Critical Nerdness: Fefe, die Fundis und der ganze Rest

[Content Warnung: Rassismus]

tl;dr Fefe erklärt Privilegien und Herrschaftspositionen am Beispiel seiner selbst und dies ist das Making of.

Derailing für Anfänger ist gar nicht wirklich eine Anleitung. Das scheint Leser Felix von L. (Name geändert), der das Verschwörungsblog Fefes Blog betreibt, allerdings entgangen zu sein, anders lässt sich sein Beitrag über Sigmar Gabriels Auftritt bei den Jusos kaum erklären.

Was hat Gabriel beachtenswertes gemacht? Unter Verweis auf den Nationalsozialismus – der natürlich unbestreitbar schlimm war – behauptet, dass es heutzutage keine Rassisten in der CDU gibt. Das ist natürlich großer Quatsch. Klar gibt es Rassisten in der CDU. Allein Erika Steinbachs Äußerungen reichen für drei Rassisten. Und auch in der SPD gibt es welche. Wie überall.

Nachdem Fefe den „Einlauf“, den Gabriel von den Jusos bekommen habe, nun vordergründig gewürdigt hat, geht es im Text bergab. Denn jetzt wirft Fefe Antideutsche, Woman’s Rights Bewegung, „Privilegien“-Slang, „die Weltrevolution“ und „Fundamentalisten“ in einen Topf, und toppt damit jede Extremismustheorie.

Auf der anderen Seite sind die Jusos natürlich auch politisch überhaupt nicht ernstzunehmen mit ihrem Antideutschen-und-Womyn’s-Rights-Vokabular. Check mal deine Privilegien, Alter!1!!

Und damit ist auch klar, dass Gabriel nur auf Granit beißen konnte, egal mit welchen Argumenten er gekommen wäre. Fundamentalisten kann man nicht mit Argumenten oder Kompromissen überzeugen. Bei Fundamentalisten bringt es nichts, wenn man auf bereits erzielte Errungenschaften verweist.

Wenn das mal kein Strohmann ist.

Von welchen Errungenschaften Herr Fefe hier ausgeht, bleibt unklar. Im Zweifel die beliebten Klassiker: „Können wir nicht einfach miteinander klarkommen?“, „Also, ICH sehe Hautfarbe überhaupt nicht!“, oder „Wir können doch nicht jedem Armutsflüchtling Asyl geben!“

Im Gegenteil wird einem dann erst Recht vorgeworfen, dass man die Weltrevolution mit faulen Kompromissen aufhält.

Das kann durchaus passieren, wenn man den Hinweis auf aktuelle Probleme damit kontert, dass in der Vergangenheit bereits andere Probleme gelöst wurden. Da passt ja die Antwort nicht so ganz zur Frage. „Weltrevolution“ ist darüber hinaus keine hegemoniale Position bei den Jusos, und insofern die Unterstellung dieses Vorwurfs abwegig. Was allerdings interessant ist: Dass Fefe theoretisch in der Lage ist, „Weltrevolution“-Gelaber als Appeal to bigger problems Fehlschluss zu erkennen. Merken wir uns das für später, das werden wir nochmal brauchen!

Der Gabriel kann froh sein, dass ihm niemand Derailing vorgeworfen hat (das solltet ihr überhaupt mal in Ruhe lesen, vielen ist ja gar nicht klar, dass es dieses Gedankenspektrum überhaupt gibt.

Leute, die sich mit Fallacies in wohlfühlgewissen Diskussionen auseinandersetzen. Ein Gedankenspektrum. Leute, die sich Gedanken machen sozusagen. Ganz schlimm.

Und auch äußerst zielgruppenorientiert: Es wird als von allen Lesenden als sofort und zweifelsfrei erkennbar dargestellt, dass nichts dran sein kann.

Money Quote:

Der Prozess, „Fakten” höher zu bewerten als „Meinungen” ist sehr stark im Interesse verwurzelt, Privilegien zu bewahren.

Viel Spaß bei der Lektüre!)

Hier wird nun der pisa-geplagte Nerd vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt: Anführungszeichen. How do they work?

Um dem ganzen mal direkt die Spannung zu nehmen: Es ging in dem Text gerade darum, dass behauptete Fakten nicht immer gleich Fakten sind und Meinungen oft mehr als „nur“ Meinungen. Dass es eben nicht so einfach ist wie Fakten = gut, Meinungen = böse. Dass wir alle voreingenommen, interessengeleitet und vielleicht nicht immer so wissenschaftlich und „rational“ sind, wie wir uns das gerne einbilden.

Und dann kommt der Lautsprecher der Nerdfraktion, zieht aus einem 82.000 Zeichen / 12.000 Wörter Text, 1 (in Worten: einen) Satz raus, und versagt dann noch bei der Erfassung der Anführungszeichen um „Fakten“ vs. „Meinungen“. Well.

Ab hier wird’s albern.

Ich betrachte ja dieses Privilegien-Checken-Getue ähnlich wie die Pro-Life-Fraktion. Die haben sich lange genug eine Nische so zurechtgelegt, dass sie sich in einer Opferrolle hinein interpretiert haben.

Mal ganz abgesehen davon, dass Fefe hier eine Gruppe – ich nenne sie einfach mal expliziter als er das tut Feminist*innen – die sich gegen Abtreibungsverbote und für die körperliche Autonomie von Frauen einsetzt mit ihrem politischen Gegner gleichsetzt, fällt er auch noch auf die Propaganda dieser Gegner herein, und übernimmt deren Selbstbezeichnung als „Pro Life“, statt sie Anti Choice zu nennen. Die sind nicht „für Leben“, wie Fefe gleich sogar noch selber feststellen wird.

Im Einzelnen: Wenn Fefe schreibt „ich betrachte“ [dies als so und so] ist seine eigene Subjektivität plötzlich Objektivität. „Opferrolle“ ist eine „schöne“ Verallgemeinerung, mit der er von vornherein ausschließt, dass tatsächliche Marginalisierungen angesprochen sein könnten.

Gerade bei den Pro-Lifern ist das zu schön, wenn sich weiße Mittelschichtsangehörige mit Eigenheim und zwei Autos als verfolgte Minderheit fühlen.

Was haben die weißen Mittelschichtsangehörigen mit Eigenheim und zwei Autos mit den Marginalisierten zu tun? Wir dürfen gespannt sein. (Strohmann, falls es jemand nicht gemerkt hat.)

Und überhaupt: Schreibt wer? Selbstständiger Informatiker, offenbar sich häufiger mal Auslandsreisen leisten könnend, whiter than sour cream.

Nach dem Principle of Charity ist Fefe hier immerhin zugute zu halten, dass er wenigstens nicht eine eigene „Marginalisierung“ ins Feld führt, wie etwa Christopher Lauer im Berliner Parlament seinerzeit mit seiner „Wir sind Nerds“-Rede.

Dieses indignierte Gestikulieren empfinde ich als sehr unterhaltsam. Und genau wie man nie jemanden von der Pro-Life-Fraktion sieht, der ein paar schwarze HIV-Babies adoptiert, deren Vater unbekannt und deren Mutter Crack-abhängig ist und abtreiben wollte,

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

genau so wenig kann man Privilegien-Checken-Leute dabei beobachten, wie sie tatsächlich Privilegien abzugeben gewillt sind, sobald das mit persönlichen Einschnitten in die Lebensqualität verbunden wäre.

Und hier eine Burden of Proof Fallacy / Argumentum ad ignorantiam.

(Fun Fact: Unterhaltsamerweise ist das das Gegenteil der KlaueFischer „Argumentation“ [Originalquellen: Klaue, Fischer], nach der Einschnitte in die Lebensqualität Ausdruck „puritanischer Lustfeindlichkeit“ sind.)

Zieht jemand von denen nach Afrika und hilft da Verhungernden?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp in den Text eingeschlichen.

Setzt da wer ein Testament auf, das ihr Hab und Gut an die Zigeuner vererbt, wenn sie mal welches erlangen sollten?

Oh, da hat sich jetzt aber ein rassistisches Stereotyp eingeschlichen.

Lernt da jemand Brotbacken und verteilt das Brot unter den Armen?

Ja, absolut machen die das. Viele von „denen“ machen soziale Arbeit oder engagieren sich neben ihrem Tagesjob.

Zahlt da jemand freiwillig mehr Studiengebühren, weil das ein Privileg ist?

Weil die alle Geld zu viel haben und das in ihre Unis investieren wollen?

Zahlt jemand von denen seine Arztrechnung lieber aus eigener Tasche und lässt die Versicherung in Ruhe?

Um den scheiß Kapitalismus zu unterstützen? Jemand zu Hause?

Geben diese Leute alles auf, werden Arzt und ziehen nach Haiti und helfen da
Menschen?

Ja, das machen Leute.

Nein.

Doch.

Aber wisst ihr, wer das macht?

Die Kubaner.

Die™.

Und denen geben wir zur Strafe noch ein Handelsembargo oben drauf.

Auf die Gefahr hin, dass das kein Witz werden sollte: Das reicht nicht mal für eine Post Hoc Fallacy, weil der zeitliche Zusammenhang schon nicht gegeben ist.

Ich hab neulich so einen Artikel gelesen […]

*auf die Uhr guck*

Wir im Westen führen einen Studiengang ein, legen uns eine neue Sprache dafür zurecht, und glauben, damit irgendjemandem geholfen zu haben.

Fefe als $Aufzählung_unmarkierter_Gruppen ist „der Westen“. Kann Spuren von Wahrheit enthalten. Aber keine von Einsicht. (Ich mag ja keine Europäer*innen, die verallgemeinern alle immer so.)

[…]

Wenn wir mal ehrlich sind, ist schon die Tatsache, dass wir uns hier über Geheimdienstexzesse und Internetfilter unterhalten, ein seltenes Privileg.

Vgl. „oppression olympics“.

In Ländern, in denen plötzlich Wohlstand ausbricht, z.B. China, ist der genau so schlecht verteilt wie bei uns. Ein paar Superreiche, und das Gros der Bevölkerung ist knapp über dem Verhungern oder hungert. Solange wir dafür keine Lösung finden, müssen wir über den Rest gar nicht reden.

Und hier nun „erst muss die Weltrevolution kommen“-Gelaber, über das er sich oben bei anderen beschwert.

Solange wir schon innerhalb unseres Landes und der EU nicht in der Lage sind, Obdachlosigkeit abzuschaffen, und dafür zu sorgen, dass im Winter niemand erfriert, weil Heizen zu teuer war, werden wir die Ungerechtigkeit gegenüber anderen Teilen der Erde ganz sicher nicht lösen können.

Was für ein bestechendes Argument, Probleme nicht zu lösen.

Und im Grunde will das ja auch niemand. Sonst könnte die EU sowas wie Frontex ja gar nicht machen, wenn nicht die breite Mehrheit der Bevölkerung das insgeheim so haben wollen würde.

Ja, so nah dran.

Und unsere „Entwicklungshilfe“. Damit wir uns weniger schuldig fühlen, […]

Und hier flackert dann tatsächlich noch fast sowas wie Erkenntnis auf. Aber:

Aber Hauptsache ihr habt alle eure Privilegien gecheckt! Dann sterben gleich ne Million Afrikaner weniger an Hunger — oder an deutscher Munition aus deutschen Gewehrläufen.

Da haben wir dann nochmal eine Appeal to bigger problems Fallacy. Und mehr Rassismus.

Wenn das keine Benchmark für privilegierte Ignoranz ist, dann weiß ich auch nicht.

Einen Absatz habe ich oben herausgekürzt, um ihn nochmal ernsthafter zu behandeln, weil er so symptomatisch für das gesamte Problem ist:

Unser Wohlstand basiert auf einer historischen Schuld, die leider nicht weggeht, wenn wir unsere Privilegien jetzt aufgeben. Und es geht ja leider auch den Unterprivilegierten nicht besser, wenn wir Privilegien aufgeben.

„Race“ ist eine Sozialstruktur. „Wir“ sind ALLE Rassisten. „Wir“ wüssten „uns“ und „die“ gar nicht zu unterscheiden ohne racialized Consciousness – rassisiertes Bewusstsein.

Diese „Vergangenheit“ hat bis heute zur Folge, dass Weißsein einen Wert hat. Dass Rassismusbetroffene völlig überraschend rassismusbetroffen sind. Dass weiße Menschen Bewohner*innen der unmarkierten Kategorie sind und NICHT über rassistische Stereotype abgewertet werden. Und das zu deren Vorteil ist. Und das Master Narrative – das herrschende Narrativ – sagt: Rassismus? Kennen wir gar nicht! Und ist das schlüssig, dieses so offensichtlich falsche Narrativ gelten zu lassen, nur weil eine Mehrheit, die davon profitiert, sagt „Isso weil isso“? Und dass Marginalisierte mit ihrem Counter Narrative Probleme haben, überhaupt zu Wort zu kommen, geschweige denn, ernst genommen zu werden? Wird das dem sonst so wissenschaftlichen Anspruch gerecht? Wer kann die Spielregeln festlegen, was als „rational“ gilt? Wer kann sie bisweilen brechen, ohne als „Meinung“ dazustehen?

An das Master Narrative stellt niemand diese Ansprüche an Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Faktentreue. Wenn Rassismusbetroffene ankommen und sagen „Hey, mich verletzt, dass du rassistische Wörter benutzt“ sagt der Mainstream „Ja, mir doch egal“ oder „Mach da erst mal ne Doppelblindstudie über dein Mimimi“. Oder macht sich über Derailing für Anfänger lustig, wo diese ganzen Entgleisungstechniken, die privilegierte Menschen benutzen, um dieses „Mir doch egal“ nicht offen eingestehen zu müssen, zerlegt wird.

Ja, „wir“ Weißen müssen uns mit unseren Privilegien beschäftigen. Privilegien hinterfragen, abgeben, abbauen, aufhören Leute zu marginalisieren und zu unterdrücken. Ja, damit ist Leuten geholfen. (Wenn ihr das als Privilegierte nur von euch und eurer Peergroup abfragt, kommt ihr da zu einem anderen Ergebnis, völlig klar.)

Wenn „wir“ unseren eigenen Rassismus konfrontieren, statt immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen, vorzugsweise auf Neonazis, Buschkowskys, Sarrazins, „die Amis“. Oder wie Sigmar Gabriel auf „den Nationalsozialismus“ verweist und meint, mit dieser weißdeutschen Erinnerungskultur wär aber auch mal genug gegen Rassismus getan, und wenn man Rassismus mit damals vergleicht, würde man verharmlosen. Umgekehrt macht das Sinn. Sonst geht Rassismus nie weg. Dann drücken „wir“ uns vor unserer Verantwortung mit Verweis auf „damals“.

Das ist liberale Wellness, sich immer nur über andere aufzuregen, statt sich mal die eigene Beteiligung einzugestehen. Rassismus geht viel weiter. Der fängt bei „uns“ an.

Es geht bei dem Ding mit den Privilegien um weit komplizierteres als einfach „Privilegien aufgeben“. Insofern wehrt sich Fefe auch hier wieder gegen einen Strohmann (und unterliegt einem Sein-Sollen-Fehlschluss, wo „Privilegien“ eine Analysekategorie ist).

„Wir“ müssen mal eingestehen, dass der Mythos der „unverdienten“ Priviliegen gar nicht mal so schlüssig ist. Rassismus reproduziert sich nicht über irgendeine Magie oder Raketenwissenschaft, mit der Menschen nichts zu tun haben, sondern den reproduzieren wir, beabsichtigt oder auch nicht, bewusst und unbewusst. „Wir“, nicht „die“.

Ja, das schmerzt. Ja, das kratzt am positiven Selbstbild, dass man Teil des Problems ist. Das verursacht kognitive Dissonanz, wo man sich doch selbst ganz gut findet, und sich doch auch engagiert und alles.

Aber da muss man dann vielleicht auch mal durch.

~

Danke an @Sokalist*n für das Lektorat und an @yetzt für das tl;dr.

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