Not ALL Men Must Die: Hegemoniale Männlichkeiten und warum Not ALL Men sterben muss

[Überarbeitete Version eines gleichnamigen Vortrags]

Content Note: Beschreibung männlicher Dominanzreproduktion. Thematisierung von sexualisierter Gewalt.

tl;dr: Das Problem, das Meme und was wir dagegen tun müssen

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Einige haben vielleicht schon von Connell’s „Der gemachte Mann“ gehört, und wenn es nur die Textstelle in Sookee’s „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ war.

Raewyn Connell ist eine australische Soziologin und eine der Begründer*innen der Männerforschung. Connell hat 1987 in „Gender and Power: Society, the Person and Sexual Politics“ erstmals das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit beschrieben. Ihr 1995 erschienenes Buch „Masculinities“ (deutsch: „Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeit“, 1999) gilt als der Klassiker auf dem Gebiet der Männerforschung.

Was heißt hegemonial?

Hegemonial heißt soviel wie vorherrschend, dominant, überlegen. Hier geht es also um Machtverhältnisse.

Das Konzept der Kulturellen Hegemonie hat Connell von Antonio Gramsci übernommen.

Bei Gramsci ist Hegemonie eine Form von Herrschaft, bei der die herrschende Klasse einer kulturell diversen Gesellschaft ihre Weltsicht (Werte, Überzeugungen, Ansichten, Wissen) als allgemeingültige Normen auferlegt, und so eine dominante Ideologie schafft, die den sozialen, politischen und ökonomischen Status Quo naturalisiert, d.h. ihn als natürlich und unausweichlich erscheinen lässt, und nicht als das, was er ist: Ein soziales Konstrukt, das die herrschende Klasse privilegiert.

Die Menschen fügen sich in die soziale Ordnung, die sie unterdrückt – weil sie deren Überzeugungen teilen. Die Werte der herrschenden Klasse gelten als Common Sense, objektives Wissen usw. Die bürgerliche Ideologie wird zu der der Arbeiter, die durch sie unterdrückt werden.

In der marxistischen Philosophie bei Gramsci bezieht sich die Kulturelle Hegemonie auf Klassen. Beim Konzept der Hegemonialen Männlichkeit geht es darum, wie männliche Dominanz hergestellt wird.

Was ist Männlichkeit?

Männlichkeit ist eine Position im Geschlechterverhältnis und definiert sich als Gegensatz zu Weiblichkeit.

Connell zeigt in Masculinities, dass Männlichkeiten soziale Konstrukte sind, dass im Verlauf der Geschichte unterschiedliche Männlichkeiten dominant waren, und dass Männlichkeiten dynamisch sind und einem ständigen Wandel unterliegen.

Heute sind es im wesentlichen zwei Faktoren, die hegemoniale Männlichkeit herstellen: Herrschaft und Marginalisierung (marginalisieren heißt „an den Rand drängen“). Herrschaft bestimmt, welche Eigenschaften Männer haben müssen, um ihre Dominanz zu sichern. Das wären z.B. Ehrgeiz, Antriebsstärke, Selbstvertrauen und Heterosexualität. Durch Marginalisierung wird eine Hierarchie verschiedener Männlichkeiten geschaffen. So werden z.B. schwule Männer von heterosexuellen unterdrückt.

Hegemoniale Männlichkeit sucht den Wettstreit und versucht damit, andere Männer und Frauen (und von ihr negierte andere Geschlechter) unterzuordnen.

Hegemoniale Männlichkeit wird von keiner Mehrheit der Männer verkörpert. Es ist im Gegenteil so, dass sie mit der Realität der meisten Männer wenig zu tun hat. Hegemoniale Männlichkeit setzt sich zusammen aus den hegemonialen Subjektpositionen, d.h. sie ist idealerweise weiß, heterosexuell, männlich, cis (also nicht transsexuell), ableisiert (also ohne Behinderungen), hat einen männlich-trainierten Körper, ist ökonomisch gut situiert, klassenprivilegiert, usw. Das vereint selten ein einzelner Mann in sich.

Die hegemoniale Männlichkeit bildet das kulturell normative Ideal für männliches Verhalten, die Männlichkeit also, die es anzustreben gilt, und die die Dominanz von Männern gegenüber Frauen (und anderen Geschlechtern) sichert. In anderen Worten: Hegemoniale Männlichkeit wird als die wahre echte und überlegene Männlichkeit postuliert, mit der die Dominanz von Männern gegenüber Frauen und anderen Geschlechtern gerechtfertigt und legitimiert wird.

Unterschiedliche Sozialisation und Privilegien

Das sich selbst zur Norm setzen weißer heterosexueller Männer ist für diese mit Privilegien verbunden, gleichzeitig mit Diskriminierungen für andere Geschlechter, Schwarze Menschen und andere People of Color (Selbstbezeichnung von Menschen, die nicht weiß sind) und abgewertete Klassen.

Männern bringt diese Privilegierung mehr Anerkennung, Autorität, Respekt, größere Handlungsspielräume. Sie sind in gesellschaftlichen Bereichen, die mit Status verbunden sind, überrepräsentiert. In Boys‘ Clubs und Männerbünden fördern und protegieren sie sich gegenseitig, was ihnen hilft, unter sich zu bleiben, vorhandene Macht zu sichern und bei Männern zu bündeln. Männlichkeit konstituiert sich laut Connell vor allem über Wettbewerb und Männerbünde.

Dagegen haben es Frauen oft schwer, auf mit Status verbundene Ebenen vorzudringen. Ein großer Faktor bei der Unterordnung von Frauen ist ihre Bindung an den häuslichen/privaten Bereich und die Sorgearbeit. Weiblich konnotierte (auch Erwerbs-) Arbeit wird abgewertet. Frauen werden überproportional Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt durch Männer. Sie werden gesellschaftlich abgewertet, objektiviert.

Rape Culture ist ein Beispiel für diese Privilegierung von Männern.

Rape Culture (Vergewaltigungskultur) nennt man, wenn in einer Kultur Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt weit verbreitet sind und sexualisierte Gewalt normalisiert, entschuldigt, toleriert oder sogar gut geheißen wird. Verhaltensweisen, die eine Rape Culture kennzeichnen sind z.B. eine weite Verbreitung von sexueller Objektivierung, Victim Blaming (die Schuld auf die Opfer sexualisierter Übergriffe zu schieben; nach der Kleidung, dem Verhalten des Opfers zu fragen, als würde irgendetwas davon Vergewaltigung rechtfertigen) und die Trivialisierung von Vergewaltigung, etwa mittels Vergewaltigungswitzen.

Rape Culture ist, dass auch unkonsensuelle sexuelle Aggression von Männern als sexy gilt und romantisiert wird. Dass Männer sich Frauen „nehmen“, die meisten an „Du willst es doch auch“ und ähnlichen Formulierungen kein Problem erkennen, dass „Blurred Lines“ ein Hit werden konnte, und über „Nein heißt Nein“ diskutiert werden muss.

Rape Culture ist, dass Frauen erklärt wird, unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit sei ein Zeichen von Wertschätzung, dass Männer sich nicht „zurückhalten“ könnten, weil Frauen diesen „Effekt“ auf sie haben.

Rape Culture ist, dass die Argumentation der Vergewaltiger, dass Männer sich nicht beherrschen können, vorherrscht, während andere daneben stehen und schweigen. Natürlich sind nicht alle Männer Vergewaltiger. Natürlich müssen alle Frauen mit der Angst leben.

Zu Rape Culture gehört auch die verbreitete Praxis, in Kriegen und in Gefängnissen zum Zweck der Erniedrigung und der Unterordnung sexualisierte Gewalt als Waffe einzusetzen, als Mittel der Dominanzreproduktion (siehe u.a. den Abu Ghuraib Folterskandal).

Es ist Rape Culture, wenn auch männliche Betroffene aus Scham nicht anzeigen. Es ist auch Rape Culture, wenn Maskulisten und Antifeminist*n männliche Betroffene für die Behauptung instrumentalisieren, Opfer sexualisierter Übergriffe würden in gleichem Maße Männer wie Frauen.

Rape Culture ist eine Einstellung, die Täter*innen privilegiert. Täter*innen, die in der ganz überwiegenden Mehrheit männlich sind. Auch da, wo die Opfer männlich sind.

Rape Culture ist aber nur eins von vielen Beispielen für Privilegierung durch männliche Dominanz.

Männliche Wissensproduktion erfährt mehr Anerkennung. Das hat zum einen damit zu tun, dass in der Geschichte die Voraussetzungen, Wissen zu produzieren, hauptsächlich bei Männern gegeben waren, und Männer deswegen im Nachhinein und außer Kontext fähiger erscheinen. Männer trauen sich aber in der Regel auch unabhängig von ihrem tatsächlichen Wissensstand, dominanter aufzutreten. Hier gibt es teils sehr große Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sozialisation, allerdings auch zwischen den Klassen.

Ein Beispiel für diese unterschiedliche Sozialisation ist Mansplaining („Mann“ + „Erklärung“). Mansplaining nennt man, wenn ein (typischerweise) Mann einer (typischerweise) Frau etwas auf herablassende und belehrende Art erklärt, meist ungefragt und ohne ihre Qualifikation zu berücksichtigen, also auch Dinge, die sie bereits weiß, bis hin zu ihrem eigenen Fachgebiet, weil diese Männer bei sich eine höhere Kompetenz als bei den angesprochenen Frauen einfach voraussetzen. Oft nutzen Mansplainer improvisiertes „Wissen“ oder Vermutungen, weil sie davon ausgehen, dass dies beim Gegenüber nicht auffällt.

Jungen werden eher zum laut sein, toben und Raum nehmen ermutigt. Weiblich konnotiere Eigenschaften wie Emotionalität oder Schwäche werden bei Jungen sanktioniert. „Boys don’t cry“. „I*****er [Rassistische Fremdbezeichnung] kennt keinen Schmerz“. Jungen werden zu aggressiveren Sportarten ermuntert (Fußball, Rugby, Motorsport) und dazu, sich in Wettbewerb zu begeben.

Mädchen sollen Pferde lieben und zum Balett gehen. Mädchen wird eher hübsch machen und sorgen antrainiert. Sie lernen früh Dinge über Mode und Schönheit. Für Mädchen gibt es kleine rosa Küchengeräte und rosa Lego, mit dem man nicht richtig bauen kann. Wenn Mädchen und Frauen weniger aggressiv Fußball spielen, ist das „kein richtiger Fußball“.

Problem ist weder das rosa Spielzeug noch der Vollkontaktsport, sondern dass in diesem geschlechtsspezifischen Sozialisiationsschema Kinder mit Vorschriften, was für sie ist und was nicht, in Richtungen gedrängt werden, die vielleicht nicht ihre sind. Wir trennen Spielwaren nach Geschlechtern und viele Eltern nehmen das einfach so hin. Weil: Ist halt so. Und „ist halt so“ ist, was herrschende Ideologie kennzeichnet. Die braucht sich nicht zu erklären.

Dass Jungen mit Hilfe von Sport/Spielen zu kompetitiver Männlichkeit erzogen werden, erklärt dann auch zum Teil, warum z.B. „Gamergate“ und Hass gegenüber Menschen, die Sexismus in Videospielen kritisieren, für sie Sinn machen: Videospiele werden von Männern für die Männlichkeitskonstruktion gebraucht, als Platz, wo Männer sich stark fühlen können. Die einen nutzen zu dem Zweck Spiele mit Gewalt, Sex, und sexualisierter Gewalt, bei anderen sind das Pornos, beim nächsten Motorsport, Grillen oder Bodybuilding. Das sind die Outlets der Durchschnittsmänner, die für sich gesehen über keine große Macht verfügen, und sich meistens auch überhaupt nicht als privilegiert wahrnehmen, sich stark und männlich zu fühlen. Wenn da Frauen „einbrechen“ und Dinge kritisieren: Beschädigt das die Männlichkeit.

Jungen, die keinen Schmerz kennen dürfen, haben auch als Erwachsene häufiger Probleme, mit Schmerzen zum Arzt zu gehen, weil sie gelernt haben, aushalten als Stärke zu sehen. Ausdruck desselben Musters ist, dass Männer oft nicht zugeben, Dinge nicht zu wissen, weil auch das von ihnen als Schwäche interpretiert wird.

Die unterschiedliche Sozialisation schreibt sich auch körperlich ein. Männer gehen, stehen, sitzen später anders, siehe z.B. den Breitmachmacker-Tumblr. Mädchen und Frauen machen Diät und versuchen, möglichst wenig Raum einzunehmen. Da zeigt sich die Norm, die die dichotome (zweiteilige) Unterscheidung zwischen „den“ zwei Geschlechtern erzeugt.

Kritiker von „Genderscheisse“ wollen die Unterschiedlichkeit bewahren, sagen sie. Und forcieren mit ihrer Unterscheidung in zwei, und nicht mehr, klar voneinander getrennte Geschlechter, dass alle anderen Unterschiede aufgegeben werden.

Andere als diese beiden Geschlechter sind in der Unterscheidung nicht vorgesehen, im Gegenteil: Was stört, die Grenze fließend macht, muss marginalisiert (an den Rand gedrängt) oder unsichtbar gemacht werden. Wir stellen die „natürliche Ordnung“ her mit Hilfe von belohnenden und bestrafenden Sanktionen.

Das ist die heteronormative Matrix.

Die heteronormative Matrix braucht:

* 2 Geschlechter
* eindeutig unterscheidbar
* komplementär
* in gegenseitigem Begehren aufeinander bezogen.

Das heißt:

* Mann / Frau
* stark / schwach, aggressiv / zurückhaltend, aktiv / passiv
* rational / emotional, mutig / ängstlich, anpackend / sorgend
* und heterosexuell

Was hiervon abweicht, stört die männliche Dominanz.

Bourdieu hat in „Die männliche Herrschaft“ erklärt, wie männliche Dominanz durch „Vorlieben“ heterosexueller Männer für tendenziell unterlegene Frauen reproduziert wird. Und dass diese sehr häufigen Vorlieben eben nicht zufällig sind. Dass es System hat, dass die meisten heterosexuellen Männer sich in Frauen verlieben, die zum Beispiel kleiner sind als sie. Dass die meisten heterosexuellen Männer Wert legen auf deutliche (stereotype Geschlechts-) Unterschiede zwischen sich und ihren Partner*innen. Dadurch sehen Männer stärker, männlicher, aus.

Aber Männlichkeit konstituiert sich nicht nur in Beziehung zu Weiblichkeit, sondern auch untereinander.

Männlichkeiten und ihre Beziehungen zueinander

Connell erklärt, wie unterschiedliche Männlichkeiten zueinander in Beziehung stehen: Diese Beziehungen sind Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung.

Bei den nicht-hegemonialen Männlichkeiten unterscheidet Connell zwischen marginalisierten, unterdrückten und komplizenhaften Männlichkeiten.

Am unteren Ende der Hierarchie der Männlichkeiten stehen die unterdrückten Männlichkeiten. Hierzu zählen z.B. die homosexuellen Männlichkeiten, die der stärksten Abwertung unterliegen, aber auch die stärkste Herausforderung für die hegemonialen Männlichkeiten darstellen.

Darüber stehen marginalisierte Männlichkeiten. Das sind die Männlichkeiten unterdrückter Schichten und „Ethnien“, deren Unterordnung die Hegemonie der anderen Männlichkeiten sichert.

Und darüber befinden sich die komplizenhaften Männlichkeiten.

Die komplizenhaften Männlichkeiten unterstützen die hegemoniale Männlichkeit und profitieren von deren Dominanz ganz einfach dadurch, dass Männer aufgrund der Unterordnung von Frauen und anderen Geschlechtern Privilegien erlangen. Diesen Profit nennt Connell „patriarchal bargain“, auf deutsch „patriarchale Dividende“. Patriarchale Dividende ist der Nutzen, den das Patriarchat für seine Unterstützer*innen hat.

Zu den komplizenhaften Männlichkeiten gehört die Mehrheit der Männer. Sie erhalten das ganze System der männlichen Dominanz durch ihre Unterstützung aufrecht. Sie bestimmen nicht, aber sie nehmen mit, was sie kriegen können, und sie stellen dafür das System nicht in Frage.

Patriarchal Bargain beschränkt sich nicht auf Männer. In den privilegierteren Klassen kann niemand ein Interesse an einem kompletten Umsturz des Geschlechterverhältnisses haben, weil daran die gesamte Ökonomie hängt, die ihren Status sichert. Kapitalismus braucht Diskriminierung, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Wenn alle miteinander statt gegeneinander arbeiten würden, hätte der Kapitalismus ein ganz großes Problem. Eine Methode, sich Kämpfen um Emanzipation faktisch zu widersetzen, sich aber nicht offen dagegen auszusprechen, ist, sich diese Kämpfe in einer die eigenen Interessen schützenden Version anzueignen. Das passiert heute zum Beispiel in Form von liberalem Feminismus, der nicht an den Grundlagen des Geschlechterverhältnisses rüttelt (ein Beispiel hierfür wäre Sheryl Sandberg’s „Lean In“).

Not ALL Men, Real Men Don’t und die Retter der Männlichkeit

Wo über Probeme gesprochen wird, an denen Männer beteiligt sind, sind die Verteidiger*innen der Männlichkeit nicht weit.

@sassycrass hat das Phänomen 2013 in diesem Tweet auf den Punkt gebracht:

Übersetzung:
Ich: Männer und Jungen werden sozial angewiesen, uns nicht zuzuhören. Ihnen wird beigebracht, uns zu unterbrechen, wenn wir–
Zufälliger Mann: Entschuldigung. Nicht ALLE Männer.

Was ist falsch daran, zu sagen, dass nicht alle Männer so sind?

Die Prioritäten derjenigen, die finden, sowas anmerken zu müssen. Erstmal wurde überhaupt keine Aussage über „alle Männer“ gemacht. Und dann ist es der Person offensichtlich wichtiger, Männlichkeit gegen Kritik in Schutz zu nehmen, als sich mit dem angesprochenen Problem zu beschäftigen. („Not ALL Men“ wird darum auch als Derailing-Taktik bezeichnet, das heißt eine Methode, vom eigentlichen Thema abzulenken.)

Ähnlich funktioniert die Aussage „Real Men Don’t“. Hier gab es 2011 eine Kampagne, bei der männliche Prominente wie Justin Timberlake, Ashton Kutcher und Sean Penn als Statement gegen Menschenhandel Pappen in Kameras hielten, auf denen stand „Real Men Don’t Buy Girls„. Dieses Meme wurde im vergangenen Jahr nochmal verstärkt rumgereicht, nachdem im nigerianischen Chibok 276 Mädchen durch die terroristische Organisation Boko Haram aus einer Schule entführt worden waren.

Mit „Real Men Don’t“ definiert man einfach die problematisch Handelnden aus der Gruppe „richtige Männer“ heraus, und nimmt damit wieder Männlichkeit gegen Kritik in Schutz. Im Sinne von: Richtige Männer sind besser als das. Das ist natürlich falsch. Männer zahlen für [sexuelle Handlungen an] Mädchen. Der Rest ist Rhetorik.

Wem es wichtiger ist, Männlichkeit in Schutz zu nehmen, als sich mit dem eigentlichen Problem zu beschäftigen, ist Teil des Problems.

„Not ALL Men“ und „Real Men Don’t“ und ähnliche Aussagen sind komplizenhafte Männlichkeit bei der Arbeit.

Toxische Männlichkeit

Die „Real Men“-Rhetorik funktioniert auch sanktionierend. Richtige Männer sind dem Ideal der hegemonialen Männlichkeit zufolge stark, nicht schwach, nicht emotional, werden nicht Opfer sexualisierter Gewalt und reden dementsprechend auch nicht darüber; richtige Männer wollen dauernd Sex, und zwar mit Frauen, d.h. richtige Männer sind auch nicht schwul.

Männlichkeit ist ein sehr zerbrechliches Konstrukt. Wer Männlichkeit falsch macht, wird abgewertet und untergeordnet. Patriarchy Hurts Men Too. Das Patriarchat kann sich für seine Beteiligten als Bumerang erweisen.

Gewalt, sexuelle Aggression und Emotionslosigkeit kennzeichnen Männlichkeit, die man als toxisch bezeichnet. Anders Breivik, Elliot Rogder, Steubenville sind Beispiele für toxische Maskulinität und ihre Folgen.

Elliot Rodger, der seine männliche Anspruchshaltung und seinen Frauenhass offen zeigte, wurde als ungefährlich eingeschätzt, bevor er am 23. Mai 2014 in Isla Vista, Kalifornien, aus Rache für sexuelle und soziale Zurückweisung 6 Menschen umbrachte und 14 weitere teils schwer verletzte. „Amokauf wegen dieser Blondine?“ fragte die „Bild“ [kein Link].

Viele äußerten Verständnis für Rodger und gaben den Frauen, die ihn zurückgewiesen hatten, eine Mitschuld für seine Taten. Die meisten weigerten sich, den Zusammenhang zwischen generell in der Gesellschaft vorherrschender männlicher Anspruchshaltung und der Anspruchshaltung Rogders anzuerkennen, und machten ihn zum psychisch gestörten Einzelfall.

Toxische Maskulinität wird von vielen Männern nicht als Ganzes abgelehnt und zurückgewiesen, sondern nur in ihren extremsten Ausprägungen. Ansonsten sind Männer, die sich Frauen „nehmen“ und einsame Rächer, um nur zwei Beispiele zu nennen, positiv besetzte Männlichkeiten.

Männliche Dominanz und Verantwortung

Männer, die das System nicht in Frage stellen, muss man nicht bedauern, wenn es für sie nach hinten losgeht und ihnen selber schadet. Es ist ihr System, also ihre eigene Aufgabe, es zu demontieren. Ihre Verantwortung.

Was stattdessen passiert ist, dass Männlichkeit in Schutz genommen wird, problematische Verhaltensweisen heruntergespielt werden, dass Männer diese Verhaltensweisen dulden, fördern und mitmachen für Privilegien.

Boys will be Boys. Ist doch nicht so schlimm. Er kann es nicht besser.

Das stimmt nicht nur nicht, das ist männerfeindlich. Das reißt Männer rein, die versuchen, es besser zu machen. Die toxische Konzepte von Männlichkeit hinterfragen, selbstkritisch sind und versuchen, Dinge zu verändern.

Die Ansprüche im öffentlichen und im politischen Raum sind männliche. Die männliche Position sehen wir aber als neutral, setzen sie als Default, an dem sich andere messen sollen. This cannot work ever. Das kann nicht funktionieren. Es kann nicht darum gehen, ob Frauen und andere Geschlechter in männlichen Strukturen bestehen können oder nicht. Sie sollten es nicht müssen.

Und darum müssen Männer, die den Anspruch an sich haben, Frauen und andere Geschlechter nicht zu dominieren, zurücktreten von diesem männlichen Anspruch. Und von Regeln, die dazu gemacht sind, Männer zu privilegieren.

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