Consent Culture 101 für Dummies

[Editiert 12/2017]

[Content Note: Rape Culture, Vergewaltigung]

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tl;dr Kein Sex ohne Zustimmung. Keine (sexuelle) Interaktion ohne Zustimmung.

Consent Culture ist eine Kultur, bei der es darum geht, dass jede (sexuelle) Interaktion nur mit gegenseitiger Zustimmung erfolgt.

Wie geht das?

1. Habt keinen Sex ohne Zustimmung.
2. Versucht nicht, Leute zum Sex zu überreden.
3. Fasst Leute nicht ungefragt an.
4. Klärt, was ihr machen wollt.
5. Klärt jedes Mal, was ihr machen wollt.

1 „Nein“ ist keine Zustimmung. „Vielleicht“ ist keine sichere Zustimmung, ist keine Zustimmung. „Ja“ ist nicht immer Zustimmung (Alkohol, Drogen, hilflose Situation, Zwang; wenn jemand nicht alt genug ist, um Sex zuzustimmen). Durch Fragen geht Euch die Stimmung flöten? Das liegt dann aber an Eurer Fantasie.

2 Sex hat man, weil alle Beteiligten Lust dazu haben (oder ein Kind wollen, oder das als Job machen) aber nicht, weil irgendwer gerade Sex „braucht“. Setzt Leute nicht unter Druck. Respektiert Grenzen und anderer Leute sexuelle Selbstbestimmung. Glaubt keine Pick-Up-Mythen wie „Frauen sind erzogen, sich zu zieren“, „Frauen wollen erobert werden“ oder „Nein heißt ‚Überzeug mich'“. Das zeigt nur euren eigenen Cis-/Hetero-/Sexismus. Frauen haben es im 21. Jahrhundert nicht nötig, sich einen Heiligenschein zurecht zu lügen. Es gibt genug Menschen, die sich an einem selbstbestimmten Sexleben nicht stören.

3 Drängt Leuten keinen Körperkontakt auf. Respektiert körperliche Integrität. Niemand muss diskutieren, warum sie*er keinen Körperkontakt, keine Leute in seiner*ihrer persönlichen Bubble, keine Umarmungen, keine Küsse oder keinen Sex will.

4 Nicht alle mögen Geschlechtsteile, Finger, Spielzeuge, überall hin. Würgereflex existiert. Redet darüber, was ihr mögt und was ihr nicht mögt. Macht nichts, was ihr nicht mögt*. Klärt grundlegende Dinge nicht erst mit der Hand in jemandes Hose. Lernt, drüber zu reden. Wenn ihr nicht verbalisieren könnt, sucht Euch im Internet ein Kink-Bingo. Consent ist kein Try & Error.

[* Nein, das ist kein Victim Blaming. Da ist eine riesen Grauzone, die ihr geklärt haben wollt: Lasst Leute nicht in dem Glauben, was sie machen, wäre okay für Euch, wenn es das nicht ist. Leute machen Dinge auch ihrem*r Partner*in zuliebe, weil sie denken, sie*er mag das. Zustimmung ist keine Einbahnstraße. Wenn ihr was nur macht, weil eure Partner*in drauf steht, sagt das, und tut nicht so, als wär das Euer Nummer 1 Lieblingssex. Habt nicht dauernd Fellatio, weil ihr denkt, er steht drauf und nach drei Monaten merkt ihr, dass keine_r von Euch das toll findet.]

5 Was gestern okay war, ist heute nicht automatisch wieder okay. Zustimmung zu Sex in der Nacht ist keine Zustimmung zu nochmal Sex wenn ihr am nächsten Morgen noch nebeneinander im Bett liegt. Zustimmung zu Sex mit Kondom ist keine Zustimmung zu Sex ohne. Schon mal mit dem Sex anfangen, während der*die Partner_in noch schläft ist kein „Sleepy Sex“. „Suprise Buttsex“ ist Vergewaltigung.

Und last but not least: Keine Kaffeemetaphern. Und kein „Kommst du noch mit hoch meine Büchersammlung angucken“ wenn ihr Penis meint.

16 comments

  1. Glas

    Im Prinzip alles richtig, 2-5 laufen in meinem schwulen Bekanntenkreis aber normalerweise nicht so, und es scheint auch zu funktionieren (das Prinzip ist eher: wenn Dir was nicht paßt, mußt Du es halt kommunizieren). Haste vielleicht eine heteronormative Brille auf? (Fällt ein bißchen auch beim Penis-Gucken auf etc.) Oder generalisierst Du grade ganz konkret Deine Erfahrungen als Frau mit allzu aufdringlichen Männern? Oder wen willst Du insgesamt aus welcher Perspektive belehren?

    • sanczny

      Penis hätte man jetzt auch als Beispiel lesen können… Aber ja, ich hab eine heteronormative Brille auf. Hetero ist mein Bezugsrahmen.

  2. Pingback: Hängen geblieben, die Links der KW 36/12 « Die chaotische Welt der Geschlechter
  3. programm11

    sehr gut!!! kurz und praegnant in genau diesem riesigen graubereich kommuniziert. lob.

  4. Pingback: Links vom 13.09.2012 bis 18.09.2012 | endorphenium Links vom 13.09.2012 bis 18.09.2012 | photography & other stuff
  5. dielenamaria

    @Glas: ich glaube eigentlich nicht, dass Consent Culture, Rape Culture und alles, was dazwischen ist, nur in dem Bezugsrahmen Sinn ergibt, in dem es üblicherweise diskutiert wird. Auch wenn manche Formulierungen vielleicht darauf hindeuten, dass es hier in erster Linie um den Konsens zwischen Mann und Frau gehen könnte, gilt es doch sicher auch bei anderen Konstellationen. Du kennst also schwule Männer, die das Konsensprinzip ablehnen, und es „scheint zu funktionieren“. Auch in vielen Hetero-Beziehung „scheint“ das so, aber das zu hinterfragen, und sicherzustellen, dass es wirklich für alle Partner funktioniert, ist doch auch dort sinnvoll. Mag sein, dass zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern das „Machtgefälle“ statistisch kleiner ist, und die Problematik dadurch ein bisschen abgeschwächt wird – aber sie fällt damit ja nicht gleich weg.

    Davon abgesehen fällt mir gerade auf, dass du das Beispiel mit dem Penis-gucken als „heteronormativ“ interpretierst. Anderswo ist mir mal aufgefallen, dass ein Plattencover mit einem einzelnen, gut ausehenden, nackten Mann als „homoerotisch“ interpretiert wurde. Auch da finde ich: dass eine Person ein Mann ist sagt ja noch nichts über Homo / Hetero / etc. aus, solange unklar ist, welches Geschlecht die andere(n) Person(en) hat/haben. Welche Normativität man da hinein liest, liegt ganz im Interpretationsspielraum des/der lesenden.

  6. Glas

    @dielanamaria In meinem Bekanntenkreis habe ich niemanden, der „das Konsensprinzip ablehnt“, also das Gegenteil will. Aber durchaus Menschen, die nicht jede sich entwickelnde sexuelle Handlung vorher miteinander ausdiskutieren.
    Ich glaube auch, dass die hier vorgeschlagenen Prinzipien im Umgang mit traumatisierten oder im sexuellen Bereich besonders verletzlichen Menschen sinnvoll und notwendig sind. Was ich ablehne, ist die Neigung, daraus allgemeingültige Regeln für alle Menschen ableiten zu wollen.
    Das passiert auch in vielen anderen Ecken der Genderdebatten, wenn nämlich so getan wird, als gäbe es in der Gesellschaft homogene Normen, die man insgesamt zu strukturieren hätte. Die gesellschaftlichen Milieus sind jedoch hochgradig fragmentiert und teilen sich oft nicht mal mehr die Massenmedien, sondern nur noch Rechtswesen und einen Teil der Infrastruktur.

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