SWERF Theorie 101 / Sexarbeit, Porn und Kink im Feminismus

Ich wollte eigentlich einen Blogpost schreiben über fehlende Solidarität im Feminismus für bestimmte „Themen“. Die Themen, um die es dabei gehen sollte: Sexarbeit, Porn und Kink. Das mache ich jetzt aber nicht, sondern erkläre erstmal was zu den Grundlagen von Sexarbeiter*innenfeindlichkeit und Kink-Shaming im Feminismus. Wie immer notwendigerweise unvollständig.

Ich habe diese Themen zu einem zusammengefasst. Wie und warum die zusammen gehören, will ich versuchen, in diesem Text zu erklären. (Die hängen beide auch noch eng mit Transfeindlichkeit im Feminismus zusammen, aber dazu hatte ich hier schon mal geschrieben.)

Netterweise hat Past Me ein Vortragsskript rumliegen lassen, das ich mit ein paar Änderungen und Kürzungen recyclen kann. Falls jemandem Teile dieses Textes bekannt vorkommen, habt ihr das also vielleicht schon mal live gehört.

So.

Sexarbeiter*innenfeindlichkeit und Kink-Shaming im Feminismus. Wo kommen solche Haltungen her? Wie werden die begründet? Was haben die miteinander zu tun? Und warum können wir die nicht einfach als unterschiedliche Meinungen oder Pluralismus hinnehmen?

Radikalfeminismus

Die problematischen Ansichten, um die es hier heute geht, stammen aus dem Radikalfeminismus der 2. Welle der Frauenbewegung, die in den 1960er Jahren begann.

Was sind die Unterschiede zwischen Radikalfeminismus und Feminismus der nachfolgenden 3. und 4. Welle?

Die Basis für Radikalfeminismus bilden zwei widerlegte Annahmen:

1. dass das Patriarchat die primäre Unterdrückung darstellt
2. dass alle Frauen gemeinsame Unterdrückungserfahrungen und Kämpfe haben

Kritik daran kam zuerst von Schwarzen Feminist*innen. Die haben erklärt, dass sie mit weißen Frauen der Kampf gegen Sexismus verband und mit schwarzen Männern der Kampf gegen Rassismus, und dass sie damit zwei Gruppen angehörten, die in überschneidenen Kämpfen gegeneinander standen. Schwarze Frauen erleben Sexismus anders als weiße. An der Überschneidung von anti-schwarzem Rassismus und Sexismus entsteht eine besondere Form von rassistischem Sexismus, den weiße Frauen nicht erleben mit u.a. Bezügen auf eine Geschichte in Sklaverei und Dehumanisierung.

Aus der Erkenntnis, dass die Kämpfe nicht trennbar sind, entwickelte Kimberlé Crenshaw das Konzept der Intersektionalität, das davon ausgeht, dass sich die verschiedenen Unterdrückungsachsen überschneiden und interagieren, was zur Folge hat, dass sich die einzelnen Positionen in den Unterdrückungsverhältnissen nicht für sich allein stehend analysieren lassen.

Der Fehler der Radikalfeministinnen war, dass dort überwiegend weiße Frauen ihre Erfahrungen zentriert und von ihren Erfahrungen aus verallgemeinert haben. Für die weißen Radikalfeministinnen ging weiterhin jedes Übel vom Patriarchat aus. Deswegen haben sich zuerst schwarze Feministinnen, dann andere, deren Interessen aufgrund dieser falschen Analyse an den Rand gedrängt wurden, vom Radikalfeminismus weg- und weiterentwickelt.

Mit der dritten Welle der Frauenbewegung kamen Queer Theory und Judith Butlers Konzept von Gender in den Feminismus. Und seit der vierten Welle versteht sich Feminismus als inklusiv und intersektional. „Wir“ sind aber nicht alle in der 4. Welle angekommen.

Umgekehrt gibt es aber auch Kritik: Viele Radikalfeministinnen kritisieren Feminismus der späteren Wellen z.B. als „Choice Feminismus“.

„Choice Feminismus“ nennt man die Idee, dass alles, wofür sich eine Frau entscheidet, bereits ein feministischer Akt wäre. Das ist natürlich unsinnig und Choice Feminismus insofern ein Problem. Wenn Radikalfeministinnen diesen Vorwurf aber pauschal an modernen Feminismus machen, ist das eine grobe Verkürzung einer unerwünschten Position. Ja, im modernen Feminismus geht es um Optionen um Wahlfreiheit. Nein, das heißt nicht, dass jede Wahl, die man trifft, automatisch in Ordnung wäre.

Was sind SWERFs?

Sex Worker Exclusionary Radical Feminism (SWERF), auf deutsch „Sexarbeiter*innen ausschließender Radikalfeminismus“, ist eine Unterform des Radikalfeminismus, die gegen die Beteiligung von Frauen an Pornografie und Prostitution opponiert. (Quelle: RationalWiki und nochmal RationalWiki)

Der Begriff wurde analog zum Transausschließenden Radikalfeminismus gebildet, da sich diese beiden inhaltlich und personell stark überschneiden.

Beide verfolgen normative Ansätze, d.h. einen Feminsmus, der Frauen vorschreiben will, wie sie sich zu verhalten haben.

SWERFs stören sich an der Objektivierung und Ausbeutung von Frauen durch Pornografie und die „Sex-Industrie“ (als ob das eine homogene Angelegenheit wäre), und an Gewalt und Missbrauch, die Sexarbeiterinnen oder Prostituierte erleben. Da unterscheiden sie sich entgegen ihrer eigenen Behauptungen kaum von vielen anderen Feministinnen. Was sie unterscheidet ist ihr Umgang mit Frauen, die freiwillig in Sexarbeit sind. In diesen sehen sie in aller Regel „Handlangerinnen des Patriarchats“ und behandeln sie entsprechend: Etwa mit Mobbing und derselben Unterdrückung, gegen die sie vorgeben zu kämpfen.

Wie die TERFs sind auch die SWERFs im Feminismus der 2. Welle stecken geblieben. Aber nicht alle Radikalfeministinnen schließen Sexworkerinnen aus. Nicht alle, die das tun, sind Radikalfeministinnen. Die Bezeichnung „SWERF“ ist also schon unscharf, weil sich das Problem nicht auf Radikalfeministinnen eingrenzen lässt, obwohl es seinen theoretischen Hintergrund aus dem Radikalfeminismus bezieht.

Was Sexworker*innen ausschließenden Feminist*innen, oft nicht gelingt, ob absichtlich oder unabsichtlich sei an der Stelle mal dahingestellt, ist die saubere Unterscheidung zwischen erzwungener und freiwilliger Prostitution.

Die European Women’s Lobby, größter Dachverband für Frauenrechtsorganisationen in der EU, setzt sich z.B. im Kampf gegen Menschenhandel für die Abschaffung selbstbestimmter Sexarbeit ein.

Zitat:

„If there were no men to buy sex, there would be no prostitution and therefore no trafficking for sexual exploitation“

„Wenn es keine Männer gäbe, die Sex kaufen, gäbe es keine Prostitution und demnach keinen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“

Das Problem ist also kein kleines. Dass Sexarbeit unterbunden werden sollte, ob nun durch direkte Kriminalisierung oder durch Kriminalisierung der Kunden, vertreten sehr viele Feminist*innen.

Erfahrungen aus Ländern, in denen Prostitution verboten ist, haben aber gezeigt, dass ein Verbot nicht dazu führt, dass es keine Nachfrage mehr gibt, sondern dass Prostitution in die Illegalität abgedrängt und für die Ausübenden gefährlicher wird.

Schauen wir uns mal die Argumente an, die die Prostitutionsgegner*innen haben…

Menschenhandel

Was an der Argumentation der Prostitutionsgegner*innen schon misstrauisch machen sollte, ist, wie die Opfer von Menschenhandel instrumentalisiert und ausgespielt werden gegen Frauen* in freiwilliger Sexarbeit.

Ich will Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung nicht verharmlosen, aber: Bei den Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland werden Opferschutzorganisationen zufolge nur wenige tatsächlich in die Prostitution gezwungen. Wenn man z.B. die EMMA liest, entsteht ein anderer Eindruck.

Viele werden explizit für Prostitution angeworben und werden in der Form Opfer von Menschenhandel, dass sie Arbeitsbedingungen zustimmen, die sich nicht realisieren lassen. Das heißt, sie wollen den Job machen, ihre Lage wird aber ausgenutzt, so dass sie sich zum Beispiel Kunden und Sexpraktiken nicht aussuchen können oder ihnen nur ein Bruchteil des von ihnen verdienten Geldes bleibt. Klassisch ist, Schulden für die illegale Einreise abarbeiten zu müssen. Die meisten Betroffenen werden aber nicht verschleppt oder mit der Aussicht auf irgendwelche anderen Jobs gelockt. Die wollen Sexarbeit machen, können das nur nicht selbstbestimmt tun.

Der Straftatbestand Menschenhandel ist explizit so definiert, dass eine für den Aufenthalt in einem fremden Land spezifische Zwangslage ausgenutzt werden muss. Diese Zwangslage wird also von der restriktiven Zuwanderungs- und Arbeitsmarkpolitik mitverursacht. Dadurch werden Menschen anfällig für Ausbeutung. Und sie haben keine Möglichkeit, sich an Behörden zu wenden, wenn sie auf die Möglichkeit, hier illegal zu arbeiten, angewiesen sind.

Außerdem lässt die staatliche Unterstützung für die Opfer von Menschenhandel extrem zu wünschen übrig: So sind z.B. Leistungen an die Aussagebereitschaft der Betroffenen gebunden. Betroffenen aus Nicht-EU-Staaten, die nicht mit den deutschen Strafverfolgungsbehören kooperieren, droht die Abschiebung. Das sind keine guten Maßnahmen gegen Menschenhandel.

Eine weitere Maßnahme, die vermeintlich dem Schutz von Prostituierten vor Fremdbestimmung dienen soll, ist das geplante „Prostituiertenschutzgesetz“. Die darin vorgesehenen Zwangsregistrierungen und -Beratungen werden laut Fachberatungsstellen für Sexarbeiter*innen das soziale Stigma noch verstärken, dem Sexarbeiter*innen ausgesetzt sind und sie weiter in ihrer Handlungsfreiheit einschränken. Das Gesetz sieht vor, dass sich Sexarbeiter*innen zwangsweise registrieren müssen, um arbeiten zu dürfen, und sich den Behörden vorstellen und sich begutachten lassen müssen, um Fremdbestimmung auszuschließen. Fremdbestimmung gegen Fremdbestimmung und ein Sahnehäubchen aus Stigma.

Prostitution ist nicht Menschenhandel

Viele legale und illegalisierte Migrant*innen und viele deutsche Frauen* ohne Migrationshintergrund, gehen in Deutschland selbstbestimmter Sexarbeit nach. Frauen* in der Prostitution pauschal zu Opfern zu erklären, missachtet deren Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Prostitution und Sexarbeit sind kein homogenes Feld. Es gibt eine riesige Bandbreite unterschiedlicher Erfahrungen von Straßen- und Bordellprostitution über Escorts, Camgirls, Fetisch-Models bis hin zu Porn-Performerinnen, …

Die von Prostitutionsgegner*innen immer wieder bemühte Darstellung von privilegierten „Happy Hookers“ auf der einen und armen Opfern auf der anderen Seite ist schlicht falsch. Zweckmäßigerweise führt diese Darstellung aber dazu, dass Sexarbeiterinnen nie für sich sprechen können: Wer der Darstellung vom armen Opfer widerspricht, ist keins, und nur um die armen Opfer geht es den Prostitutionsgegner*innen. Wer spricht ist privilegiert, ist nicht repräsentativ.

Genauso absurd ist die häufig genutzte Unterstellung, Sexabeiter*innen hätten ein „falsches Bewusstsein“ über ihren Job: Aktivist*innen, die Sexarbeit machen, erklären jeden Tag, warum das u.a. durch ungebetene Rettungsversuche verstärkte soziale Stigma, das ihrem Beruf anhaftet, ihre Arbeit so gefährlich macht.

Ihre eigenen Kämpfe werden also torpediert durch Rettungsversuche, die niemand braucht, und die Rettungsversuche damit begründet, dass sie nicht für sich selbst kämpfen könnten.

Das Schwedische Modell

Das schwedische Modell wird von vielen Prostitutionsgegner*innen als Lösung aller Probleme angepriesen. Ist es aber nicht, wie die Erfahrungen aus Schweden zeigen. Und das war auch gar nicht der Plan.

Kunden von Sexarbeit zu kriminalisieren, gefährdet die Sicherheit von Sexarbeiter*innen.

Ziel des viel gelobten Schwedischen Modells war, Sexarbeit zu beenden und die Sicherheit von Frauen, die damit aufhören wollen, zu erhöhen. Die schwedische Regierung hat explizit in Kauf genommen, dass Frauen, die in Sexarbeit bleiben, mit dem Modell erhöhten Risiken ausgesetzt werden, und das damit begründet, das die negativen Auswirkungen überwogen würden durch die Botschaft die dieses Gesetz senden sollte: Dass Prostitution nicht geduldet wird.

Sexarbeiter*innen in Straßenprostitution sind nun gezwungen, sich schneller zu entscheiden, mit wem sie mitgehen, haben weniger Zeit, sich Kunden anzuschauen, über die Bedingungen zu verhandeln, zum Beispiel Kondombenutzung. Und wo Kriminalisierung dazu führt, dass tatsächlich Kunden wegbleiben, haben die Frauen auch weniger Möglichkeiten, Kunden abzulehnen, weil ihnen sonst Einnahmen fehlen. Weniger Kunden erhöhen den Wettbewerbsdruck. Die Preise sinken und der Druck, mehr Leistungen anzubieten, steigt.

Das Schwedische Modell macht es außerdem weniger wahrscheinlich, dass Frauen Gewalt zur Anzeige bringen, weil sie damit die Behörden auf sich aufmerksam machen würden.

Soziologin Helga Amesberger hat vor einer Weile in einem Interview mit dieStandard.at erklärt, dass einige Sexarbeiterinnen in einer von ihr durchgeführten Befragung angegeben hatten, zunächst unfreiwillig in Sexabreit gewesen zu sein, sich aus diesen Zwangsverhältnissen aber, teils mit Hilfe von Kunden, befreien konnten. Bei einem Sexkaufverbot würde sich kein Freier mehr trauen, zur Polizei zu gehen. Außerdem seien die Kunden die Einkommensquelle und deren Bestrafung würde letztlich nur den Sexarbeiterinnen schaden. (Soziologin Helga Amesberger: „Debatte über Sexarbeit ist eine moralische“)

Was an der Idee des „Sexkaufverbots“ oder der „Freierkriminalisierung“ im Einzelnen alles falsch ist, und mit was für Mythen und vedrehten Fakten da argumentiert wird, hat Sonja beim FemSexBlog schon erklärt: Eine feministische Kritik am “Sexkaufverbot”. Lest das mal und dann fragt euch, warum man so argumentieren würde, wenn man richtige Argumente hätte.

Gewaltbegriff

Viele Prostitutionsgegner*innen betrachten Prostitution per se als Gewalt oder nennen sie Vergewaltigung. Oft beziehen sie sich dabei auf Melissa Farley.

Melissa Farley ist Autorin mehrerer umstrittener Studien, die u.a. hohe Raten posttraumatischer Belastungsstörungen bei Sexarbeiterinnen nachgewiesen haben wollen. Andere Forscher*innen sind mit Farleys Methoden nicht annähernd auf ähnliche Ergebnisse gekommen.

Farley schreibt zu Prostitution zum Beispiel so etwas:

„Prostitution has its very own plantation system. While the women in street prostitution work the fields, call girls, escorts and massage parlor workers are the house ni****s of this system.“ [Link]

Diesen geistigen Hintergrund sollte man sich bewusst machen, wenn Radikalfeministinnen von Gewalt sprechen. Die verstehen unter Gewalt etwas anderes als die allgemein übliche Definition. Wer sagt, Sexarbeit sei per se Gewalt, wie das viele Radikalfeministinnen in Anlehnung an z.B. Andrea Dworkin tun, verharmlost die Gewalt, die Sexarbeiter*innen tatsächlich erleben.

Was für Unterstützung wäre wirklich notwendig?

Aufhebung der restriktiven Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen gegen Menschenhandel zum Beispiel.

Und für die aus wirtschaftlicher Not in Sexarbeit tätigen: Ein Arbeitsmarkt, der Alternativen bietet für Menschen mit wenig Ausbildung und Sprachbarrieren, und ein Einkommen, von dem sie leben können. Für viele gibt es diese Alternativen nicht.

Außerdem: Keine zusätzliche Ausbeutung durch den Staat. In Deutschland gibt es bereits verbotene Prostitution. Mit Sperrgebieten wird die Prostitution, auch die Kontaktaufnahme, an bestimmten Orten ganz oder zu bestimmten Tageszeiten untersagt. Sexarbeiter*innen, die dagegen verstoßen, werden mit hohen Bußgeldern belegt. „Es ist naiv“, schrieb Sonja letztes Jahr in der taz, „den Staat als Retter der armen Huren darzustellen und gleichzeitig die ‚ökonomische Alternativlosigkeit‘, die er mitverursacht, zu ignorieren.“

Die Vermischung Sexarbeit / Menschenhandel, um ein Prostitutions- oder „Sexkaufverbot“ zu begründen, instrumentalisiert die Opfer von Menschenhandel. Die Vermischung Sexarbeit / Gewalt gefährdet Frauen in der Prostitution.

Prostitutions-Gegner*innen bringen immer wieder gerne das Argument, dass Menschen, die Prostitution nicht ablehnen, bestimmt ihre Meinung ändern würden, wenn ihre Tochter das machen würde. Welche Frage man wirklich stellen sollte, hat @fornicatrix, Sexworkerin und Aktivistin bei SexWorker Open Uni UK, in ihrem T.E.D. Talk erklärt:

„Frag nicht, ob du wollen würdest, dass deine Tochter das macht. Stell dir stattdessen vor, sie würde es machen – ist sie heute abend sicher bei ihrer Arbeit.“ [Link]

Kink-Shaming

Damit kommen wir zum nächsten Problem: Kink-Shaming. Kink heißt Knick oder Macke und meint ungewöhnliche sexuelle Vorlieben. Normabweichungen also.

Nachdem ich euch schon nicht erklärt habe, was bei Sexarbeit genau passiert, erkläre ich euch auch BDSM nicht. Nur ganz kurz, damit ihr nicht beim Googeln verloren geht…

BDSM steht für:

* Bondage & Discipline (Fesseln & Disziplin/ierung)
unbeweglich machen und Gehorsam

* Dominance & Submission (Dominanz & Submissivität)
Herrschaft und Unterwerfung

* Sadism & Masochism (Sadismus & Masochismus)
(im weitesten Sinne) Schmerzen zufügen / sich zufügen lassen und noch ein paar andere Dinge

Es gibt in BDSM verschiedene Rollen. Leute, die Kontrolle ausüben, nennt man Top oder Dom(me) für Dominant. Leute, die sich kontrollieren lassen, Bottom oder Sub für Submissive. Leute, die zwischen den Rollen wechseln, nennt man Switch.

BDSM praktizieren nennt man oft Play oder Spiel.

Es gibt verschiedene Konzepte für Sicherheit in BDSM. Die verbreitetsten sind safe-sane-consensual (SSC), sicher-zurechnungsfähig-einvernehmlich und risk aware consensual kink (RACK), risikobewusster einvernehmlicher Kink.

Safe heißt, dass man die Szene jederzeit und ohne Diskussion abbrechen kann.

Man kann z.B. ein vorher abgesprochenes Safeword benutzen, um die Szene zu beenden. Es gibt ein Prinzip mit einer Ampel: Grün heißt alles ist gut, gelb heißt langsamer / weniger intensiv und rot heißt aufhören. Für Situationen, in denen man nicht sprechen kann, gibt es andere Methoden, sich zu verständigen. Handzeichen zum Beispiel. Oder man nimmt einen Gegenstand in die Hand, den man fallen lässt als Stopp-Zeichen, ein Schlüsselbund oder irgendwas, das man runterfallen hört.

Safe heißt auch, zu wissen, was man tut. Man braucht Wissen, damit man sich nicht aus Versehen verletzt. Impact Play, also sich schlagen mit z.B. Floggern oder Paddeln, hinterlässt Spuren. Aber man will nicht so schlagen, dass man jemand schwerwiegend verletzt. Dafür muss man wissen, wohin man schlagen kann und welcher Intensität. Beim Fesseln z.B. will man nicht die Blutzufuhr abschnüren. Um sicher zu spielen, empfiehlt sich, Einführungen zu lesen, mit erfahrenden BDSMlern zu reden (dafür gibt es z.B. Stammtische) oder zu Play Parties zu gehen.

Safe heißt auch, dass man wissen muss, ob jemand Erkrankungen oder Einschränkungen hat, z.B. eine Neigung zu Panikattacken, oder irgendwelche körperlichen Probleme bekommt in einer bestimmten Haltung.

Sane heißt, dass man darauf achtet, dass es den Spielenden körperlich und mental gut geht, man spielt nicht völlig betrunken oder unter Drogen.

Consensual heißt, dass man nichts ohne Zustimmung tut. Die Zustimmungskultur, die wir im Feminismus hochhalten, stammt ursprünglich aus der BDSM-Community.

In BDSM spricht man sehr genau ab, was man machen will und was nicht. Wenn man zum Beispiel bestimmte Wörter absolut nicht hören will, Praktiken ablehnt, wo man Grenzen hat. Ganz wichtig ist der Respekt für die Grenzen des Gegenübers, und darüber muss man reden reden reden.

Warum erzähl ich das?

Andrea Dworkin, die wahrscheinlich radikalste aller Radikalfeministinnen, nannte BDSM Frauenhass. Und viele Radikalfeministinnen stellen BDSM fälschlich als Gewalt dar. Reden dabei von häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung. Erklären submissiven Frauen, sie wären kollektiv von Stockholm Syndrom betroffen. Sprechen ihnen die Entscheidungsfähigkeit ab. Verspotten sie. Und das natürlich nur zu ihrem Besten.

Ich habe in radikalfeministischen Blogs Beschreibung gefunden, die man nur als absolute Falschdarstellungen bezeichnen kann, von Frauen die vor Entsetzen schreien und Männern die Spaß daran haben. Das ist nicht, wie Sadomasochismus funktioniert. Masochist*innen mögen erotisierten Schmerz, die sind nicht wirklich entsetzt, jedenfalls nich in der Form, wie dort vermittelt wird.

Was echte von gespielten Machverhältnissen unterscheidet, brauche ich wahrscheinlich nicht zu erklären. Ich kann nicht zu meinem Chef sagen „Heute arbeite ich mal nicht“. Oder zu meinem Vermieter „Diesen Monat bekomme ich mal Geld raus, anstatt zu zahlen“. Das Finanzamt sagt nicht „Kein Problem“, wenn man Stop sagt. Wer in einem echten Knast landet, kann nicht sagen: „Das gefällt mir nicht“ und dann macht einer die Tür auf und nimmt ihn in den Arm.

So ähnlich verhält sich das mit Schmerz, bei dem BDSMler Lust empfinden und dem Schmerz, wenn man mit dem kleinen Zeh gegen ein Möbelstück rempelt. Das sind unterschiedliche Dinge.

Und sich einer Person, der man vertraut, sexuell auszuliefern, mit den ganzen Sicherheiten, die BDSM vorsieht, ist nicht dasselbe wie Gewalt. Das zu behaupten verharmlost Gewalt ganz massiv.

In BDSM werden konsensuell Sexfantasien ausgelebt.

Wer Frauen kritisiert, die Unterwerfungsfantasien ausleben, kritisiert mal wieder an der falschen Stelle. Die Kritik gebührt, wenn überhaupt, einer Gesellschaft, die Frauen verbietet, einfach so Spaß am Sex zu haben. Und wenn man Ausprägungen davon kritisieren will, könnte man zum Beispiel die ganzen „Du willst es doch auch“-Liebesroman-Heftchen oder Fifty Shades of Grey kritisieren, anstatt Frauen, die sehr bewusst mit ihren Fanatasien umgehen. Man könnte die naturalisierte und in Habitus übergegangene Submissivität von Frauen im Alltag thematisieren und nicht die bewusste Entscheidung dafür beim Sex mit Partner*innen, mit denen die meisten vorher sehr genau die Rahmenbedingungen aushandeln.

Wieso schließt sich BDSM und Feminismus nicht aus? Ich finde, BDSM geht fast nicht ohne emanzipatorischen Background. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie. Wer mit Machtunterschieden spielt, braucht Wissen über reale Machtverhältnisse. Und BDSM ist Ausdruck sexueller Selbstbestimmung und für die steht auch Feminismus. Unabhängig davon, ob einem gefällt, was andere Menschen mit ihrer sexuellen Selbstbestimmung anstellen oder nicht.

Wer BDSM als patriarchale Gewalt bezeichnet, muss ganz viele Arten, auf die BDSM praktiziert wird, unsichtbar machen, damit sich das nicht sofort in Absurdität auflöst. Was nicht ins Bild passt, wird verschwiegen oder zu einem Randphänomen erklärt. Etwa submissive Männer. Oder Fesseln als Kunstform. Oder nicht-sexuelle Praktiken in BDSM.

Radikalfeministinnen eignen sich BDSM für ihre Zwecke an, und machen damit selbst, was sie anderen vorwerfen: Nämlich betroffene Frauen degradieren.

Zustimmungskultur ist im cishet/vanilla/Mainstream-Sex nicht so verbreitet, dass sich die meisten vorstellen könnten, mit wieviel Aufwand Menschen, die BDSM praktizieren, planen, was sie miteinander machen wollen, wie sie sich absprechen und Sicherheit geben. In BDSM sind viele Feminist*innen involviert. BDSM wird in lesbischen Konstellationen praktiziert, wo überhaupt keine Frau sich einem Mann unterwirft. In BDSM Porn wird penibel Wert darauf gelegt, deutlich zu machen, dass das Spielszenen sind und keine Gewalt. Damit Leute das nachmachen, damit Außenstende nicht involviert werden und denken könnten, da passiert Gewalt.

All das muss verschwiegen werden für die Darstellung, dass BDSM unterdrückend wäre und die beteiligten Frauen entscheidungsunfähig.

Warum diese zwei Themen eigentlich eins sind

Was verbindet diese beiden hier behandelten Themen? Dass es bei beiden um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung geht. Ein Recht, das Feminist*innen sehr gut verstehen, wenn es zum Beispiel um reproduktive Rechte, insbesondere Abtreibung, geht. Das sie darüber hinaus aber anderen oft nicht zugestehen.

Feminismus ist mittlerweile in der 4. Welle angekommen, die sich als intersektional und inklusiv versteht. Dennoch setzt sich Feminismus vielfach nicht für die Rechte von Menschen ein, die nicht die feministische Agenda mitbestimmen.

Es spielt überhaupt keine Rolle, ob „wir“ (Feminist*innen) Sexarbeit gut finden oder nicht, oder ob wir wollen würden, dass unsere Kinder das machen. Menschenrechte sind bedingungsfeindlich. Sexarbeiter*innen haben ein Recht auf Sicherheit und darauf, von Repression verschont zu bleiben. Sexarbeiter*innen haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Das sind feministische Anliegen. Ganz einfach.

Wenn Sexarbeiter*innen im Feminismus hinten rüber fallen, müssen wir die Frage nach intersektional oder Bullshit mit Bullshit beantworten.

Was hat Feminismus für Argumente gegen Prostitution, wenn wir u.a. Opfer von Menschenhandel instrumentalisieren müssen, mit dubiosen Studien und Gewaltbegriffen arbeiten und mit feministischer Analyse, die spätestens seit den 1970er/80er Jahren überholt sein müsste?

Viele Radikalfeministinnen halten jede Art von Sexarbeit und Pornografie für Ausprägungen der Verschwörung des Patriarchats gegen „die Frauen“. Sogar queere und feministische Interventionen in Pornografie werden als „Patriarchat“ abgetan. Sie machen sich lustig, beschimpfen und degradieren Frauen, denen sie angeblich helfen wollen. Degradieren gegen vermeintliche Degradierung.

Warum beschämen so viele Feminist*innen Menschen mit als abweichend konstruierter Sexualität?

Behandeln z.B. sadistische Neigungen als krankhaft, obwohl die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) schon mit dem DSM IV im Jahr 1994 Diagnosekriterien eingeführt hat, nach denen BDSM nicht mehr grundsätzlich als Störung der Sexualpräferenz eingeordnet wird, und nach denen einvernehmlich ausgelebte sadistische Praktiken in BDSM die Diagnosekriterien für Sadismus im heutigen medizinischen Sinn in der Regel überhaupt nicht erfüllen? Und warum, wenn wir Menschen, die Schmerz genießen, für krank halten, würden wir über die lachen?

Das alles sind normative und moralistische Herangehensweisen an Feminismus und die sind – sorry for my French – scheiße.

Über Diskriminierung und Solidarität hatte ich hier schon mal in epischer Breite ausgeführt. Solidarität ist nichts wert, wenn sie sich nur auf Entscheidungen erstreckt, die man selbst auch treffen würde.

Wir müssen die unterschiedlichen Realitäten anerkennen, in denen unterschiedliche Menschen leben; wir selber treffen Entscheidungen heute anders als gestern anders als morgen. Darum kann sich Solidarität nur auf Unbestimmbares beziehen.
Und vor allem kann feministische Solidarität nicht andere am eigenen moralischen Anspruch messen. Man trifft keine Wahl, man lässt eine.

//

Den Post über fehlende Solidarität, den ich eigentlich schreiben wollte, schreibe ich ein anderes Mal. Wer bis hierhin gelesen hat, denen fehlt nun zumindest schon mal die Ausrede, sich mit dem Thema noch überhaupt nicht beschäftigt zu haben.

Kommentare sind geschlossen.