Consent Culture 101 für Dummies II: Fragen.

[Hetero-Content, explizite Sprache]

tl;dr Fragen ruiniert nicht die Stimmung.

Menschen, die es für sinnvoll halten, vor dem Sex zu fragen, ob das Gegenüber mitmachen möchte, werden von einigen immer noch angeschaut, als wären sie gerade erst auf diesem Planeten gelandet. Oder ihre Blog-Moderationsschleife zugemüllt mit „Haben wir ja noch nie gemacht!?“ in 796 Variationen.

Fragen scheint vielen unnötig, anderen ist es peinlich, einige meinen, es ruiniere die Stimmung. Das Konzept Consent Culture ist vielen zwar irgendwie sympathisch, mit der Umsetzung haben sie aber ihre Probleme. Weil so viele der Einwände gegen Consent Culture sich anhören, als kämen sie von Finanzbeamten, fielen mir die Consenting Robots Roboteranwälte von The Pervocracy ein.

Im Leben gibt es Skripte, schreibt The Pervocracy, und das verbreitetste Skript für Sex ist leider Mist [sehr frei übersetzt, don’t sue me]:

Zustimmungsroulette

Aktiver Partner (in der Regel männlich) und rezeptiver Partner (in der Regel weiblich) sind allein. Sie unterhalten sich, trinken oder schauen einen Film. Aktiver Partner erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. Aktiver Partner erhöht allmählich die körperliche Nähe zu rezeptivem Partner und macht einige sexuelle Anspielungen. Schließlich macht A weiter und küsst R. Falls diese nicht widerspricht, führt A sie zu einem Bett oder Sofa, damit sie sich hinlegt. A küsst weiter und fummelt. Wenn R nichts einwendet, zieht A ein Kondom über und erwartet von R, ihre Beine zu spreizen. Geschlechtsverkehr erfolgt.

Das ist Mist aus dem einfachen Grund, dass es Grenzen austestet und Grenzüberschreitung in Kauf genommen wird. Er – in dem Beispiel – geht einfach mal davon aus, dass okay ist, was er macht, bis ihm das Gegenteil mitgeteilt wird. Es ist aber nicht Aufgabe der – in dem Beispiel – Frau, sicherzustellen, dass sie nicht gegen ihren Willen Sex hat. Nein sagen während der Mann schon auf ihr drauf liegt, wäre dann für sie Roulette. Hört er auf oder macht er weiter? Sex nach diesem Skript kann großartig und einvernehmlich sein, aber das weiß man erst hinterher. Nicht gut.

Hypothetisches Script: Roboteranwälte stimmen 1 (in Worten: einem) Akt Geschlechtsverkehr zu

Aktiver Partner A und rezeptiver Partner R sind zusammen allein. Sie unterhalten sich, trinken, oder schauen einen Film. Aktiver Partner A erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. A beginnt eine Konversation und fragt R „Darf ich dich küssen?“. Falls R ja sagt, küssen sie sich, obwohl A sich vorsieht, seine Hände nicht irgendwo zu platzieren, wo es nicht ausdrücklich genehmigt wurde. A unterbricht den Kuss, stellt jeden körperlichen Kontakt ein, blickt freundlich in die Mitte zwischen beiden und fragt R: „Darf ich deine linke Brust berühren? Darf ich deine rechte Brust ebenfalls berühren?“ Falls R zustimmt, berührt A ihre Brüste. Nach etwas leisem, vorsichtem Berühren auf Armlänge unterbricht A nochmals, sammelt sich und fragt: „Würdest du gerne Sex haben?“ Falls R dies positiv beantwortet, klärt A ab: „Mit mir?“

Das ist so ungefähr das Höchstmaß an denkbarer social Awkwardness. Langweilig, wenn man sowas nicht doch wieder irgendwie anziehend findet, einseitig und nicht wirklich sex-positiv. Vor allem aber ist das, so auch The Pervocracy, ein Strohmann-Argument gegen Consent Culture, denn niemand verliert, nur weil es um Sex geht, plötzlich sämtliche sozialen Fähigkeiten.

Und wie geht’s denn nun wirklich?

Script: Kommunikativer Sex, der nicht scheiße ist

Partner A und B sind allein. A erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. A sagt zu B: „Du bist so verdammt niedlich, weißt du das? Ich würde wirklich gerne mit dir rummachen.“ B antwortet, indem sie sich rüber lehnt und ihn leidenschaftlich küsst. B legt einen Finger auf der As obersten Knopf und fragt: „Darf ich?“ mit einem Grinsen und hochgezogener Augenbraue. Er nickt und sie öffnet sein Hemd, berührt ihn und küsst seine Brust hinunter. „Sollen wir im Schlafzimmer weitermachen?“, fragt sie und sieht ihn an, ihre Lippen streifen seine Haut direkt oberhalb seiner Jeans. A reagiert, indem er ihre Hand nimmt und sie ins Schlafzimmer führt. B setzt sich aufs Bett und fängt an, sich auszuziehen. Sie zieht A zu sich auf Bett. „Willst du Sex?“ fragt A. „Oh verdammt, ja,“ sagt B, und beginnt A wieder zu küssen. Sie bewegt ihre Hand nach unten bis zu seinem Reißverschluss, zögert aber, macht Blickkontakt, bevor sie weiter geht. „Halt,“ sagt A, „nur damit du’s weißt, ich mag’s wirklich nicht, wenn jemand meine Eier anfasst.“ „Okay“, sagt B, „aber kann ich mit deinem Schwanz spielen?“ „Bitte„, anwortet A, und ihre Hand gleitet in seine Hose und seine Antwort wird zu einem Stöhnen als sie ihre Hand um seinen Schwanz legt, und anfängt, ihn zu streicheln.

Das ist nur ein Beispiel. Viele Leute haben so Sex. Die meisten schweigen sich nicht einfach an. Außerdem gibt es mit Dirty Talk und Telefonsex explizit Fetische und Praktiken, die zeigen, dass es völliger Quatsch ist, zu behaupten, reden ruiniere die Stimmung. Alles, worum es geht, ist, wissen und nicht einfach nur glauben, dass in Ordnung ist, was man gerade macht. Wer Schwanz nicht über die Lippen bringt (trololo), hat das ganze Internet, um alternative Namen zu finden. Und wer diese Wörter wirklich überhaupt nicht sagen will, malt sich halt einfach ein Blümchensexbingo.

Links:
Consent Culture 101 für Dummies (I)
Wir lieben Konsens: Was ist das Zustimmungskonzept?
The Pervocracy: Rescripting sex | Asking | Consent Culture | Real Consent

***
Danke an @ekelias fürs Gegenlesen.

7 comments

  1. henningninneh

    „grenzen austesten“ trifft auf alle drei skripte zu, oder? und ist nicht „grenzen austesten“ gerade besonders sexy? ein passenderes motto scheint mir zu sein: grenzen austesten ist gut, grenzen überschreiten ist mist.

    • sanczny

      @henningninneh
      Fragen und riskieren ein „Nein“ als Antwort zu bekommen, ist schon auch irgendwie Grenzen austesten. Aber nicht das, was ich meinte.

  2. Teo

    Ist das Absicht, dass es im „richtigen“ Beispiel keinen aktiven und rezeptiven Partner mehr gibt, sonder das beide aktiv sind? Wenn ja, warum hast du das nicht thematisiert, das erscheint mir wichtig? Und gibt es immer noch denkbare Konsenssituationen zwischen A und R oder nur zwischen A und B? Wenn ja abweichend von „maximaler social awkwardness“?

    Grüße

    • sanczny

      @Teo
      Ich hab die Skripte bloß übersetzt, aber ja, wahrscheinlich ist das Absicht, dass das aktiv/rezeptiv-Schema aufgebrochen wird. Soll wahrscheinlich für Leute, die es bis zu der Stelle noch nicht gemerkt haben, klar machen, dass einvernehmlicher Sex meistens schon nicht mit so strikt festgelegten Rollen abläuft. Und natürlich sind auch weitere Konsenssituationen denkbar. Die Beispiele sind ja nur exemplarisch. Das erste ist Mist. Das zweite ist die Befürchtung, wie Konsens aussehen würde. Wem „awkward“ egal ist, wer das gut findet oder weniger awkward hinkriegt: Auch okay. Das dritte ist eins von ganz vielen Beispielen, wie mans besser machen kann. Da würde ich dann aber nicht mehr Beispiele überlegen, das ist ja immer situationsabhängig, worauf Leute gerade gleichzeitig Lust haben.

      • henningninneh

        halb off-topic: an allen drei beispielen fällt auch noch auf, wie zielorientiert sie sind. das macht auch das letzte skript (was ja deshalb nicht unpassend so benannt ist) irgendwie bisschen unschön. aber das hat natürlich nix mit konsens zu tun. darüber hinaus kann ich mir auch irgendwie nicht so gut vorstellen, wie interessanter sex ohne verständigung ablaufen soll. verständigung ist ja nicht nur nützlich, um zu erfahren, was zu weit geht, sondern auch, was sich gut anfühlt.

  3. Pingback: Care-Ethik vs. Consent Culture | sanczny

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