Toleranz ist scheiße

 

[Content Note für diskriminierende Sprache.]

 

tl;dr Die ARD kann sich bis zum Mond und zurück ficken.

„Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht? Der Tanz um die Toleranz.“ Sowas lässt gerade die ARD fragen. Oder sowas:

Bild von einem schwulen Paar mit der Überschrift

Oder sowas.

Bilder von einem schwarzen Mann mit der Frage "Belastung oder Bereicherung?", von einer schwulen Paar mit der Frage "Normal oder Nicht normal", von einem schreienden weißen Kleinkind mit der Frage "Nervensäge oder Zukunft" und von einem Mann im Rollstuhl mit der Frage "Außenseiter oder Freund?"

Das nennt sich dann „Themenwoche Toleranz“.

Nun werden wieder die obligatorischen aus Ältere-Herren-Zusammenhängen bekannten älteren Herren hervorgekramt, um die drängenden Fragen unserer Zeit zu beantworten: Müssen diese Homos, Asylsuchenden und Behinderten nun wirklich so sichtbar und provokant rum… existieren? Oder verlangt das der Mehrheit (man wird ja wohl noch fragen dürfen!) nicht doch zu viel Toleranz ab, dass man mit diesen Ausländern und Perversen da jetzt also quasi einen Planeten teilen muss?

Neben den älteren Herren werden wir bestimmt noch diverse Vorzeige-Migrantisierte (Leitkultur Schalalala!) zu sehen bekommen, die auch mal die guten Seiten hervorheben, weil man ja nicht immer nur das Schlechte sehen muss. Oder Kopftücher oder sowas. Die können dann vielleicht mal aus der Heimat erzählen, was da so die Nationalspeisen sind (Kartoffeln mit Soße) oder die traditionellen Lieder vorsingen (Die Fahne hoch!).

Auf die Kritik erklären ARD / Hessischer Rundfunk nun: Das SOLL ja provozieren. Was genau das provozieren soll, erklären sie aber nicht. Die Frage vielleicht, wie viel Diskriminierung die Mehrheitsgesellschaft sich erlauben kann, ohne dass eine kritische Masse sich genügend provoziert fühlt, sich zu wehren.

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Aber was genau ist das Problem an Toleranz? Warum ist die Frage nach der Toleranz unabhängig davon, ob man sie mit Ja oder Nein beantwortet, ein Problem?

Toleranz macht nur in asymmetrischen Machtverhältnissen Sinn. Toleranz bestätigt und festigt eine bestehende Hierarchie.

Wieviel Toleranz müssen „wir“ haben? Wieso „müssen“? Was müssen „wir“ uns gefallen lassen? Und wer ist überhaupt „wir“?

„Wir“ tun eigentlich nichts gegen Diskriminierung. „Wir“ erkennen nicht mal an, dass „wir“ selber Teil von Diskriminierung sind. „Wir“ hören nicht auf, Menschen zu unterdrücken. „Wir“ trösten sie stattdessen darüber hinweg, dass es so ist wie es ist, dass die unterdrückte Position nun mal ihr Platz ist.

„Wir“ könnten ihnen stattdessen die Macht in die Hand geben, sich für sich selbst einzusetzen. Aber das tun „wir“ nicht, weil das unsere Macht kostet.

Wenn „die“ die Machtmittel hätten, sich zu wehren, stünde Toleranz gar nicht zur Debatte, stünden deren Menschenrechte nicht zur Disposition, wären „die“ nicht von den Launen der scheinbaren Mehrheiten abhängig. Und, tadaaaa: Menschenrechte sollten nicht von den Launen der Mehrheiten abhängen. Widerspricht dem Wortsinn in an Absurdität kaum zu überbietender Weise.

Toleranz ist Nettigkeit für Menschen, die anders sind, nachdem wir sie anders gemacht haben. Deren Anderssein wir konstruieren, um sie anders behandeln zu können. Um dann zu fragen, ob die eigentlich „normal“ sind. Nice try aber!

Ja, sind die denn nicht normal? Drehen wir es doch mal rum:

Wir gucken uns nicht Heten im Fernsehen an und fragen, wie das wohl bei denen so ist. Ob das ne Phase ist. Wann die gemerkt haben, dass sie hetero sind. Erklären denen nicht, sie hätten nur noch nicht den oder die Richtige gefunden. Müssten nur mal ordentlich durchgevögelt werden. Wir fragen Heten nicht, ob wir mal zugucken können. Und und und und und.

Haben wir das mit dem „normal“ geklärt. („Normal“ sagt was über Norm und Abweichung.)

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Aber „wir“ engagieren uns. Das ist ja auch was. Oder nicht?

Die Frage ist, was wir NICHT tun, wenn unser Engagement so an der Oberfläche bleibt, und WARUM wir das nicht tun.

„Wir“ gehen nicht gegen Rassismus vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Wir imaginieren Rassisten als „böse“, einen rechten Rand. „Wir“ selber sind tolerant. Wir problematisieren nicht unsere eigene Beteiligung an Rassismus, nicht die strukturelle Verankerung von Rassismus in der Gesellschaft, und auch nicht, wie die weiße Mehrheitsgesellschaft durch Rassismus privilegiert wird. „Wir“ „werden doch wohl noch sagen dürfen“, dass Asylsuchende Geld kosten. Deswegen sind „wir“ doch noch lange keine Nazis.

„Wir“ gehen nicht gegen Heterosexismus vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Wir problematisieren „Homophobe“ und „Homohasser“. „Wir“ problematisieren nicht unsere eigene dominante Reproduktion der Heteronorm und wie der heterosexuelle Lifestyle privilegiert wird, welche Ausschlüsse stattfinden, Diskriminierungen, Abwertungen. „Wir“ finden, dass „die“ „im Schlafzimmer“ machen können, was sie wollen, sie sollen halt nur nicht auf der Straße so auffällig rumleben. Wenn „wir“ ganz besonders tolerant sind, finden „wir“, „die“ sollten ruhig auch knutschen. „Wir“ können schließlich nichts dafür, wenn „die“ deswegen beschimpft oder geschlagen werden. Uns macht das sowas von nichts aus, was die tun. Wir gehen ja sogar mit den Queers(TM) feiern und stolpern in unseren nicht geouteten Kollegen, dem aus unerfindlichen Gründen unangenehm ist, dass „wir“ da sind. „Wir“ können nichts für die Nachteile, die Homosexuelle haben. „Wir“ können ja auch nichts für UNSERE Sexualität. „Wir“ sind AUCH born this way. Heterophobie ist auch schlimm! Die Menschheit würde aussterben ohne Heten (voll schade!)

„Wir“ gehen nicht gegen Cis-Sexismus vor. „Wir“ weinen vielleicht, wenn mal wieder eine trans Frau erschlagen wurde. „Wir“ spenden vielleicht, wenn eine in den Knast muss, weil sie sich gewehrt hat. Aber weil die Mehrheit der Menschen später kein Problem mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht hat, ist das für „uns“ kein Thema, das Priorität hat. Und geschlechtergerechte Sprache ist ja auch so unfassbar viel Aufwand dafür, dass nur so wenige Wert drauf legen. Und dass ein Penis kein männliches Geschlechtsteil ist, ist im ~Mainstream ja nun überhaupt nicht zu vermitteln. Wir grenzen uns da sogar im Feminismus gegen ab. Aber hey, Pluralismus. Das meint ja niemand böse!

„Wir“ gehen nicht gegen Ableism vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Die, wo wir uns für Inklusion feiern können, ohne uns groß einschränken zu müssen. Die feierliche Eröffnung einer von Hatern für selbstverständlich erachteten Rollstuhlrampe / Behindertentoilette / Aufzug (wenn die Presse auch kommt!). Aber wir dürfen natürlich auch weiterhin alles irre, bekloppt, dumm oder schizophren nennen und Leute als Psychopathen, Idioten, Gestörte bezeichnen. Wir meinen ja nicht die echten Psychopathen, Idioten und Irren! Und seien wir doch mal ehrlich: Autismus, ADHS und OCD sind doch auch immer ganz nützlich, wenn man mal dringend eine abwegige Metapher braucht!

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Toleranz-Diskurse interessieren sich nicht für die Grundlagen von Diskriminierung. Sie nehmen die Legitimationslegenden für Diskriminierung einfach mit und lassen sie so stehen, ohne zu sagen: Moment mal, das stimmt doch alles nicht. Und Moment mal, warum machen wir das überhaupt?

Es ist Teil des Problems, auf Legitimationslegenden einzusteigen.

Es ist Teil des Problems Sarrazin, Matussek, Pirinçci, Kelle, … immer wieder eine Plattform und Reichweite zu bieten für ihre „andere Seite“ der Diskriminierung. Die Ausübende. Die den armen Menschen zu Hause an den Bildschirmen dazu dient, sich mit der Scheiße, die sie für okay halten, weniger scheiße zu fühlen. Nicht Phobie, nicht Hass, sondern Diskriminierung. Die einen gesellschaftlichen Zweck erfüllt und nicht nur einfach mal ein bisschen Schmerz verursacht.

Die Matusseks und Kelles schlagen die bürgerliche Mitte mit deren eigenem Narrativ, wenn sie sich auf Befindlichkeiten zurückziehen und ein Unbehagen geltend machen. WIR erklären diese Menschen im besten Fall für durchgeknallt [Ableism], und lassen sie so damit durchkommen, wenn sie sich darauf zurückziehen, dass sie als einzelne, sich somit in der Minderheit befindliche, Menschen doch nur ein ganz persönliches Problem mit der diskriminierten Gruppe haben.

„Homophobe“ haben keine Angst vor Schwulen, Lesben, Bisexuellen. „Transphobe“ fürchten sich nicht vor transgeschlechtlichen Leuten. Und „Xenophobie“ oder „Fremdenfeindlichkeit“ sind fast immer Euphemismen für Rassismus.

Rassismus ist eine Legitimationslegende, die rationalisiert, Menschen anders zu behandeln. Cis-/Hetero-/Sexismus ist eine Legitimationslegende, die Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit herstellt. Die alle funktional sind für das kapitalistische System (falls sich jemand fragte, was das soll).

Das aufgrund von Abweichung von der hegemonialen Norm „erwachsende“ (als ob) Unbehagen alter Männer und ihrer Geschwister im Geiste muss uns scheißegal sein. Ihr sich überfordert fühlen vom Toleranz üben müssen, muss uns scheißegal sein. Auf deren und unsere Toleranz darf niemand angewiesen sein.

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