Das Politische im Privaten

tl;dr …. von Consciousness Raising bis (Self) Care Revolution; mit Friedrich Engels, TERF-, SWERF-, Cisterhood-Content, Post-Privacy, Liebe, Dinge

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„The Personal is Political“ war einer der bekanntesten Slogans der zweiten Welle der Frauenbewegung. Oft Carol Hanisch zugeschrieben als Urheberin des gleichnamigen Essays, die 2006 in einem Vorwort dazu jedoch klarstellte, dass die Herausgeberinnen der „Notes from the Second Year“ den Titel für sie ausgewählt hatten. The Personal is Poltitical war damals schon ein bekannter Slogan gewesen, und die Urheberschaft nicht mehr festzustellen.

Gleiches gilt für das Konzept des politisierten Privaten.

C. Wright Mills befasste sich in seiner Soziologie mit dem Spannungsfeld öffentlich/privat. In The Sociological Imagination (1959) schrieb er z.B. über die Ehe, dass die Verheirateten zwar private Probleme haben mögen, die Scheidungsrate jedoch ein strukturelles Problem sei, das u.a. mit den Institutionen Ehe und Familie zu tun habe. Emma Goldmann erklärte bereits 1910 in The Traffic in Women, dass der Unterschied zwischen Ehe und Prostitution (heute Sexarbeit) ein gradueller sei: Sich verkaufen an einen Mann oder viele. Virginia Woolf machte sich 1929 in A Room of One’s Own Gedanken über die Voraussetzungen, die Frauen haben müssen, um Erzählliteratur schreiben zu können, und kam zu dem Schluss, dass sie ziemlich privilegiert sein mussten. Diogenes von Sinope soll schon im 3. Jahrhundert vor Christus im öffentlichen Raum Dinge getan haben, die seinen Zeitgenossen selbst ohne Konzept von Privatsphäre unangebracht erschienen.

Das Private ist politisch. Was bedeutet das? Woher kommt die Trennung zwischen Politischem und Privatem? Wem nützt sie und wie kommt man da gegebenenfalls wieder raus? Ein Erklärungsversuch.

Zur Geschichte…

Familienformen und Romantische Liebe

Friedrich Engels zeichnet in „Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen“ die Entwicklung der verschiedenen Familien- und Eheformen nach.

In der Blutverwandtschaftsfamilie bildeten die unterschiedlichen Generationen Ehegruppen, in denen alle miteinander verheiratet waren und es keine festen Partner*innen gab.

In der Gruppenfamilie waren nicht mehr alle miteinander verheiratet sondern jeweils der Mann einer Gens (Sippe) mit allen Frauen der anderen Gentes und umgekehrt. Die Kinder gehörten jeweils zur mütterlichen Seite. In der Gruppenfamilie kam man bereits verheiratet auf die Welt, mit der gesamter Gruppe des anderen Geschlechts.

Diese Gesellschaften waren nach Engels matriarchalisch aufgebaut.

In der Paarungsfamilie gab es erstmals eine für beide Seiten leicht lösbare Einzelehe. Für den Mann war diese Form der Familie poly-, für die Frau monogam. Der Mann musste seine Frauen versorgen können, ansonsten konnte die Frau ihn verstoßen.

Mit der Einführung von Viehzucht, Metallbearbeitung, Weberei und Feldbau ließ sich erstmals ein signifikanter Überschuss aus menschlicher Arbeitskraft erzielen. Dem Mann fiel nach damaliger Arbeitsteilung die Nahrungsbeschaffung zu, und damit das Eigentum an den dafür notwendigen Werkzeugen; bis dahin nur ein paar Waffen und vielleicht ein Boot, fortan auch die neue Nahrungsquelle Vieh und später Sklaven als neues Arbeitsmittel. Der Frau gehörte lediglich der Hausrat.

Da die Kinder des Mannes nicht seiner Gens sondern der der Frau angehörten, gingen sie im Erbfall leer aus. Mit der Vermehrung seiner Reichtümer hatte der Mann eine gestärkte Stellung und gleichzeitig ein höheres Interesse, die Abstammung nach Mutterrecht und die damit verbundene Erbfolge zugunsten seiner Nachkommen umzustoßen.

Wann und wie genau das passiert ist, weiß Engels nicht. Dass es passiert ist, ist mit zahlreichen gefundenen Spuren von Mutterrecht nachgewiesen.

„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmälig beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“ (Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an L. H. Morgan’s Forschungen.)

Mit der letzten von Engels beschriebenen Familienform, der monogamen Familie, wird das Matriarchat abgeschafft. Mit dem Anhäufen großer Reichtümer gelangten Männer in eine Vormachtstellung, die ihnen ermöglichte, die gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsform umzustürzen. Familie löste Stamm und Gentes ab. Die Frau wird vom Mann ökonomisch abhängig und ist zur Haushaltsführung im Privaten gezwungen. Hier wurden Eheschließungen dann erst recht abhängig von ökonomischen Erwägungen.

Die monogame Ehe war aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die Vererbung von Privateigentum im modernen Sinn zu regeln. Die Ehe, wie wir sie heute in Westeuropa kennen, entstand in ihren Grundzügen im 13. Jahrhundert und war stark von den Kirchen geprägt. Die Eheschließung war nur denjenigen Männern erlaubt, die in der Lage waren, eine Familie zu versorgen. Sexualität diente der Fortpflanzung. Die Partner*innenwahl wurde von den Eltern bestimmt. Liebe als Grund für eine Eheschließung gab es höchstens bei den unterdrückten Klassen, die, so Engels, nicht zählten.

Das änderte sich im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Bürgertums. Ehen wurden immer noch auch aus ökonomischen Gründen geschlossen. Monogamie seitens der Frau war noch immer notwendig, um die Erbfolge nur an eigene Nachkommen des Mannes sicherzustellen.

Aber ansonsten änderte sich einiges: Die Liebe hielt Einzug in die Ehe.

Es ist von heute aus gesehen schwer zu glauben, dass die romantische Zweierbeziehung erst 300 Jahre alt ist. Ihr kultureller Code ist so weit naturalisiert, dass sie als völlig natürliche Beziehungsform erscheint.

Was macht die Romantische Liebe aus?

  • Die Einheit von Liebe und Sex
  • Die Einheit von Liebe und Ehe
  • Die Einheit von Ehe und Elternschaft
  • Der Ewigkeitsanspruch an die Liebe: Ewige Treue
  • Der Individualitätsanspruch: Die romantische Liebe ist auf ein einzigartiges Individuum ausgerichtet. Man liebt eine ganz bestimmte Person. Dieser Individualitätsanspruch stellt die Treue sicher und macht Eifersucht überflüssig. Die geliebte Person ist einzigartig und damit konkurrenzlos.
  • Die Wertschätzung des Individuums: Die romantische Liebe ist die einzige Form von Liebe die Menschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennt.
  • Erst erwiderte Liebe ist richtige Liebe. Hier wird mit der früheren Hierarchie der Geschlechter gebrochen: Die Frau wird erstmals zu einem autonomen Gefühlssubjekt. Vorher war es egal, ob sie die Liebe erwidert. Jetzt sind ihre Gefühle wichtig. Und sie hat das Recht, Nein zu sagen.

Ein Menschenrecht war die Liebesehe, schreibt Friedrich Engels:

„Und auf dem Papier, in der moralischen Theorie wie in der poetischen Schilderung, stand nichts unerschütterlicher fest, als daß jede Ehe unsittlich, die nicht auf gegenseitiger Geschlechtsliebe und wirklich freier Uebereinkunft der Gatten beruht. Kurzum, die Liebesehe war proklamirt als Menschenrecht, und zwar nicht nur als droit de l’homme, sondern auch ausnahmsweise als droit de la femme.“

Mit der Industrialisierung verlagerte sich die Produktion von Haus und Hof weg in die Lohnarbeit. Während dafür wieder die Männer zuständig waren, erledigten die Frauen in finanzieller Abhängigkeit vom Mann die im privaten Bereich anfallenden Arbeiten.

Die bürgerliche Ehe markiert genau dieses Tauschverhältnis:

Der Mann ist für die materielle Versorgung, den öffentlichen Bereich und die Politik zuständig und damit letztlich für den Status der Familie, der Frau wird, begründet durch ihre Gebärfähigkeit, der private Bereich und die Verantwortung für die Reproduktionsarbeit zugewiesen – Kindererziehung, Haushalt und Wiederherstellung der Arbeitskraft des Mannes.

Der Erfolg der Romantischen Zweierbeziehung und ihre Entwicklung vom bürgerlichen Ideal zur Norm ist kein Zufall. Obwohl bürgerliche Gesellschaft und Kapitalismus nicht immer komplett zusammenfallen, wirken sie eng verzahnt zusammen: Die unbezahlte, meist weibliche, Reproduktionsarbeit in der Romantischen Zweierbeziehung passt nicht zufällig perfekt in die kapitalistische Verwertungslogik.

Damit die Beziehung hält, wurden von ihrem eigentlichen Anspruch alle möglichen Abstriche gemacht.

Statt ewiger Treue: Fremdgehen, offene Beziehung und Inanspruchnahme von Sexarbeit. Weil man eben doch nicht die eine oder nur dir eine Person liebt, oder die Person den Ansprüchen nicht genügt. Von ihrem emanzipativen Anspruch hat die romantische Zweierbeziehung von ihrem Ideal bis zur Praxis einiges eingebüßt. Ihren Zweck im kapitalistischen System erfüllt sie dennoch oder gerade deswegen.

Die völlige Freiheit der Eheschließung sah Engels zu seiner Zeit ironischerweise nur bei den beherrschten Klassen verwirklicht, während die herrschenden von ökonomischen Einflüssen beherrscht blieben. Und die vollkommene Freiheit der Eheschließung hielt er erst dann allgemein für möglich, wenn die durch kapitalistische Produktion geschaffenen Eigentumsverhältnisse überwunden seien und kein Motiv mehr bliebe als gegenseitige Zuneigung. Männer würden dann nach Engels‘ Vorstellung eher monogam als Frauen poly(andrisch), wenn Frauen sich nicht mehr aus Angst um ihre Existenz und die Zukunft ihrer Kinder Untreue gefallen lassen müssten.

Das klingt alles sehr nach Nebenwiderspruch: Wenn wir den Kapitalismus überwinden, erledigt sich der Rest ganz von selbst. Und tatsächlich hat Engels das ziemlich genau so geschrieben:

„Die Vorherrschaft des Mannes in der Ehe ist einfache Folge seiner ökonomischen Vorherrschaft und fällt mit dieser von selbst.“

Was aus dem Geschlechterverhältnis „nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion“ wird, wusste aber auch Engels nur negativ zu umschreiben: Wir wissen nur, was wegfällt. Was kommt danach?

„Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht herangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu erkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgend welchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mann hinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt daß sie thun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemessne öffentliche Meinung über die Praxis jedes Einzelnen selbst machen – Punktum.“

Wahrscheinlich wird es nicht ganz so einfach sein. Vermutlich wird es auch länger dauern, als Engels sich vorgestellt hat, Sexismus abzustellen. Weil Sexismus unser Wissen informiert und wir alle Sexismus internalisiert haben und diesen weitergeben ohne uns dessen bewusst zu sein.

Auch ist zu berücksichtigen, dass Engels im damaligen Verständnis von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit gedacht hat. Aber andersherum hat Engels natürlich Recht und wird männliche Vorherrschaft nicht zu beenden sein ohne ihr die Grundlage zu entziehen.

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Consciousness Raising und die zweite Welle der Frauenbewegung

Consciousness-Raising oder Awareness Raising, auf deutsch etwa Bewusstsein schaffen oder Bewusstseinsbildung, ist eine Praxis, die US-amerikanische Feministinnen der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1960er Jahren von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung übernommen haben.

Die New York Radical Women begannen 1967, sich in der Wohnung einer der Teilnehmerinnen zu treffen und Probleme zu diskutieren, die ihr persönliches Leben betrafen. Mit dabei waren am Anfang u.a. Shulamith Firestone (Autorin von „The Dialectic of Sex“), Anne Koedt (die den Essay „The Myth of the Vaginal Orgasm“ geschrieben hat), Carol Hanisch (Urheberin des Essays aber nicht der ihr oft zugeschriebenen Phrase „The Personal is Political“) und Kathie Sarachild (die dann das Programm für Consciousness-Raising schrieb).

Die erste öffentliche Aktion der New York Radical Women war eine Demonstration gegen unterdrückende Schönheitsnormen beim Miss America Contest 1968 bei dem sie „High Heels, Hüfthalter und andere Objekte der Frauenfolter“ (Zitat Kathie Sarachild) in einen Mülleimer warfen. Dieser „dramatische symbolische Gebrauch eines Mülleimers“ (Zitat Wikipedia) ging in die Geschichte ein als BH-Verbrennung, nach der fortan Feministinnen als BH-Verbrennerinnen galten. Gebrannt hat dort nichts. Ursprung dieser Legende war ein Artikel von Lindsay van Gelder in der New York Post, der die Überschrift „Bra Burners and Miss America“ (BH-Verbrennerinnen und Miss America) trug und die Aktion mit Protesten gegen den Vietnamkrieg verglich, bei denen junge Männer ihre Einberufungsbescheide verbrannt hatten.

Die Idee, eine Consciousness-Raising-Gruppe zu starten, ergab sich in den Anfängen der New York Radical Women bei einem ihrer Treffen. Man suchte eigentlich nur ein Thema für die nächste politische Aktion der Gruppe. Anne Forer erzählte dann, dass es in der „Old Left“, der alten Linken, die Redensart gab, die Arbeiter wüssten nicht um ihre Unterdrückung und man müsse ihr Bewusstsein erhöhen. Sie fragte die Mitglieder der Gruppe nach Beispielen von Unterdrückung aus ihrem eigenen Leben, weil sie ihr Bewusstsein erhöhen müsse. Kathie Sarachild, die auch bei dem Treffen dabei war, übernahm den Begriff Consciousness Raising dann von Anne Forer, und nannte die neue Praxis so.

Consciousness-Raising, das zunächst nur als eine Art Brainstroming für neue Themen gedacht war, entwickelte sich schnell zu etwas Größerem.

Die Idee des Consciousness Raising als feministische Praxis bestand darin, sich über persönliche Erfahrungen auszutauschen, diese Erfahrungen zu sammeln und so Unterdrückungen aufzudecken, die die Frauen gemeinsam hatten. Es ging um Bestandsaufnahme und Erkenntnisgewinn und ihr eigentliches Ziel war dabei radikale gesellschaftliche Veränderung. Radikal war der Ansatz auch, weil sich die Frauen bei ihren Gedanken um notwendige Veränderungen nicht auf unmittelbar Machbares beschränkten.

Kennzeichnend für die Gruppen war, dass Männer ausgeschlossen wurden, um frei von Einfluss und Dominanzausübung durch diese diskutieren zu können.

Was passierte in diesen Gruppen?

Die einzelnen Gruppen sollten nach den Vorstellungen ihrer „Erfinderinnen“ relativ klein bleiben mit bis zu einem Dutzend Frauen. Es solle abwechselnd gesprochen werden, jede Frau zu Wort kommen und keine die Runde dominieren. Abschließend tauschte man sich über das Gehörte aus. Man entschied sich bei den Treffen jeweils für ein Thema. Themen waren zum Beispiel Ehemänner, Kinderkriegen, die Nuclear Family (also die heterosexuelle Kleinfamilie), Familienwerte, Abtreibung, finanzielle Abhängigkeit oder häusliche Gewalt.

Die Frauen konnten sich über diese Gruppen mit vielen anderen vernetzen. Die Erfahrungen der Einzelnen wurden dort angehört und verifiziert und so kamen auch Erfahrungen zur Sprache, die Einzelne nicht für erwähnenswert gehalten hätten. Sich über die eigenen Erfahrungen und Gefühle aussprechen und diese in einen politischen Kontext zu setzen war eine radikale und damals neue Idee. Die Frauen entdeckten Gemeinsamkeiten und systematische Unterdrückung, wo sie vorher in ihrer Isolation sich selbst und eigene Unzulänglichkeiten für ihre Lage verantwortlich gesehen hatten. Das können wir heute nicht mehr so leicht nachvollziehen, weil sich für jedes noch so abseitige Problem im Internet spontan 12 Leute finden, die das auch kennen. Diese Frauen damals haben aber ihre gemeinsame Unterdrückung oft da erst bemerkt und sich zusammengeschlossen, um diese zu beenden.

„Bitch Sessions“

Von Sarachild, einer der Hauptakteurinnen der Consciousness-Raising-Bewegung, stammt auch die Phrase „Sisterhood is Powerful“. Und auch das war Teil der Bewegung: Schwesternschaft und die Bindung der Frauen untereinander, sich vernetzen über das gemeinsame Interesse, die eigene Unterdrückung zu beenden.

Sarachild schrieb „A Program for Radical Feminist Consciousness-Raising“, „Ein Programm für radikale feministische Bewusstseinschaffung“, das sie im November 1968 auf der First National Women’s Liberation Conference bei Chicago vortrug.

In einem weiteren Text, „Consciousness-Raising: A Radical Weapon“, „Consciousness-Raising: Eine radikale Waffe“, den sie auf der First National Conference of Stewardesses for Women’s Rights in New York im März 1973 vorstellte, erklärt sie Idee und Entwicklung des radikalen Konzepts.

Sie schreibt dort z.B., dass ein Thema die Attraktivität von Frauen war, dass Frauen sich verbiegen mussten, um von Männern attraktiv gefunden zu werden: Sich dumm stellen, immer nett und umgänglich sein, Kleidung, Schuhe, Diäten, alle möglichen Dinge mit ihrem Körper anstellen mussten, weil sie ohne das nicht als attraktiv wahrgenommen wurden. Und dass das alles Teil von Unterdrückung war.

Es wurde auch über Geschlechterunterschiede geredet, z.B. die weibliche Intelligenz. Da man herausgefunden hatte, dass sich dumm stellen eine verbreitete Praxis war, um von Männern gemocht zu werden, konnte man schließen, dass Frauen insgesamt viel intelligenter waren, als sie von den meisten wahrgenommen wurden.

Sarachild beschreibt in diesem Text dann auch die Gegenwehr und wie Consciousness Raising lächerlich gemacht wurde:

„Whole areas of women’s lives were declared off limits to discussion. The topics we were talking about in our groups were dismissed as „petty“ or „not political.“ Often these were the key areas in terms of how women are oppressed as a particular group — like housework, childcare and sex. Everybody from Republicans to Communists said that they agreed that equal pay for equal work was a valid issue and deserved support. But when women wanted to try to figure out why we weren’t /getting/ equal pay for equal work anywhere, and wanted to take a look in these areas, then what we were doing wasn’t politics, economic or even study at all, but „therapy,“ something that women had to work out for themselves individually.“

Übersetzung von mir:

„Ganze Bereiche des Lebens von Frauen wurden zum Tabu für Diskussionen erklärt. Die Themen, über die wir in unseren Gruppen sprachen, wurden als „belanglos“ und „unpolitisch“ verworfen. Oft waren dies Schlüsselbereiche in Bezug darauf, wie Frauen als Gruppe unterdrückt werden – wie Hausarbeit, Kindererziehung und Sex. Alle, von Republikanern bis zu Kommunisten, sagten, dass sie zustimmen, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit ein berechtigtes Anliegen wäre, und Unterstützung verdiene. Aber wenn Frauen versuchten, herauszufinden, warum wir nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit *bekommen*, und Einblick in diese Bereiche haben wollten, dann war, was wir taten, keine Politik, weder ökonomische noch überhaupt eine Untersuchung, sondern „Therapie“, etwas das Frauen für sich individuell ausarbeiten sollten.“

Sarachild erklärt weiter, dass, als sie anfingen, diese/ihre Probleme hinsichtlich männlichem Chauvinismus zu untersuchen, sie, obwohl sie schon zahlreiche politische Aktionen initiiert hatten, unpolitisch genannt wurden.

Sexismus war damals noch kein gängiger Begriff. Der Begriff und damit auch das Verständnis von geschlechtsspezifischer Unterdrückung analog zu Rassismus kam auch erst Mitte/Ende der 1960er Jahre auf.

Die Frauen wurden unpolitisch genannt, weil ihre politischen Probleme sich auf den persönlichen – oder privaten – Bereich bezogen, der ja traditionell unpolitisch zu sein hatte. Politik, die sich auf den privaten Bereich bezog, wurde als keine „richtige“ Politik abgetan und lächerlich gemacht.

Es ist natürlich damals wie heute zynisch, einen ganzen Lebensbereich für das Politische unzugänglich zu machen.

Als die Frauen anfingen zu problematisieren, dass Männer in ihrer Gesamtheit Profiteure der Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen waren, gab es darauf Reaktionen, wie sie auch heute noch verbreitet sind: Ihre Untersuchungen wurden als unwissenschaftlich diskreditiert, ihre Erkenntnisse Wahnvorstellungen genannt und so pathologisiert, sie selbst als Männerhasserinnen u.a. bezeichnet. Männer wären auch unterdrückt, hieß es da zum Beispiel zu deren Verteidigung. Und das obwohl sich die Frauen größte Mühe gaben, logisch und nachvollziehbar aufzuzeigen, dass Frauen in der Gesellschaft einen sekundären Status hinter Männern innehatten.

Ihre Treffen wurden Kaffeeklatsche genannt, „Hen Parties“ oder „Bitch Sessions“. Sie beantworteten das laut Sarachild, mit „Yes, bitch, sisters, bitch,“ und der Erklärung, dass der Kaffeeklatsch eine historische Widerstandspraxis gewesen sei.

Consciousness-Raising-Gruppen, die hierzulande später auch Selbsterfahrungsgruppen genannt wurden, begannen sich in den 1960er Jahren von New York und Chicago aus zunächst über die USA zu verbreiten und entwickelten sich zum wichtigsten Organisationswerkzeug der Frauenbewegung. Auf dem Höhepunkt der Bewegung in den 1970er Jahren sollen geschätzte 100.000 Frauen in den USA in feministischen CR-Gruppen organisiert gewesen sein.

The TERFs, the SWERFs and the Cisterhood

Nach alldem erscheint die zweite Welle der Frauenbewegung unproblematischer als sie war. Transfeindlichkeit, Pornografie- und Sexarbeiterinnenfeindlichkeit und viel Kritik an Dingen, die nicht schon für sich problematisch sind, sondern es erst im Unterdrückungsverhältnis werden, kennzeichnen ihren Nachlass.

Damals wurden Männer aus den Räumen der Radikalfeministinnen ausgeschlossen, damit man freier und offener diskutieren konnte. Bis heute gelten einigen damaligen Akteurinnen und heutigen Anhänger*innen Transfrauen als Männer.

Carol Hanisch, Kathy Scarbrough, Ti-Grace Atkinson und Kathie Sarachild waren 2013 Mitinitiatiorinnen eines von insgesamt 37 Radikalfeministinnen aus mehreren Ländern unterzeichneten Statements mit dem Titel „Forbidden Discourse: The Silencing of Feminist Criticism of ‚Gender‘ (deutsch: Verbotener Diskurs: Das zum schweigen Bringen feministischer Kritik an ‚Gender‘). In diesem Statement beklagten sie, dass radikalfeministische Konferenzen in Großbritannien, den USA und Kanada von ihren Veranstaltungsorten vertrieben würden, weil sie das Recht zusicherten, dass Frauen sich dort ohne „men, including M>F (male to female) transgendered people“ (Männer einschließlich männlich-zu-weiblichen Transmenschen), organisieren könnten.

Die Begründung ist abenteuerlich: Sie gestanden zwar zu, dass männliche Vorherrschaft, allen nicht-konformen Männern und Frauen zusetze. Transgeschlechtlichen Frauen werfen sie dann aber vor, das Geschlechterverhältnis noch zu bestätigen, indem sie geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen ließen. Die „Geschlechtsidentität [zu] wechseln“ (als ob das bei transgeschlechtlichen Menschen so wäre), könnte ein paar Probleme auf der persönlichen Ebene abmildern, wäre aber keine politische Lösung. Sie sahen es weiterhin sogar so, dass dies eine „Lösung für alle“ unterminiere, indem es Geschlecht bestätige, statt zu es hinterfragen.

Vollends unschlüssig wird es, als sie erklären, dass Transitioning (das Angleichen an das ~gefühlte Geschlecht) keine feministische Strategie oder Haltung sei, und nicht zum Kampf um die Gleichverteilung von Macht zwischen den Geschlechtern beitrage.

Hier entpolitisieren die Radikalfeministinnen dann wegen vermuteter Interessenkollision die Diskriminierung transgeschlechtlicher Frauen. Selbstverständlich sind nicht normgerechte Körper politisch, wo Normativität Unterdrückung schafft. Wieso männliche Vorherrschaft dann ausgerechnet auf dem Rücken von Transfrauen überwunden werden sollte, bleibt offen. Vielleicht fehlt hier ausgerechnet den Erfinderinnen des Consciousness-Raising das Bewusstsein, dass von männlicher Vorherrschaft alle unterdrückt sind, die nicht männlich sind.

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Care Revolution und Self Care Debatte

Die doppelte Vergesellschaftung der Frau

„Unter ‚Vergesellschaftung‘ versteht man den Prozess, der aus Individuen Gesellschaftsmitglieder macht. Der Begriff zielt darauf ab, wie sich die Einbürgerung von Menschen in einen sozialen Zusammenhang vollzieht, welcher über die individuelle Existenz hinausweist. Als Gesellschaftsmitglieder werden die Einzelnen in Verhältnisse wechselseitiger Abhängigkeit eingebunden. Vergesellschaftung ist somit immer als ein Vorgang verstanden worden, der Relationalität im Sinne reziproker Bezogenheit stiftet.“ [Regina Becker-Schmidt: Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen. Soziologische Grundlegung, empirische Rekonstruktion (2003)]

Dass Frauen anders als Männer vergesellschaftet werden, hat u.a. Regina Becker-Schmidt auch anhand früherer Arbeiten von Simmel, Luhmann, Marx und Engels herausgearbeitet.

Gesellschaft bedeutet, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, niemand überleben kann ohne die Hilfe anderer, dass z.B. jede neue Generation von der davor produziert werden muss. Sozialisation, das Internalisieren gesellschaftlicher Normen, ist Teil von Vergesellschaftung. Wir sind immer Individuen und soziale Wesen und diese beiden stehen immer in einem Spannungsverhältnis Eigensinn gegen soziale Zwänge, Integration / Assimilation, oder Exklusion.

Unsere Vergesellschaftung erfolgt Race-/Class-/Gender-/Ability-spezifisch und richtet sich nach den Normen und Konventionen ihrer/unserer Zeit.

Die Masse der Menschen wird als Lohnabhängige vergesellschaftet. Die Arbeiter*innen verkaufen auf dem Arbeitsmarkt ihre Arbeitskraft in vordergründig freier Vereinbarung. Marx hat im Kapital erklärt, dass das überhaupt nicht frei ist, da die Arbeiter*innen, wenn sie überleben wollen, ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Der Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital ist also ein asymmetrisches Machtverhältnis, zulasten der Arbeiter*innen. Darüber hinaus werden dadurch, dass die Waren über den Markt vermittelt werden, diese nicht mehr als selbst hergestellte Produkte erkannt. Was weiter entfremdet.

Frauen werden doppelt vergesellschaftet: In der Produktions- und in der Reproduktionssphäre, in Erwerbs- und Hausarbeit, wobei das gesamte in den Privatbereich verortete Kompetenzspektrum wie auch weiblich konnotierte Erwerbsarbeit einer Abwertung unterliegt.

Hausarbeit war lange Zeit wie selbstverständlich Frauensache, Frauen damit einer Doppelbelastung ausgesetzt und unter ständigem Druck, wenn sie in beiden Sphären bestehen wollten.

Was ist Care- oder Reproduktionsarbeit?

Die Unterscheidung zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre stammt aus der marxistischen Wirtschaftstheorie. Diese Unterscheidung hat Marx aber nicht erfunden, sie ist eine simple Feststellung. In der Produktion werden von den Arbeiter*innen Produkte hergestellt oder bearbeitet, die zu Waren werden, die einen Tauschwert haben. Das ist unmittelbar Gebrauchswert schaffende und marktvermittelte Arbeit.

In der Reproduktion werden die Voraussetzungen für die Produktion hergestellt und wiederhergestellt, d.h. die Arbeitskraft oder – wie Marx das nannte -: Der Gesamtarbeiter oder das Proletariat reproduziert, also der von Lohnarbeit abhängige Teil der Bevölkerung, Menschen als Lieferanten von Arbeitskraft.

Reproduktionsarbeit ist abends von der Arbeit nach Hause kommen und Wäsche waschen, Essen kochen, Wohnung aufräumen, damit man am nächsten Tag wieder vorzeigbar und voller Energie der Lohnarbeit nachgehen kann. Reproduktionsarbeit ist Sorge um und für Kinder, alte oder kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, für Partner*innen und sich selbst. Fürsorgen, Versorgen, Betreuung, Assistenz oder Pflege. Reproduktionsarbeit nennt man auch Sorge- oder Care-Arbeit. Es gibt sie innerhalb und außerhalb von Haushalten, als Erwerbsarbeit und noch oder wieder in privater Verantwortung.

Was man hier schon nicht aus dem Blick verlieren darf, ist dass Care nicht den sogenannten Schwachen in der Gesellschaft vorbehalten ist, sondern es sich dabei um eine Ökonomie des aufeinander angewiesen Seins handelt, die alle betrifft. Care-Arbeit ist überall.

Die Care-Ökonomie funktioniert etwas anders als die direkt am Markt orientierte. Sie ist in sich eine an Bedürfnissen ausgerichtete, das heißt, man wird kein Überangebot an Care zur Verfügung stellen, wo dieses nicht abgenommen wird, während man in der Produktionssphäre Nachfrage auch erzeugt für Bedürfnisse, die niemand wirklich hat. Andersherum wird ein Kind nicht schneller selbständig, weil die Caregiver den Zeitaufwand unterschätzt haben. Der_die Partner*in hat jetzt das Bedürfnis, für eine halbe Stunde ******** zu werden sich über seinen_ihren stressigen Tag zu unterhalten. Nicht zwanzig Minuten nächsten Mittwoch.

Nach außen hin kann Care aber genauso – das vertreten zumindest viele – als eine Ökonomie begriffen werden, bei der Bedürfnisbefriedigung nicht Hauptinteresse sondern Nebeneffekt ist. Genau wie es im Kapitalismus um Kapitalvermehrung geht für die die Bedürfnisse der Menschen nur Mittel zum Zweck sind.

Man kann das zum Beispiel mit Adorno argumentieren: Dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Ein Satz übrigens, der in einer vorherigen Fassung mal lautete „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“.

(Adorno war auch bezüglich der sozialen Lage von Frauen Pessimist und sah sie nicht in der Lage, sich aus der patriarchalen Gewalt zu befreien. Aber Adorno war ja eigentlich immer Pessimist.)

Care in der Krise

AK Reproduktion, Feministisches Institut Hamburg und Rosa-Luxemburg-Stiftung haben in Kooperation mit weiteren Initiativen, Netzwerken und Organisationen Anfang 2014 eine Aktionskonferenz mit dem Titel „Care Revolution“ veranstaltet. Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Krise der sozialen Reproduktion.

Während seit langer Zeit der Kapitalismus, seit nicht ganz so langer Zeit in seiner neoliberalen Ausprägung, in unsere private Sphäre schwappt, werden die Bedürfnisse nach Care zunehmend prekarisiert.

Menschen werden überlastet mit der doppelten Eingebundenheit in Lohnarbeit und Reproduktion. Und dann schiebt auch noch der Neoliberalismus mit seinem Mythos von Freiheit und Eigenverantwortung Dinge in die private Verantwortung zurück, die eigentlich soziale Probleme sind. Und das ist politisch.

Feministinnen kritisieren seit etwa den 1970er Jahren, dass die Reproduktionsarbeit als etwas anderes als Arbeit verstanden wird, weil sie nicht unmittelbar marktvermittelt und großteils unbezahlt ist. In der Hausarbeitsdebatte wurde zum Beispiel diskutiert, dass Hausarbeit faktisch ohne Wert ist; dass Arbeit, die ähnlich Zeit und Kraft beansprucht wie marktvermittelte, keinen Wert hat, weil sie nicht unmittelbar Wert schafft.

In der Produktionssphäre funktioniert das so, dass über unbezahlte Arbeit Kapital akkumuliert wird, also ein Mehrwert erarbeitet wird. Dieser Unterschied zwischen dem Tauschwert (abzüglich der sonstigen Kosten) einer Ware und dem jeweiligen Lohn der Arbeiter*innen ist unbezahlte Arbeit. Das heißt nicht nur, dass jede Arbeit ausbeutend ist, sondern, dass wir mit Arbeit, die nur indirekt dazu beiträgt, Kapital zu akkumulieren, ein Bewertungsproblem haben.

Unbezahlte Arbeit ist Ausbeutung. Ohne Ausbeutung gibt es keinen Profit. Das überwiegende Interesse an möglichst viel unbezahlter Arbeit liegt also nicht bei denen, die unmittelbar Caretaker sind, sondern bei denen, die daraus Nutzen in Form von Kapitalanhäufung ziehen.

So wurde dann beginnend in den 1970er Jahren auch immer wieder Lohn für Hausarbeit gefordert, weil diese auch Wert schafft. Im Kapitalismus müssen nicht nur die Produktions- sondern auch die Reproduktionsverhältnisse als ausbeutend gedacht werden. Feministische Ökonomiekritiker*innen versuchen das seit längerem mit verschiedenen Ansätzen. Sich das vorzustellen ist nicht so schwierig. Sich zu überlegen, wie man den Ausgleich schaffen kann, umso mehr. Vor allem, da der Kapitalismus nicht das geringste Interesse an fair bezahlter Arbeit haben kann.

It’s Race/Class/Gendered

Reproduktionsarbeit hat ein Geschlecht. Sie ist überwiegend weiblich. Noch sehr oft fallen selbst junge (heterosexuelle) Paare mit den besten Absichten, eine emanzipierte Beziehung zu führen, spätestens mit dem ersten Kind in eine Rollenverteilung, wie man sie eher von der Eltern- oder Großelterngenerationen erwartet hätte. Warum ist das so? Weil immer noch männliche Erwerbsarbeit tendenziell besser honoriert wird. Und weil die Erwartungen an Frauen immer noch andere sind, als an Männer, und die notwendigen Kompromisse per default von den Frauen erwartet werden.

Bis heute, wo eine solche Arbeitsteilung eigentlich völlig überholt ist, werden Frauen so sozialisiert, dass sie sich eher in der moralischen Verantwortung sehen, was Fürsorge angeht. Carol Gilligan hat zum Beispiel aus einer differenzfeministischen Perspektive argumentiert, Frauen hätten da die besseren Kompetenzen.

Worüber wir uns aber vielleicht nicht wundern sollten, wenn wir uns in den Spielwarenläden bis hin zu den großen Online-Anbietern anschauen, für wen Prinzessin Lilifee, Kaufläden, kleine pinke Mixer, Kaffeemaschinen, Staubsauger und der Lego Schönheitssalon gedacht sind, und für wen Star Wars, Autos, Nerf Guns, Experimentier- und Werkzeugkästen, Bohrmaschinen, Kettensägen und Lego, aus dem man tatsächlich etwas bauen kann.

Darüber sollten wir uns auch nicht wundern, wenn die Medien groß skandalisieren, dass schon mal ein männlicher Erzieher unter Pädophilieverdacht geraten ist, und darum sehr viele Männer sich scheuen würden, diesen Beruf aufzuüben, und verschweigen, dass Hauptgründe, warum Männer den Job nicht machen wollen, niedrige Bezahlung und Status sind.

Reproduktionsarbeit ist rassifiziert. Die Emanzipation privilegierter weißer Frauen vollzieht sich oft nicht zu Lasten eines männlichen Partners sondern auf dem Rücken unterbezahlter migrantisierter Haushaltshilfen, Pflegekräfte usw.

Es gibt ein Race Pay Gap, einen Lohnunterschied zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und People of Color / Migrantisierten, der größer ist als das Gender Pay Gap. Antje Schrupp hat das 2011 anhand bei der Bundesagentur für Arbeit angeforderten Zahlen ausgerechnet:

  • Das Gender Pay Gap, also der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen insgesamt liegt bei 23%.
  • Das Race Pay Gap, also der Lohnunterschied zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und People of Color / Migrantisierten, liegt bei 32 %.
  • Der Lohnunterschied zwischen männlicher weißer Mehrheitsgesellschaft und Men of Color / männlichen Migrantisierten liegt sogar bei 38 %.
  • Und der Lohnunterschied zwischen weiblicher weißer Mehrheitsgesellschaft und Women of Color / weiblichen Migrantisierten liegt bei 25 %.

[siehe auch: Racial wage gap in the United States (englisch)]

Und Reproduktionsarbeit hat – gleiches Beispiel – auch ein Klassenelement. Besserverdienende lassen kochen, putzen, waschen, bügeln, betreuen und pflegen. Als Erwerbsarbeit sind diese Tätigkeiten oft prekär.

Und trotz steigender Nachfrage an z.B. Erzieher*innen und Altenpflegekräften wird der finanzielle Anreiz, diese traditionellen Frauen- und Hinzuverdienerinnenberufe auszuüben, nicht erhöht, weil die von öffentlichen Mitteln abhängigen Träger meist unterfinanziert sind.

Care und Self Care

Selbstfürsorge steht im ständigen Spannungsfeld zwischen Selbstschutz und neoliberaler Selbstoptimierung.

Self Care in der Praxis ist Fitness, gesundes Essen, zur Ruhe kommen, Dinge, die gut tun.

„Self Care ist Notwehr“, sagte vor kurzem mal jemand, den*die ich hier anonym lasse, weil das privat geäußert wurde.

Wir sind zu einem Mindestmaß an Self Care einerseits gezwungen, um zu überleben. Auf der anderen Seite, ist man selbst in der Verantwortung, wo die Ressourcen dafür oft nicht da sind. Wo man es nicht schafft, Self-Care einzuplanen, weil die Zeit fehlt, hat man dann eben nicht ausreichend auf sich geachtet. Wenn man krank ist, hat man sich nicht gesund genug ernährt oder nicht genügend Sport gemacht.

Das stimmt natürlich so nicht. Aber so sagt es das neoliberale Narrativ von der Freiheit die Eigenverantwortung erfordert.

Und während viele erwerbsarbeitslos sind, und die finanziellen Ressourcen für ein gutes Leben fehlen, werden andere immer stärker durch Erwerbsarbeit beansprucht.

Während vieles, das früher der Sozialstaat leistete aus der sozialen Verantwortung ins Private verlagert wurde und wird, sind im Privaten aufgrund der Mehrfachbelastung oft nicht mehr genug Ressourcen übrig, dieser Eigenverantwortung überhaupt gerecht zu werden.

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Privatheit / Postprivacy

Das Private ist nicht nur schlecht.

Privatsphäre ist ein Privileg und Rückzugsraum. Du merkst es, wenn sie fehlt.

Privatheit bedeutet auch, entscheiden zu können, was man von sich preisgibt und was nicht. Dabei haben alle unterschiedliche Ausgangsbedingungen.

Postprivacy-Vertreter argumentieren häufig mit einer schwindenden Privatsphäre und einem ohnehin stattfindenden Kontrollverlust über unsere Daten und einem letztlich zum Scheitern verurteilten Datenschutz gegen das Konzept der Privatheit als Ganzes. Dies aber meist aus mehrfachprivilegierter Perspektive und ohne den größeren Kontext der Herrschaftsverhältnisse vollständig zu erfassen.

Kontrollverlust

Michael Seemann hat zum Kontrollverlust ein Gegenkonzept entworfen: Die Filtersouveränität, die er als das „radikale Recht des Anderen“ formuliert, Informationen ungefiltert zur Verfügung gestellt zu bekommen, und selbst zu entscheiden, welche Informationen relevant sind.

Auf der anderen Seite bedeutet Filtersouveränität dann aber die Pflicht, sich vor unerwünschten Informationen selbst zu schützen. Und da stößt das Konzept bei verschiedenen Problemstellungen schnell an seine Grenzen.

Postprivacy gesteht Menschen nicht zu, nicht jederzeit mit jeder Information umgehen zu können, Dinge auch mal nicht wissen zu wollen oder nur unter bestimmten Umständen.

An Postprivacy sehen wir auch, was ein Wegfall der Privatsphäre bedeuten könnte: Wir werden an manchen Stellen noch mehr Probleme bekommen.

In Postprivacy entfiele die Verantwortung für das Senden von Informationen. Unerwünschte Informationen nicht zu bekommen, wird von einem Problem des sozialen Umgangs zu einem privaten Problem für die Empfänger. Dies verursacht Ausschlüsse, da Menschen, die nicht effektiv filtern können, nur der Rückzug bleibt.

Wo wir heute schon ein Problem mit Übergriffigkeit haben, weil nicht alle Consent Culture als soziale Konvention akzeptieren, ist in Postprivacy gar nicht mehr vorgesehen, dass mit potenziell spoilernden, triggernden, nicht worksafen oder übergriffigen Inhalten verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Darum trennen wir Sphären (oder wir tun es nicht).

In Postprivacy entfiele auch das Recht, Dinge für sich behalten zu dürfen.

Die postmoderne Liebessemantik braucht Privatheit. Und das nicht nur, um Frauen an den Haushalt zu binden. Sondern auch, weil es einen Wert hat, Dinge nur mit EINER Person zu teilen. (Wer das nicht glaubt: Luhmann lesen. Eva Illouz lesen.)

Was war? Was wird?

Der Blogger Jan Schnorrenberg schrieb Anfang des Jahres zum Coming Out des Fußballspielers Thomas Hitzlsperger „Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei„. Und das stimmt, solange bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgegangen wird, dass Menschen heterosexuell sind und so lange Homosexualität aus Angst vor Repression in die Privatheit verdrängt wird, ist ein Ende von Diskriminierung nicht absehbar. Die Heteronorm leben wir offen und dominant aus. Zu Homosexualität stellen immer noch Menschen die Frage, ob das denn sein muss in der Öffentlichkeit.

„Das Private ist politisch“ heißt auch, bei sich selber anzufangen. Eigene Diskriminierung zu konfrontieren und das vor allem auch im persönlichen Umfeld.

Denn genau da beginnt Emanzipation im Spannungsfeld zwischen Politischen und Privatem:

* zu erkennen, wie Diskriminierung funktioniert, diese als Gesellschaft strukturierend wahrzunehmen und uns selbst als Teil dieser Strukturen,
* die Normativität des eigenen Standpunkts sichtbar zu machen und zu hinterfragen,
* mit unseren jeweiligen Privilegien verantwortlich umzugehen,
* und solidarisch zu sein in sozialen Kämpfen, die nicht unsere eigenen sind

Die Privatsphäre braucht Schutz, aber sie kann kein unpolitischer Raum sein.

Wir werden viele Probleme nicht überwinden können im Kapitalismus. Aber wir können einiges tun, um Sand ins Getriebe zu streuen. Oder ein paar Steine schmeißen.

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