Heute in Rape Culture: KO-Tropfen, Nein Danke.

Nachtrag unter dem Text

[Content Note: Vergewaltigung, Rape Culture]

tl;dr: Nein.

Berlin sagt Nein Danke zu K.O.-Tropfen
Bild: @tofutastisch

In Berlin wird zur Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln mit einer Kampagne über K.O.-Tropfen „aufgeklärt“:

Berlin sagt „Nein Danke“ zu K.O.-Tropfen. Für ein sicheres Nachtleben – Damit es kein böses Erwachen gibt“.

Pass auf dich und deine Freundinnen und Freunde auf: Ein paar einfache Vorsichtsmaßnahmen helfen dir dabei, sicher unterwegs zu sein.“ [Quelle]

Die Grundidee der Kampagne ist bereits völlig absurd: Sag Nein zu Date-Rape-Drogen, die dir jemand ohne zu fragen ins Getränk kippt. Nimm kein offenes Getränk an. Trinke nicht zu viel Alkohol. Dann bist du sicher.

Als hätte man mit einem bestimmten Verhalten, einer bestimmten Kleidung eine größere Chance, von Übergriffen verschont zu bleiben. Als würden ohne K.O.-Tropfen, ohne Alkohol keine Übergriffe passieren. Die Illusion, dass man sich schützen könnte, wenn man sich nur genug einschränkt, ist Teil von Rape Culture.

Initiiert wurde das Ganze u.a. von den Opferschutzorganisationen LARA (Krisen- und Beratungszentrum für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen) und der Opferhilfe Berlin e.V., also Menschen, denen man eigentlich genügend Sachverstand zutrauen darf, keine Rape Culture Narrative zu verbreiten.

Was ist Rape Culture?

Rape Culture ist die Art und Weise, in der die ständige Bedrohung sexueller Übergriffe die täglichen Bewegungen von Frauen beeinträchtigt. Rape Culture erklärt Mädchen und Frauen vorsichtig zu sein, was man anzieht, wie man es anzieht, wie man auftritt, wohin man geht, wann man dort hin geht, mit wem man geht, wem man vertraut, was man tut, wo man es tut, mit wem man es tut, was man trinkt, wieviel man trinkt, ob man Augenkontakt herstellt, ob, man allein ist, ob man mit einem Fremden zusammen ist, ob man in einer Gruppe ist, ob man in einer Gruppe Fremder ist, ob es dunkel ist, ob die Gegend nicht vertraut ist, ob man etwas trägt, wie man etwas trägt, was für Schuhe man trägt für den Fall dass man weglaufen muss, was für eine Tasche man mitnimmt, welchen Schmuck man trägt, wie spät es ist, welche Straße es ist, welches Umfeld es ist, mit wievielen Leuten man schläft, mit was für Leuten man schläft, wer deine Freunde sind, wem du deine Nummer gibts, wer anwesend ist wenn der Lieferservice kommt, ein Apartment zu bekommen wo man sieht wer an der Tür ist bevor man aufmacht, […] sich eine*n Mitbewohner*in zu suchen, Selbstverteidigungskurse zu machen, immer wachsam und aufmerksam zu sein und immer die Augen aufzuhalten und immer die Umgebung wahrnehmen, und nie unachtsam sein für einen Moment damit du nicht sexuell angegriffen wirst, und wenn doch und du wirst und du hast nicht alle Regeln befolgt, ist es dein Fehler.

Rape Culture ist die allgegenwärtige Angst und das Hinnehmen dieser Angst als unvermeidbar.

Diese Kampagne, wie alle anderen dieser Art, die Sicherheit versprechen, wenn man sich an ein Set von immer denselben, immer unnützen Regeln hält, ist falsch und gefährlich. Es gibt diese Sicherheit nicht.

Es ist Rape Culture, wenn Frauen Mitschuld zugewiesen wird, weil sie Alkohol getrunken haben oder unter Drogeneinfluss standen, weil ihre Kleidung freizügig war oder sie „unvorsichtig“ waren, weil Sie allein die dunkle Straße entlang gegangen sind, oder mit dem falschen Mann, oder zu Hause geblieben sind oder sonstwo waren. Und es ist Rape Culture, Frauen zuzumuten, ihr Leben danach auszurichten. Trinkt nicht so viel Alkohol. Tragt keine hohen Schuhe. Macht euch einen Brokkoli ans Revers.

Wir tun alles mögliche, um Vergewaltigungen zu verhindern. Nur nicht Männern erklären, dass Sex ohne Zustimmung Vergewaltigung ist. Weil es der als normal erachtete heteronormative Standard ist, vor dem Sex nicht nach Zustimmung zu fragen. Rape Culture fragt nicht nach „Ja“ sondern nach „Nein“ und ausreichender Gegenwehr. Rape Culture privilegiert Täter.

All diese Erzählungen von Vermeidbarkeit und Mitschuld sind Victim Blaming. Es ist Victim Blaming, davon auszugehen, Frauen könnten irgendetwas richtig oder falsch machen, und damit beeinflussen, ob sie vergewaltigt werden oder nicht.

Das ist Rape Culture. Und die reproduziert man, indem man bei der Prävention von Übergriffen bei den potentiellen Opfern ansetzt.

[Nachtrag 25.11.2014]

Die Stadt Berlin hat sich anlässlich des Internationales Tages gegen Gewalt an Frauen nicht nehmen lassen, die Kampagne nochmal zu „starten“ und verteilt seit heute Infomaterial an Aufstellern in Hotels und Gastronomie.

Dazu fällt mir nur dies ein:

[/Nachtrag]

Vorher in diesem Blog:
Was ist Rape Culture?

Links, die zeigen, dass Vergewaltigungsprävention anders geht:
Vergewaltigungsmythen: Das ist keine Einladung zu vergewaltigen
Feministing: Edmonton’s new rape prevention ads should be everywhere
Jezebel: Powerful Posters Cleverly Highlight Sexual Assault Awareness
Zerlina Maxwell / Ebony: 5 Ways We Can Teach Men Not to Rape
Gradient Lair: Rape “Prevention” Advice That Doesn’t Include Tips For Men’s Behavior = Rape Culture
Mädchenmannschaft: Vergewaltigt und “selbst schuld”?
Amptoons: Sexual Assault Prevention Tips Guaranteed to Work!
Feministing: “Dear Prudence” columnist publishes rape denialism manifesto advising women to “stop getting drunk”
Newsweek: No. 1 Surefire Rape Prevention Tip For Ladies: Don’t Exist
Salon: Sorry, Emily Yoffe: Blaming assault on women’s drinking is wrong, dangerous and tired
Slate: To Prevent Rape on College Campuses, Focus on the Rapists, Not the Victims
Salon: Can men be taught not to rape?

Danke an @Sokalist_n für das Lektorat.

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