Was ist Hysterie?

Frauen wird immer wieder attestiert [pun intended], sie seien hysterisch. So eine Aussage zeigt vor allem zwei Dinge: Frauenfeindlichkeit und Ableism.

Aus der englischen Wikipedia frei übersetzt:

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Weibliche Hysterie

Hysterie war eine früher gebräuchliche medizinische Diagnose, die ausschließlich Frauen gestellt wurde. Heute wird sie von modernen medizinischen Autoritäten nicht mehr als medizinische Störung anerkannt. Ihre Diagnose und Behandlung waren jahrhundertelang Routine in Westeuropa. In der medizinischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurde weibliche Hysterie weithin diskutiert. Frauen, die angeblich an Hysterie litten, zeigten eine breite Palette von Symptomen wie Schwäche, Nervosität, sexuelle Lust, Schlaflosigkeit, Wassereinlagerungen, Schweregefühl im Unterleib, Muskelkrämpfe, Kurzatmigkeit, Reizbarkeit, Verlust von Appetit auf Essen oder Sex, und „die Neigung zur Unruhestiftung“.[1]

Seit der Antike wurden Frauen mit vermeintlicher Hysterie manchmal „Beckenbereich-Massagen“ unterzogen – d.h. manueller Stimulation der Genitalien durch den Arzt, bis die Patientin einen „hysterischen Anfall“ (Orgasmus) erlebte. [1]

Frühgeschichte

Weitere Informationen: Wandering Womb

Die Geschichte des Begriffs der Hysterie kann bis in die Antike zurückverfolgt werden; im antiken Griechenland war sie in den gynäkologischen Abhandlungen des Corpus Hippocraticum beschrieben, die aus dem 4. und 5. Jahrhundert vor Christus stammen. Platos Dialog Timaios vergleicht die Gebärmutter einer Frau mit einem lebendigen Wesen, das durch den Körper einer Frau wandert, „Passagen blockiert, die Atmung behindert und Krankheit verursacht“. [2] Das Konzept einer pathologischen, wandernden Gebärmutter wurde später als Quelle des Begriffs Hysterie betrachtet, [2] der vom verwandten griechischen Wort für Uterus, ὑστέρα (hystera), abstammt.

Galen, ein prominenter Arzt aus dem 2. Jahrhundert, schrieb, dass Hysterie eine Krankheit sei, die durch sexuelle Deprivation besonders leidenschaftlicher Frauen verursacht sei: Hysterie wurde ziemlich oft bei Jungfrauen, Nonnen, Witwen und gelegentlich verheirateten Frauen diagnostiziert. Das Rezept der Mittelalter- und Renaissance-Medizin war Geschlechtsverkehr wenn verheiratet, Eheschließung wenn alleinstehend, oder vaginale Massage (Beckenbereich-Massage) durch eine Hebamme als letzte Möglichkeit [1].

Als weitere Ursache wurde eine Zurückbehaltung weiblichen Samens, der sich mit männlichem Samen während des Geschlechtsverkehrs vermische, vermutet. Dieser, wurde angenommen, würde in der Gebärmutter gespeichert werden. Hysterie wurde als „Witwenkrankheit“ bezeichnet, da vom weiblichen Samen angenommen wurde, er würde giftig, wenn er nicht durch regelmäßigen Höhepunkt oder Geschlechtsverkehr freigesetzt würde.[3]

19. Jahrhundert

Im Jahr 1859 behauptete ein Arzt, ein Viertel aller Frauen litten an Hysterie. Ein anderer Arzt katalogisierte 75 Seiten möglicher Symptome von Hysterie und erklärte die Liste für unvollständig; [4] fast jedes Leiden könne zu der Diagnose passen. Ärzte waren der Auffassung, die Anspannungen des modernen Lebens mache zivilisierte Frauen sowohl anfälliger für nervöse Störungen als auch für die Entwicklung fehlerhafter Fortpflanzungsorgane [5]. In den Vereinigten Staaten bekräftigten solche Störungen, dass die USA auf Augenhöhe mit Europa war; ein amerikanischer Arzt zeigte sich erfreut, dass das Land im Vergleich zu Europa bei der Verbreitung der Hysterie „aufholte“.

Die Wissenschaftlerin Dr. Rachel P. Maines stellte fest, dass solche Fälle sehr profitabel für Ärzte waren, da das Leben der Patientinnen nicht in Gefahr war, wiederholte Behandlung aber notwendig. Das Problem war nur, dass die Ärzte keine Freude an der mühsamen Aufgabe der vaginalen Massage (allgemein als „Becken-Massage“ bezeichnet) hatten: Die Technik war für einen Arzt schwierig zu beherrschen und es konnte Stunden dauern, bis ein „hysterischer Anfall“ erreicht wurde. Die gängige Methode der Überweisung der Patientinnen an Hebammen bedeutete wiederum einen geschäftlichen Verlust für den Arzt. [1] Die Chaiselongue und Ohnmachts-Couch wurde ein populäres Wohnmöbel, um Frauen mehr Komfort während die Behandlung zu Hause zu gewährleisten. Ohnmachtszimmer wurden für mehr Privatsphäre während die Behandlung zu Hause genutzt.

Eine Lösung war die Erfindung von Massage-Geräten, die die Behandlung von Stunden auf Minuten verkürzten, wodurch die Notwendigkeit von Hebammen wegfiel und sich die Behandlungsleistung der Ärzte erhöhte.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren in Bath Hydrotherapie-Geräte verfügbar, und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie in vielen hochkarätigen Badeorten in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern sehr beliebt. [1] Ab 1870 war ein mit einem Uhrwerk angetriebener Vibrator für Ärzte verfügbar. Im Jahr 1873 wurde der erste elektromechanische Vibrator in einer Irrenanstalt in Frankreich zur Behandlung von Hysterie eingesetzt.

Während Ärzte der damaligen Zeit anerkannten, dass die Erkrankung aus sexueller Unzufriedenheit resultierte, schienen ihnen die sexuellen Zwecke der verwendeten Behandlungsgeräte nicht bewusst oder sie waren nicht willens, dies zuzugeben. [1] Tatsächlich war der Einsatz des Spekulum anfänglich weit umstrittener als der des Vibrators [1]. Ab dem 20. Jahrhundert brachte die Ausweitung der häuslichen Stomversorgung den Vibrator auf den Verbrauchermarkt. Der Anreiz billigerer Behandlung in der Privatsphäre des eigenen Zuhauses machte den Vibrator verständlicherweise zu einem beliebten frühen Haushaltsgerät.

Tatsächlich war der elektrische Heim-Vibrator vor vielen anderen Haushaltsgrundgeräten auf dem Markt: neun Jahre vor dem elektrischen Staubsauger und 10 Jahre vor dem elektrischen Bügeleisen.[1]
Eine Seite aus einem Sears Katalog für elektrische Haushaltsgeräte aus dem Jahr 1918 zeigt einen tragbaren Vibrator mit verschiedenen Aufsätzen, der als „sehr nützlich und befriedigend zu den Dienst zu Hause“ [1] beworben wurde. Andere Heilmittel für weibliche Hysterie umfassten Bettruhe, ungewürztes Essen, Abgeschiedenheit, Verzicht auf geistig anstrengende Tätigkeiten (z. B. Lesen) und Entzug von sensorischen Reizen.[6]

Rückgang

Während des frühen 20. Jahrhunderts ging die Zahl der Frauen, die mit weiblicher Hysterie diagnostiziert wurden, stark zurück. Für diesen Rückgang wurden viele Gründe angeführt: Viele medizinische Autoren behaupten, dass ein besseres Verständnis der Psychologie von Konversionsstörungen durch Laien dazu führte.[7]

Bei so vielen möglichen Symptomen wurde Hysterie immer als eine Sammeldiagnose betrachtet, der jedes unidentifizierbare Leiden zugeordnet werden konnte. Als sich die diagnostischen Verfahren verbesserten, gingen die Fallzahlen zurück und schließlich gen Null. Zum Beispiel wurde vor der Einführung der Elektroenzephalographie Epilepsie häufig mit Hysterie verwechselt.[8] Viele Fälle, die zuvor als Hysterie bezeichnet wurden, wurden von Sigmund Freud als Angstneurose reklassifiziert.[8]

Heute wird weibliche Hysterie nicht mehr als Krankheit anerkannt, aber unterschiedliche Erscheinungsformen von Hysterie in anderen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Konversionsstörung und Angst-Attacken wiedererkannt.

Siehe auch

Histrionische Persönlichkeitsstörung [de]
Human female sexuality [en]
Hysteria [en]
Hysteria (2011 film) [en]
Borderline Persönlichkeitsstörung [de]

[Quelle: Wikpedia: Female Hysteria]

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