My Netzpolitik will be intersectional or it will be bullshit

(Überschrift geklaut bei @ihdl.)

Dieser Nerdcore-Text über Hate Speech hat mich dann doch noch ein wenig zum Nachdenken gebracht über die deutsche Netzpolitik, das große Ganze und warum mich das so überhaupt nicht erreicht.

Ich nannte den Text Peak Dudebro II. Er erinnerte mich stark an einen Text, den ich vor kurzem als Peak Dudebro bezeichnete: Eine konsequent am eigenen Tellerrand scheiterende Wall of Text eines Typen, der offenbar komplett überzeugt war, dass er gerade das Rad neu erfunden hat. Um neu erfundene Räder geht’s auch später nochmal, aber zuerst zu Nerdcore.

René Walter hat auf seinem Blog Nerdcore letzte Woche also diesen Artikel über Hate Speech veröffentlicht, der im Unterschied zu anderen Texten zum Thema prompt unter anderem von Netzpolitik.org wohlwollend besprochen wurde, obwohl er inhaltlich und formal ein Totalausfall war.

Ich hätte gerne was Positives zu dem Text geschrieben. Ich habe nichts gefunden. Ich habe dem Text gefühlte 499 zweite Chancen gegeben. Ich habe ihn angeorrrrt. Ich habe WTF zu ihm gesagt. Ich habe weiter gelesen. Ich habe ihn zu Ende gelesen, wie ich schlechte Bücher zu Ende lese und wie ich erst nach s05e06 aufgehört habe, Game of Thrones zu schauen: In der Hoffnung, da kommt noch irgendwo ein Twist und es wird ein bisschen weniger schlimm.

Ich will auf den Text inhaltlich gar nicht eingehen. Das hat Mina hier schon getan. Wenn ihr Minas Text lest und diesen Text bei der Mädchenmannschaft, bekommt ihr einen ganz guten Überblick, was das Problem ist, warum man aus Hate Speech auf der einen und Gegenwehr auf der anderen Seite nicht zwei Seiten imaginieren kann, die beide Fehler gemacht hätten. Auf der einen Seite sind gewaltvolle Sprechakte, die sich in ein größeres System aus Gewalt und Unterdrückung einfügen, auf der anderen gefallen Inhalt und Ton von Kritik nicht.

Hate Speech hat andere Auswirkungen als ein paar verletzte Gefühle. Siehe dazu den verlinkten Mädchenmannschaft-Text. (Ja, ich weiß, dass unanstrengender Komfort-Feminismus schöner wäre, aber den gibt’s halt nicht in sinnvoll. Du wirst drüber weg kommen.)

Es geht um was anderes als Emotionen. Auch wenn das Hate Speech heißt.

Ich erwarte von Netzpolitik-Expert*innen, dass sie sowas wissen. Sie wissen es aber offensichtlich nicht, sonst hätten sie den Nerdcore-Text nicht geteilt. Auf einem Blog, das sich Netzpolitik nennt. Einen Text, der Hate Speech aus ihrem Kontext von Macht- und Diskriminierungsverhältnissen zieht und sie entpolitisiert.

René Walter verschweigt in seinem Text einen großen Teil des Diskurses um u.a. Gamergate. Hätte er sich um ein vollständiges Bild bemüht, hätte sein Text, hätten die Schlüsse, die er zieht, keinen Sinn gemacht. Darum lässt er weg, verdreht, und definiert den Begriff Hate Speech um. Damit er am Ende ungefähr so viel bedeutet wie „Leute sagen Sachen, die nicht so schön sind“.

Und er kommt damit bei anerkannten Netzpolitik-Expert*innen durch. Voll. Toll. Und mit toll meine ich natürlich scheiße.

Walter benutzt diese ganzen „Call Out Culture“ und „Toxic Twitter Feminism“ Tropes um „Social Justice Warriors“ und „Public Shaming“. Er kennt die Hintergründe nicht oder er ignoriert sie. Er hat sein Wissen eher bei Gamergatern aufgeschnappt als bei der Recherche zu Gamergate. Und so kommt man dann darauf, dass diese Aktivist*innen/Feminist*innen ja auch ganz schön schlimm sind heutzutage und sich da zwei Seiten nicht viel nehmen.

This is Bullshit.

In Wirklichkeit sind es Schwarze Frauen und andere Women of Color gewesen, die toxisch genannt wurden, weil sie Kritik geübt haben am Feminismus privilegierter weißer Frauen, die ihre eigenen Interessen zentrieren. Hätte man wissen können, interessiert weiße Typen aber natürlich nicht so brennend. Call Out Culture und Public Shaming sind trans* Frauen, Sexworker*innen, Klassismusbetroffene, die irgendwann mal gesagt haben, dass sie sich nicht mehr unter den Bus schubsen lassen für die Interessen privilegierter weißer cis hetera Feministinnen, die ihren gläsere Decken / weißen / cis-heten Feminismus durchziehen auf Kosten marginalisierter Frauen (und anderer Gender).

Ja, für diskriminierende Scheiße wird man heute zur Rede gestellt. Nein, das ist nicht fast genauso schlimm wie die Gewalt der Marginalisierte ausgesetzt sind. Kontext, Leute. Transfrauen werden auf der Straße umgebracht, trans* Jugendliche bringen sich um, weil in einer Welt, in der Leute von gefühlslinken Peers beklatscht werden, wenn sie erklären, sie wären ja schon auch links und feministisch und so, aber was „CIS“ bedeutet, müssten sie ja wohl nicht wissen, Überleben manchmal ein bisschen schwierig ist, wenn man anders ist. Weil jeder Nullerjahre A-Blogger Abnehmer für sein unqualifiziertes tendenziöses Meinungsstück findet, anstatt dass wir ein Mal Marginalisierten zuhören und gucken, was da eigentlich so alles falsch läuft.

Netzpolitik-Dudes interessieren sich nicht für Überwachung und Repression von Sexarbeiter*innen. Die interessieren sich nicht für das Prostituiertenschutzgesetz. Hat ja auch überhaupt nichts mit Überwachung zu tun. Die interessieren sich nicht dafür, wie Sexarbeiter*innen im Netz angegangen werden, warum, von wem. Das ist bezeichnend.

Wieso verlinkt Netzpolitik.org keine relevanten Texte von Frauen? Laurie Penny’s Unspeakable Things hat ein sehr aufschlussreiches Kapitel über Sexismus im Netz. Zu unbekannt?

@ihdl, @tugendfurie, @lasersushi, @grrrlsteam, @halfjill_2010, @kleinerdrei schreiben alle über netzpolitik-relevante Themen. Ich könnte eine viel längere Liste schreiben, alle nicht wirklich verbreitet in Netzpolitik-Dudes Blogrolls.

Mit dem englischsprachigen Twitter will ich gar nicht anfangen. Da fehlen so viele Diskussionen im deutschsprachigen Raum.

Stattdessen hat man irgendwie gehört, dass Feminist*innen übertreiben und nerven und Leute kritisieren, die es ja echt nicht so gemeint haben und Tumblr soll ja so schlimm sein, und man muss Leute ja auch abholen, wo sie stehen und mitnehmen und jemandes Girlfriend ist auch Gamerin und die sieht da beim besten Willen keinen Sexismus. Und Gamergate? Dass da Frauen zeitweise ihr Zuhause verlassen müssen aufgrund von Drohungen ist ja auch irgendwie… Das sind ja verwirrte Einzelne, die sowas machen, der Rest steht wirklich für Ethics in Games Journalism.

An Netzpolitik.org macht mir so einiges Bauchschmerzen: Dass es ein Boys‘ Club ist. Permanenter Circle Jerk. Dass dort im generischen Maskulinum geschrieben wird. Dass dort weiße Leute mit Dreadlocks schreiben. Hallo 2015. Und noch einiges andere, um das es hier heute nicht geht.

Ich finde nicht schlimm, das Netzpolitik.org mal aus Versehen Bullshit teilt. Ich finde schlimm, dass sie das trotz der Hinweise, dass es Bullshit ist, stehen lassen. Ich finde schlimm, dass sie Kompetenz vortäuschen.

Sie vertrauen einem Typen aus ihrer Bubble, der offensichtlich null Expertise hat, über das Thema zu schreiben. Sie haben offenbar das gesamte Gamergate verpasst. Als anerkannte Expert*innen für Netzpolitik. Muss man auch erst mal schaffen, so eine Diskursferne.

Ich finde schlimm, dass komplette Diskurse an ihnen vorbeigehen, die Teil von Netzpolitik sind. Ich finde schlimm, dass sie von Expert*INNEN nichts teilen und sobald jemand aus ihrem Boys‘ Club was schreibt, das ungeprüft durchgeht, und die sich gegenseitig Credibility verleihen und das rumgeht wie warme Brötchen.

Sowas macht Netzpolitik.org für mich ziemlich wertlos. Ich brauche sowas wie Netzpolitik, damit ich mir nicht alles selber anlesen muss. Damit jemand für mich sortiert und filtert. Aber so jemandem müsste ich vertrauen können.

Nochmal zurück zu dieser „zwei Seiten und beide haben Fehler gemacht“-Fantasie. Das ist ein riesiger Diskurs, der hier verpasst wurde.

Da haben wir also jetzt weiße, privilegierte Netzpolitik-Typen, einige von denen bezeichnen sich selbst als links, und die kriegen Dinge nicht mit. Die verpassen Hintergründe. Aber für deren Leser macht das nichts. Dann schreibt es halt jemand von außen und Netzpolitik.org hat dann nicht mal Zeit/Lust/Ressourcen zu checken, ob das so stimmt. Und deren Leser? Merken es nicht. 16 Sorten awesome. Und mit awesome meine ich natürlich wieder scheiße.

Diese Netzpolitik-Lautsprecher sind Liberale (bestenfalls), die nicht gut finden, dass wir jetzt alle komplett überwacht werden, denen das aber wahrscheinlich ziemlich egal wäre, wenn sie nicht selbst betroffen wären. Siehe die Sexworker*innen. Deren spezielles Überwachungsproblem interessiert Netzpolitik-Dudes nicht. Denen sind viele Dinge, von denen sie nicht selbst betroffen sind, oder für die sie nicht gefeiert werden, offensichtlich egal.

Unter inklusiver und intersektionaler Netzpolitik verstehe ich was anderes.

Es gibt im englischsprachigen Raum so viele Blogger*innen und Autor*innen / of Color, die sich mit Netzpolitik beschäftigen. Davon kommt in Deutschland nichts an. Das interessiert weiße Typen nicht. Sowas hält man hier für bizarres Spezialinteressengedöns. Oder man plagiiert ein bisschen, ordentlich verwässert natürlich, und tut so, als wären anderer Leute Gedanken einem selber eingefallen, gibt keine Credits, eignet sich Zitate schwarzer Bürgerrechtler für weiße Nerd Problemchen an usw.

Hier muss man nicht wissen, was cisgender bedeutet, oder warum weiße Leute weiß genannt werden und nicht mehr nur Leute. Can’t we all just get along? Haben nicht beide Seiten Fehler gemacht? Nein.

Gucken wir mal nicht nur auf Netzpolitik.org, sondern z.B auf Digitalcourage e.V. Same Bullshit, nur mit mehr Frauen.

Gründungsmitglieder von Digitalcourage, vormals FoeBud, sind Rena Tangens (die stolze Erfinderin der unsäglichen Datenkrake) und Padeluun (bekannt aus nationalistischen Reden auf der FsA und Erklärungen zu geschlechtergerechter Sprache im generischen Maskulinum. Please stop helping!) Außerdem zuständig für Feminismus ist Leena Simon, die sich u.a. dafür feiert, dass sie den Feminismus in der Piratenpartei vorangebracht hätte. (Piratenpartei Alpha Centauri, oder wo?)

Moderner Feminismus versucht, inklusiv und intersektional zu sein. Dass sich Digitalcourage diesem Anspruch nicht verpflichtet fühlt, zeigt sich schon nach nur flüchtigem Hingucken.

Das am meisten kritisierte Problem bei Digitalcourage ist wahrscheinlich deren mangelndes Verständnis von strukturellem Antisemitismus und das Beharren auf dem Motiv der Datenkrake.

Des weiteren bedient man sich, wie schon damals in der Piratenpartei, antifeministischer Tropes von „radikalen (männerhassenden)“ Feministinnen, von denen man sich distanziert, um sich als vernünftiger und gemäßigter darzustellen, und diskreditiert damit andere als die eigenen Anliegen.

Dann wird bei Digitalcourage von „Ecken“ schwadroniert, in die Feminist*innen Leute nicht stellen dürften, nur weil sie Dinge nicht wüssten. Und bei diesen ganzen Tropes von wirklich schlimmen Feministinnen, mit denen man aber nichts zu tun hat, fällt mir schon ein bisschen schwer, Digitalcourage in eine feministische „Ecke“ zu stellen, nur weil sie sich so nennen.

Diese Ecken-Rhetorik zeigt deutlich, dass Digitalcourage sich mit neuerer linker Theorie nicht auseinandersetzt. Der Verweis auf rechte / antifeministische / sonstige „Ecken“, wenn es um Diskriminierung geht, dient der Mehrheitsgesellschaft dazu, sich selbst als Unbeteiligte zu imaginieren. „Die“ Rassisten, nicht „wir“. Männer bezeichnen andere Männer als Sexisten, als wäre ihre eigene Privilegierung durch Sexismus damit vom Tisch. That’s Bullshit.

Dem Feminismus von Digitalcourage fehlt vieles, das modernen Feminismus auszeichnet. Digitalcourage bewirbt und vertreibt u.a. Bücher von Luise Pusch, die eine Anti-Sexwork-Position vertritt, die den Aufruf der Emma zur Kriminalisierung von Sexarbeit unterstützt hat und auch sonst jede Menge problematisches Zeug schreibt, auch für die Emma. Das Promoten von Pusch widerspricht auch deutlich einer Abgrenzung vom Radikalfeminismus. Emma, Schwarzer, Pusch et al vertreten einen bunten Strauß nicht tot zu kriegender Haltungen, die dem Radikalfeminismus der zweiten Welle der Frauenbewegung zuzuordnen sind. Feminismus fühlt sich manchmal an wie Zombieapokalypse in letzter Zeit.

Die feministischen Positionen von Digitalcourage haben größere Überschneidungen mit dem Radikalfeminismus der 2. Welle als mit aktuellem Feminismus der 4. Welle. Bei Digitalcourage bezieht sich ein Großteil des Geredes über Feminismus auf Androzentrismus.

Heutiger intersektionaler Feminismus beschäftigt sich dagegen mit allen Diskriminierungsformen entlang der Unterdrückungsachsen Race/Class/Gender/Ability/… usw., heißt: Rassismus, Klassismus, Cis-/Hetero-/Sexismus, Behindertenfeindlichkeit und einiges andere mehr. Die einzelnen Unterdrückungsformen lassen sich, wie man heute weiß, nicht für sich stehend analysieren, da sie sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen. (Dieses Konzept nennt man Intersektionalität.)

Bei Digitalcourage geht es aber um Frauen, als teilten diese eine universelle Unterdrückungserfahrung. Das ist eine der seit langem widerlegten Prämissen des Radikalfeminimus: Die Annahme vom „Patriarchat“ als primärer Unterdrückung. Was bei den Marx-Bros das Kapital ist, ist für RadFems das Patriarchat. Gleicher Irrtum, unterschiedliche Ausführung.

Digitalcourage fährt außerdem eine eigene Strategie zu geschlechtergerechter Sprache, anstatt an vorhandene Arbeiten von Expert*innen sinnvoll anzuschließen. Das Ergebnis der Bemühungen ist dann leider auch a) nicht gut und b) alles andere als geschlechtergerecht.

Die Autor*innen bei Digitalcourage verwenden statt Unterstrich oder Asterisk einen Punkt (.) und machen damit Menschen, die Screenreader benutzen unnötig (weil nur für eigenen Wiedererkennungswert) das Lesen schwer.

Im Widerspruch zu diesem Versuch, _alle_ sprachlich zu inkludieren, ist dann an anderer Stelle wieder von „Beidnennung“ die Rede, wird also auf ein System der Zweigeschlechtlichkeit zurückgegriffen. Da scheint Digitalcourage schon im Ansatz ein Verständnisproblem zu haben, was geschlechtergerechte(re) Sprache überhaupt bedeutet. Hier wird Cis-Sexismus reproduziert und trans* Menschen ausgeschlossen mit einem Mittel, das dazu gedacht ist, Cis-Sexismus entgegen zu wirken. Das ist absurd.

Passt aber ins Gesamtbild aus verwässertem Feminismus von vorgestern plus Selbstbeweihräucherung für die Neuerfindung des Rades.

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Das waren jetzt nur zwei von vielen möglichen Beispielen dafür, wie sehr die deutsche Netzpolitik-Szene hinter den Erwartungen zurückbleibt. Meinen Erwartungen zumindest.

Es gibt aber noch viel mehr offene Fragen. Warum ist die deutsche Women in Tech Bubble so weiß? Warum stört das so wenige? Warum so viel Reden über statt mit Marginalisierten? Warum tun sich so viele Feminist*innen das Nettsein und Fragen und Netzwerken an, und warum dulden wir, dass sich (nicht nur) Typen als progressiv verkaufen, die das nicht wirklich sind? Die ihre eigenen Interessen zentrieren und Feminist*innen auf ihren Platz verweisen, sobald von denen was kommt, dass ihnen nicht passt.

Nerdcore-René behauptet von sich, Intersektionalität verstanden zu haben. Die Netzdudes sagen fast alle von sich, dass sie sich irgendwie „links“ oder „feministisch“ identifizieren, aber Identifikation und Labels sind das eine und Walk your Talk ist das andere. Und irgendwie sind da nicht allzu viele who walk their talk.

Why bother? Weil das Netzpolitik heißt und nicht Netzpolitik für weiße Typen und ihre Freunde. Weil Feminismus sowas wie eine Grundvoraussetzung ist, wenn man sich als links/emanzipatorisch versteht, und das unabhängig vom Label. Weil wir zu solidarischen Politiken/Politischem/Policies (sorry, mir ist auch warm) kommen müssen und dafür steht die etablierte Netzpolitik-Bubble gerade gar nicht.

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