TERF Theorie 101: Transausschließender Radikalfeminismus und seine Anti-Trans Tropes

 

Content Note: Hate Speech, transfeindliche Sprache, Cis-Sexismus, Verschwörungstheorien

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Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass im deutschsprachigen Raum Trans-Exclusionary Radical Feminism (Transsausschließender Radikalfeminismus, Abkürzung: TERF) und Sex Worker Exclusionary Radical Feminism (Sexworker ausschließender Radikalfeminismus, Abkürzung: SWERF) zunehmen, oder die Beteiligten sich zumindest offener äußern.

Weil viele diese „Stilrichtungen“ des Radikalfeminismus offenbar nicht als Hate Speech erkennen, will ich hier kurz versuchen, über ein paar bekannte transfeindliche Mythen aufzuklären, die die TERFs verbreiten. Das meiste ist frei übersetzt, gekürzt, zusammengefasst aus den verlinkten Quellen, die diese Mythen bereits widerlegt haben.

Was sind TERFs?

Transausschließender Radikalfeminismus (TERF) ist eine Unterform des Radikalfeminismus, die sich durch Transfeindlichkeit / Cis-Sexismus, Transmisogynie und Feindseligkeit gegenüber dem Feminismus der 3. und 4. Welle auszeichnet. (Der Radikalfeminismus ist dem Feminismus der 2. Welle zuzurechnen. Die TERFs haben also ein Problem mit nachfolgenden feministischen Generationen, und damit, was diese anders gemacht haben.)

TERFs glauben, dass echte Frauen nur diejenigen sind, die mit Vagina und XX-Chromosomen geboren wurden. Damit erzwingen sie eine Einordnung in ein klassisches System der Zweigeschlechtlichkeit und unterstützen Geschlechteressentialismus.

Sie bezwecken allerdings das Gegenteil. Die Queer Dictionary zu TERFs:

„Diese Gruppe von Feministinnen, die behauptet, dass Transfrauen nicht wirklich Frauen sind, weil biologischer Determinismus nur ein Trugschluss ist, wenn er gegen sie [die TERFs] verwendet wird, und nicht, wenn sie ihn gegen andere verwenden.“

Radikalfeministische Analyse geht – in den Worten einer TERF – davon aus, dass „weibliche biologische Realität ein entscheidender Aspekt der Unterdrückungserfahrung von Frauen ist“.

Zu ihren Kernkompetenzen gehören Hate Speech, Trollen, Doxxen, Outings und Mahnwachen.

Man nennt TERFs und SWERFs deswegen auch die Westboro Baptist Church des Feminismus.

(Alles ausführlicher nachzulesen im Rationalwiki [englisch])

Anti-Trans Tropes

TERFs haben ein paar Anti-Trans Stereotypen, mit denen sie ständig arbeiten. Das wären …

„TERF is a slur!“

Der Begriff „TERF“ ist laut der so bezeichneten Gruppe eine Beleidigung, die sich Transmenschen ausgedacht haben, um lesbische Frauen / Feministinnen / Radfems zu diskreditieren. Sie möchten lieber Radical Feminists (Radikalfeministinnen) genannt werden.

In Wirklichkeit ist TERF lediglich eine Abkürzung für „Trans Exclusionary Radical Feminist“ (Transausschließende Radikalfeminist*in) und hat beschreibenden Charakter. Die Spezifizierung „transausschließend“, die die TERFs an der Bezeichnung stört, ist gerade dazu gedacht, die TERFs von anderen Radfems zu unterscheiden. Nicht alle Radfems sind transausschließend.

Der Begriff „TERF“ tauchte erstmals 2008 bei finallyfeminism101 auf. Die Urheberin tigtog (anders als in der TERF-Legende nicht trans- sondern cis-weibliche Feministin) schrieb dazu später, dass sie den Begriff in privaten Chats schon vorher benutzt hatte, um TERFs von Radfems zu unterscheiden.

Als Selbstbezeichnung verwenden manche TERFs auch das euphemistische Label „Gender Critical Feminism“ (GCF), also „Genderkritischer Feminismus“.

Ausführlicher kann man das hier nachlesen.

„Cis is a slur!“ / „Cis ist eine Beleidigung“ / „Cisgender existiert nicht“

Auch der Begriff „Cis“ ist laut TERFs eine Beleidigung, die sich Transmenschen ausgedacht haben, um „Women born Women“ („Frauen, die als Frauen geboren wurden“) zu diskreditieren. Das stimmt auch nicht.

Die Klassifikation in Cis und Trans taucht bereits 1914 im „Lexikon des gesamten Sexuallebens“ auf. Dr. Ernst Burchard beschreibt dort Cisvestitismus (im Gegensatz zu Transvestitismus) als „die Neigung, die Kleidung einer anderen Altersstufe, Volks- oder Berufsklasse des gleichen Geschlechts zum Zwecke sexueller Entspannung anzulegen, dem Transvestitismus verwandt (s. Verkleidungstrieb)“. [Mehr dazu bei TransAdvocate]

Unabhängig davon, wieviel Burchards Beschreibung aus heutiger Sicht noch taugt: Die Unterscheidung Cis/Trans ist jedenfalls schon alt.

Trans“ ist ein lateinisches Präfix, das „durch, über, hinüber, jenseits, auf die andere Seite“ bedeutet. „Cis“ bedeutet „diesseits“.

Cisgender bedeutet, dass jemandes Geschlechtsidentität (vereinfacht: das „gefühlte“ Geschlecht) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Transgender [englisch] bedeutet, dass Geschlechtsidentität und bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht nicht übereinstimmen. Cis- heißt also einfach: Nicht trans.

Dass Feminismus heute auch die Norm (hier: Cisgender) benennt, statt nur der Abweichung (hier: Transgender), verdanken wir der Queer Theory oder allgemeiner der poststrukturalistischen Theorie. Diese haben nämlich irgendwann mal festgestellt, dass sich Normen schlecht in Frage stellen lassen, wenn man sie nicht benennt.

The Cotton Ceiling / Die baumwollene Decke

Was die „Cotton Ceiling“ wirklich ist: Der Begriff wurde von Drew DeVeaux, einer kanadischen Transfrau, Aktivistin und Queer-Porn-Performerin geprägt. Die „Cotton Ceiling“ beschreibt den Umstand, dass es für Transfrauen sogar in Frauen- und queeren Räumen oft immer noch darauf ankommt, was sich da nun genau in ihrer Unterwäsche („Cotton“) befindet (also: ob sie einen Penis haben). Der Begriff „Cotton Ceiling“ wollte darauf aufmerksam machen, dass sich trotz politischer und sozialer Akzeptanz Cis-Sexismus oft noch fortsetzt, wo es um die Begehrbarkeit bestimmter Körper geht.

Was TERFs daraus machen: Eine Verschwörung von Planned Parenthood, um lesbische Frauen zu vergewaltigen. (Ausführlich nachzulesen bei The Transadvocate: Cotton Ceiling – Uncovering the trans conspiracy to rape lesbians).

Im Jahr 2013 fanden sich ungefähr 7 Transfrauen zu einem Workshop bei Planned Parenthood ein, bei dem darüber diskutiert wurde, wie man die Cotton Ceiling überwinden könnte, also pauschale Vorbehalte ausräumen, die Menschen gegenüber den Körpern von Transfrauen haben. Den Veranstaltern zufolge wurde dabei diskutiert über: Body Image und Scham.

Die TERFs, denen anscheinend das Konzept „kein Sex ohne Zustimmung“ (Consent) fremd ist, leiteten daraus her, dass lesbischen Cis-Frauen penetrativer Sex mit Transfrauen aufgezwungen würde, weil ihnen andernfalls der Vorwurf der Transfeindlichkeit droht.

Allein schon dieser Gedankengang ist transfeindlich. Wer sich die Begründungen in dem Post bei The Transadvocate durchliest, warum diese Akteurinnen Sex mit Transfrauen pauschal ablehnen, wird aber auch da ganz viel Transfeindlichkeit finden.

TERF-Protagonistin und Anwältin Cathy Brennan, die sonst Transfrauen mit Zeichnungen, auf denen „Sorry for your penis“ steht, trollt, nennt diese (nicht existente) Praxis, lesbischen (Cis-) Frauen Sex mit Transfrauen aufzuzwingen, „Corrective Rape“ [Wiki]. „Corrective“ weil hier lesbische Frauen zum – ihrer Meinung nach – heterosexuellen Sex mit – ihrer Meinung nach – Männern (weil: Penis) gezwungen würden, um ihre gesellschaftlich unerwünschte sexuelle Orientierung zu ändern.

The Transsexual Empire / Das transsexuelle Imperium

„The Transsexual Empire: The Making of the She-Male“ ist ein 1979 erschienenes Buch der US-amerikanischen TERF Janice Raymond. In diesem Buch argumentiert Raymond, dass Transsexualität, und insbesondere psychologische und chirurgische Herangehensweisen, traditionelle Geschlechterstereotype verstärken. Raymond erörtert, wie – ihrer Meinung nach – der medizinisch-psychiatrische Komplex Geschlechtsidentiät medikalisiert habe und wie der soziale und politische Kontext dabei geholfen habe, die Behandlung transsexueller Menschen zu normaler therapeutischer Medizin zu machen. Für Raymond basiert Transsexualität auf dem „patriarchalen Mythos“ der „männlichen Mutterschaft“ und darauf, „Frauen nach dem Abbild des Mannes zu schaffen“.

Raymond behauptet, dies geschehe, um „feministische Identifikation, Kultur, Politik und Sexualität zu kolonisieren“, und weiter „Alle Transsexuellen vergewaltigen Frauenkörper, indem sie die echte weibliche Form auf ein Artefakt reduzieren, sich diesen Körper für sich selbst aneignen. […] Transsexuelle lassen nur die offensichtlichsten Mittel der Invasion in Frauen weg, so dass sie nicht-invasiv erscheinen.“ (Raymond, 1994, The Transsexual Empire, S. 104) [Alles via Wikipedia]

Autorin, Biologin und Transgender-Aktivistin Julia Serano bezeichnet in „Whipping Girl“ Raymonds Buch als „die wahrscheinlich einflussreichste feministische Literatur über Transsexuelle“.

Serano führt zu Raymond weiter aus, dass diese die Existenz von Transmännern praktisch ignoriert, indem sie sie als „Feigenblätter“ verwirft, und sich stattdessen fast ausschließlich auf Transfrauen bezieht, denen sie vorwirft, mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen stereotype Weiblichkeit anzustreben. Die meisten Transsexuellen entsprechen laut Raymond stärker der femininen Rolle“ als die femininste „geborene Frau“. Dies überrasche Raymond nicht, so Serano, denn diese glaube, dass Weiblichkeit an sich ein künstliches Nebenprodukt der patriarchalen Gesellschaft sei. Demnach werden Transfrauen laut Raymond, auch wenn sie Weiblichkeit erreichen, keine „echten“ Frauen.

Raymond nennt Transfrauen „male-to-constructed-females“ („männlich-zu-konstruiert-weiblich“) und verwendet in ihrem Buch durchgängig männliche Pronomen für sie.

Nur widerwillig räumt Raymond die Existenz von Transfrauen mit nicht ganz so stereotyper Weiblichkeit ein, die sie als „transsexuell konstruierte lesbische Feministin“ bezeichnet. Über diese Frauen sagt sie, diese wollen „Frauen auf einer tieferen Ebene besitzen“. Raymond diskutiert weiter, wie lesbisch-feministische Transfrauen „Täuschung“ benutzen, um Frauenräume zu „penetrieren“.

Verhalten sich Transfrauen „zu weiblich“, ist es falsch, verhalten sie sich „zu unweiblich“, ist es ebenfalls falsch für Raymond. Im einen Fall, so Serrano, seien sie „Parodie“, und im anderen offenbarten sie ihre „wahre männliche Identität“.

Serano schließt ihre Ausführungen zu „The Transsexual Empire“ mit der Anmerkung, dass, obwohl einiges komplett over the top ist – etwa die Prämisse des Buches, dass „die biologische Frau sich im Prozess befinde, überflüssig gemacht zu werden durch Bio-Medizin“ – dass viele von Raymonds Argumenten aber dennoch dazu benutzt werden, Transfrauen aus Frauen-Organisationen und -Räumen auszuschließen.

So würde z.B. beim Michigan Music Festival argumentiert, dass Penisse (an Transfrauen) die dort ausschließlich erwünschten Women-born-Women an vergangenen Missbrauch erinnern und triggern würden. Realistische Dildos und Strap-Ons an Cis-Frauen seien dort aber kein Problem.

(Alles vorstehende frei nach „Feminist Depictions of Trans Women“ aus: „Whipping Girl“ von Julia Serano)

„Geschlechtsangleichung ist eine Erfindung des Patriarchats“

Sheila Jeffreys, TERF-Meinungsführerin und Autorin, erklärt seit Jahren und in mittlerweile mehreren Büchern geschlechtsangleichende Operationen zu einer Verschwörung des Patriarchats.

Aus Jeffreys Buch „Gender Hurts“ zu Transmännern (Übersetzung von mir):

„Das Transgendern [sic!] von Frauen ist ein Gegenmittel gegen den Feminismus, weil es ein Weg ist, auf dem einzelne Frauen ihren Status durch den Beitritt zur Kaste der Männer erhöhen können. Im Gegensatz dazu versucht Feminismus, männliche Überlegenheit zu demontieren, so dass der Status aller Frauen angehoben wird, und dieser Aufgabe ist in keiner Weise durch die soziale Mobilität in Richtung männlichen Status für eine winzige Minderheit von Frauen gedient.“

Und zu geschlechtsangleichenden Operationen in Transgender Activism: A Lesbian Feminist Perspective, Journal of Lesbian Studies, 1997 (PDF) via Transadvocate:

„[Transsexuelle Chirurgie] könnte mit der politischen Psychiatrie in der Sowjetunion verglichen werden. Ich schlage vor, dass Transsexualität am besten in diesem Licht betrachtet werden sollte, als direkt politische, medizinische Verletzung von Menschenrechten. Die Verstümmelung von gesunden Körpern und die Unterwerfung solcher Körper unter gefährliche und lebensbedrohliche fortgesetzte Behandlung verletzt das Recht solcher Menschen, in Würde in dem Körper zu leben, mit dem sie geboren wurden, was Janice Raymond als ihre „nativen“ Körper bezeichnet. Es stellt einen Angriff auf den Körper dar, um einen politische Zustand zu beheben, Unzufriedenheit mit dem „Gender“ in einer durch männliche Vorherrschaft geprägte Gesellschaft, die auf einer falschen und politisch konstruierten Vorstellung von Geschlechterdifferenz basiert. Neuere Literatur über Transsexualität in der lesbischen Community zieht Verbindungen mit den Praktiken des Sadomasochismus.“

Dazu führt Jeffreys auch in ihrem später verfassten Buch „Gender Hurts“ nochmal aus:

„Cross-Dressing [Anm.: Bei Jeffreys ist alles Transsein Cross-Dressing] von Männern wird keinen Sinn mehr machen in einer Zukunft, in der flache Schuhe von beiden Geschlechtern getragen werden können, und in der es keine Kleidung mehr gibt, die nach Unterordnung riecht, die den Kick von Unterwerfung verschafft“.

Jeffreys versucht sich in „Gender Hurts“ dann auch an einer Herleitung der „Erfindung des Transsexuellen“ durch den medizinischen Diskurs in Anlehnung an Foucault. Foucault hat nachgezeichnet, wie aus homosexuellem Begehren, das es schon lange vorher gab, der Homosexuelle als Identität entstand.

In Jeffreys nicht so ganz stringent argumentiertem Erklärungsansatz wird Transsexualität dann zu verdrängter Homosexualität (also: in das Geschlecht, mit dem man heterosexuell wäre, wechseln wollen, um sich gesellschaftlichen Normen anzupassen) oder bzw. und Autogynephilie (sexuelle Erregung durch sich selbst als anderes Geschlecht). Autogynephilie behandelt auch heterosexuelle transsexuelle Menschen als „eigentlich“ Homosexuelle („Homosexual transsexual„).

Jeffreys erklärt dann noch, dass man Foucault nicht homophob nannte für seine Ausführungen zur Erfindung des Homosexuellen. Weswegen sie glaubt, dass man sie nun nicht transfeindlich nennen könnte.

Jeffreys datiert die Sozialkonstruktion des Transsexuellen, und damit die Herstellung eines Bedarfs an Geschlechtsangleichung, auf das späte 20. Jahrhundert. Klar, weil: Für ihre Herleitung, dass Gender weh tut, und „Transgenderism“ in Wirklichkeit etwas anderes ist, die Existenz des Diskurses über Gender notwendig ist.

Jeffreys Argumentation folgend, hätten also vor dem späten 20. Jahrhundert und der „Erfindung“ von Gender und Transsexualität Menschen von diesen neu geschaffenen sozialen Zwängen unbehelligt transsexuell leben können.

In Wirklichkeit gab es die ersten geschlechtsangleichenden Operationen aber bereits in den 1930er Jahren [Wikipedia, Trans Media Watch]. Intersexualität ist bereits in der griechischen Mythologie beschrieben. Und die*der römische Herrscher*in Elagabalus soll um das Jahr 222 bereits Ärzten große Mengen Geld geboten haben für „weibliche Genitalien“.

Zudem dürfte vor der Sozialkonstruktion der homosexuellen Identität – wenn man mal versucht, Jeffreys Argument zu folgen – Transsexualität schon deswegen keinen Sinn ergeben haben, weil keine homosexuelle Identität existierte, die man hätte verdrängen können. Die früheste Datierung der Erfindung der Homosexualität stammt von Allan Bray, der sich auf Ende des 17. Jahrhunderts festlegt, als in England um die Molly Houses eine homosexuelle Subkultur entstand. Wenn es nach Jeffreys ginge, dürfte es davor also keinerlei Notwendigkeit gegeben haben, transsexuell zu sein. Dagegen sprechen zahlreiche früher datierende Beschreibungen von Menschen, bei denen nach ihrem Tod „falsche“ Genitalien festgestellt wurden.

Was daneben natürlich ganz entscheidend an Jeffreys Argumentation stört: Es gibt auch heute Transfrauen, die freiwillig und nicht nur aus äußeren Zwängen mit Penis leben. Denen erzählen aber neben „dem Patriarchat“ inbesondere die TERFs, die die Existenz von Gender als Kategorie bestreiten, dass sie so keine „richtigen Frauen“ sein könnten.

Damit müssten die TERFs in einer gerechteren Welt in einem Logikwölkchen verpuffen.

Colleen Francis und der Evergreen State College Vorfall (Hoax)

Der Legende nach lief ein 45jähriger Student namens Colleen Francis zu mehreren Gelegenheiten nackt in der Frauenumkleide des Evergreen State College herum. Diese Umkleide teilt sich das College mit der nahe gelegenen Olympia High School und dem lokalen Schwimmclub, in dem auch Kinder mitmachen. Die herbei gerufene Polizei stellt fest, der Mann ist „transgegendert“. Die Staatsanwaltschaft weigert sich, die jungen Mädchen vor dem emotional verstörenden Anblick dieses „biologischen Mannes“ zu schützen.

Quelle für diese erschütternde Nachricht war Fox News. Deren Quelle war ein Brief an das Evergreen State College aus November 2012. Absender dieses Briefes war die „Alliance Defending Freedom for Faith and Justice“, eine Organisation für „Ex-Homosexuelle“ als Fürsprecher „besorgter Eltern“.

Den wahren Kern der Geschichte hat The Transadvocate zusammengefasst:

Zwei 17jährige sahen Colleen Francis und deren cisgender Freundin nackt in der Sauna des Evergreen State College sitzen. Zu dieser Sauna war den Teenagern der Zutritt verboten. Die Menschen in dieser Sauna sind von außen nicht zu sehen, es sei denn, man bemüht sich darum, hineinzusehen.

Colleen Francis und ihre Freundin haben sich also nicht vor Kindern entblößt. Die Teenager befanden sich in einem Bereich, in dem sie nicht sein durften, um in diese besagte Sauna hinein zu spionieren. Achso, und es gab nur diesen einen Vorfall laut einem Sprecher des Colleges, nicht mehrere, und dieser Sprecher fand die sensationalistische Berichterstattung darüber ziemlich übertrieben.

Der Florence Colorado Vorfall (Hoax)

Im August 2013 wurde in Kalifornien ein Gesetz verabschiedet, das besagt, dass Schulen Transgender-Schüler*innen wie ihre Cisgender-Mitschüler*innen behandeln müssen.

Gegen dieses Gesetz (AB 1266; „CA School Bathroom Bill“) hatte sich vorher das Pacific Justice Institute (PJI), eine christlich-konservative Rechtshilfe-Organisation, eingesetzt. Zuerst, indem sie sich über LGBT-Jugendliche lustig machten („Ich habe mich immer mit Giraffen identifiziert. Ich denke, ich bin eine.“ — eine Gans), dann mit einer Wählerinitiative, in der Transkinder in Schulklos als Gefahr für Ciskinder dargestellt wurden.

Als abschreckendes Beispiel in dieser Kampagne gegen die Gleichstellung von Transjugendlichen diente Jane Doe, Schülerin an der Florence, Colorado, High School, ein – laut PJI – „Junge“, der im Schulklo Teenagermädchen sexuell belästige, ein „Alptraumszenario“, von dem LGBT-Aktivist*innen immer behauptet hätten, es würde nie eintreten.

Der Fall bekam großes Medieninteresse von der britischen Daily Mail bis Fox News. Es folgten zahllose Gewalt- und Todesdrohungen gegen Jane Doe.

The Transadvocate ging der Sache nach, mit dem Ergebnis, dass es keine Vorfälle sexueller Belästigung gegeben hatte, sondern, so eine Sprecherin der Schule, lediglich Unmut bei einigen Schüler*innen und Eltern, darüber, dass Jane Doe überhaupt das Mädchenklo benutzte.

Die Daily Mail zog ihre Story daraufhin zurück.

Stichwort: Cathy Brennan, TERF-Meinungsführerin, der hier nun die Ehre der religiösen Rechten so am Herzen lag, dass sie sich auf ihrer Website „Gender Identity Watch“ an den Attacken gegen Jane Doe, beteiligte. Brennan ließ Jane Doe’s vollen Namen selbst dann noch auf Ihrer Website stehen, als bekannt wurde, dass das Mädchen wegen Suizidgefährdung überwacht wurde.

Salt & Light Council, ein Partner von PJI, streute dann ein weiteres Gerücht über eine*n Transjugendliche*n, die*der im Schulklo über die Kabinen schaue und Cisjugendliche sexuell belästige.

Auch dieser Vorfall stellte sich laut der Schulbehörde als fingiert heraus. Was PJI nicht davon abhielt, mit diesem Szenario Unterschriften gegen die Gleichstellung von Transjugendlichen betreffend Schulklos zu sammeln.

Das Southern Poverty Law Center (SPLC) hat PJI mittlerweile offiziell als Anti-LGBT Hate Group eingestuft und untersucht die TERF-Bewegung.

Dieselbe Angstmache und eine Abwandlung davon betreibt Sheila Jeffreys in „Gender Hurts“. Sie meint, verkleidete Männer würden sich mit der Behauptung, transgender zu sein, in Frauenklos einschleichen, um dort Upskirt-Fotos zu machen. Deswegen unter anderem seien Transfrauen (bei ihr: Männer) in Frauenklos eine Gefahr.

Fazit und Ausblick

Für TERFs ist penetrativer Sex per se gewalthaltig. Das heißt: Alle Frauen sollten laut TERFs politische Lesben sein.

TERFs halten jede Art von Sexarbeit und Porn für Ausprägungen der Verschwörung des Patriarchats gegen die (Cis-) Frauen. Queere und feministische Interventionen in Porn, halten sie wahlweise für das Patriarchat oder einen Witz.

BDSM ist ebenfalls – und unabhängig davon, ob das für die Konstellation passt – das Patriarchat™. Die Entscheidungsfähigkeit wird den beteiligten (Cis-) Frauen entsprechend abgesprochen. Die wissen dann eben nicht, was sie tun. Das ist aber nochmal ein anderes Thema, das für diesen Beitrag zu weit führen würde.

Man könnte zu TERF Theorie noch sehr viel mehr schreiben. Ich will es aber an der Stelle dabei belassen und mit einer kleinen Aufforderung zu mehr Achtsamkeit schließen:

Wir befinden uns im Feminismus der 4. Welle mittlerweile (wenn man diesem Wellenmodell folgt), die sich als intersektional und inklusiv versteht. Und unabhängig davon, ob überhaupt und für wie determiniert man Geschlecht hält, sollten wir uns doch mal Gedanken darüber machen, ob wir diesem Anspruch immer so gerecht werden.

Ich sehe ständig feministische Aktionen, an denen Uterus- und Muschi-Maskottchen pappen, Vagina-Cupcakes, „Viva la Vulva“ an sexpositiven Events, und Frauen, die solche körperliche Ausstattung nicht haben, fühlen sich da oft zu Recht ausgeschlossen. Ich sehe angesehene Feministinnen, die Cis-Frauen Saunas fordern ohne signifikanten Widerspruch.

Dieser sinnlose und falsche Bezug auf Biologie ist Teil der normativen Matrix, die Feminismus überhaupt nötig macht. Darum sollten wir überall, wo wir diesen Bezug herstellen, fragen: Warum unterstützen wir den?

Links:

TERF HUB: Resources for those who want to learn what Trans Exclusionary Radical Feminism is really about

 

Danke an @chaossprite für das Lektorat.

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