Empörers gonna empör

 

[Content Note: Diverse Scheiße]

tl;dr Über Kritik, Empörung und wie man heutzutage kaum noch in Ruhe privilegiert sein kann. 

Diese eine Frau da, die findet, dass das kein Sexismus war, dass es nicht angebracht ist, wenn diese Person sich von jemandem verletzt fühlt, dass sie übertreibt, wenn sie sagt, sie fühlt sich mit ihm nicht mehr sicher. Die ist auch Feministin, und die lacht über diese ganzen Konzepte und Policies mit diesen komischen Namen, über Safe Spaces und Ausschlüsse. Oder Silencing. Sollen sich doch mal selber silencen (hihi!), statt dauernd andere mit ihren Befindlichkeiten zu nerven. Diese Stellvertreteropfer, die selber keine Probleme haben.

Wenn die Mehrheit miteinander klar kommt, wo ist dann das Problem? Klar werden da mal Feministinnen angeätzt oder ausgelacht oder angeschrien oder angemackert. Aber mit ein bisschen Gemacker und sexistischen Flachwitzen sollten erwachsene Frauen doch wohl klarkommen. Alles andere ist rumopfern. Klar geht’s da um Wegboxen, aber da gehören ja immer noch zwei zu. Da braucht man ja nicht drauf einsteigen. Mit asymmetrischen Machtverhältnissen hat das sicher nichts zu tun. Wie, Sexismus ist ein Unterdrückungsinstrument? Das ist eine Definition.

Klar, der Typ ist der Frau zu nahe getreten, und die andere hat Angst vor diesem anderen. Und der eine wird manchmal laut und dominant. Aber die gehören zu den Guten. Die tun echt viel. Soll man die jetzt ausschließen? Und Nazis mit Wattebällchen bewerfen? Ja, also. Kann man auch mal einmal was nicht so eng sehen? Das nutzt sich doch ab, wenn man sich dauernd empört.

Man kann auch nicht immer andere mit reinziehen, um Unterstützung oder Positionierung bitten. Wir sind doch alle gegen Sexismus. Wie, das nützt nichts, wenn das nur abstrakt ist? Nach der Revolution klärt sich das, da fällt ja der Grund weg für die Diskriminierung. Und bis dahin könnten die Spalterinnen, Schreihälse und unfehlbaren Pfeifen doch einfach mal die Fresse halten. United we stand, divided we fall.

Das Ding mit der Definitionsmacht? Ist doch völlig inakzeptabel. Wo kämen wir hin, wenn wir uns von Betroffenen anhören, wie die sich gefühlt haben, und denen versuchen, ihre Erfahrungen und Ängste nicht abzusprechen? Sodom und Dingens. Wir leben ja schließlich in einem Rechtsstaat. Da gilt die Unschuldsvermutung auch für Sexismus. Und die Meinungen sind immer noch frei. Diskriminierung muss als Meinung gelten, dann diskreditiert die sich schon von ganz allein. Alles andere wäre Faschismus.

Und was reden die da über hegemoniale Männlichkeiten? Wenn einer sagt, dass Nazis kleine Schwänze haben, beleidigt das doch ausschließlich Nazis. Wie, nur mittelbar, indem man erst Leute mit kleinen Schwänzen abwertet? Für zu wenig Männlichkeit? Was Männlichkeit aufwertet? Wissen die eigentlich, wie kalt das da draußen ist beim Nazis blockieren?

Diese Queerfeminist_in da hat ja sowieso einen an der Waffel. Will anderen öffentliches Knutschen verbieten. Was soll das überhaupt sein, diese „heterosexuelle Hegemonie“, von der die reden? Bestimmt total unwissenschaftlicher Kram. Eine Matrix, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Ja, klar. Sieht doch jeder, dass Menschen als Männer und Frauen auf die Welt kommen. Biologie ist das. Natur. Und Heterosexualität ist schließlich normal, da kann doch keiner was für. Jeder wie er will.

Heterosexuelle unterdrücken auch sicher niemanden durch Zuneigungsbekundungen im öffentlichen Raum. Nicht mit Händchenhalten, oder Küssen, oder im Supermarkt den Weg versperren weil sie im Wurstregal mal ganz kurz fummeln müssen. Nicht mit dem Pärchenavatar bei Twitter, dem gegenseitig in der Bio aufführen, nicht mit dem Knutsch-Header bei Facebook, und nicht mit diesen Statusupdates, in denen steht wie lange die sich schon wie sehr und für immer lieben. Nicht mit dem öffentlich beim Kosenamen nennen, nicht mit dem Flirten, nicht mit den Knutschsmileys. Was soll denn daran dominant sein? Es geht da um Liebe, und die ist das einzige was zählt. Scheiß Neider.

Feminismus müsste wieder mehr für normale Leute und deren alltägliche Probleme sein. Total edgy! Was soll eigentlich diese dauernde Vereinnahmung bei der Feminismus die Glocke für Antirassismus und LGBT-Themen ist? Heterosexuelle Paare mit Kind, die haben richtige Probleme. Die alleinerziehende Lesbe ohne Job auch? Schwarz ist die? Ach komm, jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Das sollte man doch jetzt bitte nicht gegeneinander ausspielen. Wer da verlangt, erstmal Privilegien zu checken, sollte dringend mal seine Prioritäten sortieren. Arm sein ist das neue schwarz.

Und dieser eine, der sich manchmal über Feministinnen lustig macht, ja ach. Darum ist man noch lange nicht für Sexismus. Außerdem wurde da interveniert und die Kritik auch angenommen. Und dass der eine da eindeutig rechte Blogs verlinkt, weil da so gut analysiert wird, warum Feministinnen Faschos sind? Ja, da wird auch auf jeden Fall garantiert theoretisch vermutlich interveniert.

Außerdem weiß doch jeder, dass der perfekte Mensch utopisch ist. Und wenn Sexismus unvermeidlich ist, warum dann überhaupt kritisieren? Eben. Ist doch fucked Logic, die diese Tanten da an den Tag legen. Und mit weniger als perfekt geben die sich ja nicht zufrieden. Keine Ahnung, was die meinen, wenn die sagen, dass ihre Kritik auf eine normative Ebene derailt wird, und dass das ein Sein-Sollens-Fehlschluss wäre. Können die kein deutsch, wie normale Leute?

Und warum sollen jetzt weiße Männer nicht den Sexismus von schwarzen Männern kritisieren? Das ist doch Kulturrelativismus. Das sollten die mal ehrlicherweise Bigotterie nennen. Die kritisieren doch echt nur, was sie wollen. Weiß doch jeder, das diese ganzen postkolonialen Perspektiven einfach nur relativistische Scheiße sind. Da muss man nichts differenziert sehen. Kopftücher sind immer Unterdrückung. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Aus welchen obskuren Ecken akademischer Literatur ziehen die Bücher, in denen allen Ernstes steht, dass an „weiße Männer retten braune Frauen“ irgendwas nicht in Ordnung wäre?

Wenn diese Feministinnen Femen dafür kritisieren, dass die die Objekte ihrer Befreiungbestrebungen unterdrücken, sind die doch nur neidisch auf die Brüste. Und wenn die dann fragen, ob man Inhalte nicht vielleicht anders besser vermitteln könnte, und ohne neokolonialen Rassismus, kann man die ja wohl mal dissen, die teilen ja auch aus. Man trägt doch den Rassismus nicht mit, nur weil man die Gruppe promotet. Wie kommen die darauf?

Und dieser Mist mit der kulturellen Aneignung? Wem schadet das denn? Da kann man doch nur drüber lachen, Kulturen haben sich schon immer vermischt. Jede Kultur nur ein Symbol! Sind die behämmert. Die Kolonisation war nicht nur schlecht. Die konnten ja nichts in Afrika. Wie, kein Buch dazu gelesen? Das weiß man doch aus der Schule. Wie, Rassismus in Schulbüchern? Och, bitte. Rassismus gegen Weiße ist auch schlimm. Da redet nie jemand drüber.

Und dieses ganze Gebashe gegen heterosexuelle weiße Männer? Als ob Männer der Feind wären. Dass die nicht mehr überall ihr Shirt ausziehen sollen? Geht’s noch lächerlicher? Kann ja wohl echt nicht sein, dass dieses einzelne AZ in 500 Kilometer Entfernung in seiner antisexistischen Policy mehr Rücksicht auf traumatisierte Besucherinnen nimmt als auf Männer. Und Triggerwarnungen… Grow a pair.

Männlich positionierte People of White haben auch Probleme. Dieses Gerede von unterschiedlichen Sozialstrukturen und überschneidenen Unterdrückungsachsen dient doch einzig und allein dieser verqueren Unterdrückungsolympiade, mit der die akademische Gender-Elite Gruppen spaltet, die im Grunde dieselben Ziele haben. Da sollte der Feminismus mal rational und objektiv rangehen, die Augen nicht länger vor den Fakten verschließen, und merken, wo er zurückstecken muss für die Sache. Solidarität ist keine Einbahnstraße! Nach oben treten und Unterdrückung kritisieren ist genauso schlimm wie Unterdrückung! Langsam reicht es mit dem immer neue Diskriminierungsformen erfinden.

Und echt mal: Was geht diese Queerfeministinnen anderer Leute Lifestyle an und dass normale Frauen noch auf echte Kerle stehen? Wie kommen die darauf, anderer Leute Frauenbild widerlich zu nennen? Ist halt so, dass heterosexuelle Männer ihr Territorium markieren. Und dass Männer das mehr respektieren als die Frau. Und dieses Consent Culture Ding? Das können die doch nicht ernst meinen.

Nein, der Witz war nicht behindertenfeindlich. Das nennt man Inklusion, wenn man sich über Behinderte lustig macht! Die wollen ja schließlich behandelt werden wie Normale. Man wird ja wohl noch zehnjährige Sexisten, die im Rollstuhl sitzen, doof finden dürfen, liebe Feministinnen! Wer nicht als defizitär wahrgenommen werden will, muss sich schon Witze über seine Defizite gefallen lassen. Was soll das heißen, ob mir der Logikchip durchgebrizzelt ist? Das ist ableistisch!

Und diese Empörer! Da möchte man ja gleich alles hinschmeißen und Prinzessin werden, so nerven die. Schlimmer als die wenigen Idioten, die tatsächlich Rassisten oder Sexisten sind. Ständig emotional und betroffen, als wär marginalisiert werden irgendwie scheiße. Dabei tu ich so viel, um denen zu helfen. Ich muss mich schließlich nicht engagieren. Und die sagen, ich wär Teil des Problems statt „Danke“.

Und dann dieses Gerede von Critical Whiteness und whatever. Erfindung von weinerlichen Weißen mit Positionierungswahn. Meinen, man müsste bei sich selber anfangen, statt immer mit dem Finger auf Einzelfälle zu zeigen. Die rechte Ecke wäre überhaupt keine Ecke. Rassismus strukturiere Gesellschaft. Die haben doch echt zu viel von diesen Postlegionellen gelesen. Ist doch klar, dass denen niemand zuhört. Dieses ganze Positionieren und Reflektieren über Weißsein und angebliche Privilegien ist doch kontraproduktiv. Können wir nicht einfach mal miteinander klarkommen?

Konsens ist, und das sagen sogar anerkannte weiße, heterosexuelle, männliche, gut situierte Empörungsexperten im Radio, dass wir uns in einer Phase der Hyperzivilisierung im Netz befinden, in der sich mit psychischer Gewalt in Form von Shitstorms gegen angeblichen Rassismus gewehrt wird. Da reißt eine Frau mal völlig aus Versehen einen Witz, der vielleicht nicht ganz okay ist, und das gesamte Internet tickt aus und die arme Frau verliert ihren Job. Wegen denen! Eine Prangerkultur hat sich da entwickelt, wo sich jederzeit aus nichtigen Anlässen wie systematischer Unterdrückung ein Lynchmob auf unbescholtende weiße Leute stürzen kann und fragen #HasJustineLandedYet?

Man muss auch mal Widerspruch zulassen. Wenn Nicht-Betroffene das verstehen, kann das ja wohl nicht so schwer sein. Und wenn einem was nicht passt, dann kann man ja wegbleiben. Waren schon weg? Scheiß Spalter.

//

Abspann:

Wer es nicht gemerkt hat: Das war Bullshit-Bingo.

Im nächsten und/oder übernächsten Text ist geplant, das ganze theoretisch auseinander zu dröseln: Was ist Wahrheit? Wer bestimmt, was diskriminierend ist? What the fuck is wrong with people?

//

Links:

Ich habe länger überlegt, wie ich mich am besten zwischen die Stühle „Frei erfunden“ und „Igitt, die prangert“ setze, und mich gegen die Verlinkung von Quellen entschieden. Wer es denn doch nicht lassen kann, Quellen zu suchen, dem_der sei empfohlen, sich durch das entstehende Empörungsexpertentum zu lesen, z.B.

Patrick Breitenbach: Verbannung und Hyperzivilisierung im Netz
-> zur Wortwahl (mit „Zivilisierung“ in einen antirassisischen Diskurs intervenieren): Wikipedia: Zivilisation
Blog Karlshochschule: The Day after Shitstorm: Die zweite Stufe der Zivilisierung
Detektor.fm: Der virtuelle Pranger – Zwischen Shitstorm und Schweigespirale
-> zur Wortwahl (Rassismusbetroffene als „Lynchmob“ bezeichnen) [Triggerwarnung]: Wikipedia: Lynching [en].

Auf der Plus-Seite:

Breaking the Waves: Empörung aktivieren – Konformismus und Mobverhalten im Netz
Ronsens: Empathie und so

Danke an @Sokalist_n für das Lektorat.

~

[ETA 07.02.2014, 16:45: Überschrift geändert und einen Satz gelöscht.]

Kommentare sind geschlossen.