Das Postprivate ist politisch

 

tl;dr Was Sie schon immer an Postprivacy sch– nicht so gut finden wollten. Weil meine Haltung dazu einigen als überkomplexes Fass erscheint, hier mal in einem Text.

Postprivacy als Thema scheint immer mal wieder durch zu sein. Aber viele Leute leben so. Geben Privates über sich preis, auch unkonsensuell über Dritte, oft völlig naiv oder mit einer riesigen Verdrängungsleistung gegenüber den problematischen Aspekten, alles im Sinne ihrer persönlichen Freiheit, und oft vollständig ohne die Vision, für die die Postprivacy-Bewegung zumindest in Teilen mal stand. Ist das noch emanzipatorisch? Für die Praktizierenden wahrscheinlich. Aber es schafft negative Potenziale, die dem emanzipatorischen Anspruch von Postprivacy entgegenstehen. Unreflektierte Postprivatheit verschiebt paradoxerweise soziale Probleme ins Private. Das Private ist politisch. Aber die Grenzen der Anderen werden zu deren Privatproblem.

// Was ist Postprivacy?

Postprivacy ist die Utopie einer Gesellschaft ohne Privatsphäre, und die dieser Utopie zugrunde liegenden Ideen und Vorstellungen. Postprivacy im Hier und Jetzt ist aber vor allem auch: Das schon mal so Sein obwohl es noch nicht so ist, und vielleicht nie in einem positiven Sinne sein kann.

Postprivacy begründet sich im wesentlichen auf zwei Annahmen: Kontrollverlust und Filtersouveränität.

Kontrollverlust bedeutet, dass wir Daten, die einmal im Netz sind, nicht kontrollieren können. Dass sich diese mit anderen Daten verknüpfen. Dass unbeherrschbar ist, was mit diesen Daten passiert und vor allem, was sie dann über uns aussagen. Kontrollverlust bedeutet, da stehen dann Dinge über uns im Netz / im Raum / in der Welt, die nicht mal wir selber über uns wussten.

Filtersouveränität ist das Recht auf unkontrollierte Bereitstellung von Informationen. Das Recht, mit der größtmöglichen Datenmenge operieren und diese nach eigenen Relevanzkriterien filtern zu können. @mspro formuliert die Filtersouveränität als das „radikale Recht des Anderen“. Dieser Andere soll Informationen ungefiltert zur Verfügung gestellt bekommen, und selbst entscheiden, welche relevant sind.

Weniger utopisch bedeutet Filtersouveränität dann allerdings die Pflicht, sich vor unerwünschten Informationen selber zu schützen.

// Leerstelle Privilegien

Postprivacy ist eine Debatte und Praxis vor allem privilegierter Teilnehmer. Dass das so gewollt ist, hatte ich hier schon beschrieben:

Das muss so sein. Das Konzept, den Markt aus den Daten zu nehmen, statt den Daten aus dem Markt, erfordert, dass es Leute vormachen, die mit ihren Daten nicht diskriminierbar sind. […] Für die Entscheidung, was man von sich preisgibt, und was nicht, spielt der eigene gesellschaftliche Status eine ganz große Rolle. Für dasselbe Verhalten wird die eine Frau Schlampe genannt, die andere nicht. Definitionsmacht haben per Default die Privilegierten.

[Zum besseren Verständnis des „Markt aus den Daten Nehmens“ siehe ihdl: Die Datenfresser und post-private Technologien des Selbst und Halt deine Daten zusammen?]

@ihdl hat in ihrem Beitrag „Who’s Open in Public?“ erklärt, was das Problem daran ist, dass diese „mutige“ Vorreiterrolle überwiegend von cis-/männlich/weiß/hetero Leuten aus der Mittelschicht übernommen wird:

„mehrfachprivilegierte machen selbstexperimente, betreiben dadurch aber normalisierung, weil sie unmarkierte positionen haben #inanutshell“.

[…] Was übersehen wird: Der mehrfachprivilegierte Mann ist in dieser Gesellschaft die unmarkierte Norm. Seit Jahrhunderten ist er das Universelle. Das, was wir meinen, wenn wir von „Mensch“ reden. Nicht das Andere. Und genau darum besteht die Gefahr, dass die postprivaten Selbstexperimente nicht als etwas Partikulares angesehen werden, was eine bestimmte Gruppe von Menschen betreibt, sondern als neuer, für alle gültiger gesellschaftlicher Standard.

// Out of Control

Mit dem Kontrollverlust will ich mich hier gar nicht näher beschäftigen. Dass es ihn gibt ist unbestreitbar. Ob er so umfassend und unwiderruflich sein muss, wie ihn einige voraussagen, bleibt abzuwarten.

Der Kontrollverlust bezieht sich auf ein großes Ganzes, das mir deutlich zu unkonkret ist, und wo sich mir außerdem nicht erschließt wieso der Verlust eines Teils, dann die slippery slope zum Verlust des Ganzen sein muss.

Außerdem bleibt zu bezweifeln, ob Postprivacy das geeignete Gegenkonzept ist. Die Datenschutzkritiker*innen haben fraglos einige Schwachstellen an Aluhut-Privacy aufgezeigt. Ein Nachweis, dass sich der Kontrollverlust zum Positiven wenden ließe, gelingt ihnen aber nicht.

Wenn Kontrollverlust als gegeben angenommen wird, a) muss/darf ich meine Daten nicht schützen und b) kann ich alles mögliche über andere weitergeben? Und wo geschieht die Drehung hin zum Positiven?

Der Kontrollverlust der Postprivacy-Vertreter*innen, Lifestyle, Socializen, das gesehen werden müssen, damit es Wert hat, ist ja nicht der Kontrollverlust, dem Postprivacy als Gegenentwurf dienen sollte, sondern ein geplanter, inszenierter. Neoliberale Selbstdarstellung at its best, immer einfach bei ausreichender Privilegierung und Angepasstheit, und natürlich durch ein paar Brüche nur realistischer.

Aber die eigentliche Frage ist doch: Wie will man nicht gesehen werden?

Offenheit ist so wenig ein Mittel gegen Diskriminierung, wie Verstecken eins ist. Da fehlt mir z.B. schon der direkte Zusammenhang von Wahrnehmung des Kontrollverlusts, den Rest seiner Daten freiwillig hinterher kippen und der wunderbaren Utopie, in der dann alle froh postprivacy sind und nicht mehr diskriminiert wird. Ich sehe schon einzelne Punkte, aber dann vor allem falsche Ableitungen und Generalisierungen.

Schauen wir uns bloß mal an, was Leuten entgegenschlägt, die unter dem Hashtag #isjairre offen über Mental Health Issues twittern, was deren Bemühen, aus der Stigmatisierung herauszukommen, auch als Vorreiter für andere, für Reaktionen auslöst. Oder seien wir mal Frau im Internet. Oder lesen wir mal Laurie Pennys Cybersexism Essay. Oder oder oder.

Ich benötige diese Trennung Öffentlich/Privat noch. Persönlichkeitsrechte, Intimität, ein paar Dinge, die ich gerne für mich behalten würde. Kontrollverlust macht mich nicht froh und ich seh nicht, wieso sich das in nächster Zeit drehen sollte.

Und so sehr mich diese Debatte um #schlandnet und nationales Routing gerade fremdschämen lässt, hätte ich nichts gegen kleinere redundante(re) Netze, bitte gerne ohne Nationalismus, und wenns nach mir geht, würde da niemand mitlesen, den ich nicht eingeladen habe.

// Too Much Information

Filtersouveränität geht davon aus, dass ich mir Informationen, die für mich potenziell verletzend/schädlich/unerwünscht sind, nicht aus dem Informationsfluss ziehen muss. Und wenn ich das doch tue: Bin ich selber Schuld. Hätte ja filtern können.

Damit findet die Freiheit der einen nicht mehr ihre Grenze an der Aufnahmekapazität der Anderen. Die soziale Übereinkunft, die dies normalerweise regelte, fällt bei Postprivacy-Praktizierenden weg. Als einziger Schutz bleibt die Filtersouveränität.

Aber Filtersouveränität ist eine Illusion. Erstens kennt man den Inhalt einer Information nicht, bevor man die Information kennt. Zweitens funktioniert Informationsfluss eben nicht so, dass an der Information immer ein Empfänger zieht und nie ein Sender schiebt. Ich bestimme nicht, welche Informationen bei mir ankommen. Uns werden ständig irgendwelche Fragen beantwortet, die wir nie gestellt haben.

Die Möglichkeit zu filtern ist also nicht so umfassend, dass von einer echten Filtersouveränität die Rede sein könnte. So weit kann ich meine Schutzschilde auf dem heutigen Stand der Technik gar nicht hochfahren, dass alle unerwünschten Informationen draußen bleiben, ohne dass mir ein enormer Schaden entsteht, weil dann auch vieles nicht ankommt, das mir wichtig ist.

Postprivacy gesteht Menschen faktisch nicht zu, dass sie nicht jederzeit mit jeder Information umgehen können müssen. Dass sie Dinge auch mal nicht wissen wollen. Dass sie Informationen aus anderer Leute Intimsphäre nicht unkonsensuell aufgedrückt haben wollen usw.

In Postprivacy entfällt jede Verantwortung für das Senden von Informationen. Statt Solidarität gibt’s aufs Maul den Verweis auf Filter oder Unwissen seitens der Sender, die sicherlich eine Ausnahme von ihrem verdrehten Default gemacht hätten, wenn sie denn gewusst hätten, was sie ja nicht wissen konnten.

Das Problem dieses einseitig rücksichtlosen Default ist ein prinzipielles und unabhängig davon, warum eine bestimmte Information im Einzelfall verletzend oder schädlich sein kann. Dieses Problem liegt da, wo man ein Problem des sozialen Umgangs zu einem privaten Problem für die Empfänger macht. Eine Folge dieser Filtersouveränitätsanforderung ist, dass statt selektiv zu filtern, Leuten nur der Rückzug bleibt, sie also praktisch ausgeschlossen werden.

Wieso ich etwas nicht wissen will, ist meine und sonst niemandes Angelegenheit. Dass jemand etwas nicht wissen konnte, und mich nur aus dieser Unwissenheit heraus verletzt, wird immer eine schlechte Ausrede bleiben gegenüber mir und anderen Menschen, die auf ihre Privatsphäre Wert legen (müssen) und Postprivacy nicht mitgehen (können). Also wird immer notwendiges Wissen fehlen, um wenigstens ausnahmsweise Rücksicht nehmen zu können.

Jede Information in jedem Kontext zu jedem Zeitpunkt per Default für okay zu befinden: Ist ein einseitig benachteiligender Default. Und stellt die Interessen der postprivaten Sender über die der Anderen.

// Sind sie zu schwach, bist du zu schwach

Dass das flauschigste und auf den ersten Blick überaus harmlose Informationen sein können und doch widersprüchliche Anforderungen und Ambivalenzen mit sich bringt, hatte @ihdl schon vor längerer Zeit in ihrem Text „Filtersouveränität und Empathie“ erklärt.

Ich möchte das Dilemma hier nochmal am Beispiel postprivater Zuneigungsbekundungen illustrieren. [Credits für deutlich mehr als Inspiration gehen an @ihdl und die Kommentator*innen in ihrem Blog.]

Die meisten kennen die Problematik um postprivates Schmerzen, Care und Self Care aus ihren_unseren Twitter-Timelines. Flausch, kleiner Dreis, Knutschsmileys, Hugs, sich Herzmenschen nennen: Öffentliche Zuneigungsbekundungen sind Trost und Unterstützung für Menschen, die das gerade brauchen, aber eben auch Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie mit Interessenkonflikten, Ausschlüssen und Überforderungen.

Wer bekommt Zuneigung? Wer kann sie einfordern? Wer wird gehört? Wer nimmt Raum ein? Wer gräbt anderen die Aufmerksamkeit ab? Wer darf sich übergangen fühlen? Wer trollt da rein? (Don Ugarte!) Wie verhindert man in dieser sich auftuenden Konkurrenz um Ressourcen, dass die größere Offenheit einiger für Andere negative Effekte hat? Wie kann man helfen? Was macht man, wenn das zu viel wird? Wie geht man mit Überforderung um? Wie löst man hier Self Care, wo der Bedarf danach immer höher wird, wenn das Leiden der Einen die Anderen zusätzlich belastet? Wie wollen wir füreinander Verantwortung übernehmen?

Die Machtdynamiken sind überall ähnlich. Doch wie sie ausagiert werden hängt an kontextabhängigen Zeichen. Simples Beispiel: Was ist eine „gute Story“ um in der Aufmerksamkeitsökonomie Beachtung zu finden? Dass es so funktioniert, dürfte überall gleich sein; wie eine Gutestory™ aussieht, massiv variieren, was dann auch die Wahrscheinlichkeit für diese Stories und damit die Wahrnehmungsmuster prägt. Krassestes Beispiel für dieses Wahrnehmungsmuster wäre die Lästerökonomie: Gemeinschaft schaffen und sich selbst in gutem Licht darstellen, etwa durch „XY ist ja sooo unmöglich“, häufig gepaart mit Konformismus: Selbstbestätigung der Norm durch Othering von Abweichungen.

Ein sich emanzipatorisch verstehendes Umfeld würde hier also schon aus diversen Gründen Bauchschmerzen kriegen oder jedenfalls vor widersprüchlichen Anforderungen stehen.

Das sind mehr Fragen als Antworten. Die Antworten habe ich nicht. Dafür noch ein anderes Problem.

Die teils stark ritualisierten Zuneigungsbekundungen postprivater Care-Arbeit sind oft nicht konsensuell. „hug if consent“ ist noch eins der gelungeneren Beispiele, wie man das lösen kann ohne übergriffig zu sein. Peergroups, die Nähe stark öffentlich performen, fragen aber meistens eben nicht vorher ab, ob ihr „hug“, „<3“ oder „:*“ okay ist. Die mögen untereinander klar kommen, ein gutes Beispiel für Consent Culture geben sie damit aber nicht ab. Ein erbaulicher Anblick für die Ausgeschlossenen sind sie oft auch nicht.

Ich für meinen Teil will das nicht von jedem*r in jedem Kontext. Ich will das aber auch nicht sagen müssen. Ich hab’s schon gesagt in einem engeren Kreis, mit der Folge, dass ich danach keine Zuneigungsbekundungen mehr bekommen habe, anstatt gefragt zu werden.

// Fazit

Die Verlegung gesellschaftlicher Probleme ins Individuum ist ignorant gegenüber der Privilegierungsfrage [weiterführende Links hierzu: Medienelite: Das Ding mit den Privilegien. #hashtag; „Der Computer kann alles“ November 2013 (ab Minute 64:00); Die Kulturelle Praxis: Das Kreuz mit den Privilegiendebatten]

Das Private ist politisch. Unreflektierte Postprivatheit führt den Anspruch die Privatsphäre zu politisieren aber ad absurdum, indem die Freiheit der einen zu einem privaten Problem für die Anderen gemacht wird.

Try again!

~

Danke an @Sokalist_n für das Lektorat!

One comment

  1. Pingback: Anschluss und Ausschluss | H I E R