Küssen verboten? Kiss Kiss, Bang Bang oder Critical Hetness

[tl;dr: Get a Room! Küssen ist nicht verboten, Nichtküssen ist solidarisch.]

Viele Menschen küssen gerne. Küssen kann eine wunderbare Tätigkeit sein, Ausdruck von Zuneigung und Nähe. Grundsätzlich ist das konsensuelle Teilen eines Kusses die Ausübung und Aneignung von Autonomie[1], Ausdruck von Selbstbestimmung über den eigenen Körper, freier Vereinbarung unter den Küssenden.

Von Bedeutung ist die Frage, wie das Küssen im Gefüge der Herrschaftsverhältnisse wirkt. Wenn Küssen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse negativ sanktioniert ist, kann ein Kuss ein revolutionärer, befreiender Akt sein. Gibt es etwa rassistische Ressentiments gegenüber Pärchen, ist bewusstes Entgegentreten durch einen Kuss ein Akt der Provokation und greift die Verhältnisse an.

Doch daraus folgt nicht, dass die von den Herrschaftsverhältnissen benachteiligten Menschen heterosexistische Diskriminierung allein überwinden müssten. Es kann nicht die Forderung sein, dass sich die Unterdrückten doch bitte selbst befreien mögen.

Auf der anderen Seite der gedachten Barrikade wirken Küsse auch. Nicht als Akt der Befreiung, sondern als Fortführung der Verhältnisse. Wenn ein Kuss zwischen Menschen gesellschaftlich akzeptiert wird, bedeutet dies ein Privileg gegenüber Menschen, deren Küssen gegen die Norm verstößt, unerwünscht oder geächtet ist. Das Privileg ergibt sich nicht nur daraus, etwas ohne negative Konsequenzen tun zu können, sondern auch daraus, es zu können, während dies anderen nicht gegönnt ist. Dabei spielt es keine Rolle, wie schwerwiegend die Konsequenzen sind.

Diskriminierung lässt sich nicht wegknutschen. Und der offene Umgang mit Homosexualität fordert sich immer schön einfach, wenn man selber Hetero ist und einem nichts besseres als Identitätspolitik einfällt.

Wenn das Normale das Andere konstruiert und dem eigenen unterordnet, will es natürlich weiterhin Verfügungsmacht über das Andere haben, sich Gewissheit verschaffen, dass das, was da als Abweichung herunterdefiniert wurde, auch an dem Platz verbleibt, den es zugewiesen bekommen hat. Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden, sonst könnte es die vermeintlich sichere Positionen gefährden. [medienelite]

So geht Heteronormativität. Und das merkt man auch an Äußerungen wie „Wir wollen doch mal nicht den Heteros das Knutschen verbieten“ oder dem Fehlinterpretieren des Wunsches nach Solidartität als Einschränkung für die Mehrheit. Heteronormativität ist, Akzeptanz und Sichtbarkeit für Heteros einzufordern, wo Heteros durch Dominanz die Norm vorgeben. Akzeptanz für LGB(T*I) zu proklamieren und gleichzeitig die Norm zu reproduzieren, die diese ausschließt. Heteronorm ist, wo knutschende Heteropärchen nicht mit Distanzlosigkeiten rechnen müssen. Niemand sagt „Ey, ihr seid hetero? Find ich toll!“ und niemand verprügelt Heteros weil sie hetero sind.

Heteronorm ist, zu sagen, die Homos wären nur neidisch auf die Heteroprivilegien, ohne überhaupt zu merken, was man da gerade gesagt hat. Heteroprivileg ist, dass niemandem deine Sexualität unangenehm ist, im Gegenteil: Bei den meisten gilt sie als normal und wird vorausgesetzt. Niemand erklärt, du würdest deine Sexualität vor dir her tragen, nur weil du „offen“ hetero lebst. Deine Sexualität ist in den Medien überproportional repräsentiert. Niemand fragt, „Wie ist das denn bei euch Heten?“ und du lernst schon in der Schule, wie das ist bei euch Heten (wie du z.B. Safer Sex praktizierst). Niemand kommt dir mit „Das war jetzt aber sehr hetero von dir“-Stereotypen. Niemand erklärt dir wegen deines Outfits/Frisur/sonstwas, du sähst ja gar nicht aus wie ne Hete. Niemand erwartet von dir als Mann, dass du einen besonderen Hang zu Mode, Inneneinrichtung oder Flugbegleitung hast. Niemand fragt dich als Frau, ob Zugucken eventuell eine Option wäre. Und niemand sagt: „Was die im Schlafzimmer machen, ist ja deren Sache, aber müssen die auf der Straße knutschen?“

Heteroprivileg ist, dann zu sagen, „Die Homos können doch auch knutschen!“

Genauso wie Postgender nicht gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung hilft, schafft man es nicht durch Ignoranz, Heterosexismus zu überwinden. Die Ausschlüsse, die die Norm mit sich bringt, schafft man nicht durch Subjektivierung auf die Ausgeschlossenen aus der Welt. (Dass die ganze Gleichstellerei nichts nützt, wenn man dabei nicht die Norm in Frage stellt, hatte @lantzschi erst kürzlich erklärt: Die Sache mit dem Zwangsouting).

Heterosexuelle Pärchenperfomance unter „Wir können doch alle knutschen“ abzutun, zeugt von nicht reflektieren des eigenen Privilegs. Genauso tut das, wenn zur Verteidigung öffentlicher Heteroperformance angeführt wird „Aber ich muss mir auch Dicke/Alte/Doofe anschauen!“, denn die reproduzieren keine Dicken-/Alten-/Doofen-Norm sondern sind selber marginalisierte Gruppe.

Es ist schwierig, Herrschaftsverhältnissen zu entgehen, nicht nur als Unterdrückte, auch als Unterdrückende. Dominanz nicht zu reproduzieren, und Privilegien zu erkennen, ist der dafür notwendige Schritt. Auch wenn jetzt und hier privilegierte Menschen die Herrschaftsverhältnisse nicht erfunden haben, liegt es an ihnen, nicht von diesen zu profitieren und sie somit aufrecht zu erhalten.

Der springende Punkt ist, sich ein kritisches Bewusstsein für die Verhältnisse zu schaffen, auch wenn diese sich nicht mal gerade eben ändern lassen.

Wie also sieht normativitätskritische Praxis aus? Zunächst die bittere Wahrheit, dass eine normative Performance, also die Wahrnehmbarkeit des Auftretens und der Handlung als nicht der Norm widersprechend, den Machverhältnissen nie entgegenwirkt. So toll das Knutschen und so queer/nichtnormativ die Knutschenden auch sein mögen, wenn es als mono- und/oder heteronormativ gelesen wird, reproduziert es die mono- und/oder heteronormativen Verhältnisse. Ein Ausdruck von Solidarität ist es also, in einem Kontext, in dem nicht alle Menschen gleichberechtigt Knutschen können, nicht zu knutschen. Es ist nicht die Frage, ob Küssen verboten ist, sondern, wie solidarisch privilegierte Menschen sein wollen.

Protipp: Küssen kann man auch zu Hause. Nicht umsonst wird bei übertriebenem Küssen oft geraten, sich ein Zimmer zu nehmen. Und es gibt sicher keinen Anspruch darauf, dass irgendwer öffentliche Pärchenperformance toll findet.

Weiterlesen:
RiotMango: Ey, seid ihr lesbisch?
Mädchenmannschaft: Warum es manchmal okay ist, Heteros doof zu finden
Lantzschi & LeahBoh: Heterosolidarität-Podcast
Nele Tabler: Der große Unterschied zwischen Lesben und Heten
Martin Rochlin: Questions For Heterosexuals

[1] Umkehrschlüsse sind an dieser Stelle nicht zulässig, selbstredend ist auch das nicht-Küssen Ausübung von Autonomie.


Diesen Text haben @sanczny und @yetzt gemeinsam verfasst, ohne sich dabei zu küssen.

57 comments

  1. endolex

    So sehr mir der solidarische Ansatz konkret auf die Situation bezogen und aus Sicht Nichtpriviegierter einleuchtet, so sehr sorgt mich die Vorstellung, dass eine Nicht-Performance sowohl von normativem und nichtnormativem Knutschens im öffentlichen Meatspace langfristig Heterosexismus verstärkt.

    Weil ich mir vorstellen kann: Je weniger öffentlich nicht-normativ geknutscht wird, umso mehr wird das, was dann *gar* nicht mehr gesehen wird, zur Nicht-Norm. Denn hetereogeküsst wird in Film, Fernsehen, Literatur usw. dann immer noch mehr als genug und erreicht dermaßen viele Leute, da muss ein Hetereopärchen in der S-Bahn ganz schön lang für öffentlich knutschen, um da mithalten zu können.

    Natürlich kann ich wiederum daraus unmöglich den Tip ableiten: „Ey, knutscht wir doch einfach viel mehr öffentlich nicht-normativ, dann wird das Teil der Norm, das ist das Risiko verprügelt oder blöd angequatscht zu werden allemal wert!“
    Nee. Ich habe ehrlich gesagt keine richtige Idee, wie das auf eine Weise anzugehen wäre, die Nichtprivilegierten *nicht* schadet. -.- Und das kotzt mich gerade selbst etwas an.

    Zu dem ‚Küssen kann man auch zuhause‘ wird hier vermutlich noch ein *bißchen* was an Kommentaren kommen. :/ Ehrlich gesagt sehe ich das für mich auch so, sehe mich aber nicht in einer Position, das anderen Menschen zu empfehlen, ob nun für normatives oder nichtnormatives Knutschen.

  2. ich und die (anderen)

    wenn man unterdrückerin ist/wäre, müsste man nicht die verhältnisse reflektieren, sondern einfach die unterdrückung sein lassen. aber das geht nicht, weil man die nicht erfunden hat? na und? (auch fortgesetztes) unterdrücken ist was mit wille und bewusstsein und falsch.
    dein verweis auf das nicht-erfunden-haben kombiniert mit dem aufruf zur reflexion statt zur einstellung der unterdrückung ist ein verstecktes eingeständnis, dass unterdrückung das ganze nicht wirklich trifft.

  3. ich und die (anderen)

    „Der springende Punkt ist, sich ein kritisches Bewusstsein für die Verhältnisse zu schaffen, auch wenn diese sich nicht mal gerade eben ändern lassen.“

    wäre man unterdrückerin, ließe sich die unterdrückung sofort abstellen. stattdessen de aufforderung zum „kritischen bewusstsein“ und der verweis, dass man — obwohl man, wie vorher unterstellt, die unterdrückung ausübt — diese nicht sofort abschaffen könne.

  4. Kinch

    Hey,

    eine Frage: Wieso ist das auf Küssen beschränkt? Wieso nicht auf alle Formen der Zuneigung oder Verbundenheit? Lantzsch nannte mal als Beispiel störender Heternormativität, dass sich Hetero-Päarchen immer nebeneinander hinsetzen (wenn ich mich richtig erinnere). Sollte derartiges nicht dann gleichfalls unterbunden sein?

    Grüße

  5. Pingback: Frauenpolitik | Birgit Rydlewski
  6. kimberra

    Das ist mir zu viel theoretischer Aufwand, um zu sagen, dass Sie von Hetenpärchen und deren Knutschereien genervt sind, und dass die das gefälligst mal lassen sollen. Das Anliegen kann ich verstehen, aber gerät das auf diese Weise (z.B. „Subjektivierung auf die Ausgeschlossenen“?) nicht allzu wasserdicht gegen Einwände?

  7. eva blond

    ja, heteronormativität nervt. und knutschende paare erwecken gelegentlich vielerlei unangenehme bis wütend machende assoziationen. aber die frage ist: können solidarische heterosexuelle paare das durch nicht-knutschen verbessern? ich glaube nicht.
    auf der straße sehe ich eh schon zu wenig liebe, selbstbestimmtheit und freien ausdruck. ich möchte im öffentlichen raum auf zärtlichkeit nicht verzichten, weder gegenüber männern noch gegenüber frauen, nicht zu partner_innen und nicht zu freund_innen. dass ich dabei meine eigene sicherheit immer mit bedenken muss, ist traurig. aber selbst-beschränkung kann nicht die antwort sein.
    etwas anderes finde ich aber sehr wichtig: nicht in jedem gedankenlosen kommentar eine anfeindung zu sehen. denn oft sind die genau das: gedankenlos. geäußert von menschen, die wie wir alle in einer heteronormativen gesellschaft leben, nicht viel wissen, fragen haben und vielleicht nur unbeholfen neugierig sind. und die oft einfach nur eine deutliche antwort brauchen, bei entsprechender gelegenheit aber vielleicht auch ein gespräch, in dem sie ihre fragen äußern können. nicht alle kommen mit den entsprechenden intellektuellen fähigkeiten auf die welt, gendertheoretiker_innen zu werden. homophob sind sie deswegen nicht unbedingt.

  8. CK_eins

    IMHO ist die Logik hier ja etwas zu sehr verknotet. Vergleiche hinken ja, aber so gesehen: Wäre dann die Veröffentlichung dieses Beitrags unter unseren Bedingungen in Sachen Meinungsfreiheit nicht auch ein unsolidarischer Akt gegenüber unseren Freunden in Ländern, wo das nicht möglich ist? Hm…

  9. Pingback: Küssen verboten? Kiss Kiss, Bang Bang oder Critical Hetness « yetzt
  10. yetzt

    @ich und die (anderen)
    ich weiß nicht, welche absichten du mit dem cherrypicking verfolgst, aber

    Dominanz nicht zu reproduzieren, und Privilegien zu erkennen, ist der dafür notwendige Schritt. Auch wenn jetzt und hier privilegierte Menschen die Herrschaftsverhältnisse nicht erfunden haben, liegt es an ihnen, nicht von diesen zu profitieren und sie somit aufrecht zu erhalten.

    halte ich für recht deutlich. wenn du da keinen aufruf zu einstellung der unterdrückung liest, willst du wohl auch keinen lesen.

  11. notizbuchfragmente

    „Ein Ausdruck von Solidarität ist es also, in einem Kontext, in dem nicht alle Menschen gleichberechtigt Knutschen können, nicht zu knutschen.“

    Ich frage jetzt mal ganz unschuldig (und das ist wirklich unschuldig gemeint und nicht ironisch, sondern ernsthaft interessiert): In welchen Kontexten können den Menschen in der Öffentlichkeit nicht gleichberechtigt knutschen?

    Spontan fiele mir da nur das Fußballstadion ein …

    • sanczny

      @notizbuchfragmente
      Homosexuelle können so ziemlich nirgendwo in der Öffentlichkeit knutschen, ohne mit den beschriebenen Reaktionen rechnen zu müssen.

  12. notizbuchfragmente

    @sanczny
    Erstmal danke fürs Antworten – ohne überhebliche Reaktion, ein „bist du doof!“ oder ähnliches. :-)

    Meine spontane Reaktion auf deine Antwort war übrigens ein: „Na, aber in Köln oder Düsseldorf oder Berlin doch bestimmt …?“ Also ein bisschen skeptisch, weil meines Wissens alle drei Städte ja schon eine große (und auch recht bekannte) Szene haben.
    Aber: ich weiß, das kann nicht Sinn der Sache sein. „Wenn ihr knutschen wollt, fahrt nach Köln!“, ist mit Sicherheit keine Ansage und zeigt das Problem um so deutlicher.

    Dass heterosexuelle Beziehungen die Norm z.B. in Zeitschriften sind, ist mir in den letzten Jahren auch einfach so verstärkt aufgefallen, weil ich die da verkauft hab – wer was über lesbische Partnerschaften lesen will, darf eben nicht die Glamour kaufen, da gehts nämlich nur um Kerle. Das finde ich nicht in Ordnung – aber hier müsste meiner Meinung nach klargemacht werden, dass der Zeitschrift einnahmen verloren gehen, wenn sie die Hälfte(?) der Bevölkerung kategorisch ausschließt. (das ist jetzt natürlich nur ein Beispiel).

    Ich hab hier in den Antworten den Satz gelesen »Auf der Straße sehe ich eh schon zu wenig Liebe«, und dem würde ich mich gern anschließen.

    Ich habe kein Problem damit, wenn Frauen sich küssen oder Männer in der Öffentlichkeit Händchen halten. Ich habe gemerkt, dass mich das überrascht – allerdings nur, weil man es wirklich nur ganz, ganz selten sieht. Aber ich würde mich wünschen, dass das viel häufiger wird, denn nur was häufig passiert, wird irgenddwann normal (vor ein paar Jahrzehnten war Händchen Halten auf der Straße generell nicht).

    Die Frage ist jetzt: Wie gehen wir damit um? Was kann ich, als heterosexuelles Mitglied der Gesellschaft, tun, damit sich schwule Pärchen diesen Kappes nicht mehr anhören müssen, keine Angst mehr haben müssen, sich irgendwelche dummen Kommentare zu fangen?

    Soll ich jetzt in der Öffentlichkeit auf Zärtlichkeiten gegenüber meinem Liebsten komplett verzichten, weil andere sich dadurch gestört fühlen, wenn ich ihn küsse oder in den Arm nehme? Wer denn alles? nur Homosexuelle Leute? Oder vielleicht auch unglückliche Singles?
    Das will ich nicht.
    Ich will meine Liebe zeigen können. Und ich bin mir sicher, ich würde das auch wollen, wenn mein Liebster jetzt meine Liebste wäre.

    Ist dann nicht alles, was ich tun kann, homosexuellen Pärchen KEINE dummen Kommentare an den Kopf zu werfen und sie einfach so zu akzeptieren, wie sie sind? Aber das mache ich ohnehin! Und jetzt?

    Natürlich, das hat auch was mit Rücksichtnahme zu tun, das ist ja der Kern deines Arguments. Dass man Rücksicht nimmt, ist selbstverständlich. Wenn ich gerade mit mehreren in der Kneipe sitze und einer von uns ist gerade unglücklich frisch getrennt, dann reiße ich mich zusammen. Aber soll ich jetzt ernsthaft warten, bis der-/oder diejenige wieder in einer Beziehung ist, bevor ich meinem Liebsten in deren/dessen Gegenwart einen Kuss gebe? Oder ist das schon nach drei Wochen wieder okay?

    Wie gesagt, ich sehe das Problem. Aber ich glaube nicht, dass ein generelles Zärtlichkeitsverbot in der Öffentlichkeit die Lösung dafür ist.

    Ich hoffe, ich bin jetzt hier niemandem allzusehr auf die Füße getreten und die Antworten (falls es welche gibt) erfolgen genau so sachlich wie deine erste.
    Herzlichen Dank :-)

    • sanczny

      @notizbuchfragmente

      Aber ich glaube nicht, dass ein generelles Zärtlichkeitsverbot in der Öffentlichkeit die Lösung dafür ist.

      Um es mal ganz kurz zu machen: Es ging in dem Text um keinerlei Verbote oder Verhaltensvorgaben. Der Text erklärt, wie man sich solidarisch normkritisch verhalten könnte. Er ist ein Angebot, das mal zu reflektieren. Und im äußersten Fall ist er als Bitte um Solidarität zu verstehen, die jede_r sich frei entscheiden kann, abzulehnen.

  13. Rya

    Was ich mich noch frage: Könnte wohlwollend betrachtet bei Jugendlichen die Frage an ein gleichgeschlechtlich knutschendes Paar nicht auch simple Neugier sein? Gerade in jungen Jahren besteht da doch so viel Unsicherheit, so viel Auseinandersetzung mit sich selbst und zudem noch der Wille, der Peergroup gefallen zu wollen. Ich grübele noch, wie man mit dieser Neugier beim Gucken, beim Nachfragen sinnvoll umgehen sollte….

    • sanczny

      @Rya
      Ja, klar kann das reine Neugier sein. Ich weiß auch nicht, ob es sinnvoll ist, sich da vorab und unabhängig vom Einzelfall zu überlegen, wie man damit umgeht. Aber wenn an homosexuelle Jugendliche zB der Anspruch gestellt wird, sie müssten anderen Homosexualität erklären… eher nicht okay.

  14. klingt komisch

    “Der springende Punkt ist, sich ein kritisches Bewusstsein für die Verhältnisse zu schaffen, auch wenn diese sich nicht mal gerade eben ändern lassen.”

    Die Verhältnisse sollen ja wohl die Mehrheitsverhältnisse in der Gesellschaft sein. Also der schiere Umstand, dass die Mehrheit der Menschen heterosexuell ist und sich aus dieser zahlenmäßigen Präsenz Gefühle von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit ergeben. Nun frage ich mich, wie sollen diese Verhältnisse geändert werden? Was soll mit der heterosexuellen Mehrheit geschehen? Wie werden wir sie los? Und dann? Sind wir in der Mehrheit und etablieren ganz automatisch unsere Normen.

    • endolex

      @klingt komisch:

      Ob etwas als Teil der Norm gesehen wird ist nicht ausschließlich von Mehrheitsverhältnissen abhängig, sondern von der Wahrnehmung und ‚Gewohnheit‘, es zu sehen und als „normal“ zu bewerten. Es gab Zeiten, da wurden z.B. Rothaarige und Linkshänder nicht nur scheel angesehen sondern verfolgt. Heute gelten sie als relativ normal, trotz ihres vergleichsweise geringen Anteils an der Bevölkerung. Es gibt sicher noch bessere Beispiele.

      Nicht die tatsächliche Statistik, sondern unser ‚inneres‘ Archiv ist ausschlaggebend, wie wir ein Phänomen betrachten. Je mehr Beispiele für positive / ’normale‘ Erscheinungen von etwas im Kopf haben (nicht einmal unbedingt selbst erlebt sondern besonders von jemandem erzählt bekommen / irgendwo gelesen / es mit jemandem besprochen), umso weniger erscheint uns etwas als unvertraut oder ‚abnorm‘.

  15. klingt komisch

    endolex, ich bin selbst Linkshänder und werde oft darauf angesprochen. Im Alltag könnte ich überall Nachteile für mich festellen. Griffe, Werkzeug, Bedienelemente, Verschlüsse sind für Rechtshänder ausgelegt. Ich könnte mit einigem Recht behaupten, es gäbe eine rechtshändernormative Matrix, Rechtshänderprivilegien und mich als marginalisiert wahrnehmen, weil die Gesellschaft nicht genauso auf meine Bedürfnisse eingeht, wie auf die der Rechtshänder. Tu ich aber nicht, weil ich meine Linkshändigkeit nicht zu dramatisieren gedenke und niemanden damit belästigen möchte, seine vermeitlichen Privilegien zu reflektieren. Ich lebe einfach damit, in einer gewissen Hinsicht anders zu sein als die Mehrheit. In meiner Gegenwart muss kein Rechtshänder critical right handedness praktizieren und solidarisch mit links schreiben, damit es ihm gut geht.

  16. endolex

    @klingt komisch:

    Dass du deine Situation heute als nur wenig unterdrückt empfinden musst, und dass es Zeiten gab, in denen das ganz anders aussah, ist ja gerade mein Punkt.
    Wurdest du schon mal blöd angemacht oder mit Gewalt bedroht, weil dich jemand was mit links hat machen sehen? Bist du deshalb vorsichtig, ob du in der Öffentlichkeit die linke Hand für etwas benutzt? Kennst du Foren im Internet, wo auf das übelste über Linkshänder hergezogen wird und dein Linkshändertum als pervers gilt? Musst du dir ständig anhören, was für ‚andere‘ Menschen Linkshänder im Prinzip sind?

  17. notizbuchfragmente

    @sanczy: ich bitte zu entschuldigen, du hast Recht. ich hab mit dem „Verbot“ angefangen. Da habe ich wohl zu viel hineininterpretiert – das tut mir Leid.

    @endolex:
    Ich finde Linkshändigkeit ist ein ganz gutes Beispiel. :)

    Natürlich werden wir (ich schreibe jetzt bewusst WIR, ich bin nämlich auch Linkshänderin) nicht mehr verfolgt, und dir wird auch nicht mehr die hand auf den Rücken gebunden (obwohl auch eine Freundin von mir mit Rechts schreiben lernen musste, weil die lehrerin „das schöner“ fand. Ähäm.)

    AAABER kommentiert wird das im Alltag durchaus noch, wenn auch nur herablassend ungläubig: „Ich versteh das gar nicht, dass Sie so schnell schreiben können … Mit links …“ Als ich vor Jahren meinen Mietvertrag unterschrieb, kommentierte mein Vermieter den Hinweis meiner Mutter, ich sei die einzige Linkshänderin in der Familie mit: „HättenSe se umlernen müssen!“.

    Also – gibt es immernoch. Und es gibt kleinere Einschränkung, weil man beispielsweise Messer oder Scheren nicht vernünftig bedienen kann.
    Mir ist bewusst, dass das alles Lappalien sind. Und ich möchte auch auf gar keinen Fall herunterspielen, was homosexuelle Menschen jeden Tag erleben und auch ertragen müssen, an Gewalt, Diskriminierung, etc.

    Was deine letzten Fragen angeht, endolex – über Linkshänder kenne ich das nicht, aber wenn ich mal zusammschriebe, was ich mir aller habe anhören müssen, weil ich Christin bin (und dann auch noch Theologie studiere … ;-) ) Oh wei. Insofern – kenn ich auch, ist aber natürlich auch nicht hundertpro vergleichlich (wie auch. Alle Vergleiche hinken).

    ~ ~ ~

    Insgesamt glaube ich, kann sich nur was ändern, wenn Heterosexuelle mit darauf achten, dass andere Heterosexuelle Homosexuelle nicht diskriminieren (stichwort beispielsweise: „Schwul ist kein Schimpfwort!“) – und die Homosexuellen sich nicht verstecken, sondern selbstbewusst ihr Leben leben. Wir sind schließlich alle Menschen. :)

    • endolex

      @notizbuchfragmente:
      „Insgesamt glaube ich, kann sich nur was ändern, wenn Heterosexuelle mit darauf achten, dass andere Heterosexuelle Homosexuelle nicht diskriminieren“

      Absolut, das glaube ich auch. :)

  18. klingt komisch

    „Dass du deine Situation heute als nur wenig unterdrückt empfinden musst, …“

    Das müsste ich eben nicht. Ich könnte mich auch mehr unterdrückt fühlen. Indizien gibt es genug.

    „Wurdest du schon mal blöd angemacht oder mit Gewalt bedroht, weil dich jemand was mit links hat machen sehen? … Musst du dir ständig anhören, …?“

    Das halte ich für eine Dramatisierung. Niemand muss sich ständig etwas anhören. Im meinem Umfeld leben einige Homosexuelle wie alle anderen auch.

    Ansonsten, ja, durchaus wurde ich als Kind von älteren Leuten blöd angemacht und zum Benutzen der rechten Hand angehalten. Ich sehe so etwas als das, was es ist. Die FReiheit von anderen auf eine andere Meinung, die mich in Grunde nicht tangiert.

  19. Absentee

    mal ganz ehrlich?! ihr habt zu viel freizeit!
    ich soll also jetzt aufhören in der öffentlichkeit zu knutschen, weil es manchen menschen immernoch schwer gemacht wird dieses ebenso zu machen?

    wir sollten uns dessen bewußt sein, wie toll es ist die hand des partners/der partnerin auf der straße greifen zu können?

    ich hoffe wir sind uns auch alle bewußt das wir fließendes, trinkbares wasser aus leitungen haben und strom aus der steckdose kommt.
    und wir sollten uns viel öfter bewußt machen, das wir am wasser sitzen können und unsere füße hinein halten ohne das uns dabei was passiert.

    eure idee mag ja im kleinen kreis ne ganz nette wirkung haben, wenn öffentlich keine zuneigung mehr ausgedrückt wird. aber sollte so eine gesellschaft aussehen?
    es herrscht doch schon genug kälte. treibt uns das nicht eher weiter auseinander?
    bekommen dann die, die nicht wollen das „nicht-normal-sexuelle“ menschen ihre liebe in der öffentlichkeit kundtun, genau das was sie wollen?

    oder sollten nur noch homopärchen in der öffentlichkeit knutschen dürfen, für die nächsten 50 jahre, damit das endlich als norm betrachtet wird und wir dann den spieß wieder umdrehen können?

    welche veränderung soll das bringen? wie stellt ihr euch das vor? wer achtet auf so nen scheiß?
    habt ihr echt nix besseres zu tun???

    vielleicht sollten wir ja zwei wochen im monat einführen, in der mensch sich solidarisch zeigen kann und nur gleichgeschlechtlich geknutscht wird, egal ob homo oder hete.

    ich knutsch weiter wen ich will, wann ich will und wo ich will und bewahre mein rückgrat indem ich mich einmische, wenn etwas passiert mit dem ich nicht einverstanden bin. als teil der gesellschaft, für eine gesellschaft in der ich leben möchte.

    p.s. ich denke mal jeder mensch wird mit dem ein oder anderen vorurteil, schubladendenken oder vorwürfen im leben konfrontiert und irgendwann sollte mensch einfach wissen wer er/sie ist und auf die meinung der anderen scheißen. (natürlich wenn es anderen nicht schadet!)
    ich persönlich laß mich lieber fünf mal verprügeln, statt meine meinung oder meine lebenseinstellung zu verbergen!

    kurz und knapp: augen auf und im zweifel einschreiten. immer, überall, jederzeit!

    und vergesst mal nicht den entwicklungsprozeß den wir schon hinter uns haben. vor 20 jahren war es undenkbar das es gleichgeschlechtliche ehen gibt. mittlerweile auch schon möglich. also raus aus der opferrolle und rein ins leben!

    • sanczny

      @Absentee
      Ich hab das jetzt mal freigeschaltet als strahlendes Beispiel für Beitrag nicht verstanden und/oder Ignoranz. Schlag zumindest das mit der Homosexuellenehe mal nach, die gibt es – sofern du Deutschland meintest – hierzulande nicht.

      • Absentee

        ähm, weshalb ich auch anfang diesen jahres auf einer hetenehe, trauzeuge_in spielen durfte…………und ob da jetzt lebenspartnerschaft oder ehepartnerschaft auf der urkunde steht ist ja wohl mal….nun ja…..

        aber genau wegen diesem korinthenkackertum kommt mensch hier zu nix!

        und nächsten monat werden wir alle dick, weil dicke auch immernoch diskreminiert werden.

        dramatisiert finde ich den text und die überlegung nicht.
        nur schiebt dieser text es auf ein noch entfernteres podest, als die sache eh schon ist.

        wie wäre es mal mit nem normalen umgang damit? ich seh keine homos und heten ich sehe nur liebende (oder hassende) menschen!

        • sanczny

          und ob da jetzt lebenspartnerschaft oder ehepartnerschaft auf der urkunde steht ist ja wohl mal….nun ja…..

          nein, es ist nicht egal. so lange es nicht rechtlich gleichgestellt ist, sollte man es auch nicht als ehe bezeichnen. das als korinthenkackertum zu bezeichnen zeigt nur, wie egal es dir letztlich ist.
          (letzte verwarnung übrigens, nochmal schalte ich so ein unqualifiziertes gebashe nicht frei.)

  20. ich und die (anderen)

    @yetzt

    cherrypicking? mir fallen nur theoretische widersprüche auf.

    „Es ist schwierig, Herrschaftsverhältnissen zu entgehen, nicht nur als Unterdrückte, auch als Unterdrückende.“

    sich an unterdrückende zu wenden mit der bitte um solidarität ist naiv. unterdrückenden zu sagen, dass sie dem von ihnen etablierten herrschaftssystem nicht leicht entgehen können, auch.

    was wird verfolgt mit der präsentation derart theoretisch widersprüchlicher beiträge? — könnte ich zurückfragen.

    im übrigen wird man nicht geschädigt, wenn jemand küsst — egal, wer es ist. es kann mir einfach egal sein. solange das küssen konsensual erfolgt, sollen sich andere raushalten.

    die orientierung „nach unten“ verstehe ich nicht und halte ich für falsch. ziel sollte es sein, dass alle konsensual öffentlich küssen können ohne belästigt zu werden. stattdessen wird hier propagiert, dass niemand mehr öffentlich küssen soll. dass damit jenen, die öffentlich küssen wollen, aber gestört werden, geholfen ist, halte ich für ein gerücht: sie werden immer noch gestört, wenn sie’s tun; der einzige unterschied: die anderen tun’s jetzt auch nicht mehr. das ziel ist aber genau das gegenteil: dass alle küssen können, öffentlich, ungestört, und nicht, dass niemand mehr öffentlich küsst.

    man kann so probleme auch zum verschwinden bringen: na klar, wenn niemand mehr öffentlich küsst, fällt’s nicht mehr auf, dass manche davon massive probleme hätten, wenn sie es täten. und schon hat man ein problem pseudomäßig aus der welt geschafft. unsichtbar gemacht hat man es, indem man küssen insgesamt ins angeblich unpolitische private abschiebt. q.e.d: „Küssen kann man auch zu Hause.“

    nochmal was zum privileg: nein, es ist kein privileg, öffentlich und konsensual zu küssen. es schädigt niemanden, es ist eine verhaltensweise, die den menschen unabhängig ihrer orientierung offenstehen soll. es zu einem privileg zu erklären, mündet genau in das, was ich skizziert habe: man schafft das angebliche privileg ab („privilegien abschaffen!“), indem man alle nach unten presst, statt dafür zu kämpfen, dass küssen allen offen steht. dann küsst niemand mehr und alles ist privilegienfrei toll. die perspektive, die der begriff nahelegt, ist falsch. es kann nicht darum gehen, alle der gerechtigkeit halber nach unten zu befördern. es muss im gegenteil darum gehen, alle nach oben zu befördern. solche „privilegien“ gehören dadurch abgeschafft, dass man sie für alle öffnet.

  21. ich und die (anderen)

    ps:

    „wenn du da keinen aufruf zu einstellung der unterdrückung liest, willst du wohl auch keinen lesen.“

    lese ich eben schon. und ich sage: es ist doch naiv, sich an unterdrückende zu wenden mit der bitte um solidarität. entweder die entsprechenden UNTERDRÜCKEN, weil sie wille und bewusstsein haben, machen das also GEZIELT und SYSTEMATISCH. dann kommt man mit einer bitte nicht weiter. das ist wie wenn ich mich an nen monarchen wende und sagen: du herrscher, möchtest nicht mal aus solidarität deine herrschaft einstellen?

    das ignoriert doch vollkommen, dass unterdrückung einen INHALT hat. es wird nicht einfach unterdrückt, weils gerade spaß macht oder man mal dazu die idee hatte, spontan, nebenbei. unterdrückung hat immer einen ZWECK! und dann kommt man mit bitten und aufrufen nicht weiter. denn dass die unterdrückenden schädigen, dass wissen se wohl: sie setzen ja die entsprechenden handlungen, genau das ist ihr MITTEL zur verwirklichung ihres zwecks.

    möglichkeiten: entweder ist das ganze mit unterdrückung falsch bestimmt. oder der appell ist theoretisch (und damit auch praktisch) nicht haltbar, weil ne naive hilflose bitte an die, die unterdrückung ausüben.

  22. Kinch

    @Absentee

    In der Linkliste dieses Artikels findest du einen Link zu „Der große Unterschied zwischen Lesben und Heten”. Ich kann dir nur sehr empfehlen, dir den Artikel mal zu Gemüte zu führen.

    @klingt komisch

    Das halte ich für eine Dramatisierung. Niemand muss sich ständig etwas anhören. Im meinem Umfeld leben einige Homosexuelle wie alle anderen auch.

    Dass alle drei Sekunden ein Kind aufgrund von Armut stirbt, halte ich für eine Dramatisierung. In meinem Umfeld leben viele Kinder und davon ist bisher noch keines gestorben.

    Mal im Ernst: Homosexuelle bringen sich nicht umstonst viermal so oft um.

    Ich halte die Idee aus Solidarität nicht zu Küssen auch nicht für so wirklich überzeugend, aber ich habe den Eindruck die meiste Kritik daran entwächst lediglich von einem völligen Unverständnis gegenüber der Situation Homosexueller.

  23. Pingback: “Küssen kann man auch zu Hause.” : ich und die (anderen)
  24. ich und die (anderen)

    „Und täglich grüßt der Nebenwiderspruch.“

    na bei dir vllt. bei mir kommt dergleichen nicht vor. wie komm ich auch dazu? also: was ist deiner meinung nach ein nebenwiderspruch? und ist das nicht ein etwas doofer begriff, oder was soll damit geklärt sein? geh doch mal auf meine kritik ein, zB das mit dem unsichtbarmachen.

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  26. erlehmann

    Ich empfinde das übrigens nicht nur als sex-negativ, sondern auch als ziemlich bi-feindlich. Negativ sanktionierte Küsse demonstrieren, aber akzeptierte Küsse vermeiden, das fördert nur bisexuelle Unsichtbarkeit.

  27. erlehmann

    Wenn du derartige Diskussionsbeiträge für Trollierung halten musst, um dich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen, bitte, hab Spaß. Sonderlich hilfreich ist es allerdings nicht.

  28. klingt komisch

    „Dass alle drei Sekunden ein Kind aufgrund von Armut stirbt, halte ich für eine Dramatisierung. In meinem Umfeld leben viele Kinder und davon ist bisher noch keines gestorben.“

    Genau, Kinch, du bringst es auf den Punkt: Kinder verhungern und Homosexuelle müssen sich täglich „was anhören“ – aber das passiert weder in meinem noch in deinem Umfeld. Es hat wenig Sinn, in Debatten über hiesige Verhältnisse die verhungernden Kinder anzuführen. Es ist sogar zynisch.

  29. Kinch

    @klingt komisch

    Die Analogie, sollte nicht die Schicksale hungernde Kinder und Homosexueller vergleichen, sondern die eigentlich offensichtliche Lücke in deiner Methodik darlegen. Ich weiß nicht, was in deinem Umfeld so vor sich und ich weiß nicht, wie intensiv der Kontakt ist den du zu den Homosexuellen dort hast, aber ich weiß, dass du aufgrund persönlicher Erfahrungen keine allgemeingültigen Aussagen, über die Nicht-Existenz von Phänomen machen kannst.

    Und ich bin mir recht sicher, dass du nicht beurteilen kannst, was genau in meinem Umfeld geschieht. Der Umstand, dass du dennoch so apodiktisch behauptest zu wissen, was hier passiert und was nicht, lässt mich ehrlich gesagt an deiner Diskussionsfähigkeit zweifeln.

  30. klingt komisch

    Kinch, weder dein noch mein Umfeld ist repräsentativ. Allerdings müssen sich Homosexuelle in meinem Umfeld nicht täglich was auch immer anhören. Das weiß ich sicher. Deren Sexualität spielt ebenso wie meine im Alltag keine Rolle. Sie könnten sich also höchstens darüber beklagen, dass ihrer Sexualität keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.
    Wenn mir eine ausreichende Anzahl Homosexueller glaubhaft machen kann, dass sie täglich in ihrem Umfeld irgend etwas erleiden, dann nehme ich das für diese Betroffenen als gegeben. Aber die hungernden Kinder sind hier definitv ein no go. Genauso übrigens wie das Leben von Homosexuellen in Ländern, wo es weniger tolerant zugeht als hier.

    Wenn du an Diskussionsfähigkeiten zweifeln willst, dann beschäftige bitte mit deiner eigenen.

    • sanczny

      @klingt komisch
      Selbst wenn du hundert homosexuelle Freunde hast, die keinen Wert auf rechtliche und tatsächliche Gleichstellung legen: Die können nicht für alle sprechen. Das ist kein Argument. Und wieso nennst du die überhaupt „Betroffene“ wenn bei denen alles so perfekt ist?

  31. Kinch

    @klingt komisch

    Wenn dich die Studien, die Betroffenberichte und schlicht die von mir bereits genannte exorbitante Selbstmordrate nicht überzeugen, sehe ich mich außer Stande deiner Erkenntnisverweigerung irgendetwas entgegenzusetzen.

    Wenn mir eine ausreichende Anzahl Homosexueller glaubhaft machen kann, dass sie täglich in ihrem Umfeld irgend etwas erleiden, dann nehme ich das für diese Betroffenen als gegeben.

    Oh, wie großzügig. Dass es Gewalt gegen Homosexuelle gibt, muss man dir persönlich in jedem Einzelfall glaubhaft machen. Dass es keine Gewalt gegen Homosexuelle gibt, interpolierst aus den Paar die du meinst zu kennen, weil sie in deiner Gegen wohnen. Ja, das klingt fair und unvoreingenommen.

    Ich möchte sanczny nicht weiter dazu nötigen Fortsetzungen dieser Unterhaltung freischalten zu müssen und beende die Diskussion von meiner Seite aus.

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  34. Doreen

    Hm, also ich habe öffentlich schon mit Männern und Frauen geknutscht und ja, mit Frauen kamen da gerne mal Kommentare (hauptsäch „oh geil, darf ich mitmachen?“, ich nehm mal an zwei Männer bekommen da eher noch Negativeres zu hören). Aber sollte ich es jetzt vom Geschlecht meines aktuellen Partners abhängig machen, ob wir im Freien knutschen? Ich sehe ehrlich gesagt nicht, wie das nichtnormativ Knutschenden helfen soll. Würde das nicht im Gegenteil dazu führen, dass jedes Knutschen noch mehr als jetzt schon sanktioniert werden würde? Wenn die Leute das norm-kompatible Knutschen seltener sehen, dann erscheint ihnen das nichtnormative Knutschen wohl erst recht als ungehörig.

    Ich sehe es schon als Privileg draußen ungestört knutschen und händchenhalten zu können. Ich weiß, dass man als Paar, das sich im Geschlecht unterscheidet aber ansonsten möglichst ähnlich ist, am wenigstens Kommentare dafür bekommt, als gleichgeschlechtsliches Paar (oder auch zum Beispiel mit großem Altersunterschied) wird man da oft missbilligend angeguckt. Aber ich sehe wirklich nicht in wie weit es der einen Gruppe helfen soll, wenn die anderen jetzt auch nicht mehr öffentlich Zuneigung zeigen, ich denke, das hätte eher zur Folge, dass Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit generell noch mehr doofe Blicke ernten würden, egal wer da mit wem knutscht.

    • sanczny

      Im großen Ganzen stärkt nun mal dominante Reproduktion der Heteronorm die Heteronorm. Das ist das Gegenteil von hilfreich für diejenigen, die nicht der Norm entsprechen.

  35. Jjane

    Hallo. Vielen Dank für euren Beitrag. Das Thema finde ich wichtig und ich glaube auch, dass es sinnvoll ist von cis-gender Heterosexuellen zu fordern, ihre Privilegien zu reflektieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.

    Ich persönlich möchte niemandem vorschreiben, wie genau die Konsequenzen auszusehen haben, weil ich so oft wie möglich versuche mitzudenken, dass es auch ein Privileg ist, Privilegien überhaupt reflektieren zu können.

    Eine Frage, die mir beim Lesen des Blogeintrags kam, war, wen ihr mit dem Text ansprechen wollt. Für Heten, die sich nie Gedanken gemacht haben, dass andere Menschen, nicht so einfach in der Fußgängerzone knutschen können, finde ich „Critical Hetness“ prima.

    Der vorletzte Absatz eures Textes klang für mich aber so, als ob ihr auch LGBTIQ*s indirekt vorwerft, unsolidarisch mit der eigenen Community zu sein, wenn ihre öffentlichen Küsse heterosexuell gelesen werden.
    Hab ich mich das falsch verstanden, oder seht ihr das tatsächlich so?

    Ein Beispiel: Ein Transmann sollte meiner Meinung nach sein Privileg genießen, die Freundin ohne Angst auf offener Straße knutschen zu können; auch wenn er dabei heterosexuell gelesen wird und/oder sich sogar so fühlt.

  36. Das Chaos im Kopf

    mhhh… schwierig…

    „Zunächst die bittere Wahrheit, dass eine normative Performance, also die Wahrnehmbarkeit des Auftretens und der Handlung als nicht der Norm widersprechend, den Machverhältnissen nie entgegenwirkt. So toll das Knutschen und so queer/nichtnormativ die Knutschenden auch sein mögen, wenn es als mono- und/oder heteronormativ gelesen wird, reproduziert es die mono- und/oder heteronormativen Verhältnisse.“

    Obwohl ich den Artikel so verstanden habe, dass es hier eher um eine Mittel- statt- Ziel Geschichte geht, also dass es natürlich das Ziel ist, dass irgendwann alle ungestört öffentlich knutschen können und der Verzicht auf das Privileg von sich hetero küssenden Pärchen nur ein Mittel dazu ist, macht mir dieser Absatz Bauchschmerzen.

    Denn vielleicht habt ihr Recht und jeder Kuss der hetero sexuell gelesen wird reproduziert die Verhältnisse, aber für die Küssenden macht der eigene Hintergrund da einfach einen Unterschied.
    So empfinde ich es als Bi- sexuelle Person, in einer Welt, in der mir ständig wer weiß machen will, dass es einen Unterschied macht welches Geschlecht ich gerade küsse, als befreiend und als Selbstermächtigung da gerade keinen Unterschied zu machen und gerade das Sichtbar zu machen.
    Der Gedanke um meine Sichtbarkeit und wie ich gerade von wem gelesen werde verfolgt mich da eh schon die ganze Zeit und ich habe eigentlich absichtlich versucht dem nicht mehr so viel Bedeutung bei zu messen.
    Das hatte für mich nie was mit der Reproduktion von Heteronormativität zu tun, eher im Gegenteil

    Ich schließe mich da Jjane und frage mich wie ihr das seht, mit den als hetero- gelesenen Küssen, wenn die Küssenden sich selbst gar nicht als Hetero definieren?

  37. erzaehlmirnix

    Ich denke nicht, dass irgendwem geholfen ist, wenn heterosexuelle Paare nicht mehr knutschen in der Öffentlichkeit. Dass man heutzutage in der Öffentlichkeit Zuneigung zeigen kann ist auch relativ neu und wäre vor hundert Jahren verpönt gewesen. Der schritt sollte eher sein, dafür zu sorgen, dass alle mehr Privilegien haben und nicht auf privilegien zu verzichten ohne damit direkt jemandem zu helfen. es ist ja nicht so, als würde durch den Verzicht auf heteoknutschen das homoknutschen gefördert. eher im gegenteil. ich finde es vergleichbar damit, dass man Lebensmittel wegwirft weil anderso gehungert wird. Würde man einem hungernden damit direkt helfen wäre es toll, aber solidarisch auch zu verhungern bringt keinem was und vergrößert nur den hunger insgesamt. Anstatt solidarisch zu leiden sollte man eher versuchen, solidarisch etwas positives zu machen. Und sei es, dass man das nächste mal als Hetero mit dem gleichgeschlechtlichen kumpel Hand in Hand läuft.

  38. ausnahmeaufstand

    „Im großen Ganzen stärkt nun mal dominante Reproduktion der Heteronorm die Heteronorm. Das ist das Gegenteil von hilfreich für diejenigen, die nicht der Norm entsprechen.“

    Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war das sich gegenseitig seine Liebe zu zeigen in der Öffentlichkeit (auch) im westlichen Kulturkreis weitgehend nicht akzeptiert, was sich allerdings weitgehend gewandelt hat. Für mich liest sich die Aufforderung nach mehr Solidarität sehr unsolidarisch. Außerdem, woher willst du denn sehen was ein Mensch der von einem anderen Mensch nach seinem biologischen Aussehen gelesen wird unter der Hose oder dem Rock als Geschlechtsmerkmale verbirgt? Vom sozialen Geschlecht mal ganz abgesehen. Produktive Solidarität würde sich in meinen Augen stärker beweisen, indem man zum Beispiel auch als hetero Mann mal einen Mann küsst.

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