Was ist Sexismus?

[tl;dr: Was Sexismus ist, wie er funktioniert und jede Menge „What about teh Menz?“]
[Disclaimer: Ich habe das halbe Internet geguttenbergt. Don’t sue me.]

Inhalt

Sexismus = Vorurteil + Macht

Wer mit der Definition einverstanden ist, kann hier eigentlich schon aufhören zu lesen. Der nachfolgende Text ist ein Erklärungsversuch für diejenigen, die das nicht glauben oder diese Definition sogar für sexistisch halten.

Feministische Definition

Finallyfeminism101 – FAQ: What is “sexism”? (übersetzt):

Sexismus ist geschlechtsspezifische Diskriminierung und die Einstellungen, Stereotypen und kulturellen Elemente, die diese Diskriminierung fördern. Angesichts des historischen und anhaltenden Ungleichgewichts der Macht, bei dem Männer gegenüber Frauen privilegiert sind (Male Privilege), ist ein wichtiger, aber oft übersehener Teil des Begriffs, dass Sexismus Vorurteil plus Macht ist. Also lehnen Feminist_innen die Vorstellung ab, dass Frauen sexistisch gegenüber Männern sein können, weil Frauen die institutionelle Macht fehlt, die Männer haben.

Wörterbuchdefinitionen

Duden:

1. Vorstellung, nach der eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts
2. etwas, was auf Sexismus beruht, sexistische Verhaltensweise

Merriam-Webster (übersetzt):

1. Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund des Geschlechts; insbesondere: Diskriminierung von Frauen
2. Verhalten, Bedingungen oder Haltungen, die Stereotypen von sozialen Rollen aufgrund des Geschlechts fördern

Oxford Dictionaries (übersetzt):

Vorurteil, Stereotypisierung oder Diskriminierung, typischerweise gegen Frauen, aufgrund des Geschlechts

Probleme mit Wörterbuchdefinitionen

Was problematisch ist an den meisten Wörterbuchdefinitionen von Sexismus erklärt Lorraine Code in „What Can She Know? Feminist Theory and the Construction of Knowledge“ (übersetzt):

Die Feminist Dictionary Diskussion von „Sexismus“ ist ein typischer Fall. Die Autoren zitieren die Macquarrie Dictionary Definition von „Sexismus“ als „die Aufrechterhaltung oder Verbreitung von sexistischen Einstellungen“, und dessen Definition einer ’sexistischen Einstellung‘ als eine, „die eine Person nach Geschlecht oder sexueller Präferenz etc. stereotypisiert“: Definitionen in denen die spezifisch feministischen Ursprünge und Zwecke des Wortes unsichtbar sind.

Das Feminist Dictionary besteht auf dem primären Verweis auf die Erfahrungen von Frauen, und definiert ‚Sexismus‘ als „eine soziale Beziehung, in der Männer Autorität über Frauen haben“ (Zitat Linda Phelps) und zeichnen seine Prägung bis zu einem 1968er Beitrag von Vanauken, „Freedom for Movement Girls – Now.“ nach. Der Kontrast zeigt die politische Stärke des Begriffs, Erfahrungen „von zentraler Bedeutung für das Leben von Frauen, die viele Jahre wortlos [waren]“ zu benennen. Die Einführung des Begriffs in den allgemeinen Sprachgebrauch hat es leichter gemacht, die Erfahrungen zu erkennen (= wissen) und zu konzeptualisieren, zu dem Zweck, Strategien für Opposition und Widerstand zu entwerfen.

Die Stärke des Begriffs „Sexismus“ stammt ebenso aus seiner Verwandtschaft mit Worten, die nicht nur diese Erfahrungen beschreiben, noch nur Erfahrungen von Frauen beschreiben. Das ist der Wert, die Argumentation nicht im Sinne von radikal unterschiedlichen männlichen und weiblichen Realitäten zu entwickeln. Seine kognitive und politische Stärke erlangt es aus seiner Assoziation mit Praktiken, die Frauen und Männer ‚rassistisch‘ nennen. Der implizite Vorschlag, die Analogien zwischen den Praktiken, die ‚Sexismus‘ bzw. ‚Rassismus‘ genannt werden, ernst zu nehmen, stützt sich auf ein Wiedererkennen von Erfahrungen, die sowohl Frauen als auch Männern vertraut sind, wenn auch anders, über die Unterschiede hinweg.

Eine der ersten Fundstellen für die Verwendung des Wortes Sexismus, aus der auch ganz klar hervorgeht, dass Sexismus von Anfang an als Diskriminierung gegen Frauen zu verstehen war, ist der oben zitierte Beitrag von Sheldon Vanauken, „Freedom for Movement Girls – Now.“ (übersetzt):

Die Parallelen zwischen Sexismus und Rassismus sind scharf und klar. Jedes enhält falsche Annahmen in einem Mythos. Und genau, wie ein Rassist jemand ist, der die Überlegenheit einer Rasse über eine andere proklamiert oder rechtfertigt oder annimmt, ist ein Sexist jemand, der Überlegenheit eines Geschlechts (raten Sie, welches) über das andere proklamiert oder rechtfertigt oder annimmt. Aber die Bedeutung von Sexist ist offensichtlich. Und das ist der springende Punkt. Es ist ein besseres Wort als männlicher Chauvinist, das sperrig ist, in der Regel falsch ausgesprochen wird, und unpräzise in der Bedeutung ist. (Ein Chauvinist ist ein Super-Patriot; ein männlicher Chauvinist ist dann ein männlicher Super-Patriot – nicht ein Verfechter männlicher Vorherrschaft.) Sexist, auf der anderen Seite, ist kurz, präzise, sofort verständlich. Es hat einen scharfen, bissigen Klang, und es erbt die hässlichen Obertöne von Rassist. Es ist potentiell ein Wort der Macht. Männlich-chauvinistisch und männlicher Chauvinismus sollten fallen gelassen und sexistisch und Sexismus angenommen werden durch die gesamte Bewegung.

Noch eindeutiger auf Frauen bezogen ist das Wort „Sexismus“ bei derjenigen, die es geprägt hat, Pauline M. Leet: „Women and the Undergraduate“ (1965) [via Finallyfeminism101] (übersetzt):

Wenn Sie argumentieren (…), dass, da weniger Frauen gute Gedichte schreiben, dies ihren vollständigen Ausschluss rechtfertigt, nehmen Sie eine Position analog zu der eines Rassisten ein – ich könnte Sie in dem Fall einen „Sexisten“ nennen (…) Sowohl der Rassist als auch der Sexist handeln, als ob  das, was passiert ist, nie passiert wäre, und beide treffen Entscheidungen und kommen zu Schlüssen über jemandes Wert, indem sie Bezug nehmen auf Faktoren, die in beiden Fällen irrelevant sind.

//

[Einschub, weil das Wissen vorausgesetzt wird:]

Male Privilege

Privilegien sind Vorteile, die die Gesellschaft bestimmten Gruppen zuerkennt, und von denen Leute allein aufgrund ihres sozialen Status profitieren. Privileg wird von denjenigen, die es besitzen für normal gehalten. Privilegiert sein ist aus privilegierter Sicht also normal, und diejenigen ohne Privileg sind die Abweichung, werden oft als defizitär wahrgenommen.

Da sich sozialer Status aus der Positionierung in mehreren Strukturen ergibt („Rasse“, Klasse, Geschlecht, Sexuelle Identität, Alter…) sind alle Menschen sowohl privilegiert als auch nicht, profitieren an einer Stelle von einem Privileg während sie an anderer Stelle benachteiligt sein können. Und wie sich Privileg auswirkt, hängt wiederum von der individuellen Position in der sozialen Hierarchie ab.

Male Privilege ist eine Reihe von Privilegien die die Gesellschaft Männern (als Gesamtheit) aufgrund ihrer institutionellen Macht zuerkennt. An der Stelle merkt man schon, dass Privileg selbstreproduzierend ist. Privileg entsteht aus Dominanz und dient dazu, diese zu sichern. Male Privilige und die Heteronorm basieren auf der Geschlechterhierarchie. Und umgekehrt. Male Privilege ist der unhinterfragte Schwanzbonus.

Male Privilege zeigt sich, wo faktische Gleichheit als Ungleichheit wahrgenommen wird. Wo Gruppen mit 50% Frauenanteil für frauendominiert gehalten werden. Wo bei einem komplett männlich besetzten Podium nicht auffällt, dass Frauen fehlen. Wo dominantes Verhalten der Frau gesehen wird, weil sie bei der Eheschließung mit einem Mann ihren Familiennamen behalten will. Und wo in dem Fall dass beide denselben Familiennamen tragen, automatisch davon ausgegangen wird, es wäre seiner.

Male Privilege ist so allgegenwärtig und „normal“, dass es unsichtbar ist. Oft wird es erst bemerkt, wenn es fehlt. Männliche Interessen werden fast überall privilegiert. Und weil das Männliche als Norm und Weibliches* als Abweichung gilt, werden in unserer Gesellschaft männliche Interessen oft gar nicht als geschlechtsspezifische erkannt. Wenn bei Frauen erwartet wird, dass sie stereotype Männersachen (Autos, Gaming, Technik, Bier…) auch gut finden, das aber umgekehrt bei stereotypen Frauensachen (Mode, Romantik Hello Kitty, Pink) etwas ganz anderes ist. [Anm.: Es geht hier nicht darum, ob an der stereotypen Zuordnung was dran ist.] (Beispiele z.T. geklaut von hier).

Male Privilege verschwindet nicht, weil ein Mann in einer anderen Struktur benachteiligt ist. Eine Person kann mehrfach benachteiligt sein. Für die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person gibt es einen Fachbegriff: Intersektionalität. Eine Frau aus der Oberschicht, die insgesamt einen höheren sozialen Status hat, orientiert sich nicht an einem Mann aus der Unterschicht als Bezugspunkt für Geschlechtergerechtigkeit. Wogegen eine Frau aus der Unterschicht gegenüber Männern aufgrund ihres Geschlechts, und gegenüber Männern aus höheren Schichten aufgrund ihrer Klasse diskriminiert ist. Eine Person of Color entgeht nicht Rassismus oder Frauenfeindlichkeit, weil sie der Oberschicht angehört.

Ein Wettbewerb darum, wer am unterdrücktesten ist, ist nicht sinnvoll. Wird aber trotzdem gerne gemacht, deswegen gibt es auch hierfür einen Fachbegriff: Oppression Olympics (Unterdrückungsolympiade).

[*Abweichung ist alles Nicht-Männliche: Frauen, Trans*, Inter*, wer nicht als männlich gelesen wird.]

Female Privilege

Female Privilege (weibliches Privileg) gibt es nicht. In einer Geschlechterhierarchie, die von einem binären Geschlechterverhältnis ausgeht, kann nur ein Geschlecht oben stehen. Female Privilege ist eine andere Bezeichnung für wohlwollenden Sexismus, und der ist kein Privileg.

Weiterlesen:
Amptoons: The Male Privilege Checklist
Sindelókë: Of Dogs and Lizards: A Parable of Privilege
IBARW: A primer on privilege: what it is and what it isn’t.

[/Einschub]

//

Sexismus und geschlechtsspezifisches Vorurteil

Was unterscheidet Sexismus von geschlechtsspezifischem Vorurteil? Die Macht.

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. (Max Weber)

Sexismus ist ein Mittel zur Dominanzausübung.

Das folgende Zitat bezieht sich auf Rassismus, ist aber analog auf Sexismus anwendbar. Failure to Communicate: Prejudice; via Finallyfeminism101 (übersetzt):

Der „+ Macht“-Teil der Gleichung ist einer der wichtigsten Teile. Dies soll nicht heißen, dass die Entrechteten keine Vorurteile haben können, denn viele von ihnen haben welche, aber ohne Macht arbeiten sie tatsächlich nicht in dem systematischen Framework von Begünstigung, das die Mehrheit geschaffen hat, um sich selbst zu privilegieren. Demnach ist es nur Rassismus, wenn die Person fähig ist, dieses Framework zu nutzen, andernfalls ist es Vorurteil.

Die Unterscheidung zwischen Sexismus und geschlechtsspezifischem Vorurteil ist wichtig, weil sich aufgrund des bestehenden und andauernden Machtungleichgewichts zwischen Männern (als Gesamtheit) und Frauen (als Gesamtheit) geschlechtsspezifische Vorurteile unterschiedlich auswirken. Dazu erklärt Finallyfeminism101 (übersetzt):

Ein roter Faden feministischer Theorie ist die institutionelle Macht: Männer als Gruppe haben sie, Frauen als Gruppe nicht. Offensichtlich sind Machtverhältnisse Verschiebungen unterlegen, abhängig von der Kultur und dem Zeitraum (nicht zu vergessen den Individuen, den anderen Privilegien, die die Person hat oder nicht hat etc. etc.) aber letztlich bleibt die Waage generell zugunsten der Männer gekippt. (…)

Während beide Parteien menschlich sind, und daher die gleiche Kapazität haben, von dem Vorurteil verletzt zu werden, ob sie wollen oder nicht, haben Männer ein ganzes System von Geschichte, Traditionen, Annahmen, und in einigen Fällen Rechtssystemen und „wissenschaftlicher“ Beweise, die ihren Worten ein Gewicht geben, zu dem Frauen keinen Zugang haben.

[Noch ein Einschub: Das Bestreiten der Existenz dieser institutionellen Macht und damit verbundener männlicher Privilegien (Male Privilege) ist die argumentative Basis eines großen Teils der Männerrechtsbewegung a.k.a. Maskulismus (nicht: der Männerbewegung).]

Sexismus wirkt sich auf gesellschaftlicher Ebene aus, die Makroebene, das große Ganze. Bei geschlechtsspezifischem Vorurteil beschränkt sich die Wirkung auf die persönliche Ebene. Sexismus schafft und erhält über Dominanzausübung eine Geschlechterhierarchie. In dieser Hierarchie sind Männer oben, Frauen unten. Genauso wie „Deutschenfeindlichkeit“ in Deutschland kein Backup aus institutioneller Macht hat, läuft „Sexismus gegen Männer“ auf gesellschaftlicher Ebene ins Leere. Man kann in einer sozialen Struktur nicht nach oben diskriminieren. Es gibt keinen Rassismus, Sexismus, *ismus gegen die privilegierte Gruppe.

Wer die Unterscheidung zwischen Vorurteil und Diskriminierung nicht macht, stellt seiner/ihrer Antidiskriminierungsarbeit selbst ein Bein.

//

Wie Sexismus Männer betrifft

Auch wenn „Sexismus gegen Männer“ („Reverse Sexism“ / „Umgekehrter Sexismus“ ) in Wirklichkeit nur geschlechtsspezifisches Vorurteil ist, heißt das nicht, dass Männer von negativen Auswirkungen von Sexismus komplett verschont blieben. Denn:

Die Abwertung bestimmter Männlichkeiten ist Teil des Patriarchats. (@TheGurkenkaiser)

Sexismus gegen Männer würde erfordern, dass Männlichkeit in einer Gesellschaft als etwas Schlechtes gilt. Sexismus gegen Männer wäre, wenn ein Mann einen tollen Job ergattert und Leute davon ausgehen, er hätte sich hochgeschlafen. Wenn er in seiner Partei für ein Amt kandidiert und Schwanzbonus-Vorwürfe laut werden. Wenn er mit 35 automatisch als unsexy gilt. Wenn er sich nicht in kurzer Hose oder engem Shirt vor die Tür traut, weil er dann „selber Schuld“ wäre, wenn ihn jemand angrabscht.Wenn er es schwer hat, Porn zu finden, der nicht aus Frauenperspektive gedreht ist. Frauendominierte Chefetagen, Old Girls‘ Networks, schlechterer Lohn bei gleicher Arbeit. Und selbst Leute, die ihn gar nicht kennen, wissen: Für Mathe und Technik taugt er nicht.

Sexismus gegen Männer wäre, wenn „grow a vagina“ beleidigend wäre. Aber in Wirklichkeit ist es „grow some balls“ und „pussy“. Und das ist nicht männer- sondern frauenfeindlich. Auf Misogynie beruhende Beleidigungen werten nicht Männer ab. Männer werden nicht für ihre Männlichkeit „diskriminiert“, sondern für zu wenig Männlichkeit.

Sexismus und obligatorische Geschlechterrollen
oder: Patriarchy Hurts Men Too

Männer werden „diskriminiert“, wenn sie nicht männlich genug sind. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Weibliches schlecht ist. Das Vorurteil betrifft Männer mit (stereotyp) weiblichen Eigenschaften, und der Macht-Aspekt richtet sich gegen Frauen. Das bestätigt die Geschlechterhierarchie zugunsten von Männern, auch wenn in dem Fall Männer unmittelbar von den Auswirkungen betroffen sind.

Wie Sexismus Männer nicht betrifft:

Strukturell gesehen ist völlig klar, dass Menschen von einem sexistischen System profitieren, andere wiederum nicht, sondern ausgebeutet, unterdrückt, verworfen. Ich kann als Typ homophobe, heterosexistische und sexistische Sprüche gedrückt bekommen, ich bin als Typ homophoben, heterosexistischen und sexistischen Anrufungen und Rollenmustern unterworfen, aber diese Rollenmuster bauen nach wie vor auf Hierarchisierungen auf. Ein starker Mann braucht sein Negativ um zu funktionieren – die schwache Frau. Mit jeder Anrufung, dass Männer gefälligst stark und unnachgiebig zu sein haben, weil ihnen sonst die Legitimation abgesprochen wird, ein Mann zu sein, geht einher, dass Frauen nur Legitimität erfahren, wenn sie in der Negativ-Rolle, die ihnen zugewiesen wurde, verbleiben. Eine Rolle, die stets durch Abwertung und Entmachtung gekennzeichnet ist und den Rollenentwürfen für Männer untergeordnet bleibt. Frauen „profitieren“ also nicht von Sexismen gegen Typen. Umgekehrt allerdings schon. (Medienelite: Typen und Antisexismus, Teil 1)


„Patriarchy Hurts Men Too“ als Derailing-Taktik:

Unter Derailing versteht man Beiträge, die dazu dienen, eine Diskussion zum „entgleisen“ zu bringen [siehe: Derailing For Dummies (englisch)]. Das wären z.B. in feministischen Diskussionen „What About Teh Menz?“ („Und was ist mit den Männern?“) oder „Patriarchy Hurts Men Too“ (Das Patriarchat tut Männern auch weh), das so verbreitet ist, dass es eine eigene Abkürzung hat.

PHMT sind Hinweise, dass nicht alle Männer gleichermaßen vom Patriarchat profitieren, dass Maskulinitätsperformance auch nicht einfach ist, und dass sexualisierte Gewalt auch Männern angetan wird. Während das zwar alles stimmt, geraten die Probleme völlig außer Proportion, wenn sie mittels „Wir aber auch!“ in feministischen Diskussionen denen von Frauen entgegen gehalten werden. Denn sie bedeuten gerade nicht – und das ist die Absicht hinter diesen Hinweisen – dass Männer als Gruppe nicht begünstigt wären. Das Patriarchat tut auch Männern weh, aber damit in feministischen Diskussionen die Erfahrungen von Frauen klein zu reden ist genau der falsche Weg da raus.

Aber warum zahlen Männer höhere Beiträge bei der Autoversicherung!? Wegen der Statistik.

//

Beispiele für „Sexismus gegen Männer“

Ich hatte für diesen Beitrag auf Twitter nach Beispielen für Sexismus gegen Männer gefragt. Vielen Dank an diejenigen, die sich getraut haben mitzumachen, obwohl ich schon vorher gesagt hatte, dass es Sexismus gegen Männer gar nicht gibt.

1. Beispiel (außer Konkurrenz) aus dem Beitrag „Sexismus gegen Männer“ der Anarchorobben (via @Tolomir2 und @thewholebakery):

der Streit ums Sorgerecht bei dem Väter oft verlieren

Das ist kein Sexismus gegen Männer. Warum Sorgerechtentscheidungen überproportional zugunsten der Mütter getroffen werden, wird im dortigen Beitrag mit Geschlechterrollenzuschreibung schon ganz treffend  erklärt. Dem würde ich hinzufügen, dass Richter_innen sich beim Aufenthaltsbestimmungsrecht auch daran orientieren, wie die elterliche Sorge vorher geregelt war, also nicht an „Müttermythos“, sondern an der tatsächlich gelebten Rollenverteilung. Und daran entscheidet es sich oft schon, bevor ein geschlechtsspezifisches Vorurteil überhaupt greifen kann.

2. Beispiel von @andreasdotorg:

Keine Wickeltische auf Männertoiletten sind zum Beispiel gegen Männer gerichteter Sexismus.

Das ist wieder kein Sexismus gegen Männer, sondern Einschränkung auf obligatorische Geschlechterrollen. Wer auf dem Herrenklo einen Wickeltisch braucht, fällt er aus der für ihn vorgesehenen Geschlechterrolle.

3. Beispiel von @JeZ_Zc:

Untervögelt? Oder dicke Eier? Alle Vergleiche mit Schwanzlänge, Geschlechterklischeenichtentsprechungen, so typisch Mann halt.

Das ist schon völlig zutreffend als Nichtentsprechen des Geschlechterklischees umschrieben. Also keine Abwertung für sondern für zu wenig Männlichkeit: Kein Sexismus gegen Männer.

4. Beispiel ebenfalls von @JeZ_Zc:

Bei Männern wird doch wenn sie nett sind, gleich von sexuellen Absichten ausgegangen. Glück wenn sie schwul sind.

Das ist auch ein Vorurteil. Aber keins, das an männlicher Vorherrschaft kratzen würde.

//

Feindseliger, wohlwollender, ambivalenter Sexismus

Ambivalenter Sexismus ist ein theoretisches Konzept, das zuerst von Peter Glick und Susan Fiske entwickelt wurde. Ambivalenter Sexismus hat zwei Teilkomponenten: Feindseligen und wohlwollenden Sexismus. Traditionell wurde nur feindseliger Sexismus als relevant betrachtet. Glick und Fiske haben mit ihrer Arbeit die schädlichen Wirkungen auch von wohlwollendem Sexismus aufgezeigt. Ambivalenter Sexismus rekonzeptualisiert die traditionelle Auffassung von Sexismus, um sowohl subjektiv wohlwollenden als auch feindseligen Sexismus einzuschließen. Wohlwollender und feindseliger Sexismus stärken und bewahren traditionelle Geschlechterrollen und patriarchale Gesellschaftsstrukturen. Sie teilen die Annahme, dass Frauen das schwächere Geschlecht sind, jedoch unterscheiden sich die beiden Formen von Sexismus in ihrem Ausdruck. (~Wikipedia).


Arten von feindseligem und ambivalentem Sexismus:

Feindseliger und wohlwollender Sexismus treten konsequent als separate, aber positiv korrelierte Faktoren auf. Weiter treten  typischerweise drei Subfaktoren von wohlwollendem Sexismus in Erscheinung: Schützender Paternalismus (z.B. Frauen sollten in Notsituationen zuerst gerettet werden), komplementäre Geschlechterdifferenzierung (z.B. Frauen sind reiner als Männer), und heterosexuelle Intimität (z.B. jeder Mann sollte eine Frau haben, die er anhimmelt). Elemente von feindseligem Sexismus addressieren auch Machtverhältnisse (z.B. Frauen versuchen Macht zu gewinnen indem sie Kontrolle über Männer bekommen), Geschlechterdifferenzierung (z.B. Frauen sind leicht beleidigt) und Sexualität (z.B. viele Frauen bekommen einen Kick daraus, Männer aufzureizen indem sie tun, als seien sie sexuell verfügbar, und dann männliche Avancen ablehnen), obwohl die Faktorenstruktur der Skala von feindseligem Sexismus sich sowohl in den Vereinigten Staaten als auch anderswo als eindimensional erwiesen hat. [Peter Glick and Susan Fiske (American Psychologist Volume 56(2), February 2001, p 109–118): „An Ambivalent Alliance: Hostile and Benevolent Sexism as Complementary Justifications for Gender Inequality“ / via]


Wohlwollender Sexismus:

Obwohl wohlwollender Sexismus vielleicht widersprüchlich klingt, erkennt dieser Begriff an, dass einige Formen von Sexismus für den Täter subjektiv wohlwollend sind, Frauen als Wesen charakterisieren, die beschützt werden sollten, unterstützt und verehrt, und deren Liebe notwendig ist, um einen Mann komplett zu machen. Diese Idealisierung der Frau bedeutet gleichzeitig, dass sie schwach und am besten für konventionelle Geschlechterrollen geeignet sind. Auf ein Podest gestellt zu werden engt ein, doch der Mann der eine Frau dort platziert wird das wahrscheinlich als Wertschätzung interpretieren anstatt als Einschränkung für sie (und viele Frauen mögen dem zustimmen). Trotz der höheren gesellschaftlichen Akzeptanz von wohlwollendem Sexismus, deuten unsere Recherchen an, dass er als eine wesentliche Ergänzung zu feindseligem Sexismus dient, die hilft, den Widerstand der Frauen gegen die gesellschaftliche Ungleichheit der Geschlechter zu beruhigen. [S. Plous, UnderstandingPrejudice.org: Frequently Asked Questions: Ambivalent Sexism. / via]


Ambivalenter Sexismus:

Ambivalenter Sexismus ist eine Ideologie, die sich aus beidem, „feindseligem“ und „wohlwollendem“ Vorurteil gegenüber Frauen zusammensetzt. Feindseliger Sexismus ist eine antagonistische Haltung gegenüber Frauen, die oft gesehen werden, als ob sie versuchen, Männer durch feministische Ideologie oder sexuelle Verführung zu kontrollieren, wohlwollender Sexismus ist eine „ritterliche“ Haltung gegenüber Frauen, die sich vorteilhaft anfühlt, aber tatsächlich sexistisch ist, weil sie Frauen eine Rolle als schwachen Geschöpfen, die den Schutz von Männern benötigen, zuweist. [S. Plous, UnderstandingPrejudice.org: Frequently Asked Questions: Ambivalent Sexism. / via]


Wie feindseliger und ambivalenter Sexismus ineinander greifen:

Diese Ergebnisse legen nahe, dass feindseliger und wohlwollender Sexismus gleichzeitig befürwortet werden können, weil sie an verschiedenen weiblichen Subtypen gerichtet sind. Die Komplementarität dieser Ideologien (und ihr sexistischer Ton) ergibt sich daraus, wie Frauen in „gute“ und „schlechte“ Typen unterschieden werden; Frauen, die konventionelle Geschlechterrollen ausfüllen die Männern dienen, werden auf eine Sockel gestellt und mit wohlwollender Fürsorge belohnt, während Frauen, die konventionelle Geschlechterrollen ablehnen oder versuchen, sich männliche Macht anzueignen, zurückgewiesen und mit feindseligem Sexismus bestraft werden. [Peter Glick and Susan Fiske (American Psychologist Volume 56(2), February 2001, p 109–118): „An Ambivalent Alliance: Hostile and Benevolent Sexism as Complementary Justifications for Gender Inequality“ / via]


Über die Akzeptanz von wohlwollendem Sexismus durch Frauen:

Eine andere Erklärung warum Frauen wohlwollenden Sexismus akzeptieren, ist, dass er eine Form von Selbstschutz-Reaktion auf Sexismus von Männern ist. Smuts (1996) argumentiert, dass Paarbindung unter den Menschen, zum Teil eine entwickelte weibliche Antwort auf die Bedrohung von sexueller Gewalt ist (weil ein paargebundener männlicher Gefährte Schutz vor anderen Männern bietet). In ähnlicher Weise kann Billigung von wohlwollendem Sexismus ein Weg sein, wie Frauen es bewältigen, wenn viele Männer in einer Kultur dazu tendieren, feindselige Sexisten zu sein (vgl. Jackman, 1994). Die Ironie dabei ist, dass Frauen gezwungen sind, Schutz bei Mitgliedern derselben Gruppe zu suchen, die sie gefährdet, und je größer die Bedrohung, desto stärker ist der Anreiz die schützende Ideologie von wohlwollendem Sexismus zu akzeptieren. Dies erklärt die Tendenz von Frauen in den meisten sexistischen Gesellschaften, wohlwollenden Sexismus stärker als Männer zu befürworten. Darüber hinaus waren die Länder, in denen Frauen (im Vergleich zu Männern) wohlwollenden so stark wie feindseligen Sexismus abgelehnt haben, diejenigen, in denen Männer niedrige Ergebnisse bei feindseligem Sexismus aufwiesen. Sowie sexistische Feindseligkeit abnimmt, können Frauen sich in der Lage fühlen, wohlwollenden Sexismus zurückzuwisen, ohne Angst vor einem feindseligen Backlash. [Peter Glick, Susan Fiske (American Psychologist Volume 56(2), February 2001, p 109–118): „An Ambivalent Alliance: Hostile and Benevolent Sexism as Complementary Justifications for Gender Inequality“. / via]

//

Unbeabsichtigter Sexismus

Sexismus definiert sich über das Resultat, nicht die Intention. Nicht alles was wir tun und nicht jede Konsequenz unseres Handelns ist beabsichtigt. Verantwortlich sind wir trotzdem. Sexismus findet unbestreitbar andauernd unbeabsichtigt statt. Diesen mangels Absicht für irrelevant oder nicht existent zu erklären, wäre einigermaßen absurd. Davon auszugehen, dass Sexismus nur mit Absicht möglich wäre, würde die Wahrnehmung der Handelnden über die der Betroffenen stellen und zur Realität erklären. Natürlich ist es für die Beurteilung einer Situation nicht völlig bedeutungslos, ob Sexismus beabsichtigt oder unbeabsichtigt war. Für die Beurteilung, ob etwas sexistisch ist, ist Intention aber irrelevant. Vor allem ist „keine Absicht“ keine Entschuldigung dafür, eigenes sexistisches Verhalten unreflektiert zu übergehen.

Ein Hinweis auf Sexismus bezieht sich auf die sexistische Botschaft, und ist kein Werturteil über die Person, die sie übermittelt. Abwehrreflexe sind zwar verständlich, aber weder sinnvoll noch nötig.

Ein Beispiel (via hier, frei übersetzt & gekürzt):

Ein männlicher Professor, der seine Kolleginnen mag und respektiert, merkt, dass es viel weniger weibliche als männliche Professor_innen gibt. Naheliegender Schluss wäre – da Frauen offensichtlich die Fähigkeiten für eine akademische Karriere haben – dass sie dazu keinen Drang verspüren. Diese Annahme ist sexistisch, aber unbeabsichtigt. Der Professor kennt Diskriminierung nicht aus erster Hand und nutzt eigene Erfahrungen als Bezugsrahmen. Das kann nicht funktionieren, weil er keine Basis hat, zu verstehen, was eine erfolgreiche akademische Laufbahn Frauen abverlangt.

Der Professor sinniert nun vor seinen Kolleginnen darüber nach, dass die meisten Frauen wohl nicht konkurrenzfähig genug sind für eine akademische Karriere. Die Frauen erklären ihm, das sei sexistisch. Wenn er sich nun defensiv verhält und erklärt, es könne nicht sexistisch sein, weil das nicht seine Absicht war, lässt er sich die Gelegenheit entgehen, seine Überzeugung zu überdenken und neu zu bewerten, und er vermittelt den Kolleginnen, dass er seine Meinung über ein Thema, das sie als Frauen betrifft – als Teil der Gruppe, über die gerade diskutiert wird – höher bewertet als ihre.

Bessere Möglichkeit wäre, einfach anzunehmen, dass die Frauen, die ja Ziele von Sexismus sind, wahrscheinlich etwas sehen, das er nicht sieht. (Männer, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, können das natürlich auch.) Und von da ab wäre es seine Angelegenheit, zu versuchen, das auch zu sehen und zu verstehen, warum sie es sehen.

Apologetik ermöglicht Sexismus:

Diese Art von Haltung ist interessant, sie sagt im Grunde: „Weil ich nicht wusste, dass ich beleidigend war, kann ich nicht beleidigend gewesen sein.“ Interessanterweise, würde ich annehmen, dass Leute die sich dieser Art von Apologetik bedienen, sich auch keiner Apologetik bedienen wollen. Diese Art Apologetik ignoriert die Möglichkeiten, wie Positionen relativer Macht oder Autorität zu Bigotterie führen können, oder wie einfach es sein kann, ignorant gegenüber den Erfahrungen anderer Menschen zu sein, wenn man in einer Machtposition ist. Es ist einfach, nicht zu bemerken, wie viele Menschen hungern, wenn Sie jeden Abend Steak schlemmen. [Roy, No Cookies For Me: Blatant Sexism *Isn’t* Benign, Thank You Very Much….via (übersetzt)]

//

Sexismus ist keine Ansichtssache

Sexismus ist nicht subjektiv. Ob etwas sexistisch ist oder nicht, entscheidet nicht die Mehrheitsmeinung. Es gibt immer einen, drei oder fünf, die Sexismus nicht sehen, und die auch alle mindestens eine Frau kennen, die Sexismus nicht so eng sieht oder als Kompliment versteht. Sexismus braucht weder die Zustimmung des Handelnden, dass etwas sexistisch gemeint war, noch wird er sonst irgendwie durch subjektive Meinung bestimmt.

Auch der verbreitete Irrglaube, bei Sexismus wären die Betroffenen voreingenommen, die Handelnden aber nicht, ist nicht sehr schlüssig. Es geht nicht darum, wer „objektiver“ ist.

Sexismus nicht zu sehen, bedeutet nicht das etwas nicht sexistisch ist. Sexismus funktioniert, weil er nicht gesehen wird.

Institutionalisierte Frauenfeindlichkeit, sollte, wie jedes endemische Vorurteil (Rassismus, Homophobie, Ageism, Ableism, Sizism, etc.) als ein System betrachtet werden, mit Regeln und Gesetzen, die seine Existenz steuern – obwohl sie aufgrund kultureller Indoktrination im Allgemeinen nicht offensichtlich sind, es sei denn man gibt sich Mühe, sie zu sehen.

Das Patriarchat ist sehr wie die Matrix, indem es ein falsches Konstrukt über die Realität legt, das Dinge ganz anders erscheinen lässt. Anschauen der gleichen Sache, während man vollständig und kritiklos in das Patriarchat sozialisiert ist, und während man sich seiner Falschheit voll bewusst ist, schafft zwei sehr verschiedene Bilder. (…)

Muster zu finden ist einer der Hauptgründe, warum ich fortlaufenden Serien mache über Vergewaltigungswitze oder „Seltsame News“ oder körperlose Dinge, oder die Auferlegung unmöglicher Schönheitsstandards. Neben der Illustration der Existenz von Mustern via kritischer Masse; und dem Untergraben der Fähigkeit, sie unter dem Vorwand, jeder Vorfall sei ein Einzelfall, als unwichtig zu verwerfen; stellt das Identifizieren und Enthüllen der Muster das Framework in welchem die Existenz von Sexismus objektiv gemessen werden kann.

Ob etwas sexistisch ist (sei es ein Wort, ein Konsumgegenstand, eine Praxis, oder irgendetwas anderes) ist weder davon abhängig, wie es gemeint ist, noch wie es aufgenommen wird, sondern davon, ob es dazu dient, Sexismus zu übermitteln, welcher in sich bestimmt wird anhand der Ausrichtung mit vorhandenen Mustern. Wenn 2 +2 = 4 ist seit Anbeginn der Zeit, wird jeder, der behauptet 2 + 2 = plötzlich 5 zu Recht mit Argwohn betrachtet. Es ist verschwindend ungewöhnlich, dass jemand, etwas sagt/tut, das perfekt in ein uraltes Muster von Sexismus passt, dass das irgendwie nicht Ausdruck von Sexismus ist. [Shakesville: Feminism 101: „Sexism is a Matter of Opinion“, übersetzt]

//

Internalisierter Sexismus

Sexismus geht nur in eine Richtung: In Richtung Frauen. Bleibt die Frage: Was ist, wenn das von Frauen kommt? Das nennt man internalisierten Sexismus.

Sexismus funktioniert als externe und interne Unterdrückung: Botschaften von außen sorgen für die externe Unterdrückung, dass wir uns den Schuh anziehen für interne. Internalisierten Sexismus nennt man:

  • die unfreiwillige Verinnerlichung sexistischer Botschaften durch Frauen und
  • den Beitrag von Frauen zur sexistischen Struktur, also: Verinnerlichung, Nutzung und Weitertragen dieser sexistischen Botschaften.

Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft und sind in dieser permanent mit sexistischen Botschaften, mit Stereotypen und Falschinformationen über das Mädchen/Frau/weiblich-Sein, konfrontiert. Diese Botschaften sind vielfältig, teils widersprüchlich, teils im Widerspruch mit dem, was wir schon wissen. Wie wir mit diesen Botschaften umgehen, ist individuell verschieden, abhängig von Persönlichkeit, Tagesform und einigen anderen Faktoren. Dass wir diese Botschaften auf irgendeine Art verarbeiten, ist zwingend.

Klassisches Beispiel (via hier):

Wenn einem kleinen Mädchen erklärt wird, es soll leise sein, weil „liebe Mädchen sind leise“, gibt es mehrere Optionen (nicht abschließend) wie sie damit umgehen kann:

  1. Sie will ein liebes Mädchen sein und ist deshalb leise (Akzeptieren)
  2. Sie will nicht leise sein und ist dann lieber ein böses Mädchen (Akzeptieren und Ablehnen)
  3. Sie ist ein liebes Mädchen aber nicht immer leise, also kann die Botschaft nicht stimmen (Ablehnen)

Sexistische Botschaften werden nicht nur als direkte Aussagen vermittelt, sondern auch in Form von z.B. Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen. Internalisierter Sexismus besteht darin, falsche Informationen wie „liebe Mädchen sind leise“ zu glauben und weiter zu verarbeiten, und sich damit der einschränkenden Rollenvorgabe anzupassen.

Internalisierter Sexismus hat zur Folge, dass Frauen ihre Unterdrückung oft nicht als politisch begreifen, sondern sich selbst die Schuld geben. Auch folgt aus internalisiertem Sexismus, dass Frauen häufig die Sichtweise von Männern einnehmen, weil sie ihre eigene oder die anderer Frauen abwerten.

Die Folge der Verinnerlichung dieser Rolle ist ein enormes Reservoir an Selbsthass. Dies soll nicht heißen, das der Selbst-Hass erkannt ist oder als solcher akzeptiert, die meisten Frauen würden das bestreiten. Es kann als Unbehagen mit ihrer Rolle erlebt werden, als ein Gefühl der Leere, wie Taubheit, wie Unruhe, als lähmende Angst in der Mitte. Alternativ kann es in schrillen Verteidigungshaltung und der Herrlichkeit und des Schicksals ihrer Rolle ausgedrückt werden. Aber es existiert, oft unter dem Rand ihres Bewusstseins, vergiftet ihre Existenz, entfremdet sie von sich selbst, von ihren eigenen Bedürfnissen, und macht aus ihr eine Fremde für andere Frauen. Sie versuchen dem durch Identifikation mit dem Unterdrücker zu entgehen, leben durch ihn, gewinnen Status und Identität über sein Ego, seine Macht, seine Leistungen. Und nicht durch Identifikation mit anderen „leere Gefäßen“ wie sie selbst. Frauen widerstehen auf allen Ebenen, sich mit anderen Frauen zu identifizieren, die ihre eigene Unterdrückung, ihren eigenen sekundären Status, ihren eigenen Selbsthass widerspiegeln. Weil eine andere Frau zu konfrontieren schließlich Konfrontation des eigenen Selbst wäre, das Selbst, das wir uns große Mühe gegeben haben, nicht zu konfrontieren. Und in diesem Spiegel wissen wir, dass wir nicht wirklich respektieren und lieben können, zu was wir gemacht wurden. [Radicalesbians, Special Collections Library, Duke University: The Woman Identified Woman. / via, (übersetzt)]

Und noch ein Beispiel:

Internalisierte Unterdrückung ist gesund und munter, wenn wir Frauen kritisieren, die den Mund aufmachen, die eine Meinung haben, und wenn wir Frauen meiden, die einen unverwechselbaren Stil zeigen, die es wagen anders zu sein. Diese Frauen machen uns nervös, weil sie außerhalb der weiblich konditionierten Box handeln, weil sie wieder verbunden sind mit dem Ort in dem wir einmal schwelgten, und von dem wir uns durch unsere schmerzhafte Konditionierung entfremdet haben. Wir sind bewusst oder unbewusst eifersüchtig auf diese Frauen, weil sie zurückkehren dahin, wo wir uns verlassen haben, um liebe kleine Mädchen zu sein, nette Mädchen, und der gefürchteten „Was werden die Leute denken“-Konditionierung erlegen sind. [Janet Thomas, Breakfree: Theory and Thoughts / via, (übersetzt)]

Zum „Warum“:

Ich denke, wir sind härter zu unserem eigenen Geschlecht, sowohl weil diejenigen, die „gefallen“ sind, eine Erinnerung daran sind, dass unsere eigene schwache Position in männlich dominierten gesellschaftlichen Kreisen uns von Männern geschenkt wurde und genauso einfach wieder weggenommen werden kann, als auch wegen unserem Glauben an dieselbe Idee, die Männer haben: männlich gut, weiblich schlecht. (…)

Die Lösung ist nicht, sich in die bestehende Hierarchie einzukaufen. Sie ist nicht, mit dem Finger auf die Züge, die das Konstrukt Weiblichkeit ausmachen zu zeigen und zu sagen „Du! Du bist die Schuldige!“ Und insbesondere sollten wir nicht mit dem Finger auf Frauen zeigen, die sich dieses Konstrukt zueigen machen, sogar einige der schädlichen Aspekte, und ihnen dafür die Schuld geben. [tekanji, The Official Shrub.com Blog: A deeper look into femininity / via (übersetzt)]

Internalisierter Sexismus ist, wenn automatisch davon ausgegangen wird, dass der Mann die Autoritätsperson ist: Wenn die Chefin für die Sekretärin oder die Ärztin für die Krankenschwester  gehalten wird, wenn im Autohaus der Begleiter beraten wird. Internalisierter Sexismus ist, wenn wir uns fett, hässlich und wertlos fühlen, weil wir einer unmöglichen Norm nicht entsprechen. Und wenn alles außerhalb der Paarnormativität und Heteronorm „nicht normal“ oder „hat keinen abgekriegt“ ist. Wenn wir uns selbst die Schuld geben, wenn wir verletzt oder manipuliert werden. Wenn Frauen ihr Wissen zurückhalten, um Männer nicht zu beschämen. Und wenn Frauen sich im $stereotypenNerdkram-Forum @sexyhalpless_23 nennen, und meinen, damit hätten sie sich jetzt aber mal so richtig Vorteile verschafft.

Bekämpfung von internalisiertem Sexismus

Do:

Das Problem anerkennen, dass Frauen zum sexistischen System beitragen. Nicht den Fehler machen, sich für eine Ausnahme, klüger oder „schon weiter“ als die anderen und frei von internalisiertem Sexismus zu halten. Einsehen, dass wir Produkte unserer Umwelt und damit immer sexistischen Botschaften ausgesetzt sind. Awareness schaffen, sich gegenseitig unterstützen und unser authentisches Selbst finden.

Don’t:

Es macht mich traurig zu sehen, wie Mädchen stolz erklären, sie sind nicht wie andere Mädchen – vor allem, wenn es 41.000 Mädchen  im Chor sagen, und nie den Widerspruch erkennen. Es nimmt eine Form von Verachtung für Frauen – sogar Hass auf Frauen – und verinnerlicht diese indem man sagt, Ja, diese Mädchen sind schrecklich, aber ich bin besonders, ich bin nicht so, statt einen Schritt zurück zu treten und zu sagen, das ist eine Lüge. (Claudia Gray: „I’m not like the other girls“, übersetzt)

//

Stereotype Threat

It's pi plus C, of course.

Stereotype Threat (Bedrohung durch Stereotype) ist die Angst, ein negatives Stereotyp über die eigene soziale Gruppe zu bestätigen. Diese Angst kann sich auf die Leistung auswirken, wo immer das Stereotyp relevant ist. Das Stereotyp, dass Mädchen schlecht in Mathe sind, kann also dazu führen, dass Mädchen so ängstlich sind, stellvertretend für ihre Gruppe zu versagen, dass sie in Testsituationen tatsächlich schlechter abschneiden.

Noch ein Grund, sexistische Stereotype nicht zu reproduzieren.

//

Ist Feminismus nicht sexistisch gegen Männer?

Feminismus ist eine Bewegung, um Sexismus, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden. [bell hooks, Feminism Is For Everybody (pdf)]

Reverse Sexism (umgekehrten Sexismus) gibt es nicht. Unterdrückung funktioniert nicht nach oben. Das Anstreben von Gleichstellung mit Männern und die Aufhebung einer bestehenden Hierarchie, bedeutet keine Privilegierung von Frauen. Eine rein formale Gleichberechtigung führt in einer Gesellschaft, die Frauen weiterhin strukturell benachteiligt, nicht zu tatsächlicher Gleichstellung. Und formal gleiche Rechte für Ungleiche beseitigen nicht Diskriminierung.

Feminismus will keine besonderen Rechte für Frauen, sondern dass bestehende Benachteiligung von Frauen aufhört. Wer den Wunsch nach faktischer Gleichstellung als privilegierend für Frauen wahrnimmt, besitzt entweder Male Privilege oder adaptiert eine privilegierte (in dem Fall: männliche) Sichtweise. Feminismus will keine Unterschiede zementieren, die soziale Konstrukte sind. Aber Feminismus verkennt auch nicht die Auswirkungen dieser Unterschiede.

//

nach oben

5 comments

  1. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Was ist Sexismus?
  2. Pingback: [3. Teil]: Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien | "Wir leben unsere Leben in einer erfundenen Wirklichkeit, hinter den Worten einer langen Erzählung."
  3. Pingback: [8. Teil]: Was können Männer* tun; “Priv” von Frauen* | "Wir leben unsere Leben in einer erfundenen Wirklichkeit, hinter den Worten einer langen Erzählung."
  4. Pingback: [9. Teil]: Nachteile von Männern* durch Geschlechterstereotype; Abschließende Bemerkungen | "Wir leben unsere Leben in einer erfundenen Wirklichkeit, hinter den Worten einer langen Erzählung."
  5. Pingback: Überblick und Inhaltsverzeichnis: “Ein queerfeministischer Ansatz zur Reflexion männlicher Privilegien” | "Wir leben unsere Leben in einer erfundenen Wirklichkeit, hinter den Worten einer langen Erzählung."