Flirtverbot

tl;dr Wenn das, was gerade „Flirten“ genannt wird, Flirten ist, kann das weg.

Die Debatte um #aufschrei, Berichte über Sexismus und sexuelle Belästigung Tausender überwiegend weiblicher Betroffener auf Twitter hat bei vielen Männern die Frage aufgeworfen, ob man denn nun überhaupt nicht mehr flirten darf, wenn man nicht Gefahr laufen will, eine Frau zu belästigen. Ist ja klar, dass bei sowas die erste Sorge ist, wie man(n) nach all dem noch unbehelligt zum Zug kommt. Flirten und Belästigung unterscheiden sich nach Meinung einiger nur am „erwünscht“ oder „unerwünscht“. Wäre der aufdringliche Typ jung/schön/heiß, würden Frauen übergriffiges Verhalten nicht so eng sehen, glauben manche. Fast würde ich den Wikipedia-Artikel „Strohmann-Argument“ mit George Clooney bebildern wollen, so oft wie der als Beispiel genannt wurde. Männer seien schuldlos an Grenzüberschreitungen, da sie heutzutage ja gar nicht mehr wüssten, wie man Frauen ansprechen darf. Männer seien orientierungslos. Durch Feminismus und so.

Unabhängig von den teils sehr bemühten Erklärungen, ist schon allein der Ansatz, Übergriffe seien schiefgelaufene Flirts, höchst problematisch.

In den meisten Fällen liegt übergriffiges Verhalten, wie man bei vielen der Aufschrei-Tweets erkennen konnte, weit jenseits dessen, was man unter „Flirt“ verstehen sollte. Flirt ist im weitesten Sinne sexuell konnotierte Kommunikation. An solcher Kommunikation sollte mehr als eine Person beteiligt sein, die zweite aber nicht nur als Betroffene_r oder Opfer. Ein Mindestmaß an Respekt und Gegenseitigkeit sollten Voraussetzung sein, damit sich etwas überhaupt als Flirt qualifiziert.

Primaten- oder Stöhngeräusche, Hinterherpfeifen, nachlaufen, anzügliche Äußerungen, ungefragt Hintern, Brüste, andere Körperteile, kurzen Rock oder tiefen Ausschnitt kommentieren, einfach so zu Sex auffordern oder welchen anbieten, Menschen, die man nicht oder nicht privat/näher kennt, mit irgendwelchen Kosenamen anreden, sich aufdrängen, in jemandes Personal Bubble vorschleimen, insistieren, ungefragt anfassen, Negging-Teasing-Komplimente-Anfassen a.k.a. Pickup… Kein Flirten sondern Belästigung.

Bei den meisten solcher Grenzüberschreitungen ist es den Tätern*innen egal, wie es dem Gegenüber dabei geht. Das erschließt sich aus dem Zusammenhang, die Intention braucht man gar nicht zu kennen.

Wer sämtliche Frauen per Default als verfügbar einschätzt und Interesse an seiner Person voraussetzt, ist schon mal mindestens unverschämt.

Dann die Verallgemeinerungen: Männer wissen gar nicht mehr, wie sie Frauen ansprechen sollen? Was ist denn mit den vielen Männern, die es schaffen, ohne Frauen zu nahe zu treten oder übergriffig zu werden? Aber ausgerechnet Arschlöcher, die das nicht schaffen oder nicht wollen, erklären dann, die Männer seien verunsichert und orientierungslos.

Als Autoritiätsperson Abhängige zu fragen, ob sie mit einem ausgehen oder Sex wollen, führt zu keiner Antwort die unbeeinträchtigt wäre von diesem Abhängigkeitsverhältnis. Will ein Chef, dass seine Angestellte ihn mag, oder kommt ihm die Notlage, dass sie auf den Job angewiesen ist, gerade ganz gelegen? In letzterem Fall fehlt kein Flirtratgeber-Wissen. Diese Männer wissen, was sie tun, und sie tun das mit Absicht. Im ersteren Fall würden Männer wahrscheinlich erstmal überlegen, statt vorzupreschen. Alles andere wäre Ausnutzen von Macht.

Ich nehme Menschen, denen zu #aufschrei als erstes die Frage einfällt, wie sie jetzt noch flirten können, nicht ab, dass sie nur aus Versehen Grenzen überschreiten. Im günstigsten Fall testen diese Menschen Grenzen aus, und nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie zu weit gehen.

Man fasst nicht einfach Leute ungefragt an. Diese ganzen Pickup-„Tricks“, erstmal wie zufällig unverfängliche Stellen zu berühren und dann zu gucken, wie weit man gehen kann, sind für die Tonne. Bei Pickup gibt es keine Flirt-Tipps für arme verunsicherte Männer, da geht’s um Aufreißen durch Manipulation. Kein Anfassen ohne Zustimmung.

Wann darf man eine Frau küssen? Wenn sie frei entscheiden kann und sich dafür entscheidet. Fragen ist eine gute Methode, herauszufinden, ob sie will.

Wie wollen Frauen angeflirtet werden? Im Zweifel: Gar nicht. Wenn es sich anders herausstellt: Schön. Aber nicht alle Frauen sind hetero, nicht alle sind verfügbar. Manche schon, aber nicht unbedingt für dich.

Frauen sollen sagen, wenn ihnen was nicht passt? Nein. Männer sollten es einfach gar nicht erst tun. Niemand sollte erklären müssen, dass etwas zu weit geht. Weil stattdessen das Gegenüber auch einfach nicht zu weit gehen könnte. Die Grenze zwischen Zustimmung und Zwang ist, wo man einfach etwas anfängt, von dem man nicht weiß, ob das Gegenüber das auch mag. Consent Culture gilt auch beim Flirten.

Manche Grenzüberschreitungen merkt man gar nicht, oder sie fallen erst später auf. Wir sind von klein auf gewöhnt dass unsere körperliche Autonomie missachtet wird. Wenn uns schon als Kleinkind das Gesicht verziehen, wegdrehen oder zurückziehen abgewöhnt wurde, wenn irgendwelche Tanten, Onkel, fremde Leute uns angefasst haben, haben so endlos oft kleine und größere Übergriffe erlebt, dass wir auf die kleineren schon gar nicht mehr reagieren.

Frauen wollen Machos? Kann schon sein, dass einige das wollen. Aber das vorauszusetzen, ist dumm. Frauen wollen selbstsichere oder dominante Männer? Wollen viele unbestreitbar. Aber nach aufdringlichen, übergriffigen Männern fragt eigentlich keine.

Kurze Röcke sind nicht zur sexuellen Herausforderung irgendwelcher Menschen gedacht, die sich nicht unter Kontrolle haben. Wenn du meinst, jede Frau hat einen so kurzen Rock an, weil sie dir gefallen will, hast du leider das falsche Memo bekommen. Und du beleidigst vor allem Männer, wenn du Männer für hormongesteuert, triebgesteuert, „können nicht anders“ erklärst. Du verallgemeinerst von Arschlöchern mit dummen Ausreden – das wärst dann du – auf Männer.

Wie geht jetzt nochmal Flirten? Weiß ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Ratgeber über „Sei kein Arsch“ hinaus allgemeingültige Tipps geben könnte, wie man(n) Frauen für sich einnimmt, wie man sie wissen lässt, dass man Sex oder eine Beziehung mit ihr will, geht gegen Null. Man steht ja nicht auf irgendeine Frau, sondern auf eine bestimmte Person.

18 comments

  1. janosch

    Bin mit fast allem einverstanden, auch wenn ich einen kleinen Widerspruch sehe zwischen der angeblich erwuenschten maennlichen Selbstsicherheit und Dominanz einerseits und dem totalen Bestehen auf einen persoenlichen Freiraum andererseits. Wie tanzt du im Club?? =)

    Davon abgesehen, macht mir das Lesen dieses Eintrags nur so mittelgrosse Freude. Mir ist klar, wie dein Duzen gemeint ist. Du meinst damit den doofen cis-maennlich positionierten Grenzueberschreiter (sagt man das so?). Aber wenn ich nicht eh schon deiner Meinung waere, ich haette mich davon durch das latent agressive Geduze sicherlich abhalten lassen.

  2. Andreas Bogk

    Ich weiß ja, was du meinst. Manche Sorte übergriffiges Verhalten ist einfach übergriffiges Verhalten, fertig. Es gibt aber sehr wohl Handlungen, bei denen es vom Kontext abhängig ist, ob es jetzt ein Flirt ist oder Belästigung. Zum Beispiel einen wildfremden Menschen, den man attraktiv findet, einfach anzusprechen. Ist das in einer U-Bahn, und die betreffende Person liest gerade ein Buch, dann ist Ansprechen mit hoher Wahrscheinlichkeit unerwünscht und wird als Belästigung empfunden. Auf einer Party an der Bar, wo man nach einem Blickkontakt ein Lächeln bekommen hat, ist Ansprechen hingegen im Rahmen des für einen Flirt allgemein sozial akzeptierten Verhaltens. Man merkt dann ja auch schnell, ob eine Vertiefung des Gesprächs erwünscht ist oder nicht.
    Und auch das mit dem Anfassen ist so eine Sache. Grabschen ist natürlich nie ok. Aber wenn man sich gut versteht, sich gelegentlich tief in die Augen schaut, anlächelt, dann kann eine kurze Berührung an einer harmlosen Stelle, der Unterarm bietet sich an, durchaus ein nächster Schritt sein. Man muß natürlich bereit sein, die entsprechenden Signale auch zu lesen und zu akzeptieren. Aber wenn die Reaktion darin besteht, dass die Person näher rückt und auch mit gelegentlichem Körperkontakt beginnt, sind weitere vorsichtige Annäherungen möglicherweise erwünscht.
    Was man auf jeden Fall akzeptieren muß, ist ein „Nein, hier nicht weiter“. Nicht jeder Flirt endet in Körperkontakt, nicht jeder Körperkontakt in Sex. Was an Geschichten wie PUA doch problematisch ist, sind die manipulativen Versuche, dieses Nein zu durchbrechen.
    Für mich ist es im übrigen genau die nonverbale Kommunikation, die einen guten Flirt ausmacht. Optimalerweise muß weder das Ja noch das Nein ausgesprochen werden, und wird trotzdem verstanden und respektiert. Auch verbale Kommunikation baut aber auf vorangegangene nonverbale auf: woher weiß ich denn, wann der richtige Zeitpunkt ist, jemanden zu fragen, ob ich noch mit in ih* Bettchen kommen kann, ohne das dies als belästigend empfunden wird?

    tl;dr: Flirten ist toll, und geht auch mit Respekt und ohne Sexismus.

  3. giliell

    Einfach mal sagen: „Entschuldigung, ich wollte dir nicht zu nahe kommen“. Ganz ehrlich, hilft. Wenn man eine Grenze überschritten hat ohne es zu wollen ist die Chance auf Erfolg gerade eh vorbei. Eine aufrichtige Entschuldigung hingegen könnte dazu führen, dass man eine zweite Chance bekommt, oder zumindest nicht als der Creep des Abends gilt.

  4. hazel

    yeah, danke. das waren meine gedanken. es gibt dabei noch die sonderform des „kompliments“, das keines ist.
    auch hier heisst es, man dürfe ja dann keine mehr machen und
    auch hier ist eigentlich ganz leicht festzustellen, welche dinge ok sein könnten und welche nicht…

  5. Pingback: Männer und Frauen und all der Scheiß — KALIBAN (You are likely to be eaten by a grue)
  6. distelfliege

    Hm, dann vielleicht gelesen, aber nicht adäquat drüber nachgedacht, nehme ich an. Ich bin momentan nur noch enttäuscht und verärgert, und ich bin wirklich dankbar dafür, dass es dich und andere gibt, die sich die Debatte geben und argumentieren.

  7. Nicolai v. N.

    Eigentlich hat der Focus die Fragestellung ganz schön auf den Punkt gebracht:
    „Was darf Mann noch?“ (lies; „Was darf Mann sich noch rausnehmen, ohne gesellschaftlich abgestraft zu werden?“)

    Es geht – ähnlich wie bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – nicht darum, allgemein zu zollenden Respekt gegenüber einer Person, die kein Mann ist, durchzusetzen. Die Funktion der Menschenrechte ist es nicht, jedem Würde zukommen zu lassen, sondern möglichst genau zu definieren, wieviel Würde man einer Person nehmen darf.
    Es geht in der aktuellen Sexismusdebatte den meisten Männern darum, zu definieren, wieviel Respekt noch so gerade zu leisten ist. Verhandelt wird also, welche Übergriffe, Demütigungen, Dominanzgehabe, Verfügungen über Nichtmänner als akzeptabel gelten. Was darf Mann sich noch nehmen?

    Nur darum geht es, um die Freiheit der Männer auszuhandeln, andere schlechter als ihresgleichen zu behandeln. Und da lässt Mann sich ungern in die Suppe spucken. Und alle Fragerei an Frauen, wie Mann denn nun Flirten/Reden/XYZ soll/darf sind nur der Versuch, einen Minimalkatalog aufzustellen.
    Deshalb halte ich diese Focustitel auch nicht für Nebelkerzen, sondern für den Versuch, Sexismus und #aufschrei so zu verhandeln, dass eine Unterscheidung, ein Privileg bleibt. Bestimmt wird der Sexismus dadurch raffinierter als zuvor, vielleicht sogar etwas angenehmer, aber sicherlich bleibt jede Menge Herrschaft übrig.

    p.s.: Der Gedanke schwebt mir schon seit Tagen durch den Kopf, ich bin mir nicht ganz sicher, ob er zu deinem Text komplett On-Topic ist. Mir erscheint er es. Falls du das anders siehst, kannst du ihn gerne nicht freischalten.

  8. Pingback: Was vom Aufschrei übrigblieb | Anarchistelfliege
  9. Jan

    Aggressives „Flirten“ funktioniert wie Spam: Sobald von unzähligen belästigten Frauen nur eine einzige – aus welchen Gründen auch immer – positiv auf die Belästigung reagiert, hat sich der Aufwand für den Belästiger gelohnt.

    Gegen Spam gibt es bisher keine funktionierende Strategie (E-Mail-Porto, anyone?), aber die sozialen Kosten für Belästiger lassen sich sehr schön maximieren – wenn es eine kritische Öffentlichkeit gibt.

  10. Pingback: #aufschrei – Eine Frage des Respekts | Neues aus der Großstadt

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