Postprivacy-Wunderland

[tl;dr Rant darüber, wie die datenschutzkritische Spackeria privilegierte Dudes sind, und warum das zwar so sein muss, die Umsetzung aber dennoch massiv failt.]

Kann man gleichzeitig seine eigenen Privilegien völlig verpeilen und so tun als ob man den totalen Durchblick hätte, was Privilegien betrifft? Man kann. Besonders die Postprivacy-Spackeria kann das richtig gut:

Dieser politische Glückskeks erinnerte mich z.B. stark an das Argumentationsmuster gewisser „Tittenbonus“-Schreier bei den Piraten, die statt über Frauenquoten nachzudenken, sich erstmal dumm stellen und fragen, ob „privilegierte Feministinnen“, wenn sie Quoten fordern, auch Trans-Frauen oder Migranten meinen, oder nur an sich denken. Die Tittenbonus-Schreier lehnen Quoten natürlich insgesamt ab, tun dafür aber so, als würde ihnen das emanzipatorische Engagement ihrer politischen Gegner nicht weit genug gehen. Concern Trolling nennt man sowas.

Und so ähnlich macht das auch die Spackeria: Die zeigt mit dem Zaunpfahl darauf, wie schlimm versagender Datenschutz für die Betroffenen ist, und begründet damit, dass der Datenschutz weg kann. Ganz smarter Move: Zustimmung abgreifen mit einer offensichtlich richtigen Kernaussage, aber auf etwas völlig anderes hinauswollen.

Privatsphäre ist ein Privileg. Klar. Das ist ein Allgemeinplatz für Leute, bei denen das Fehlen von Privatsphäre Lebenswirklichkeit und nicht nur Diskurs ist. Dafür bejuble ich aber keine privilegierten Typen, die so tun, als wäre die Erkenntnis a) neu und b) von ihnen. Herrschaftskritik geht anders. Und die Bezeichnung „bourgeoises Privileg“ lenkt natürlich vor allem von einem ab: Der Sprechposition.

Die Spackeria spricht sich nicht für besseren Datenschutz im Interesse der Benachteiligten aus, sondern gegen den Datenschutz insgesamt. Wenn Postprivacy zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft führen soll, kann der Weg dahin meines Erachtens aber nicht sein, Diskriminierung von der man nicht selbst betroffen ist, auf diese Art zu instrumentalisieren und gegen die Betroffenen auszuspielen.

Eigentlich offensichtlich, aber oft übersehen: Es lebt sich leichter post-privacy, wenn man männlich, weiß, hetero und finanziell unabhängig ist. Darum ist die Post-Privacy-Bewegung vor allem eine Bewegung privilegierter weißer Männer. Das muss so sein. Das Konzept, den Markt aus den Daten zu nehmen, statt den Daten aus dem Markt, erfordert, dass es Leute vormachen, die mit ihren Daten nicht diskriminierbar sind.

Bezogen auf die Tätigkeit „zu Hause rumsitzen“ ist jemand, der/die ALG-II bezieht einer ganz anderen (Ab-) Wertung durch die Gesellschaft ausgesetzt als eine_r, der/die von irgendwelchem Vermögen lebt, ganz unabhängig davon, wie dieses Vermögen zustande kam. Eine_r ist mit klassistischen Stereotypen konfrontiert, gilt ziemlich automatisch als dumm, ungebildet, faul, selber schuld, und der/die andere: Wirds schon richtig gemacht haben.

Die Spackeria macht sich da leider nicht mal die Mühe, das Problem richtig zu benennen. (Ich bin hier nicht mal sicher, ob sie es überhaupt verstehen.) Die „neoliberale Ethik“, so Spacko @tante, besage „dass die Rechte Arbeitsloser weniger wert sind als die der Arbeitenden“*. Das stimmt, wie obiges Beispiel hoffentlich deutlich macht, nicht. Die Diskriminierung verläuft nicht entlang arbeiten / nicht arbeiten.

Für die Entscheidung, was man von sich preisgibt, und was nicht, spielt der eigene gesellschaftliche Status eine ganz große Rolle. Für dasselbe Verhalten wird die eine Frau Schlampe genannt, die andere nicht. Definitionsmacht haben per Default die Privilegierten. So funktioniert Klassismus.

Die Spackeria spricht Menschen gerne ab, dass deren abweichende Herangehensweisen genauso gültig oder besser sein könnten. Natürlich lehnt sie es ab, dass von Leuten zwangsweise Daten erhoben werden. Vorratsdatenspeicherung findet die Spackeria formal „was anderes“ und natürlich schlimm. Aber sie nennt auch Leute, die ihre Positionen nicht teilen, oder nicht in der Lage sind post-privacy zu leben, weil einfach zu viele Nachteile damit verbunden sind, ganz schnell mal Aluhüte und ähnliches.

Die Logik hinter oben zitiertem Tweet ist ja schon erstaunlich. Bildet man eine Analogie zum Gender Pay Gap – Frauen verdienen im Schnitt 23% weniger als Männer – liefe das bei der Spackeria ungefähr so ab:

1) Anprangern, dass Frauen benachteiligt sind
2) Das als männliches Privileg identifizieren
3) Den Männern die Löhne auf Frauen-Niveau kürzen

D’oh.

Dann sich aber noch wie Helden der Emanzipation vorkommen, weil auf die Idee vorher (zu Recht!) noch niemand gekommen ist. Was die Spackeria nämlich nicht so wirklich zu verstehen scheint: In einer nicht diskriminierungsfreien Gesellschaft ist Privatsphäre nicht wertlos. Wir leben nicht im Postprivacy-Wunderland. Ein löchriger Datenschutz ist für Menschen, die auf den Schutz ihrer Daten angewiesen sind, besser als gar keiner. Aber Herrschaftsverhältnisse sind bei der Spackeria leider nur sehr begrenzt Thema.

Warum Datenschutz tatsächlich ein zum Scheitern verurteiltes Konzept ist, wie er Privilegierte weiter privilegiert, wie er einem immer da vorenhalten bleibt, wo man ihn mal bräuchte, hat Christian Heller in seinem Buch „Post-Privacy“ umfassend beschrieben. Daten werden zur Machtausübung verwendet. Du kannst nicht die Daten aus dem Markt nehmen, aber den Markt aus den Daten. Das hielt ich bis vor kurzem für die Quintessenz der Spackeria. Aber dem herrschaftskritischen Anspruch, den Heller in seinem Buch vertreten hat, wird die Spackeria nicht entfernt gerecht. (Entweder das, oder ich hab mir das Buch schöngelesen.)

Die die eigenen Privilegien nicht berücksichtigenden Versuche der Spackeria, auf eine diskriminierungsfreie Gesellschaft hinzuarbeiten, sind paternalistisch und arrogant. Und an einigen Stellen würde ich sogar sagen: Pseudo-emanzipatorisch. Und, wie ich weiter oben schon schrieb: Neoliberal.

Die Spackeria findet sich nicht neoliberal. Die hält sich – zumindest teilweise – für anarchistisch. Im Anarchismus fest verdrahtet ist, Menschen einen Altruismus zu unterstellen, aufgrund dessen diese sich auch ohne äußeren Zwang für Schwächere einsetzen würden. Ohne diese Annahme würde ein anarchistisches „System“ nicht funktionieren. Und jetzt überlegen wir doch mal bitte fünf Sekunden, ob wir an diesen Altruismus glauben. Oder schauen uns einfach an, ob wir den bei der Spackeria irgendwo finden.

Filtersouveränität ist ein Hoax

Filtersouveränität ist die Rückseite von Post-Privacy. Alle posten alles überall hin, und wer nicht will, muss filtern. Aber Filtersouveränität ist ein Hoax.

Kaum irgendwas nimmt einem so nachhaltig den Geschmack aus der Erdnussbutter, wie mitzukriegen, wie egal man jemandem ist, der einem nicht egal ist (frei nach Charlie Brown). Was Leute aus dem Internet, mit denen ich nichts weiter zu tun habe, von mir halten: Muss ich nicht wissen. Verleumdungen, Bedrohungen, Beschimpfungen: Auch nicht. Und auch nicht, wenn irgendwelche maskulistischen Knalldeppen mir mitteilen, dass ich aufs Maul kriege, wenn wir uns mal treffen. Was bietet mir da z.B. Twitter für Möglichkeiten? Im Grunde nur, es nicht mehr zu benutzen. Natürlich ist das mein Problem, wenn ich das auch nicht will. So geht die Logik im Neoliberalismus aufgewachsener Kids, die daneben stehen, und in die andere Richtung gucken, wenn Leute gemobbt werden. „Trolle nicht füttern“-Gerede, Haters gonna Hate, Schulterzucken.

Klar ist das anarchistisch. Survival of the Fittest anarchistisch.

In der privilegierten Position, Filtersouveränität für existent zu halten, ist nicht jeder. Und unter den Umständen Filtersouveränität zu proklamieren ist schlicht und ergreifend neoliberal: Wir haben kein gesellschaftliches Problem, du hast ein privates.

Die Schufa ist nicht unser Freund

Es ist schon eine Weile her, da erklärte die Spackeria die schnell wieder abgeblasenen Pläne der Schufa zur Nutzung von Daten aus sozialen Netzwerken für ihr Scoring für „deutlich humaner“ als die bisherige Praxis, und tat die Kritik als „Schufapanik!!11elf“ ab. Die „Privatsphäreverächter“ durften sich dafür von Facebookpanikexperten Frank Rieger in der FAZ ein „im Kern neoliberales Weltbild“ bescheinigen lassen. Ich bin kein Rieger-Fan, aber in dem Fall: Alle Daumen nach oben.

Der Schufa, wie das @tante bei der Spackeria tat, das positive Ansinnen anzudichten, Menschen vor „einer immer weiter eskalierenden Überschuldung“ zu schützen, ist absurd, und hat mit Datenschutzkritik nichts mehr zu tun. Die Schufa schützt die Wirtschaft vor unerwünschten Kunden. So einfach ist das unbeschönigt.

Und um das ganz klar zu sagen: So viel Unwissen gestehe ich niemandem mit Schulabschluss zu, dass sowas aus Versehen behauptet würde.

Ebenfalls pro Schufa argumentierte @mspro, der sogar meinte, die Schufa zu hassen sei „shooting the messenger„, und eine informierte Schufa im Interesse der Verbraucher. Die Schufa heißt ausgeschrieben „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“, Träger sind die kreditgebenden Unternehmen. Die Schufa ist nicht „Messenger“ sondern Partei, die outgesourcte Durchleuchtungsabteilung der Kreditgeber.

Datenschutzkritik wäre z.B. gewesen zu sagen, es spielt schon keine Rolle mehr, wo die Schufa noch überall Daten abgreift. Datenschutzkritik wäre gewesen, die offenkundigen Doppelstandards der Datenschützer bloßzustellen. Wie Aigner/Schaar/Weichert mal wieder mit dem Finger auf Facebook gezeigt, und sich handlungsunfähig gestellt haben, obwohl die Schufa deutschem Recht unterliegt, und deutsches Recht der Schufa ihr Handeln überhaupt erst ermöglicht.

In seiner Replik „Der ‚Postprivacy ist neoliberal‘ Mythos“ erklärte @tante dann im Anschluss an den Vorwurf Neoliberalismus zum „verbrannten Negativbegriff“ und meinte, in der Annahme, Post-Privacy sei neoliberal, ein Missverständnis zu erkennen:

Menschen werden als Objekte gesehen, als passiv, als machtlos, im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Akteuren, den Subjekten. Datenschutz wird gesehen als etwas, “was dem Individuum mehr Macht über seine Daten verschafft und die Big-Data-Konzerne am ungestörten Expandieren hindert”.

Die einzig denkbare Macht des Individuums ist in diesem Narrativ die Macht, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Macht ist die Macht den Fluss von speziellen Daten zu unterdrücken und unsichtbar zu werden.

Was hatte Rieger geschrieben?

Die Frage, wie die Macht über den Einzelnen, die mit derartigen Datenanhäufungen einhergeht, reguliert und kontrolliert werden soll, wird erst gar nicht gestellt. (…)

Diese Denkweise findet sich ebenso bei den Verfechtern der sogenannten „Post Privacy“-Ideologie. Sie greifen (…) alle Überlegungen an, die zum Erhalt und Ausbau der Datensouveränität des Einzelnen führen könnten – egal ob durch Datenschutzrecht, technische Architekturen oder den Verzicht auf immer mehr und immer detailliertere Erfassung aller Lebensaspekte. Dass Technologieentwicklung nie losgelöst von gesellschaftlichen Umständen und Machtverhältnissen betrieben werden sollte, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch gemacht werden muss, ist den Privatsphäreverächtern keine Lehre aus der Vergangenheit. Ihr im Kern neoliberales Weltbild weist klar dualistische Züge auf – gern ummäntelt mit fröhlich-unkritischem Technikdeterminismus.

Gut ist, was den Menschen besser erfassbar, evaluierbar und somit der wirtschaftlichen Effizienzlogik unterwerfbar macht. Schlecht ist alles, was dem Individuum mehr Macht über seine Daten verschafft und die Big-Data-Konzerne am ungestörten Expandieren hindert – man will schließlich die als Internetdienste und soziale Netze daherkommenden Werbeplattformen möglichst ungestört nutzen.

Und so wurde aus Riegers unbestreitbarem Argument, die Daten würden zur Machtausübung genutzt – das ist das eigentliche Argument für Post-Privacy – bei @tante: Die Menschen würden als Objekte gesehen.

Aus der Tatsache, dass die Arschkarte ganz eindeutig bei den Verbrauchern liegt, die der Schufa nichts entgegenzusetzen haben, herleiten, dass Datenschützer den Menschen ihren Subjektstatus aberkennen, ist… wie sag ich das jetzt höflich? Nicht alles, was man ins Gegenteil verdreht ist automatisch eine schlüssige Gegenposition.

Post-Privacy in dem Sinn wäre: Die eigene Beherrschbarkeit sicherzustellen*.

Plattformneutralität ist neoliberal

Postprivacy ist zu einem großen Teil keine freie Entscheidung, klar. Die informationelle Selbstbestimmung ist ein schlechter Witz, weil sie eben nur da gilt, wo sie den Staat nicht stört. Das schrieb Christian Heller bereits sinngemäß in seinem Buch „Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“. Datenschutz schießt gerne gerade da übers Ziel hinaus, wo er stört. Und wo er gebraucht würde: Ganz oft Fehlanzeige.

Datenschutz ist aber nicht grundsätzlich eine falsche Idee, weil der Status Quo ist, dass Daten unzureichend geschützt werden. Das Bedauern der armen Hartz4-Bezieher, deren informationelle Selbstbestimmung faktisch aufgehoben ist, ist ein Lippenbekenntnis, wenn das Ziel ist, den Datenschutz ganz loszuwerden, also für alle diesen Zustand herzustellen, von dem man zunächst mal so tut, als finde man ihn ganz schlimm und untragbar.

Die Spackeria besetzt mit Absicht eine Extremposition. Und wer die ernst nimmt, ist, wie so oft, selber Schuld.

Wenn @mspro Plattformneutralität als Mittel der Wahl gegen Diskriminierung propagiert, kann man eigentlich erstmal nur dumm gucken und fragen: Ja, wie soll das denn gehen? Wie Chancengleichheit für Ungleiche Benachteiligungen ausgleichen soll, hat mir bisher leider noch niemand beantwortet.

Plattformneutralität ist ein von Grund auf neoliberales Konzept. Alle haben die gleichen Chancen und allein das Potenzial des Individuums entscheidet, was daraus wird. Da muss man mal fünfeinhalb Sekunden drüber nachdenken und merkt: Das ist Quatsch. Wenn wir die Voraussetzungen so einrichten, dass alle tatsächlich faire Chancen haben, wäre das wie Rollstuhlrampen für alle. Die brauchen Laufende aber zum Beispiel schon mal nicht. Also investieren wir in eine Infrastruktur entweder deutlich zu viel, weil wir alles für alle – nicht nur tatsächlich Benachteiligte – ermöglichen, und Nicht-Benachteilgten Voraussetzungen schaffen, die sie überhaupt nicht benötigen. Und der einzige Sinn darin ist, dass es fair erscheint. Für diejenigen, die nicht auf diese formalfooige Art liberal sind, ist es schlicht Blödsinn. Für Linke  ist es: Das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Und ohne Erfolg.

Spackeria ist, wo Technokratenherzen höher schlagen, und antidiskriminatorisches Potenzial verschenkt wird, das die meisten Beteiligten anscheinend noch nicht mal sehen. Das Private ist politisch. Die Privatsphäre ohne Herrschaftsverhältnisse denken ist nicht politisch.

(*Frei zitiert und nicht sicher über die Quelle… Ich glaube, es war #dcka)

11 comments

  1. acid

    Die Kritik ist bekannt und immer noch berechtigt. Ich hatte deshalb auch auf der letzten Spackeriade einen Vortrag gehalten um genau dieses zu erläutern.

    Was mich allerdings verwundert ist, dass mir in Hellers Buch gerade die Herschaftskritik und die Reflektion von Privilegien fehlte, die du in diesem erkennen konntest. Aber vielleicht habe ich’s auch tendenziös gelesen, weil ich den @plomlomplom und sein Umfeld ein wenig kenne.

  2. ihdl

    cooler text :) ich würde gerne nachfragen, wie du die plattformneutralität mit dem rest zusammendenkst, denn das ist mir nicht ganz klar geworden. insbesondere nicht die analogie mit den rollstuhlrampen. also klar ist: chancengleichheit und dann wieder auf die leistungsfähigkeit von individuuen setzen ist häufig neoliberales gerede. aber defacto passiert das ja gesellschaftlich nicht, weil die ressourcen, die dafür notwendig wären, noch oben umverteilt werden. und das erzeugt ja einen teufelskreis. will sagen: die „schwachen“ sind ja nicht (alle, immer) per se schwach, sondern werden materiel und ideologisch unten gehalten. plattformneutralität würden, wie ich sie verstehe, da schon hineinwirken. aber what would linke do, wenn du meinst, das ist die falsche seite vom pferd?

    • sanczny

      @ihdl
      Danke. :)
      Es ging mir darum, liberales und linkes Verständnis von Diskriminierungsfreiheit zu unterscheiden. Linke denken das vom Ergebnis her, Liberale von den Ausgangsbedingungen. Bei Liberalen gibts dann im Endergebnis immer noch Diskriminierung, aber das Individuum hatte ja seine Chance. Da bleibt privilegiert wer es vorher schon war. Wahrscheinlich würden Liberale nicht wirklich Rollstuhlrampen für alle bauen. Aber dieser „alles für alle“-Ansatz wäre nötig, um bei der liberalen Herangehensweise für die Benachteiligten dasselbe Maß an Diskriminierungsfreiheit zu erreichen wie beim linken Ansatz. Wenn man nur diejenigen gleichstellt, die das brauchen, hat man wieder keine neutrale Plattform.

  3. ffalt

    Danke für deinen Post. Bei dir scheint ein Fass übergelaufen zu sein – gemessen an der Länge des Textes :)
    @tante verweist in einem Tweet als Reaktion auf deinen Text auf seinen Post „Experiment Postprivacy“ http://blog.spackeria.org/2012/05/06/experiment-postprivacy/
    , in dem er alles beantwortet glaubt. Obwohl du dich genau auch auf diesen Text beziehst.
    Ich kann da nur eine Verteidungsstrategie als unverstandene Visionäre erkennen. Ist ja toll, wenn wer dieses „Experiment“ eingehen kann und den Mut dazu hat. Und die positive Utopie, in der alle ihre Daten freiwillig veröffentlichen können (direkt, indirekt oder über andere) – geschenkt. Warum sollte mensch die nicht teilen. Die von manchen der Spackeria posaunierten Texte & Tweets sprechen aber eine andere Sprache. Nämlich: Allgemeingültigkeit. In immer frischer Häme wird aufgezeigt: der Datenschutz ist kaputt, er funktioniert nicht, ist nervig, aufwendig, kompliziert. Ja. Und? Mich unterscheidet dann wohl die Schlussfolgerung, dass deshalb alles in die Tonne getreten werden kann.
    Der kaum mehr spaßige Dualismus zum „Aluhut“ verdeckt, dass es nicht um diejenigen geht, die ihre Daten vor Aliens oder der großen Verschwörung schützen wollen. Sondern um Menschen, die reale Konsequenzen fürchten & fürchten müssen. Datenschutzgebashe hilft hier kein bisschen, ebenso wenig wie der Hinweis in einer besseren™ Welt gäbe es die Probleme nicht oder gar „Das ist aber eine andere Diskussion, checkmate!“(paraphrasiert)
    Und weil Datenschutz ja per se nichts gutes sein kann, kommt es dann auch zu so Weltverbiegereien wie dass „klarere“ Daten zu „humaneren“ Schufa-Bewertung führt und das als einzige sinnvolle Alternative dargestellt wird. Weil: knick, knack, du willst doch nicht mit „unklaren“ Daten bewertet werden. Für gar nicht bewertet werden reicht die Zukunftsvision dann offenbar nicht, weil darunter ja die armen Firmen zu leiden hätten.
    Oder eben: „Befreiung des Proletariats! Arbeiter, Bauern nehmt die Gewehre, zerschlagt den Datenschutz und die bourgeoise Privacy!“ Möglicherweise hätte ihm sogar Wikipedia mit einer sinnvolleren Definition von Datenschutz weiterhelfen können.

    • sanczny

      @ffalt
      Den Tweet hatte ich gesehen. Ich suche aber noch den Sexismus-Vorwurf, den er mir da unterschiebt. Den „Experiment Postprivacy“ Text kannte ich schon. Der erklärt nur genau nicht, wieso Widerspruch gegen das, was man niemandem aufdrücken will, reflexhaft mit Spott und Häme überzogen wird. Und warum man die Schufa schönreden musste, als wär das Publikum irgendwie nur dämlich, erst recht nicht.

  4. ffalt

    Sexismus-Vorwurf sehe ich auch nicht, möglicherweise liest er den aus der gezogenen Analogie zum Gender Pay Gap.
    Nein. Sein Blogpost erklärt diesbezüglich überhaupt nichts und du hättest ihn gar „halbgar angepimmelt“. Kritik an dem polemischen Herrn möge zukünftig also bitte in Watte einfasst werden. Mit Gegenrede kommt er nicht klar, denn das Mittel Rant ist ihm ja keinesfalls unbekannt. Naja, wenigstens geht das mit der ironisch-trotzigen Eigenbezeichnung passend einher.

  5. ffalt

    Mit der Eigenbezeichnung meinte ich Spackeria und nicht „tante“. Wobei mir die als Gruppe auch nicht so klar ist. Ich würde mal gerne wissen, was der kleinste gemeinsame Nenner deren Mitglieder ist. Kritik am zahnlosen Tiger Datenschutzbehörden? Dann gehöre ich auch dazu, werde auch Unsinn unter dem Spackeria-Label absetzen und nenne es Denkanstöße.

  6. Svenja

    Mir fiel schon vor einiger Zeit auf, dass die wenigen Spacken, die übrig sind, unter sich bleiben. Ich musste darüber nachdenken, warum da keine Frauen mitmachen. Dein Blogpost fand ich nun erhellend. Jetzt grade fiel mir noch auf, dass dagegen unter den beherzten Verfechtern einer informationellen Freiheit jede Menge Frauen sind. Made my Day. :)

  7. Pingback: Digitale Bürger_innen und die gläserne Gesellschaft | Der Ctrl-Verlust

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