Care-Ethik vs. Consent Culture

[Trigger-Warnung: Rape Culture]

tl;dr Care-Ethik / Moral der Fürsorge vs. Consent Culture ist ein falscher Gegensatz.

Dieser Text bezieht sich auf den Beitrag „Die Alternative zur Consent Culture: Moral der Fürsorge!“ von @schizoanalyse, in dem sie diskutiert, ob das Konzept der Consent Culture zugunsten einer Moral der Fürsorge verworfen werden sollte. Ich versuche hier, die Problematik von der „Seite“ der Consent Culture aus aufzurollen.

Kernargumente des Textes waren:

  • Liebe sei ein Abhängigkeits- und Machtverhältnis
  • Consent Culture ignoriere die in Liebesbeziehungen eingewobenen Machtverhältnisse, indem sie allen Beteiligten Konsensfähigkeit (Entscheidungsfreiheit) apriorisch unterstelle
  • — Dies bedeute ethische Gewalt im Sinne einer Exklusion der nicht zu Konsens Fähigen bis hin zur Leugnung ihrer Existenz
  • Die Moral der Fürsorge betone die durch bestehende Machtverhältnisse entstehende Verpflichtung zur Sorge, insbesondere jenen gegenüber, die durch den ConsentCulture-Ansatz exkludiert seien
  • — Mit einer Moral der Fürsorge sei ein achtsamerer Umgang miteinander und eine Reflexion von Machtverhältnissen besser möglich als mit ConsentCulture-Konzept

Ich meine: Nein, geht nicht.

Consent Culture kommt aus einer anderen Richtung und will woanders hin als die Moral der Fürsorge. Consent Culture besagt, es gibt kein Default „Yes“. Damit richtet sie sich gegen eine konkrete Realität, in der explizite weibliche* [jedenfalls meistens so gedacht] Zustimmung keine Voraussetzung für Sex ist. Eine Realität, in der ein Nein nicht reicht, um ohne Zustimmung erfolgten Verkehr als Vergewaltigung zu qualifizieren. Eine Moral der Fürsorge läuft da ins Leere, wo es kein moralisch-fürsorgliches Gegenüber gibt.

Eine Moral der Fürsorge greift nicht gegen Rape Culture.

Dem_der potenziellen Täter*in Entscheidungsverantwortung für das Wohlergehen des potenziellen Opfers zu übertragen, ist kontraproduktiv. Ziemlich genau das passiert bereits, wo Rape Culture fragt, ob sich das Opfer deutlich genug gewehrt hat, und nicht, ob die Zustimmung fehlte.

In der Consent Culture bedeutet nur Zustimmung Zustimmung. Das heißt nicht, dass jegliche Zustimmung ein Freifahrtschein wäre. Consent Culture ist nicht „Deine Entscheidung – Dein Problem“ – im Gegenteil!

„Nein“ ist keine Zustimmung. „Vielleicht“ ist keine sichere Zustimmung, ist keine Zustimmung. „Ja“ ist nicht immer Zustimmung (Alkohol, Drogen, hilflose Situation, Zwang, wenn jemand nicht alt genug ist, um Sex zuzustimmen).
[Consent Culture 101 für Dummies]

Alles, worum es geht, ist, wissen und nicht einfach nur glauben, dass in Ordnung ist, was man gerade macht.
[Consent Culture 101 für Dummies II: Fragen.]

Consent Culture erfordert Verantwortungsbewusstsein, ähnlich wie eine Moral der Fürsorge, aber mit dem Unterschied, dass die Fähigkeit, für sich allein zu entscheiden, nicht generell in Frage steht. Soll heißen: Consent Culture bezieht sich auf die Zustimmung, nicht darauf, ob damit eine gute oder schlechte Übereinkunft zustande kommt.

Ungewollte Schwangerschaft und Consent

Consent Culture ist nicht Zustimmung zu folgenlosem Sex.

Ungewollte Schwangerschaft ist mögliche Folge von Geschlechtsverkehr zwischen Menschen, die über entsprechende Reproduktionsorgane verfügen. Ungewollte Schwangerschaft ist nichts, das sich dem Konzept der Zustimmungskultur verschließen würde.

Eine gemeinsam produzierte ungewollte Schwangerschaft betrifft meinen Körper und ist *mein* „Problem“. Ein Sexpartner, der nicht mit LOLNOPE abzieht? Schön. Ein Sexpartner, der in meine Selbstbestimmung reinredet? LOLNOPE. Mein Körper, meine Entscheidung. Ich trete nicht die Selbstbestimmung über meinen Körper ab because i let someone put the p in the v.

Wenn ich ein Kind will und einen sorgenden Vater dazu, kläre ich das. Aber ich wähle nicht Sexpartner nach der Bereitschaft dazu aus, bei ungewollter Schwangerschaft ein gemeinsames Kind zu bekommen und einen Sorgezusammenhang zu gründen, wenn das für mich selber keine Option ist, die ich mir wünsche oder plane.

Gleiches gilt für STDs, Honeymoon-Zystitis, sonstige Infektionen: Kann man mit rechnen. Das ist nichts, was Consent Culture negieren würde.

Autodestruktive Promiskuität, Mono-Poly und Uninformed Consent

Consent Culture schließt nicht aus und leugnet nicht die Existenz von nicht konsensfähigen Menschen.

Leugnen wäre, zu sagen: Es gibt keine Menschen, die nicht zu Konsens fähig sind. Ausschließen wäre, zu sagen: Gibt es, aber für die ist in unserem Konzept kein Platz. (Oder Leerstelle lassen). Tatsächlich ist es so, dass selbst kantianisches Rausdefinieren aus der Gemeinschaft der Vernunftbegabten nicht zu einem Ausschluss aus dem Konzept der Consent Culture führt.

Autodestruktive Sexualität; Psychopathie

Moral der Fürsorge vollzieht genau den bemängelten Ausschluss, indem sie davon ausgeht, dass bestimmte Menschen Entscheidungen nicht oder nicht allein treffen können und die (Mit-/) Entscheidung des_der fürsorgenden Partner*in über die der nicht zum Konsens fähigen Person stellt.

Moral der Fürsorge schließt sogar mit deutlichen weiter reichenden Folgen aus als der Consent Culture (fälschlich) unterstellt: Weil sie erst mal *alle* als potenziell nicht zu ihrem eigenen Besten Handelnde (ab-)qualifiziert. Und allen abspricht, etwas anderes als das Beste für sich (was ist das?) wollen zu dürfen.

Maternalismus mag theoretisch eine wunderbare Idee sein, der Unterschied zu Paternalismus ist an der Stelle aber ein gradueller: Bevormundung vs. Bevormundung durch Die Guten™.

Das kann völlig unproblematisch sein, muss es aber nicht, insbesondere in dem Fall – der bei sexuellen Beziehungen die Regel sein dürfte – dass die andere Person nicht frei von Eigeninteressen handelt.

Ich glaube an keine interessenfreie pure Relationship oder soziale Beziehungen außerhalb des Einflusses von sozialem Kapital. Ich verstehe Bourdieu so, dass es das nicht geben kann.

Maternalistische Fürsorge als Alternative zu Consent Culture setzt ein eigennutzfreies wohlmeinendes Gegenüber voraus. Und das ist meines Erachtens utopisch. (Um nicht Nietzsche zu zitieren, demzufolge sich auch hinter scheinbar wohlmeinenden Motiven oft unbewußt niedere verbergen.)

Polys, die mit Monos schlafen; Uninformed Consent

Hier diskutiert @schizoanalyse „Uninformed Consent“ am Beispiel einer monogamen Person, die eine Beziehung mit einer polyamoren Person unter der Bedingung eingeht, von deren Poly-Aktivitäten nichts zu erfahren. Damit wird Consent Culture auf einen der ursprünglichen Intention nach ungeeigneten Fall angewendet.

Consent Culture befasst sich mit Zustimmung zu Sex, nicht mit Beziehungsfoo.

Uninformed Consent ist: Nicht ausreichend aufgeklärt sein, um eine informierte Entscheidung treffen zu können. Für eine informierte Entscheidung ist aber nicht jede Information relevant. Natürlich muss ich wissen, ob mein* Partner* Sex mit anderen hat, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Aber allein das Wissen, dass ein*e Partner*in poly ist / noch mit anderen Leuten Sex hat, reicht für eine informierte Entscheidung aus (re:sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung etc). Postprivacy oder tiefergehendes Interesse an Wissen bis in die hinterste Verknüpfung eines Poly-Zusammenhangs sind für informierten Consent aber nicht nötig.

Whiteness und kollektivistische Kulturen; (Weiße?) Kultur der Körperlosigkeit

Consent Culture ist keine Idee eines ausschließlich weißen Feminismus. Sie steht auch nicht im Widerspruch zu kollektivistischen Kulturen oder anderen sozialen Zusammenhängen, in denen Anfassen zur alltäglichen Kommunikation gehört.

Für mich erfordert körperliche Nähe Konsens, unverlangter Körperkontakt ist ein Eingriff in meine körperliche Autonomie. Dafür hat Feminismus jetzt … ich hab keine Ahnung wieviele Jahre gekämpft. Das macht mich zum Outsider in einer vermeintlich körperlosen Kultur.

Ich frame das natürlich anders als Menschen aus/in nicht-weißen kollektivistischen Zusammenhängen. Wie wahrscheinlich auch nicht-kollektivistische Leute of Color. White Supremacy sehe ich dafür nicht als Anlass. Auch nicht eine Supremacy der Nicht-Kollektivisten, denn Consent Culture ist gar nicht dazu gedacht, konsensuelles (!) Anfassen zu unterbinden, eine Kultur der Körperlosigkeit zu schaffen oder zu fördern. Auch bei kollektivistischen Kulturen dürfte es eine gemeinsame Ansicht darüber geben, welche Berührungen willkommen sind und welche nicht. Auch das wäre ein Konsens.

Außerdem: Individualismus und Kollektivismus sind keine Gegensätze, da auf unterschiedlichen Ebenen.

Fazit

Eine Care-Ethik – und nicht unbedingt die nach Carol Gilligan – mag unter bestimmten Umständen für sexuelle Beziehungen anders nicht zum Konsens Fähiger ein Ansatz sein, lässt sich aber sicher nicht auf jede sexuelle Interaktion anwenden.

Wieso ausgerechnet die am privilegierten Ende eines asymmetrischen Machtverhältnisses sitzende Person die bessere Entscheidung treffen sollte, erschließt sich mir nicht. Auch nicht, wieso sie das dürfen sollte.

Eine Moral der Fürsorge kann keine Alternative zu Consent Culture sein. „Sorge dich um Menschen, die du liebst“ als Schlusssatz und Essenz dieses Textes zeigt ganz deutlich die unterschiedlichen Zielsetzungen von Care-Ethik und Consent Culture. Sexuelle Interaktion erfordert keine Liebe. Eine Moral der Fürsorge ist nicht in der Lage, Consent Culture zu ersetzen, wo sie nicht denselben Zweck verfolgt: Die Codes der Rape Culture umzudrehen.

//

Danke an @sokalist_n für Anregungen, Kritik und Lektorat.

Kommentare sind geschlossen.