Romantische Zweierbeziehung und warum Liebe weh tut

 

Für mich und all die anderen, die im Teelöffel fischen.

Fast zwei Jahre ist dieser Post her. Ich würde heute vieles anders schreiben. Darum schreibe ich diesen Post, auch auf die Gefahr hin, dass mich wieder aufgebrachte Heten beschimpfen und mir erklären, dass das alles nicht stimmt, weil sie anders sind.

Normative Ideale muss niemand exakt so leben, damit sie ihre Funktion erfüllen. Romantik ist ein normatives Ideal. Und dieses sich selbst als anders verorten, passiert meines Erachtens viel zu schnell. Darum dieser Post.

Ich sehe sehr viel Polyamorie um mich rum und sehr wenig Anstrengung, sich mit dem ganzen Mist auseinanderzusetzen, den man auch dort wieder hinein trägt. Anders ist nicht automatisch besser, aber viele scheinen das anzunehmen.

Und ich finde, zu wirklich emanzipatorischen Beziehungspraxen gehört sehr viel mehr Anstrengung.

tl;dr Es gibt im Kapitalismus keine Liebe außerhalb seiner Konkurrenzverhältnisse.

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Die Romantische Zweierbeziehung

Was gibts zu kritisieren an der Romantischen Zweierbeziehung?

Sie ist normativ und ausschließend. Zu ihr gehören zwei Leute, nicht mehr, nicht weniger. Idealerweise ein Mann und eine Frau. In linken Kreisen wird sie deshalb oft verschämt gelebt. Dazu gibt es diesen Text von Fremdgenese, der die RZB als „Trotzdem“ analysiert. Mit all diesen Trotzdems, die wir so leben, wenn wir die RZB leben, während eine bessere Zukunft noch nicht so ganz absehbar ist.

Warum RZB? Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre. Letztere auch als Sphäre der Ausbeutung durch unbezahlte Arbeit. Die heterosexuelle Paarbeziehung ist funktional für den Kapitalismus. In der Fachsprache nennt man sie deswegen „systemtragende Scheiße“.

Aber die RZB ist auch: Liebe, Zärtlichkeit, Loyalität. Ganz und unverstellt geliebt werden. Der Gegenentwurf zur Individualisierung. Liebe bedeutet Zuneigung, Zärtlichkeit und Nähe, Sex, Verbindlichkeit, das Gegenteil von Einsamkeit, Hingabe, Treue (vielleicht), … und Schmerz. Liebe bedeutet nicht für alle dasselbe, aber darum gehts hier gerade, das, womit sie aufgeladen ist.

Heteronormativität reglementiert hin zu Hetero- und Paarbeziehungen und privilegiert diese. Ganz oder teilweise ausgeschlossen sind Menschen, die nicht in diese Normen passen: Homosexuelle, bisexuelle, asexuelle, trans*, intersexuelle, aromantische Menschen und Abstufungen/Variationen, Menschen ohne Partner*in, mit Mehrfachbeziehungen, … (Ich will nicht sagen, dass die alle diskriminiert wären.)

Die Liebe ist bei Luhmann ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“, ein Code, mit dem wir in der Lage sind, Gefühle auszudrücken. Die Art, wie wir Intimität kodieren. Wir lieben nicht “von Natur aus” wie wir das tun, wir lernen das, und zwar in unterschiedlichen zeitlichen und kulturellen Kontexten unterschiedlich.

Menschen sind „von Natur aus“ so wenig mono- wie poly-romantisch. Man ist nicht „born this way“ in ein soziales Konstrukt.

Romantik ist ein kultureller Code. Wir laden Dinge mit Bedeutung auf nach bestimmten Regeln. Die lernen wir, durch Abschauen von der Umwelt, Liebeslieder, romantische Komödien … um dann Dinge zu wissen über Paris, Candlelight-Dinner, Blumen … Einige sind ganz schlau, und behaupten, dass Romantik bei ihnen nicht funktioniert, während sie einfach nur andere Dinge mit derselben Bedeutung auf- und überladen. (Über Romantik im Kapitalismus: Eva Illouz „Consuming the Romantic Utopia“)

Fakt ist: Die Romantik ist nicht vom Himmel gefallen. Das war nicht „schon immer“ so und ist nicht irgendeine „menschliche Natur“.

Beziehungen existieren in keinem Machtvakuum. Die Machtverhältnisse werden von den wenigsten gerne hinterfragt, weil die Liebe als Rückzugsort konzipiert ist, über den man sich nicht auch noch die Illusionen nehmen will. Aber Ausblenden hilft halt nicht gegen Probleme.

[Jetzt kommt der beliebte Theorieteil, falls ihr den überspringen wollt.]

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I. Bestandsaufnahme

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Was ist Romantik?

Mit dem romantischen Liebesideal wurden Liebe, Sex und Elternschaft in die Ehe verbannt. Wahre Liebe sollte für immer halten. Maßnahmen zu ihrer Erhaltung waren also unnötig bzw. Zeichen dafür, dass die Liebe nicht aufrichtig war. Die romantische Liebe nahm die geliebte Person als einzigartig an und darum konkurrenzlos. Eifersucht war damit überflüssig. Die hohe Wertschätzung der Individualität machte die Liebe zum wichtigsten Ort der Selbstverwirklichung. Nur erwiderte Liebe war richtige Liebe. Damit wurde die Frau vom Objekt der Verehrung zum autonomen Gefühlssubjekt. Ihre Gefühle wurden wichtig und sie bekam das Recht, Nein zu sagen.

Veränderungstendenzen im Liebescode

Einige Punkte des kulturellen Codes der Liebe haben sich überlebt, andere in der Bedeutung verschoben. [Könnt ihr alles ausführlicher nachlesen in: Karl Lenz „Soziologie der Zweierbeziehung“]

  • Selbstverwirklichung ist heute zentrales Motiv romantischer Beziehungen. Die einmal getroffene Entscheidung für eine*n Partner*in wird nicht mehr als lebenslang bindend betrachtet.
    Es gibt nicht mehr den*die Eine*n. Das Gelingen einer Beziehung hängt von den Beteiligten ab, die jetzt als autonome Personen gedacht werden, die miteinander kommunizieren und ihre Gefühle ausdrücken. Selbstaufopferung widerspricht dem Gedanken der Selbstverwirklichung. Was früher Musterbeispiel für wahre Liebe gewesen wäre, ist heute zu viel. Heute gilt es, die Eigenständigkeit zu wahren und die des Gegenübers anzuerkennen.
  • Die Geschlechtsspezifik verschwindet zunehmend aus dem Liebescode. Die Geschlechter werden nicht mehr als grundlegend verschieden gedacht und auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt. Frauen werden nicht mehr so stark auf den die privaten Bereich beschränkt und gewinnen an Freiheit und Unabhängigkeit. Männern werden stärker als früher Gefühle zugestanden. Unsere Vorstellungen von Geschlecht in Beziehungen nähern sich an.
  • Kommunikation gewinnt an Bedeutung, weil (1) das Streben nach Selbstverwirklichung und (2) der Wegfall geschlechtsspezifischer Vorgaben frühere Orientierungspunkte aus den Beziehungen nehmen, was Beziehungen dynamischer macht. Es muss mehr Austausch stattfinden. Offenheit und Aufrichtigkeit sind dabei zwingend notwendig. Die Partner*innen werden so etwas wie Therapeuten füreinander, und Beziehung ein Ort, an dem man sich zuhört und über Ängste austauscht. Die frühere Tendenz zur Konfliktvermeidung wird abgelöst von der Ansicht, dass Konflikte unvermeidbar sind, konstruktiv sein können, stärker aneinander binden.

Das bedeutet …

  • Das Versprechen der Dauerhaftigkeit hat an Bedeutung verloren: Durch die gesteigerte Bedeutung des Individualitätsanspruchs wird die Liebe zur einzig legitimen Basis der Zweierbeziehung. Die Beziehung ist durch nichts gesichert außer der Liebe. Wenn die Liebe verschwindet, endet die Beziehung.
  • Die Paradoxie des Individualitätsanspruchs wird sichtbar: Die Bestätigung der eigenen Individualität ist in der Liebe von herausragender Bedeutung. Gleichzeitig soll aber durch die Liebe die Fremdheit zum Gegenüber völlig überwunden werden. Die romantische Liebe setzt damit eine Einheit von Selbstbezug und Fremdbezug voraus, bei der das Enttäuschungspotential schon eingebaut ist.
  • Die Einheit von Liebe und Elternschaft bricht weg: Die Vorstellung, dass sich im gemeinsamen Kind die Liebe vollendet, verliert an Bedeutung. Kinder sind nur noch eine von mehreren Optionen zur Selbstverwirklichung.
  • Die Liebe ist nicht mehr auf pure Zweisamkeit angelegt: Abschottungstendenzen lockern sich. Die Außenwelt ist nicht mehr vorrangig Störfaktor. Es kann auch wichtige Bezugspersonen außerhalb der Beziehung geben.

Der Code sagt noch nichts darüber, wie wir leben:

Wie sieht die soziale Praxis der Liebe heute aus?

  • Unterschiedliche Leitbilder des Liebesideals existieren nebeneinander. Alte und neue Vorstellungen über die Liebe existieren zeitgleich. Teilweise sind einzelne Menschen Träger unvereinbarer Vorstellungen und zwischen alten und neuen Vorstellungen hin- und her gerissen.
  • Neben den unterschiedlichen Leitbildern fordern Spannungen und Paradoxien im Liebescode selber die Improvisationsfähigkeiten der Beteiligten und ihre Fähigkeit zu Kompromissen.
  • Auch Menschen mit ähnlichen Vorstellungen von der Liebe können unterschiedliche Vorstellungen von den Vorgaben ihrer Liebe haben, z.B. kann unter beiderseitigem Anspruch auf absolute Offenheit in der Beziehung immer noch unterschiedliches verstanden werden.
  • Weiter weicht die gelebte Liebe in der Zweierbeziehung von ihrem kulturellen Code ab, weil Ideal und reale Rahmenbedingungen unvereinbar sind. Alltag, Routine und Banalität sind im romantischen Ideal nicht vorgesehen. Das Ideal fordert von den Beteiligten mehr, als sie leisten können unter den Bedingungen der Realität. Die unausweichlichen Enttäuschungen werden sich selbst oder einander zugeschrieben, nicht der Liebe.
  • Das Ideal der romantischen Liebe geht von einem Maß an Sozialkompetenzen aus, das Liebende in der Realität selten haben. Auch hier ist hohes Potential zum Scheitern eingebaut.

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Normative Ideale brauchen keine Menschen, die exakt so leben, um zu funktionieren. Die ganzen Tweaks und Cheats, die das romantische Ideal lebbar machen, ändern nicht, dass das was da gelebt wird, problematisch ist.

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II. Kritik

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Bedürfnisse

Beziehung ist heute weniger die Basis für Familie als Rückzugsort. Beziehung ist ein Ort für unsere Bedürfnisse, um über Bedürfnisse zu sprechen, alle möglichen Bedürfnisse auszulagern, die wir woanders nicht ansprechen können oder mit denen wir woanders nicht gehört werden. In der Beziehung wird die Trennung privat/öffentlich reproduziert.

Wir haben Erwartungen der Bedürfnisbefriedigung an unser Gegenüber in der Beziehung. Ob wir erst ein Gegenüber haben und dann Bedürfnisse entstehen oder ob wir zu vorhandenen Bedürfnissen ein Gegenüber suchen, ist manchmal nicht ganz klar. Laut Freud ist zuerst ein Begehren da und eine Leere, die gefüllt werden muss.

Die RZB beinhaltet auch den Wunsch nach Gegenseitigkeit: Man will nicht nur, sondern will auch zurück-gewollt werden. Das muss auch gezeigt werden, freiwillig aus sich heraus und wie zufällig genau so, wie sich das Gegenüber das wünscht. Nicht einfach.

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Heteronorm

Heteronormativität ist die Einstellung, dass Heterosexualität der normale und natürliche Ausdruck von Sexualität ist. Wo eine Norm ist, sind auch Ausschlüsse: Menschen, die nicht in die Norm passen, und denen die damit verbundene „normale“ Behandlung verwehrt bleibt. Heterosexualität wird privilegiert. Heteronormativität ist auch Basis für die RZB. Sich komplettieren und all das.

Die romantische Zweierbeziehung ist nicht symmetrisch. Das in der Beziehung zum Thema zu machen, ist aber schwierig: Weil die Liebe dem Ideal zufolge ausschließt, dass nicht fair zueinander sein im Bereich des Möglichen liegt.

Geschlechterdifferenz ist konstitutiv für die heterosexuelle Beziehung, expliziter Bezug auf eine unterstellte Unterschiedlichkeit ist zentraler Bestandteil.

Hetero-RZBs bestehen aus unterschiedlich vergesellschafteten Individuen. Frauen sind doppelt vergesellschaftet in Produktions- und Reproduktionssphäre, Kompromisse werden eher von ihnen erwartet. Männer sind in der Produktionssphäre privilegiert, werden dort immer noch besser bezahlt. Die gegenseitige Unterstützung in der RZB geht tendenziell zu Lasten der Frauen, auf die aufgrund immer noch unterschiedlicher Sozialisation mehr unbezahlte Arbeit zurückfällt.

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Herrschaft und Liebe

Die romantische Liebe ist herrschaftsförmig. Sie ist die Ideologie, die die Anziehung der in Zweigeschlechtlichkeit als einzigen naturalisierten Geschlechter sicherstellt. Das ist funktional für den Kapitalismus.

Die RZB ist aber auch der Ort, an dem wir Nähe finden, uns nicht zu verstellen brauchen. Theoretisch. Manchmal verstellen wir uns, weil uns die Beziehung wichtig ist. Manchmal beschwert man sich mal nicht oder äußert Bedürfnisse nicht, weil das die Beziehung belasten würde. Aber theoretisch ist die RZB eine Bindung, auf die man sich verlassen kann. Und das ist unabhängig von dem gesellschaftlichen Zweck, den sie erfüllt, ~eigentlich eine gute Sache.

Die RZB ist ein Austausch, man kann an ihr wachsen, Bedürfnisse aufeinander einstellen.
Aber diese Bindung ist immer auch ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis. Man hat sich aufeinander eingestellt. Und wenn das zu Ende ist, steht man da als eine Hälfte von etwas nicht mehr Existierendem.

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Abschottung

Romantische Liebe bedeutet auch Abschottung. Die Zweisamkeit schließt Dritte aus. Die RZB hat Priorität und alle anderen müssen hinter ihr zurückstehen. Die RZB ist die letzte Person, der man absagt. [Das gilt auch für hierarchische Mehrfachbeziehungen.]

Die RZB ist auch ein Ort viel zu hoher Erwartungen. Dinge, die man auch in Freundschaften bekommt, wenn man keine RZB führt, werden in die RZB verlagert und exklusiv gemacht. Alle Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Sex, treffen auf nur eine Person, die diese erfüllen soll. Und die Bedürfnisse dieser einen Person stimmen vielleicht auch nicht immer mit den eigenen überein. Wenn die RZB nicht mehr funktioniert, führt das auf einen Schlag zu einem riesigen Verlust, weil man so viele Bedürfnisse in sie hinein verlagert hat.

Die Abschottung wirkt noch auf andere Weise: Menschen außerhalb reproduzieren das Innen/Außen mit und mischen sich nicht so leicht in die Angelegenheiten der RZB ein. Die RZB gilt als freiwillig. Die materiellen, sozialen, emotionalen Zwänge, die sich in der Beziehung einstellen, müssen ausgeblendet werden wegen der Anforderungen, die das Ideal an uns stellt: Unsere Autonomie zu wahren und unabhängig zu bleiben. Das ist in einer Realität mit gemeinsamen Freunden, Verpflichtungen und sich aufeinander verlassen, nicht einfach. Dabei ist sich aufeinander verlassen können zentral für die RZB.

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Keep your Politics out of my Everything

Der Anspruch, die Politik irgendwo „rauszuhalten“, gehört zu den Spaltungen kapitalistischer Gesellschaften. (Könnt ihr hier genauer nachlesen, ich schreibs aber nochmal kürzer auf. Don’t sue me.)

Es gibt drei große Spaltungen in der kapitalistischen Gesellschaft, die für diese funktional sind. Die Trennung in …

1. Gesellschaft und Politik

Die bürgerliche Gesellschaft ist konzipiert als eine apolitische Sphäre, in der alle für sich Privatinteressen nachgehen können, und eine politische Sphäre, in der Allgemeininteressen verhandelt werden. Im Liberalismus merkt man diese Trennung z.B. an dem Anliegen, von Einwirkungen des Staates (also der Politik) möglichst verschont zu bleiben. Die persönlichen Interessen erscheinen so als unpolitisch. Gesellschaft wird damit zu einer Sphäre, in der man sich nicht füreinander interessiert. Wir nehmen uns im Vorbeilaufen auf der Straße nicht als voneinander abhängig und in Allgemeininteressen verbunden wahr. Unsere gemeinsamen Anliegen diskutieren wir in der Politik. Die Gesellschaft entziehen wir deren Zugriff.

2. Öffentlichkeit und Privatsphäre

Während in der vorbürgerlichen Gesellschaft Familie, Wirtschaft und Politik noch in Haus/Hof/Familie zusammenfielen, kam es mit der Industrialisierung zu einer klaren Trennung von öffentlichem und privatem Leben, von Produktions- und Reproduktionssphäre, mit einer spezifischen Arbeitsteilung. Die Produktion verlagerte sich von Haus und Hof weg in die Lohnarbeit. Die Reproduktion (die Herstellung und Wiederherstellung von Arbeitskraft) verblieb im [dann] Privaten.

Mit dieser Aufteilung kam es zu einer unterschiedlichen Vergesellschaftung von Männern und Frauen. Männern war der öffentliche Bereich zugewiesen (die Lohnarbeit), Frauen der private Bereich (die Sorge für Mann und Kinder, die Pflege der Eltern) in finanzieller Abhängigkeit vom Mann. Die unterschiedliche Vergesellschaftung besteht bis heute fort, wenn auch in abgemilderter Form. Heute sind Frauen doppelt vergesellschaftet, d.h. dass sie auch einem Beruf nachgehen, ist selbstverständlich. Die Anforderungen an Männer im Privaten haben sich aber nicht im gleichen Maß verändert. Es wird nicht erwartet, dass sie nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben. Wenn sie sich an der Hausarbeit beteiligen, ist oft von „helfen“ die Rede, als wäre diese Arbeit eigentlich nicht ihre.

Die Öffentlichkeit ist als Raum mit stereotyp männlichen Anforderungen (Rationalität, Härte, Durchsetzungsfähigkeit) konzipiert. Die Privatsphäre ist der Raum für stereotyp Weibliches (Intimität, Geborgenheit, Schwäche zeigen können). Zu unserem Rückzugsraum vom Öffentlichen, dem Privaten, gehört die Beziehung, die damit hoffnungslos überlastet wird.

3. Gesellschaft und Individuum

Die Menschen in diesem kollektiven Produktionszusammenhang Gesellschaft tauschen sich nicht darüber aus, wer was braucht und wie viel. Die Waren werden über den Markt vermittelt. Die Menschen brauchen keine persönlichen oder politischen Beziehungen zu den Produzierenden zu unterhalten. Sie müssen die Bedingungen des Zustandekommens der Waren nicht mitbekommen. Das nennt man Entfremdung.

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Diese drei großen Spaltungen der Gesellschaft schränken die Menschen in ihrer Handungsfähigkeit ein. Sie führen zu Entfremdung und Hilflosigkeit, verhindern Austausch und kollektives Handeln. Emanzipation und die Wiedererlangung der Kontrolle über das eigene Dasein würden also erfordern, diese Spaltungen aufzuheben, abzumildern, oder außer Kraft zu setzen.

Was machen wir stattdessen? Politik aus dem Privaten raushalten. Dinge bitte nicht in das big Picture einordnen.

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Warum Liebe weh tut

Die meisten kennen diesen Schmerz, der mit der Liebe verbunden ist: Verliebtsein in eine Person, die das nicht erwidert oder sich nicht binden will. Ein Beziehungsalltag, der hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das gebrochene Herz. Oder zermatscht und über den Zaun getreten.

Wir verarbeiten Probleme aus unserer Kindheit in unseren späteren Beziehungen, sagen die Freudianer. Und deswegen verorten wir heute, obwohl die meisten von uns sehr ähnliche Erfahrungen mit der Liebe machen, Ursachen und Verantwortung für unsere Unfähigkeit, zu lieben und glückliche Beziehungen zu führen, nicht bei der Liebe oder unseren vorherrschenden Begehrens- und Beziehungsformen, sondern bei uns selbst.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sich die Gemeinsamkeiten in unseren Erfahrungen mit der Liebe genauer angeschaut, und kam zu einem anderen Ergebnis: Das Problem ist nicht eine fast schon kollektiv unzulängliche Psyche, sondern, wie die romantische Liebe heute funktioniert.

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle gestehen verletzbarer macht als jemals zuvor. Illouz erklärt in ihrem Buch „Why Love Hurts“, woran das liegt.

Früher gab es Klasse als Schutz, der das Gesicht wahren ließ bei Zurückweisung. Eine Zurückweisung als „nicht standesgemäß“ hatte nichts mit der zurückgewiesenen Person zu tun, sondern mit ihrem sozialen Hintergrund. Es gab Courtship Practices, Werbungspraxen, die das Gesicht wahren ließen, wenn man abgewiesen wurde. Das waren Regeln für eine langsame Annäherung, Schritt für Schritt, von beiden Seiten, und auf Wechselseitigkeit aufgebaut. Gefühle sollten sich langsam entwickeln. Ein Aussteigen war jederzeit möglich, wenn die entsprechenden Signale ausblieben. Ohne größere emotionale Verluste.

In den Beziehungen setzte sich das fort. Einmal getroffene Entscheidungen für eine*n Partner*in wurden nicht so leicht wieder in Frage gestellt. Frauen lebten zwar in finanzieller Abhängigkeit von ihren Männern, emotional waren sie aber nicht so leicht zu erschüttern, weil Ehe und Familie als solidarische Bindungen verstanden wurden, und nicht, wie heute, als Hort der Selbstverwirklichung.

Wenn man heute liebt und abgelehnt wird, hat man in Zeiten neoliberaler Subjektivierung ein Problem mit dem Selbst.

Wenn deine Beziehungen kaputt gehen: Bist du nicht begehrenswert genug. Verbessere dein Selbst. Es zählt nur noch die Liebe. Und wer nicht geliebt wird, hat ein Problem mit seinem sozialen Wert. Was stimmt nicht mit dir, dass niemand bereit ist, dich zu lieben?

Der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, wenn nicht ganze Industriezweige Abhilfe für Probleme versprechen würden, die es ohne ihn so nicht gäbe. In dem Fall: Psychotherapien, Paartherapien, Selbsthilfe-Literatur und Frauenzeitschriften, die voll sind mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Beziehungsaufbau, „How to Make Him Want You“, „Liebe lernen“, „Wie Partnerschaft gelingt“, „Stop Hurting“.

Liebe ist ein Markt. Sex ist ein Markt. Sexiness ist Kapital auf dem Dating-Markt, käuflich und konsumierbar. Sex hat nicht erst in Sexarbeit Warenform.

Wir evaluieren heute potentielle Partner*innen nach zwei Kriterien: Emotionaler Intimität und psychologischer Kompatibilität auf der einen Seite, Sexiness auf der anderen.

Die erstere Idee sucht, die unterschiedlichen Eigenschaften und psychologischen Verfasstheiten der Beteiligten miteinander zu vereinbaren, kompatibel zu machen. Und Sex Appeal oder Sexiness spiegelt den kulturellen Schwerpunkt auf Sexualität und körperlicher Attraktivität wider, unabhängig von moralischen Werten, also auch von der ersteren Idee, den Emotionen.

Schönheit war früher nicht sexuelle Ausstrahlung, sondern gleichzeitig körperliche und geistige Kategorie. Sexiness funktioniert unabhängig vom Geistigen.

Sexuelle Anziehung ist eine Ware. Die notwendige Ressourcenverknappung erfolgt durch Körpernormen. Den höchsten Wert haben normschöne Körper. Weiß / nicht schwarz, dünn / nicht dick, cis- / nicht trans, ableisiert / nicht behindert. Diesen Wert kann man herstellen und steigern durch Arbeit: Sport, Diäten, Operationen, Hautaufhellung, Haarglättung, Kosmetik, Mode; Investition von Zeit und Geld steigert die heteronormative Begehrbarkeit.

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Wahlfreiheit und Autonomie

Wahlfreiheit ist das Leitbild unserer Zeit. Wahlfreiheit und der Anspruch, die bestmögliche Wahl zu treffen, nicht eine passende oder ausreichend gute, sondern die zum jeweiligen Zeitpunkt beste.

Es gibt heute eine fast unbegrenzte Auswahl potentieller Partner*innen, und immer noch eine Möglichkeit, dass die nächste Beziehung die bessere Wahl wird. Ständige Introspektion und Selbstreflexion macht die Entscheidungen schwerer. Wer bin ich? Was will ich? Was erwarte ich von der Liebe? Bekomme ich genug von dem, was ich brauche?

Das ist zu viel Auswahl, wenn man Illouz folgt, um uns noch festlegen zu können. Die Folge ist Überforderung und unglückliche Liebe.

Liebe und Beziehung gehören zu den Lifestyle Choices mit der größten sozialen Anerkennung. Anders als im Beruf, den die meisten ausüben aus dem einfachen Zwang heraus, Überleben finanzieren zu müssen, werden hier noch deutlich größere Entfaltungsmöglichkeiten gesehen. Mehr Freiheit.

Wir brauchen heute mehr als je zuvor die Liebe als Rückzugsraum, in dem unsere Bedürfnisse nach Nähe und Zuneigung erfüllt werden, in dem wir unverstellt Anerkennung finden können. Und die Notwendigkeit dieser Anerkennung macht unser innerstes Selbst verletzbar.

Illouz folgt Bourdieus Konzept vom sozialen Kapital und zeigt, wie viel von ihrem Selbstwert nicht nur aber vor allem heterosexuelle Frauen über die Wahrnehmung von außen beziehen. Zu einem großen Teil über ihre Begehrbarkeit.

Beziehung ist Quelle für Bestätigung und sozialen Wert.

Die Anforderungen an die Geschlechter sind dabei durch Sexismus strukturiert. Heterosexuelle Männer sind von Zwängen etwa durch Schönheitsnormen in erheblich geringerem Maß betroffen und haben bessere Möglichkeiten, das auszugleichen. Weil sie in einer durch Sexismus strukturierten Gesellschaft als Kollektiv immer noch über mehr Machtmittel verfügen.

Postmoderne Liebe ist voller Widersprüche und paradoxer Anforderungen.

Wir haben den Anspruch an die Liebe, dass sie nicht begründbar sein darf. Jederzeit aus sich heraus gefühlt werden muss, um echt zu sein. Das heißt, Liebe nach unseren heutigen Vorstellungen versperrt sich der Festlegung. Sie lässt sich nicht binden und nicht durch Absprachen festhalten. Das nimmt Sicherheit und Verbindlichkeit aus unseren Beziehungen.

Autonomie hat heute oberste Priorität. Aber Liebe zerstört Autonomie. Wer Liebe gesteht, riskiert, enttäuscht zu werden. Wer stärker liebt, begibt sich in eine emotional unterlegene Position. Wir wollen autonome Subjekte lieben. Wer liebt, ist aber nicht mehr autonom. Verfügbarkeit macht uninteressant[er].

Sich davon frei zu machen, gelingt auch heute noch heterosexuellen Männern besser als allen anderen. Ihre frühere Vormachtstellung hatte ökonomische Ursachen. Heute verschiebt sie sich hin zu einer (auch) emotionalen.

Unser Selbstwert ist eng mit der Liebe verknüpft. Die Liebe ist jetzt der Ort, an dem die meisten Erfüllung suchen. Und gleichzeitig unsicherer als je zuvor.

Das ist, warum Liebe weh tut.

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III. Alternativen

Mehrfachbeziehungen?

Mehrfachbeziehungen können helfen, Beziehungen zu entlasten. Bedürfnisse auf mehrere Menschen verteilen. Bedürfnisse, die in der einen Beziehung nicht erfüllt werden, in eine andere Beziehung tragen.

Mehrfachbeziehungen haben aber auch riesiges Potential, Ungleichheit zu verstärken. Die Gefahr, Bedürfnisshopping zu betreiben und nötigen emotionalen Support nicht zu leisten, ist groß. Womit wir wieder bei den Machtverhältnissen wären. Dem großen Ganzen, in das die meisten ihre „privaten“ Beziehungen nicht einordnen wollen.

Nicht-Monogamie kann man auf viele verschiedene Arten leben: Feste Partnerschaften, offene Beziehungen, Freundschaften, Monogamie plus, Polyamorie, Beziehungsanarchie, … Manche beinhalten Hierarchien, teils aus praktischen Gründen. Was nichts daran ändert, dass Hierarchien ein enormes Potential für Scheiße haben. Manche haben primäre und sekundäre Beziehungen, mit oder ohne Relationship Escalator.

Mehrfachbeziehungen sind nicht an sich schon emanzipatorisch, auch wenn viele, die so leben, das glauben. Den emanzipatorischen Anspruch muss man mitbringen. Und dann ist es immer noch harte Arbeit, die sich viele lieber nicht machen.

Was hindert uns? (Abgesehen von privilegierter Ignoranz und Faulheit.)

Eifersucht zum Beispiel, die Allzweckwaffe des romantischen Liebesideals.

Ziemlich viele der negativen Gefühle, die wir unter Eifersucht zusammenfassen – Unsicherheit, Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden, sich ausgeschlossen, nicht gut genug, unzulänglich fühlen, sind vermeidbar durch ein paar ganz banale Rücksichten. Wer The Ethical Slut gelesen hat, dürfte den Teil kennen.

Die Zweierbeziehung ist ein Sonderfall unter den Beziehungen. Die einzige, bei der wir davon ausgehen, dass sie exklusiv sein müsste. Bei Freundschaften glauben wir nicht, dass unsere Gefühle weniger werden, wenn wir mehrere Freund*innen haben. Eltern mehrerer Kinder lieben die einzelnen nicht weniger.

Man teilt nicht eine bestimmte Menge Zuneigung auf, die weniger wird, wenn sie auf mehr Menschen verteilt wird. Auf der anderen Seite haben wir aber nicht endlos Zeit, Kraft und andere Ressourcen, füreinander da zu sein. Das muss nicht, kann aber, zum Problem werden.

Dass man Eifersucht nicht einfach als persönliche Unzulänglichkeit abtun kann, dürfte nach dem Abschnitt über „Why Love Hurts“ klar geworden sein. Konkurrenzdenken ist eine logische Konsequenz der Vergesellschaftung in kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen. Solche negativen Gefühle zu individualisieren und auf eine unzulängliche Psyche zu schieben, wie das in unpolitischen / esoterischen [nicht nur] Poly-Zusammenhängen oft gemacht wird, ist meines Erachtens nicht der beste Umgang.

Aufmerksamkeit wollen ist nichts Schlimmes. Wenn Menschen in Konkurrenz zueinander gesetzt werden, um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen, ist auch Mehrfachbeziehung nicht emanzipatorisch.

Wenn Ressourcenverteilung ein Problem ist, hilft oft einfach die Rückversicherung, dass eine*m jemand nicht egal ist.

Und zum Schluss: Jede*r hat ein Recht auf Vorhersehbarkeit. Auch in Mehrfachbeziehungen.

Was Mehrfachbeziehungen leisten könnten: Helfen, mit Dingen, die in Zweierbeziehungen oft als selbstverständlich angenommen werden, anders umzugehen. Mehrfachbeziehungen brauchen explizitere Aushandlung, und da liegt ihr größtes Potential für positive Veränderung. Nicht allein im Schritt aus der Exklusivität.

Andere Alternativen?

Keine Beziehung(en), keine romantischen Beziehungen, Romantik hinterfragen. Nicht nur das „Zweier-“ an der Romantischen Zweierbeziehung problematisieren.

Konkretere, explizitere Aushandlung von Beziehungen, Zeiteinteilungen, Arbeitsteilung. (Wenn man zusammen lebt: Sexistische Arbeitsteilung explizit machen.)

Liebe, Freundschaft und Familie könnten sich einiges voneinander abschauen. Liebe hat ein Ablaufdatum. Freundschaft nicht. Den Unterschied erkennen und anders machen. Romantische Liebe könnte durch Annäherung an Freundschaft besser werden.

Merken, wo wir die RZB zum Nachteil anderer privilegieren. [Oder die Haupt- oder irgendeine andere Beziehung.] Hierarchien sichtbar machen.

Emotionale Abhängigkeiten nicht ausnutzen und nicht ausnutzen lassen. Nicht immer nur da sein. Zuhören, aber nicht immer nur Zuhören. Helfen. Aber nicht die Therapie ersetzen.

Sehen wo gängiges Beziehungsverhalten Teil männlicher Dominanzreproduktion ist.

Denkt euch was aus.

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Fefe, § 177 StGB und Nein heißt Nein

 

[Content Note: Diskussion von Vergewaltigung, Rape Culture]

tl;dr Zur Änderung des Vergewaltigungsparagrafen und warum es eine Schutzlücke ist, wenn Nein nicht Nein heißt

Felix von Leitner a.k.a Fefe hat mal wieder einen Blogpost geschrieben. Man sollte ihn ignorieren, ich weiß. Das gelingt mir gerade nicht, weil ich nicht damit klar komme, wie man mal eben so Opfer sexualisierter Gewalt verhöhnen und sich dafür auch noch feiern kann.

Worum geht’s?

Deutschland muss eine Lücke im Straftatbestand der Vergewaltigung schließen. Das findet Fefe nicht gut. Zitat:

Das Sexualstrafrecht soll verschärft werden.

Nach dem geltenden Paragrafen 177 Strafgesetzbuch setzt eine Vergewaltigung voraus, dass der Täter Gewalt anwendet, dem Opfer droht oder es ausnutzt, dass dieses sich in einer schutzlosen Lage befindet. Der Tatbestand der Vergewaltigung ist damit so eng beschrieben, dass sich laut Maas Fälle ergeben, die bisher nicht erfasst würden.

Ja. Die Fälle, die keine Vergewaltigung sind. Der Name deutet es ja schon an. Der „gewalt“-Part. Aber offensichtlich ist das nicht genug.

Vier Zeilen, um seine völlige Empathielosigkeit zu zeigen. Vielleicht kein Rekord für Fefe, dennoch auch für seine Verhältnisse ein ziemlicher Tiefpunkt.

Anschließend driftet er ohne Zurückhaltung in Maskulismus-Tropes ab:

Haben die Männer wirklich noch nicht genug die Arschkarte gezogen in unserer Gesellschaft? Reicht es nicht, dass Männer früher sterben, sich vorher totarbeiten, und bei Scheidungen die Kinder weggenommen kriegen? […]

Ich hatte es schon getwittert, ich wiederhole es nochmal: Es lässt tief blicken, dass Fefe die geplante Neufassung des Vergewaltigungsparagrafen nicht als Täter*innen sondern als Männer benachteiligend auslegt.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass er die Tragweite dieser Äußerung bemerkt und zurückrudert. Hat er nicht. Stattdessen beschimpft er in seinem Blog nun Leute, die seinen Text kritisieren und verlangt Argumente für die Gesetzesänderung

Die Argumente sind bekannt. Ich wiederhole sie aber gerne nochmal. [Ich verwende hier teilweise alten Text von mir selber wieder, falls jemandem was bekannt vorkommt.]

Was genau stimmt nicht mit dem deutschen Vergewaltigungsparagrafen?

Den kompletten Wortlaut des Gesetzes könnt ihr hier nachlesen. Die aktuelle Tatbestandsdefinition von Vergewaltigung lautet:

(1) Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,
2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

[…]

§ 177 StGB in der geltenden Fassung führt also nur dann zu einer Strafbarkeit eines sexuellen Übergriffs, wenn eine Nötigungshandlung (Drohung oder Gewalt) oder eine schutzlose Situation des Opfers vorliegen. Ohne Erfüllung dieser Tatbestandsmerkmale kann eine Bestrafung nicht erfolgen, auch wenn das Opfer mit den sexuellen Handlungen nicht einverstanden ist.

In Deutschland gibt es somit Vergewaltigungen, die de jure keine sind. Oder anders ausgedrückt: In Deutschland gibt es de facto Vergewaltigungen, die nicht strafbar sind.

So etwas nennt man eine Strafbarkeitslücke.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Da fehlt ein vierter Punkt, der ungefähr so lauten müsste:

4. ohne Zustimmung oder gegen ihren geäußerten Willen

Außerdem ist das „nötigt“ falsch und durch z.B. „dazu bringt“ zu ersetzen. Hier muss „nur“ nach mangelndem Einvernehmen gefragt werden. Mangelndes Einvernehmen erfordert keine Nötigung.

Die Lösung des Europarates

Die Konvention 210 des Europarates (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) ist am 1. August 2014 in Kraft getreten [Wikipedia | PDF (en) | PDF (de)]. Art. 36 der Konvention 210 definiert Vergewaltigung als vorsätzlich erfolgte Penetration ohne freiwillig gegebene Zustimmung.

Artikel 36 – Sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung

1 Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen oder sonstigen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass folgendes vorsätzliches Verhalten unter Strafe gestellt wird:

a) nicht einverständliches, sexuell bestimmtes vaginales, anales oder orales Eindringen in den Körper einer anderen Person mit einem Körperteil oder Gegenstand;

b) sonstige nicht einverständliche sexuell bestimmte Handlungen mit einer anderen Person;

c) Veranlassung einer Person zur Durchführung nicht einverständlicher sexuell bestimmter Handlungen mit einer dritten Person.

2 Das Einverständnis muss freiwillig als Ergebnis des freien Willens der Person, der im Zusammenhang der jeweiligen Begleitumstände beurteilt wird, erteilt werden.

[…]

Deutschland ist verpflichtet, diese Konvention umzusetzen und alle Vergewaltigungen unter Strafe zu stellen.

„Es gibt keinen Skandal“, erklärt Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (!) in seiner Rechtskolumne in der Zeit, auf die Fefe sich bezieht, zur aktuellen Gesetzteslage in Deutschland. Und macht dann seitenlange Ausführungen über Nötigungshandlungen. Ausführungen, die man sich getrost hätte schenken können, denn es ist bereits klar: Die Gleichsetzung „keine Nötigung“ mit „keine Vergewaltigung“ ist falsch. Wir diskutieren nicht mehr über Nötigung.

Das sehen die Opferverbände so (die Fischer konsequent in Anführungszeichen setzt) und das sieht der Europarat so (siehe oben). Fischer aber findet:

[…] Artikel 36 der Konvention des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt verlangt von der Bundesrepublik Deutschland nicht die Verwirklichung eines Paradieses der Moral.

„Paradies der Moral“ hieße, wenn man die geplante Änderung zugrunde legt, Leute nicht einfach ungefragt penetrieren zu dürfen. Das geht also offenbar einigen schon zu weit.

Aber wir sind ja Kummer gewöhnt. Fefe ist ja auch mit Menschen auf Vornamenbasis (Julian Assange), die von Schweden als einem Saudi-Arabien des Feminismus sprechen, weil man nach dortigem Recht nicht einfach schlafende Frauen penetrieren darf.

Das Argument ist ein Strohmann

Ich hatte gestern auf Twitter das Fefe-Fandom gebeten, mir mal Fefes Argumente anzumarkern. Leider hat sich niemand bereit gefunden, das zu machen.

Aber natürlich habe ich das „Argument“ auch allein gefunden. Es ist ein Strohmann-Argument, das ungefähr so alt wie unsinnig ist: Beweisschwierigkeiten.

BGH-Richter Fischer erklärt in seiner Kolumne, er wolle Beweisschwierigkeiten nicht überbetonen, um … ich möchte jetzt einem Strafrichter am BGH nichts unterstellen, aber für mich sieht es schon ein bisschen so aus, als täte er dann genau das. Was er jedenfalls nicht tut: Klarstellen, dass das nichts miteinander zu tun hat.

Fefe dagegen betont nicht nur über. Er hat dieses (Strohmann-) Argument und kein anderes.

Also nochmal langsam:

§ 177 StGB stellt in seiner aktuellen Fassung nicht jede Form von sexuellen Handlungen ohne Zustimmung unter Strafe.

Wir verlangen von den Opfern ausreichende Gegenwehr, zu der sie womöglich nicht in der Lage sind, anstatt von Täter*innen, sich zu überzeugen, dass ihr Gegenüber Sex mit ihnen haben will.

Das ist Rape Culture.

Der Unterschied zwischen sexualisierter Gewalt und Sex hängt nicht davon ab, ob sich jemand wehrt oder nicht. Ein sexueller Übergriff ist bereits ein Übergriff bevor und unabhängig davon, ob sich das Opfer wehrt. Die Tat wird nicht erst mit der Gegenwehr zur Tat.

Alle nicht einverständlichen sexuellen Handlungen sollten strafbewehrt sein.

Auch Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind, sich zu wehren oder ihren Willen zu äußern, z.B. weil sie starr vor Schreck sind, müssen geschützt werden.

Es ist nicht zu viel verlangt, sich zu versichern, ob Einverständnis besteht.

Wie stellt das Gericht fest, ob Einverständnis vorlag oder nicht? Durch Beweisaufnahme, wie sonst auch. Das hat nichts mit der Tatbestandsdefinition zu tun.

Einer angeklagten Person muss die Tat nachgewiesen werden. Das ist bei § 177 StGB oft schwierig. Das wird es nicht erst durch die geplante Neuregelung.

Beweisschwierigkeiten sind kein plausibler Grund, Tatbestände nicht unter Strafe zu stellen.

Fefes „Wie soll ich mich denn verteidigen“ ist also auch Bullshit. Ihm muss die Tat nachgewiesen werden, nicht die Unschuld.

Was wird sich durch die neue Regelung ändern? In Fällen, in denen unstreitig keine Zustimmung vorlag, haben die Opfer nicht mehr einfach „Pech gehabt“, weil sich die Tat nicht als Vergewaltigung qualifizierte. Viele Fälle werden deshalb nicht angezeigt oder verfolgt, weil sie nach der aktuellen Gesetzeslage keine Vergewaltigungen sind.

Für den Europarat steht in Deutschland eine Hürde zu viel im Gesetz: Wir verlangen eine Nötigungshandlung in Form von Drohung oder Gewalt. Daraus ergibt sich eine Schutzlücke. Vergewaltigung selbst ist Gewalt. Please do the math.

Bitte fragt euch, wie man ticken muss, damit man „Nein heißt Nein“ als „Arschkarte“ für „die Männer“ wahrnimmt.

//

Update 15:20:

[#CN Gewalt]

FAQ: Ist Zwangsernährung dann nicht Vergewaltigung?

§ 177 StGB hat einen Kontext: Sexualisierte Gewalt. Zwangsernährung ist i.d.R. nicht sexualisiert und steht damit i.d.R. nicht im Kontext sexualisierte Gewalt (i.d.R. = in der Regel, nicht „nie“). Gewalt ist sie dennoch. Der Straftatbestand der Körperverletzung kann erfüllt sein, wenn hier Zwang „gegen den Willen“ bedeutet.

Critical Nerdness: Fefe, die Fundis und der ganze Rest

[Content Warnung: Rassismus]

tl;dr Fefe erklärt Privilegien und Herrschaftspositionen am Beispiel seiner selbst und dies ist das Making of.

Derailing für Anfänger ist gar nicht wirklich eine Anleitung. Das scheint Leser Felix von L. (Name geändert), der das Verschwörungsblog Fefes Blog betreibt, allerdings entgangen zu sein, anders lässt sich sein Beitrag über Sigmar Gabriels Auftritt bei den Jusos kaum erklären.

Was hat Gabriel beachtenswertes gemacht? Unter Verweis auf den Nationalsozialismus – der natürlich unbestreitbar schlimm war – behauptet, dass es heutzutage keine Rassisten in der CDU gibt. Das ist natürlich großer Quatsch. Klar gibt es Rassisten in der CDU. Allein Erika Steinbachs Äußerungen reichen für drei Rassisten. Und auch in der SPD gibt es welche. Wie überall.

Nachdem Fefe den „Einlauf“, den Gabriel von den Jusos bekommen habe, nun vordergründig gewürdigt hat, geht es im Text bergab. Denn jetzt wirft Fefe Antideutsche, Woman’s Rights Bewegung, „Privilegien“-Slang, „die Weltrevolution“ und „Fundamentalisten“ in einen Topf, und toppt damit jede Extremismustheorie.

Auf der anderen Seite sind die Jusos natürlich auch politisch überhaupt nicht ernstzunehmen mit ihrem Antideutschen-und-Womyn’s-Rights-Vokabular. Check mal deine Privilegien, Alter!1!!

Und damit ist auch klar, dass Gabriel nur auf Granit beißen konnte, egal mit welchen Argumenten er gekommen wäre. Fundamentalisten kann man nicht mit Argumenten oder Kompromissen überzeugen. Bei Fundamentalisten bringt es nichts, wenn man auf bereits erzielte Errungenschaften verweist.

Wenn das mal kein Strohmann ist.

Von welchen Errungenschaften Herr Fefe hier ausgeht, bleibt unklar. Im Zweifel die beliebten Klassiker: „Können wir nicht einfach miteinander klarkommen?“, „Also, ICH sehe Hautfarbe überhaupt nicht!“, oder „Wir können doch nicht jedem Armutsflüchtling Asyl geben!“

Im Gegenteil wird einem dann erst Recht vorgeworfen, dass man die Weltrevolution mit faulen Kompromissen aufhält.

Das kann durchaus passieren, wenn man den Hinweis auf aktuelle Probleme damit kontert, dass in der Vergangenheit bereits andere Probleme gelöst wurden. Da passt ja die Antwort nicht so ganz zur Frage. „Weltrevolution“ ist darüber hinaus keine hegemoniale Position bei den Jusos, und insofern die Unterstellung dieses Vorwurfs abwegig. Was allerdings interessant ist: Dass Fefe theoretisch in der Lage ist, „Weltrevolution“-Gelaber als Appeal to bigger problems Fehlschluss zu erkennen. Merken wir uns das für später, das werden wir nochmal brauchen!

Der Gabriel kann froh sein, dass ihm niemand Derailing vorgeworfen hat (das solltet ihr überhaupt mal in Ruhe lesen, vielen ist ja gar nicht klar, dass es dieses Gedankenspektrum überhaupt gibt.

Leute, die sich mit Fallacies in wohlfühlgewissen Diskussionen auseinandersetzen. Ein Gedankenspektrum. Leute, die sich Gedanken machen sozusagen. Ganz schlimm.

Und auch äußerst zielgruppenorientiert: Es wird als von allen Lesenden als sofort und zweifelsfrei erkennbar dargestellt, dass nichts dran sein kann.

Money Quote:

Der Prozess, „Fakten” höher zu bewerten als „Meinungen” ist sehr stark im Interesse verwurzelt, Privilegien zu bewahren.

Viel Spaß bei der Lektüre!)

Hier wird nun der pisa-geplagte Nerd vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt: Anführungszeichen. How do they work?

Um dem ganzen mal direkt die Spannung zu nehmen: Es ging in dem Text gerade darum, dass behauptete Fakten nicht immer gleich Fakten sind und Meinungen oft mehr als „nur“ Meinungen. Dass es eben nicht so einfach ist wie Fakten = gut, Meinungen = böse. Dass wir alle voreingenommen, interessengeleitet und vielleicht nicht immer so wissenschaftlich und „rational“ sind, wie wir uns das gerne einbilden.

Und dann kommt der Lautsprecher der Nerdfraktion, zieht aus einem 82.000 Zeichen / 12.000 Wörter Text, 1 (in Worten: einen) Satz raus, und versagt dann noch bei der Erfassung der Anführungszeichen um „Fakten“ vs. „Meinungen“. Well.

Ab hier wird’s albern.

Ich betrachte ja dieses Privilegien-Checken-Getue ähnlich wie die Pro-Life-Fraktion. Die haben sich lange genug eine Nische so zurechtgelegt, dass sie sich in einer Opferrolle hinein interpretiert haben.

Mal ganz abgesehen davon, dass Fefe hier eine Gruppe – ich nenne sie einfach mal expliziter als er das tut Feminist*innen – die sich gegen Abtreibungsverbote und für die körperliche Autonomie von Frauen einsetzt mit ihrem politischen Gegner gleichsetzt, fällt er auch noch auf die Propaganda dieser Gegner herein, und übernimmt deren Selbstbezeichnung als „Pro Life“, statt sie Anti Choice zu nennen. Die sind nicht „für Leben“, wie Fefe gleich sogar noch selber feststellen wird.

Im Einzelnen: Wenn Fefe schreibt „ich betrachte“ [dies als so und so] ist seine eigene Subjektivität plötzlich Objektivität. „Opferrolle“ ist eine „schöne“ Verallgemeinerung, mit der er von vornherein ausschließt, dass tatsächliche Marginalisierungen angesprochen sein könnten.

Gerade bei den Pro-Lifern ist das zu schön, wenn sich weiße Mittelschichtsangehörige mit Eigenheim und zwei Autos als verfolgte Minderheit fühlen.

Was haben die weißen Mittelschichtsangehörigen mit Eigenheim und zwei Autos mit den Marginalisierten zu tun? Wir dürfen gespannt sein. (Strohmann, falls es jemand nicht gemerkt hat.)

Und überhaupt: Schreibt wer? Selbstständiger Informatiker, offenbar sich häufiger mal Auslandsreisen leisten könnend, whiter than sour cream.

Nach dem Principle of Charity ist Fefe hier immerhin zugute zu halten, dass er wenigstens nicht eine eigene „Marginalisierung“ ins Feld führt, wie etwa Christopher Lauer im Berliner Parlament seinerzeit mit seiner „Wir sind Nerds“-Rede.

Dieses indignierte Gestikulieren empfinde ich als sehr unterhaltsam. Und genau wie man nie jemanden von der Pro-Life-Fraktion sieht, der ein paar schwarze HIV-Babies adoptiert, deren Vater unbekannt und deren Mutter Crack-abhängig ist und abtreiben wollte,

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

genau so wenig kann man Privilegien-Checken-Leute dabei beobachten, wie sie tatsächlich Privilegien abzugeben gewillt sind, sobald das mit persönlichen Einschnitten in die Lebensqualität verbunden wäre.

Und hier eine Burden of Proof Fallacy / Argumentum ad ignorantiam.

(Fun Fact: Unterhaltsamerweise ist das das Gegenteil der KlaueFischer „Argumentation“ [Originalquellen: Klaue, Fischer], nach der Einschnitte in die Lebensqualität Ausdruck „puritanischer Lustfeindlichkeit“ sind.)

Zieht jemand von denen nach Afrika und hilft da Verhungernden?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

Setzt da wer ein Testament auf, das ihr Hab und Gut an die Zigeuner vererbt, wenn sie mal welches erlangen sollten?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp eingeschlichen.

Lernt da jemand Brotbacken und verteilt das Brot unter den Armen?

Ja, absolut machen die das. Viele von „denen“ machen soziale Arbeit oder engagieren sich neben ihrem Tagesjob.

Zahlt da jemand freiwillig mehr Studiengebühren, weil das ein Privileg ist?

Weil die alle Geld zu viel haben und das in ihre Unis investieren wollen?

Zahlt jemand von denen seine Arztrechnung lieber aus eigener Tasche und lässt die Versicherung in Ruhe?

Um den scheiß Kapitalismus zu unterstützen? Jemand zu Hause?

Geben diese Leute alles auf, werden Arzt und ziehen nach Haiti und helfen da
Menschen?

Ja, das machen Leute.

Nein.

Doch.

Aber wisst ihr, wer das macht?

Die Kubaner.

Die™.

Und denen geben wir zur Strafe noch ein Handelsembargo oben drauf.

Auf die Gefahr hin, dass das kein Witz werden sollte: Das reicht nicht mal für eine Post Hoc Fallacy, weil der zeitliche Zusammenhang schon nicht gegeben ist.

Ich hab neulich so einen Artikel gelesen […]

*auf die Uhr guck*

Wir im Westen führen einen Studiengang ein, legen uns eine neue Sprache dafür zurecht, und glauben, damit irgendjemandem geholfen zu haben.

Fefe als $Aufzählung_unmarkierter_Gruppen ist „der Westen“. Kann Spuren von Wahrheit enthalten. Aber keine von Einsicht. (Ich mag ja keine Europäer*innen, die verallgemeinern alle immer so.)

[…]

Wenn wir mal ehrlich sind, ist schon die Tatsache, dass wir uns hier über Geheimdienstexzesse und Internetfilter unterhalten, ein seltenes Privileg.

Vgl. „oppression olympics“.

In Ländern, in denen plötzlich Wohlstand ausbricht, z.B. China, ist der genau so schlecht verteilt wie bei uns. Ein paar Superreiche, und das Gros der Bevölkerung ist knapp über dem Verhungern oder hungert. Solange wir dafür keine Lösung finden, müssen wir über den Rest gar nicht reden.

Und hier nun „erst muss die Weltrevolution kommen“-Gelaber, über das er sich oben bei anderen beschwert.

Solange wir schon innerhalb unseres Landes und der EU nicht in der Lage sind, Obdachlosigkeit abzuschaffen, und dafür zu sorgen, dass im Winter niemand erfriert, weil Heizen zu teuer war, werden wir die Ungerechtigkeit gegenüber anderen Teilen der Erde ganz sicher nicht lösen können.

Was für ein bestechendes Argument, Probleme nicht zu lösen.

Und im Grunde will das ja auch niemand. Sonst könnte die EU sowas wie Frontex ja gar nicht machen, wenn nicht die breite Mehrheit der Bevölkerung das insgeheim so haben wollen würde.

Ja, so nah dran.

Und unsere „Entwicklungshilfe“. Damit wir uns weniger schuldig fühlen, […]

Und hier flackert dann tatsächlich noch fast sowas wie Erkenntnis auf. Aber:

Aber Hauptsache ihr habt alle eure Privilegien gecheckt! Dann sterben gleich ne Million Afrikaner weniger an Hunger — oder an deutscher Munition aus deutschen Gewehrläufen.

Da haben wir dann nochmal eine Appeal to bigger problems Fallacy. Und mehr Rassismus.

Wenn das keine Benchmark für privilegierte Ignoranz ist, dann weiß ich auch nicht.

Einen Absatz habe ich oben herausgekürzt, um ihn nochmal ernsthafter zu behandeln, weil er so symptomatisch für das gesamte Problem ist:

Unser Wohlstand basiert auf einer historischen Schuld, die leider nicht weggeht, wenn wir unsere Privilegien jetzt aufgeben. Und es geht ja leider auch den Unterprivilegierten nicht besser, wenn wir Privilegien aufgeben.

„Race“ ist eine Sozialstruktur. „Wir“ sind ALLE Rassisten. „Wir“ wüssten „uns“ und „die“ gar nicht zu unterscheiden ohne racialized Consciousness – rassisiertes Bewusstsein.

Diese „Vergangenheit“ hat bis heute zur Folge, dass Weißsein einen Wert hat. Dass Rassismusbetroffene völlig überraschend rassismusbetroffen sind. Dass weiße Menschen Bewohner*innen der unmarkierten Kategorie sind und NICHT über rassistische Stereotype abgewertet werden. Und das zu deren Vorteil ist. Und das Master Narrative – das herrschende Narrativ – sagt: Rassismus? Kennen wir gar nicht! Und ist das schlüssig, dieses so offensichtlich falsche Narrativ gelten zu lassen, nur weil eine Mehrheit, die davon profitiert, sagt „Isso weil isso“? Und dass Marginalisierte mit ihrem Counter Narrative Probleme haben, überhaupt zu Wort zu kommen, geschweige denn, ernst genommen zu werden? Wird das dem sonst so wissenschaftlichen Anspruch gerecht? Wer kann die Spielregeln festlegen, was als „rational“ gilt? Wer kann sie bisweilen brechen, ohne als „Meinung“ dazustehen?

An das Master Narrative stellt niemand diese Ansprüche an Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Faktentreue. Wenn Rassismusbetroffene ankommen und sagen „Hey, mich verletzt, dass du rassistische Wörter benutzt“ sagt der Mainstream „Ja, mir doch egal“ oder „Mach da erst mal ne Doppelblindstudie über dein Mimimi“. Oder macht sich über Derailing für Anfänger lustig, wo diese ganzen Entgleisungstechniken, die privilegierte Menschen benutzen, um dieses „Mir doch egal“ nicht offen eingestehen zu müssen, zerlegt wird.

Ja, „wir“ Weißen müssen uns mit unseren Privilegien beschäftigen. Privilegien hinterfragen, abgeben, abbauen, aufhören Leute zu marginalisieren und zu unterdrücken. Ja, damit ist Leuten geholfen. (Wenn ihr das als Privilegierte nur von euch und eurer Peergroup abfragt, kommt ihr da zu einem anderen Ergebnis, völlig klar.)

Wenn „wir“ unseren eigenen Rassismus konfrontieren, statt immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen, vorzugsweise auf Neonazis, Buschkowskys, Sarrazins, „die Amis“. Oder wie Sigmar Gabriel auf „den Nationalsozialismus“ verweist und meint, mit dieser weißdeutschen Erinnerungskultur wär aber auch mal genug gegen Rassismus getan, und wenn man Rassismus mit damals vergleicht, würde man verharmlosen. Umgekehrt macht das Sinn. Sonst geht Rassismus nie weg. Dann drücken „wir“ uns vor unserer Verantwortung mit Verweis auf „damals“.

Das ist liberale Wellness, sich immer nur über andere aufzuregen, statt sich mal die eigene Beteiligung einzugestehen. Rassismus geht viel weiter. Der fängt bei „uns“ an.

Es geht bei dem Ding mit den Privilegien um weit komplizierteres als einfach „Privilegien aufgeben“. Insofern wehrt sich Fefe auch hier wieder gegen einen Strohmann (und unterliegt einem Sein-Sollen-Fehlschluss, wo „Privilegien“ eine Analysekategorie ist).

„Wir“ müssen mal eingestehen, dass der Mythos der „unverdienten“ Priviliegen gar nicht mal so schlüssig ist. Rassismus reproduziert sich nicht über irgendeine Magie oder Raketenwissenschaft, mit der Menschen nichts zu tun haben, sondern den reproduzieren wir, beabsichtigt oder auch nicht, bewusst und unbewusst. „Wir“, nicht „die“.

Ja, das schmerzt. Ja, das kratzt am positiven Selbstbild, dass man Teil des Problems ist. Das verursacht kognitive Dissonanz, wo man sich doch selbst ganz gut findet, und sich doch auch engagiert und alles.

Aber da muss man dann vielleicht auch mal durch.

~

Danke an @Sokalist*n für das Lektorat und an @yetzt für das tl;dr.

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Dies ist eine Übersetzung des Textes „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ (1988) von Peggy McIntosh.

[Edited to add 10.12.2014: @evilmel_ hat mit ein paar anderen die Übersetzung nochmal überarbeitet. Danke!]

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Tägliche Auswirkungen von White Privilege
Schwer fassbar und flüchtig
Verdiente Stärke, unverdiente Macht

„Mir wurde beigebracht, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit zu sehen, nicht in unsichtbaren Systemen, die meiner Gruppe Dominanz verleihen.“

Peggy McIntosh

Bei der Arbeit, Materialien und Perspektiven aus der Frauenforschung in den Rest des Lehrplans zu bringen, habe ich oft den Unwillen von Männern bemerkt, einzuräumen, dass sie ihm Lehrplan übermäßig privilegiert sind, selbst dann, wenn sie einräumen, dass Frauen benachteiligt sind. Sie mögen sagen, dass sie auf die Verbesserung des Status von Frauen in der Gesellschaft, der Universität oder im Lehrplan hinarbeiten wollen, aber dass sie nicht die Idee unterstützen können oder wollen, den von Männern zu verringern. Bestreiten, das Tabus gleichkommt, umgibt das Thema Privilegien, die Männer durch die Benachteiligung von Frauen gewinnen. Dieses Bestreiten schützt davor, dass männliche Privilegien voll anerkannt, vermindert oder beendet werden.

Indem ich über nicht anerkanntes männliches Privileg als Phänomen nachdachte, erkannte ich, da Hierarchien in unserer Gesellschaft ineinandergreifen, dass es höchstwahrscheinlich ein Phänomen beim White Privilege gibt, das gleichermaßen bestritten und geschützt wird. Als weiße Person, erkannte ich, ich war Rassismus als etwas gelehrt worden, das anderen zum Nachteil gereicht, war aber nicht gelehrt worden, einen seiner resultierenden Effekte, das weiße Privileg, zu sehen, das mir einen Vorteil verschafft.

Ich denke, Weißen wird so sorgfältig beigebracht, White Privilege nicht zu erkennen, wie Männern beigebracht wird, Male Privilege nicht zu sehen. So habe ich auf eine ungeschulte Art begonnen, zu fragen, wie es ist, White Privilege zu haben. Ich sehe White Privilege jetzt als ein unsichtbares Paket unverdienten Vermögens, auf dessen Einlösung ich mich jeden Tag verlassen kann, bei dem aber vorgesehen war, dass ich es nicht wahrnehme. Weißes Privileg ist wie ein unsichtbarer gewichtsloser Rucksack voll mit besonderen Vorräten, Karten, Ausweisen, Codebüchern, Visa, Kleidung, Werkzeugen und Blankoschecks.

White Privilege zu beschreiben, macht eine*n neu verantwortlich. Wie wir in der Frauenforschung daran arbeiten, männliches Privileg aufzuzeigen, und Männer auffordern, ihre Macht aufzugeben, muss jemand, die*der darüber schreibt, White Privilege zu haben, fragen “Nachdem ich es beschrieben habe, was will ich tun, um es zu verringern oder zu beenden?”

Nachdem ich das Ausmaß, in dem Männer auf der Basis von nicht eingestandenem Privileg arbeiten, erkannt habe, habe ich verstanden, wie viel der Unterdrückung durch sie ihnen unbewusst war. Dann erinnerte ich mich an die häufigen Vorwürfe von Women of Color [1], dass weiße Frauen, denen sie begegnen, unterdrückend seien. Ich begann zu verstehen, warum wir (Weißen) gerade als unterdrückend gesehen werden, auch wenn wir uns nicht so sehen. Ich fing an, die Arten zu zählen, auf die ich unverdientes Privileg aufgrund meines Weißseins genieße, und auf die Nichtbeachtung dessen Existenz ich konditioniert worden war.

Meine Ausbildung hat mich nicht trainiert, mich selbst als Unterdrückerin zu sehen, als unfair begünstigte Person, oder als Mitwirkende an einer beschädigten Kultur. Mir wurde beigebracht, mich als Individuum zu sehen, dessen moralischer Zustand vom individuellen moralischen Willen abhängt. Meine Ausbildung folgte dem Muster meiner Kollegin Elizabeth Minnich, die darauf hingewiesen hat: Weiße lernen, über ihr Leben als moralisch neutral, normativ und durchschnittlich und auch ideal zu denken, so dass, wenn wir auf das Wohl anderer hin arbeiten, das als Arbeit dahin gerichtet gesehen wird, die “ihnen” erlaubt, mehr wie “wir” zu sein.

Tägliche Auswirkungen von White Privilege

Ich beschloss, an mir selbst zu arbeiten, indem ich wenigstens ein paar der täglichen Auswirkungen von White Privilege in meinem Leben identifiziere. Ich habe die Bedinungen ausgewählt, die in meinem Fall etwas mehr mit Privileg aufgrund meines Weißseins verknüpft sind, als mit Klasse, Religion, ethnischem Status, oder geografischer Lage, obwohl natürlich alle diese anderen Faktoren kompliziert miteinander verwoben sind. Soweit ich es beurteilen kann, können meine afrikanisch-amerikanischen Kolleg*innen, Freund*innen und Bekannten, mit denen ich in täglichen oder häufigen Kontakt komme, zu dieser/m speziellen Zeit, Ort und Arbeitsgebiet, auf die meisten dieser Bedinungen nicht zählen.

1. Ich kann, wenn ich möchte, arrangieren, die meiste Zeit in der Gesellschaft von Menschen zu sein, die, wie ich, weiß sind.

2. Ich kann vermeiden, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich zu misstrauen gelehrt wurde und die gelernt haben, meinesgleichen oder mir zu misstrauen.

3. Wenn ich umziehen muss, kann ich ziemlich sicher sein, eine Wohnung mieten oder kaufen zu können in einer Gegend, die ich mir leisten kann und in der ich leben wollen würde.

4. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Nachbar*innen in einer solchen Gegend neutral oder nett zu mir sind.

5. Ich kann die meiste Zeit alleine einkaufen gehen, und ziemlich sicher sein, dass ich nicht verfolgt oder belästigt werde.

6. Ich kann den Fernseher einschalten oder die Titelseite der Zeitung anschauen und Menschen repräsentiert sehen, die wie ich weiß sind.

7. Wenn mir über unser nationales Erbe oder “Zivilisation” erzählt wird, wird mir gezeigt, dass Menschen sie dazu gemacht haben, was sie ist, die, wie ich, weiß sind.

8. Ich kann sicher sein, dass meinen Kindern Lernmaterialien gegeben werden, die die Existenz von Menschen bezeugen, die, wie sie, weiß sind.

9. Wenn ich will, kann ich ziemlich sicher sein, eine*n Verleger*in für dieses Stück über White Privilege zu finden.

10. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Stimme in einer Gruppe, in der ich das einzige weiße Mitglied bin, gehört wird.

11. Ich kann sorglos darüber sein, ob oder ob ich nicht einer anderen Person in einer Gruppe, in der er*sie das einzige weiße Mitglied ist, zuhöre.

12. Ich kann in ein Musikgeschäft gehen und darauf zählen, die Musik vertreten zu finden bzw. in einen Supermarkt und die Grundnahrungsmittel kaufen, die meinen kulturellen Traditionen entsprechen und in einen Frisiersalon gehen und jemanden finden, der*die meine Haare schneiden kann.

13. Egal ob ich Schecks, Kreditkarten oder Bargeld verwende, kann ich darauf zählen, dass der Umstand, dass ich weiß bin, nicht gegen den Anschein meiner finanziellen Zuverlässigkeit arbeitet.

14. Ich kann dafür sorgen, dass meine Kinder die meiste Zeit vor Menschen, von denen sie wegen Vorurteilen nicht gemocht werden, geschützt sind.

15. Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen täglichen physischen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.

16. Ich kann ziemlich sicher sein, dass die Lehrer*innen und Arbeitgeber*innen meiner Kinder sie akzeptieren werden, wenn sie in Schul- und Arbeitsplatznormen passen; meine Hauptsorgen um sie betreffen nicht die rassistische Haltung anderer.

17. Ich kann mit vollem Mund reden und ohne dass Menschen das darauf zurückführen, dass ich weiß bin.

18. Ich kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen, oder Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidungen auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabet*innenrate der Weißen zurückführen.

19. Ich kann in der Öffentlichkeit zu einer mächtigen männlichen Gruppe sprechen, ohne dabei stellvertretend die Weißen auf den Prüfstand zu stellen.

20. Ich kann in einer schwierigen Situation gut abschneiden, ohne eine Ehre für die Weißen, genannt zu werden.

21. Ich werde nie gebeten, für alle Weißen zu sprechen.

22. Ich kann die Sprachen und Gebräuche von People of Color, die die Mehrheit in der Welt ausmachen, unbeachtet lassen, ohne in meinem weißen Umfeld eine Strafe für solche Gleichgültigkeit zu spüren.

23. Ich kann unsere Regierung kritisieren, und darüber reden, wie sehr ich ihre Konzepte und ihr Verhalten fürchte, ohne als Außenseiter*in aufgrund meines Weißseins gesehen zu werden.

24. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich die “verantwortliche Person” sprechen will, ich eine Person vor mir haben werde, die, wie ich, weiß ist.

25. Wenn ein*e Verkehrspolizist*in mich herauswinkt oder das Finanzamt meine Steuererklärung prüft, kann ich sicher sein, dass ich nicht ausgewählt wurde, weil ich weiß bin.

26. Ich kann leicht Poster, Postkarten, Bilderbücher, Grußkarten, Puppen, Spielzeug und Kinder-Zeitschriften mit Abbildungen von Menschen kaufen, die, wie ich, weiß sind.

27. Ich kann von den meisten Treffen von Organisationen, denen ich angehöre, nach Hause gehen und mich einigermaßen eingebunden fühlen anstatt isoliert, fehl am Platz, in der Unterzahl, ungehört, auf Abstand gehalten oder gefürchtet.

28. Ich kann ziemlich sicher sein, dass eine Auseinandersetzung mit eine*r Kolleg*in, die nicht wie ich weiß ist, eher seine*ihre Aufstiegschancen gefährdet als meine.

29. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich für die Förderung einer Person, die nicht wie ich weiß ist oder eines Programms, das sich um den Ausgleich rassistischer Diskriminierung dreht, argumentiere, unwahrscheinlich ist, dass mir das in meiner jetzigen Situation schadet, auch wenn meine Kolleg*innen mit mir nicht übereinstimmen.

30. Wenn ich erkläre, dass ein rassistisches Problem vorliegt, oder dass kein rassistisches Problem vorliegt, wird mein Weißsein mir mehr Glaubwürdigkeit für beide Positionen verleihen als eine Person of Color sie haben wird.

31. Ich kann mich entscheiden, die Entwicklungen im Minority Writing [Schreiben von Minderheiten] oder bei den Aktivismus-Programmen für Minderheiten zu ignorieren oder zu verunglimpfen oder aus ihnen zu lernen, in jedem Fall aber Wege finden, mehr oder weniger vor negativen Konsequenzen dieser Entscheidungen geschützt zu sein.

32. Meine weiße Sozialisation vermittelt mir kaum Befürchtungen davor, die Perspektiven und die Macht von Menschen zu ignorieren, die nicht, wie ich, weiß sind.

33. Mir wird nicht akut bewusst gemacht, dass meine Form, mein Verhalten oder mein Körpergeruch auf alle Menschen zurückfallen wird, die, wie ich, weiß sind.

34. Ich kann mir über Rassismus Gedanken machen, ohne als eigennützig oder selbstsüchtig gesehen zu werden.

35. Ich kann einen Job bei einer*m Arbeitgeber*in, di*er benachteiligte Gruppen fördert, annehmen, ohne dass meine Arbeitskolleg*innen vermuten, ich hätte ihn bekommen, weil ich weiß bin.

36. Wenn mein Tag, meine Woche oder mein Jahr schlecht läuft, brauche ich mich nicht bei jeder negativen Episode oder Situation zu fragen, ob sie rassistische Untertöne hatte.

37. Ich kann ziemlich sicher sein, Leute zu finden, die bereit sind, über meine nächsten beruflichen Schritte mit mir zu reden und mich zu beraten.

38. Ich kann über viele Optionen, soziale, politische, imaginäre oder berufliche, nachdenken, ohne zu fragen, ob eine Person, die, wie ich, weiß ist, akzeptiert oder ihr gestattet würde, zu tun, was ich tun will.

39. Ich kann zu spät zu einem Meeting kommen, ohne dass die Verspätung darauf zurückfällt, dass ich weiß bin.

40. Ich kann öffentliche Unterkünfte wählen, ohne Angst, dass Menschen, die, wie ich, weiß sind, nicht hinein können oder misshandelt werden an den Orten, die ich gewählt habe.

41. Ich kann sicher sein, dass, wenn ich rechtliche oder medizinische Hilfe benötige, der Fakt, dass ich weiß bin, nicht gegen mich arbeiten wird.

42. Ich kann meine Aktivitäten so arrangieren, dass ich nie Gefühle von Ablehnung erleben muss, die darauf beruhen, dass ich weiß bin.

43. Wenn ich geringe Glaubwürdigkeit als Führungskraft habe, kann ich sicher sein, dass nicht das Problem ist, dass ich weiß bin.

44. Ich kann leicht akademische Kurse und Institutionen finden, die nur Leuten Aufmerksamkeit schenken, die wie ich weiß sind.

45. Ich kann erwarten, dass Bildsprache und Bilder in allen Künsten von Erfahrungen von Menschen zeugen, die, wie ich, weiß sind.

46. Ich kann Abdeckstifte oder Pflaster in “fleischfarben“ nehmen und sie passen mehr oder weniger zu meiner Hautfarbe.

47. Ich kann alleine oder mit meine*m Ehefrau*mann reisen, ohne mit Verlegenheit oder Feindseligkeit derjenigen, die mit uns zu tun haben, zu rechnen.

48. Ich habe keine Schwierigkeiten, Wohnviertel zu finden, wo die Menschen unseren Haushalt billigen.

49. Meinen Kindern werden Texte und Unterrichtsstunden gegeben, die unsere Art der Familie implizit unterstützen und sie nicht gegen meine Wahl der häuslichen Partnerschaft einnehmen.

50. Ich fühle mich willkommen und “normal” in den üblichen Bereichen des öffentlichen Lebens, institutionellen und sozialen.

Schwer fassbar und flüchtig

Ich habe jede der Erkenntnisse auf dieser Liste immer wieder vergessen, bis ich sie niederschrieb. Für mich hat sich White Privilege als schwer fassbar und flüchtig herausgestellt. Der Druck, ihm aus dem Weg zu gehen, ist groß, denn wenn ich mich ihm stelle muss ich den Mythos der Meritokratie [2] aufgeben. Wenn diese Dinge wahr sind, ist dies nicht so ein freies Land, das Leben ist nicht, was man daraus macht: viele Türen öffnen sich für bestimmte Leute durch etwas anderes als ihre eigenen Tugenden.

Beim Auspacken des unsichtbaren Rucksacks mit White Privilege, habe ich Bedingungen alltäglicher Erfahrung aufgelistet, die ich vorher für selbstverständlich hielt. Auch habe ich von keiner dieser Bedingungen als schlecht für den Inhaber gedacht. Ich denke jetzt, dass wir eine feiner differenzierte Taxonomie [3] für Privilegien benötigen, da einige dieser Variationen nur das sind, was man für alle wollen würde in einer gerechten Gesellschaft, und andere die Lizenz geben, ignorant, ahnungslos, arrogant und destruktiv zu sein.
Ich sehe ein Muster die Matrix von White Privilege durchziehen, ein Muster von Annahmen, die an mich als weiße Person weitergegeben wurden. Es gab ein wichtiges Stück Kulturrasen, es war mein Rasen, und ich war bei denen, die den Rasen kontrollieren konnten. Mein Weißsein war ein Vorteil für jede Bewegung, die ich erzogen war, machen zu wollen. Ich konnte über mich als auf wesentliche Arten zugehörig denken, und daran, die Sozialsysteme für mich funktionieren zu lassen. Ich konnte frei verunglimpfen, fürchten, vernachlässigen oder ahnungslos sein gegenüber allem außerhalb der dominanten weißen Formen. Als Angehörige der weißen Dominanzkultur konnte ich diese auch ziemlich frei kritisieren.

In dem Maße, wie meine weiße Gruppe selbstsicher, ungezwungen und ahnungslos gemacht wurde, dürften andere Gruppen unsicher, unbehaglich und entfremdet geworden sein. Weißsein schützte mich vor vielen Arten von Feindseligkeit, Angst und Gewalt, die mir wiederum auf subtile Art antrainiert wurde, People of Color aufzuerlegen.

Aus diesem Grund erscheint mir das Wort “Privileg” jetzt irreführend. Normalerweise denken wir über Privilegien als in einer bevorzugten Lage sein, ob verdient oder durch Geburt oder Glück übertragen. Doch arbeiten einige der Bedingungen, die ich hier beschrieben habe, systematisch darauf hin, bestimmte Gruppen zu über-ermächtigen. Ein solches Privileg verleiht einfach Dominanz, weil jemand weiß ist.

Verdiente Stärke, unverdiente Macht

Ich will dann unterscheiden zwischen verdienter Stärke und unverdienter Macht. Verliehenes Privileg kann wie Stärke aussehen, wenn es tatsächlich eine Erlaubnis ist, zu entkommen oder zu dominieren. Aber nicht alle Privilegien auf meiner Liste sind zwangsläufig schädlich. Einige, wie die Erwartung, dass die Nachbar*innen anständig zu dir sein werden, oder dass vor Gericht nicht gegen dich verwendet wird, dass Du weiß, Schwarz oder Person of Color bist, sollten die Norm sein in einer gerechten Gesellschaft. Andere, wie das Privileg weniger mächtige Menschen zu ignorieren, verzerren die Menschlichkeit sowohl der Inhaber als auch der ignorierten Gruppen.

Wir könnten zumindest beginnen, indem wir unterscheiden zwischen positiven Vorteilen, bei denen wir daran arbeiten können, sie auszubreiten, und negativen Arten von Vorteilen, die, wenn sie nicht zurückgewiesen werden, immer unsere gegenwärtigen Hierarchien stärken werden. Zum Beispiel sollte das Gefühl, dass man in den menschlichen Kreis gehört, wie die amerikanischen Ureinwohner*innen sagen, nicht ein Privileg Weniger sein.
Im Idealfall ist das ein Anspruch, den man nicht verdienen muss. Derzeit, da nur Wenige ihn haben, ist es ein unverdienter Vorteil für diese. Dieser Artikel resultiert aus einem Prozess des Erkennens, dass einiges der Macht, die ich ursprünglich als zum menschliches-Wesen-Sein in den Vereinigten Staaten zugehörig sah, aus unverdientem Vorteil und übertragener Dominanz bestand.

Ich habe nur sehr wenige Männer getroffen, die wirklich erschüttert waren über systemisches, unverdientes, männliches Privileg und die damit übertragene Dominanz.
Und so ist eine Frage für mich und andere wie mich, ob wir wie sie sein werden, oder ob wir wirklich erschüttert, sogar empört sein werden, über weiße Privilegien und damit übertragene Dominanz, und wenn ja, was wir tun werden, um diese zu verringern. In jedem Fall müssen wir mehr daran arbeiten, zu identifizieren, wie sie tatsächlich Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Viele, vielleicht die meisten, unserer weißen Studierenden in den Vereinigten Staaten glauben, dass Rassismus sie nicht betrifft, weil sie keine People of Color sind; sie sehen Weißsein nicht als Teil ihrer Identität.

Darüber hinaus, da Weißsein und Mannsein nicht die einzigen bevorteilenden Systeme am Werk sind, müssen wir gleichermaßen die täglichen Erfahrungen mit Vorteilen durch Alter oder Ethnizität oder körperliche Fähigkeit oder Vorteile in Bezug auf Nationalität, Religion oder sexuelle Orientierung untersuchen.

Schwierigkeiten und Gefahren um die Aufgabe, Parallelen zu finden, gibt es viele. Da Rassismus, Sexismus und Heterosexismus nicht gleich sind, sollten die Vorteile, die mit ihnen verbunden sind, nicht als gleich angesehen werden. Darüber hinaus ist es schwierig, Aspekte unverdienten Privilegs zu entwirren, die mehr auf sozialer Klasse, ökonomischer Klasse, Weißsein, Religion, Geschlecht und kultureller Identität beruhen, als auf anderen Faktoren. Dennoch sind alle Unterdrückungen miteinander verzahnt, wie die Mitglieder des Combahee River Collective in ihrem “Black Feminist Statement” von 1977 aufgezeigt haben.

Ein Faktor scheint klar über all die verzahnten Unterdrückungen: Sie nehmen sowohl aktive Formen an, die wir sehen können, als auch eingebettete Formen, die man als Mitglied der dominanten Gruppen gelehrt wird, nicht zu sehen. In meiner Klasse und meinem Ort habe ich mich selbst nicht als rassistisch gesehen, weil mir beigebracht wurde, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit von Mitgliedern meiner Gruppe zu sehen, nie in unsichtbaren Systemen, die unaufgefordert von Geburt an weiße Dominanz auf meine Gruppe übertragen.

Missbilligung des Systems wird nicht ausreichen, um dies zu ändern. Mir wurde beigebracht, zu denken, dass Rassismus enden könnte, wenn weiße Individuen ihre Haltung ändern würden. Aber Weißsein öffnet in den Vereinigten Staaten viele Türen für Weiße, egal ob oder ob wir nicht die Art, wie Dominanz auf uns übertragen wurde, billigen. Individuelle Handlungen können diese Probleme lindern, aber nicht beenden.

Um soziale Systeme neu zu gestalten, müssen wir zuerst ihre kolossalen unsichtbaren Dimensionen anerkennen. Das Schweigen und Abstreiten, das weiße Privilegien umgibt, sind die wichtigsten politischen Werkzeuge hier. Sie halten das Denken über Gleichberechtigung oder Gleichheit unvollständig, schützen unverdientes Privileg und übertragene Dominanz, indem sie dieses Thema tabuisieren. Das meiste Gerede von Weißen über Chancengleichheit erscheint mir jetzt über die Chancengleichheit zu sein, zu versuchen, in eine dominante Position zu kommen, während man abstreitet, dass Systeme von Dominanz existieren.

Es scheint mir, dass Ignoranz gegenüber weißen Privilegien, genau wie Ignoranz gegenüber männlichen Privilegien in den Vereinigten Staaten stark unbewusst unterstützt gehalten wird, um den Mythos der Meritokratie aufrecht zu erhalten, den Mythos, dass demokratische Wahl für alle gleichermaßen verfügbar ist. Dass die meisten Menschen unwissend darüber gelassen werden, dass die Freiheit selbstbewusster Aktion nur für eine kleine Anzahl von Menschen da ist, unterstützt diejenigen, die an der Macht sind und dient dazu, die Macht in den Händen der gleichen Gruppen zu halten, die bereits am meisten davon haben.

Obwohl systemische Veränderung viele Jahrzehnte dauert, gibt es drängende Fragen für mich und, so stelle ich mir vor, für einige andere wie mich, wenn wir unser tägliches Bewusstsein für die Begünstigungen des Weiß-Seins erhöhen. Was wollen wir mit diesem Wissen tun? Wie wir aus der Beobachtung von Männern wissen, ist es eine offene Frage, ob wir uns entscheiden, unverdienten Vorteil zu nutzen, und ob wir etwas von unserer willkürlich verliehenen Macht nutzen, um zu versuchen, Machtsysteme auf einer breiteren Basis zu rekonstruieren.

Quelle:
White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack via Amptoons und via NYMBP (.pdf)

Links:
Combahee River Collective via History Is A Weapon: The Combahee River Collective Statement (1977)
Wikipedia: Combahee River Collective [Englisch | Deutsch]
Wikipedia: Whiteness Studies | Weißsein
Transcript: Barack Obama’s Speech on Race, March 18, 2008
Linksnet: Critical Whiteness – ein falscher Freund?