[Rezension] Meat Market: Female Flesh under Capitalism

Laurie Pennys 2011 erschienenes Buch „Meat Market: Female Flesh under Capitalism“ (deutsch: „Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus“) hat mich das Gegenteil von überzeugt. Das Buch ist laut Klappentext ein „dünnes Stück feministischer Dialektik“. Wer das wörtlich nimmt, wird nicht enttäuscht.

Wer Meat Market kauft, bekommt romantisierten Antikapitalismus (wenn morgen alle Frauen aufhören würden, zu arbeiten…), steile Thesen (Feminismus geht nicht in 500$-Manolos), und reißerischen Schreibstil („body and beauty fascism“, „The eroto-capitalist horror of human flesh, and of female flesh in particular, is a pathology that can and must be resisted“). Backen und Sticken nennt Penny hedonistische Zeitverschwendung und genauso bedenklich wie Schuluniform- und Peitschenfetisch: Spaß, solange man es nicht ernst nehme, aber mit der Gefahr verbunden, auf die Realität abzufärben.

Sie nennt zeitgenössische Pornographie pauschal „blandly violent“, jede Form von handelbarem Sex, westliche Femininität und einiges andere mehr „frigide“. Männer sind bei Penny eine „bourgeoise Klasse“ von „großen Babies“, die auf die häusliche Schinderei von Frauen angewiesen sei.

Meat Market verkürzt Austauschverhältnisse bis ins Absurde. Bei Penny ist im Spätkapitalismus jede weibliche Sexualität Arbeit („The ubiquity of female sex work as fact and as social narrative affects women who are not sex workers, because under late capitalism, all female sexuality is work.“). Sexarbeit sei ein Symptom ökonomischer Ausbeutung von Frauen, die Körper von Sexarbeiterinnen deswegen verhasst, weil es die Gesellschaft entsetze, dass bei Sexarbeit Frauen die Kontrolle über die Einnahmen aus dieser Arbeit hätten. Penny nennt weibliche Körper dann auch auch konsequenterweise Produktionsmittel sexueller Arbeit, und unser (aller Frauen) Mittel, auf dem „Fleischmarkt“ Kapitalismus zu überleben.

Mit ein bisschen mehr Ahnung würde ich hier mit der Frankfurter Schule reingrätschen: Liebe vs. Vernunft oder Zweckrationalität. Oder fragen, warum, wenn jede sexuelle Beziehung so weit der Marktlogik unterworfen wäre, dass sich Sex als unbezahlte Sexarbeit  darstellen lässt, dann so vergleichsweise wenige Frauen zweckrational handeln? Vielleicht weil man soziale Beziehungen nicht mal so eben auf Ökonomie verkürzen kann.

Davon abgesehen: Wie kann man sexuelle Arbeit derart problematisieren, und die Situation z.B. der in Textilfabriken in Indonesien, China, Taiwan usw. für drei fünfzig Tageslohn unter übelsten Bedingungen schuftenden Frauen gar nicht?

Für ein kapitalismuskritisch gemeintes Buch beschäftigt sich Meat Market dann allerdings kaum mit Klasse. An einer Stelle geht es kurz um ein Klassenelement sexueller Viktimisierung in Form „klassistischer“ Stereotype, an einer anderen darum, dass Sexarbeit eine Geldfrage sei. Für Penny ist zwar Kapitalismus der „Kontext“, die Marginalisierung weiblicher Körper zu verstehen, das Wissen, warum Kapitalismus soziale Ungleichheit braucht, muss man aber mitbringen, Zusammenhänge werden nicht erklärt.

Wo Frausein allein schon marginalisiert, erspart man sich die Beschäftigung mit anderen Unterdrückungsformen: Große aber nicht einzige Leerstelle im Buch ist Rassismus. An einer Stelle, wo es um Haushaltshilfen geht, die mehrheitlich weiblich und Einwanderinnen sind, wird das Thema gestreift aber nicht benannt.

Ironie an Meat Market ist, dass Penny die zweite Welle pauschal für Essentialismus kritisiert, aber selber immer wieder auf ein universales Wir verfällt. Außerdem hindert sie ihre Meinung nicht daran, sich großzügig bei Feministinnen der zweiten Welle zu bedienen.

Penny spart sich Fußnoten, verwendet teils (ur)alte Zitate im aktuellen Kontext. Sie kennt Gender Performativität aber nicht Judith Butler.

Sie benutzt Formulierungen wie „weibliches Fleisch“ und „marginalisierte Körper“ oft und teils synonym für Frauen. So etwas aus einem Umfeld empfohlen zu bekommen, das „Schlampe“ mit so vielen Sternchen versieht, dass ich Schlumpf lese, finde ich sehr irritierend.

Pennys „One Size fits All“-Strategie gegen Unterdrückung ist Nein sagen. Da und an einigen anderen Stellen scheint deutlich ihr Tellerrand durch: Hausarbeit und unterbezahlte Jobs nicht machen und „Riot, don’t Diet“ sind nicht nur keine Lösung, sondern für viele auch keine Option.

Privatschule meets Klassenkampf. Mit 79 Seiten immerhin kurz.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>