Diskriminierung und Solidarität: Ihr lehnt Herrschaft ab, aber warum fickt ihr das System?

[Aktualisiert 12/2017]

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tl;dr Was ist Wahrheit? Wer bestimmt, was diskriminierend ist? What the fuck is wrong with people?

Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung ist eine Einwirkung, die Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe unfair behandelt. Diskriminierende Verhaltensweisen können viele Formen annehmen, aber sie alle beinhalten irgendeine Form von Ausgrenzung oder Ablehnung. Ihr habt vielleicht schon individuelle Akte von Diskriminierung miterlebt, wie zum Beispiel einen Schüler, der Menschen einer bestimmten Rasse nicht zum Mittagessen mit sich am Tisch sitzen lässt. Oft spiegeln diese einzelnen Handlungen ein größeres System der Ausgrenzung wider. Das kann eine Schule sein, die nicht zulässt, dass Mädchen die gleichen Klassen wie Jungen besuchen, oder ein Unternehmen, das Menschen bestimmter ethnischer Hintergründe nicht einstellt.

Auf nationaler Ebene kann Diskriminierung die Form von offiziellen Gesetzen und Politiken annehmen. Die Versklavung von Afrikanern in den Vereinigten Staaten, die offizielle Herrschaft Weißer über Schwarze Menschen in Südafrika, oder Hitlers umfassende Vernichtung der Juden sind einige historische Beispiele für systematische, rechtliche Diskriminierung. Wenn Diskriminierung Teil eines systematischen Gebrauchs von Macht wird und das „ist, wie die Dinge nun mal sind“, ist das ein „ismus“. Rassismus und Sexismus sind „ismen“, mit denen du wahrscheinlich vertraut bist.

(UN Cyberschoolbus, übersetzt von mir)

Über Diskriminierung gäbe es noch einiges mehr zu sagen. Für unsere Zwecke hier soll aber reichen, überhaupt erstmal einen Diskriminierungsbegriff zu etablieren, bei dem der entscheidene Punkt klar herausgestellt wird:

Diskriminierung = Vorurteil + [ein Backup/Rückhalt aus] Macht

Ein Beispiel:

Ich hasse dieses „Unterdrückung funktioniert in beide Richtungen“-Ding, weil

zum Beispiel

wenn du zu deiner Chefin gehst und sagst: „SIE SIND EINE VERDAMMTE IDIOTIN. SIE SIND GEFEUERT!“ passiert deiner Chefin nichts, weil du nicht in der Position bist, so etwas mit ihr zu machen. Wenn sie sagt „NEIN, DU BIST GEFEUERT“, bist du draußen und arbeitslos. Ihr habt beide dasselbe gesagt, aber die Auswirkungen sind völlig andere wegen der unterschiedlichen Machtpositionen.

(How The Grinch Stole Cismas, übersetzt von mir)

Heißt: Diskriminierung ist mehr als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Diskriminierung braucht ein asymmetrisches Machtverhältnis.

Unterdrückung wirkt von oben nach unten. Das heißt, in einem asymmetrischen Machtverhältnis kann man nicht nach oben diskriminieren.

Wenn die Machtkomponente fehlt, bleiben ’nur‘ die Vorurteile und der Effekt bleibt auf der persönlichen Ebene. Diskriminierung ist etwas, das auf gesellschaftlicher Ebene wirkt, also sehr viel weiter geht. Vorurteile gegen andere Personen(gruppen) können natürlich auch verletzen, aber bei Diskriminierung kommt zu dieser Verletzung auf der persönlichen Ebene eben noch der größere (auch: strukturelle) Effekt – der auf gesellschaflicher Ebene – hinzu. Und dieser Effekt heißt Unterdrückung.

Nun steht oben aber nicht nur „Macht“, sondern „ein Backup aus Macht“. Was heißt das? Im oben genannten Beispiel schien es, als besitze und gebrauche eine Person diese Macht. Bei Diskriminierung im hier verwendeten Sinne steckt die Macht schon im System.

Der einzelne weiße deutsche Bürger, der etwa mit rassistischen Sprüchen über seine Mitmenschen herzieht, braucht selber keine erkennbare Macht zu haben. Die Macht tritt u.a. dadurch in Erscheinung, dass er als Angehöriger (s)einer Gruppe einsortiert wird. Weil er ein weißer Deutscher ist, wird er als autochtone Bevölkerung, d.h. als einer „von hier“ wahrgenommen, während sein schwarzer Nachbar ständig beantworten muss, wo er herkommt. Die Macht ist ein Teil der Verhältnisse bzw. der Beziehungen der Menschen, und vor allem: Die macht ist produktiv. Sie bringt diese Gruppen – und „Wissen“ über sie – überhaupt erst hervor. (Foucault)

Wenn die Cops am Bahnhof Leute rausfischen, von denen sie glauben, dass sie Drogen dabei haben, wird der Nachbar immer als erster rausgezogen. Da bekommt er dann institutionalisierte Macht ganz ohne Umweg zu spüren. Anders als wenn weiße Deutsche ihn mit Stammtischparolen belästigen. Das ist „nur“ eine Aggression von vielen, die jeden Tag beabsichtigt oder unbeabsichtigt dafür sorgen, dass er bloß nicht auf die Idee kommt, er wäre „einer von uns“.

Binarismen

Um zu verstehen, wie diese Gruppen zustande kommen, die Unterdrückende und die Unterdrückte, müssen wir ein bisschen ausholen.

Begriffe erhalten Bedeutung über ihren Gegensatz und die Bedeutung der Begriffe hängt an der Spur des anderen, die ihrer Definition innewohnt. Aufgefallen ist das dem Linguisten Ferdinand de Saussure. Der kam als erster darauf, dass Zeichen ihre Bedeutung nicht einfach aus der Referenz auf reale Dinge erhalten, sondern aus ihrer Differenz zu anderen Zeichen.

Westliches Denken hängt stark an binären Oppositionen (Derrida 1986). Diese Gegensätze haben eine unterwerfende Struktur, d.h. sie sind immer hierarchisch: Ein Begriff ist hoch bewertet, der andere bleibt dahinter zurück. Der eine wird privilegiert auf Kosten des anderen. Ein Begriff im Gegensatzpaar ist immer dominant über den anderen: Mann über Frau, Weiß über Schwarz.

Binarismen sind die extremste Ausprägung dieser Differenz und weit verbreitet bei der kulturellen Produktion von Wirklichkeit. Binäre Oppositionen haben einen Herrschaftseffekt, (und) sie müssen ausschließen, um eine klare Abgrenzung zu errichten: Was mehrdeutig oder zwischen den opponierenden Kategorien ist, wird unsichtbar (gemacht).

Postrukturalistische und feministische Theorien wurden genutzt, die praktischen Auswirkungen solcher Binarismen zu erforschen. Dabei wurde aufgezeigt, wie anhand dieser Binarismen Dominanz [re]produziert wird und Hierarchien bis hin zu Dominanzverhältnissen etabliert werden.

Im kolonialen Diskurs zum Beispiel werden diese gewaltvollen Hierarchien mit der Zuweisung bestimmter Eigenschaften an Kolonisatoren und Kolonisierte ständig wiederholt: Kolonisator/Kolonisierte lässt sich auch ausdrücken als weiß/schwarz, Zivilisierte/Primitive, Wilde (engl. savage), menschlich/barbarisch… Die weißen „Retter“ sind Ärzte, Lehrer, Helfer. Und genauso wird in weißen deutschen Schulbüchern vermeintlich objektives Wissen vermittelt: Indem man den Kontinent Afrika bis heute auf den kolonialen Blick reduziert.

Auch zu binärer Logik und den (Un-) Möglichkeiten ihrer Überwindung gäbe es noch deutlich mehr zu sagen. Für unsere Zwecke hier soll aber reichen, zu zeigen, dass der beliebte Einwand, ein Unterdrückungsverhältnis könne in beide Richtungen unterdrückend wirken, falsch ist. Soll heißen: Auf ein und derselben Unterdrückungsachse ist immer nur eine Seite unterdrückt. „Umgekehrter Rassismus“, „umgekehrter Sexismus“ und überhaupt umgekehrte Unterdrückung existieren nicht. Was hiermit oft bezeichnet wird, sind „Kollateralschäden“ der Unterdrückung für die privilegierte Gruppe. (Siehe hierzu z.B. When men speak of „misandry“ von @jaythenerdkid, oder Was ist Sexismus? Wie Sexismus Männer betrifft.)

Rassismus ohne Rassisten

Diskriminierende *ismen haben also eine Absicherung durch Macht. Diskriminierung wirkt sich auf gesellschaftlicher Ebene aus, also nicht nur interpersonell, in Form von persönlichen Verletzungen durch Vorurteile und Stereotypen. Diskriminierung strukturiert Gesellschaft.

Diskriminierung stellen sich die meisten als bewusste oder beabsichtigte Handlungen vor, weswegen dann, wenn etwas als diskriminierend kritisiert wird, meistens erstmal Abwehrmechanismen hochgefahren werden, weil der_die Betreffende nicht als schlechter Mensch dastehen will.

Arnold Farr hat den Begriff der „racialized consciousness“ in den Diskurs eingebracht, also in etwa „rassisiertes Bewusstsein“, weil das Wort „Rassismus“ eine bewusste und beabsichtigte Abwertung nahelegt, während Rassismus aber auch von weißen Antirassisten unbeabsichtigt perpetuiert (= bewirken, dass etwas sich festsetzt, fortsetzt) wird. Racialized Consciousness ist eine Form von Habitus gewordener Ignoranz. Ein Beispiel:

On a couple of occasions a white friend would say to me „you’re the smartest black that I know“. Black academics are accustomed to hearing from whites „you are so articulate“. Arnold Farr: Racialized Consciousness, Symbolic Representionalism, and the Prophetic/Critical Voice of the Black Intellectual

Das würde man jetzt nicht einfach mal so Rassismus nennen, ist ja ein Kompliment. Rassismus ist es aber dennoch.

Was passiert da? Der weiße Freund hat bestimmte Vorstellungen über weiße und schwarze Menschen, die haben sich als was „normal“ ist und was nicht in sein Bewusstsein eingeschrieben. Weil der Angesprochene mit diesen Vorstellungen nicht übereinstimmt, dem Stereotyp nicht entspricht, zieht er ihn als Ausnahme aus der Kategorie „Race“, erhält damit aber das Stereotyp, dass schwarze Menschen nicht so klug und artikuliert sind, aufrecht. Das ist Rassismus, wenn auch vordergründig „nett“ verpackt.

Diskriminierung macht also einen Binarsismus auf. Der eine Wert ist das Maß, der andere dagegen defizitär. Wenn der Binarismus offensichtlich nicht stimmt, wie im Beispiel gerade, wird er mittels Tricks trotzdem aufrecht erhalten.

Für Gehende sind Treppen, um einen Höhenunterschied zu überwinden, selbstverständlich. Rollstuhlrampen dagegen sind Spezialinteresse. Gehende nehmen sich nicht als Gehende wahr sondern als „normal“. Das ist jetzt ein bisschen kontraintuitiv, weil die meisten Menschen nun mal gehen können. Aber uns geht es hier um die soziale Ebene. Warum man das also als „normal“ voraussetzt, wenn es eben nicht alle können. Gleiches gilt für Barrierefreiheit allgemein: Es wird nicht nach den Bedürfnissen aller geschaut, sondern die Bedürfnisse der „Normalen“ sind entscheidend und der „Rest“ wird dann vielleicht noch inkludiert. Und weil das nicht als selbstverständlich gilt, wird Inklusion auch noch als Engagement für Benachteiligte gefeiert.

Es gäbe auch hier wieder noch sehr viel mehr zu sagen. Uns soll hier aber zunächst reichen, herauszustellen, dass die Ansicht, was „normal“ ist und was nicht, was universale und was Partikularinteressen sind, zeigt, dass es keine universale Wahrheit gibt. Außer für Gruppen, die die Macht haben, sich selbst als universal zu setzen.

Wer bestimmt, was diskriminierend ist?

Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!—
Justine Sacco (@JustineSacco) December 20, 2013

Der letzte Beitrag endete damit, wie Justine Sacco für einen rassistischen Witz über AIDS ihren Job verlor. Oder, so die herrschende Ansicht unter weißen Leuten: Einen Witz machte, der nicht ganz in Ordnung war, worüber sich Twitter so sehr „empörte“, dass sie ihren Job verlor. Justine Sacco schickte ihren rassistischen Tweet ab, stieg in ein Flugzeug nach irgendwo in Afrika und konnte erstmal nicht ins Netz. Und so wartete halb Twitter gespannt und über Stunden auf Saccos Landung, das ihr bevorstehende Aha-Erlebnis, und die Löschung ihres Tweets [1, 2, 3].

Vertreter der unter Weißen verbreiteten Ansicht war im letzten Beitrag stellvertretend für viele Patrick Breitenbach vom Soziopod, der eine völlig andere Geschichte zu Saccos Jobverlust zu erzählen hatte, als ich in meinem Twitterfeed mitbekommen hatte: Breitenbach erklärte in mehreren Medien den Hashtag #HasJustineLandedYet zu psychischer Gewalt und blendete den rassistischen Witz als Anlass für den Hashtag fast vollständig aus.

Auch im englischsprachigen Raum war #HasJustineLandedYet ein weiterer Fall, in dem weißen Leuten mit hoher Reichweite die Expertise zugesprochen wurde, sich über die Kritik von Rassismusbetroffenen und solidarischen Aktivist_innen (negativ) zu äußern. Ebenfalls mit dem Ergebnis, dass Rassismus hier „nicht der Punkt“ war. Vielmehr hatten dann Schwarze Leute weiße Leute „gemobbt“, weiße Gefühle wurden verletzt, die sind wichtiger als Unterdrückung. Es wurde Sympathie für Justine Sacco gezeigt und gefordert (The Nation: Sympathy for Justine Sacco). Dass sie annähernd einen ganzen Kontinent „beleidigt“ hatte: Kann ja mal passieren.

Wer bestimmt also, was diskriminierend ist? Tendenziell die mit der Macht.

Große Narrative

Politischer Konsens ist immer der Konsens der Herrschenden. Das Master Narrativ subordiniert (ordnet unter) und marginalisiert (drängt an den Rand, macht zu etwas Nebensächlichem).

Subjekt der Aufklärung waren weiße europäische Männer. Wer nicht mitgemeint war, war dann eben nicht – oder weniger – menschlich. Geschichte wird gemacht. Und die Geschichte, nach der die Kolonisierten und Versklavten untermenschlich waren, wurde von Weißen geschrieben.

Wenn die Entschiedenheit, mit der heute von einigen Judith Butlers Gesamtwerk verworfen wird, weil sie eine schlimme Meinung zu Israel hat, genauso auf die großen Denker der Aufklärung Anwendung finden würde, auf Voltaire, Kant, Hegel, …, die sich selbst für das Maß aller Menschen gehalten haben und das auch waren, und andere an ihren Vorstellungen gemessen haben, gehörte die komplette Aufklärung verworfen wegen falscher Universalismen, Rassismus, Klassismus und Sexismus. Rassismus hatte wissenschaftliche Grundlagen, über jeden Zweifel erhaben und scheinbar objektiv. Rassismus gibt es bis heute, obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse, mit denen Weiße rationalisiert hatten, warum man andere nicht wie Menschen behandeln muss, lange widerlegt sind.

Weiße europäische Frauen galten mal wissenschaftlich erwiesen als zu dumm für Wahlrecht. Jede einzelne, auf die das Stereotyp nicht passte, die offensichtlich gar nicht so dumm war wie „die Frauen“, wurde zur Ausnahme gemacht. Und bis heute haben Frauen Sexismus internalisiert, sehen und geben sich als lockerer und nicht so zickig wie die anderen, sehen Sexismus nicht so eng wie der für patriarchal Bargain unter den Bus geschubste Rest, von dem sie sich abgrenzen. Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht. Oder negiert sie für ein paar Vergünstigungen. Wer das große Ganze nicht in Frage stellt, kann auch als Frau einiges erreichen. Das Patriachat dankt für die Unterstützung.

In der offiziellen Version der deutschen Kolonialgeschichte gibt es bis heute keinen Völkermord an den Herero und Nama. Über die Kontinuität von Herero-Aufstand und Holocaust steht nichts in der deutschen Wikipedia [ 1 ], [ 2 ].

Die Weißen, die den Siedler-Kolonialismus in den USA fortführen, haben bis heute eine andere Version der Geschichte als die Native Americans und First Nations, die sie fast ausgelöscht hätten, deren Kinder sie weggenommen und in Boarding Schools geschickt, deren Land sie sich angeeignet, die sie in Reservate gesteckt, ausbeutet und unterdrückt haben und weiterhin unterdrücken, und Elemente derer Kulturen sie sich für Mode und Lifestyle aneignen oder zum Witz karikieren, und erwarten, dass sich die Menschen geehrt fühlen. Dass kulturelle Aneignung eine weitere Instanz von Unterdrückung und Abwertung ist, ist für viele nicht Betroffene schwer nachvollziehbar.

Die Subalterne kann für sich selber sprechen, wenn man sie lässt. Die Subalterne wird gemacht, auch von weißen Antirassisten, die zum Beispiel meinen, beurteilen zu können, ob Kopftuch-Tragen Unterdrückung ist. Die sich nicht hinsetzen und zuhören wollen. Und die das auch nicht müssen aus ihrer machtvollen Position heraus.

Da ist noch immer ganz viel White Man’s Burden in sich für progressiv haltenden weißen Europäern. Und ganz wenig Einsicht, was an „weißer Mann rettet braune Frau“ der Fehler ist (Hierfür Spivak lesen: Can the Subaltern Speak [PDF]).

Poststrukturalismus zeichnet sich aus durch Skepsis gegenüber den großen Narrativen und eignet sich damit besonders gut, Unterdrückungsverhältnisse zu untersuchen. Scheinbar unverrückbare Wahrheiten und der oft bemühte „common sense“ werden nicht einfach hingenommen, sondern genauer analysiert, und die dahinter verborgenen Interessen aufgedeckt.

Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist hergestellt, also nie frei von den sozialen Bedingungen ihres Zustandekommens. Dass viele Leute zu derselben Wahrheit kommen, sagt noch nichts über die Übereinstimmung ihrer Wahrheit mit der Realität. Wahrheit und Realität sind zwei gänzlich verschiedene Dinge. Die Frage, die wir hier stellen wollen, ist also nicht, warum eine Ideologie falsch ist, sondern warum es sinnvoll ist, den herrschenden Konsens zu hinterfragen.

Hier geht es um mehr als den Widerstreit von Ideologien. Es geht darum, aufzuzeigen, dass es Ideologiefreiheit nicht gibt.

Als ideologisch wird meist erst wahrgenommen, was dem eigenen Weltbild zuwider läuft, welches aber selber bereits ideologisch ist. So sehen wir z.B. in Nordkorea, dass Faktentreue bei der Wissensvermittlung nicht oberste Priorität hat. Genauso einfach erkennbar war das im kalten Krieg.

Das Bildungssystem ist nach Althusser der größte ideologische Staatsapparat (ISA). Bildung ist nie ideologiefrei. In staatlichen Schulen wird Kindern nicht objektiv und wertfrei Wissen vermittelt, sondern in Übereinstimmung mit den Normen und Werten der jeweiligen Gesellschaft.

So erfolgt zum Beispiel Sexualerziehung immer im Kontext des herrschenden Wertekonsens. Und bei dem steht in Deutschland immer noch (Ehe und) Familie an vorderster Stelle und damit Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit. Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Fortpflanzung werden zirkulär aufeinander bezogen unzulässig gleichgesetzt. Wie vergeschlechtlichte Körper (sex) in Diskursen zur Geschlechtsidentität (gender) hergestellt – materialisiert – werden, kommt nicht vor. Der Geschlechtskörper wird über Biologismen erschlossen. Unmarkiertheit gilt als „natürlich“ und die Norm und wird als solche nicht benannt. Was nicht in die binäre Logik passt, wird zur abweichenden, markierten Position, „unnormal“ statt Differenz. Wir stärken also die Heteronorm über Sexualaufklärung in den Schulen.

Und wo die Bildungspläne sich so langsam den doch etwas komplizierteren Realitäten annähern, mit ihren mehr als zwei Geschlechtern, mehr als einer möglichen Kombination, Sex zu haben, mit Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen, fallen Konservativen plötzlich Weltbilder als ideologisch auf („Genderideologie“), sind Wissenschaft und Politik deren Ansicht nach fehlgeleitet, falsch informiert oder von einer Homosexlobby unterwandert (siehe #idpet).

Ideologie wird aber häufig viel subtiler vermittelt. Die meisten kennen den Ausspruch, dass Demokratie zwar nicht perfekt ist, aber die beste Herrschaftsform, die wir kennen. Daran ist einiges fragwürdig, das aber nur wenige hinterfragen. Genauso läuft das mit dem Kapitalismus: Es gibt halt keine Alternative. Aber das Wort ist so verräterisch, also sagen wir lieber „Marktwirtschaft“.

Ideologiefreiheit ist eine Illusion und Wahrheit relativ.

Deconstruct Wahrheit

Das zentrale Argument für Dekonstruktion stützt sich auf Relativismus, d.h. die Ansicht, dass Wahrheit immer in Bezug zu unterschiedlichen Standpunkten und Rahmenbedingungen des urteilenden Subjekts steht. Oder anders ausgedrückt: Zu den unausgesprochenen Vorbedingungen und Möglichkeiten denkbarer/meinbarer Ansichten. (Da sehen wir auch schon, was Relativismus nicht heißt: Das so oft bemühte „anything goes“.)

Poststrukturalismus geht davon aus, dass der Gegensatz zwischen subjektiv und objektiv nicht gilt, weil das Subjekt außerhalb seiner selbst produziert wird. Das Subjekt ist nicht der absolute Ursprung seiner Ansichten. Die Ansichten sind erlernt, auch neue Ansichten, die aus der Kombination mehrer erlernter Ansichten bestehen. Auch rein objektives Wissen gibt es nicht. Wissen gehört notwendig zu einer Person. Anders als ein Fakt, der einfach so existieren kann, auch ohne dass ihn jemand wahrnimmt, kann Wissen über einen Fakt nicht existieren, ohne jemand Wissendes. Beliebtes Beispiel: Das Universum existiert, auch ohne dass jemand um seine Existenz weiß.

Subjektivität konstituiert sich außerhalb des Subjekts. Das Subjekt dringt immer ein in die Objektivität der Dinge, die es weiß. Wahrheit ist also immer subjektiv und universale Wahrheit damit unmöglich.

Relativismus ist die zwingende Folge. Es gibt nicht eine Wahrheit.

Identitätskritik innerhalb der Linken

Die Trennung von materiellem und kulturellem Leben ist, wie beispielsweise Judith Butler in „Merely Cultural“ aufzeigte, ein theoretischer Anachronismus, dem marxistische Theorie seit Louis Althusser fehlt und der verschiedene Formen des kulturellen Materialismus (Raymond Williams, Stuart Hall, Gayatri Chakravorty Spivak) nicht berücksichtigt. Damit lebe, so Butler, eine linke Orthodoxie wieder auf, die die Linke in genau der Weise spaltet, die man vorgibt, zu beklagen. Damit wird so getan, als seien etwa die Heteronorm, Heterosexismus und Homophobie nicht institutionalisiert mit „echten“ materiellen Auswirkungen.

Wer Spaltung in der Linken sieht, wo nie die Interessen aller berücksichtigt waren, geht von einem falschen Universalismus aus. Einem Universalismus, der zu „nur Identitätspolitik“ degradierte andere (als die eigenen) Interessen nach- und unterordnet. Die sozialen Bewegungen, deren Interessen als Identitätspolitiken oder Partikularinteressen abgetan werden, haben sich aus der Opposition zur hegemonialen Linken entwickelt. Es gab nie ein „Wir“, das den Fokus auf gemeinsame Interessen verloren hätte. Es gibt Interessen, die nicht die Interessen aller sind. Und denjenigen, deren Interessen das nicht sind, sind diese Interessen egal.

Das „Wir“ ist der eingebildete Universalismus der privilegierteren Linken, die von sich auf andere schließen, von ihren Interessen darauf schließen, was gut für alle sein soll. Dieses „Wir“ könnte also nur ein „Wir“ sein, wenn die innerhalb der Linken Unterdrückten sich auf Kosten ihrer eigenen Interessen vom linken Mainstream domestizieren ließen und statt ihrer eigenen deren Interessen fokussieren würden.

Wer durch die Hintertür die anachronistische Vorstellung von der zu den „echten“ ökonomischen Problemen („Hauptwiderspruch“) sekundären Unterdrückung durch Rassismus, Sexismus u.a. („Nebenwiderspruch“) wieder einzuführen versucht, tut dies auf Kosten einer möglichen Einheit in Differenz.

Und das passiert aus unmarkierten Positionen heraus, d.h. Menschen, die privilegiert sind, fühlen sich berufen, in Kämpfen, die nicht ihre eigenen sind, den Ton anzugeben, und mit der alten Vorstellung der „objektiven Interessen“ und der Idee von sich selbst als revolutionärer Elite für die Benachteiligten (und über deren Köpfe hinweg) die Befreiung zu planen. Und diese „Elite“ kann sich anders als die Betroffenen jederzeit politisch neu ausrichten, weil es nicht ihre Kämpfe sind. Und das tut sie auch.

Identitätskritik ist notwendig. Reflexion über die eigene Situiertheit ist notwendig. Beides muss nicht zwingend zu Positionierungsritualen führen. Ein Outingzwang ist entschieden abzulehnen. Genauso entschieden sollte man sich aber dagegen wehren, wenn Identitätskritik (oder Kritik an Identitätspolitik) für falsche Universalismen vereinnahmt wird.

Unwissen vs. Derailing

Linke Zusammenhänge, die keinen antidiskriminatorischen Anspruch an sich selber haben, die weiß und männlich dominiert sind, die sich keine antisexistische/antirassistische/… Policy geben, machen den Fehler des falschen Universalismus. Jeder Aktivismus, der nicht intersektional ist, macht diesen Fehler. Feminismus, der von „Frauen“ redet, aber nur weiße Cis-Frauen meint, macht diesen Fehler. Feminsmus, der weiße Dominanz gegenüber Schwarzen Frauen und Women of Color reproduziert und weiße Erfahrungen zentriert, und trans Frauen und Sexarbeiterinnen ausschließt, macht diesen Fehler.

Ein Beispiel: Wenn man Amanda Palmer glaubt, lernte man aus „12 Years A Slave“, dass weiße in sozialen Kämpfen, die nicht ihre sind, Mitspracherecht haben sollten [ 1 ]. Amanda Palmer sieht „SEETHING internet race hatred – both directions“, wo weiße Leute für Rassismus zur Rede gestellt werden [ 2 ], nennt Menschen, die sie auf Argumentationsfehler aufmerksam machen, „Yeller“ und „Hater“ und retweetet Kritik an ihre Fans, damit die dabei mithelfen [ 3 ]. Amanda Palmer ist eine gut situierte weiße Feministin, für die Behinderten- und Vergewaltigungswitze okay sind. Gefeiert wird sie für einen bahnbrechenden Feminismus, der darin besteht, dass frau, obwohl nicht 100% normschön, ein enormes Ego vor sich herträgt. Wenn Amanda Palmer Geschichtsbücher füllen dürfte, wäre sie die Heldin, und schwarze Aktivistinnen Bullies, weil sie weiße Leute wie sie rassenhassen. Und Amanda Palmer bewirbt sich immer wieder aufs Neue um den Worst Person In Feminism Award, sei es durch Weiße und Männer gegen Diskriminierte in Schutz nehmen oder Woody Allen verteidigen. Aber es wäre albern, davon auszugehen, dass Amanda Palmer eine Ausnahme ist.

White Feminism ist ein Feminismus, der Frauen sagt, aber weiße Frauen meint. Der die weiße Perspektive nicht als weiß wahrnimmt, sondern als universal setzt. Oder kurz: Neokolonialistischer / hetero- / cis-normativer / ableistischer / klassistischer Feminismus [4]).

Wenn man White Feminism glaubt, ist es schlimmer, für Rassismus kritisiert zu werden, als sich rassistisch zu äußern. Da werden die persönlichen Gefühle Weißer höher bewertet als das Interesse von Schwarzen Menschen und anderen People of Color, nicht rassistisch unterdrückt zu werden. Und das sagt ja eigentlich alles. Wenn man weißen Feministinnen, die die großen Media-Outlets vollschreiben dürfen, Glauben schenkt, ist Kritik daran „toxisch“ und sind Kritiker*innen „Bullies“ [5]. Dass sie erst treten und dann heulen wenn jemand „aua“ sagt, lassen sie weg. Stattdessen fordern sie mehr Empathie und Solidarität ein.

Unterdrückung ist Gewalt. Das scheint vielen selbst in linken Zusammenhängen nicht klar zu sein.

Ein ähnliches Muster zeigen hegemoniale Männlichkeiten performende Männer in linken Zusammenhängen in Bezug auf (nicht nur) Sexismus. Sie etablieren Hierarchien, verdrängen Frauen, und das alles geschützt durch Menschen, die zwar abstrakt gegen Sexismus sind, deren Feminismus sich dann aber darauf beschränkt, aus dem Busch zu springen, wenn es gilt, Dinge nicht so eng zu sehen. Token-Feministinnen heißen die im US-Diskurs.

Und wir ahnten es: Das alles ist Derailing. Ablenkung von der eigentlichen Kritik auf einen anderen Schauplatz. Amanda Palmer hat Hater, die sind ganz schlimm, weil sie eine berühmte Person ist und Feministin. Warum die Leute „haten“ wird verdrängt. Hierzulande gehen ganzen Parteien davon aus, dass wenn sie kritisiert werden, sie einen Nerv getroffen hätten. Viele derailen Kritik, indem sie eine Feministin, einen Ethnic Friend, oder sonst jemanden aus einer betroffenen Gruppe kennen, die das aber anders sehen.

White Feminism betreibt Tone Policing bei den Kritiker*innen, statt sich mit seinem eigenen Rassismus zu beschäftigen. Macker und Sexisten betreiben Fingerpointing in alle möglichen Richtungen, als ob sich, wenn sie es schaffen würden, andere zu diskreditieren, ihre Fehler automatisch in Luft auflösen. Dreist? Klar, aber für die privilegierten Positionen gibt es immer eine Menge mehr Rückhalt als für diejenigen, die sich da gerade versuchen, aus der Unterdrückung zu emanzipieren. Und das – nun sind wir endlich beim Punkt dieses Textes – muss aufhören. Weil das nicht emanzipatorisch ist sondern Bullshit.

„Kritisieren durch Theorie ist eine gute Grundlage. Aber das bedeutet NICHTS, bis man nicht für andere aufsteht und die Theorie mit Leben erfüllt“ (@thetrudz, Gradient Lair: How EVERYONE Works Together To Silence Women of Colour’s Critiques of Mainstream Feminism).

Feminismus, der weiße Interessen zentriert, verdanken wir Slutwalks und One Billion Rising und – das hierzulande wahrscheinlich prominenteste Beispiel – Femen mit in die Facepalmgeschichte eingehenden Parolen wie „Muslim Women let’s get naked“, die ihre neokolonialen Retterinnenfantasien Frauen aufdrücken wollen, die das weder wollen noch darum gebeten haben [1], [2], [3], [4], [5].

Feministinnen, die sich in einer gemeinsamen Bewegung mit schwarzen Frauen und anderen Women of Color sehen – und nicht als deren Befreierinnen – werden schwerlich begründen können, warum allein ihre eigene Vorstellung von Freiheit die richtige ist. Oder, wie im Fall von Femen, warum das Kopftuch nicht zu den Optionen gehört, für die eine Frau sich entscheiden darf. Seid frei. Tut, was ihr wollt. Nur du dahinten mit dem Kopftuch nicht. Beim Kopftuch hört der Spaß auf.

Dieser Feminismus funktioniert eben nicht für alle.

Wie sehen Politiken ohne/nach Universalismus aus?

Klar ist, dass man nicht einen Universalismus durch einen anderen ersetzen kann. Es gibt nicht die eine richtige Antwort. Und es gibt keine endgültigen Antworten. Dennoch lassen sich – ohne Ewigkeitsgarantie – einige Standards festlegen.

Solidarität darf nicht vom guten Willen gegenüber denjenigen, die sie benötigen, abhängen. Unterstützung aus Freundschaften oder anderen sozialen Netzen heraus ist soweit nicht politisch wie man sie bei gleicher (!) Problemstellung fremden oder weniger gemochten Menschen verweigern würde: Solidarität bedeutet natürlich nicht – und kann auch nicht mit der Forderung verbunden sein – immer Handlungsoptionen zum Eingreifen zu haben, aber unabhängig von den Handlungsoptionen ist man entweder gegen Unterdrückung oder man ist es nicht, unabhängig davon, wer gerade betroffen ist. Politische Solidarisierungen müssen entlang von Positionen, nicht Personen, verlaufen.

Sexismus und übergriffiges Verhalten werden nicht „ausnahmsweise“ okay, weil man die Betroffenen nicht leiden kann oder weil der Täter ein Freund ist. Sexismus gegen Nazis ist immer noch Sexismus. Witze über Schlaganfallfolgen sind auch dann noch ableistisch, wenn der Betroffene Thilo Sarrazin ist. Und ein kolonialer Blick auf Schwarze Menschen und andere People of Color ist auch dann noch rassistisch, wenn die Intention eine andere ist.

Menschen mit denen uns gemeinsames verbindet, sind unsere Freunde, sozialen Umfelder. Dafür suchen wir uns homogene oder zumindest ertragbar heterogene Gruppen. Politik kann auf dieser Grundlage aber nicht funktionieren. Wir können nicht nur mit Unterstützung gleichgesinnter Bubbles politisch aktiv sein. Oftmals platzen unsere Bubbles wegen Politik.

Angela Davis hat eine Vorstellung von Solidarität beschrieben, die über Differenzen stark ist statt über Gemeinsamkeiten. Mit der wir über eine Vielzahl von Differenzen hinweg dennoch in der Lage sind, uns über gemeinsame Vorstellungen zu Koalitionen zusammenzuschließen [1] [2]. Für solche Allianzen müssen wir Machtstrukturen mitdenken. Weiße müssen einsehen, dass weiße Perspektiven nicht universalisierbar sind. Dafür müssen „wir“ (soweit wir weiß sind) erstmal anerkennen, dass weiße Perspektiven weiß sind. Und das heißt, sich jeden Tag wieder kritisch selbst zu hinterfragen, wo man universalisiert und eigene Vorstellungen anderen aufdrückt. Und das heißt, Kritik auch anzunehmen, wenn sie von außen kommt. Nicht-Betroffene bestimmen nicht, wie Aktivismus in sozialen Kämpfen auszusehen hat, die nicht ihre eigenen sind.

Diane Elam hat mit „Groundless Solidarity“ eine ähnliche Vorstellung von Solidarität: Groundless – also ohne Grund, bodenlos – ist ihre Solidarität insoweit, als man zwar ein gemeinsames Anliegen hat, dieses sich aber auf Unbestimmbares bezieht. Elam sieht Feminismus als Ethik, nicht als Aktivismus. Für sie gibt es kein im Voraus und für alle bestimmbares Richtig oder Falsch und kann es deswegen keine feststehenden Regeln geben. Die Suche nach der richtigen Entscheidung ist notwendigerweise endlos. Eine Festlegung würde immer wieder zu einem Mangel an Solidarität führen. Elam hat u.a. am Beispiel der Pro Choice Bewegung gezeigt, dass Bewegungen nicht nur über Gemeinsamkeiten stark sind, sondern vor allem auch über ihre Differenzen. Das gemeinsame Anliegen der Pro Choice Bewegung ist, dass die Option offen sein muss, die für sich richtige Wahl treffen zu können. Man trifft keine Wahl, man lässt eine. Und damit liegt die Stärke der Pro Choice Bewegung in der Differenz, in dem gemeinsamen Interesse, sich unterschiedlich entscheiden zu können.

Wir sollten gegen Diskriminierung aufstehen und solidarisch sein. Tun wir aber nicht.

LGBT-Jugendliche sind massiven Repressionen ausgesetzt, bringen sich um, weil sie es nicht ertragen, während irgendwelche Linken, die nicht merken, dass sie auch mal nicht gemeint sind, diskutieren, wie langweilig sie Coming-Outs finden. Weiße Aktivist*innen werden gegen Kritik in Schutz genommen, wenn sie auf Rassismus aufmerksam gemacht werden. Weil weiße Befindlichkeiten wichtiger sind als der Kampf gegen Rassismus. Dasselbe gilt für weiße/heterosexuelle/cis-Männer und Sexismus, Dominanzausübung und Übergriffigkeit.

Das alles ist Solidarität mit den Unterdrücker*n und sind Positionen, die einer emanzipatorischen Bewegung zuwider laufen. Man kann nicht die Unterdrücker mitnehmen auf Kosten der Unterdrückten. Es lohnt auch meines Erachtens nicht, zu versuchen, alle zu überzeugen. Viele von uns haben bereits die Erfahrung, dass der Bote immer das Arschloch ist und der Lerneffekt gleich Null. Wer lernen will, würde das von sich aus tun. Das Wissen ist offen verfügbar. Die Kritik ist bekannt. Was stattdessen passiert, sehen wir mit zunehmender Deutlichkeit sowohl im US-Diskurs als auch hier. Default des Unmarkierten ist eben „Solidarität“ mit der Gesamtscheiße. Das ist in einigen Fällen bitter, aber es ist halt manchmal so. Been there, done that – man reibt sich dabei nur sinnlos auf. Wir haben manchmal nicht dieselben Ziele. Auch nicht über unsere Differenzen hinweg.

Wahrscheinlich wird es immer „Wir“ und „Die“ geben. Das Politische kann das nicht überwinden. Wir können nicht mit jedem ein „Wir“ bilden. Aber mit vielen. Darum sollten wir sehen, wo wir über unsere Differenzen hinweg gemeinsame Ziele haben und Allianzen schließen. Und merken, dass gar nichts schlimm daran ist, wenn wir nicht immer ein Wir sind. Gerade das ist Politik: Ausgleich von Interessen, die niemals in vollkommene Einheit zusammenfallen. Wir wollen soziale Ungleichheit überwinden und nicht unsere Differenz.

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