Query the Norm: Eine Einführung in queere Theorie & Praxis

 

[Und nochmal ein überarbeitetes Vortragsskript.]

tl;dr Was ist Queer Theory? Was ist Queerfeminismus? Wie funktioniert das und was soll das Ganze?

Was ist Queer Theory?

Queer Theory ist ein Bereich der poststrukturalistischen Theorie, der in den 1990er Jahren aus Queer Studies und Women’s Studies hervorgegangen ist, die bereits seit längerem begonnen hatten, essentialistische Annahmen über Geschlecht und Sexualität in Frage zu stellen.

Essentialismus ist die Annahme notwendiger Eigenschaften, also z.B. davon auszugehen, dass man an biologischen Merkmalen die Geschlechtsidentität ablesen könnte, oder dass mit dem Geschlecht bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder Fähigkeiten verbunden wären.

Nachdem man gemerkt hatte, dass Sex/Gender/Begehren immer in Kategorien von Norm und Abweichung einsortiert wurden, hat Queer Theory sich um Historisierung der herrschenden Annahmen über Sex/Gender/Begehren bemüht. Das heißt, darum, zu zeigen, dass diese Annahmen historisch geworden sind, dass es Inkonsistenzen gibt in der vermeintlichen Naturgegebenheit der Dinge, dass die vermeintliche Natur sich veränderte, eine Geschichte hatte, einen historischen Kontext. Und das nicht, weil wir zu besseren Erkenntnissen gekommen und mittlerweile klüger wären, sondern teils das Gegenteil: Dass wir Identität erst aufwändig konstruieren müssen, um sie dann als Abweichung von einer Norm zu betrachten, die vorher gar nicht existierte.

In der Geschichte wurde also, abhängig vom jeweiligen Kontext und den vorherrschenden Ideologien, etwas anderes zum Problem gemacht, als unnatürlich betrachtet, was vorher überhaupt nicht oder ganz anders thematisiert wurde. Der Homosexuelle als Identitätskategorie musste erst erfunden werden, um statt dem Begehren die Person abzuwerten.

Queer Theory bedient sich der Werkzeuge des Poststrukturalismus, vor allem der Dekonstruktion. Und zeigt damit, dass der heteronormative Diskurs eine Ideologie ist.

Was ist queer?

Queer war zunächst eine abwertende Bezeichnung für homosexuelle Menschen, die sich diese dann angeeignet – reclaimt – haben. Aber queer ist kein Synonym für schwul, lesbisch oder LGBT (lesbian, gay, bisexual, trans*).

-> The Identity Project
-> 22 Stunning Queer Photography Projects Showcasing LGBT Community Diversity

Queer ist mehr als schwul, lesbisch, bisexuell, polysexuell, pansexuell, asexuell, Frauen die Sex mit Männern haben und sich nicht als hetero bezeichnen, Männer die Sex mit Männern haben und nicht schwul sind, transgeschlechtlich, intersexuell, genderfluid, non-conforming, bigender, agender, nonbinary.

Queer ist Sex/Gender/Begehren außerhalb der Norm. Queer ist Widerstand gegen die Norm, gegen statische Identitäten, Marginalisierungen, Ausschlüsse und Essentialisierungen.

Queer ist nicht spezifisch und nicht stabil. Queer denaturalisiert die Norm. Queer verschließt sich der Festlegung, was queer ist.

„Given the extent of its commitment to denaturalisation, queer itself can have neither a foundational logic nor a consistent set of characteristics.“ (Annamarie Jagose, 1997, 96)

„Angesichts des Ausmaßes seines Einsatzes für Denaturalisierung kann queer selbst weder eine fundierende Logik noch eine konsistente Reihe von Eigenschaften haben.“

„There is nothing in particular to which it necessarily refers.“ (David Halperin, 1995, 62)
„Es gibt nichts bestimmtes, aus das es sich notwendigerweise bezieht.“

„It is an identity without an essence.“ (Michael Warner, 1992, 19)
„Es ist eine Identität ohne Essenz.“

Und queer ist Selbstbezeichnung. Es funktioniert als Fremdbezeichnung nicht. Es ist zwar Umbrella Term. Wird aber teilweise auch abgelehnt, u.a. weil es so offen und unspezifisch ist. Queer unterscheidet sich von der früheren Schwulen- und Lesbenbewegung vor allem dadurch, dass die von außen zugeschriebene Identität mit in Frage gestellt wird. Also während die Schwulen- und Lesbenbewegung davor gesagt hat „Ja, wir sind das. Deal with it.“, sagt Queer Theory: „Die ganze Zuschreibungspraxis ist falsch“.

Die Heteronorm

„Queer“ ist Sex/Gender/Begehren außerhalb der Norm.

Heteronormativität ist die Einstellung, dass Heterosexualität der normale und natürliche Ausdruck von Sexualität ist.

Die Heteronorm ist ein System, in dem davon ausgegangen wird, dass alle Menschen in zwei klar voneinander unterscheidbare Geschlechter fallen, Mann und Frau, mit bestimmten geschlechtsspezifischen Eigenschaften, komplementär und in gegenseitigem Begehren aufeinander bezogen.

Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Fortpflanzung werden zirkulär aufeinander bezogen und gleichgesetzt. [Und weil das so oft nicht verstanden wird: „Ein Zirkelschluss ist ein Beweisfehler, bei dem die Voraussetzungen das zu Beweisende schon enthalten. Es wird also behauptet, eine Aussage durch Deduktion zu beweisen, indem die Aussage selbst als Voraussetzung verwendet wird.“ (Wikipedia)]

Zwangsheterosexualität (compulsory heterosexuality) nennt man, dass heterosexuelles Begehren als Norm gesetzt wird, d.h. hetero sein als normal gilt und vorausgesetzt wird. Das heißt, die Heteronorm bedingt eine Abfolge von immer wieder sich outen müssen. Weil Zwangsheterosexualität alle als heterosexuell verortet, bis sich etwas anderes erweist. Es reicht also nicht, sich ein Mal zu outen, sondern das muss unter Umständen immer wieder gemacht werden.

Niemand fragt „Bist du etwa hetero?“, es ist von „Ehe“ und „Homoehe“ die Rede, statt von Hetero- und Homoehe, Heterosexuelle müssen sich nicht Freunden und Familie gegenüber outen, heterosexuellen Jugendlichen wird nicht erklärt, dass es bestimmt nur eine Phase ist.

Die Heteronorm erzeugt Geschlechterdifferenz entlang dichotomer (also: zweiteiliger) Unterscheidungen. Mann und Frau werden als einzige Geschlechter naturalisiert. Und was nicht in die binäre Logik passt, wird zur abweichenden, markierten Position. Aus Differenz wird „unnormal“. Unmarkiertes gilt als „natürlich“ und die Norm bleibt als solche unbenannt.

Tatsächlich werden vergeschlechtlichte Körper in Diskursen materialisiert (hergestellt).

Die Norm ist, was Judith Butler die heterosexuelle Matrix, später heterosexuelle Hegemonie, nannte: Eine Reihe von Normen für Sex/Gender/Begehren, die Abweichendes marginalisieren – an den Rand drängen – und pathologisieren – zu Krankheiten und Syndromen machen.

-> Sinfest: Sisterhood 7: The Patriarchy

Die Heteronorm reglementiert in eine bestimmte Richtung. Wie das funktioniert zeigt dieser Sinfest Comic. Monique nimmt die rote Pille und sieht plötzlich die Matrix, diese ganzen sexistischen Anrufungen und Zuschreibungen.

Auf der Unterdrückungsachse Gender/Geschlecht gibt es mehrere Diskriminierungsformen:

Sexismus

Mit Männern als Norm und Frauen als Abweichung, bzw. allen anderen Geschlechtern als Abweichung

Cis-Sexismus

„Cis-“ nennt man Menschen, deren Geschlecht (oft: „Geschlechtsidentität“ oder vereinfacht das „gefühlte“ Geschlecht) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Cis-Sexismus ist also die Diskriminierung von Menschen, bei denen das NICHT übereinstimmt. Dass der Begriff Cis-(Gender) nicht im Mainstream verwendet wird, zeigt schon, wie weit die Norm ent_nannt wird: Die meisten würden da „Normale“ (in Anführungszeichen!) und „Transsexuelle“ sagen.

Heterosexismus

ist die Diskriminierung von nicht-heterosexuellen Menschen. Auch dieser Begriff ist wenig verbreitet. In der Alltagssprache wird das Phänomen stattdessen oft „Homophobie“ oder „-hass“ genannt. Aber diese Benennungen verkürzen Diskriminierung auf eine persönliche Ebene. Die Endung „-phobie“ stigmatisiert zudem von echten Phobien Betroffene, indem abwertende Handlungen damit gerechtfertigt und verharmlost werden. (Das nennt man ableistisch, von Ableism / Behindertenfeindlichkeit, hier bezogen auf psychische Störungen.) Also ist der Begriff nicht nur falsch sondern auch noch diskriminierend.

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Heteronormativität ist nicht die einzige Norm, über die eine bestimmte Gruppe Hegemonie über eine andere erlangt. Whiteness (Weißsein) ist eine weitere dieser Normen, die „Andere“ über Rassismus ausschließt. Jede Unterdrückungsform hat ihre eigene Norm, von der die Diskriminierten als abweichend konstruiert werden. Es geht immer um Norm und Abweichung.

Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung sind Einwirkungen oder Handlungen, die, basierend auf Vorurteilen, Einzelnen oder Gruppen aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder sozialen Kategorie soziale Teilhabe oder Menschenrechte verweigert. Diskriminierung kann viele Formen annehmen, alle beinhalten irgendeine Form von Ausgrenzung oder Ablehnung.

Diskriminierung ist Vorurteil + [ein Backup aus] Macht.

Diskriminierung = Vorurteil + Macht

Diskriminierung braucht ein asymmetrisches Machtverhältnis.

Unterdrückung wirkt – wie der Name schon sagt – von oben nach unten. Das heißt, in einem asymmetrischen Machtverhältnis kann man nicht nach oben diskriminieren.

Dazu gibt es auf Tumblr einen schönen Post, wo jemand genervt ist von der Behauptung, Unterdrückung würde in beide Richtungen funktionieren: Wenn ich meinem Chef sage, er wäre doof und gefeuert, passiert ihm nichts. Wenn er dann sagt, „Nein, SIE sind gefeuert‘ bin ich arbeitslos. Gleiche Aussage, asymmetrisches Machtverhältnis. [I hate the whole „Opression works both ways thing]

Wenn die Machtkomponente fehlt, bleiben „nur“ Vorurteile und der Effekt bleibt auf der persönlichen Ebene.

Diskriminierung wirkt aber auf gesellschaftlicher Ebene, geht also sehr viel weiter. Vorurteile können natürlich auch verletzen, aber bei Diskriminierung kommt zu dieser Verletzung auf der persönlichen Ebene noch der größere (auch: strukturelle) Effekt – der auf gesellschaftlicher Ebene – hinzu. Und dieser Effekt heißt Unterdrückung.

Die Macht steckt im System, d.h. die handelnde Person muss nicht selbst oder nicht unmittelbar erkennbar über Macht verfügen oder von der Diskriminierung direkt oder überhaupt profitieren. (Dass es auch Männer gibt, die ganz schön zu kämpfen haben, widerlegt z.B. nicht, dass Männer durch Sexismus privilegiert werden. Das ist ein Kategorienfehler.)

Die einzelne Stammtischparole oder rassistische oder sexistische Bemerkung mag harmlos und nicht als Ausdruck von Macht erscheinen. In der Summe sorgen sie aber dafür, die Adressierten immer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Keine*r von uns. Anders.

(Weil die einzelnen Vorfälle oft klein und unbedeutend erscheinen, nennt man die auch „Mikroaggressionen“. Leute, die beweisen wollen, dass Rassismus / Klassismus / Sexismus /… nicht so schlimm sind, verweisen dann oft auf die einzelne Mikroaggression, und „übersehen“ bequemerweise, zu was für einer Größenordnung die sich summieren.)

Diskriminierung / Privilegierung

Die Macht tritt z.B. auch dadurch in Erscheinung, dass die Gruppe, der eine privilegierte Person angehört, von verschiedenen Unannehmlichkeiten regelmäßig verschont bleibt (z.B. Racial Profiling, verminderte Jobchancen). Auch wenn die Person das als normal und selbstverständlich erlebt, ist es ein Privileg, allein deshalb, weil nicht alle Zugang zu dieser „normalen“ Behandlung haben.

Die Norm ist machtvoll. Und die Macht hinter dieser Norm sorgt dafür, dass Menschen, die abweichen, Probleme haben.

Sei es die Frau im Informatik- oder Maschinenbaustudium, die im männerdominierten Umfeld nicht ernst genommen wird. Die Frau mit Kopftuch, die für rückständig oder fremdbestimmt gehalten wird. Die trans Frau, die keinen Job findet, weil davon ausgegangen wird, dass ihr Geschlecht die Kundschaft irritiert.

Die Macht ist Teil der Verhältnisse und der Beziehungen der Menschen zueinander, und vor allem ist die Macht produktiv: Sie bringt diese Gruppen – und das „Wissen“ über sie – überhaupt erst hervor.

Macht ist produktiv

Was bedeutet das „Die Macht ist produktiv“?

Macht ist bei Foucault nicht repressiv sondern produktiv. Und Macht im Sinne von Foucault ist nichts, das besessen werden kann. Macht durchdringt Subjekte, Strukturen und ihre Beziehungen.

Macht und Wissen sind bei Foucault eng miteinander verbundene Konzepte. Foucault hat z.B. die Wissenschaft als objektiven Ort der Wissensproduktion widerlegt.

In den Worten von Foucault:

Man muß wohl auch einer Denktradition entsagen, die von der Vorstellung geleitet ist, daß es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind, daß das Wissen sich nur außerhalb der Befehle, Anforderungen, Interessen der Macht entfalten kann. […] Eher ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert. Diese Macht/Wissen-Beziehungen sind darum nicht von einem Erkenntnissubjekt aus zu analysieren, das gegenüber dem Machtsystem frei oder unfrei ist. Vielmehr ist in Betracht zu ziehen, daß das erkennende Subjekt, das zu erkennende Objekt und die Erkenntnisweisen jeweils Effekte jener fundamentalen Macht/Wissen-Komplexe und ihrer historischen Transformationen bilden. [Michel Foucault: Überwachen und Strafen]

Was heißt das? Die Wissenproduktion steht nicht außerhalb der Machtverhältnisse. Wissen und Macht bedingen sich gegenseitig. Macht bringt bestimmtes Wissen hervor und Wissen Macht. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Dennoch nimmt bestimmtes Wissen, nehmen bestimmte Gruppen, für sich in Anspruch, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Sexism. Does it still exist? Many men say „no“.

Es gibt anerkanntes Wissen und weniger anerkanntes Wissen. Existiert Sexismus? Viele Männer finden: Nein.

Wir können also nicht „die Wahrheit“ suchen, sondern müssen die Machtverhältnisse hinter der Wahrheit anschauen.

Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist hergestellt, also nie frei von den sozialen Bedingungen ihres Zustandekommens. Dass viele Leute zu derselben Wahrheit kommen, sagt noch nichts über die Übereinstimmung dieser Wahrheit mit der Realität. Wahrheit und Realität sind zwei gänzlich verschiedene Dinge.

Die Frage ist also nicht, ob und warum eine Ideologie falsch ist, sondern es gilt, den herrschenden Konsens zu hinterfragen.

Nach Althusser ist das Bildungssystem der größte ideologische Staatsapparat und Bildung nie ideologiefrei. In staatlichen Schulden wird nicht objektiv und wertfrei Wissen vermittelt, sondern in Übereinstimmung mit den Normen und Werten der jeweiligen Gesellschaft.

So erfolgt zum Beispiel Sexualerziehung in öffentlichen Schulen immer im Kontext des herrschenden Wertekonsens. Und bei dem steht in Deutschland immer noch (Ehe und) Familie an vorderster Stelle und damit Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit.

Wahrheit ist relativ.

Deconstruct

Versuchen wir mal, Wahrheit zu dekonstruieren.

Das zentrale Argument für Dekonstruktion stützt sich auf Relativismus, d.h. die Ansicht, dass Wahrheit immer in Bezug zu unterschiedlichen Standpunkten und Rahmenbedingungen des urteilenden Subjekts steht. Oder anders ausgedrückt: Zu den unausgesprochenen Vorbedingungen und Möglichkeiten denkbarer/meinbarer Ansichten.

Poststrukturalismus geht davon aus, dass der Gegensatz zwischen subjektiv und objektiv nicht gilt, weil das Subjekt außerhalb seiner selbst produziert wird. Das Subjekt ist nicht der absolute Ursprung seiner Ansichten. Die Ansichten sind erlernt, auch neue Ansichten, die aus der Kombination mehrerer erlernter bestehen.

Auch rein objektives Wissen gibt es nicht. Wissen gehört notwendig zu einer Person. Anders als ein Fakt, der einfach so existieren kann, auch ohne dass ihn jemand wahrnimmt, kann Wissen über einen Fakt nicht existieren ohne jemand Wissendes. Beliebtes Beispiel: Das Universum existiert, auch ohne dass jemand um seine Existenz weiß.

Subjektivität konstituiert sich außerhalb des Subjekts. Das Subjekt dringt immer ein in die Objektivität der Dinge, die es weiß. Wahrheit ist also immer subjektiv und universale Wahrheit damit unmöglich.

Relativismus ist zwingende Folge. Es gibt nicht die eine Wahrheit.

Binarismen

Um zu verstehen, die diese Gruppen zustande kommen, die Unterdrückende und die Unterdrückte, Norm und Abweichung, müssen wir ein bisschen ausholen.

Diskriminierung liegen immer binäre Unterscheidungen zugrunde, mit bestimmtem Wissen, bestimmten Wahrheiten über die jeweiligen Gruppen. Wie funktionieren diese Binarismen?

Begriffe erhalten ihre Bedeutung über ihren Gegensatz. Die Bedeutung der Begriffe hängt an der Spur des anderen, die ihrer Definition innewohnt. Aufgefallen ist das dem Linguisten Ferdinand de Saussure. Der kam als erster darauf, dass Zeichen ihre Bedeutung nicht einfach aus der Referenz auf reale Dinge erhalten, sondern aus ihrer Differenz zu anderen Zeichen.

Westliches Denken hängt stark an binären Oppositionen (Derrida 1986). Diese Gegensätze haben eine unterwerfende Struktur, d.h. sie sind immer hierarchisch: Ein Begriff ist hoch bewertet in diesem Gegensatzpaar, der andere bleibt dahinter zurück. Der eine wird privilegiert auf Kosten des anderen. Ein Begriff im Gegensatzpaar ist immer dominant über den anderen: Mann über Frau, Weiß über Schwarz.

Binarismen sind die extremste Ausprägung dieser Differenz und weit verbreitet bei der kulturellen Produktion von Wirklichkeit. Binäre Oppositionen haben einen Herrschaftseffekt. Sie müssen ausschließen, um eine klare Abgrenzung zu errichten. Was mehrdeutig oder zwischen den opponierenden Kategorien ist, wird unsichtbar (gemacht).

Poststrukturalistische und feministische Theorie wurde genutzt, die praktischen Auswirkungen solcher Binarismen zu erforschen. Dabei wurde aufgezeigt, wie anhand dieser Binarismen Dominanz [re]produziert wird und Hierarchien bis hin zu Dominanzverhältnissen etabliert werden.

Im kolonialen Diskurs zum Beispiel werden diese gewaltvollen Hierarchien mit der Zuweisung bestimmter Eigenschaften an Kolonisatoren und Kolonisierte ständig wiederholt: Kolonisator/Kolonisierte lässt sich auch ausdrücken als weiß/schwarz, Zivilisierte/Primitive, Wilde (engl. savage), menschlich/barbarisch … Die weißen „Retter“ sind Ärzte, Lehrer, Helfer. Und genauso wird in weißen deutschen Schulbüchern vermeintlich objektives Wissen vermittelt: Indem man den Kontinent Afrika bis heute auf den kolonialen Blick reduziert.

Was bedeutet das? Der beliebte Einwand, ein Unterdrückungsverhältnis könne in beide Richtungen unterdrückend wirken, ist falsch. Die binäre Unterscheidung ist hierarchisch.

„Umgekehrter Rassismus“, „umgekehrter Sexismus“ und überhaupt umgekehrte Unterdrückung existieren nicht. Was hiermit oft bezeichnet wird, sind „Kollateralschäden“ der Unterdrückung für die privilegierte Gruppe. Die ändern aber nichts an deren Privilegierung und machen die Privilegierten nicht „auch unterdrückt“.

Nach den ganzen Grundlagen: Zur Anwendung …

Ist Zweigeschlechtlichkeit ein Hoax?

Zweigeschlechtlichkeit ist eine dieser binären Unterscheidungen. Was bedeutet das?

„One is not born, but rather becomes, a woman“, „Man wird nicht als Frau geboren, man wird eine“, schrieb Simone de Beauvoir.

Janet Mock, Autorin und Transgender-Aktivistin, erkärte dem Fernsehmoderator Piers Morgan 2014 in einem Interview, dass sie tatsächlich nicht, wie er sagte, früher ein Mann war.

„Niemand wird mit dem oder dem Geschlecht geboren“, sagt Judith Butler: „Wir handeln, gehen und sprechen in einer Weise, die einen Eindruck verdichtet vom Mann oder Frau sein“.

„Wir handeln“, so Butler, „als ob das Mann-Sein oder Frau-Sein eine innere Realität wäre oder etwas, das einfach wahr ist über uns, eine Tatsache, aber eigentlich ist es ein Phänomen, das die ganze Zeit produziert und reproduziert wird; also ist zu sagen, dass Geschlecht performativ ist, zu sagen, dass niemand wirklich ein Geschlecht ist von Anfang an.“ [Judith Butler: Your Behavior Creates Your Gender, Interview (2011)]

Mit ihrer These, dass Geschlecht performativ ist, die sie unzählige Male erklären musste, wie in dem gerade zitierten Interview, hat Butler 1990 in ihrem Buch Gender Troube“ der Identitätskategorie „Frau“ den Teppich unter den Füßen weggezogen.

Sie hat gezeigt, dass Geschlecht nicht vor-diskursiv ist, sondern gemacht und mit Bedeutung gefüllt wird, mit Ideologie, Körperlichkeit, Macht, Diskursen, Politik.

Butler hat gezeigt, dass sich Geschlecht nicht auf eine authentische Ursprünglichkeit zurückführen lässt, und dass die Suche nach wahrer authentischer Weiblichkeit oder Männlichkeit verdeckt, dass Geschlecht performativ ist.

„Natürliches“ Geschlecht ist ein soziales Konstrukt. Wir sind nicht nur „born naked, and the rest is drag“, unserem „naked“ ist Bedeutung schon eingeschrieben, lange bevor wir „Moment mal“ sagen können.

Nach Butler kann es keine Politik auf der Grundlage einer sozialen Identität geben. Ihre Antwort war Subversion: Ein queerpolitischer Gegendiskurs.

Aber die Biologie!?

Wenn wir bestimmte Teile Geschlechtsteile nennen und einem bestimmten Geschlecht zuordnen, schafft das bereits Rahmenbedingungen, eine bestimmte Brille, durch die wir Dinge sehen.

Schauen wir uns mal biologisches Geschlecht an:

„Biologisches Geschlecht“ manifestiert sich auf vier Ebenen: Chromosomen, Gonaden, Hormonen und Anatomie.

Es gibt Menschen mit XX Chromosomen, die sind meistens weiblich. Menschen mit XY Chromosomen sind meistens männlich. Es gibt Menschen mit XX Chromosomen mit männlichem oder mit XY Chromosomen mit vollständig weiblichem Erscheinungsbild. Es gibt Menschen mit XXY, XYY und anderen Variationen. Menschen mit fehlenden oder nicht funktionierenden Keimdrüsen, mit Androgenresistenz, mit auffälligen Serumspiegeln bei den Geschlechtshormomen.

Menschen, deren Körpergeschlecht uneindeutig ist, werden als oder bezeichnen sich als Intersexuelle. Menschen deren Körpergeschlecht eindeutig, aber nicht ihr Geschlecht ist, u.a. als transsexuell, transgender, nonbinary, … Es gibt intersexuelle Menschen, die sind transsexuell, transgender, nonbinary ….

Wir weisen Kindern bei der Geburt ein Geschlecht zu. Es wurden und werden Kinder mit uneindeutigem Geschlecht von Ärzten verstümmelt, damit sie „normal“ aussehen und ihnen oft das falsche Geschlecht zugewiesen.

Es gibt mehr als zwei Geschlechter, selbst wenn wir nur auf die Biologie schauen. Der biologistische Diskurs macht Teile der Variationsbreite zu Normabweichungen, zu Syndromen und Krankheiten.

(Anm.: Selbst Biologen gehen mittlerweile davon aus, dass Geschlecht ein Spektrum ist und die Idee der Zweigeschlechtlichkeit simplifizierend. Link.)

„Der »Rekurs auf die biologischen und die materiellen Bereiche des Lebens« ist, so Butler, immer »ein linguistischer Rekurs« (KvG, 11). Anders ausgedrückt: Wir, als Menschen, die immer schon in das symbolische System des Diskursiven hineingeboren werden, können uns auf die Welt nicht anders als linguistisch beziehen. Jeder Blick auf die Welt ist diskursiv gerahmt und trägt damit eine je nach historischem Zeitpunkt und soziokulturellem, politischen Kontext spezifische Brille.“ (Paula Irene Villa: Judith Butler)

Der biologistische Diskurs stellt also nicht nur objektiv fest, er benennt, bewertet, ordnet ein.

„Ohne Heten keine Fortpflanzung!“


Vielleicht. Aber wieso wirkt sich eine Subjektposition, das gleichgeschlechtliche Begehren, so auf das gesamte Leben aus? Dazu sollten wir uns zunächst mal anschauen, wie Homosexualität als Identität entstand.

Foucault datiert in The History of Sexuality die Entstehung der homosexuellen Identität um das Jahr 1870. Er zeichnet nach, dass Homosexualität notwendigerweise eine moderne Erfindung sein muss, da es früher schon gleichgeschlechtlichen Sex gegeben habe, aber eben keine korrespondierende Identitäts-Kategorie.

Um 1870 macht Foucault mit der zunehmenden Medikalisierung von Sexualität in verschiedenen medizinischen Diskursen die Idee des Homosexuellen aus, nicht länger als jemand, der bestimmte Formen von Sex praktiziert, sondern als Person, deren gesamtes Sein durch diese Akte bestimmt ist. Während homosexuelles Begehren und Praxen vorher keine bestimmte Art von Individuum hervorgebracht hatten, wurden Personen, die homosexuelles Begehren zeigten, von nun an zu einer bestimmten Art von Person: Dem Homosexuellen.

Die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität wurde, so Foucault, im Moment ihrer Beschreibung geschaffen.

Und diese schreibt Foucault Carl Friedrich Otto Westphal und seinem 1870 veröffentlichten Paper „Die Konträre Sexualempfindung: Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes“ zu, einer der ersten Beschreibungen von Homosexualität als psychiatrischer Störung. Darum wählt Foucault 1870 als Geburtsstunde des modernen Homosexuellen.

Homosexuelle Handlungen – unter Männern – wurden zwar vorher bereits von Religion und Gesetz verurteilt, aber eben als Verlangen, dass jeden ereilen konnte und nicht nur eine bestimmte Art von Männern.

Mit der Datierung und Begründung für das Auftauchen der homosexuellen Identität, wie Foucault sie nachzeichnet, waren nicht alle einverstanden.

Allan Bray etwa datiert das Auftauchen von Homosexuellen als „Spezies“ bereits auf Ende des 17. Jahrhunderts, als sich in England um die Molly Houses eine urbane homosexuelle Subkultur bildete. In den Molly Houses trafen sich Männer, die Interesse an Sex mit Männern hatten, aber nicht notwendigerweise für Sex, sondern zum Trinken, Flirten, Reden. Dort, so argumentiert Bray, konstituierte sich Homosexualität im modernen Sinn als Identität, entwickelten sich eigene Arten sich zu kleiden, zu reden, eigene Gestik und Jargon. Sie bildeten den kulturellen Kontext für homosexuelle Identität und Community. [Bray 1988:84, zitiert nach Jagose].

John D’Emilio (1992b:5; auch zitiert nach Jagose) sieht die Voraussetzungen für das Entstehen einer homosexuellen Identität erst Ende des 19. Jahrhunderts im Wachstum des Kapitalismus und der damit verbundenen Restrukturierung der Familie durch Lohnarbeit und Arbeitsteilung erfüllt. Hier standen Homosexuelle dann plötzlich außerhalb des normativen Konzepts der Kleinfamilie mit der Zuständigkeit vor allem der Frau für den häuslichen Bereich.

Aber was bedeutet es, dass homosexuelle Identität ein Konstrukt ist?

Dass Fortpflanzung eben keine hinreichende Begründung für die Vorherrschaft dieses einen bestimmten Lebensstils der Heterokleinfamilie ist. Wieso leben Menschen überhaupt mit den Menschen zusammen, mit denen sie Kinder haben? Wieso nicht mit jemand anderem? Oder in Kollektiven? Wieso gilt es als Ideal, wenn Kinder biologisch eigene Kinder sind? Wieso überhaupt Kinder haben? Wieso 1 andersgeschlechtliches Gegenüber? Wieso nicht 0 oder 5? Und wieso übernehmen in Heterobeziehungen immer noch Mütter wie selbstverständlich den Hauptteil der Sorge-Arbeit, während Väter, wenn sie sich mal um den eigenen Nachwuchs kümmern, abgefeiert werden? (Die letzte Frage war hoffentlich tendenziös genug formuliert, um als Antwort durchzugehen.)

It gets better!?

Aber Homosexuelle sind mittlerweile ziemlich akzeptiert, oder? It gets better! It gets better, aber so lange sich Menschen outen müssen, ist die Heteronorm intakt.

Queerfeminismus

Und damit kommen wir zum Queerfeminismus. Was will er, was kann er, was unterscheidet ihn von „handelsüblichem“ Feminismus? Was macht queere Ansätze besser?

Queerfeministische Praxen

Zu den queerfeministischen Praxen haben Leah Bretz und Nadine Lantzsch, letztere von der Mädchenmannschaft, ein sehr schönes Buch geschrieben – „Queer_Feminismus – Label und Lebensrealitäten“ – in dem sie ganz viele Möglichkeiten queer_feministischer Interventionen gesammelt haben, an denen ich mich jetzt mal entlang hangeln werde.

Ich kann hier nicht auf alles eingehen, daher nur beispielhaft. (Kauft das Buch, wenn ihr Geld übrig habt.)

Kritisches Verorten

Als erstes geht es dort um Kritische Selbstverortung, also das ständige sich bewusst machen der eigenen Position, nicht nur diskriminierter Positionen sondern vor allem auch der Positionen, wo man privilegiert ist. Das Konzept kennen wir aus der Postkolonialen Theorie u.a. aus Spivaks „Can The Subaltern Speak“. Die Subalterne (Subalternität heißt soviel wie untergeordnet sein) könnte selber sprechen, wenn man sie denn ließe.

Die permanente kritische Selbstreflexion kann man wahrscheinlich als Grundvoraussetzung für jeden sinnvollen queer_feministischen Aktivismus bezeichnen, für linken Aktivismus, der den Anspruch an sich stellt, Unterdrückung insgesamt überwinden zu wollen, überhaupt.

Was sind eigene Kämpfe? Wo betreibt man Stellvertreter*innenpolitik? Womöglich über die Köpfe von Betroffenen hinweg, oder sogar gegen deren Interessen. Reproduziere ich dominantes Redeverhalten, mache ich bestimmtes Wissen, bestimmte Personen/Gruppen unsichtbar? Welches Wissen akzeptiere ich, welche Wissensproduktionen kenne ich gar nicht und warum? Wen lasse ich zu Wort kommen? Von wem akzeptiere ich Kritik? Wie verhalte ich mich zu Kritik? Bin ich dankbar für Hinweise darauf, wo ich selbst Unterdrückung reproduziere, weil gemeinsames Ziel ist, diese zu überwinden, oder tue ich so, als wäre ein wütender feministischer Mob über mich hergefallen und unterstelle niedere Motiven wie Hass oder Selbstdarstellung?

Hier wäre in der Praxis z.B. auch auf ganz einfache „Kleinigkeiten“ zu schauen: Dass die weniger beliebten Arbeiten nicht immer an den weniger privilegierten Teilnehmer*innen hängen bleiben. Wer den Kuchen mitbringt. Dass im Lesekreis auch schwarze lesbische Sozialistinnen gelesen werden und nicht immer weiße Männer mit Bart.

Intervention in Sprache

Eine weitere queerfeministische Praxis ist die Intervention in Sprache.

Beispiele für diskriminierende Sprache habe ich ja bis hierhin schon einige genannt. Die Diskussion um rassistische Sprache in Kinderbüchern flammt auch immer mal wieder auf. Weiße wollen sich nicht „verbieten“ lassen, das N-Wort zu verwenden. Linke Zeitungen schreiben das N-Wort aus, weil sie ja Rassist*innen zitieren. Intervention gegen diskriminierende Sprache wird häufig mit Meinungsfreiheit, Zensur und Political Correctness abgewehrt. Weiße von links bis rechts außen sind sich einig, greifen hier auf exakt die gleichen Strategien zurück und verteidigen etwa das N-Wort damit, dass es ja eigentlich nur „schwarz“ bedeute, als sei damit die rassistische Verwendung vom Tisch.

Queerfeministische Intervention in Sprache besteht aber nicht nur aus Intervention gegen diskriminierende Sprache sondern auch in der Schaffung eigener nicht diskriminierender Sprache. Besonders auffallen dürften hier Wortschöpfungen, die die Normen und Konstruktionscharakter sichtbar machen: frauisiert und typisiert, für die Herstellung der Geschlechter von Frauen und Typen.

Ein weniger lustiges Beispiel wäre das Gender_Gap: Ein Unterstrich zwischen dem Wortstamm und der Endung _innen, der sichtbar machen sollen, dass da zwischen [neben!] männlicher und weiblicher Form noch mehr ist. Dieses mehr ist nicht etwa trans*, wie viele fälschlich annehmen, sondern Menschen, die sich als weder männlich noch weiblich verorten. Das Gendersternchen erfüllt einen ähnlichen Zweck wie das Gap, sieht aber mehr nach Wildcard aus, erschließt sich also intuitiver. Am Ende von Wörtern macht das Sternchen den Konstruktionscharakter deutlich. (Frau*) [Anm.: Das letztere finde ich persönlich nicht sinnvoll, u.a. weil eine häufige falsche Lesart ist, dass „Frau“ nur Cisfrau meint.]

Neben Intervention in diskriminierende Sprache und Schaffung eigener, nicht diskriminierender Sprache, geht es hier aber auch darum, was NICHT gesagt wird: Wen nenne ich? Wen nicht? Auch Nicht-Erwähnung marginalisierter Positionen und Wissenproduktion haben einen Machtkontext.

Fat Acceptance

Als weitere queerfeministische Intervention wäre die Fat-Acceptance / Fat-Positivity Bewegung zu nennen und die Intervention gegen rassistische, sexistische, cis-sexistische, lookistische, und pathologisierende Körpernormen.

DIY

Do it Yourself ist ein weiteres großes Betätigungsfeld im Queerfeminismus. Das geht von klassischen Handarbeiten und anderen kreativen Projekten über Schreiben, Bloggen, Zines, Musik machen, Texte umschreiben, um Songs den Heterosexismus zu nehmen. Hetero-Lovesongs aus der „falschen“ Perspektive singen. (Oder Männer auslachen, die Summertime Sadness covern und sich von den High Heels distanzieren.)

Intervention in öffentliche Räume

Intervention in öffentliche Räume sind z.B. feministische Demos und Gegendemos wie z.B. die zu den Anti-Choice-Märschen. Oder die Umbenennung von Straßen mit rassistischen oder kolonialrassistischen Namen (wie der M*****-Straße in „Möhrenstraße“ durch die Gruppe Decolonize The City). Oder „Sexistische Kackscheiße“-Aufkleber auf sexistischen Werbeplakaten im öffentlichen Raum. Oder im Supermarkt die gegenderten Grillsaucen umsortieren. Oder überall, wo Produkte für die Dame und den Herrn getrennt sind, mal durchzumischen.

Queerfeministische Intervention als Lohnarbeit

Oft schlecht oder gar nicht bezahlt, da von Aktivist*innen erwartet wird, sie arbeiten für die gute Sache(tm) (und hätten keine Miete zu bezahlen). Die Betätigungsfelder sind hier vielfältig und reichen von offiziellen Stellen, über NGOs bis zu Bildungsarbeit, Workshops, Vorträgen …

Beziehungen

Und als letztes Betätigungsfeld hier zu nennen: Beziehungen. Das Hinterfragen der Hetero-Zweierbeziehungsnorm und der Romantischen Zweierbeziehung. Hier ist für viele die Lösung Polyamorie und Beziehungsnetzwerke. Die aber natürlich auch nicht die Lösung sind, sofern sich nicht auch kritisch mit der Ökonomie postmoderner Liebe auseinandergesetzt wird. [Dazu hatte hier schon mal was geschrieben.]

Was macht Queerfeminismus anders?

Cis-/Hetero-/Sexismus sind strukturelle Machtverhältnisse. Die Norm bilden die Positionen cis/hetero/männlich. Und je nach Übereinstimmung oder Abweichung ihrer Positionen von dieser Norm werden Menschen unterschiedlich stark privilegiert oder diskriminiert.

Unter Feminismus verstehen viele nur Antisexismus und darunter nur die Gleichstellung von Frauen mit Männern. Sexismus ist aber, wie wir gehört haben, nur eine von mehreren Diskriminierungen auf der Achse Geschlecht – Heterosexismus und Cis-Sexismus sind weitere – und nur eine von vielen Diskriminierungsformen.

Zu Queerfeminismus gehört, Machtverhältnisse an ihren Grundlagen zu kritisieren, d.h. bereits die Diskriminierungen und Ausschlüssen zugrunde liegenden Normen zu hinterfragen.

Intersectional or bullshit

Daraus ergibt sich für viele Queerfeminist*innen zwingend, dass Queerfeminismus intersektional sein muss.

Intersektionalität ist ein Konzept, das zuerst benannt und beschrieben wurde 1989 von Kimberlé Crenshaw, das davon ausgeht, dass die verschiedenen sozialen Kategorien – „Race“ / Class/ Gender / Ability / Sexualität usw. – und die damit verbundenen Machtverhältnisse sich überschneiden, interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Das hat zur Folge, dass sich die einzelnen Positionen nicht für sich allein stehend analysieren lassen.

Dazu gibt es netterweise den Fun Guide von Miriam Dobson, in dem am Beispiel von Bob, dem mehrfach diskriminierten gestreiften Dreieck, erklärt wird, was Intersektionalität ist.

-> Intersectionality: A fun Guide

Man kann die Unterdrückung schwarzer Frauen nicht analysieren, indem man ihre Betroffenheit von Rassismus und Sexismus jeweils einzeln betrachtet. Ihre Betroffenheit von Rassismus führt dazu, dass sie andere Formen und Ausprägungen von Sexismus erleben, als weiße Frauen.

Weiße Frauen/Feministinnen diskutieren bis heute von ihren Erfahrungen aus universalisierend über weibliche Körper als „Ware“, und übersehen dabei, dass in der Geschichte schwarzer Frauen Sklaverei Realität war. [Ein Beispiel wäre hier Sexarbeit als „weiße Sklaverei“ zu bezeichnen, was nicht nur eine unsinnige Gleichsetzung ist, sondern auch schwarze Frauen in Sexarbeit – und wiederum deren spezifische Probleme – unsichtbar macht.] Rassistische und klassistische Stereotype verschärfen Sexismus, auf Arten, die weiße Mittelschichtsfrauen einfach nicht erleben.

-> Aktuelles Beispiel für White Feminism: Meryl Streep & Co. und das Emmeline Pankhurst Zitat auf dem T-Shirt zum Suffragette Film. 

Der Mainstream

Der feministische Mainstream zentriert die eigenen und sich ins eigene Weltbild fügende Interessen, oft Interessen scheinbarer Mehrheiten – in Wirklichkeit gesellschaftlich dominanter Gruppen –, Interessen weißer, cis / heterosexueller / ableisierter Mittelschichtsfrauen.

Es geht diesem Feminismus oft gar nicht darum, insgesamt etwas zu verändern, die Grundlagen von Unterdrückung zu überwinden. Oft geht es um nicht mehr als eigenes Fortkommen, Anerkennung, Karriere, Work-Life-Balance, Aufteilung von Care- oder Reproduktionsarbeit in heterosexuellen Partnerschaften.

Es gibt unzählige Beispiele, wie auch im Feminismus dominante Gruppen von ihrem Standpunkt aus universalisieren, marginalisierte Gruppen gewaltsam ent_nennen, unsichtbar machen, und Diskriminierung und Ausschlüsse [re]produzieren.

Feminismus, der von „Männern und Frauen“ spricht, ent_nennt andere Geschlechter und reproduziert damit Cis-Sexismus. Das gleiche gilt für veraltete Schreibweisen mit Binnen-I oder Schrägstrich.

Das mag zunächst harmlos erscheinen, sind ja nur Schreibweisen. Da werden aber Menschen weggelassen und diese immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie in der Realität der so Schreibenden keinen Platz haben.

Das generisches Maskulinum (auch treffender „Androgenderung“ genannt) setzt Männer zur Norm, und lässt sich eigentlich gar nicht sinnvoll mit einem Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit vereinbaren.

Feminismus, der auf biologistische Diskurse eingeht, essentialisierend auf die Norm Bezug nimmt, Penis mit männlich, Vagina und Brüste mit weiblich gleichsetzt, reproduziert Cis-Sexismus. Das gilt auch für die oft ironisch gemeinten Abwertungen von Männern über Geschlechtsteile. Transgeschlechtliche Menschen haben genug Probleme, ohne dass ihnen der Feminismus aus Ignoranz in den Rücken fällt.

Pluralismus!?

Kritik an Feminismus, der über die eigenen Interessen andere vergisst oder sogar diskriminiert, wird mittlerweile vielfach mit der Begründung abgewehrt, dass es ja viele unterschiedliche Feminismen gäbe, und man eben diesen einen praktiziere und sich gar nicht anmaße, für alle zu sprechen.

Zum einen wird dann aber trotzdem weiterhin Solidarität eingefordert für Anliegen, die mit den Lebensrealitäten von lesbischen, schwarzen, armen, behinderten, … usw. Frauen wenig oder gar nichts zu tun haben.

Natürlich sind z.B. Repräsentation und Diversity wichtig, das Durchbrechen von „gläsernen Decken“ also ein legitimes Anliegen. Von wem sie ausgebeutet werden, kann Arbeiter*innen in schlecht bezahlten Jobs aber darüber hinaus herzlich egal sein.

In den privilegierteren Klassen können sowohl Männer als auch Frauen kein Interesse an einem kompletten Umsturz des Geschlechterverhältnisses haben, weil daran die gesamte Ökonomie hängt, die ihren Status sichert. Kapitalismus braucht Diskriminierung, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Wenn alle miteinander statt gegeneinander arbeiten würden, hätte der Kapitalismus ein großes Problem.

-> Beispiel für solchen Eliten-Feminismus wäre „Lean In“ von Sheryl Sandberg.

Darum zeigt sich der komplexifizierte Backlash heute nicht mehr nur in offener Opposition gegen Kämpfe um Gleichberechtigung, sondern auch in Aneignung von Feminismus in einer harmlosen, die eigenen Interessen schützenden Version, bei gleichzeitiger Zurückweisung der Aspekte, die wirkliche grundlegende Veränderung für alle bedeuten würden. Angela McRobbie nannte das mal einen geschlechterpolitischen New Deal: Einlassen auf einen liberalen Feminismus, der nicht an den Grundlagen des Geschlechterverhältnisses rüttelt. Eliten-Feminismus rüttelt auch und vor allem nicht am Klassenverhältnis. (Charity ist kein Rütteln am Klassenverhältnis.)

Privilegierte Feministinnen, einflussreiche Frauen mit Reichweite, weisen häufig darauf hin, dass Interessen Marginalisierter Minderheiteninteressen seien und man sich zunächst um Wichtigeres kümmern müsse, dass Feminismus mehr für den Mainstream sein oder Männer mitnehmen müsse, dass es nur miteinander ginge. Denkfehler – wohl beabsichtigter – daran ist: Dass die Rechte der (oft vermeintlichen) Minderheiten bereits jetzt von den Launen genau dieser vermeintlichen Mehrheiten abhängig sind, die die kulturelle Hegemonie für sich beanspruchen. Diese setzen also im Feminismus ganz einfach ihre Dominanz fort.

Zurück zu der Kritik, es gebe ja unterschiedliche Feminismen und nur die eigenen Interessen zu vertreten sei nur eine Art Pluralismus …

Diese Art, Kritik abzuwehren, ist weiterhin eine Umkehrung der Kritik der weniger privilegierten Feminist*innen, die sich regelmäßig dagegen wehren müssen, dass privilegiertere Frauen ihren Standpunkt universalisieren und für „die Frauen“ sprechen: „Wenn wir nicht für Euch sprechen können, dann sprechen wir für uns und sprecht ihr für euch selber“. Den Raum, in dem Andere sprechen könnten, geben privilegierte Feministinnen dann aber regelmäßig nicht frei.

„Mainstream“-Feminist*innen beschweren sich häufig, dass sich im Feminismus „plötzlich“ auch mit Rassismus beschäftigt wird. Fragen sich, was das miteinander zu tun hat. Verstehen dann nicht, inwiefern es Aneignung ist, ein Martin Luther King Zitate für die „sozialen Kämpfe“ der weißen Mittelschicht zweckzuentfremden. Fragen, warum LGBT-Themen im Feminismus so präsent sein müssen. Warum nicht eher die Probleme heterosexueller Paare mit Kind? Feminismus müsste wieder mehr für die alltäglichen Probleme „normaler Leute“ sein. Die seien doch in der Mehrheit. Die feministische Sprache finden sie überfordernd oder machen sich lustig. Die Realität anderer Menschen zu negieren, macht ihnen nichts aus. Wissen, nach dem sie nicht bereit sind zu googeln, erwarten sie von Queerfeminist*innen hinterher getragen zu bekommen. Weil sie meinen, von DEREN Anliegen überzeugt werden zu müssen. (Anm.: Da sieht man, wie weiß/heterosexuell/privilegiert der feministische Default a.k.a. das Verständnis von „wir“ ist.)

Und sie möchten bitte nicht cis genannt werden, oder hetera oder weiß, weil sie das als diskriminierend und spaltend empfinden. „Wir“ sind doch alle auf einer Seite.

Auf dominante Reproduktion der Heteronorm angesprochen, tun sie so, als wäre ihnen das Küssen verboten worden. Erklären, sie könnten ja nichts dafür, dass sie hetero sind, als wäre das der Punkt. Am besten erklären sie noch, sie seien auch „born this way“ und sie seien ja anderen gegenüber auch tolerant.

Dieses gewaltsame Ent_nennen, das Unsichtbarmachen und Marginalisieren anderer als der eigenen Interessen, nennt man auch „unter den Bus schubsen“.

Aber es ist doch schön, wenn Leute ein bisschen Feminismus machen!?

[Das Macklemore Bild aus dem Vortrag erspare ich euch.]

„Same Love“ ist ein Rückschritt, eine Anerkennung nur von Gleichem. Für Sameness. Es wirbt für Toleranz, weil die Leute ja nicht anders können. Toleranz funktioniert aber nur in einem asymmetrischen Machtverhältnis. Der WHM in der Chefetage braucht meine Toleranz nicht, er lacht darüber.

„I Can’t Change Even if I wanted to“ ist kein Argument. Was, wenn Leute sich anpassen könnten? Hätten sie dann weniger Anspruch auf allgemeine Menschenrechte? Die Frage ist doch: Warum kann so etwas abgesprochen werden? Und von wem. Und zu welchem Zweck passiert das.

this-is-what-a-feminist-looks-like

Emma Watson wird für liberale Allgemeinplätze gefeiert. Dafür, dass endlich mal wer zum dreitausendsten Mal klarstellt, dass es bei Feminismus nicht um Männerhass geht. Dafür, dass sie Männer nett um Unterstützung bittet und Feminismus nun endlich auch Männer erreicht, deren Unterstützung der einfachen Wahrheit, dass Frauen auch Menschen sind, bislang daran scheiterte, dass sie nicht nett gefragt wurden.

Karl Lagerfeld, der dicken Frauen die Existenzberechtigung abspricht, wird gefeiert, weil er für Chanel (und viel Geld) eine Feminismus-Show inszenierte.

Celebrities tragen „This is what a feminist looks like“-T-Shirts, die von Elle UK, Whistle’s und der Fawcett Society, Großbritanniens größter Frauenrechtsorganisation, für 45 Pfund / $72 verkauft werden. Zur großen Erleichterung aller Beteiligten haben sich Vorwürfe, die Shirts würden von Näher*innen auf Bangladesh, Sri Lanka, Indien und Vietnam in Mauritius unter Sweatshop-Bedingungen angefertigt, nicht bestätigt: Die NGO Labour Behind The Label stellte dazu klar, dass die Löhne beim Hersteller CMT mit unglamourösen 62 Pence ($0.99) die Stunde über dem Mindestlohn in Mauritius lägen, aber der Mindestlohn in Mauritius bei weniger als der Hälfte dessen, was man dort als existenzsichernden Lohn bezeichnen könnte.

Es ist schön, wenn Leute ein bisschen Feminismus machen. Was hier passiert ist aber, dass Menschen ihr bisschen Feminismus so machen, dass es anderen schadet. Mainstream- und Popfeminismus sind nicht einfach nur „zu wenig“, sie fügen sich ein in ein System der Unterdrückung.

Und das ist der Unterschied, den Queer Theory und intersektionaler Queer*Feminismus versuchen zu machen: Wir wollen, dass alles anders wird.

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