Feminismus der 2. Welle stecken geblieben. Aber nicht alle Radikalfeministinnen schließen Sexworkerinnen aus. Nicht alle, die das tun, sind Radikalfeministinnen. Die Bezeichnung „SWERF“ ist also schon unscharf, weil sich das Problem nicht auf Radikalfeministinnen eingrenzen lässt, obwohl es seinen theoretischen Hintergrund aus dem Radikalfeminismus bezieht.

Was Sexworker*innen ausschließenden Feminist*innen, oft nicht gelingt, ob absichtlich oder unabsichtlich sei an der Stelle mal dahingestellt, ist die saubere Unterscheidung zwischen erzwungener und freiwilliger Prostitution.

Die European Women’s Lobby, größter Dachverband für Frauenrechtsorganisationen in der EU, setzt sich z.B. im Kampf gegen Menschenhandel für die Abschaffung selbstbestimmter Sexarbeit ein.

Zitat:

„If there were no men to buy sex, there would be no prostitution and therefore no trafficking for sexual exploitation“

„Wenn es keine Männer gäbe, die Sex kaufen, gäbe es keine Prostitution und demnach keinen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“

Das Problem ist also kein kleines. Dass Sexarbeit unterbunden werden sollte, ob nun durch direkte Kriminalisierung oder durch Kriminalisierung der Kunden, vertreten sehr viele Feminist*innen.

Erfahrungen aus Ländern, in denen Prostitution verboten ist, haben aber gezeigt, dass ein Verbot nicht dazu führt, dass es keine Nachfrage mehr gibt, sondern dass Prostitution in die Illegalität abgedrängt und für die Ausübenden gefährlicher wird.

Schauen wir uns mal die Argumente an, die die Prostitutionsgegner*innen haben…

Menschenhandel

Was an der Argumentation der Prostitutionsgegner*innen schon misstrauisch machen sollte, ist, wie die Opfer von Menschenhandel instrumentalisiert und ausgespielt werden gegen Frauen* in freiwilliger Sexarbeit.

Ich will Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung nicht verharmlosen, aber: Bei den Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland werden Opferschutzorganisationen zufolge nur wenige tatsächlich in die Prostitution gezwungen. Wenn man z.B. die EMMA liest, entsteht ein anderer Eindruck.

Viele werden explizit für Prostitution angeworben und werden in der Form Opfer von Menschenhandel, dass sie Arbeitsbedingungen zustimmen, die sich nicht realisieren lassen. Das heißt, sie wollen den Job machen, ihre Lage wird aber ausgenutzt, so dass sie sich zum Beispiel Kunden und Sexpraktiken nicht aussuchen können oder ihnen nur ein Bruchteil des von ihnen verdienten Geldes bleibt. Klassisch ist, Schulden für die illegale Einreise abarbeiten zu müssen. Die meisten Betroffenen werden aber nicht verschleppt oder mit der Aussicht auf irgendwelche anderen Jobs gelockt. Die wollen Sexarbeit machen, können das nur nicht selbstbestimmt tun.

Der Straftatbestand Menschenhandel ist explizit so definiert, dass eine für den Aufenthalt in einem fremden Land spezifische Zwangslage ausgenutzt werden muss. Diese Zwangslage wird also von der restriktiven Zuwanderungs- und Arbeitsmarkpolitik mitverursacht. Dadurch werden Menschen anfällig für Ausbeutung. Und sie haben keine Möglichkeit, sich an Behörden zu wenden, wenn sie auf die Möglichkeit, hier illegal zu arbeiten, angewiesen sind.

Außerdem lässt die staatliche Unterstützung für die Opfer von Menschenhandel extrem zu wünschen übrig: So sind z.B. Leistungen an die Aussagebereitschaft der Betroffenen gebunden. Betroffenen aus Nicht-EU-Staaten, die nicht mit den deutschen Strafverfolgungsbehören kooperieren, droht die Abschiebung. Das sind keine guten Maßnahmen gegen Menschenhandel.

Eine weitere Maßnahme, die vermeintlich dem Schutz von Prostituierten vor Fremdbestimmung dienen soll, ist das geplante „Prostituiertenschutzgesetz“. Die darin vorgesehenen Zwangsregistrierungen und -Beratungen werden laut Fachberatungsstellen für Sexarbeiter*innen das soziale Stigma noch verstärken, dem Sexarbeiter*innen ausgesetzt sind und sie weiter in ihrer Handlungsfreiheit einschränken. Das Gesetz sieht vor, dass sich Sexarbeiter*innen zwangsweise registrieren müssen, um arbeiten zu dürfen, und sich den Behörden vorstellen und sich begutachten lassen müssen, um Fremdbestimmung auszuschließen. Fremdbestimmung gegen Fremdbestimmung und ein Sahnehäubchen aus Stigma.

Prostitution ist nicht Menschenhandel

Viele legale und illegalisierte Migrant*innen und viele deutsche Frauen* ohne Migrationshintergrund, gehen in Deutschland selbstbestimmter Sexarbeit nach. Frauen* in der Prostitution pauschal zu Opfern zu erklären, missachtet deren Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Prostitution und Sexarbeit sind kein homogenes Feld. Es gibt eine riesige Bandbreite unterschiedlicher Erfahrungen von Straßen- und Bordellprostitution über Escorts, Camgirls, Fetisch-Models bis hin zu Porn-Performerinnen, …

Die von Prostitutionsgegner*innen immer wieder bemühte Darstellung von privilegierten „Happy Hookers“ auf der einen und armen Opfern auf der anderen Seite ist schlicht falsch. Zweckmäßigerweise führt diese Darstellung aber dazu, dass Sexarbeiterinnen nie für sich sprechen können: Wer der Darstellung vom armen Opfer widerspricht, ist keins, und nur um die armen Opfer geht es den Prostitutionsgegner*innen. Wer spricht ist privilegiert, ist nicht repräsentativ.

Genauso absurd ist die häufig genutzte Unterstellung, Sexabeiter*innen hätten ein „falsches Bewusstsein“ über ihren Job: Aktivist*innen, die Sexarbeit machen, erklären jeden Tag, warum das u.a. durch ungebetene Rettungsversuche verstärkte soziale Stigma, das ihrem Beruf anhaftet, ihre Arbeit so gefährlich macht.

Ihre eigenen Kämpfe werden also torpediert durch Rettungsversuche, die niemand braucht, und die Rettungsversuche damit begründet, dass sie nicht für sich selbst kämpfen könnten.

Das Schwedische Modell

Das schwedische Modell wird von vielen Prostitutionsgegner*innen als Lösung aller Probleme angepriesen. Ist es aber nicht, wie die Erfahrungen aus Schweden zeigen. Und das war auch gar nicht der Plan.

Kunden von Sexarbeit zu kriminalisieren, gefährdet die Sicherheit von Sexarbeiter*innen.

Ziel des viel gelobten Schwedischen Modells war, Sexarbeit zu beenden und die Sicherheit von Frauen, die damit aufhören wollen, zu erhöhen. Die schwedische Regierung hat explizit in Kauf genommen, dass Frauen, die in Sexarbeit bleiben, mit dem Modell erhöhten Risiken ausgesetzt werden, und das damit begründet, das die negativen Auswirkungen überwogen würden durch die Botschaft die dieses Gesetz senden sollte: Dass Prostitution nicht geduldet wird.

Sexarbeiter*innen in Straßenprostitution sind nun gezwungen, sich schneller zu entscheiden, mit wem sie mitgehen, haben weniger Zeit, sich Kunden anzuschauen, über die Bedingungen zu verhandeln, zum Beispiel Kondombenutzung. Und wo Kriminalisierung dazu führt, dass tatsächlich Kunden wegbleiben, haben die Frauen auch weniger Möglichkeiten, Kunden abzulehnen, weil ihnen sonst Einnahmen fehlen. Weniger Kunden erhöhen den Wettbewerbsdruck. Die Preise sinken und der Druck, mehr Leistungen anzubieten, steigt.

Das Schwedische Modell macht es außerdem weniger wahrscheinlich, dass Frauen Gewalt zur Anzeige bringen, weil sie damit die Behörden auf sich aufmerksam machen würden.

Soziologin Helga Amesberger hat vor einer Weile in einem Interview mit dieStandard.at erklärt, dass einige Sexarbeiterinnen in einer von ihr durchgeführten Befragung angegeben hatten, zunächst unfreiwillig in Sexabreit gewesen zu sein, sich aus diesen Zwangsverhältnissen aber, teils mit Hilfe von Kunden, befreien konnten. Bei einem Sexkaufverbot würde sich kein Freier mehr trauen, zur Polizei zu gehen. Außerdem seien die Kunden die Einkommensquelle und deren Bestrafung würde letztlich nur den Sexarbeiterinnen schaden. (Soziologin Helga Amesberger: „Debatte über Sexarbeit ist eine moralische“)

Was an der Idee des „Sexkaufverbots“ oder der „Freierkriminalisierung“ im Einzelnen alles falsch ist, und mit was für Mythen und vedrehten Fakten da argumentiert wird, hat Sonja beim FemSexBlog schon erklärt: Eine feministische Kritik am “Sexkaufverbot”. Lest das mal und dann fragt euch, warum man so argumentieren würde, wenn man richtige Argumente hätte.

Gewaltbegriff

Viele Prostitutionsgegner*innen betrachten Prostitution per se als Gewalt oder nennen sie Vergewaltigung. Oft beziehen sie sich dabei auf Melissa Farley.

Melissa Farley ist Autorin mehrerer umstrittener Studien, die u.a. hohe Raten posttraumatischer Belastungsstörungen bei Sexarbeiterinnen nachgewiesen haben wollen. Andere Forscher*innen sind mit Farleys Methoden nicht annähernd auf ähnliche Ergebnisse gekommen.

Farley schreibt zu Prostitution zum Beispiel so etwas:

„Prostitution has its very own plantation system. While the women in street prostitution work the fields, call girls, escorts and massage parlor workers are the house ni****s of this system.“ [Link]

Diesen geistigen Hintergrund sollte man sich bewusst machen, wenn Radikalfeministinnen von Gewalt sprechen. Die verstehen unter Gewalt etwas anderes als die allgemein übliche Definition. Wer sagt, Sexarbeit sei per se Gewalt, wie das viele Radikalfeministinnen in Anlehnung an z.B. Andrea Dworkin tun, verharmlost die Gewalt, die Sexarbeiter*innen tatsächlich erleben.

Was für Unterstützung wäre wirklich notwendig?

Aufhebung der restriktiven Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen gegen Menschenhandel zum Beispiel.

Und für die aus wirtschaftlicher Not in Sexarbeit tätigen: Ein Arbeitsmarkt, der Alternativen bietet für Menschen mit wenig Ausbildung und Sprachbarrieren, und ein Einkommen, von dem sie leben können. Für viele gibt es diese Alternativen nicht.

Außerdem: Keine zusätzliche Ausbeutung durch den Staat. In Deutschland gibt es bereits verbotene Prostitution. Mit Sperrgebieten wird die Prostitution, auch die Kontaktaufnahme, an bestimmten Orten ganz oder zu bestimmten Tageszeiten untersagt. Sexarbeiter*innen, die dagegen verstoßen, werden mit hohen Bußgeldern belegt. „Es ist naiv“, schrieb Sonja letztes Jahr in der taz, „den Staat als Retter der armen Huren darzustellen und gleichzeitig die ‚ökonomische Alternativlosigkeit‘, die er mitverursacht, zu ignorieren.“

Die Vermischung Sexarbeit / Menschenhandel, um ein Prostitutions- oder „Sexkaufverbot“ zu begründen, instrumentalisiert die Opfer von Menschenhandel. Die Vermischung Sexarbeit / Gewalt gefährdet Frauen in der Prostitution.

Prostitutions-Gegner*innen bringen immer wieder gerne das Argument, dass Menschen, die Prostitution nicht ablehnen, bestimmt ihre Meinung ändern würden, wenn ihre Tochter das machen würde. Welche Frage man wirklich stellen sollte, hat @fornicatrix, Sexworkerin und Aktivistin bei SexWorker Open Uni UK, in ihrem T.E.D. Talk erklärt:

„Frag nicht, ob du wollen würdest, dass deine Tochter das macht. Stell dir stattdessen vor, sie würde es machen – ist sie heute abend sicher bei ihrer Arbeit.“ [Link]

Kink-Shaming

Damit kommen wir zum nächsten Problem: Kink-Shaming. Kink heißt Knick oder Macke und meint ungewöhnliche sexuelle Vorlieben. Normabweichungen also.

Nachdem ich euch schon nicht erklärt habe, was bei Sexarbeit genau passiert, erkläre ich euch auch BDSM nicht. Nur ganz kurz, damit ihr nicht beim Googeln verloren geht…

BDSM steht für:

* Bondage & Discipline (Fesseln & Disziplin/ierung)
unbeweglich machen und Gehorsam

* Dominance & Submission (Dominanz & Submissivität)
Herrschaft und Unterwerfung

* Sadism & Masochism (Sadismus & Masochismus)
(im weitesten Sinne) Schmerzen zufügen / sich zufügen lassen und noch ein paar andere Dinge

Es gibt in BDSM verschiedene Rollen. Leute, die Kontrolle ausüben, nennt man Top oder Dom(me) für Dominant. Leute, die sich kontrollieren lassen, Bottom oder Sub für Submissive. Leute, die zwischen den Rollen wechseln, nennt man Switch.

BDSM praktizieren nennt man oft Play oder Spiel.

Es gibt verschiedene Konzepte für Sicherheit in BDSM. Die verbreitetsten sind safe-sane-consensual (SSC), sicher-zurechnungsfähig-einvernehmlich und risk aware consensual kink (RACK), risikobewusster einvernehmlicher Kink.

Safe heißt, dass man die Szene jederzeit und ohne Diskussion abbrechen kann.

Man kann z.B. ein vorher abgesprochenes Safeword benutzen, um die Szene zu beenden. Es gibt ein Prinzip mit einer Ampel: Grün heißt alles ist gut, gelb heißt langsamer / weniger intensiv und rot heißt aufhören. Für Situationen, in denen man nicht sprechen kann, gibt es andere Methoden, sich zu verständigen. Handzeichen zum Beispiel. Oder man nimmt einen Gegenstand in die Hand, den man fallen lässt als Stopp-Zeichen, ein Schlüsselbund oder irgendwas, das man runterfallen hört.

Safe heißt auch, zu wissen, was man tut. Man braucht Wissen, damit man sich nicht aus Versehen verletzt. Impact Play, also sich schlagen mit z.B. Floggern oder Paddeln, hinterlässt Spuren. Aber man will nicht so schlagen, dass man jemand schwerwiegend verletzt. Dafür muss man wissen, wohin man schlagen kann und welcher Intensität. Beim Fesseln z.B. will man nicht die Blutzufuhr abschnüren. Um sicher zu spielen, empfiehlt sich, Einführungen zu lesen, mit erfahrenden BDSMlern zu reden (dafür gibt es z.B. Stammtische) oder zu Play Parties zu gehen.

Safe heißt auch, dass man wissen muss, ob jemand Erkrankungen oder Einschränkungen hat, z.B. eine Neigung zu Panikattacken, oder irgendwelche körperlichen Probleme bekommt in einer bestimmten Haltung.

Sane heißt, dass man darauf achtet, dass es den Spielenden körperlich und mental gut geht, man spielt nicht völlig betrunken oder unter Drogen.

Consensual heißt, dass man nichts ohne Zustimmung tut. Die Zustimmungskultur, die wir im Feminismus hochhalten, stammt ursprünglich aus der BDSM-Community.

In BDSM spricht man sehr genau ab, was man machen will und was nicht. Wenn man zum Beispiel bestimmte Wörter absolut nicht hören will, Praktiken ablehnt, wo man Grenzen hat. Ganz wichtig ist der Respekt für die Grenzen des Gegenübers, und darüber muss man reden reden reden.

Warum erzähl ich das?

Andrea Dworkin, die wahrscheinlich radikalste aller Radikalfeministinnen, nannte BDSM Frauenhass. Und viele Radikalfeministinnen stellen BDSM fälschlich als Gewalt dar. Reden dabei von häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung. Erklären submissiven Frauen, sie wären kollektiv von Stockholm Syndrom betroffen. Sprechen ihnen die Entscheidungsfähigkeit ab. Verspotten sie. Und das natürlich nur zu ihrem Besten.

Ich habe in radikalfeministischen Blogs Beschreibung gefunden, die man nur als absolute Falschdarstellungen bezeichnen kann, von Frauen die vor Entsetzen schreien und Männern die Spaß daran haben. Das ist nicht, wie Sadomasochismus funktioniert. Masochist*innen mögen erotisierten Schmerz, die sind nicht wirklich entsetzt, jedenfalls nich in der Form, wie dort vermittelt wird.

Was echte von gespielten Machverhältnissen unterscheidet, brauche ich wahrscheinlich nicht zu erklären. Ich kann nicht zu meinem Chef sagen „Heute arbeite ich mal nicht“. Oder zu meinem Vermieter „Diesen Monat bekomme ich mal Geld raus, anstatt zu zahlen“. Das Finanzamt sagt nicht „Kein Problem“, wenn man Stop sagt. Wer in einem echten Knast landet, kann nicht sagen: „Das gefällt mir nicht“ und dann macht einer die Tür auf und nimmt ihn in den Arm.

So ähnlich verhält sich das mit Schmerz, bei dem BDSMler Lust empfinden und dem Schmerz, wenn man mit dem kleinen Zeh gegen ein Möbelstück rempelt. Das sind unterschiedliche Dinge.

Und sich einer Person, der man vertraut, sexuell auszuliefern, mit den ganzen Sicherheiten, die BDSM vorsieht, ist nicht dasselbe wie Gewalt. Das zu behaupten verharmlost Gewalt ganz massiv.

In BDSM werden konsensuell Sexfantasien ausgelebt.

Wer Frauen kritisiert, die Unterwerfungsfantasien ausleben, kritisiert mal wieder an der falschen Stelle. Die Kritik gebührt, wenn überhaupt, einer Gesellschaft, die Frauen verbietet, einfach so Spaß am Sex zu haben. Und wenn man Ausprägungen davon kritisieren will, könnte man zum Beispiel die ganzen „Du willst es doch auch“-Liebesroman-Heftchen oder Fifty Shades of Grey kritisieren, anstatt Frauen, die sehr bewusst mit ihren Fanatasien umgehen. Man könnte die naturalisierte und in Habitus übergegangene Submissivität von Frauen im Alltag thematisieren und nicht die bewusste Entscheidung dafür beim Sex mit Partner*innen, mit denen die meisten vorher sehr genau die Rahmenbedingungen aushandeln.

Wieso schließt sich BDSM und Feminismus nicht aus? Ich finde, BDSM geht fast nicht ohne emanzipatorischen Background. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie. Wer mit Machtunterschieden spielt, braucht Wissen über reale Machtverhältnisse. Und BDSM ist Ausdruck sexueller Selbstbestimmung und für die steht auch Feminismus. Unabhängig davon, ob einem gefällt, was andere Menschen mit ihrer sexuellen Selbstbestimmung anstellen oder nicht.

Wer BDSM als patriarchale Gewalt bezeichnet, muss ganz viele Arten, auf die BDSM praktiziert wird, unsichtbar machen, damit sich das nicht sofort in Absurdität auflöst. Was nicht ins Bild passt, wird verschwiegen oder zu einem Randphänomen erklärt. Etwa submissive Männer. Oder Fesseln als Kunstform. Oder nicht-sexuelle Praktiken in BDSM.

Radikalfeministinnen eignen sich BDSM für ihre Zwecke an, und machen damit selbst, was sie anderen vorwerfen: Nämlich betroffene Frauen degradieren.

Zustimmungskultur ist im cishet/vanilla/Mainstream-Sex nicht so verbreitet, dass sich die meisten vorstellen könnten, mit wieviel Aufwand Menschen, die BDSM praktizieren, planen, was sie miteinander machen wollen, wie sie sich absprechen und Sicherheit geben. In BDSM sind viele Feminist*innen involviert. BDSM wird in lesbischen Konstellationen praktiziert, wo überhaupt keine Frau sich einem Mann unterwirft. In BDSM Porn wird penibel Wert darauf gelegt, deutlich zu machen, dass das Spielszenen sind und keine Gewalt. Damit Leute das nachmachen, damit Außenstende nicht involviert werden und denken könnten, da passiert Gewalt.

All das muss verschwiegen werden für die Darstellung, dass BDSM unterdrückend wäre und die beteiligten Frauen entscheidungsunfähig.

Warum diese zwei Themen eigentlich eins sind

Was verbindet diese beiden hier behandelten Themen? Dass es bei beiden um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung geht. Ein Recht, das Feminist*innen sehr gut verstehen, wenn es zum Beispiel um reproduktive Rechte, insbesondere Abtreibung, geht. Das sie darüber hinaus aber anderen oft nicht zugestehen.

Feminismus ist mittlerweile in der 4. Welle angekommen, die sich als intersektional und inklusiv versteht. Dennoch setzt sich Feminismus vielfach nicht für die Rechte von Menschen ein, die nicht die feministische Agenda mitbestimmen.

Es spielt überhaupt keine Rolle, ob „wir“ (Feminist*innen) Sexarbeit gut finden oder nicht, oder ob wir wollen würden, dass unsere Kinder das machen. Menschenrechte sind bedingungsfeindlich. Sexarbeiter*innen haben ein Recht auf Sicherheit und darauf, von Repression verschont zu bleiben. Sexarbeiter*innen haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Das sind feministische Anliegen. Ganz einfach.

Wenn Sexarbeiter*innen im Feminismus hinten rüber fallen, müssen wir die Frage nach intersektional oder Bullshit mit Bullshit beantworten.

Was hat Feminismus für Argumente gegen Prostitution, wenn wir u.a. Opfer von Menschenhandel instrumentalisieren müssen, mit dubiosen Studien und Gewaltbegriffen arbeiten und mit feministischer Analyse, die spätestens seit den 1970er/80er Jahren überholt sein müsste?

Viele Radikalfeministinnen halten jede Art von Sexarbeit und Pornografie für Ausprägungen der Verschwörung des Patriarchats gegen „die Frauen“. Sogar queere und feministische Interventionen in Pornografie werden als „Patriarchat“ abgetan. Sie machen sich lustig, beschimpfen und degradieren Frauen, denen sie angeblich helfen wollen. Degradieren gegen vermeintliche Degradierung.

Warum beschämen so viele Feminist*innen Menschen mit als abweichend konstruierter Sexualität?

Behandeln z.B. sadistische Neigungen als krankhaft, obwohl die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) schon mit dem DSM IV im Jahr 1994 Diagnosekriterien eingeführt hat, nach denen BDSM nicht mehr grundsätzlich als Störung der Sexualpräferenz eingeordnet wird, und nach denen einvernehmlich ausgelebte sadistische Praktiken in BDSM die Diagnosekriterien für Sadismus im heutigen medizinischen Sinn in der Regel überhaupt nicht erfüllen? Und warum, wenn wir Menschen, die Schmerz genießen, für krank halten, würden wir über die lachen?

Das alles sind normative und moralistische Herangehensweisen an Feminismus und die sind – sorry for my French – scheiße.

Über Diskriminierung und Solidarität hatte ich hier schon mal in epischer Breite ausgeführt. Solidarität ist nichts wert, wenn sie sich nur auf Entscheidungen erstreckt, die man selbst auch treffen würde.

Wir müssen die unterschiedlichen Realitäten anerkennen, in denen unterschiedliche Menschen leben; wir selber treffen Entscheidungen heute anders als gestern anders als morgen. Darum kann sich Solidarität nur auf Unbestimmbares beziehen.
Und vor allem kann feministische Solidarität nicht andere am eigenen moralischen Anspruch messen. Man trifft keine Wahl, man lässt eine.

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Den Post über fehlende Solidarität, den ich eigentlich schreiben wollte, schreibe ich ein anderes Mal. Wer bis hierhin gelesen hat, denen fehlt nun zumindest schon mal die Ausrede, sich mit dem Thema noch überhaupt nicht beschäftigt zu haben.

18 Gründe für die Entkriminalisierung von Sexarbeit

Übersetzung des Textes 18 Reasons for Decriminalisation of Sex Work. Many thanks to @KateOnTheGo for the permission to translate and repost this.

1. Die Beratungsgruppe von Amnesty International hat festgestellt, dass Sexarbeiter*innen bei kriminalisierter Sexarbeit einem hohen Maß an Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind.

2. Sexarbeiter*innen durch eine Vielzahl von Gesetzen einen „Kriminellen-Status“ aufzuerlegen, verschlimmert die Vorurteile gegen sie.

3. Sexarbeiter*innen sind Scham und Ausgrenzung durch Polizei, Freund*innen, Familie, Arbeitgeber*innen und Anbieter*innen öffentlicher Dienstleistungen ausgesetzt aufgrund dieses „Kriminellen-Status“.

4. Sexarbeiter*innen durch Gesetze abzugrenzen, grenzt sie aus Communities aus.

5. Diese Abgrenzung versetzt sie in Konflikt mit der Polizei und erhöht das Risiko von Gewalt gegen sie.

6. Künftige Arbeitgeber*innen werden Sexarbeiter*innen, die durch Gesetze gegen Sexarbeit als „Kriminelle“ markiert worden sind, nicht einstellen wollen.

7. Sexarbeiter*innen werden als Verbreiter*innen von HIV stigmatisiert, was sie davon abhält, Unterstützung durch Dienste und Informationsangebote zu sexueller und reproduktiver Gesundheit in Anspruch zu nehmen.

8. Das Verhalten von Pflegepersonal und anderen medizinischen Fachkräften verhindert, dass Sexarbeiter*innen zu Gesundheitsdiensten zurückkehren.

9. Selbst wenn Sexarbeit nicht direkt kriminalisiert ist und die Gesetzgebung in Form von Kriminalisierung des Kaufs von Sex erfolgt („Nordisches Modell“), gibt es die direkte Auswirkung, dass Arbeitsplätze für Sexarbeiter*innen deutlich gefährlicher gemacht werden.

10. Kriminalisierung bestimmter Aspekte von Sexarbeit, wie Gesetze in Bezug auf „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, ermöglicht Strafverfolgungsbehörden, nach Sexarbeiter*innen, insbesondere in straßenbasierter Sexarbeit, auf unfaire Weise zu fahnden.

11. Gesetze, die Werbung für sexuelle Dienstleistungen verhindern, treiben mehr Sexarbeiter*innen in straßenbasierte Sexarbeit, die allgemein als unsicherste Form von Sexarbeit gilt.

12. Gesetze zu erlassen, die verbieten, dass zwei Sexarbeiter*innen in den gleichen Räumen zusammenarbeiten, bringt einzelne Sexarbeiter*innen in Gefahr und zwingt sie, allein und ohne Unterstützung zu arbeiten.

13. Wenn der Kauf von Sex kriminalisiert ist, macht dies Kunden aufgeregt und nervös und sie suchen sexuelle Dienstleister*innen in Eile auf. Dies macht Sexarbeiter*innen die notwendige Sorgfalt und Sicherheitschecks, bevor sie eine Buchung akzeptieren, unmöglich.

14. Kriminalisierung von Sexarbeit kann der Polizei die notwendige Immunität bieten, Sexarbeiter*innen zu misshandeln. Studien in einigen Ländern haben gezeigt, dass die Polizei von Sexarbeiter*innen straflos Geld erpresst oder sie vergewaltigt.

15. Die Immunität der Polizei bei Gewalt gegen Sexarbeiter*innen macht diese misstrauisch gegenüber den Strafverfolgungsbehörden und macht es unwahrscheinlich, dass sie diese bei Gefahr in Anspruch nehmen.

16. Anzeigen bei der Polizei zu erstatten, bedeutet für Sexarbeiter*innen, dass die Polizei und andere „Rettungsorganisationen“ sie zwingen werden, keine sexuellen Dienste mehr anzubieten, womit ihnen das Recht genommen wird, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

17. Rettungsorganisationen drängen auf Kriminalisierung von Sexarbeit, schaffen es aber nicht, ausreichende Hilfen und Unterstützung anzubieten, damit Sexarbeiter*innen alternative Beschäftigungsmöglichkeiten finden.

18. Migrantisierte straßenbasierte Sexarbeiter*innen müssen aufgrund der intersektionalen Diskriminierung, der sie ausgesetzt sind, feststellen, dass die Polizei keine Hilfe für sie ist.

********Adaptiert vom Amnesty International Entwurf der Policy zu Sexarbeit.

http://www.swop.org.au/news/amnesty-international-draft-proposal-to-decriminalise-sex-work

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Danke an @Stadtgespenst für das Lektorat!

My Netzpolitik will be intersectional or it will be bullshit

(Überschrift geklaut bei @ihdl.)

Dieser Nerdcore-Text über Hate Speech hat mich dann doch noch ein wenig zum Nachdenken gebracht über die deutsche Netzpolitik, das große Ganze und warum mich das so überhaupt nicht erreicht.

Ich nannte den Text Peak Dudebro II. Er erinnerte mich stark an einen Text, den ich vor kurzem als Peak Dudebro bezeichnete: Eine konsequent am eigenen Tellerrand scheiterende Wall of Text eines Typen, der offenbar komplett überzeugt war, dass er gerade das Rad neu erfunden hat. Um neu erfundene Räder geht’s auch später nochmal, aber zuerst zu Nerdcore.

René Walter hat auf seinem Blog Nerdcore letzte Woche also diesen Artikel über Hate Speech veröffentlicht, der im Unterschied zu anderen Texten zum Thema prompt unter anderem von Netzpolitik.org wohlwollend besprochen wurde, obwohl er inhaltlich und formal ein Totalausfall war.

Ich hätte gerne was Positives zu dem Text geschrieben. Ich habe nichts gefunden. Ich habe dem Text gefühlte 499 zweite Chancen gegeben. Ich habe ihn angeorrrrt. Ich habe WTF zu ihm gesagt. Ich habe weiter gelesen. Ich habe ihn zu Ende gelesen, wie ich schlechte Bücher zu Ende lese und wie ich erst nach s05e06 aufgehört habe, Game of Thrones zu schauen: In der Hoffnung, da kommt noch irgendwo ein Twist und es wird ein bisschen weniger schlimm.

Ich will auf den Text inhaltlich gar nicht eingehen. Das hat Mina hier schon getan. Wenn ihr Minas Text lest und diesen Text bei der Mädchenmannschaft, bekommt ihr einen ganz guten Überblick, was das Problem ist, warum man aus Hate Speech auf der einen und Gegenwehr auf der anderen Seite nicht zwei Seiten imaginieren kann, die beide Fehler gemacht hätten. Auf der einen Seite sind gewaltvolle Sprechakte, die sich in ein größeres System aus Gewalt und Unterdrückung einfügen, auf der anderen gefallen Inhalt und Ton von Kritik nicht.

Hate Speech hat andere Auswirkungen als ein paar verletzte Gefühle. Siehe dazu den verlinkten Mädchenmannschaft-Text. (Ja, ich weiß, dass unanstrengender Komfort-Feminismus schöner wäre, aber den gibt’s halt nicht in sinnvoll. Du wirst drüber weg kommen.)

Es geht um was anderes als Emotionen. Auch wenn das Hate Speech heißt.

Ich erwarte von Netzpolitik-Expert*innen, dass sie sowas wissen. Sie wissen es aber offensichtlich nicht, sonst hätten sie den Nerdcore-Text nicht geteilt. Auf einem Blog, das sich Netzpolitik nennt. Einen Text, der Hate Speech aus ihrem Kontext von Macht- und Diskriminierungsverhältnissen zieht und sie entpolitisiert.

René Walter verschweigt in seinem Text einen großen Teil des Diskurses um u.a. Gamergate. Hätte er sich um ein vollständiges Bild bemüht, hätte sein Text, hätten die Schlüsse, die er zieht, keinen Sinn gemacht. Darum lässt er weg, verdreht, und definiert den Begriff Hate Speech um. Damit er am Ende ungefähr so viel bedeutet wie „Leute sagen Sachen, die nicht so schön sind“.

Und er kommt damit bei anerkannten Netzpolitik-Expert*innen durch. Voll. Toll. Und mit toll meine ich natürlich scheiße.

Walter benutzt diese ganzen „Call Out Culture“ und „Toxic Twitter Feminism“ Tropes um „Social Justice Warriors“ und „Public Shaming“. Er kennt die Hintergründe nicht oder er ignoriert sie. Er hat sein Wissen eher bei Gamergatern aufgeschnappt als bei der Recherche zu Gamergate. Und so kommt man dann darauf, dass diese Aktivist*innen/Feminist*innen ja auch ganz schön schlimm sind heutzutage und sich da zwei Seiten nicht viel nehmen.

This is Bullshit.

In Wirklichkeit sind es Schwarze Frauen und andere Women of Color gewesen, die toxisch genannt wurden, weil sie Kritik geübt haben am Feminismus privilegierter weißer Frauen, die ihre eigenen Interessen zentrieren. Hätte man wissen können, interessiert weiße Typen aber natürlich nicht so brennend. Call Out Culture und Public Shaming sind trans* Frauen, Sexworker*innen, Klassismusbetroffene, die irgendwann mal gesagt haben, dass sie sich nicht mehr unter den Bus schubsen lassen für die Interessen privilegierter weißer cis hetera Feministinnen, die ihren gläsere Decken / weißen / cis-heten Feminismus durchziehen auf Kosten marginalisierter Frauen (und anderer Gender).

Ja, für diskriminierende Scheiße wird man heute zur Rede gestellt. Nein, das ist nicht fast genauso schlimm wie die Gewalt der Marginalisierte ausgesetzt sind. Kontext, Leute. Transfrauen werden auf der Straße umgebracht, trans* Jugendliche bringen sich um, weil in einer Welt, in der Leute von gefühlslinken Peers beklatscht werden, wenn sie erklären, sie wären ja schon auch links und feministisch und so, aber was „CIS“ bedeutet, müssten sie ja wohl nicht wissen, Überleben manchmal ein bisschen schwierig ist, wenn man anders ist. Weil jeder Nullerjahre A-Blogger Abnehmer für sein unqualifiziertes tendenziöses Meinungsstück findet, anstatt dass wir ein Mal Marginalisierten zuhören und gucken, was da eigentlich so alles falsch läuft.

Netzpolitik-Dudes interessieren sich nicht für Überwachung und Repression von Sexarbeiter*innen. Die interessieren sich nicht für das Prostituiertenschutzgesetz. Hat ja auch überhaupt nichts mit Überwachung zu tun. Die interessieren sich nicht dafür, wie Sexarbeiter*innen im Netz angegangen werden, warum, von wem. Das ist bezeichnend.

Wieso verlinkt Netzpolitik.org keine relevanten Texte von Frauen? Laurie Penny’s Unspeakable Things hat ein sehr aufschlussreiches Kapitel über Sexismus im Netz. Zu unbekannt?

@ihdl, @tugendfurie, @lasersushi, @grrrlsteam, @halfjill_2010, @kleinerdrei schreiben alle über netzpolitik-relevante Themen. Ich könnte eine viel längere Liste schreiben, alle nicht wirklich verbreitet in Netzpolitik-Dudes Blogrolls.

Mit dem englischsprachigen Twitter will ich gar nicht anfangen. Da fehlen so viele Diskussionen im deutschsprachigen Raum.

Stattdessen hat man irgendwie gehört, dass Feminist*innen übertreiben und nerven und Leute kritisieren, die es ja echt nicht so gemeint haben und Tumblr soll ja so schlimm sein, und man muss Leute ja auch abholen, wo sie stehen und mitnehmen und jemandes Girlfriend ist auch Gamerin und die sieht da beim besten Willen keinen Sexismus. Und Gamergate? Dass da Frauen zeitweise ihr Zuhause verlassen müssen aufgrund von Drohungen ist ja auch irgendwie… Das sind ja verwirrte Einzelne, die sowas machen, der Rest steht wirklich für Ethics in Games Journalism.

An Netzpolitik.org macht mir so einiges Bauchschmerzen: Dass es ein Boys‘ Club ist. Permanenter Circle Jerk. Dass dort im generischen Maskulinum geschrieben wird. Dass dort weiße Leute mit Dreadlocks schreiben. Hallo 2015. Und noch einiges andere, um das es hier heute nicht geht.

Ich finde nicht schlimm, das Netzpolitik.org mal aus Versehen Bullshit teilt. Ich finde schlimm, dass sie das trotz der Hinweise, dass es Bullshit ist, stehen lassen. Ich finde schlimm, dass sie Kompetenz vortäuschen.

Sie vertrauen einem Typen aus ihrer Bubble, der offensichtlich null Expertise hat, über das Thema zu schreiben. Sie haben offenbar das gesamte Gamergate verpasst. Als anerkannte Expert*innen für Netzpolitik. Muss man auch erst mal schaffen, so eine Diskursferne.

Ich finde schlimm, dass komplette Diskurse an ihnen vorbeigehen, die Teil von Netzpolitik sind. Ich finde schlimm, dass sie von Expert*INNEN nichts teilen und sobald jemand aus ihrem Boys‘ Club was schreibt, das ungeprüft durchgeht, und die sich gegenseitig Credibility verleihen und das rumgeht wie warme Brötchen.

Sowas macht Netzpolitik.org für mich ziemlich wertlos. Ich brauche sowas wie Netzpolitik, damit ich mir nicht alles selber anlesen muss. Damit jemand für mich sortiert und filtert. Aber so jemandem müsste ich vertrauen können.

Nochmal zurück zu dieser „zwei Seiten und beide haben Fehler gemacht“-Fantasie. Das ist ein riesiger Diskurs, der hier verpasst wurde.

Da haben wir also jetzt weiße, privilegierte Netzpolitik-Typen, einige von denen bezeichnen sich selbst als links, und die kriegen Dinge nicht mit. Die verpassen Hintergründe. Aber für deren Leser macht das nichts. Dann schreibt es halt jemand von außen und Netzpolitik.org hat dann nicht mal Zeit/Lust/Ressourcen zu checken, ob das so stimmt. Und deren Leser? Merken es nicht. 16 Sorten awesome. Und mit awesome meine ich natürlich wieder scheiße.

Diese Netzpolitik-Lautsprecher sind Liberale (bestenfalls), die nicht gut finden, dass wir jetzt alle komplett überwacht werden, denen das aber wahrscheinlich ziemlich egal wäre, wenn sie nicht selbst betroffen wären. Siehe die Sexworker*innen. Deren spezielles Überwachungsproblem interessiert Netzpolitik-Dudes nicht. Denen sind viele Dinge, von denen sie nicht selbst betroffen sind, oder für die sie nicht gefeiert werden, offensichtlich egal.

Unter inklusiver und intersektionaler Netzpolitik verstehe ich was anderes.

Es gibt im englischsprachigen Raum so viele Blogger*innen und Autor*innen / of Color, die sich mit Netzpolitik beschäftigen. Davon kommt in Deutschland nichts an. Das interessiert weiße Typen nicht. Sowas hält man hier für bizarres Spezialinteressengedöns. Oder man plagiiert ein bisschen, ordentlich verwässert natürlich, und tut so, als wären anderer Leute Gedanken einem selber eingefallen, gibt keine Credits, eignet sich Zitate schwarzer Bürgerrechtler für weiße Nerd Problemchen an usw.

Hier muss man nicht wissen, was cisgender bedeutet, oder warum weiße Leute weiß genannt werden und nicht mehr nur Leute. Can’t we all just get along? Haben nicht beide Seiten Fehler gemacht? Nein.

Gucken wir mal nicht nur auf Netzpolitik.org, sondern z.B auf Digitalcourage e.V. Same Bullshit, nur mit mehr Frauen.

Gründungsmitglieder von Digitalcourage, vormals FoeBud, sind Rena Tangens (die stolze Erfinderin der unsäglichen Datenkrake) und Padeluun (bekannt aus nationalistischen Reden auf der FsA und Erklärungen zu geschlechtergerechter Sprache im generischen Maskulinum. Please stop helping!) Außerdem zuständig für Feminismus ist Leena Simon, die sich u.a. dafür feiert, dass sie den Feminismus in der Piratenpartei vorangebracht hätte. (Piratenpartei Alpha Centauri, oder wo?)

Moderner Feminismus versucht, inklusiv und intersektional zu sein. Dass sich Digitalcourage diesem Anspruch nicht verpflichtet fühlt, zeigt sich schon nach nur flüchtigem Hingucken.

Das am meisten kritisierte Problem bei Digitalcourage ist wahrscheinlich deren mangelndes Verständnis von strukturellem Antisemitismus und das Beharren auf dem Motiv der Datenkrake.

Des weiteren bedient man sich, wie schon damals in der Piratenpartei, antifeministischer Tropes von „radikalen (männerhassenden)“ Feministinnen, von denen man sich distanziert, um sich als vernünftiger und gemäßigter darzustellen, und diskreditiert damit andere als die eigenen Anliegen.

Dann wird bei Digitalcourage von „Ecken“ schwadroniert, in die Feminist*innen Leute nicht stellen dürften, nur weil sie Dinge nicht wüssten. Und bei diesen ganzen Tropes von wirklich schlimmen Feministinnen, mit denen man aber nichts zu tun hat, fällt mir schon ein bisschen schwer, Digitalcourage in eine feministische „Ecke“ zu stellen, nur weil sie sich so nennen.

Diese Ecken-Rhetorik zeigt deutlich, dass Digitalcourage sich mit neuerer linker Theorie nicht auseinandersetzt. Der Verweis auf rechte / antifeministische / sonstige „Ecken“, wenn es um Diskriminierung geht, dient der Mehrheitsgesellschaft dazu, sich selbst als Unbeteiligte zu imaginieren. „Die“ Rassisten, nicht „wir“. Männer bezeichnen andere Männer als Sexisten, als wäre ihre eigene Privilegierung durch Sexismus damit vom Tisch. That’s Bullshit.

Dem Feminismus von Digitalcourage fehlt vieles, das modernen Feminismus auszeichnet. Digitalcourage bewirbt und vertreibt u.a. Bücher von Luise Pusch, die eine Anti-Sexwork-Position vertritt, die den Aufruf der Emma zur Kriminalisierung von Sexarbeit unterstützt hat und auch sonst jede Menge problematisches Zeug schreibt, auch für die Emma. Das Promoten von Pusch widerspricht auch deutlich einer Abgrenzung vom Radikalfeminismus. Emma, Schwarzer, Pusch et al vertreten einen bunten Strauß nicht tot zu kriegender Haltungen, die dem Radikalfeminismus der zweiten Welle der Frauenbewegung zuzuordnen sind. Feminismus fühlt sich manchmal an wie Zombieapokalypse in letzter Zeit.

Die feministischen Positionen von Digitalcourage haben größere Überschneidungen mit dem Radikalfeminismus der 2. Welle als mit aktuellem Feminismus der 4. Welle. Bei Digitalcourage bezieht sich ein Großteil des Geredes über Feminismus auf Androzentrismus.

Heutiger intersektionaler Feminismus beschäftigt sich dagegen mit allen Diskriminierungsformen entlang der Unterdrückungsachsen Race/Class/Gender/Ability/… usw., heißt: Rassismus, Klassismus, Cis-/Hetero-/Sexismus, Behindertenfeindlichkeit und einiges andere mehr. Die einzelnen Unterdrückungsformen lassen sich, wie man heute weiß, nicht für sich stehend analysieren, da sie sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen. (Dieses Konzept nennt man Intersektionalität.)

Bei Digitalcourage geht es aber um Frauen, als teilten diese eine universelle Unterdrückungserfahrung. Das ist eine der seit langem widerlegten Prämissen des Radikalfeminimus: Die Annahme vom „Patriarchat“ als primärer Unterdrückung. Was bei den Marx-Bros das Kapital ist, ist für RadFems das Patriarchat. Gleicher Irrtum, unterschiedliche Ausführung.

Digitalcourage fährt außerdem eine eigene Strategie zu geschlechtergerechter Sprache, anstatt an vorhandene Arbeiten von Expert*innen sinnvoll anzuschließen. Das Ergebnis der Bemühungen ist dann leider auch a) nicht gut und b) alles andere als geschlechtergerecht.

Die Autor*innen bei Digitalcourage verwenden statt Unterstrich oder Asterisk einen Punkt (.) und machen damit Menschen, die Screenreader benutzen unnötig (weil nur für eigenen Wiedererkennungswert) das Lesen schwer.

Im Widerspruch zu diesem Versuch, _alle_ sprachlich zu inkludieren, ist dann an anderer Stelle wieder von „Beidnennung“ die Rede, wird also auf ein System der Zweigeschlechtlichkeit zurückgegriffen. Da scheint Digitalcourage schon im Ansatz ein Verständnisproblem zu haben, was geschlechtergerechte(re) Sprache überhaupt bedeutet. Hier wird Cis-Sexismus reproduziert und trans* Menschen ausgeschlossen mit einem Mittel, das dazu gedacht ist, Cis-Sexismus entgegen zu wirken. Das ist absurd.

Passt aber ins Gesamtbild aus verwässertem Feminismus von vorgestern plus Selbstbeweihräucherung für die Neuerfindung des Rades.

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Das waren jetzt nur zwei von vielen möglichen Beispielen dafür, wie sehr die deutsche Netzpolitik-Szene hinter den Erwartungen zurückbleibt. Meinen Erwartungen zumindest.

Es gibt aber noch viel mehr offene Fragen. Warum ist die deutsche Women in Tech Bubble so weiß? Warum stört das so wenige? Warum so viel Reden über statt mit Marginalisierten? Warum tun sich so viele Feminist*innen das Nettsein und Fragen und Netzwerken an, und warum dulden wir, dass sich (nicht nur) Typen als progressiv verkaufen, die das nicht wirklich sind? Die ihre eigenen Interessen zentrieren und Feminist*innen auf ihren Platz verweisen, sobald von denen was kommt, dass ihnen nicht passt.

Nerdcore-René behauptet von sich, Intersektionalität verstanden zu haben. Die Netzdudes sagen fast alle von sich, dass sie sich irgendwie „links“ oder „feministisch“ identifizieren, aber Identifikation und Labels sind das eine und Walk your Talk ist das andere. Und irgendwie sind da nicht allzu viele who walk their talk.

Why bother? Weil das Netzpolitik heißt und nicht Netzpolitik für weiße Typen und ihre Freunde. Weil Feminismus sowas wie eine Grundvoraussetzung ist, wenn man sich als links/emanzipatorisch versteht, und das unabhängig vom Label. Weil wir zu solidarischen Politiken/Politischem/Policies (sorry, mir ist auch warm) kommen müssen und dafür steht die etablierte Netzpolitik-Bubble gerade gar nicht.

Romantische Zweierbeziehung und warum Liebe weh tut

 

Für mich und all die anderen, die im Teelöffel fischen.

Fast zwei Jahre ist dieser Post her. Ich würde heute vieles anders schreiben. Darum schreibe ich diesen Post, auch auf die Gefahr hin, dass mich wieder aufgebrachte Heten beschimpfen und mir erklären, dass das alles nicht stimmt, weil sie anders sind.

Normative Ideale muss niemand exakt so leben, damit sie ihre Funktion erfüllen. Romantik ist ein normatives Ideal. Und dieses sich selbst als anders verorten, passiert meines Erachtens viel zu schnell. Darum dieser Post.

Ich sehe sehr viel Polyamorie um mich rum und sehr wenig Anstrengung, sich mit dem ganzen Mist auseinanderzusetzen, den man auch dort wieder hinein trägt. Anders ist nicht automatisch besser, aber viele scheinen das anzunehmen.

Und ich finde, zu wirklich emanzipatorischen Beziehungspraxen gehört sehr viel mehr Anstrengung.

tl;dr Es gibt im Kapitalismus keine Liebe außerhalb seiner Konkurrenzverhältnisse.

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Die Romantische Zweierbeziehung

Was gibts zu kritisieren an der Romantischen Zweierbeziehung?

Sie ist normativ und ausschließend. Zu ihr gehören zwei Leute, nicht mehr, nicht weniger. Idealerweise ein Mann und eine Frau. In linken Kreisen wird sie deshalb oft verschämt gelebt. Dazu gibt es diesen Text von Fremdgenese, der die RZB als „Trotzdem“ analysiert. Mit all diesen Trotzdems, die wir so leben, wenn wir die RZB leben, während eine bessere Zukunft noch nicht so ganz absehbar ist.

Warum RZB? Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre. Letztere auch als Sphäre der Ausbeutung durch unbezahlte Arbeit. Die heterosexuelle Paarbeziehung ist funktional für den Kapitalismus. In der Fachsprache nennt man sie deswegen „systemtragende Scheiße“.

Aber die RZB ist auch: Liebe, Zärtlichkeit, Loyalität. Ganz und unverstellt geliebt werden. Der Gegenentwurf zur Individualisierung. Liebe bedeutet Zuneigung, Zärtlichkeit und Nähe, Sex, Verbindlichkeit, das Gegenteil von Einsamkeit, Hingabe, Treue (vielleicht), … und Schmerz. Liebe bedeutet nicht für alle dasselbe, aber darum gehts hier gerade, das, womit sie aufgeladen ist.

Heteronormativität reglementiert hin zu Hetero- und Paarbeziehungen und privilegiert diese. Ganz oder teilweise ausgeschlossen sind Menschen, die nicht in diese Normen passen: Homosexuelle, bisexuelle, asexuelle, trans*, intersexuelle, aromantische Menschen und Abstufungen/Variationen, Menschen ohne Partner*in, mit Mehrfachbeziehungen, … (Ich will nicht sagen, dass die alle diskriminiert wären.)

Die Liebe ist bei Luhmann ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“, ein Code, mit dem wir in der Lage sind, Gefühle auszudrücken. Die Art, wie wir Intimität kodieren. Wir lieben nicht “von Natur aus” wie wir das tun, wir lernen das, und zwar in unterschiedlichen zeitlichen und kulturellen Kontexten unterschiedlich.

Menschen sind „von Natur aus“ so wenig mono- wie poly-romantisch. Man ist nicht „born this way“ in ein soziales Konstrukt.

Romantik ist ein kultureller Code. Wir laden Dinge mit Bedeutung auf nach bestimmten Regeln. Die lernen wir, durch Abschauen von der Umwelt, Liebeslieder, romantische Komödien … um dann Dinge zu wissen über Paris, Candlelight-Dinner, Blumen … Einige sind ganz schlau, und behaupten, dass Romantik bei ihnen nicht funktioniert, während sie einfach nur andere Dinge mit derselben Bedeutung auf- und überladen. (Über Romantik im Kapitalismus: Eva Illouz „Consuming the Romantic Utopia“)

Fakt ist: Die Romantik ist nicht vom Himmel gefallen. Das war nicht „schon immer“ so und ist nicht irgendeine „menschliche Natur“.

Beziehungen existieren in keinem Machtvakuum. Die Machtverhältnisse werden von den wenigsten gerne hinterfragt, weil die Liebe als Rückzugsort konzipiert ist, über den man sich nicht auch noch die Illusionen nehmen will. Aber Ausblenden hilft halt nicht gegen Probleme.

[Jetzt kommt der beliebte Theorieteil, falls ihr den überspringen wollt.]

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I. Bestandsaufnahme

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Was ist Romantik?

Mit dem romantischen Liebesideal wurden Liebe, Sex und Elternschaft in die Ehe verbannt. Wahre Liebe sollte für immer halten. Maßnahmen zu ihrer Erhaltung waren also unnötig bzw. Zeichen dafür, dass die Liebe nicht aufrichtig war. Die romantische Liebe nahm die geliebte Person als einzigartig an und darum konkurrenzlos. Eifersucht war damit überflüssig. Die hohe Wertschätzung der Individualität machte die Liebe zum wichtigsten Ort der Selbstverwirklichung. Nur erwiderte Liebe war richtige Liebe. Damit wurde die Frau vom Objekt der Verehrung zum autonomen Gefühlssubjekt. Ihre Gefühle wurden wichtig und sie bekam das Recht, Nein zu sagen.

Veränderungstendenzen im Liebescode

Einige Punkte des kulturellen Codes der Liebe haben sich überlebt, andere in der Bedeutung verschoben. [Könnt ihr alles ausführlicher nachlesen in: Karl Lenz „Soziologie der Zweierbeziehung“]

  • Selbstverwirklichung ist heute zentrales Motiv romantischer Beziehungen. Die einmal getroffene Entscheidung für eine*n Partner*in wird nicht mehr als lebenslang bindend betrachtet.
    Es gibt nicht mehr den*die Eine*n. Das Gelingen einer Beziehung hängt von den Beteiligten ab, die jetzt als autonome Personen gedacht werden, die miteinander kommunizieren und ihre Gefühle ausdrücken. Selbstaufopferung widerspricht dem Gedanken der Selbstverwirklichung. Was früher Musterbeispiel für wahre Liebe gewesen wäre, ist heute zu viel. Heute gilt es, die Eigenständigkeit zu wahren und die des Gegenübers anzuerkennen.
  • Die Geschlechtsspezifik verschwindet zunehmend aus dem Liebescode. Die Geschlechter werden nicht mehr als grundlegend verschieden gedacht und auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt. Frauen werden nicht mehr so stark auf den die privaten Bereich beschränkt und gewinnen an Freiheit und Unabhängigkeit. Männern werden stärker als früher Gefühle zugestanden. Unsere Vorstellungen von Geschlecht in Beziehungen nähern sich an.
  • Kommunikation gewinnt an Bedeutung, weil (1) das Streben nach Selbstverwirklichung und (2) der Wegfall geschlechtsspezifischer Vorgaben frühere Orientierungspunkte aus den Beziehungen nehmen, was Beziehungen dynamischer macht. Es muss mehr Austausch stattfinden. Offenheit und Aufrichtigkeit sind dabei zwingend notwendig. Die Partner*innen werden so etwas wie Therapeuten füreinander, und Beziehung ein Ort, an dem man sich zuhört und über Ängste austauscht. Die frühere Tendenz zur Konfliktvermeidung wird abgelöst von der Ansicht, dass Konflikte unvermeidbar sind, konstruktiv sein können, stärker aneinander binden.

Das bedeutet …

  • Das Versprechen der Dauerhaftigkeit hat an Bedeutung verloren: Durch die gesteigerte Bedeutung des Individualitätsanspruchs wird die Liebe zur einzig legitimen Basis der Zweierbeziehung. Die Beziehung ist durch nichts gesichert außer der Liebe. Wenn die Liebe verschwindet, endet die Beziehung.
  • Die Paradoxie des Individualitätsanspruchs wird sichtbar: Die Bestätigung der eigenen Individualität ist in der Liebe von herausragender Bedeutung. Gleichzeitig soll aber durch die Liebe die Fremdheit zum Gegenüber völlig überwunden werden. Die romantische Liebe setzt damit eine Einheit von Selbstbezug und Fremdbezug voraus, bei der das Enttäuschungspotential schon eingebaut ist.
  • Die Einheit von Liebe und Elternschaft bricht weg: Die Vorstellung, dass sich im gemeinsamen Kind die Liebe vollendet, verliert an Bedeutung. Kinder sind nur noch eine von mehreren Optionen zur Selbstverwirklichung.
  • Die Liebe ist nicht mehr auf pure Zweisamkeit angelegt: Abschottungstendenzen lockern sich. Die Außenwelt ist nicht mehr vorrangig Störfaktor. Es kann auch wichtige Bezugspersonen außerhalb der Beziehung geben.

Der Code sagt noch nichts darüber, wie wir leben:

Wie sieht die soziale Praxis der Liebe heute aus?

  • Unterschiedliche Leitbilder des Liebesideals existieren nebeneinander. Alte und neue Vorstellungen über die Liebe existieren zeitgleich. Teilweise sind einzelne Menschen Träger unvereinbarer Vorstellungen und zwischen alten und neuen Vorstellungen hin- und her gerissen.
  • Neben den unterschiedlichen Leitbildern fordern Spannungen und Paradoxien im Liebescode selber die Improvisationsfähigkeiten der Beteiligten und ihre Fähigkeit zu Kompromissen.
  • Auch Menschen mit ähnlichen Vorstellungen von der Liebe können unterschiedliche Vorstellungen von den Vorgaben ihrer Liebe haben, z.B. kann unter beiderseitigem Anspruch auf absolute Offenheit in der Beziehung immer noch unterschiedliches verstanden werden.
  • Weiter weicht die gelebte Liebe in der Zweierbeziehung von ihrem kulturellen Code ab, weil Ideal und reale Rahmenbedingungen unvereinbar sind. Alltag, Routine und Banalität sind im romantischen Ideal nicht vorgesehen. Das Ideal fordert von den Beteiligten mehr, als sie leisten können unter den Bedingungen der Realität. Die unausweichlichen Enttäuschungen werden sich selbst oder einander zugeschrieben, nicht der Liebe.
  • Das Ideal der romantischen Liebe geht von einem Maß an Sozialkompetenzen aus, das Liebende in der Realität selten haben. Auch hier ist hohes Potential zum Scheitern eingebaut.

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Normative Ideale brauchen keine Menschen, die exakt so leben, um zu funktionieren. Die ganzen Tweaks und Cheats, die das romantische Ideal lebbar machen, ändern nicht, dass das was da gelebt wird, problematisch ist.

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II. Kritik

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Bedürfnisse

Beziehung ist heute weniger die Basis für Familie als Rückzugsort. Beziehung ist ein Ort für unsere Bedürfnisse, um über Bedürfnisse zu sprechen, alle möglichen Bedürfnisse auszulagern, die wir woanders nicht ansprechen können oder mit denen wir woanders nicht gehört werden. In der Beziehung wird die Trennung privat/öffentlich reproduziert.

Wir haben Erwartungen der Bedürfnisbefriedigung an unser Gegenüber in der Beziehung. Ob wir erst ein Gegenüber haben und dann Bedürfnisse entstehen oder ob wir zu vorhandenen Bedürfnissen ein Gegenüber suchen, ist manchmal nicht ganz klar. Laut Freud ist zuerst ein Begehren da und eine Leere, die gefüllt werden muss.

Die RZB beinhaltet auch den Wunsch nach Gegenseitigkeit: Man will nicht nur, sondern will auch zurück-gewollt werden. Das muss auch gezeigt werden, freiwillig aus sich heraus und wie zufällig genau so, wie sich das Gegenüber das wünscht. Nicht einfach.

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Heteronorm

Heteronormativität ist die Einstellung, dass Heterosexualität der normale und natürliche Ausdruck von Sexualität ist. Wo eine Norm ist, sind auch Ausschlüsse: Menschen, die nicht in die Norm passen, und denen die damit verbundene „normale“ Behandlung verwehrt bleibt. Heterosexualität wird privilegiert. Heteronormativität ist auch Basis für die RZB. Sich komplettieren und all das.

Die romantische Zweierbeziehung ist nicht symmetrisch. Das in der Beziehung zum Thema zu machen, ist aber schwierig: Weil die Liebe dem Ideal zufolge ausschließt, dass nicht fair zueinander sein im Bereich des Möglichen liegt.

Geschlechterdifferenz ist konstitutiv für die heterosexuelle Beziehung, expliziter Bezug auf eine unterstellte Unterschiedlichkeit ist zentraler Bestandteil.

Hetero-RZBs bestehen aus unterschiedlich vergesellschafteten Individuen. Frauen sind doppelt vergesellschaftet in Produktions- und Reproduktionssphäre, Kompromisse werden eher von ihnen erwartet. Männer sind in der Produktionssphäre privilegiert, werden dort immer noch besser bezahlt. Die gegenseitige Unterstützung in der RZB geht tendenziell zu Lasten der Frauen, auf die aufgrund immer noch unterschiedlicher Sozialisation mehr unbezahlte Arbeit zurückfällt.

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Herrschaft und Liebe

Die romantische Liebe ist herrschaftsförmig. Sie ist die Ideologie, die die Anziehung der in Zweigeschlechtlichkeit als einzigen naturalisierten Geschlechter sicherstellt. Das ist funktional für den Kapitalismus.

Die RZB ist aber auch der Ort, an dem wir Nähe finden, uns nicht zu verstellen brauchen. Theoretisch. Manchmal verstellen wir uns, weil uns die Beziehung wichtig ist. Manchmal beschwert man sich mal nicht oder äußert Bedürfnisse nicht, weil das die Beziehung belasten würde. Aber theoretisch ist die RZB eine Bindung, auf die man sich verlassen kann. Und das ist unabhängig von dem gesellschaftlichen Zweck, den sie erfüllt, ~eigentlich eine gute Sache.

Die RZB ist ein Austausch, man kann an ihr wachsen, Bedürfnisse aufeinander einstellen.
Aber diese Bindung ist immer auch ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis. Man hat sich aufeinander eingestellt. Und wenn das zu Ende ist, steht man da als eine Hälfte von etwas nicht mehr Existierendem.

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Abschottung

Romantische Liebe bedeutet auch Abschottung. Die Zweisamkeit schließt Dritte aus. Die RZB hat Priorität und alle anderen müssen hinter ihr zurückstehen. Die RZB ist die letzte Person, der man absagt. [Das gilt auch für hierarchische Mehrfachbeziehungen.]

Die RZB ist auch ein Ort viel zu hoher Erwartungen. Dinge, die man auch in Freundschaften bekommt, wenn man keine RZB führt, werden in die RZB verlagert und exklusiv gemacht. Alle Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Sex, treffen auf nur eine Person, die diese erfüllen soll. Und die Bedürfnisse dieser einen Person stimmen vielleicht auch nicht immer mit den eigenen überein. Wenn die RZB nicht mehr funktioniert, führt das auf einen Schlag zu einem riesigen Verlust, weil man so viele Bedürfnisse in sie hinein verlagert hat.

Die Abschottung wirkt noch auf andere Weise: Menschen außerhalb reproduzieren das Innen/Außen mit und mischen sich nicht so leicht in die Angelegenheiten der RZB ein. Die RZB gilt als freiwillig. Die materiellen, sozialen, emotionalen Zwänge, die sich in der Beziehung einstellen, müssen ausgeblendet werden wegen der Anforderungen, die das Ideal an uns stellt: Unsere Autonomie zu wahren und unabhängig zu bleiben. Das ist in einer Realität mit gemeinsamen Freunden, Verpflichtungen und sich aufeinander verlassen, nicht einfach. Dabei ist sich aufeinander verlassen können zentral für die RZB.

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Keep your Politics out of my Everything

Der Anspruch, die Politik irgendwo „rauszuhalten“, gehört zu den Spaltungen kapitalistischer Gesellschaften. (Könnt ihr hier genauer nachlesen, ich schreibs aber nochmal kürzer auf. Don’t sue me.)

Es gibt drei große Spaltungen in der kapitalistischen Gesellschaft, die für diese funktional sind. Die Trennung in …

1. Gesellschaft und Politik

Die bürgerliche Gesellschaft ist konzipiert als eine apolitische Sphäre, in der alle für sich Privatinteressen nachgehen können, und eine politische Sphäre, in der Allgemeininteressen verhandelt werden. Im Liberalismus merkt man diese Trennung z.B. an dem Anliegen, von Einwirkungen des Staates (also der Politik) möglichst verschont zu bleiben. Die persönlichen Interessen erscheinen so als unpolitisch. Gesellschaft wird damit zu einer Sphäre, in der man sich nicht füreinander interessiert. Wir nehmen uns im Vorbeilaufen auf der Straße nicht als voneinander abhängig und in Allgemeininteressen verbunden wahr. Unsere gemeinsamen Anliegen diskutieren wir in der Politik. Die Gesellschaft entziehen wir deren Zugriff.

2. Öffentlichkeit und Privatsphäre

Während in der vorbürgerlichen Gesellschaft Familie, Wirtschaft und Politik noch in Haus/Hof/Familie zusammenfielen, kam es mit der Industrialisierung zu einer klaren Trennung von öffentlichem und privatem Leben, von Produktions- und Reproduktionssphäre, mit einer spezifischen Arbeitsteilung. Die Produktion verlagerte sich von Haus und Hof weg in die Lohnarbeit. Die Reproduktion (die Herstellung und Wiederherstellung von Arbeitskraft) verblieb im [dann] Privaten.

Mit dieser Aufteilung kam es zu einer unterschiedlichen Vergesellschaftung von Männern und Frauen. Männern war der öffentliche Bereich zugewiesen (die Lohnarbeit), Frauen der private Bereich (die Sorge für Mann und Kinder, die Pflege der Eltern) in finanzieller Abhängigkeit vom Mann. Die unterschiedliche Vergesellschaftung besteht bis heute fort, wenn auch in abgemilderter Form. Heute sind Frauen doppelt vergesellschaftet, d.h. dass sie auch einem Beruf nachgehen, ist selbstverständlich. Die Anforderungen an Männer im Privaten haben sich aber nicht im gleichen Maß verändert. Es wird nicht erwartet, dass sie nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben. Wenn sie sich an der Hausarbeit beteiligen, ist oft von „helfen“ die Rede, als wäre diese Arbeit eigentlich nicht ihre.

Die Öffentlichkeit ist als Raum mit stereotyp männlichen Anforderungen (Rationalität, Härte, Durchsetzungsfähigkeit) konzipiert. Die Privatsphäre ist der Raum für stereotyp Weibliches (Intimität, Geborgenheit, Schwäche zeigen können). Zu unserem Rückzugsraum vom Öffentlichen, dem Privaten, gehört die Beziehung, die damit hoffnungslos überlastet wird.

3. Gesellschaft und Individuum

Die Menschen in diesem kollektiven Produktionszusammenhang Gesellschaft tauschen sich nicht darüber aus, wer was braucht und wie viel. Die Waren werden über den Markt vermittelt. Die Menschen brauchen keine persönlichen oder politischen Beziehungen zu den Produzierenden zu unterhalten. Sie müssen die Bedingungen des Zustandekommens der Waren nicht mitbekommen. Das nennt man Entfremdung.

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Diese drei großen Spaltungen der Gesellschaft schränken die Menschen in ihrer Handungsfähigkeit ein. Sie führen zu Entfremdung und Hilflosigkeit, verhindern Austausch und kollektives Handeln. Emanzipation und die Wiedererlangung der Kontrolle über das eigene Dasein würden also erfordern, diese Spaltungen aufzuheben, abzumildern, oder außer Kraft zu setzen.

Was machen wir stattdessen? Politik aus dem Privaten raushalten. Dinge bitte nicht in das big Picture einordnen.

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Warum Liebe weh tut

Die meisten kennen diesen Schmerz, der mit der Liebe verbunden ist: Verliebtsein in eine Person, die das nicht erwidert oder sich nicht binden will. Ein Beziehungsalltag, der hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das gebrochene Herz. Oder zermatscht und über den Zaun getreten.

Wir verarbeiten Probleme aus unserer Kindheit in unseren späteren Beziehungen, sagen die Freudianer. Und deswegen verorten wir heute, obwohl die meisten von uns sehr ähnliche Erfahrungen mit der Liebe machen, Ursachen und Verantwortung für unsere Unfähigkeit, zu lieben und glückliche Beziehungen zu führen, nicht bei der Liebe oder unseren vorherrschenden Begehrens- und Beziehungsformen, sondern bei uns selbst.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sich die Gemeinsamkeiten in unseren Erfahrungen mit der Liebe genauer angeschaut, und kam zu einem anderen Ergebnis: Das Problem ist nicht eine fast schon kollektiv unzulängliche Psyche, sondern, wie die romantische Liebe heute funktioniert.

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle gestehen verletzbarer macht als jemals zuvor. Illouz erklärt in ihrem Buch „Why Love Hurts“, woran das liegt.

Früher gab