Unkritisches Weißsein

Liebe Mit-Weiße! Wenn euch eine PoC* versucht, etwas über Rassismus zu erklären, warum hört ihr dann nicht einfach mal zu? Welcher Teil von ‚Betroffenenperspektive ist eine andere als Eure Perspektive‘ ist unverständlich? Wer von Euch will ernsthaft abstreiten, dass Betroffene Rassismus von einer weiteren Seite wahrnehmen, und weil sie diese Seite kennen, die Euch zum Glück erspart bleibt, etwas mehr beizutragen haben, als nur die Theorie?

Ihr erklärt in Verteidigung eines blöden Beitrags über eine N****-Puppe, „diese Puppen wurden genau mit dieser Bezeichnung noch 1970 so verkauft!“ Als hättet Ihr in der kurzen Zeit von 42 Jahren noch keine Gelegenheit gehabt, Euch mal auf den neuesten Stand zu bringen, was rassistische Sprache angeht.

Und ganz besonders Ihr, mit voller theoretischer Härte antirassistischen Linken, Punks, Nebenwiderspruchvertreter. Merkt Ihr nicht die Ironie, wenn Ihr einerseits erklärt, dieses System brauche ungleiche Machtverhältnisse, und diese werden geschaffen und aufrecht erhalten durch Diskriminierung, durch Abwertung von Menschen mittels Rassismus, Klassismus, Sexismus, … und dann weit von Euch weist, dass Ihr White Privilege [en | de] besitzt? Oder – noch besser – die Existenz von White Privilege bestreitet, oder Hinweise auf White Privilege für rassistisch gegen Weiße befindet? Lest Ihr da nicht ein bisschen Schroeder_K aus Euren eigenen, gefühlt linken, Statements? Ihr wisst, dass Rassismus internalisiert und versteckt sein kann, und eben nicht so einfach wie ‚Person A verhält sich wie ein Arschloch zu Person B‘ oder offensichtliche Nazischläger, und, dass Rassismus nicht bewusst und mit Absicht praktiziert werden muss, und trotzdem da ist, in der Gesellschaft, als strukturelles Problem und institutionalsiert. Und wenn Ihr mal darauf hingewiesen werdet, dass Ihr selbst am privilegierten Ende seid bei dieser Sache, dann stimmt das plötzlich alles nicht mehr?

Ihr streitet und kämpft, weil Ihr das N-Wort ausschreiben wollt. Ihr meint es ja nicht rassistisch. Ihr habt vielmehr einen antirassistischen Anspruch, seht Euch in der Pflicht, Leuten was beizubringen, von denen Ihr meint, dass sie weniger Ahnung haben als Ihr. Und dafür zitiert Ihr Texte, wo die Rede davon ist, sich nicht einer politisch korrekten Sprachhygiene unterwerfen zu wollen. Was Ihr dann nicht zitiert, sind die Stellen, wo Dinge wie „Endlösung der Palästinenserfrage“ als Beispiele genannt werden für erfolgreiches sich Wehren gegen diese angebliche Sprachaufsicht.

Ihr verwahrt Euch dagegen, rassistisch zu sein, und doch erklärt ihr – entgegen jeder Lebenswirklichkeit – Ihr würdet andere Hautfarben überhaupt nicht bemerken. Und da ist die Lüge doch schon offen im Statement erkennbar, denn: Wie qualifiziert sich was als aus Eurer Sicht „anders“, das Ihr gar nicht wahrnehmt?

Denkt da vielleicht mal drüber nach.

Zum Abschluss ein Leitfaden, wann Weiße das N-Wort verwenden dürfen:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=4gYM6_hcf1Q]

Und ein paar weiterführende Links: 

Metalust & Subdiskurse Reloaded: Äh … Frau Kuttner, ich habe da ein paar Fragen 
Afrikawissenschaft: Wenn Weiße Weißen erklären, dass sie nicht rassistisch sind. Eure Absolution, mein Rant.
High On Clichés: Abwehrverhalten bitte an der Tür abgeben

Psychology Today: Colorblind Ideology is a Form of Racism
The Critical Witness – “I Can Fix Racism”- Guide by Damali Ayo
White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack by Peggy McIntosh

31 comments

  1. Frank Heinze

    Denk mal darüber nach, ob dieses Denkmodell („schwarz/weiss“), was nach steter Aussage ja gar nix mit Hautfarbe zu tun hat, überhaupt noch funktioniert, wenn man Ersatzfarben wählt. Lila vs. Türkis. [Beleidigung gelöscht. //sanczny]

    • sanczny

      Nein, da denk ich nicht drüber nach. Weil es ein Strohmannargument und Zeitverschwendung ist, und nichts weiter zeigt, als dass du nicht verstanden hast, dass diese Merkmale über die Abwertung abläuft überhaupt keine Grundlage haben. Das „Denkmodell“, weiß als Standard zu definieren und schwarz als Abweichung, ist nun mal Realität, und lässt sich von dir nur so einfach als irrelevant abtun, weil es dir dank White Privilege egal sein kann.

  2. Frank Heinze

    [Beleidigung gelöscht. //sanczny] ? Dann nochmal in schlichteren Sätzen: Die Theorie, dass Betroffene irgendwie fundierter zu einem Thema Stellung nähmen könnten, beschert uns Soldaten als Verteidigungsminister, exkludiert zB. Männer aus der Abtreibungsdebatte und negiert die Trägerunabhängigkeit von Weltbildern. [Dass ich keine Beleidigungen freischalte, hattest du mitbekommen? //sanczny]

    • Tino

      “ Das “Denkmodell”, weiß als Standard zu definieren und schwarz als Abweichung, ist nun mal Realität,“

      @ sanczny

      Jetzt wirst du aber Eurozentristisch.

      In Afrika ist es umgekehrt. Was schlussfolgerst du nun daraus?

      • sanczny

        Jein. Frank Heinze bezog sich ja in diesem Kommentar, wo er das Herrschaftsverhältnis „Denkmodell“ nennt, schon auf die weiß dominierte Gesellschaft. So hatte ich ihn zumindest verstanden. (Und ich schlussfolgere, dass das Herrschaftsverhältnis sozial konstruiert ist.)

  3. Frank Heinze

    Sagt die der Begriff „Variationsbreite“ irgendetwas? Oder „evidenzbasiert“? Oder selbstreferentielles System“

  4. Frank Heinze

    Korrektur: Sagt dir der Begriff “Variationsbreite” irgendetwas? Oder “evidenzbasiert”? Oder „selbstreferentielles System”? Das letztere erscheint mir sehr wahrscheinlich in eurer Argumentationslinie.

  5. Frank Heinze

    Ausserdem habe ich kein „White Privilege“. Im Gegensatz zu Dir (die du sehr wahrscheinlich aus einer weiss-privilegierten Mittel/Oberschicht kommst und auch wohl studierst), komme ich aus einer Arbeiterfamilie und bin lohnabhängiger Beschäftigter (mit Migrahi, würde man heute sagen)… .Versuche mal, ohne Personendiskreditierung auf Argumente einzugehen. Ich weiss, es ist schwer, aber es lohnt sich ;-D

      • Frank Heinze

        Entschuldige, aber ein wesentlicher, bestimmender Aspekt wissenschaftlichen Arbeitens wird durch dieses Wörter-Voodoo konterkariert: Die prinzipielle Falsifizierbarkeit. Durch Labelung jeglicher Kritik als „White Privilege“ (und damit Entzug der Diskursfähigkeit), immunisiert sich dieses System selber gegen Kritik. Ausserdem widerspricht es Ockhams Razor, dass man nicht unnötige Entitäten einführen soll (Und schließlich erklärt sich vieles bereits aus der Klassentheorie).

        B: „Menschen können levitieren“
        K: „ich kann es nicht, und ich sehe auch keine, die das können“
        B: „Weil du blind in deiner Begriffswelt gefangen bist“

        [Du hast die Links nicht gelesen ist kein „Wörter-Voodoo“. Dass jemand Antirassismus zur geschlossenen Ideologie erklärt hab ich auch noch nicht gehört und finde ich mehr als abwegig. Troll doch bitte in Zukunft woanders. //sanczny]

  6. Ysann

    Wie ich bei Twitter schon schrieb: Rassismus existiert nicht nur da,wo man sich dessen bewußt ist,sondern auch und vor allem da,wo er gedankenlos+unbewußt praktiziert wird.

    Bestes Beispiel, auf das mich ThatGuyNoOneKno aufmerksam machte: Plakat eines Englischen Wohlfahrtstypen „Hunger doesn’t care if you are black, asian or normal“
    Total gedankenlos wird hier impliziert, daß schwarz sein oder asiatisch sein nicht normal sei.

    Aber solch gedankenlosem Rassismus kann man entgegenwirken, indem man sich -wie die Netzgärtnerin bei Twitter vorschlug- immer wieder fragt: Der wunde Punkt ist nicht: Wer hat Recht und wer Unrecht, sondern wen verletzt es und will ich das?

    • sanczny

      Colbert stellt doch da gerade heraus, dass es nicht identisch ist. Und er benutzt nicht ein einziges Mal das N-Wort und trotzdem versteht man ihn ohne Probleme.

  7. Frank Heinze

    Es geht nicht um Antirassimus per se, sondern um dieses Theoriegebäude, dessen Fan (im Wortsinne) du zu sein scheinst. Natürlich kannst du jedwede Kritiker als Trollerei oder Privillegierte abtun (statt auf dei Argumente, zB den Wissenschaftsbegriff zu zielen), ob das allerdings der Wahrheitsfindung dient, bezweifle ich ;-)

    • sanczny

      Du diskreditierst sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über Rassismus als geschlossene Ideologie, „Theoriegebäude“ und anderes, und das einzige, was du dagegen argumentativ aufbietest, ist, dass die Klassentheorie schon einiges erklären würde. Klar kann man so argumentieren. Gibt ja auch Leute, die Thilo Sarrazin für nicht rassistisch befinden, weil er Migranten nach wirtschaftlichen Kriterien abwertet. Nur bleibt da offen, wieso die Unterschiede dann immer noch über das gemeinsame Merkmal Migration konstruiert werden. Und du übergehst in deinem „nicht schwarz und weiß sondern lila und gelb“-ding vor allem, dass Rassismus nicht im luftleeren Raum stattfindet. Die Erkenntnis, dass rassistische Unterdrückung überhaupt keine Grundlage hat, ist nicht neu und nicht der Punkt.

      Ich denke, ich bin damit jetzt schon mehr auf deine „Argumente“ eingegangen als nötig.

  8. toni

    schon erstaunlich, dass die mit definitionsmacht immer am empfindlichsten reagieren, wenn sie ihr recht auf deutungshoheit verlieren.

  9. Diary of boredom (@g_rantelhuber)

    „Ihr habt vielmehr einen antirassistischen Anspruch, seht Euch in der Pflicht, Leuten was beizubringen, von denen Ihr meint, dass sie weniger Ahnung haben als Ihr.“

    Aber das doch gerade weil es um den Austausch von Argumenten geht und nicht darum Befindlichkeiten gegeneinander in Anschlag zu bringen. Und man mag sich bei den Argumenten auch gelegentlich irren. Und dann ist es doch super, wenn man auf einen Fehler aufmerksam gemacht wird. Du dagegen siehst dich nur in einer moralischen Pflicht, was eine Auskunft darüber gibt WIE ernst du den Rassismus eigentlich nimmst, wenn du zB. lieber an Sätzen rumbastelst.

  10. Frank Heinze

    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-06/missbrauch-prozess-grossbritannien/komplettansicht

    Hier sieht man ganz gut, dass Rassismus eben nichts mit diesem ganzen Butlerkonstrukt Weiss-Schwarz zu tun hat. Hier wird ganz gut klar, dass die Täter das sind, was Marx „Lumpenproletariat“ nannte. Jede/r der/die die Täter wieder zu Opfern stilisieren will, wird diese Zustände zementieren.

    „Es geht darum, die Logik des Handelns der Individuen zu begreifen. Die gesellschaftlichen Prozesse sind nicht das Ergebnis von individuellen Willensentscheidungen. Aber sie sind auch nicht nur passive Opfer. Die Charaktermaske wird von Marx als Personifikation bestimmt. Dies gibt seiner Überlegung einen aktiven Akzent: die Individuen werden in und durch die Verhältnisse, unter denen sie leben, zu bestimmten Personen gemacht. Auf diese Weise werden sie zu Träger von Verhältnissen, aber nicht von irgendwelchen Verhältnissen, sondern von Klassenverhältnissen. Die Personen tragen aktiv die Verhältnisse und reproduzieren sie durch ihr Handeln. Würden die Verhältnisse von Personen nicht getragen, gäbe es sie nicht. Aber es sind nicht die Einzelnen, sondern … die Personen als Angehörige von Klassen. Sie handeln nach bestimmten kollektiven Gesichtspunkten: sie denken und sprechen miteinander, entwickeln tägliche Gewohnheiten, bilden Erwartungen aus über den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung oder ihre Rechte und treffen in diesen kollektiven Zusammenhängen Entscheidungen. Sie entwickeln Dispositionen, das Kommando über andere Menschen auszuüben, schaffen sich Gründe dafür, warum sie Herrschaft ausüben und den gesellschaftlichen Reichtum aneignen und zu ihrer Verteidigung Gewalt einsetzen dürfen. Das alles sind immer kollektive Praktiken, also konkrete Verhältnisse, unter denen bestimmte Individuen als Kollektiv leben. Diese kollektive Praxis – eine Klassenpraxis – kann geändert werden.“Alex Demirovic: Was genau meint Marx mit „Charaktermaske“? (2008)

  11. toni

    was genau will uns die marx’sche klassentheorie an dieser stelle in verbindung mit diesem artikel eigentlich sagen?
    sowie ich das lese und verstehe, hat das oben geschrieben doch gerade nix mit funktionaler differenzierung zu tun.
    „white trash“ gibt es: ja! auch hier findet stratifikation statt. klar – und ich nehme an, da wird hier niemand widersprechen – es gibt auch noch andere linien, entlang derer privilegien verteilt sind – aber es hat doch auch niemand behauptet, rassismus wäre die einzig zulässige form oder die einzige erklärende variable – korrigiert mich wenn ich damit falsch liege.
    wenn du mal einen post weiterblätterst, wirst du sicherlich noch andere dimensionen finden, die hier thematisiert werden.

    ach hallo intersektionalität – wie schön, dass du auch mal reinschaust.

    so und nun aber noch mal zu deinem vergleich/beispiel. deine logik verschliesst sich mir da nämlich leider zur gänze oder aber ich finde sie absolut daneben.
    was möchtest du denn damit eigentlich sagen?
    – dass alle weissen, die opfer sexueller gewalt sind, keine white privileges mehr haben/nie hatten?
    – dass alle, die keine white privileges haben opfer sexueller gewalt werden?
    – dass es ein white privilege ist kein opfer sexueller gewalt zu werden oder zu sein?

    -glaub das muss ich erstmal verdauen-

  12. Tino

    Richtig.

    Aber ich verwehre mich genauso von PoC als „Weisser“ zugeordnet zu werden und habe auch keine Probleme diesen das mitzuteilen.. Die schauen dann immer recht deppert ;;)

  13. sanczny

    @ Frank Heinze

    [Ich antworte mal hier, da oben das Verschachtelungsdings zu Ende ist.]

    Ja, wunderbare Quelle.

    Für critical whiteness studies gilt: Wenn Weiße über Rassismus und über Konstruktionen von Weiß-Sein arbeiten, sind sie gleichzeitig in diesem Herrschaftsverhältnis verortet. Aufgrund ihrer beherrschenden sozialen Position sind sie prädisponiert, dieses Herrschaftsverhältnis zu reproduzieren. D.h. ihre symbolische Macht zu bestätigen und zu vermehren. Deswegen ist es gerade für Weiße notwendig, sich zum Prozess des Sprechens über »race« und Weiß-Sein ins Verhältnis zu setzen: Sich als positioniert in einem Herrschaftsverhältnis zu begreifen und sich politisch dazu zu positionieren. (http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/Texte_18.pdf, S.89 )

    Sich als positioniert zu begreifen, und die Privilegiertheit der Positionierung als Weiß, als das „Normale“ und Unmarktierte mitzudenken, ist was völlig anderes als du hier vorbringst: Du befindest – aus der guten Absicht heraus, das Herrschaftsverhältnis nicht noch zu reproduzieren (hoffe ich zumindest) – sture Ignoranz zum geeignetsten Mittel der Dekronstruktion dieses Herrschaftsverhältnisses. Aber sture Ignoranz ist nicht mitdenken, sondern gar nicht denken. Indem du Weißsein nicht mitdenkst, reproduzierst du aber dessen „Nicht-Positioniertheit“ als das Unmarkierte.

  14. Frank Heinze

    Es ist ein wenig wie diese russischen Matroschkas, wo die Puppe in der Puppe in der Puppe…. .

    Bitte verzeih meine sture Ignoranz, ich habe nichtmal Abitur. Dein Duktus erinnert mich sehr unangenehm an die verbale Übergriffigkeit von Leuten, die meinen, sie seien anderen überlegen.

    Ich habe keine Lust, die jetzt doch ganz interessante Debatte auf diesem Niveau fortzuführen. Zumal mir der Grundtenor Deiner Posts doch deutlich an die soziale Gruppe gemahnt, der Du angehörst. Als Steinzeitmarxist kann ich zumindest sagen: „Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste.“

  15. Dummerjan

    Ich finde, dass hier unkritische Sehende ihre Text unhinterfragt publizieren.
    Da habe ich es mit meiner Braille-Tastatur entsprechend schwerer – um so mehr als ich weder Hautfarben sehe, noch Statur – Geschlecht erkenne ich an Stimme und Bewegung.

    Privilegierte wohin man „blickt“ – aber auf der Suche nach Opferstatus.

  16. Pingback: Danke | Trotzendorff

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