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Not ALL Men Must Die: Hegemoniale Männlichkeiten und warum Not ALL Men sterben muss

[Überarbeitete Version eines gleichnamigen Vortrags]

Content Note: Beschreibung männlicher Dominanzreproduktion. Thematisierung von sexualisierter Gewalt.

tl;dr: Das Problem, das Meme und was wir dagegen tun müssen

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Einige haben vielleicht schon von Connell’s „Der gemachte Mann“ gehört, und wenn es nur die Textstelle in Sookee’s „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ war.

Raewyn Connell ist eine australische Soziologin und eine der Begründer*innen der Männerforschung. Connell hat 1987 in „Gender and Power: Society, the Person and Sexual Politics“ erstmals das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit beschrieben. Ihr 1995 erschienenes Buch „Masculinities“ (deutsch: „Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeit“, 1999) gilt als der Klassiker auf dem Gebiet der Männerforschung.

Was heißt hegemonial?

Hegemonial heißt soviel wie vorherrschend, dominant, überlegen. Hier geht es also um Machtverhältnisse.

Das Konzept der Kulturellen Hegemonie hat Connell von Antonio Gramsci übernommen.

Bei Gramsci ist Hegemonie eine Form von Herrschaft, bei der die herrschende Klasse einer kulturell diversen Gesellschaft ihre Weltsicht (Werte, Überzeugungen, Ansichten, Wissen) als allgemeingültige Normen auferlegt, und so eine dominante Ideologie schafft, die den sozialen, politischen und ökonomischen Status Quo naturalisiert, d.h. ihn als natürlich und unausweichlich erscheinen lässt, und nicht als das, was er ist: Ein soziales Konstrukt, das die herrschende Klasse privilegiert.

Die Menschen fügen sich in die soziale Ordnung, die sie unterdrückt – weil sie deren Überzeugungen teilen. Die Werte der herrschenden Klasse gelten als Common Sense, objektives Wissen usw. Die bürgerliche Ideologie wird zu der der Arbeiter, die durch sie unterdrückt werden.

In der marxistischen Philosophie bei Gramsci bezieht sich die Kulturelle Hegemonie auf Klassen. Beim Konzept der Hegemonialen Männlichkeit geht es darum, wie männliche Dominanz hergestellt wird.

Was ist Männlichkeit?

Männlichkeit ist eine Position im Geschlechterverhältnis und definiert sich als Gegensatz zu Weiblichkeit.

Connell zeigt in Masculinities, dass Männlichkeiten soziale Konstrukte sind, dass im Verlauf der Geschichte unterschiedliche Männlichkeiten dominant waren, und dass Männlichkeiten dynamisch sind und einem ständigen Wandel unterliegen.

Heute sind es im wesentlichen zwei Faktoren, die hegemoniale Männlichkeit herstellen: Herrschaft und Marginalisierung (marginalisieren heißt „an den Rand drängen“). Herrschaft bestimmt, welche Eigenschaften Männer haben müssen, um ihre Dominanz zu sichern. Das wären z.B. Ehrgeiz, Antriebsstärke, Selbstvertrauen und Heterosexualität. Durch Marginalisierung wird eine Hierarchie verschiedener Männlichkeiten geschaffen. So werden z.B. schwule Männer von heterosexuellen unterdrückt.

Hegemoniale Männlichkeit sucht den Wettstreit und versucht damit, andere Männer und Frauen (und von ihr negierte andere Geschlechter) unterzuordnen.

Hegemoniale Männlichkeit wird von keiner Mehrheit der Männer verkörpert. Es ist im Gegenteil so, dass sie mit der Realität der meisten Männer wenig zu tun hat. Hegemoniale Männlichkeit setzt sich zusammen aus den hegemonialen Subjektpositionen, d.h. sie ist idealerweise weiß, heterosexuell, männlich, cis (also nicht transsexuell), ableisiert (also ohne Behinderungen), hat einen männlich-trainierten Körper, ist ökonomisch gut situiert, klassenprivilegiert, usw. Das vereint selten ein einzelner Mann in sich.

Die hegemoniale Männlichkeit bildet das kulturell normative Ideal für männliches Verhalten, die Männlichkeit also, die es anzustreben gilt, und die die Dominanz von Männern gegenüber Frauen (und anderen Geschlechtern) sichert. In anderen Worten: Hegemoniale Männlichkeit wird als die wahre echte und überlegene Männlichkeit postuliert, mit der die Dominanz von Männern gegenüber Frauen und anderen Geschlechtern gerechtfertigt und legitimiert wird.

Unterschiedliche Sozialisation und Privilegien

Das sich selbst zur Norm setzen weißer heterosexueller Männer ist für diese mit Privilegien verbunden, gleichzeitig mit Diskriminierungen für andere Geschlechter, Schwarze Menschen und andere People of Color (Selbstbezeichnung von Menschen, die nicht weiß sind) und abgewertete Klassen.

Männern bringt diese Privilegierung mehr Anerkennung, Autorität, Respekt, größere Handlungsspielräume. Sie sind in gesellschaftlichen Bereichen, die mit Status verbunden sind, überrepräsentiert. In Boys‘ Clubs und Männerbünden fördern und protegieren sie sich gegenseitig, was ihnen hilft, unter sich zu bleiben, vorhandene Macht zu sichern und bei Männern zu bündeln. Männlichkeit konstituiert sich laut Connell vor allem über Wettbewerb und Männerbünde.

Dagegen haben es Frauen oft schwer, auf mit Status verbundene Ebenen vorzudringen. Ein großer Faktor bei der Unterordnung von Frauen ist ihre Bindung an den häuslichen/privaten Bereich und die Sorgearbeit. Weiblich konnotierte (auch Erwerbs-) Arbeit wird abgewertet. Frauen werden überproportional Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt durch Männer. Sie werden gesellschaftlich abgewertet, objektiviert.

Rape Culture ist ein Beispiel für diese Privilegierung von Männern.

Rape Culture (Vergewaltigungskultur) nennt man, wenn in einer Kultur Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt weit verbreitet sind und sexualisierte Gewalt normalisiert, entschuldigt, toleriert oder sogar gut geheißen wird. Verhaltensweisen, die eine Rape Culture kennzeichnen sind z.B. eine weite Verbreitung von sexueller Objektivierung, Victim Blaming (die Schuld auf die Opfer sexualisierter Übergriffe zu schieben; nach der Kleidung, dem Verhalten des Opfers zu fragen, als würde irgendetwas davon Vergewaltigung rechtfertigen) und die Trivialisierung von Vergewaltigung, etwa mittels Vergewaltigungswitzen.

Rape Culture ist, dass auch unkonsensuelle sexuelle Aggression von Männern als sexy gilt und romantisiert wird. Dass Männer sich Frauen „nehmen“, die meisten an „Du willst es doch auch“ und ähnlichen Formulierungen kein Problem erkennen, dass „Blurred Lines“ ein Hit werden konnte, und über „Nein heißt Nein“ diskutiert werden muss.

Rape Culture ist, dass Frauen erklärt wird, unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit sei ein Zeichen von Wertschätzung, dass Männer sich nicht „zurückhalten“ könnten, weil Frauen diesen „Effekt“ auf sie haben.

Rape Culture ist, dass die Argumentation der Vergewaltiger, dass Männer sich nicht beherrschen können, vorherrscht, während andere daneben stehen und schweigen. Natürlich sind nicht alle Männer Vergewaltiger. Natürlich müssen alle Frauen mit der Angst leben.

Zu Rape Culture gehört auch die verbreitete Praxis, in Kriegen und in Gefängnissen zum Zweck der Erniedrigung und der Unterordnung sexualisierte Gewalt als Waffe einzusetzen, als Mittel der Dominanzreproduktion (siehe u.a. den Abu Ghuraib Folterskandal).

Es ist Rape Culture, wenn auch männliche Betroffene aus Scham nicht anzeigen. Es ist auch Rape Culture, wenn Maskulisten und Antifeminist*n männliche Betroffene für die Behauptung instrumentalisieren, Opfer sexualisierter Übergriffe würden in gleichem Maße Männer wie Frauen.

Rape Culture ist eine Einstellung, die Täter*innen privilegiert. Täter*innen, die in der ganz überwiegenden Mehrheit männlich sind. Auch da, wo die Opfer männlich sind.

Rape Culture ist aber nur eins von vielen Beispielen für Privilegierung durch männliche Dominanz.

Männliche Wissensproduktion erfährt mehr Anerkennung. Das hat zum einen damit zu tun, dass in der Geschichte die Voraussetzungen, Wissen zu produzieren, hauptsächlich bei Männern gegeben waren, und Männer deswegen im Nachhinein und außer Kontext fähiger erscheinen. Männer trauen sich aber in der Regel auch unabhängig von ihrem tatsächlichen Wissensstand, dominanter aufzutreten. Hier gibt es teils sehr große Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sozialisation, allerdings auch zwischen den Klassen.

Ein Beispiel für diese unterschiedliche Sozialisation ist Mansplaining („Mann“ + „Erklärung“). Mansplaining nennt man, wenn ein (typischerweise) Mann einer (typischerweise) Frau etwas auf herablassende und belehrende Art erklärt, meist ungefragt und ohne ihre Qualifikation zu berücksichtigen, also auch Dinge, die sie bereits weiß, bis hin zu ihrem eigenen Fachgebiet, weil diese Männer bei sich eine höhere Kompetenz als bei den angesprochenen Frauen einfach voraussetzen. Oft nutzen Mansplainer improvisiertes „Wissen“ oder Vermutungen, weil sie davon ausgehen, dass dies beim Gegenüber nicht auffällt.

Jungen werden eher zum laut sein, toben und Raum nehmen ermutigt. Weiblich konnotiere Eigenschaften wie Emotionalität oder Schwäche werden bei Jungen sanktioniert. „Boys don’t cry“. „I*****er [Rassistische Fremdbezeichnung] kennt keinen Schmerz“. Jungen werden zu aggressiveren Sportarten ermuntert (Fußball, Rugby, Motorsport) und dazu, sich in Wettbewerb zu begeben.

Mädchen sollen Pferde lieben und zum Balett gehen. Mädchen wird eher hübsch machen und sorgen antrainiert. Sie lernen früh Dinge über Mode und Schönheit. Für Mädchen gibt es kleine rosa Küchengeräte und rosa Lego, mit dem man nicht richtig bauen kann. Wenn Mädchen und Frauen weniger aggressiv Fußball spielen, ist das „kein richtiger Fußball“.

Problem ist weder das rosa Spielzeug noch der Vollkontaktsport, sondern dass in diesem geschlechtsspezifischen Sozialisiationsschema Kinder mit Vorschriften, was für sie ist und was nicht, in Richtungen gedrängt werden, die vielleicht nicht ihre sind. Wir trennen Spielwaren nach Geschlechtern und viele Eltern nehmen das einfach so hin. Weil: Ist halt so. Und „ist halt so“ ist, was herrschende Ideologie kennzeichnet. Die braucht sich nicht zu erklären.

Dass Jungen mit Hilfe von Sport/Spielen zu kompetitiver Männlichkeit erzogen werden, erklärt dann auch zum Teil, warum z.B. „Gamergate“ und Hass gegenüber Menschen, die Sexismus in Videospielen kritisieren, für sie Sinn machen: Videospiele werden von Männern für die Männlichkeitskonstruktion gebraucht, als Platz, wo Männer sich stark fühlen können. Die einen nutzen zu dem Zweck Spiele mit Gewalt, Sex, und sexualisierter Gewalt, bei anderen sind das Pornos, beim nächsten Motorsport, Grillen oder Bodybuilding. Das sind die Outlets der Durchschnittsmänner, die für sich gesehen über keine große Macht verfügen, und sich meistens auch überhaupt nicht als privilegiert wahrnehmen, sich stark und männlich zu fühlen. Wenn da Frauen „einbrechen“ und Dinge kritisieren: Beschädigt das die Männlichkeit.

Jungen, die keinen Schmerz kennen dürfen, haben auch als Erwachsene häufiger Probleme, mit Schmerzen zum Arzt zu gehen, weil sie gelernt haben, aushalten als Stärke zu sehen. Ausdruck desselben Musters ist, dass Männer oft nicht zugeben, Dinge nicht zu wissen, weil auch das von ihnen als Schwäche interpretiert wird.

Die unterschiedliche Sozialisation schreibt sich auch körperlich ein. Männer gehen, stehen, sitzen später anders, siehe z.B. den Breitmachmacker-Tumblr. Mädchen und Frauen machen Diät und versuchen, möglichst wenig Raum einzunehmen. Da zeigt sich die Norm, die die dichotome (zweiteilige) Unterscheidung zwischen „den“ zwei Geschlechtern erzeugt.

Kritiker von „Genderscheisse“ wollen die Unterschiedlichkeit bewahren, sagen sie. Und forcieren mit ihrer Unterscheidung in zwei, und nicht mehr, klar voneinander getrennte Geschlechter, dass alle anderen Unterschiede aufgegeben werden.

Andere als diese beiden Geschlechter sind in der Unterscheidung nicht vorgesehen, im Gegenteil: Was stört, die Grenze fließend macht, muss marginalisiert (an den Rand gedrängt) oder unsichtbar gemacht werden. Wir stellen die „natürliche Ordnung“ her mit Hilfe von belohnenden und bestrafenden Sanktionen.

Das ist die heteronormative Matrix.

Die heteronormative Matrix braucht:

* 2 Geschlechter
* eindeutig unterscheidbar
* komplementär
* in gegenseitigem Begehren aufeinander bezogen.

Das heißt:

* Mann / Frau
* stark / schwach, aggressiv / zurückhaltend, aktiv / passiv
* rational / emotional, mutig / ängstlich, anpackend / sorgend
* und heterosexuell

Was hiervon abweicht, stört die männliche Dominanz.

Bourdieu hat in „Die männliche Herrschaft“ erklärt, wie männliche Dominanz durch „Vorlieben“ heterosexueller Männer für tendenziell unterlegene Frauen reproduziert wird. Und dass diese sehr häufigen Vorlieben eben nicht zufällig sind. Dass es System hat, dass die meisten heterosexuellen Männer sich in Frauen verlieben, die zum Beispiel kleiner sind als sie. Dass die meisten heterosexuellen Männer Wert legen auf deutliche (stereotype Geschlechts-) Unterschiede zwischen sich und ihren Partner*innen. Dadurch sehen Männer stärker, männlicher, aus.

Aber Männlichkeit konstituiert sich nicht nur in Beziehung zu Weiblichkeit, sondern auch untereinander.

Männlichkeiten und ihre Beziehungen zueinander

Connell erklärt, wie unterschiedliche Männlichkeiten zueinander in Beziehung stehen: Diese Beziehungen sind Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung.

Bei den nicht-hegemonialen Männlichkeiten unterscheidet Connell zwischen marginalisierten, unterdrückten und komplizenhaften Männlichkeiten.

Am unteren Ende der Hierarchie der Männlichkeiten stehen die unterdrückten Männlichkeiten. Hierzu zählen z.B. die homosexuellen Männlichkeiten, die der stärksten Abwertung unterliegen, aber auch die stärkste Herausforderung für die hegemonialen Männlichkeiten darstellen.

Darüber stehen marginalisierte Männlichkeiten. Das sind die Männlichkeiten unterdrückter Schichten und „Ethnien“, deren Unterordnung die Hegemonie der anderen Männlichkeiten sichert.

Und darüber befinden sich die komplizenhaften Männlichkeiten.

Die komplizenhaften Männlichkeiten unterstützen die hegemoniale Männlichkeit und profitieren von deren Dominanz ganz einfach dadurch, dass Männer aufgrund der Unterordnung von Frauen und anderen Geschlechtern Privilegien erlangen. Diesen Profit nennt Connell „patriarchal bargain“, auf deutsch „patriarchale Dividende“. Patriarchale Dividende ist der Nutzen, den das Patriarchat für seine Unterstützer*innen hat.

Zu den komplizenhaften Männlichkeiten gehört die Mehrheit der Männer. Sie erhalten das ganze System der männlichen Dominanz durch ihre Unterstützung aufrecht. Sie bestimmen nicht, aber sie nehmen mit, was sie kriegen können, und sie stellen dafür das System nicht in Frage.

Patriarchal Bargain beschränkt sich nicht auf Männer. In den privilegierteren Klassen kann niemand ein Interesse an einem kompletten Umsturz des Geschlechterverhältnisses haben, weil daran die gesamte Ökonomie hängt, die ihren Status sichert. Kapitalismus braucht Diskriminierung, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Wenn alle miteinander statt gegeneinander arbeiten würden, hätte der Kapitalismus ein ganz großes Problem. Eine Methode, sich Kämpfen um Emanzipation faktisch zu widersetzen, sich aber nicht offen dagegen auszusprechen, ist, sich diese Kämpfe in einer die eigenen Interessen schützenden Version anzueignen. Das passiert heute zum Beispiel in Form von liberalem Feminismus, der nicht an den Grundlagen des Geschlechterverhältnisses rüttelt (ein Beispiel hierfür wäre Sheryl Sandberg’s „Lean In“).

Not ALL Men, Real Men Don’t und die Retter der Männlichkeit

Wo über Probeme gesprochen wird, an denen Männer beteiligt sind, sind die Verteidiger*innen der Männlichkeit nicht weit.

@sassycrass hat das Phänomen 2013 in diesem Tweet auf den Punkt gebracht:

Übersetzung:
Ich: Männer und Jungen werden sozial angewiesen, uns nicht zuzuhören. Ihnen wird beigebracht, uns zu unterbrechen, wenn wir–
Zufälliger Mann: Entschuldigung. Nicht ALLE Männer.

Was ist falsch daran, zu sagen, dass nicht alle Männer so sind?

Die Prioritäten derjenigen, die finden, sowas anmerken zu müssen. Erstmal wurde überhaupt keine Aussage über „alle Männer“ gemacht. Und dann ist es der Person offensichtlich wichtiger, Männlichkeit gegen Kritik in Schutz zu nehmen, als sich mit dem angesprochenen Problem zu beschäftigen. („Not ALL Men“ wird darum auch als Derailing-Taktik bezeichnet, das heißt eine Methode, vom eigentlichen Thema abzulenken.)

Ähnlich funktioniert die Aussage „Real Men Don’t“. Hier gab es 2011 eine Kampagne, bei der männliche Prominente wie Justin Timberlake, Ashton Kutcher und Sean Penn als Statement gegen Menschenhandel Pappen in Kameras hielten, auf denen stand „Real Men Don’t Buy Girls„. Dieses Meme wurde im vergangenen Jahr nochmal verstärkt rumgereicht, nachdem im nigerianischen Chibok 276 Mädchen durch die terroristische Organisation Boko Haram aus einer Schule entführt worden waren.

Mit „Real Men Don’t“ definiert man einfach die problematisch Handelnden aus der Gruppe „richtige Männer“ heraus, und nimmt damit wieder Männlichkeit gegen Kritik in Schutz. Im Sinne von: Richtige Männer sind besser als das. Das ist natürlich falsch. Männer zahlen für [sexuelle Handlungen an] Mädchen. Der Rest ist Rhetorik.

Wem es wichtiger ist, Männlichkeit in Schutz zu nehmen, als sich mit dem eigentlichen Problem zu beschäftigen, ist Teil des Problems.

„Not ALL Men“ und „Real Men Don’t“ und ähnliche Aussagen sind komplizenhafte Männlichkeit bei der Arbeit.

Toxische Männlichkeit

Die „Real Men“-Rhetorik funktioniert auch sanktionierend. Richtige Männer sind dem Ideal der hegemonialen Männlichkeit zufolge stark, nicht schwach, nicht emotional, werden nicht Opfer sexualisierter Gewalt und reden dementsprechend auch nicht darüber; richtige Männer wollen dauernd Sex, und zwar mit Frauen, d.h. richtige Männer sind auch nicht schwul.

Männlichkeit ist ein sehr zerbrechliches Konstrukt. Wer Männlichkeit falsch macht, wird abgewertet und untergeordnet. Patriarchy Hurts Men Too. Das Patriarchat kann sich für seine Beteiligten als Bumerang erweisen.

Gewalt, sexuelle Aggression und Emotionslosigkeit kennzeichnen Männlichkeit, die man als toxisch bezeichnet. Anders Breivik, Elliot Rogder, Steubenville sind Beispiele für toxische Maskulinität und ihre Folgen.

Elliot Rodger, der seine männliche Anspruchshaltung und seinen Frauenhass offen zeigte, wurde als ungefährlich eingeschätzt, bevor er am 23. Mai 2014 in Isla Vista, Kalifornien, aus Rache für sexuelle und soziale Zurückweisung 6 Menschen umbrachte und 14 weitere teils schwer verletzte. „Amokauf wegen dieser Blondine?“ fragte die „Bild“ [kein Link].

Viele äußerten Verständnis für Rodger und gaben den Frauen, die ihn zurückgewiesen hatten, eine Mitschuld für seine Taten. Die meisten weigerten sich, den Zusammenhang zwischen generell in der Gesellschaft vorherrschender männlicher Anspruchshaltung und der Anspruchshaltung Rogders anzuerkennen, und machten ihn zum psychisch gestörten Einzelfall.

Toxische Maskulinität wird von vielen Männern nicht als Ganzes abgelehnt und zurückgewiesen, sondern nur in ihren extremsten Ausprägungen. Ansonsten sind Männer, die sich Frauen „nehmen“ und einsame Rächer, um nur zwei Beispiele zu nennen, positiv besetzte Männlichkeiten.

Männliche Dominanz und Verantwortung

Männer, die das System nicht in Frage stellen, muss man nicht bedauern, wenn es für sie nach hinten losgeht und ihnen selber schadet. Es ist ihr System, also ihre eigene Aufgabe, es zu demontieren. Ihre Verantwortung.

Was stattdessen passiert ist, dass Männlichkeit in Schutz genommen wird, problematische Verhaltensweisen heruntergespielt werden, dass Männer diese Verhaltensweisen dulden, fördern und mitmachen für Privilegien.

Boys will be Boys. Ist doch nicht so schlimm. Er kann es nicht besser.

Das stimmt nicht nur nicht, das ist männerfeindlich. Das reißt Männer rein, die versuchen, es besser zu machen. Die toxische Konzepte von Männlichkeit hinterfragen, selbstkritisch sind und versuchen, Dinge zu verändern.

Die Ansprüche im öffentlichen und im politischen Raum sind männliche. Die männliche Position sehen wir aber als neutral, setzen sie als Default, an dem sich andere messen sollen. This cannot work ever. Das kann nicht funktionieren. Es kann nicht darum gehen, ob Frauen und andere Geschlechter in männlichen Strukturen bestehen können oder nicht. Sie sollten es nicht müssen.

Und darum müssen Männer, die den Anspruch an sich haben, Frauen und andere Geschlechter nicht zu dominieren, zurücktreten von diesem männlichen Anspruch. Und von Regeln, die dazu gemacht sind, Männer zu privilegieren.

Toleranz ist scheiße

 

[Content Note für diskriminierende Sprache.]

 

tl;dr Die ARD kann sich bis zum Mond und zurück ficken.

„Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht? Der Tanz um die Toleranz.“ Sowas lässt gerade die ARD fragen. Oder sowas:

Bild von einem schwulen Paar mit der Überschrift

Oder sowas.

Bilder von einem schwarzen Mann mit der Frage "Belastung oder Bereicherung?", von einer schwulen Paar mit der Frage "Normal oder Nicht normal", von einem schreienden weißen Kleinkind mit der Frage "Nervensäge oder Zukunft" und von einem Mann im Rollstuhl mit der Frage "Außenseiter oder Freund?"

Das nennt sich dann „Themenwoche Toleranz“.

Nun werden wieder die obligatorischen aus Ältere-Herren-Zusammenhängen bekannten älteren Herren hervorgekramt, um die drängenden Fragen unserer Zeit zu beantworten: Müssen diese Homos, Asylsuchenden und Behinderten nun wirklich so sichtbar und provokant rum… existieren? Oder verlangt das der Mehrheit (man wird ja wohl noch fragen dürfen!) nicht doch zu viel Toleranz ab, dass man mit diesen Ausländern und Perversen da jetzt also quasi einen Planeten teilen muss?

Neben den älteren Herren werden wir bestimmt noch diverse Vorzeige-Migrantisierte (Leitkultur Schalalala!) zu sehen bekommen, die auch mal die guten Seiten hervorheben, weil man ja nicht immer nur das Schlechte sehen muss. Oder Kopftücher oder sowas. Die können dann vielleicht mal aus der Heimat erzählen, was da so die Nationalspeisen sind (Kartoffeln mit Soße) oder die traditionellen Lieder vorsingen (Die Fahne hoch!).

Auf die Kritik erklären ARD / Hessischer Rundfunk nun: Das SOLL ja provozieren. Was genau das provozieren soll, erklären sie aber nicht. Die Frage vielleicht, wie viel Diskriminierung die Mehrheitsgesellschaft sich erlauben kann, ohne dass eine kritische Masse sich genügend provoziert fühlt, sich zu wehren.

***

Aber was genau ist das Problem an Toleranz? Warum ist die Frage nach der Toleranz unabhängig davon, ob man sie mit Ja oder Nein beantwortet, ein Problem?

Toleranz macht nur in asymmetrischen Machtverhältnissen Sinn. Toleranz bestätigt und festigt eine bestehende Hierarchie.

Wieviel Toleranz müssen „wir“ haben? Wieso „müssen“? Was müssen „wir“ uns gefallen lassen? Und wer ist überhaupt „wir“?

„Wir“ tun eigentlich nichts gegen Diskriminierung. „Wir“ erkennen nicht mal an, dass „wir“ selber Teil von Diskriminierung sind. „Wir“ hören nicht auf, Menschen zu unterdrücken. „Wir“ trösten sie stattdessen darüber hinweg, dass es so ist wie es ist, dass die unterdrückte Position nun mal ihr Platz ist.

„Wir“ könnten ihnen stattdessen die Macht in die Hand geben, sich für sich selbst einzusetzen. Aber das tun „wir“ nicht, weil das unsere Macht kostet.

Wenn „die“ die Machtmittel hätten, sich zu wehren, stünde Toleranz gar nicht zur Debatte, stünden deren Menschenrechte nicht zur Disposition, wären „die“ nicht von den Launen der scheinbaren Mehrheiten abhängig. Und, tadaaaa: Menschenrechte sollten nicht von den Launen der Mehrheiten abhängen. Widerspricht dem Wortsinn in an Absurdität kaum zu überbietender Weise.

Toleranz ist Nettigkeit für Menschen, die anders sind, nachdem wir sie anders gemacht haben. Deren Anderssein wir konstruieren, um sie anders behandeln zu können. Um dann zu fragen, ob die eigentlich „normal“ sind. Nice try aber!

Ja, sind die denn nicht normal? Drehen wir es doch mal rum:

Wir gucken uns nicht Heten im Fernsehen an und fragen, wie das wohl bei denen so ist. Ob das ne Phase ist. Wann die gemerkt haben, dass sie hetero sind. Erklären denen nicht, sie hätten nur noch nicht den oder die Richtige gefunden. Müssten nur mal ordentlich durchgevögelt werden. Wir fragen Heten nicht, ob wir mal zugucken können. Und und und und und.

Haben wir das mit dem „normal“ geklärt. („Normal“ sagt was über Norm und Abweichung.)

***

Aber „wir“ engagieren uns. Das ist ja auch was. Oder nicht?

Die Frage ist, was wir NICHT tun, wenn unser Engagement so an der Oberfläche bleibt, und WARUM wir das nicht tun.

„Wir“ gehen nicht gegen Rassismus vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Wir imaginieren Rassisten als „böse“, einen rechten Rand. „Wir“ selber sind tolerant. Wir problematisieren nicht unsere eigene Beteiligung an Rassismus, nicht die strukturelle Verankerung von Rassismus in der Gesellschaft, und auch nicht, wie die weiße Mehrheitsgesellschaft durch Rassismus privilegiert wird. „Wir“ „werden doch wohl noch sagen dürfen“, dass Asylsuchende Geld kosten. Deswegen sind „wir“ doch noch lange keine Nazis.

„Wir“ gehen nicht gegen Heterosexismus vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Wir problematisieren „Homophobe“ und „Homohasser“. „Wir“ problematisieren nicht unsere eigene dominante Reproduktion der Heteronorm und wie der heterosexuelle Lifestyle privilegiert wird, welche Ausschlüsse stattfinden, Diskriminierungen, Abwertungen. „Wir“ finden, dass „die“ „im Schlafzimmer“ machen können, was sie wollen, sie sollen halt nur nicht auf der Straße so auffällig rumleben. Wenn „wir“ ganz besonders tolerant sind, finden „wir“, „die“ sollten ruhig auch knutschen. „Wir“ können schließlich nichts dafür, wenn „die“ deswegen beschimpft oder geschlagen werden. Uns macht das sowas von nichts aus, was die tun. Wir gehen ja sogar mit den Queers(TM) feiern und stolpern in unseren nicht geouteten Kollegen, dem aus unerfindlichen Gründen unangenehm ist, dass „wir“ da sind. „Wir“ können nichts für die Nachteile, die Homosexuelle haben. „Wir“ können ja auch nichts für UNSERE Sexualität. „Wir“ sind AUCH born this way. Heterophobie ist auch schlimm! Die Menschheit würde aussterben ohne Heten (voll schade!)

„Wir“ gehen nicht gegen Cis-Sexismus vor. „Wir“ weinen vielleicht, wenn mal wieder eine trans Frau erschlagen wurde. „Wir“ spenden vielleicht, wenn eine in den Knast muss, weil sie sich gewehrt hat. Aber weil die Mehrheit der Menschen später kein Problem mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht hat, ist das für „uns“ kein Thema, das Priorität hat. Und geschlechtergerechte Sprache ist ja auch so unfassbar viel Aufwand dafür, dass nur so wenige Wert drauf legen. Und dass ein Penis kein männliches Geschlechtsteil ist, ist im ~Mainstream ja nun überhaupt nicht zu vermitteln. Wir grenzen uns da sogar im Feminismus gegen ab. Aber hey, Pluralismus. Das meint ja niemand böse!

„Wir“ gehen nicht gegen Ableism vor, sondern nur gegen bestimmte Auswüchse. Die, wo wir uns für Inklusion feiern können, ohne uns groß einschränken zu müssen. Die feierliche Eröffnung einer von Hatern für selbstverständlich erachteten Rollstuhlrampe / Behindertentoilette / Aufzug (wenn die Presse auch kommt!). Aber wir dürfen natürlich auch weiterhin alles irre, bekloppt, dumm oder schizophren nennen und Leute als Psychopathen, Idioten, Gestörte bezeichnen. Wir meinen ja nicht die echten Psychopathen, Idioten und Irren! Und seien wir doch mal ehrlich: Autismus, ADHS und OCD sind doch auch immer ganz nützlich, wenn man mal dringend eine abwegige Metapher braucht!

***

Toleranz-Diskurse interessieren sich nicht für die Grundlagen von Diskriminierung. Sie nehmen die Legitimationslegenden für Diskriminierung einfach mit und lassen sie so stehen, ohne zu sagen: Moment mal, das stimmt doch alles nicht. Und Moment mal, warum machen wir das überhaupt?

Es ist Teil des Problems, auf Legitimationslegenden einzusteigen.

Es ist Teil des Problems Sarrazin, Matussek, Pirinçci, Kelle, … immer wieder eine Plattform und Reichweite zu bieten für ihre „andere Seite“ der Diskriminierung. Die Ausübende. Die den armen Menschen zu Hause an den Bildschirmen dazu dient, sich mit der Scheiße, die sie für okay halten, weniger scheiße zu fühlen. Nicht Phobie, nicht Hass, sondern Diskriminierung. Die einen gesellschaftlichen Zweck erfüllt und nicht nur einfach mal ein bisschen Schmerz verursacht.

Die Matusseks und Kelles schlagen die bürgerliche Mitte mit deren eigenem Narrativ, wenn sie sich auf Befindlichkeiten zurückziehen und ein Unbehagen geltend machen. WIR erklären diese Menschen im besten Fall für durchgeknallt [Ableism], und lassen sie so damit durchkommen, wenn sie sich darauf zurückziehen, dass sie als einzelne, sich somit in der Minderheit befindliche, Menschen doch nur ein ganz persönliches Problem mit der diskriminierten Gruppe haben.

„Homophobe“ haben keine Angst vor Schwulen, Lesben, Bisexuellen. „Transphobe“ fürchten sich nicht vor transgeschlechtlichen Leuten. Und „Xenophobie“ oder „Fremdenfeindlichkeit“ sind fast immer Euphemismen für Rassismus.

Rassismus ist eine Legitimationslegende, die rationalisiert, Menschen anders zu behandeln. Cis-/Hetero-/Sexismus ist eine Legitimationslegende, die Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit herstellt. Die alle funktional sind für das kapitalistische System (falls sich jemand fragte, was das soll).

Das aufgrund von Abweichung von der hegemonialen Norm „erwachsende“ (als ob) Unbehagen alter Männer und ihrer Geschwister im Geiste muss uns scheißegal sein. Ihr sich überfordert fühlen vom Toleranz üben müssen, muss uns scheißegal sein. Auf deren und unsere Toleranz darf niemand angewiesen sein.

Heute in Gut gemeint ist die kleine Schwester von scheiße: „Gendern“

[Content Note: Ableistische, cis-sexistische Sprache, Erwähnung von R*pe]

tl;dr Wer erst geschlechtergerechte Sprache für „gegendert“ hält, hat irgendwas nicht ganz verstanden.

„Gendern“ ist kein Synonym für „geschlechtergerechte Sprache“. So wird das Wort aber oft benutzt. Was man damit verdeckt: Sprache ist bereits gegendert (androgegendert, „generisches Maskulinum“). Männlich ist nicht „ungegendert“. Wenn man nur die Abweichung[en] von „Mann“ markiert, reproduziert das „Mann“ als Norm.

Im Prinzip vermittelt man also ein verdrehtes Bild der Realität, wenn man erst „geschlechtergerecht gendern“ als „gendern“ bezeichnet: Man tut so, als ginge es um Inklusion, wo es in Wirklichkeit darum geht, mit der Exklusion aufzuhören. Gegendert wird erstmal ausschließlich (ausschließend) männlich. Wer sich daran stört, hat dann aber angeblich mit dem „Gendergedöns“ angefangen. Das bildet nicht die Realität ab, denn männlich ist nicht dasselbe wie „neutral“.

Geschlechtergerechte Sprache ist mehr als Frauen inkludieren.

Es gibt mehr Geschlechter als „Mann“ und „Frau“. Binäre Schreibweisen („Beidnennung“, männliche und weibliche Form abwechseln, Schrägstrich, Binnen-i) sind cis-sexistisch. Sie diskriminieren Menschen, die sich nicht in die binäre Norm einsortieren (lassen). „Alle“ meinen, aber nur von „Männern und Frauen“ sprechen, ent_nennt andere Geschlechter und reproduziert Cis-Sexismus.

Das mögen einige harmlos finden und belächeln, aber durch das regelmäßige Weglassen werden Menschen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Existenz in der Realität der so Schreibenden keinen Platz hat. Ihnen wird also praktisch die Behandlung als Mensch verweigert.

Nicht binäre Schreibweisen, sind z.B.:

Ein Unterstrich (auch: „Gender Gap“) zwischen dem Wortstamm und der Endung _innen, soll sichtbar machen, dass da außer männlicher und weiblicher Form noch mehr ist (Mitarbeiter_innen, Ärzt_innen). Dieses „mehr“ sind Menschen, die sich weder männlich noch weiblich verorten. Gesprochen wird der Unterstrich als Pause.

Das Gendersternchen erfüllt einen ähnlichen Zweck wie der Unterstrich (Freund*innen, Kolleg*innen), sieht aber mehr nach Wildcard aus, und erschließt sich darum meines Erachtens leichter. Am Ende von Wörtern hat das Sternchen eine andere Bedeutung: Es soll den Konstruktionscharakter u.a. von Geschlecht deutlich machen (Mann*, Frau*, Migrant*). Gesprochen wird das Sternchen als Pause oder als „Stern“.

Bei den x-Endungen soll das „x“ die ursprüngliche Genderung aus-x-en, also durchstreichen. Das „x“ soll den gesamten sich auf Geschlecht beziehenden Teil aus dem Wort verschwinden lassen. Bei Substantiven bildet ein (möglichst an die Verbform) angehängtes -s den Plural. So wird aus dem_der Studierenden „Studierx“ und aus mehreren Studierenden „Studierxs“. Die Pronomen werden von „die_der“ / „di*er“ zu „dix“ und im Plural zu „dixs“, unbestimmt von ein*e_r“ zu „einx“. Gesprochen wird das (viel Erfolg!): diks Studier-iks, dikses Studier-ikses, einiks Studier-iks.

Genauer nachlesen kann man das alles z.B. bei Feministisch Sprachhandeln.

Wem die genannten Workarounds zu wenig sind, für die hat Anna Heger einen kompletten neuen Satz Pronomen.

Ich finde nicht alle Vorschläge sinnvoll oder praktikabel. Aber ich sehe auch, dass wir im Deutschen ein Problem haben, geschlechtergerecht oder neutral zu sprechen.

Von zwei Geschlechtern zu sprechen, wenn man „alle“ meint, ist nicht nur nicht queer_feministisch (und für viele dann als scheinbarer Pluralismus gerechtfertigt, weil es ja mehrere Feminismen gäbe), sondern cis-sexistisch. Es ist also nicht einfach zu liberal, zu wenig, sondern diskriminierend.

Wir sollten Menschen neutral ansprechen, deren Geschlecht wir nicht wissen. Fragen ist sicher besser als raten, aber auch fragen kann grenzverletzend sein. Darum halte ich es für eine gute Idee, neutrale Anreden/Pronomen erstmal für alle zu verwenden, um das selbstverständliche Einsortieren in zwei Geschlechter zu beenden.

Man kann queer_feministische Interventionen in Sprache lustig finden oder überfordernd. Aber mal kurz schauen, was das soll, könnte trotzdem drin sein. Wenn man sich dann immer noch lustig machen will, dann wenigstens mit dem Wissen, dass man ein Arschloch ist. So to speak.

P.S.:
Wer jetzt immer noch dabei ist: Könnten wir uns dann bitte abgewöhnen, Genitalien zu gendern?

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Anmerkungen:

* Es stimmt nicht ganz, dass im Deutschen in der dritten Person Singular (er/sie/es) gar nicht vorgesehen wäre, neutral zu adressieren. „Es“ im Deutschen adressiert aber nicht neutral sondern als Neutrum. Wir wollen aber nicht Einzelne als Neutrum adressieren, sondern die Option für Geschlecht offen lassen.

* Es ist gar nicht immer nötig, sich auf Geschlecht zu beziehen. Unnötiger Bezug auf Geschlecht reproduziert oft Cis-/Hetero-/Sexismus. Manchmal spielt Geschlecht aber doch eine Rolle: Wenn z.B. eine Schlagzeile lautet, dass in einer Redaktion „Mitarbeiter“ entlassen wurden, ist das irreführend, wenn fast alle der Entlassenen Frauen waren und die Folge eine Redaktion ohne Frauen ist. Ebenfalls irreführend wäre aber z.B., bei Vergewaltigungen von „Täter*innen“ zu sprechen. Dies würde ohne weitere Klarstellung verschleiern, dass der Anteil der nicht-männlichen Täter*innen verschwindend gering ist.

Das Politische im Privaten

tl;dr …. von Consciousness Raising bis (Self) Care Revolution; mit Friedrich Engels, TERF-, SWERF-, Cisterhood-Content, Post-Privacy, Liebe, Dinge

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„The Personal is Political“ war einer der bekanntesten Slogans der zweiten Welle der Frauenbewegung. Oft Carol Hanisch zugeschrieben als Urheberin des gleichnamigen Essays, die 2006 in einem Vorwort dazu jedoch klarstellte, dass die Herausgeberinnen der „Notes from the Second Year“ den Titel für sie ausgewählt hatten. The Personal is Poltitical war damals schon ein bekannter Slogan gewesen, und die Urheberschaft nicht mehr festzustellen.

Gleiches gilt für das Konzept des politisierten Privaten.

C. Wright Mills befasste sich in seiner Soziologie mit dem Spannungsfeld öffentlich/privat. In The Sociological Imagination (1959) schrieb er z.B. über die Ehe, dass die Verheirateten zwar private Probleme haben mögen, die Scheidungsrate jedoch ein strukturelles Problem sei, das u.a. mit den Institutionen Ehe und Familie zu tun habe. Emma Goldmann erklärte bereits 1910 in The Traffic in Women, dass der Unterschied zwischen Ehe und Prostitution (heute Sexarbeit) ein gradueller sei: Sich verkaufen an einen Mann oder viele. Virginia Woolf machte sich 1929 in A Room of One’s Own Gedanken über die Voraussetzungen, die Frauen haben müssen, um Erzählliteratur schreiben zu können, und kam zu dem Schluss, dass sie ziemlich privilegiert sein mussten. Diogenes von Sinope soll schon im 3. Jahrhundert vor Christus im öffentlichen Raum Dinge getan haben, die seinen Zeitgenossen selbst ohne Konzept von Privatsphäre unangebracht erschienen.

Das Private ist politisch. Was bedeutet das? Woher kommt die Trennung zwischen Politischem und Privatem? Wem nützt sie und wie kommt man da gegebenenfalls wieder raus? Ein Erklärungsversuch.

Zur Geschichte…

Familienformen und Romantische Liebe

Friedrich Engels zeichnet in „Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen“ die Entwicklung der verschiedenen Familien- und Eheformen nach.

In der Blutverwandtschaftsfamilie bildeten die unterschiedlichen Generationen Ehegruppen, in denen alle miteinander verheiratet waren und es keine festen Partner*innen gab.

In der Gruppenfamilie waren nicht mehr alle miteinander verheiratet sondern jeweils der Mann einer Gens (Sippe) mit allen Frauen der anderen Gentes und umgekehrt. Die Kinder gehörten jeweils zur mütterlichen Seite. In der Gruppenfamilie kam man bereits verheiratet auf die Welt, mit der gesamter Gruppe des anderen Geschlechts.

Diese Gesellschaften waren nach Engels matriarchalisch aufgebaut.

In der Paarungsfamilie gab es erstmals eine für beide Seiten leicht lösbare Einzelehe. Für den Mann war diese Form der Familie poly-, für die Frau monogam. Der Mann musste seine Frauen versorgen können, ansonsten konnte die Frau ihn verstoßen.

Mit der Einführung von Viehzucht, Metallbearbeitung, Weberei und Feldbau ließ sich erstmals ein signifikanter Überschuss aus menschlicher Arbeitskraft erzielen. Dem Mann fiel nach damaliger Arbeitsteilung die Nahrungsbeschaffung zu, und damit das Eigentum an den dafür notwendigen Werkzeugen; bis dahin nur ein paar Waffen und vielleicht ein Boot, fortan auch die neue Nahrungsquelle Vieh und später Sklaven als neues Arbeitsmittel. Der Frau gehörte lediglich der Hausrat.

Da die Kinder des Mannes nicht seiner Gens sondern der der Frau angehörten, gingen sie im Erbfall leer aus. Mit der Vermehrung seiner Reichtümer hatte der Mann eine gestärkte Stellung und gleichzeitig ein höheres Interesse, die Abstammung nach Mutterrecht und die damit verbundene Erbfolge zugunsten seiner Nachkommen umzustoßen.

Wann und wie genau das passiert ist, weiß Engels nicht. Dass es passiert ist, ist mit zahlreichen gefundenen Spuren von Mutterrecht nachgewiesen.

„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmälig beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“ (Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an L. H. Morgan’s Forschungen.)

Mit der letzten von Engels beschriebenen Familienform, der monogamen Familie, wird das Matriarchat abgeschafft. Mit dem Anhäufen großer Reichtümer gelangten Männer in eine Vormachtstellung, die ihnen ermöglichte, die gemeinschaftsorientierte Wirtschaftsform umzustürzen. Familie löste Stamm und Gentes ab. Die Frau wird vom Mann ökonomisch abhängig und ist zur Haushaltsführung im Privaten gezwungen. Hier wurden Eheschließungen dann erst recht abhängig von ökonomischen Erwägungen.

Die monogame Ehe war aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die Vererbung von Privateigentum im modernen Sinn zu regeln. Die Ehe, wie wir sie heute in Westeuropa kennen, entstand in ihren Grundzügen im 13. Jahrhundert und war stark von den Kirchen geprägt. Die Eheschließung war nur denjenigen Männern erlaubt, die in der Lage waren, eine Familie zu versorgen. Sexualität diente der Fortpflanzung. Die Partner*innenwahl wurde von den Eltern bestimmt. Liebe als Grund für eine Eheschließung gab es höchstens bei den unterdrückten Klassen, die, so Engels, nicht zählten.

Das änderte sich im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Bürgertums. Ehen wurden immer noch auch aus ökonomischen Gründen geschlossen. Monogamie seitens der Frau war noch immer notwendig, um die Erbfolge nur an eigene Nachkommen des Mannes sicherzustellen.

Aber ansonsten änderte sich einiges: Die Liebe hielt Einzug in die Ehe.

Es ist von heute aus gesehen schwer zu glauben, dass die romantische Zweierbeziehung erst 300 Jahre alt ist. Ihr kultureller Code ist so weit naturalisiert, dass sie als völlig natürliche Beziehungsform erscheint.

Was macht die Romantische Liebe aus?

  • Die Einheit von Liebe und Sex
  • Die Einheit von Liebe und Ehe
  • Die Einheit von Ehe und Elternschaft
  • Der Ewigkeitsanspruch an die Liebe: Ewige Treue
  • Der Individualitätsanspruch: Die romantische Liebe ist auf ein einzigartiges Individuum ausgerichtet. Man liebt eine ganz bestimmte Person. Dieser Individualitätsanspruch stellt die Treue sicher und macht Eifersucht überflüssig. Die geliebte Person ist einzigartig und damit konkurrenzlos.
  • Die Wertschätzung des Individuums: Die romantische Liebe ist die einzige Form von Liebe die Menschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennt.
  • Erst erwiderte Liebe ist richtige Liebe. Hier wird mit der früheren Hierarchie der Geschlechter gebrochen: Die Frau wird erstmals zu einem autonomen Gefühlssubjekt. Vorher war es egal, ob sie die Liebe erwidert. Jetzt sind ihre Gefühle wichtig. Und sie hat das Recht, Nein zu sagen.

Ein Menschenrecht war die Liebesehe, schreibt Friedrich Engels:

„Und auf dem Papier, in der moralischen Theorie wie in der poetischen Schilderung, stand nichts unerschütterlicher fest, als daß jede Ehe unsittlich, die nicht auf gegenseitiger Geschlechtsliebe und wirklich freier Uebereinkunft der Gatten beruht. Kurzum, die Liebesehe war proklamirt als Menschenrecht, und zwar nicht nur als droit de l’homme, sondern auch ausnahmsweise als droit de la femme.“

Mit der Industrialisierung verlagerte sich die Produktion von Haus und Hof weg in die Lohnarbeit. Während dafür wieder die Männer zuständig waren, erledigten die Frauen in finanzieller Abhängigkeit vom Mann die im privaten Bereich anfallenden Arbeiten.

Die bürgerliche Ehe markiert genau dieses Tauschverhältnis:

Der Mann ist für die materielle Versorgung, den öffentlichen Bereich und die Politik zuständig und damit letztlich für den Status der Familie, der Frau wird, begründet durch ihre Gebärfähigkeit, der private Bereich und die Verantwortung für die Reproduktionsarbeit zugewiesen – Kindererziehung, Haushalt und Wiederherstellung der Arbeitskraft des Mannes.

Der Erfolg der Romantischen Zweierbeziehung und ihre Entwicklung vom bürgerlichen Ideal zur Norm ist kein Zufall. Obwohl bürgerliche Gesellschaft und Kapitalismus nicht immer komplett zusammenfallen, wirken sie eng verzahnt zusammen: Die unbezahlte, meist weibliche, Reproduktionsarbeit in der Romantischen Zweierbeziehung passt nicht zufällig perfekt in die kapitalistische Verwertungslogik.

Damit die Beziehung hält, wurden von ihrem eigentlichen Anspruch alle möglichen Abstriche gemacht.

Statt ewiger Treue: Fremdgehen, offene Beziehung und Inanspruchnahme von Sexarbeit. Weil man eben doch nicht die eine oder nur dir eine Person liebt, oder die Person den Ansprüchen nicht genügt. Von ihrem emanzipativen Anspruch hat die romantische Zweierbeziehung von ihrem Ideal bis zur Praxis einiges eingebüßt. Ihren Zweck im kapitalistischen System erfüllt sie dennoch oder gerade deswegen.

Die völlige Freiheit der Eheschließung sah Engels zu seiner Zeit ironischerweise nur bei den beherrschten Klassen verwirklicht, während die herrschenden von ökonomischen Einflüssen beherrscht blieben. Und die vollkommene Freiheit der Eheschließung hielt er erst dann allgemein für möglich, wenn die durch kapitalistische Produktion geschaffenen Eigentumsverhältnisse überwunden seien und kein Motiv mehr bliebe als gegenseitige Zuneigung. Männer würden dann nach Engels‘ Vorstellung eher monogam als Frauen poly(andrisch), wenn Frauen sich nicht mehr aus Angst um ihre Existenz und die Zukunft ihrer Kinder Untreue gefallen lassen müssten.

Das klingt alles sehr nach Nebenwiderspruch: Wenn wir den Kapitalismus überwinden, erledigt sich der Rest ganz von selbst. Und tatsächlich hat Engels das ziemlich genau so geschrieben:

„Die Vorherrschaft des Mannes in der Ehe ist einfache Folge seiner ökonomischen Vorherrschaft und fällt mit dieser von selbst.“

Was aus dem Geschlechterverhältnis „nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion“ wird, wusste aber auch Engels nur negativ zu umschreiben: Wir wissen nur, was wegfällt. Was kommt danach?

„Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht herangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu erkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgend welchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mann hinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt daß sie thun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemessne öffentliche Meinung über die Praxis jedes Einzelnen selbst machen – Punktum.“

Wahrscheinlich wird es nicht ganz so einfach sein. Vermutlich wird es auch länger dauern, als Engels sich vorgestellt hat, Sexismus abzustellen. Weil Sexismus unser Wissen informiert und wir alle Sexismus internalisiert haben und diesen weitergeben ohne uns dessen bewusst zu sein.

Auch ist zu berücksichtigen, dass Engels im damaligen Verständnis von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit gedacht hat. Aber andersherum hat Engels natürlich Recht und wird männliche Vorherrschaft nicht zu beenden sein ohne ihr die Grundlage zu entziehen.

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Consciousness Raising und die zweite Welle der Frauenbewegung

Consciousness-Raising oder Awareness Raising, auf deutsch etwa Bewusstsein schaffen oder Bewusstseinsbildung, ist eine Praxis, die US-amerikanische Feministinnen der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1960er Jahren von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung übernommen haben.

Die New York Radical Women begannen 1967, sich in der Wohnung einer der Teilnehmerinnen zu treffen und Probleme zu diskutieren, die ihr persönliches Leben betrafen. Mit dabei waren am Anfang u.a. Shulamith Firestone (Autorin von „The Dialectic of Sex“), Anne Koedt (die den Essay „The Myth of the Vaginal Orgasm“ geschrieben hat), Carol Hanisch (Urheberin des Essays aber nicht der ihr oft zugeschriebenen Phrase „The Personal is Political“) und Kathie Sarachild (die dann das Programm für Consciousness-Raising schrieb).

Die erste öffentliche Aktion der New York Radical Women war eine Demonstration gegen unterdrückende Schönheitsnormen beim Miss America Contest 1968 bei dem sie „High Heels, Hüfthalter und andere Objekte der Frauenfolter“ (Zitat Kathie Sarachild) in einen Mülleimer warfen. Dieser „dramatische symbolische Gebrauch eines Mülleimers“ (Zitat Wikipedia) ging in die Geschichte ein als BH-Verbrennung, nach der fortan Feministinnen als BH-Verbrennerinnen galten. Gebrannt hat dort nichts. Ursprung dieser Legende war ein Artikel von Lindsay van Gelder in der New York Post, der die Überschrift „Bra Burners and Miss America“ (BH-Verbrennerinnen und Miss America) trug und die Aktion mit Protesten gegen den Vietnamkrieg verglich, bei denen junge Männer ihre Einberufungsbescheide verbrannt hatten.

Die Idee, eine Consciousness-Raising-Gruppe zu starten, ergab sich in den Anfängen der New York Radical Women bei einem ihrer Treffen. Man suchte eigentlich nur ein Thema für die nächste politische Aktion der Gruppe. Anne Forer erzählte dann, dass es in der „Old Left“, der alten Linken, die Redensart gab, die Arbeiter wüssten nicht um ihre Unterdrückung und man müsse ihr Bewusstsein erhöhen. Sie fragte die Mitglieder der Gruppe nach Beispielen von Unterdrückung aus ihrem eigenen Leben, weil sie ihr Bewusstsein erhöhen müsse. Kathie Sarachild, die auch bei dem Treffen dabei war, übernahm den Begriff Consciousness Raising dann von Anne Forer, und nannte die neue Praxis so.

Consciousness-Raising, das zunächst nur als eine Art Brainstroming für neue Themen gedacht war, entwickelte sich schnell zu etwas Größerem.

Die Idee des Consciousness Raising als feministische Praxis bestand darin, sich über persönliche Erfahrungen auszutauschen, diese Erfahrungen zu sammeln und so Unterdrückungen aufzudecken, die die Frauen gemeinsam hatten. Es ging um Bestandsaufnahme und Erkenntnisgewinn und ihr eigentliches Ziel war dabei radikale gesellschaftliche Veränderung. Radikal war der Ansatz auch, weil sich die Frauen bei ihren Gedanken um notwendige Veränderungen nicht auf unmittelbar Machbares beschränkten.

Kennzeichnend für die Gruppen war, dass Männer ausgeschlossen wurden, um frei von Einfluss und Dominanzausübung durch diese diskutieren zu können.

Was passierte in diesen Gruppen?

Die einzelnen Gruppen sollten nach den Vorstellungen ihrer „Erfinderinnen“ relativ klein bleiben mit bis zu einem Dutzend Frauen. Es solle abwechselnd gesprochen werden, jede Frau zu Wort kommen und keine die Runde dominieren. Abschließend tauschte man sich über das Gehörte aus. Man entschied sich bei den Treffen jeweils für ein Thema. Themen waren zum Beispiel Ehemänner, Kinderkriegen, die Nuclear Family (also die heterosexuelle Kleinfamilie), Familienwerte, Abtreibung, finanzielle Abhängigkeit oder häusliche Gewalt.

Die Frauen konnten sich über diese Gruppen mit vielen anderen vernetzen. Die Erfahrungen der Einzelnen wurden dort angehört und verifiziert und so kamen auch Erfahrungen zur Sprache, die Einzelne nicht für erwähnenswert gehalten hätten. Sich über die eigenen Erfahrungen und Gefühle aussprechen und diese in einen politischen Kontext zu setzen war eine radikale und damals neue Idee. Die Frauen entdeckten Gemeinsamkeiten und systematische Unterdrückung, wo sie vorher in ihrer Isolation sich selbst und eigene Unzulänglichkeiten für ihre Lage verantwortlich gesehen hatten. Das können wir heute nicht mehr so leicht nachvollziehen, weil sich für jedes noch so abseitige Problem im Internet spontan 12 Leute finden, die das auch kennen. Diese Frauen damals haben aber ihre gemeinsame Unterdrückung oft da erst bemerkt und sich zusammengeschlossen, um diese zu beenden.

„Bitch Sessions“

Von Sarachild, einer der Hauptakteurinnen der Consciousness-Raising-Bewegung, stammt auch die Phrase „Sisterhood is Powerful“. Und auch das war Teil der Bewegung: Schwesternschaft und die Bindung der Frauen untereinander, sich vernetzen über das gemeinsame Interesse, die eigene Unterdrückung zu beenden.

Sarachild schrieb „A Program for Radical Feminist Consciousness-Raising“, „Ein Programm für radikale feministische Bewusstseinschaffung“, das sie im November 1968 auf der First National Women’s Liberation Conference bei Chicago vortrug.

In einem weiteren Text, „Consciousness-Raising: A Radical Weapon“, „Consciousness-Raising: Eine radikale Waffe“, den sie auf der First National Conference of Stewardesses for Women’s Rights in New York im März 1973 vorstellte, erklärt sie Idee und Entwicklung des radikalen Konzepts.

Sie schreibt dort z.B., dass ein Thema die Attraktivität von Frauen war, dass Frauen sich verbiegen mussten, um von Männern attraktiv gefunden zu werden: Sich dumm stellen, immer nett und umgänglich sein, Kleidung, Schuhe, Diäten, alle möglichen Dinge mit ihrem Körper anstellen mussten, weil sie ohne das nicht als attraktiv wahrgenommen wurden. Und dass das alles Teil von Unterdrückung war.

Es wurde auch über Geschlechterunterschiede geredet, z.B. die weibliche Intelligenz. Da man herausgefunden hatte, dass sich dumm stellen eine verbreitete Praxis war, um von Männern gemocht zu werden, konnte man schließen, dass Frauen insgesamt viel intelligenter waren, als sie von den meisten wahrgenommen wurden.

Sarachild beschreibt in diesem Text dann auch die Gegenwehr und wie Consciousness Raising lächerlich gemacht wurde:

„Whole areas of women’s lives were declared off limits to discussion. The topics we were talking about in our groups were dismissed as „petty“ or „not political.“ Often these were the key areas in terms of how women are oppressed as a particular group — like housework, childcare and sex. Everybody from Republicans to Communists said that they agreed that equal pay for equal work was a valid issue and deserved support. But when women wanted to try to figure out why we weren’t /getting/ equal pay for equal work anywhere, and wanted to take a look in these areas, then what we were doing wasn’t politics, economic or even study at all, but „therapy,“ something that women had to work out for themselves individually.“

Übersetzung von mir:

„Ganze Bereiche des Lebens von Frauen wurden zum Tabu für Diskussionen erklärt. Die Themen, über die wir in unseren Gruppen sprachen, wurden als „belanglos“ und „unpolitisch“ verworfen. Oft waren dies Schlüsselbereiche in Bezug darauf, wie Frauen als Gruppe unterdrückt werden – wie Hausarbeit, Kindererziehung und Sex. Alle, von Republikanern bis zu Kommunisten, sagten, dass sie zustimmen, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit ein berechtigtes Anliegen wäre, und Unterstützung verdiene. Aber wenn Frauen versuchten, herauszufinden, warum wir nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit *bekommen*, und Einblick in diese Bereiche haben wollten, dann war, was wir taten, keine Politik, weder ökonomische noch überhaupt eine Untersuchung, sondern „Therapie“, etwas das Frauen für sich individuell ausarbeiten sollten.“

Sarachild erklärt weiter, dass, als sie anfingen, diese/ihre Probleme hinsichtlich männlichem Chauvinismus zu untersuchen, sie, obwohl sie schon zahlreiche politische Aktionen initiiert hatten, unpolitisch genannt wurden.

Sexismus war damals noch kein gängiger Begriff. Der Begriff und damit auch das Verständnis von geschlechtsspezifischer Unterdrückung analog zu Rassismus kam auch erst Mitte/Ende der 1960er Jahre auf.

Die Frauen wurden unpolitisch genannt, weil ihre politischen Probleme sich auf den persönlichen – oder privaten – Bereich bezogen, der ja traditionell unpolitisch zu sein hatte. Politik, die sich auf den privaten Bereich bezog, wurde als keine „richtige“ Politik abgetan und lächerlich gemacht.

Es ist natürlich damals wie heute zynisch, einen ganzen Lebensbereich für das Politische unzugänglich zu machen.

Als die Frauen anfingen zu problematisieren, dass Männer in ihrer Gesamtheit Profiteure der Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen waren, gab es darauf Reaktionen, wie sie auch heute noch verbreitet sind: Ihre Untersuchungen wurden als unwissenschaftlich diskreditiert, ihre Erkenntnisse Wahnvorstellungen genannt und so pathologisiert, sie selbst als Männerhasserinnen u.a. bezeichnet. Männer wären auch unterdrückt, hieß es da zum Beispiel zu deren Verteidigung. Und das obwohl sich die Frauen größte Mühe gaben, logisch und nachvollziehbar aufzuzeigen, dass Frauen in der Gesellschaft einen sekundären Status hinter Männern innehatten.

Ihre Treffen wurden Kaffeeklatsche genannt, „Hen Parties“ oder „Bitch Sessions“. Sie beantworteten das laut Sarachild, mit „Yes, bitch, sisters, bitch,“ und der Erklärung, dass der Kaffeeklatsch eine historische Widerstandspraxis gewesen sei.

Consciousness-Raising-Gruppen, die hierzulande später auch Selbsterfahrungsgruppen genannt wurden, begannen sich in den 1960er Jahren von New York und Chicago aus zunächst über die USA zu verbreiten und entwickelten sich zum wichtigsten Organisationswerkzeug der Frauenbewegung. Auf dem Höhepunkt der Bewegung in den 1970er Jahren sollen geschätzte 100.000 Frauen in den USA in feministischen CR-Gruppen organisiert gewesen sein.

The TERFs, the SWERFs and the Cisterhood

Nach alldem erscheint die zweite Welle der Frauenbewegung unproblematischer als sie war. Transfeindlichkeit, Pornografie- und Sexarbeiterinnenfeindlichkeit und viel Kritik an Dingen, die nicht schon für sich problematisch sind, sondern es erst im Unterdrückungsverhältnis werden, kennzeichnen ihren Nachlass.

Damals wurden Männer aus den Räumen der Radikalfeministinnen ausgeschlossen, damit man freier und offener diskutieren konnte. Bis heute gelten einigen damaligen Akteurinnen und heutigen Anhänger*innen Transfrauen als Männer.

Carol Hanisch, Kathy Scarbrough, Ti-Grace Atkinson und Kathie Sarachild waren 2013 Mitinitiatiorinnen eines von insgesamt 37 Radikalfeministinnen aus mehreren Ländern unterzeichneten Statements mit dem Titel „Forbidden Discourse: The Silencing of Feminist Criticism of ‚Gender‘ (deutsch: Verbotener Diskurs: Das zum schweigen Bringen feministischer Kritik an ‚Gender‘). In diesem Statement beklagten sie, dass radikalfeministische Konferenzen in Großbritannien, den USA und Kanada von ihren Veranstaltungsorten vertrieben würden, weil sie das Recht zusicherten, dass Frauen sich dort ohne „men, including M>F (male to female) transgendered people“ (Männer einschließlich männlich-zu-weiblichen Transmenschen), organisieren könnten.

Die Begründung ist abenteuerlich: Sie gestanden zwar zu, dass männliche Vorherrschaft, allen nicht-konformen Männern und Frauen zusetze. Transgeschlechtlichen Frauen werfen sie dann aber vor, das Geschlechterverhältnis noch zu bestätigen, indem sie geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen ließen. Die „Geschlechtsidentität [zu] wechseln“ (als ob das bei transgeschlechtlichen Menschen so wäre), könnte ein paar Probleme auf der persönlichen Ebene abmildern, wäre aber keine politische Lösung. Sie sahen es weiterhin sogar so, dass dies eine „Lösung für alle“ unterminiere, indem es Geschlecht bestätige, statt zu es hinterfragen.

Vollends unschlüssig wird es, als sie erklären, dass Transitioning (das Angleichen an das ~gefühlte Geschlecht) keine feministische Strategie oder Haltung sei, und nicht zum Kampf um die Gleichverteilung von Macht zwischen den Geschlechtern beitrage.

Hier entpolitisieren die Radikalfeministinnen dann wegen vermuteter Interessenkollision die Diskriminierung transgeschlechtlicher Frauen. Selbstverständlich sind nicht normgerechte Körper politisch, wo Normativität Unterdrückung schafft. Wieso männliche Vorherrschaft dann ausgerechnet auf dem Rücken von Transfrauen überwunden werden sollte, bleibt offen. Vielleicht fehlt hier ausgerechnet den Erfinderinnen des Consciousness-Raising das Bewusstsein, dass von männlicher Vorherrschaft alle unterdrückt sind, die nicht männlich sind.

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Care Revolution und Self Care Debatte

Die doppelte Vergesellschaftung der Frau

„Unter ‚Vergesellschaftung‘ versteht man den Prozess, der aus Individuen Gesellschaftsmitglieder macht. Der Begriff zielt darauf ab, wie sich die Einbürgerung von Menschen in einen sozialen Zusammenhang vollzieht, welcher über die individuelle Existenz hinausweist. Als Gesellschaftsmitglieder werden die Einzelnen in Verhältnisse wechselseitiger Abhängigkeit eingebunden. Vergesellschaftung ist somit immer als ein Vorgang verstanden worden, der Relationalität im Sinne reziproker Bezogenheit stiftet.“ [Regina Becker-Schmidt: Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen. Soziologische Grundlegung, empirische Rekonstruktion (2003)]

Dass Frauen anders als Männer vergesellschaftet werden, hat u.a. Regina Becker-Schmidt auch anhand früherer Arbeiten von Simmel, Luhmann, Marx und Engels herausgearbeitet.

Gesellschaft bedeutet, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, niemand überleben kann ohne die Hilfe anderer, dass z.B. jede neue Generation von der davor produziert werden muss. Sozialisation, das Internalisieren gesellschaftlicher Normen, ist Teil von Vergesellschaftung. Wir sind immer Individuen und soziale Wesen und diese beiden stehen immer in einem Spannungsverhältnis Eigensinn gegen soziale Zwänge, Integration / Assimilation, oder Exklusion.

Unsere Vergesellschaftung erfolgt Race-/Class-/Gender-/Ability-spezifisch und richtet sich nach den Normen und Konventionen ihrer/unserer Zeit.

Die Masse der Menschen wird als Lohnabhängige vergesellschaftet. Die Arbeiter*innen verkaufen auf dem Arbeitsmarkt ihre Arbeitskraft in vordergründig freier Vereinbarung. Marx hat im Kapital erklärt, dass das überhaupt nicht frei ist, da die Arbeiter*innen, wenn sie überleben wollen, ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Der Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital ist also ein asymmetrisches Machtverhältnis, zulasten der Arbeiter*innen. Darüber hinaus werden dadurch, dass die Waren über den Markt vermittelt werden, diese nicht mehr als selbst hergestellte Produkte erkannt. Was weiter entfremdet.

Frauen werden doppelt vergesellschaftet: In der Produktions- und in der Reproduktionssphäre, in Erwerbs- und Hausarbeit, wobei das gesamte in den Privatbereich verortete Kompetenzspektrum wie auch weiblich konnotierte Erwerbsarbeit einer Abwertung unterliegt.

Hausarbeit war lange Zeit wie selbstverständlich Frauensache, Frauen damit einer Doppelbelastung ausgesetzt und unter ständigem Druck, wenn sie in beiden Sphären bestehen wollten.

Was ist Care- oder Reproduktionsarbeit?

Die Unterscheidung zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre stammt aus der marxistischen Wirtschaftstheorie. Diese Unterscheidung hat Marx aber nicht erfunden, sie ist eine simple Feststellung. In der Produktion werden von den Arbeiter*innen Produkte hergestellt oder bearbeitet, die zu Waren werden, die einen Tauschwert haben. Das ist unmittelbar Gebrauchswert schaffende und marktvermittelte Arbeit.

In der Reproduktion werden die Voraussetzungen für die Produktion hergestellt und wiederhergestellt, d.h. die Arbeitskraft oder – wie Marx das nannte -: Der Gesamtarbeiter oder das Proletariat reproduziert, also der von Lohnarbeit abhängige Teil der Bevölkerung, Menschen als Lieferanten von Arbeitskraft.

Reproduktionsarbeit ist abends von der Arbeit nach Hause kommen und Wäsche waschen, Essen kochen, Wohnung aufräumen, damit man am nächsten Tag wieder vorzeigbar und voller Energie der Lohnarbeit nachgehen kann. Reproduktionsarbeit ist Sorge um und für Kinder, alte oder kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, für Partner*innen und sich selbst. Fürsorgen, Versorgen, Betreuung, Assistenz oder Pflege. Reproduktionsarbeit nennt man auch Sorge- oder Care-Arbeit. Es gibt sie innerhalb und außerhalb von Haushalten, als Erwerbsarbeit und noch oder wieder in privater Verantwortung.

Was man hier schon nicht aus dem Blick verlieren darf, ist dass Care nicht den sogenannten Schwachen in der Gesellschaft vorbehalten ist, sondern es sich dabei um eine Ökonomie des aufeinander angewiesen Seins handelt, die alle betrifft. Care-Arbeit ist überall.

Die Care-Ökonomie funktioniert etwas anders als die direkt am Markt orientierte. Sie ist in sich eine an Bedürfnissen ausgerichtete, das heißt, man wird kein Überangebot an Care zur Verfügung stellen, wo dieses nicht abgenommen wird, während man in der Produktionssphäre Nachfrage auch erzeugt für Bedürfnisse, die niemand wirklich hat. Andersherum wird ein Kind nicht schneller selbständig, weil die Caregiver den Zeitaufwand unterschätzt haben. Der_die Partner*in hat jetzt das Bedürfnis, für eine halbe Stunde ******** zu werden sich über seinen_ihren stressigen Tag zu unterhalten. Nicht zwanzig Minuten nächsten Mittwoch.

Nach außen hin kann Care aber genauso – das vertreten zumindest viele – als eine Ökonomie begriffen werden, bei der Bedürfnisbefriedigung nicht Hauptinteresse sondern Nebeneffekt ist. Genau wie es im Kapitalismus um Kapitalvermehrung geht für die die Bedürfnisse der Menschen nur Mittel zum Zweck sind.

Man kann das zum Beispiel mit Adorno argumentieren: Dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Ein Satz übrigens, der in einer vorherigen Fassung mal lautete „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“.

(Adorno war auch bezüglich der sozialen Lage von Frauen Pessimist und sah sie nicht in der Lage, sich aus der patriarchalen Gewalt zu befreien. Aber Adorno war ja eigentlich immer Pessimist.)

Care in der Krise

AK Reproduktion, Feministisches Institut Hamburg und Rosa-Luxemburg-Stiftung haben in Kooperation mit weiteren Initiativen, Netzwerken und Organisationen Anfang 2014 eine Aktionskonferenz mit dem Titel „Care Revolution“ veranstaltet. Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Krise der sozialen Reproduktion.

Während seit langer Zeit der Kapitalismus, seit nicht ganz so langer Zeit in seiner neoliberalen Ausprägung, in unsere private Sphäre schwappt, werden die Bedürfnisse nach Care zunehmend prekarisiert.

Menschen werden überlastet mit der doppelten Eingebundenheit in Lohnarbeit und Reproduktion. Und dann schiebt auch noch der Neoliberalismus mit seinem Mythos von Freiheit und Eigenverantwortung Dinge in die private Verantwortung zurück, die eigentlich soziale Probleme sind. Und das ist politisch.

Feministinnen kritisieren seit etwa den 1970er Jahren, dass die Reproduktionsarbeit als etwas anderes als Arbeit verstanden wird, weil sie nicht unmittelbar marktvermittelt und großteils unbezahlt ist. In der Hausarbeitsdebatte wurde zum Beispiel diskutiert, dass Hausarbeit faktisch ohne Wert ist; dass Arbeit, die ähnlich Zeit und Kraft beansprucht wie marktvermittelte, keinen Wert hat, weil sie nicht unmittelbar Wert schafft.

In der Produktionssphäre funktioniert das so, dass über unbezahlte Arbeit Kapital akkumuliert wird, also ein Mehrwert erarbeitet wird. Dieser Unterschied zwischen dem Tauschwert (abzüglich der sonstigen Kosten) einer Ware und dem jeweiligen Lohn der Arbeiter*innen ist unbezahlte Arbeit. Das heißt nicht nur, dass jede Arbeit ausbeutend ist, sondern, dass wir mit Arbeit, die nur indirekt dazu beiträgt, Kapital zu akkumulieren, ein Bewertungsproblem haben.

Unbezahlte Arbeit ist Ausbeutung. Ohne Ausbeutung gibt es keinen Profit. Das überwiegende Interesse an möglichst viel unbezahlter Arbeit liegt also nicht bei denen, die unmittelbar Caretaker sind, sondern bei denen, die daraus Nutzen in Form von Kapitalanhäufung ziehen.

So wurde dann beginnend in den 1970er Jahren auch immer wieder Lohn für Hausarbeit gefordert, weil diese auch Wert schafft. Im Kapitalismus müssen nicht nur die Produktions- sondern auch die Reproduktionsverhältnisse als ausbeutend gedacht werden. Feministische Ökonomiekritiker*innen versuchen das seit längerem mit verschiedenen Ansätzen. Sich das vorzustellen ist nicht so schwierig. Sich zu überlegen, wie man den Ausgleich schaffen kann, umso mehr. Vor allem, da der Kapitalismus nicht das geringste Interesse an fair bezahlter Arbeit haben kann.

It’s Race/Class/Gendered

Reproduktionsarbeit hat ein Geschlecht. Sie ist überwiegend weiblich. Noch sehr oft fallen selbst junge (heterosexuelle) Paare mit den besten Absichten, eine emanzipierte Beziehung zu führen, spätestens mit dem ersten Kind in eine Rollenverteilung, wie man sie eher von der Eltern- oder Großelterngenerationen erwartet hätte. Warum ist das so? Weil immer noch männliche Erwerbsarbeit tendenziell besser honoriert wird. Und weil die Erwartungen an Frauen immer noch andere sind, als an Männer, und die notwendigen Kompromisse per default von den Frauen erwartet werden.

Bis heute, wo eine solche Arbeitsteilung eigentlich völlig überholt ist, werden Frauen so sozialisiert, dass sie sich eher in der moralischen Verantwortung sehen, was Fürsorge angeht. Carol Gilligan hat zum Beispiel aus einer differenzfeministischen Perspektive argumentiert, Frauen hätten da die besseren Kompetenzen.

Worüber wir uns aber vielleicht nicht wundern sollten, wenn wir uns in den Spielwarenläden bis hin zu den großen Online-Anbietern anschauen, für wen Prinzessin Lilifee, Kaufläden, kleine pinke Mixer, Kaffeemaschinen, Staubsauger und der Lego Schönheitssalon gedacht sind, und für wen Star Wars, Autos, Nerf Guns, Experimentier- und Werkzeugkästen, Bohrmaschinen, Kettensägen und Lego, aus dem man tatsächlich etwas bauen kann.

Darüber sollten wir uns auch nicht wundern, wenn die Medien groß skandalisieren, dass schon mal ein männlicher Erzieher unter Pädophilieverdacht geraten ist, und darum sehr viele Männer sich scheuen würden, diesen Beruf aufzuüben, und verschweigen, dass Hauptgründe, warum Männer den Job nicht machen wollen, niedrige Bezahlung und Status sind.

Reproduktionsarbeit ist rassifiziert. Die Emanzipation privilegierter weißer Frauen vollzieht sich oft nicht zu Lasten eines männlichen Partners sondern auf dem Rücken unterbezahlter migrantisierter Haushaltshilfen, Pflegekräfte usw.

Es gibt ein Race Pay Gap, einen Lohnunterschied zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und People of Color / Migrantisierten, der größer ist als das Gender Pay Gap. Antje Schrupp hat das 2011 anhand bei der Bundesagentur für Arbeit angeforderten Zahlen ausgerechnet:

  • Das Gender Pay Gap, also der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen insgesamt liegt bei 23%.
  • Das Race Pay Gap, also der Lohnunterschied zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und People of Color / Migrantisierten, liegt bei 32 %.
  • Der Lohnunterschied zwischen männlicher weißer Mehrheitsgesellschaft und Men of Color / männlichen Migrantisierten liegt sogar bei 38 %.
  • Und der Lohnunterschied zwischen weiblicher weißer Mehrheitsgesellschaft und Women of Color / weiblichen Migrantisierten liegt bei 25 %.

[siehe auch: Racial wage gap in the United States (englisch)]

Und Reproduktionsarbeit hat – gleiches Beispiel – auch ein Klassenelement. Besserverdienende lassen kochen, putzen, waschen, bügeln, betreuen und pflegen. Als Erwerbsarbeit sind diese Tätigkeiten oft prekär.

Und trotz steigender Nachfrage an z.B. Erzieher*innen und Altenpflegekräften wird der finanzielle Anreiz, diese traditionellen Frauen- und Hinzuverdienerinnenberufe auszuüben, nicht erhöht, weil die von öffentlichen Mitteln abhängigen Träger meist unterfinanziert sind.

Care und Self Care

Selbstfürsorge steht im ständigen Spannungsfeld zwischen Selbstschutz und neoliberaler Selbstoptimierung.

Self Care in der Praxis ist Fitness, gesundes Essen, zur Ruhe kommen, Dinge, die gut tun.

„Self Care ist Notwehr“, sagte vor kurzem mal jemand, den*die ich hier anonym lasse, weil das privat geäußert wurde.

Wir sind zu einem Mindestmaß an Self Care einerseits gezwungen, um zu überleben. Auf der anderen Seite, ist man selbst in der Verantwortung, wo die Ressourcen dafür oft nicht da sind. Wo man es nicht schafft, Self-Care einzuplanen, weil die Zeit fehlt, hat man dann eben nicht ausreichend auf sich geachtet. Wenn man krank ist, hat man sich nicht gesund genug ernährt oder nicht genügend Sport gemacht.

Das stimmt natürlich so nicht. Aber so sagt es das neoliberale Narrativ von der Freiheit die Eigenverantwortung erfordert.

Und während viele erwerbsarbeitslos sind, und die finanziellen Ressourcen für ein gutes Leben fehlen, werden andere immer stärker durch Erwerbsarbeit beansprucht.

Während vieles, das früher der Sozialstaat leistete aus der sozialen Verantwortung ins Private verlagert wurde und wird, sind im Privaten aufgrund der Mehrfachbelastung oft nicht mehr genug Ressourcen übrig, dieser Eigenverantwortung überhaupt gerecht zu werden.

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Privatheit / Postprivacy

Das Private ist nicht nur schlecht.

Privatsphäre ist ein Privileg und Rückzugsraum. Du merkst es, wenn sie fehlt.

Privatheit bedeutet auch, entscheiden zu können, was man von sich preisgibt und was nicht. Dabei haben alle unterschiedliche Ausgangsbedingungen.

Postprivacy-Vertreter argumentieren häufig mit einer schwindenden Privatsphäre und einem ohnehin stattfindenden Kontrollverlust über unsere Daten und einem letztlich zum Scheitern verurteilten Datenschutz gegen das Konzept der Privatheit als Ganzes. Dies aber meist aus mehrfachprivilegierter Perspektive und ohne den größeren Kontext der Herrschaftsverhältnisse vollständig zu erfassen.

Kontrollverlust

Michael Seemann hat zum Kontrollverlust ein Gegenkonzept entworfen: Die Filtersouveränität, die er als das „radikale Recht des Anderen“ formuliert, Informationen ungefiltert zur Verfügung gestellt zu bekommen, und selbst zu entscheiden, welche Informationen relevant sind.

Auf der anderen Seite bedeutet Filtersouveränität dann aber die Pflicht, sich vor unerwünschten Informationen selbst zu schützen. Und da stößt das Konzept bei verschiedenen Problemstellungen schnell an seine Grenzen.

Postprivacy gesteht Menschen nicht zu, nicht jederzeit mit jeder Information umgehen zu können, Dinge auch mal nicht wissen zu wollen oder nur unter bestimmten Umständen.

An Postprivacy sehen wir auch, was ein Wegfall der Privatsphäre bedeuten könnte: Wir werden an manchen Stellen noch mehr Probleme bekommen.

In Postprivacy entfiele die Verantwortung für das Senden von Informationen. Unerwünschte Informationen nicht zu bekommen, wird von einem Problem des sozialen Umgangs zu einem privaten Problem für die Empfänger. Dies verursacht Ausschlüsse, da Menschen, die nicht effektiv filtern können, nur der Rückzug bleibt.

Wo wir heute schon ein Problem mit Übergriffigkeit haben, weil nicht alle Consent Culture als soziale Konvention akzeptieren, ist in Postprivacy gar nicht mehr vorgesehen, dass mit potenziell spoilernden, triggernden, nicht worksafen oder übergriffigen Inhalten verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Darum trennen wir Sphären (oder wir tun es nicht).

In Postprivacy entfiele auch das Recht, Dinge für sich behalten zu dürfen.

Die postmoderne Liebessemantik braucht Privatheit. Und das nicht nur, um Frauen an den Haushalt zu binden. Sondern auch, weil es einen Wert hat, Dinge nur mit EINER Person zu teilen. (Wer das nicht glaubt: Luhmann lesen. Eva Illouz lesen.)

Was war? Was wird?

Der Blogger Jan Schnorrenberg schrieb Anfang des Jahres zum Coming Out des Fußballspielers Thomas Hitzlsperger „Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei„. Und das stimmt, solange bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgegangen wird, dass Menschen heterosexuell sind und so lange Homosexualität aus Angst vor Repression in die Privatheit verdrängt wird, ist ein Ende von Diskriminierung nicht absehbar. Die Heteronorm leben wir offen und dominant aus. Zu Homosexualität stellen immer noch Menschen die Frage, ob das denn sein muss in der Öffentlichkeit.

„Das Private ist politisch“ heißt auch, bei sich selber anzufangen. Eigene Diskriminierung zu konfrontieren und das vor allem auch im persönlichen Umfeld.

Denn genau da beginnt Emanzipation im Spannungsfeld zwischen Politischen und Privatem:

* zu erkennen, wie Diskriminierung funktioniert, diese als Gesellschaft strukturierend wahrzunehmen und uns selbst als Teil dieser Strukturen,
* die Normativität des eigenen Standpunkts sichtbar zu machen und zu hinterfragen,
* mit unseren jeweiligen Privilegien verantwortlich umzugehen,
* und solidarisch zu sein in sozialen Kämpfen, die nicht unsere eigenen sind

Die Privatsphäre braucht Schutz, aber sie kann kein unpolitischer Raum sein.

Wir werden viele Probleme nicht überwinden können im Kapitalismus. Aber wir können einiges tun, um Sand ins Getriebe zu streuen. Oder ein paar Steine schmeißen.

Aww, die armen Männer.

tl;dr Zu dem tollen „What about teh Menz“-Beitrag „Spielehelden haben Klischeefressen“ bei Golem. Spoiler: Mir doch egal.

Die Diskussionen um Sexismus in Computerspielen laufen ja nun schon länger. Anita Sarkeesian hat mit ihrem Tropes vs. Women Kickstarter und dem dazugehörigen Backlash wohl ziemlich alle Fragen beantwortet. Aber bei Golem.de („IT-News für Profis“) hat man das wohl verpasst. Also so richtig. Komplett. The entirety of Everything.

Sonst könnte Autor Robert Bannert dort wahrscheinlich nicht sowas veröffentlichen:

Zu große Brüste, zu dünn bekleidet und die falschen Rollen: Seit der letzten E3 wird das Frauenbild in Videospielen hitzig diskutiert. Doch was ist mit den männlichen Spielehelden? Auch sie haben sich zu Stereotypen entwickelt.

Herr Bannert derailt hier nicht nur eine Sexismus-Diskussion in unter 3 Sätzen. Er hat dann auch nicht mitbekommen, dass das durch ist. Dass „What About Teh Menz?“ als Derailing enttarnt wurde. Erklärt wurde, warum man sich eigentlich nur blamieren kann, wenn man sowas noch einwendet. Und warum man dann lieber die Fresse hält.

Aber das war nur der Teaser und der Text ist noch schöner.

Herr Bannert steigt direkt voll ein ins Freund-Feind-Denken:

Jetzt, wo sich bei der Gewaltdebatte kein rechter Angriffspunkt mehr finden lässt, wird eine neue aufgemacht: die einseitig geführte Debatte um die Diskriminierung der Frau in Computerspielen.

Das ist jetzt natürlich ein BISSCHEN unschlüssig, weil diese Gewalt / Sittenverrohung / Untergang des Abendlandes durch Computerspiele / Horrorfilme / US-amerikanische Beatmusik der 1950er Jahre Debatten aus einer völlig anderen Richtung kamen. Die Debatte um Sexismus in Computerspielen wurde aber von weiblichen Gamern angestoßen. Von Frauen und Mädchen, die selber spielen. Die aber nicht wollen, dass sie und andere so behandelt werden, wie es passiert durch Sexismus in Spielen und von anderen Spieler*n.

Aber Hauptsache, Herr Bannert hat In- und Outgroup schön übersichtlich.

Dabei wird gern vergessen, dass männliche Frontfiguren meist genauso stereotyp und platt sind wie ihre weiblichen Gegenstücke. […]

Das ist nicht mal falsch, aber im Kontext Sexismus trotzdem Blödsinn. Was Herr Bannert nicht berücksichtigt, als jemand, der von Sexismus offenbar keine Ahnung haben muss, um darüber bei Golem schreiben zu dürfen: Stereotype an sich sind nicht das Problem bzw. nicht das gesamte Problem.

Männer werden durch die Stereotype, die er später auch noch beschreibt, oft aufgewertet. (Cis-/Hetero-) Männer sind aber vor allem nicht von Sexismus betroffen. Sie werden nicht zu Objekten degradiert. Sie werden nicht nach Fickbarkeitskriterien sortiert. Ihre Existenz dient nicht allein als Begleitmaterial für ihre Geschlechtsteile.

Ja, auch Männer in Spielen sind oft eindimensional. Aber was will uns diese wirklich nicht neue Erkenntnis im Zusammenhang mit Sexismus sagen?

Heldenfiguren sind naturgemäß detailreicher ausdefiniert […] Darum ist ein Commander Shepard auch interessanter als der durchschnittliche Bankhocker auf der Citadel. Doch wenn es um das Aussehen und die Charakter-Attribute des Normandy-Chefs geht, kann man als männlicher Zocker einfach nur eifersüchtig werden: Der Kerl kriegt nicht nur mühelos jedes echte Unterwäschemodel herum – als Persönlichkeit ist er auch noch an genau den richtigen Stellen kantig oder geschliffen.

Oder nehmen wir mal Ezio Auditore, den meuchelmordenden Schwarm italienischer Frauen zur Zeit der Borgia. Als junger Patrizier vergenusswurzelt der Mann jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist, als gestandenes Mannsbild ist er erst recht hochbegehrt, und selbst als alter Knochen gibt er mit großem Erfolg den tragischen Lover. Was soll man so einem Kerl als Otto-Normal-Zocker mit Gummimuskeln und Bauchansatz schon entgegensetzen?

Hier wird nun die Aufwertung (!) männlicher Spielfiguren problematisiert, weil der Gamer mit Bauchansatz da zu Hause Befindlichkeiten von bekommt. What about Teh Menz in Reinform. Betroffenheit von Diskriminierung absprechen und erklären, dass männliches Mimimi hier ja wohl mal das eigentliche Problem ist.

Die Sexualisierung weiblicher Charaktere ist für Herrn Bannert weiterhin kein Problem: Commander Shepard wird beneidet, weil er „jedes echte Unterwäschemodel“ rumkriegt [Fickbarkeitskategorie Feuchter Mackertraum plus]. Ezio Auditore „vergenusswurzelt“ [im Gegenatz zu „hat Sex mit“; Mann = aktiv, Frau = anwesend] „jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist“ [im Gegensatz zu „Frauen, die ganz gerne Sex mit ihm hätten“; this is Rape Culture].

Wird aber noch schöner.

Selbst Typen wie Deponia-Antiheld Rufus scheinen mit dem weiblichen Geschlecht im Hinterkopf entworfen zu sein und sind die schrullig-nerdige Version eines gezeichneten Backstreet-Boys.

Wenn Männer im weitesten Sinn heiß sind, ist das also zum Vergnügen der Gamerinnen so. [Dass es eine ganze Menge nicht-so-heterosexueller Gamerinnen gibt, auf die seine Theorie nicht passt, ging Herrn Bannert wohl bis Redaktionsschluss nicht auf.]

Kaum verwunderlich übrigens, denn bei vielen männlichen Digital-Promis treffen Damen Designentscheidungen: Der ebenfalls nicht ganz unattraktive Nathan Drake zum Beispiel wurde von Amy Henning geprägt und Mittelalter-Rockstar Ezio Auditore von Rhianna Pratchett. Die hat außerdem die neue Version von Lara Croft mitzuverantworten.

Immer noch Blödsinn, aber schönes Nitpicking: Weil Frauen was auch machen, kann was nicht problematisch sein. Hier in der Nebelkerzen-Ausführung, weil er das ja erst selber problematisiert hat und niemand sonst.

Tatsache ist, dass Helden ganz bewusst als laufende Klischees gezüchtet werden – denn der Mensch denkt nun mal in Klischees. Weil er sie leicht begreifen, speichern und dann wieder abrufen kann. Darum ist der Märchenprinz grundsätzlich gut (aussehend), die Prinzessin hilflos und wunderschön und der sie entführende Troll ganz furchtbar hässlich und dazu abgrundtief böse.

Warum die Prinzessin so selten ein hässlicher Troll ist, oder der hilflose Prinz nicht gerettet werden muss, bleibt offen. Von den vielen nicht angesprochenen sexistischen Tropes in Spielen mal abgesehen. Dass Menschen Stereotype brauchen, stimmt natürlich. Dass man ihnen deswegen aber nicht zumuten könnte, dass sich auch mal ein neuer Gedanke in ihren Kopf verirrt, ergibt sich daraus nicht.

Die Spielwelt sowie ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt und der Avatar ist nur eine Schnittstelle für ihre Erkundung. Auf den ersten Blick primitive Stereotypen wie ein Duke Nukem gehörten da schon zu den intelligenteren Heldenmodellen: Diese pixelfleischgewordenen Testosteron-Brocken bemühen sich zumindest darum, die ihnen zugrundeliegenden Klischees zu reflektieren und humorig zu demontieren.

Wo sich mir jetzt der Punkt wieder nicht erschließt. Mir scheint, Herr Bannert will auf Sexismus gegen Männer(tm) hinaus.

Heute haben sich die Helden etwas weiter entwickelt: Ihre Herkunftsgeschichten sind nett bis tragisch – und das am Marketing-Reißbrett entworfene Aussehen der Herzensdiebe hat das Zeug, Kunden jedweden Geschlechts beziehungsweise jedweder Sexualität anzufixen.

Typ…

Abgesehen davon, dass er nicht gemerkt hat, dass lesbische Gamerinnen leer ausgehen würden, wenn das Angebot nur aus männlichen Helden besteht: Manche wollen nur spielen, nicht masturbieren. Erst recht nicht zu rape-culturey „Herzensdieben“ und „Testosteron-Brocken“.

Commander Shepard zum Beispiel ist obendrein völlig vorurteilsfrei, indem er seinen Matratzensport ebenso gerne mit gestandenen Manns- wie Weibsbildern ausübt.

Typ.

Ich kürze hier mal etwas ab. Es geht weiter darum, dass in Spielen selbst Männer, die scheiße aussehen sollen, nicht wirklich scheiße aussehen. Der Autor nennt es „Sitcom-Syndrom“. Die Leute würden sonst nicht gucken. Und bei den Frauen wären auch die „hässlichen Entlein“ in Wahrheit „granatenscharfe Feger“ [weil ja nur sexualisierte Frauen gute Frauen sind, Herr Bannert?] „sobald sie Brille und Mauerblümchen-Kostüm fallen lassen“.

Spätestens hier wird klar: Der Autor denkt wirklich in Tropes und spart sich damit aufwändige Gedankengänge (The Glasses Gotta Go; Beautiful All Along)

Kurzum: Es gehört einfach zum Job eines Helden gut auszusehen. Und im selben Maße wie sich das Schönheitsbild im Laufe der Zeit geändert hat beziehungsweise immer mehr Damen das Hobby für sich entdeckt haben, sind ihre ästhetischen Merkmale differenzierter geworden. Akzentuierter. Zeitgemäßer. Aus dem plumpen Muskelprotz wurden interaktive Unterwäschemodels, androgyne Schönlinge und der ideale Schwiegersohn.

Sehr hetero. Sehr sexuelles Interesse bei Spieler*innen voraussetzend, die vielleicht gar keins haben. Und sehr nicht der Punkt. Wir dürfen gespannt sein, ob Herr Bannert noch erklärt, warum das alles Sexismus in Spielen besser macht. Er fand ja – wir erinnern uns – die Debatte darüber zu einseitig.

Dass sich Männer mit den in Videospielen gepflegten Klischee-Fressen am Ende besser abfinden als Frauen mit ihren weiblichen VR-Gegenstücken, hat einen ganz einfachen Hintergrund: Die digitale Spielewelt ist in erster Linie ein Männerprodukt. Sie wurde von Kerlen erfunden und zur nerdigen Testosteron-Domäne erhoben, in der kleine Pickelgesichter davon träumen, große und attraktive Helden zu sein, die auch mal eine Frau abkriegen.

Wenn wir genau hingucken, hat Herr Bannert dann doch mitbekommen, dass die männlichen Helden auf- und nicht abgewertet werden. Dass Männlichkeit u.a. aufgewertet wird, durch Frauen „abkriegen“. Vielleicht merkt er noch, dass das genau das Gegenteil von dem bedeutet, worauf er hinaus wollte.

Könnte eng werden, der Text ist fast zu Ende.

Kaum verwunderlich also, dass sich Damen hier früher nur selten wohl gefühlt haben. Und die aus dieser Ära geborenen Berührungsängste bis heute anhalten. Aber in der Regel wird die holde Weiblichkeit hier nicht mehr diskriminiert als sich der Mann selbst demontiert. Doch auch hier ist die Evolution unaufhaltsam: Der Spiele-Held von heute ist eher Hollywood-Figur als klassischer Gaming-Muskelprotz – er ist noch immer ein Supermann. Aber zumindest einer, dem man die Wohnungsschüssel anvertrauen würde. Der nette Übermensch von nebenan.

Ja, gut. Dann nicht.

*

Überschrift geklaut bei @moeffju.
Danke für das Lektorat an @Bediko.

Holla der Waldelf*, Frau Rosenfeld.

tl;dr Ich las Zeit Online und schön war’s nicht.

Das ist kein Aufschrei. Anders als Sie bzw. Ihre Autorin Dagmar Rosenfeld (und mit ihr ein ganzer Haufen Maskulist*n, Antifeminist*n und anderes rechtsaffines Vergangenheitsfandom), trolle ich nämlich keinen ausgezeichneten Hashtag gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus mit dreißig Jahren diskursverzögertem Mimimi über geschlechtergerechte Sprache.

Dass Sie ein paar Jahrzehnte zu spät zur Party sind: Geschenkt. Dass Sie die zur Verfügung stehende Zeit nicht genutzt haben, sich in den Diskurs einzuarbeiten: Nicht so sehr.

Um „Frauisierung“ geht es bei geschlechtergerechter Sprache nicht. Da haben Sie was falsch aufgeschnappt, Frau Rosenfeld. Und mit „aufgeschnappt“ meine ich, dass Sie sich offenbar in Maskulisten-Foren informiert haben, statt bei Sprachwissenschaftler*innen. Ich sag mal: Aua, Frau Rosenfeld. Sie teilen das falsch angeeignete Vokabular mit Nazis und Frauenhassern. (Way to go, wenn Sie dahin wollten.)

Aber zu Ihrer Bequemlichkeit und weil Sie’s vielleicht doch nicht so schnell lernen, erklär ich Ihnen das kurz: Sie meinen wahrscheinlich die sprachliche Berücksichtigung der Tatsache, dass Frauen exisitieren. Keine Ahnung, ob es dafür ein Wort gibt. Vielleicht „Realitätsbezug“.

Geschlechtergerechte Sprache nennt man es jedenfalls nicht. Zur Geschlechtergerechtigkeit fehlt da immer noch eine ganze Menge. Das ist dann der Punkt wo Sie, Frau Rosenfeld, mit Ihrem Binnen-I-Bashing irgendwo in der Vergangenheit feststecken. Das Binnen-I ist eine Ewigkeit her. Wir* haben viel gelernt seitdem. (Ich mach das jetzt mal wie Sie, Frau Rosenfeld: Ich schreibe „wir“ und meine alle, die meiner Meinung sind.)

Um zu geschlechtergerechter Sprache zu kommen, müssen noch eine ganze Menge mehr Menschen berücksichtigt werden als Männer (das sind die, die Sie berücksichtigen wollen) und Frauen (die Sie unnötig finden, zu berücksichtigen): Nämlich alle, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einsortieren (das sind die, wo Ihr Altherrenjournal-Schreiber*innen-Tellerrand schon vor längerem zu Ende war).

„Frauisierung“ dagegen bedeutet im weitesten Sinne u.a., dass Menschen das Geschlecht „Frau“ zugeschrieben wird. Und das nicht immer zutreffend.

Geschlechtergerecht meint ALLE, Frau Rosenfeld. Und das ist, warum Ihr Beitrag ehrlich gesagt ziemlich scheiße ist: Sie informieren sich nicht mal genug, um anderer Leute Anliegen professionell zu verreißen. Sie dreschen auf einen Strohmann ein. Einen „Verweiblichungswahn“, wie sie es so unzutreffend und ableistisch nennen, gibt es jedenfalls nicht. Es geht um mehr als Frauen.

Warum Sie geschlechtergerechte Sprache so sehr stört, will ich überhaupt nicht wissen. Ihr Problem muss es ja nicht sein, wenn Sie sich vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen. Whatever floats your boat.

Aber dass Sie geschlechtergerechte Sprache als übergriffig bezeichnen, während in Wirklichkeit Sie es sind, die übergriffig agieren, indem Sie anderen reinreden und absprechen, und versuchen, Ihre Meinung aufzudrücken, verursacht schon fast körperliche Schmerzen, so verdreht ist das.

Bei geschlechtergerechter Sprache geht es nicht um Ihre persönliche Präferenz. Sie sind nicht der Mittelpunkt des Universums. Es geht ganz einfach darum, Leute nicht zu übergehen oder auszuschließen. Wenn Sie sich nicht übergangen fühlen: Schön für Sie. Wenn andere sich übergangen fühlen: Steht es Ihnen nicht zu, das abzusprechen. Sie haben das irgendwie rückwärts verstanden anscheinend. Fast, als hielten Sie Ihre Meinung über die Probleme anderer Leute für mehr wert, als deren eigene. (Lesen Sie vielleicht echt nicht so viel in Maskublogs.)

Sie sexualisieren Gleichstellungsbemühungen, als hielten sie Sex für was Schlechtes. Ich will nicht wissen, wie solche Gedankengänge zustande kommen. Sie widern mich ein bisschen an.

Sie erklären ‚Das Binnen-I, die „-in“-Endungen – sie sind überflüssig geworden.‘ Woher Sie das haben, wissen wir ja bereits. Aber es ist in sich unschlüssig und durch die Realität widerlegt. Eine „Frau Bundeskanzler“ überwindet genausowenig Sexismus wie ein schwarzer Präsident Rassismus. Das sind alles Diskussionen, die so breit geführt wurden, dass ich Ihnen nicht mal abnehme, dass Sie die verpasst haben können.

Sie bashen „Alice-Schwarzer-Opfer-Feminismus“, der mit ihrem Thema so ca. nichts zu tun hat, und merken dabei nicht, wie nah sie dran sind an genau diesem Mindset aus Besserwisserei und Paternalismus, wenn sie Leuten vorschreiben wollen, mit welchen sprachlichen Anachronismen sie sich bitteschön zu arrangieren haben, nur weil es Ihnen persönlich ja gut damit geht.

Und dass Sie Feminist*innen im generischen Maskulinum ansprechen? Ja, ach. Müssen Sie ja selber wissen, welches Niveau Sie für sich für angemessen halten.

Don’t Call Me White

[Disclaimer: I made this, weil Leute™ keine paarhundert Seiten Texte lesen, und das wichtig ist. Please don’t sue me.]

tl;dr [Critical] Whiteness in a Nutshell; ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Dieser Text versucht sich an einem kurzen, großteils copy-gepasteten Abriss darüber, warum politischer Antirassismus von Weißen ohne Berücksichtigung der Kategorie Whiteness nicht funktionieren kann.

Ich zitiere mich dazu u.a. durch die Diplomarbeit „weiße Flecken in der antirassistischen Bildungsarbeit?“ (2011) von Susanne Dieckmann, die ich wärmstens zum komplett Lesen empfehle, da man dort sehr schön die Analysekategorie Weißsein bei der Arbeit beobachten kann [PDF]. Dieckmann hat rassismuskritische Bildungsmaterialien entlang postkolonialer und weißseinskritischer Fragestellungen auf Formen weißer Dominanz untersucht und diese sichtbar gemacht. Sie wollte die Normalität von Rassismus aufzeigen und verdeutlichen, dass Rassismus kein Randphänomen, sondern konstitutives Element für die (nicht nur) österreichische Mehrheitsgesellschaft ist.

Weißsein wird von den meisten Weißen nicht als Privileg wahrgenommen. Man hat es sich ja nicht ausgesucht. Nicht von Rassismus betroffen zu sein sei doch wohl das Mindeste. Und jetzt möchte man bitte in Ruhe gelassen werden, man wäre ja kein Rassist. Und überhaupt: Selber. Hautfarbe sieht man ja gar nicht. Das wäre ja rassistisch. Und wenn einem inhaltlich nichts einfällt: Ist kritisches Weißsein dogmatisch. Dafür werden immer wieder dieselben drei Beispiele herumgereicht und so getan als könnten die stellvertretend für ein ganzes Konzept stehen. Man würde ja gern, aber so ja nun nicht. Zur Not eignet man sich, wie bereits Konservative in den USA, Martin Luther King Jr. an, der von einer Zukunft träumte, in der Menschen nicht (mehr) nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden. Und macht daraus eine Gegenwart, in der man Rassismus bis auf einige extreme Auswüchse einfach ignoriert.

Rassismusbegriff

Der Begriff Rassismus

ist verpönt, weil mit ihm der Nationalsozialismus assoziiert wird. Das Ineinssetzen von Rassismus mit diesen Verbrechen läßt alle anderen Formen rassistischer Diskriminierung und Ausgrenzung verblassen. […] Angesichts von Auschwitz wird der heutige Rassismus zur harmlosen ‚Ausländerfeindlichkeit‘. Und hinter Auschwitz verschwindet auch der deutsche Kolonialismus, weil er ja wohl nicht ganz so schlimm gewesen sein kann. Im Zuge dieser Abwehr wird auch gleich die Existenz Schwarzer Deutscher in Deutschland verdrängt. (Rommelspacher 1995: 48f.)

‚Ausländer_innen‘ wie beispielsweise weiße Brit_innen oder Schwed_innen sind in Deutschland/Österreich allerdings selten von ‚Fremdenhass‘ oder ‚Ausländer_innenfeindlichkeit‘ betroffen. Für Schwarze Deutsche/Österreicher_innen, die möglicherweise seit Jahrzehnten die jeweilige Staatsbürger_innenschaft besitzen, gehören rassistische Übergriffe jedoch zum Alltag. (vgl. Kilomba 2008; Oguntoye/Opitz/Schultz 1986; Sow 2008)

[Susanne Dieckmann, weiße Flecken in der antirassistischen Bildungsarbeit?“, 2011]

Nochmal genauer erklärt das Birgit Rommelspacher in „Was ist eigentlich Rassismus?“:

Für das Meiden des Rassismusbegriffs gibt es viele Gründe. Einer davon ist sicherlich der, dass er in Deutschland in einem engen Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus steht. Er ist mit den grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit verknüpft und scheint deshalb für die Beschreibung von Alltagsphänomenen ungeeignet. […] Zum anderen spielt es sicherlich auch eine Rolle, dass der Kolonialismus, in dessen Kontext der Rassismusbegriff ebenfalls zentral ist, in Deutschland als ein weniger gravierendes Phänomen betrachtet wird und in seiner Bedeutung gewissermaßen hinter dem Nationalsozialismus zu verschwinden scheint. Dementsprechend wurde in Deutschland auch die weltweit geführte Entkolonisierungsdebatte bisher kaum zur Kenntnis genommen. [Birgit Rommelspacher: Was ist eigentlich Rassismus? (PDF)]

Die weiße Mehrheitsgesellschaft meidet aber nicht nur den Begriff Rassismus, sie weist auch den Vorwurf, Rassismus zu reproduzieren, von sich.

Die Tatsache, dass nur wenige Menschen sich selbst als rassistisch bezeichnen und die meisten sich vielmehr als offen und tolerant verstehen, erklärt zu einem Gutteil die großen Widerstände gegen die Thematisierung von Rassismus. Denn ebenso wie der Rassismusbegriff in der gesellschaftlichen Diskursen auf den Widerspruch zwischen einem aufgeklärten demokratischen Gemeinwesen und der Realität rassistischer Hierarchien und Ausgrenzung verweist, so verweist er bei den einzelnen Menschen auf Ambivalenzen zwischen Egalitätsvorstellungen und Hierarchieinteressen. Der Rassismus widerspricht dem positiven Selbstbild des Einzelnen wie der gesamten Gesellschaft und muss deshalb in seiner Bedeutung heruntergespielt, wenn nicht gar ganz geleugnet werden. [Birgit Rommelspacher: Was ist eigentlich Rassismus? (PDF)]

Aber Dominanzkultur [re]produziert sich nicht von selbst, sie wird gemacht.

Dominanzkulturelle Mechanismen laufen für Mehrheitsangehörige wenig wahrnehmbar ab, da sie sich nicht in erster Linie über Ge- und Verbote bzw. rassistische Gewalt ausdrücken, sondern ihr eigentliches Medium der Diskriminierung die Normativität ist. [Dieckmann 2011, S. 116]

Weißseinskritische Ansätze versuchen nun, aufzuzeigen, wie Weißsein als Norm gesetzt wird und damit Weißsein sichtbar und (an)greifbar zu machen.

Wirkungsmechanismen von Weißsein

# Die eigene Position

Rassismus ist ein Unterdrückungsverhältnis, das Gesellschaft strukturiert. Das heißt, dass alle in rassifizierte Strukturen verstrickt sind und dass Rassismus Normalität ist. Weiße profitieren auch ohne es zu wollen von Rassismus. Und auch Betroffene internalisieren Rassismus (wie andere Formen von Diskriminierung) und können Rassismus (Klassismus, Sexismus, Ableism …) reproduzieren, ohne selbst zu profitieren. Rassismus ist kein Randphänomen und wird nicht nur von einzelnen reproduziert. Rassismus ausschließlich als Einstellungsproblem zu sehen und bei Rechten und Extremisten zu verorten, bei „Verlierern“ oder Leuten, denen man sich intellektuell überlegen fühlt, verkennt Ausmaß und Funktionsweise. Innerhalb rassifizierter Strukturen ist niemand neutral. Die eigene Situiertheit spielt immer eine Rolle und erfordert von Weißen ständige Selbstreflexion (siehe Spivak). Es nützt nichts, sich am „rechten Rand“ abzuarbeiten, wenn man es ablehnt, sich mit dessen Grundlagen überhaupt zu beschäftigen.

# Universalisierung des weißen Standpunktes

Weißsein bedeutet für Weiße, Mensch zu sein. Weiße sehen sich im rassistischen Gefüge als neutral. Sie tendieren dazu, ihren Standpunkt zu verallgemeinern. Weiße Philosoph*n erheben Universalitätsanspruch auf Aussagen, die nur für Weiße passen. Weißsein ist normativ und unmarkiert. Weißsein bleibt unbenannt, Nicht-Weiße werden als „anders“ markiert. Die Perspektiven von schwarzen Menschen und anderen People of Color werden als partikular gekennzeichnet, als Abweichung von der Norm. Mit Mann, Frau, Mensch sind gewöhnlich Weiße gemeint, und wenn es um Deutsche geht, stellt man sich fast automatisch weiße Deutsche vor. „Race is something that others possess. Whites are just normal.“ (Jones 2004: 66, via Dieckmann, S. 51)

# Strukturelle Unsichtbarkeit von Weißsein

Weißsein erscheint für die meisten Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft unbedeutend. Ihnen fallen bei Selbstbeschreibungen alle möglichen Kategorien zu sich ein (Alter, Geschlecht, Beruf…), aber selten, dass sie weiß sind. Darauf hingewiesen, erklären Weiße häufig, Weißsein habe keinen Einfluss auf ihr Leben und sie nähmen auch Schwarze nicht als Schwarze wahr (vgl. Arndt 2009b: 346). Rassialisierende Zuschreibungen an Schwarze Menschen und anderen People of Color machen sie dennoch. Weiße nehmen weiße Privilegien meist nicht als Privilegien wahr. Sie leben mit weißen Normen, Werten, Denkstrukturen, Beziehungsformen, … die sie nicht als weiß identifizieren. Durch Verschleiern und Unsichtbarmachen von Weißsein und damit der hegemonialen Machtstrukturen wird Weißsein Reflexion und Kritik entzogen (vgl. Pech 2006: 71, via Dieckmann). Während weiße Menschen weiße Privilegien negieren, haben rassismusbetroffene Menschen „ein schmerzhaft klares Bild von Weißer Vorherrschaft“ (Pech 2006: 72, via Dieckmann). Bereits die Fähigkeit, „sich selbst bloß als Individuum zu betrachten und darüber hinwegzusehen, wie die bloße Mitgliedschaft in einer Weißen Gruppe das Privileg der Individualität hervorbringt“, erklärt Patricia Hill Collins als Zeichen weißer Privilegiertheit (Hill Collins zitiert nach Pech 2006: 72f., via Dieckmann).

# Diskursive Vermeidung von Weißsein

Weißsein wird auch durch Dethematisierung als universal und neutral gesetzt. Erst die Abweichung wird erwähnt, um sie als „anders“ und partikular zu markieren. Weißsein wird als „normal“ und nicht als rassifizierte Kategorie wahrgenommen. Rassialisierende Zuschreibungen erfolgen nur an die „Anderen“. Bei „Deutschen“ denken die Leute meist automatisch, dass diese weiß sind. Schwarze Menschen und andere People of Color sind selbst dann von „Ausländer-“ oder „Fremdenfeindlichkeit“ betroffen, wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Und wenn jemand nicht weiß ist, wird das in Medienberichten auch erwähnt, wenn es überhaupt nicht von Interesse ist. Weißsein wird nicht thematisiert, teils explizit, um nicht an rassistische Ideologien, für die Weißsein Überlegenheit und Höherwertigkeit bedeutet, anschlussfähig zu sein. Man behauptet dann, Hautfarbe spiele keine Rolle („Color-Blindness“ [Wikipedia (en) | Psychology Today (en)]) und ignoriert die rassialisierte Differenz. Diese Herangehensweise an Weißsein als „normal“ und an rassialisierte Differenz als eigentlich unbedeutend erschwert die Auseinandersetzung mit Rassismus. Weißsein muss sichtbar gemacht werden, um es überhaupt (an)greifbar zu machen.

# Hierarchisierung von Weißsein

Um die Auseinandersetzung mit Rassismus als allgegenwärtigem Phänomen und mit der eigenen Beteiligung an weißer Vorherrschaft zu vermeiden, unterscheidet die Mehrheitsgesellschaft zwischen „guten Weißen“ und „schlechten Weißen“ (Farr 2009) und reduziert Rassismus auf Nazis und andere „Rechte“. Susan Arndt bezeichnet dieses Phänomen als Weißseinshierarchisierung. Arnold Farr hat mit dem Begriff des „rassifizierten Bewusstseins“ versucht deutlich zu machen, dass Rassismus nicht nur von „schlechten Weißen“ reproduziert wird, sondern von allen, auch unbewusst und ohne böse Absicht, aber dennoch mit den gleichen Effekten wie „offener“ Rassismus. Indem man die eigene Involviertheit und Kompliz*innenschaft mit hegemonialen Machtstrukturen negiert, wird die Überwindung der Rassismus zugrunde liegenden Strukturen unmöglich gemacht. Es wird so nicht Rassismus bekämpft, sondern nur bestimmte Auswüchse. Ein Antirassismus, der sich auf „Nazis“ und „Arschlöcher“ als rassistisch Handelnde beschränkt, ist nicht in der Lage, Rassismus die Grundlagen zu entziehen. Für das eigene gute Gefühl, besser als „die Nazis“ zu sein, verhindern auch Antirassist*innen – teils mit guten Absichten – effektiven Antirassismus.

# Relativierung von Weißsein

Relativierung von Weißsein bedeutet, dass Weiße versuchen, ihr Privileg, nicht von Rassismus betroffen zu sein, mit gefühlter oder tatsächlicher Benachteiligung in anderen Strukturen aufzurechen. Als wäre eine schwarze Person weniger von Rasssimus betroffen, wenn es eine mehrheitsdeutsche weiße Person ökonomisch schwer hat oder schon mal auf einer antirassistischen Demo von Nazis verprügelt wurde. Auch hier stehen Weiße wieder der Überwindung anderer Leute Unterdrückung im Weg, teilweise aus einem linken/emanzipatorischen Antrieb heraus. Gegen die Unterdrückung anderer hilft es aber natürlich nicht, sich über die eigene Unterdrückung auf einer anderen Unterdrückungsachse zu beschweren. Ein armer weißer Mann ist nicht weniger weiß als ein reicher.

# ‚Blindheit‘ gegenüber / Verleugnung weißer Privilegierung

Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft nehmen ihre Privilegierung im rassistischen Gefüge nicht als Privilegierung wahr. Da Weißsein „normal“ ist, werden die damit verbundenen Privilegien als Selbstverständlichkeiten und nicht als Vorteile gegenüber anderen wahrgenommen. Die weiße Mehrheitsgesellschaft ignoriert und bestreitet das rassistische Ungleichheitsheitsverhältnis und mit ihm die mit Weißsein verbundenen gesellschaflichen Machthierarchien, sozialen Positionen, und Privilegien, weil das alles ihren Egalitätsvorstellungen widerspricht. Dieckmann zitiert zu dieser „weiße[n] Verweigerungshaltung gegenüber rassialisierter Differenz“ bell hooks mit der Figur des „emotional investment in the myth of sameness“: Man macht Diskriminierung zu bloßer Differenz, blendet die Unterdrückung aus, und hält an einem Gleichheits-Mythos fest indem man so tut, als gäbe es keinen Rassismus mehr. Dies, so hooks, um Assimilation und Vergessen zu fördern und die rassistische Wirklichkeit zu übertünchen (hooks 1994: 212, via Dieckmann). Eine effektive Auseinandersetzung mit Rassismus wird so unmöglich. Und diese Verweigerung ist ziemlich durchsichtig: Eine offensichtliche Differenz übersehen, wenn sie „zufällig“ mit rassistischer Bedeutung aufgeladen ist, wäre ziemlich absurd.

Der koloniale Blick

Der koloniale Blick beschreibt, so Dieckmann, eine bestimmte „Sichtweise von sich und dem Rest der Welt, der Selbstüberhöhung innewohnt“ [Henning Melber zitiert nach Haag: 21; via Dieckmann, S. 60]. Wichtiger Bestandteil des kolonialen Blicks ist Eurozentrismus. Dieckman überschreibt ein Kapitel über Europa dann auch treffend „Gleichheit nur für Gleiche“. Wie der koloniale Blick funktioniert, hatte ich schon in Text über Diskriminierung und Solidarität beschrieben. Weiße Europäer vermitteln vertraute Dichotomien von zivilisierten Weißen und wilden, naturverbundenen Anderen. Die Einbindung dieser Anderen in weiße Kontexte erfolgt dann auch meist über deren Exotisierung und Abgrenzung von westlicher Kultur: Über Musik-, Tanz- und Kochevents. Das verstärkt Rassismus statt ihm entgegenzuwirken. Weiße Europäer stellen vermeintliches Anderssein besonders heraus und reproduzieren so die Dominanz der weißen Mehrheitsgesellschaft.

Rassismus ist Normalität

Rassismus ist für Betroffene allgegenwärtige Normalität. Für Rassisten halten sich aber die wenigsten. Rassismus ist mehr als rassifizierte Einstellungen. Rassismus existiert gleichzeitig als strukturelle und institutionelle Diskriminierung. Und alle Formen von Rassismus dienen dazu, der weißen Mehrheitsgesellschaft ihre politische, ökonomische und kulturelle Vormachtstellung zu sicherm. Sei das durch subtile Ausschlüsse oder Ungleichbehandlungen von der Bildung bis zum Arbeitsmarkt und überall sonst, durch offene rassistische Äußerungen oder durch unhinterfragt lassen eigener rassistischer Stereotype über Menschen aus vermeintlich weniger „zivilisierten“ oder „aufgeklärten“ Ländern.

Der Europarat hat vor kurzem erst angemahnt, dass sich Deutschland in Bezug auf Rassismus zu sehr auf Rechtsextremismus fokussiert [Die Zeit: Europarat bescheinigt Deutschland ein Rassismus-Problem]. Europa ruckt nach rechts. Und bis ganz weit in die „Linke“ hinein wird man beschimpft, wenn man erklärt, dass Rassismus eine Gesellschaft strukturierende Diskriminierungsform ist, die Weiße als Kollektiv privilegiert. Weil auch weiße Linke, lieber einfach zu den Guten™ gehören wollen als sich selbst als Handlungsträger im rassistischen Gefüge wahrzunehmen.

Die Mehrheitsgesellschaft problematisiert ungern die eigene Beteiligung an Rassismus, die strukturelle Verankerung von Rassismus in der Gesellschaft, und wie sie selbst von Rassismus profitiert.

Fazit

Keins. Macht was draus.

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Links:
Arnold Farr: Racialized Consciousness, Symbolic Representionalism, and the Prophetic/Critical Voice of the Black Intellectual
Susanne Dieckmann: weiße Flecken in der antirassistischen Bildungsarbeit? (PDF)
Birgit Rommelspacher: Was ist eigentlich Rassismus?

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Danke an Sokalist*n für das Lektorat.

Diskriminierung und Solidarität: Ihr lehnt Herrschaft ab, aber warum fickt ihr das System?

[Aktualisiert 12/2017]

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tl;dr Was ist Wahrheit? Wer bestimmt, was diskriminierend ist? What the fuck is wrong with people?

Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung ist eine Einwirkung, die Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe unfair behandelt. Diskriminierende Verhaltensweisen können viele Formen annehmen, aber sie alle beinhalten irgendeine Form von Ausgrenzung oder Ablehnung. Ihr habt vielleicht schon individuelle Akte von Diskriminierung miterlebt, wie zum Beispiel einen Schüler, der Menschen einer bestimmten Rasse nicht zum Mittagessen mit sich am Tisch sitzen lässt. Oft spiegeln diese einzelnen Handlungen ein größeres System der Ausgrenzung wider. Das kann eine Schule sein, die nicht zulässt, dass Mädchen die gleichen Klassen wie Jungen besuchen, oder ein Unternehmen, das Menschen bestimmter ethnischer Hintergründe nicht einstellt.

Auf nationaler Ebene kann Diskriminierung die Form von offiziellen Gesetzen und Politiken annehmen. Die Versklavung von Afrikanern in den Vereinigten Staaten, die offizielle Herrschaft Weißer über Schwarze Menschen in Südafrika, oder Hitlers umfassende Vernichtung der Juden sind einige historische Beispiele für systematische, rechtliche Diskriminierung. Wenn Diskriminierung Teil eines systematischen Gebrauchs von Macht wird und das „ist, wie die Dinge nun mal sind“, ist das ein „ismus“. Rassismus und Sexismus sind „ismen“, mit denen du wahrscheinlich vertraut bist.

(UN Cyberschoolbus, übersetzt von mir)

Über Diskriminierung gäbe es noch einiges mehr zu sagen. Für unsere Zwecke hier soll aber reichen, überhaupt erstmal einen Diskriminierungsbegriff zu etablieren, bei dem der entscheidene Punkt klar herausgestellt wird:

Diskriminierung = Vorurteil + [ein Backup/Rückhalt aus] Macht

Ein Beispiel:

Ich hasse dieses „Unterdrückung funktioniert in beide Richtungen“-Ding, weil

zum Beispiel

wenn du zu deiner Chefin gehst und sagst: „SIE SIND EINE VERDAMMTE IDIOTIN. SIE SIND GEFEUERT!“ passiert deiner Chefin nichts, weil du nicht in der Position bist, so etwas mit ihr zu machen. Wenn sie sagt „NEIN, DU BIST GEFEUERT“, bist du draußen und arbeitslos. Ihr habt beide dasselbe gesagt, aber die Auswirkungen sind völlig andere wegen der unterschiedlichen Machtpositionen.

(How The Grinch Stole Cismas, übersetzt von mir)

Heißt: Diskriminierung ist mehr als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Diskriminierung braucht ein asymmetrisches Machtverhältnis.

Unterdrückung wirkt von oben nach unten. Das heißt, in einem asymmetrischen Machtverhältnis kann man nicht nach oben diskriminieren.

Wenn die Machtkomponente fehlt, bleiben ’nur‘ die Vorurteile und der Effekt bleibt auf der persönlichen Ebene. Diskriminierung ist etwas, das auf gesellschaftlicher Ebene wirkt, also sehr viel weiter geht. Vorurteile gegen andere Personen(gruppen) können natürlich auch verletzen, aber bei Diskriminierung kommt zu dieser Verletzung auf der persönlichen Ebene eben noch der größere (auch: strukturelle) Effekt – der auf gesellschaflicher Ebene – hinzu. Und dieser Effekt heißt Unterdrückung.

Nun steht oben aber nicht nur „Macht“, sondern „ein Backup aus Macht“. Was heißt das? Im oben genannten Beispiel schien es, als besitze und gebrauche eine Person diese Macht. Bei Diskriminierung im hier verwendeten Sinne steckt die Macht schon im System.

Der einzelne weiße deutsche Bürger, der etwa mit rassistischen Sprüchen über seine Mitmenschen herzieht, braucht selber keine erkennbare Macht zu haben. Die Macht tritt u.a. dadurch in Erscheinung, dass er als Angehöriger (s)einer Gruppe einsortiert wird. Weil er ein weißer Deutscher ist, wird er als autochtone Bevölkerung, d.h. als einer „von hier“ wahrgenommen, während sein schwarzer Nachbar ständig beantworten muss, wo er herkommt. Die Macht ist ein Teil der Verhältnisse bzw. der Beziehungen der Menschen, und vor allem: Die macht ist produktiv. Sie bringt diese Gruppen – und „Wissen“ über sie – überhaupt erst hervor. (Foucault)

Wenn die Cops am Bahnhof Leute rausfischen, von denen sie glauben, dass sie Drogen dabei haben, wird der Nachbar immer als erster rausgezogen. Da bekommt er dann institutionalisierte Macht ganz ohne Umweg zu spüren. Anders als wenn weiße Deutsche ihn mit Stammtischparolen belästigen. Das ist „nur“ eine Aggression von vielen, die jeden Tag beabsichtigt oder unbeabsichtigt dafür sorgen, dass er bloß nicht auf die Idee kommt, er wäre „einer von uns“.

Binarismen

Um zu verstehen, wie diese Gruppen zustande kommen, die Unterdrückende und die Unterdrückte, müssen wir ein bisschen ausholen.

Begriffe erhalten Bedeutung über ihren Gegensatz und die Bedeutung der Begriffe hängt an der Spur des anderen, die ihrer Definition innewohnt. Aufgefallen ist das dem Linguisten Ferdinand de Saussure. Der kam als erster darauf, dass Zeichen ihre Bedeutung nicht einfach aus der Referenz auf reale Dinge erhalten, sondern aus ihrer Differenz zu anderen Zeichen.

Westliches Denken hängt stark an binären Oppositionen (Derrida 1986). Diese Gegensätze haben eine unterwerfende Struktur, d.h. sie sind immer hierarchisch: Ein Begriff ist hoch bewertet, der andere bleibt dahinter zurück. Der eine wird privilegiert auf Kosten des anderen. Ein Begriff im Gegensatzpaar ist immer dominant über den anderen: Mann über Frau, Weiß über Schwarz.

Binarismen sind die extremste Ausprägung dieser Differenz und weit verbreitet bei der kulturellen Produktion von Wirklichkeit. Binäre Oppositionen haben einen Herrschaftseffekt, (und) sie müssen ausschließen, um eine klare Abgrenzung zu errichten: Was mehrdeutig oder zwischen den opponierenden Kategorien ist, wird unsichtbar (gemacht).

Postrukturalistische und feministische Theorien wurden genutzt, die praktischen Auswirkungen solcher Binarismen zu erforschen. Dabei wurde aufgezeigt, wie anhand dieser Binarismen Dominanz [re]produziert wird und Hierarchien bis hin zu Dominanzverhältnissen etabliert werden.

Im kolonialen Diskurs zum Beispiel werden diese gewaltvollen Hierarchien mit der Zuweisung bestimmter Eigenschaften an Kolonisatoren und Kolonisierte ständig wiederholt: Kolonisator/Kolonisierte lässt sich auch ausdrücken als weiß/schwarz, Zivilisierte/Primitive, Wilde (engl. savage), menschlich/barbarisch… Die weißen „Retter“ sind Ärzte, Lehrer, Helfer. Und genauso wird in weißen deutschen Schulbüchern vermeintlich objektives Wissen vermittelt: Indem man den Kontinent Afrika bis heute auf den kolonialen Blick reduziert.

Auch zu binärer Logik und den (Un-) Möglichkeiten ihrer Überwindung gäbe es noch deutlich mehr zu sagen. Für unsere Zwecke hier soll aber reichen, zu zeigen, dass der beliebte Einwand, ein Unterdrückungsverhältnis könne in beide Richtungen unterdrückend wirken, falsch ist. Soll heißen: Auf ein und derselben Unterdrückungsachse ist immer nur eine Seite unterdrückt. „Umgekehrter Rassismus“, „umgekehrter Sexismus“ und überhaupt umgekehrte Unterdrückung existieren nicht. Was hiermit oft bezeichnet wird, sind „Kollateralschäden“ der Unterdrückung für die privilegierte Gruppe. (Siehe hierzu z.B. When men speak of „misandry“ von @jaythenerdkid, oder Was ist Sexismus? Wie Sexismus Männer betrifft.)

Rassismus ohne Rassisten

Diskriminierende *ismen haben also eine Absicherung durch Macht. Diskriminierung wirkt sich auf gesellschaftlicher Ebene aus, also nicht nur interpersonell, in Form von persönlichen Verletzungen durch Vorurteile und Stereotypen. Diskriminierung strukturiert Gesellschaft.

Diskriminierung stellen sich die meisten als bewusste oder beabsichtigte Handlungen vor, weswegen dann, wenn etwas als diskriminierend kritisiert wird, meistens erstmal Abwehrmechanismen hochgefahren werden, weil der_die Betreffende nicht als schlechter Mensch dastehen will.

Arnold Farr hat den Begriff der „racialized consciousness“ in den Diskurs eingebracht, also in etwa „rassisiertes Bewusstsein“, weil das Wort „Rassismus“ eine bewusste und beabsichtigte Abwertung nahelegt, während Rassismus aber auch von weißen Antirassisten unbeabsichtigt perpetuiert (= bewirken, dass etwas sich festsetzt, fortsetzt) wird. Racialized Consciousness ist eine Form von Habitus gewordener Ignoranz. Ein Beispiel:

On a couple of occasions a white friend would say to me „you’re the smartest black that I know“. Black academics are accustomed to hearing from whites „you are so articulate“. Arnold Farr: Racialized Consciousness, Symbolic Representionalism, and the Prophetic/Critical Voice of the Black Intellectual

Das würde man jetzt nicht einfach mal so Rassismus nennen, ist ja ein Kompliment. Rassismus ist es aber dennoch.

Was passiert da? Der weiße Freund hat bestimmte Vorstellungen über weiße und schwarze Menschen, die haben sich als was „normal“ ist und was nicht in sein Bewusstsein eingeschrieben. Weil der Angesprochene mit diesen Vorstellungen nicht übereinstimmt, dem Stereotyp nicht entspricht, zieht er ihn als Ausnahme aus der Kategorie „Race“, erhält damit aber das Stereotyp, dass schwarze Menschen nicht so klug und artikuliert sind, aufrecht. Das ist Rassismus, wenn auch vordergründig „nett“ verpackt.

Diskriminierung macht also einen Binarsismus auf. Der eine Wert ist das Maß, der andere dagegen defizitär. Wenn der Binarismus offensichtlich nicht stimmt, wie im Beispiel gerade, wird er mittels Tricks trotzdem aufrecht erhalten.

Für Gehende sind Treppen, um einen Höhenunterschied zu überwinden, selbstverständlich. Rollstuhlrampen dagegen sind Spezialinteresse. Gehende nehmen sich nicht als Gehende wahr sondern als „normal“. Das ist jetzt ein bisschen kontraintuitiv, weil die meisten Menschen nun mal gehen können. Aber uns geht es hier um die soziale Ebene. Warum man das also als „normal“ voraussetzt, wenn es eben nicht alle können. Gleiches gilt für Barrierefreiheit allgemein: Es wird nicht nach den Bedürfnissen aller geschaut, sondern die Bedürfnisse der „Normalen“ sind entscheidend und der „Rest“ wird dann vielleicht noch inkludiert. Und weil das nicht als selbstverständlich gilt, wird Inklusion auch noch als Engagement für Benachteiligte gefeiert.

Es gäbe auch hier wieder noch sehr viel mehr zu sagen. Uns soll hier aber zunächst reichen, herauszustellen, dass die Ansicht, was „normal“ ist und was nicht, was universale und was Partikularinteressen sind, zeigt, dass es keine universale Wahrheit gibt. Außer für Gruppen, die die Macht haben, sich selbst als universal zu setzen.

Wer bestimmt, was diskriminierend ist?

Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!—
Justine Sacco (@JustineSacco) December 20, 2013

Der letzte Beitrag endete damit, wie Justine Sacco für einen rassistischen Witz über AIDS ihren Job verlor. Oder, so die herrschende Ansicht unter weißen Leuten: Einen Witz machte, der nicht ganz in Ordnung war, worüber sich Twitter so sehr „empörte“, dass sie ihren Job verlor. Justine Sacco schickte ihren rassistischen Tweet ab, stieg in ein Flugzeug nach irgendwo in Afrika und konnte erstmal nicht ins Netz. Und so wartete halb Twitter gespannt und über Stunden auf Saccos Landung, das ihr bevorstehende Aha-Erlebnis, und die Löschung ihres Tweets [1, 2, 3].

Vertreter der unter Weißen verbreiteten Ansicht war im letzten Beitrag stellvertretend für viele Patrick Breitenbach vom Soziopod, der eine völlig andere Geschichte zu Saccos Jobverlust zu erzählen hatte, als ich in meinem Twitterfeed mitbekommen hatte: Breitenbach erklärte in mehreren Medien den Hashtag #HasJustineLandedYet zu psychischer Gewalt und blendete den rassistischen Witz als Anlass für den Hashtag fast vollständig aus.

Auch im englischsprachigen Raum war #HasJustineLandedYet ein weiterer Fall, in dem weißen Leuten mit hoher Reichweite die Expertise zugesprochen wurde, sich über die Kritik von Rassismusbetroffenen und solidarischen Aktivist_innen (negativ) zu äußern. Ebenfalls mit dem Ergebnis, dass Rassismus hier „nicht der Punkt“ war. Vielmehr hatten dann Schwarze Leute weiße Leute „gemobbt“, weiße Gefühle wurden verletzt, die sind wichtiger als Unterdrückung. Es wurde Sympathie für Justine Sacco gezeigt und gefordert (The Nation: Sympathy for Justine Sacco). Dass sie annähernd einen ganzen Kontinent „beleidigt“ hatte: Kann ja mal passieren.

Wer bestimmt also, was diskriminierend ist? Tendenziell die mit der Macht.

Große Narrative

Politischer Konsens ist immer der Konsens der Herrschenden. Das Master Narrativ subordiniert (ordnet unter) und marginalisiert (drängt an den Rand, macht zu etwas Nebensächlichem).

Subjekt der Aufklärung waren weiße europäische Männer. Wer nicht mitgemeint war, war dann eben nicht – oder weniger – menschlich. Geschichte wird gemacht. Und die Geschichte, nach der die Kolonisierten und Versklavten untermenschlich waren, wurde von Weißen geschrieben.

Wenn die Entschiedenheit, mit der heute von einigen Judith Butlers Gesamtwerk verworfen wird, weil sie eine schlimme Meinung zu Israel hat, genauso auf die großen Denker der Aufklärung Anwendung finden würde, auf Voltaire, Kant, Hegel, …, die sich selbst für das Maß aller Menschen gehalten haben und das auch waren, und andere an ihren Vorstellungen gemessen haben, gehörte die komplette Aufklärung verworfen wegen falscher Universalismen, Rassismus, Klassismus und Sexismus. Rassismus hatte wissenschaftliche Grundlagen, über jeden Zweifel erhaben und scheinbar objektiv. Rassismus gibt es bis heute, obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse, mit denen Weiße rationalisiert hatten, warum man andere nicht wie Menschen behandeln muss, lange widerlegt sind.

Weiße europäische Frauen galten mal wissenschaftlich erwiesen als zu dumm für Wahlrecht. Jede einzelne, auf die das Stereotyp nicht passte, die offensichtlich gar nicht so dumm war wie „die Frauen“, wurde zur Ausnahme gemacht. Und bis heute haben Frauen Sexismus internalisiert, sehen und geben sich als lockerer und nicht so zickig wie die anderen, sehen Sexismus nicht so eng wie der für patriarchal Bargain unter den Bus geschubste Rest, von dem sie sich abgrenzen. Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht. Oder negiert sie für ein paar Vergünstigungen. Wer das große Ganze nicht in Frage stellt, kann auch als Frau einiges erreichen. Das Patriachat dankt für die Unterstützung.

In der offiziellen Version der deutschen Kolonialgeschichte gibt es bis heute keinen Völkermord an den Herero und Nama. Über die Kontinuität von Herero-Aufstand und Holocaust steht nichts in der deutschen Wikipedia [ 1 ], [ 2 ].

Die Weißen, die den Siedler-Kolonialismus in den USA fortführen, haben bis heute eine andere Version der Geschichte als die Native Americans und First Nations, die sie fast ausgelöscht hätten, deren Kinder sie weggenommen und in Boarding Schools geschickt, deren Land sie sich angeeignet, die sie in Reservate gesteckt, ausbeutet und unterdrückt haben und weiterhin unterdrücken, und Elemente derer Kulturen sie sich für Mode und Lifestyle aneignen oder zum Witz karikieren, und erwarten, dass sich die Menschen geehrt fühlen. Dass kulturelle Aneignung eine weitere Instanz von Unterdrückung und Abwertung ist, ist für viele nicht Betroffene schwer nachvollziehbar.

Die Subalterne kann für sich selber sprechen, wenn man sie lässt. Die Subalterne wird gemacht, auch von weißen Antirassisten, die zum Beispiel meinen, beurteilen zu können, ob Kopftuch-Tragen Unterdrückung ist. Die sich nicht hinsetzen und zuhören wollen. Und die das auch nicht müssen aus ihrer machtvollen Position heraus.

Da ist noch immer ganz viel White Man’s Burden in sich für progressiv haltenden weißen Europäern. Und ganz wenig Einsicht, was an „weißer Mann rettet braune Frau“ der Fehler ist (Hierfür Spivak lesen: Can the Subaltern Speak [PDF]).

Poststrukturalismus zeichnet sich aus durch Skepsis gegenüber den großen Narrativen und eignet sich damit besonders gut, Unterdrückungsverhältnisse zu untersuchen. Scheinbar unverrückbare Wahrheiten und der oft bemühte „common sense“ werden nicht einfach hingenommen, sondern genauer analysiert, und die dahinter verborgenen Interessen aufgedeckt.

Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist hergestellt, also nie frei von den sozialen Bedingungen ihres Zustandekommens. Dass viele Leute zu derselben Wahrheit kommen, sagt noch nichts über die Übereinstimmung ihrer Wahrheit mit der Realität. Wahrheit und Realität sind zwei gänzlich verschiedene Dinge. Die Frage, die wir hier stellen wollen, ist also nicht, warum eine Ideologie falsch ist, sondern warum es sinnvoll ist, den herrschenden Konsens zu hinterfragen.

Hier geht es um mehr als den Widerstreit von Ideologien. Es geht darum, aufzuzeigen, dass es Ideologiefreiheit nicht gibt.

Als ideologisch wird meist erst wahrgenommen, was dem eigenen Weltbild zuwider läuft, welches aber selber bereits ideologisch ist. So sehen wir z.B. in Nordkorea, dass Faktentreue bei der Wissensvermittlung nicht oberste Priorität hat. Genauso einfach erkennbar war das im kalten Krieg.

Das Bildungssystem ist nach Althusser der größte ideologische Staatsapparat (ISA). Bildung ist nie ideologiefrei. In staatlichen Schulen wird Kindern nicht objektiv und wertfrei Wissen vermittelt, sondern in Übereinstimmung mit den Normen und Werten der jeweiligen Gesellschaft.

So erfolgt zum Beispiel Sexualerziehung immer im Kontext des herrschenden Wertekonsens. Und bei dem steht in Deutschland immer noch (Ehe und) Familie an vorderster Stelle und damit Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit. Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Fortpflanzung werden zirkulär aufeinander bezogen unzulässig gleichgesetzt. Wie vergeschlechtlichte Körper (sex) in Diskursen zur Geschlechtsidentität (gender) hergestellt – materialisiert – werden, kommt nicht vor. Der Geschlechtskörper wird über Biologismen erschlossen. Unmarkiertheit gilt als „natürlich“ und die Norm und wird als solche nicht benannt. Was nicht in die binäre Logik passt, wird zur abweichenden, markierten Position, „unnormal“ statt Differenz. Wir stärken also die Heteronorm über Sexualaufklärung in den Schulen.

Und wo die Bildungspläne sich so langsam den doch etwas komplizierteren Realitäten annähern, mit ihren mehr als zwei Geschlechtern, mehr als einer möglichen Kombination, Sex zu haben, mit Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen, fallen Konservativen plötzlich Weltbilder als ideologisch auf („Genderideologie“), sind Wissenschaft und Politik deren Ansicht nach fehlgeleitet, falsch informiert oder von einer Homosexlobby unterwandert (siehe #idpet).

Ideologie wird aber häufig viel subtiler vermittelt. Die meisten kennen den Ausspruch, dass Demokratie zwar nicht perfekt ist, aber die beste Herrschaftsform, die wir kennen. Daran ist einiges fragwürdig, das aber nur wenige hinterfragen. Genauso läuft das mit dem Kapitalismus: Es gibt halt keine Alternative. Aber das Wort ist so verräterisch, also sagen wir lieber „Marktwirtschaft“.

Ideologiefreiheit ist eine Illusion und Wahrheit relativ.

Deconstruct Wahrheit

Das zentrale Argument für Dekonstruktion stützt sich auf Relativismus, d.h. die Ansicht, dass Wahrheit immer in Bezug zu unterschiedlichen Standpunkten und Rahmenbedingungen des urteilenden Subjekts steht. Oder anders ausgedrückt: Zu den unausgesprochenen Vorbedingungen und Möglichkeiten denkbarer/meinbarer Ansichten. (Da sehen wir auch schon, was Relativismus nicht heißt: Das so oft bemühte „anything goes“.)

Poststrukturalismus geht davon aus, dass der Gegensatz zwischen subjektiv und objektiv nicht gilt, weil das Subjekt außerhalb seiner selbst produziert wird. Das Subjekt ist nicht der absolute Ursprung seiner Ansichten. Die Ansichten sind erlernt, auch neue Ansichten, die aus der Kombination mehrer erlernter Ansichten bestehen. Auch rein objektives Wissen gibt es nicht. Wissen gehört notwendig zu einer Person. Anders als ein Fakt, der einfach so existieren kann, auch ohne dass ihn jemand wahrnimmt, kann Wissen über einen Fakt nicht existieren, ohne jemand Wissendes. Beliebtes Beispiel: Das Universum existiert, auch ohne dass jemand um seine Existenz weiß.

Subjektivität konstituiert sich außerhalb des Subjekts. Das Subjekt dringt immer ein in die Objektivität der Dinge, die es weiß. Wahrheit ist also immer subjektiv und universale Wahrheit damit unmöglich.

Relativismus ist die zwingende Folge. Es gibt nicht eine Wahrheit.

Identitätskritik innerhalb der Linken

Die Trennung von materiellem und kulturellem Leben ist, wie beispielsweise Judith Butler in „Merely Cultural“ aufzeigte, ein theoretischer Anachronismus, dem marxistische Theorie seit Louis Althusser fehlt und der verschiedene Formen des kulturellen Materialismus (Raymond Williams, Stuart Hall, Gayatri Chakravorty Spivak) nicht berücksichtigt. Damit lebe, so Butler, eine linke Orthodoxie wieder auf, die die Linke in genau der Weise spaltet, die man vorgibt, zu beklagen. Damit wird so getan, als seien etwa die Heteronorm, Heterosexismus und Homophobie nicht institutionalisiert mit „echten“ materiellen Auswirkungen.

Wer Spaltung in der Linken sieht, wo nie die Interessen aller berücksichtigt waren, geht von einem falschen Universalismus aus. Einem Universalismus, der zu „nur Identitätspolitik“ degradierte andere (als die eigenen) Interessen nach- und unterordnet. Die sozialen Bewegungen, deren Interessen als Identitätspolitiken oder Partikularinteressen abgetan werden, haben sich aus der Opposition zur hegemonialen Linken entwickelt. Es gab nie ein „Wir“, das den Fokus auf gemeinsame Interessen verloren hätte. Es gibt Interessen, die nicht die Interessen aller sind. Und denjenigen, deren Interessen das nicht sind, sind diese Interessen egal.

Das „Wir“ ist der eingebildete Universalismus der privilegierteren Linken, die von sich auf andere schließen, von ihren Interessen darauf schließen, was gut für alle sein soll. Dieses „Wir“ könnte also nur ein „Wir“ sein, wenn die innerhalb der Linken Unterdrückten sich auf Kosten ihrer eigenen Interessen vom linken Mainstream domestizieren ließen und statt ihrer eigenen deren Interessen fokussieren würden.

Wer durch die Hintertür die anachronistische Vorstellung von der zu den „echten“ ökonomischen Problemen („Hauptwiderspruch“) sekundären Unterdrückung durch Rassismus, Sexismus u.a. („Nebenwiderspruch“) wieder einzuführen versucht, tut dies auf Kosten einer möglichen Einheit in Differenz.

Und das passiert aus unmarkierten Positionen heraus, d.h. Menschen, die privilegiert sind, fühlen sich berufen, in Kämpfen, die nicht ihre eigenen sind, den Ton anzugeben, und mit der alten Vorstellung der „objektiven Interessen“ und der Idee von sich selbst als revolutionärer Elite für die Benachteiligten (und über deren Köpfe hinweg) die Befreiung zu planen. Und diese „Elite“ kann sich anders als die Betroffenen jederzeit politisch neu ausrichten, weil es nicht ihre Kämpfe sind. Und das tut sie auch.

Identitätskritik ist notwendig. Reflexion über die eigene Situiertheit ist notwendig. Beides muss nicht zwingend zu Positionierungsritualen führen. Ein Outingzwang ist entschieden abzulehnen. Genauso entschieden sollte man sich aber dagegen wehren, wenn Identitätskritik (oder Kritik an Identitätspolitik) für falsche Universalismen vereinnahmt wird.

Unwissen vs. Derailing

Linke Zusammenhänge, die keinen antidiskriminatorischen Anspruch an sich selber haben, die weiß und männlich dominiert sind, die sich keine antisexistische/antirassistische/… Policy geben, machen den Fehler des falschen Universalismus. Jeder Aktivismus, der nicht intersektional ist, macht diesen Fehler. Feminismus, der von „Frauen“ redet, aber nur weiße Cis-Frauen meint, macht diesen Fehler. Feminsmus, der weiße Dominanz gegenüber Schwarzen Frauen und Women of Color reproduziert und weiße Erfahrungen zentriert, und trans Frauen und Sexarbeiterinnen ausschließt, macht diesen Fehler.

Ein Beispiel: Wenn man Amanda Palmer glaubt, lernte man aus „12 Years A Slave“, dass weiße in sozialen Kämpfen, die nicht ihre sind, Mitspracherecht haben sollten [ 1 ]. Amanda Palmer sieht „SEETHING internet race hatred – both directions“, wo weiße Leute für Rassismus zur Rede gestellt werden [ 2 ], nennt Menschen, die sie auf Argumentationsfehler aufmerksam machen, „Yeller“ und „Hater“ und retweetet Kritik an ihre Fans, damit die dabei mithelfen [ 3 ]. Amanda Palmer ist eine gut situierte weiße Feministin, für die Behinderten- und Vergewaltigungswitze okay sind. Gefeiert wird sie für einen bahnbrechenden Feminismus, der darin besteht, dass frau, obwohl nicht 100% normschön, ein enormes Ego vor sich herträgt. Wenn Amanda Palmer Geschichtsbücher füllen dürfte, wäre sie die Heldin, und schwarze Aktivistinnen Bullies, weil sie weiße Leute wie sie rassenhassen. Und Amanda Palmer bewirbt sich immer wieder aufs Neue um den Worst Person In Feminism Award, sei es durch Weiße und Männer gegen Diskriminierte in Schutz nehmen oder Woody Allen verteidigen. Aber es wäre albern, davon auszugehen, dass Amanda Palmer eine Ausnahme ist.

White Feminism ist ein Feminismus, der Frauen sagt, aber weiße Frauen meint. Der die weiße Perspektive nicht als weiß wahrnimmt, sondern als universal setzt. Oder kurz: Neokolonialistischer / hetero- / cis-normativer / ableistischer / klassistischer Feminismus [4]).

Wenn man White Feminism glaubt, ist es schlimmer, für Rassismus kritisiert zu werden, als sich rassistisch zu äußern. Da werden die persönlichen Gefühle Weißer höher bewertet als das Interesse von Schwarzen Menschen und anderen People of Color, nicht rassistisch unterdrückt zu werden. Und das sagt ja eigentlich alles. Wenn man weißen Feministinnen, die die großen Media-Outlets vollschreiben dürfen, Glauben schenkt, ist Kritik daran „toxisch“ und sind Kritiker*innen „Bullies“ [5]. Dass sie erst treten und dann heulen wenn jemand „aua“ sagt, lassen sie weg. Stattdessen fordern sie mehr Empathie und Solidarität ein.

Unterdrückung ist Gewalt. Das scheint vielen selbst in linken Zusammenhängen nicht klar zu sein.

Ein ähnliches Muster zeigen hegemoniale Männlichkeiten performende Männer in linken Zusammenhängen in Bezug auf (nicht nur) Sexismus. Sie etablieren Hierarchien, verdrängen Frauen, und das alles geschützt durch Menschen, die zwar abstrakt gegen Sexismus sind, deren Feminismus sich dann aber darauf beschränkt, aus dem Busch zu springen, wenn es gilt, Dinge nicht so eng zu sehen. Token-Feministinnen heißen die im US-Diskurs.

Und wir ahnten es: Das alles ist Derailing. Ablenkung von der eigentlichen Kritik auf einen anderen Schauplatz. Amanda Palmer hat Hater, die sind ganz schlimm, weil sie eine berühmte Person ist und Feministin. Warum die Leute „haten“ wird verdrängt. Hierzulande gehen ganzen Parteien davon aus, dass wenn sie kritisiert werden, sie einen Nerv getroffen hätten. Viele derailen Kritik, indem sie eine Feministin, einen Ethnic Friend, oder sonst jemanden aus einer betroffenen Gruppe kennen, die das aber anders sehen.

White Feminism betreibt Tone Policing bei den Kritiker*innen, statt sich mit seinem eigenen Rassismus zu beschäftigen. Macker und Sexisten betreiben Fingerpointing in alle möglichen Richtungen, als ob sich, wenn sie es schaffen würden, andere zu diskreditieren, ihre Fehler automatisch in Luft auflösen. Dreist? Klar, aber für die privilegierten Positionen gibt es immer eine Menge mehr Rückhalt als für diejenigen, die sich da gerade versuchen, aus der Unterdrückung zu emanzipieren. Und das – nun sind wir endlich beim Punkt dieses Textes – muss aufhören. Weil das nicht emanzipatorisch ist sondern Bullshit.

„Kritisieren durch Theorie ist eine gute Grundlage. Aber das bedeutet NICHTS, bis man nicht für andere aufsteht und die Theorie mit Leben erfüllt“ (@thetrudz, Gradient Lair: How EVERYONE Works Together To Silence Women of Colour’s Critiques of Mainstream Feminism).

Feminismus, der weiße Interessen zentriert, verdanken wir Slutwalks und One Billion Rising und – das hierzulande wahrscheinlich prominenteste Beispiel – Femen mit in die Facepalmgeschichte eingehenden Parolen wie „Muslim Women let’s get naked“, die ihre neokolonialen Retterinnenfantasien Frauen aufdrücken wollen, die das weder wollen noch darum gebeten haben [1], [2], [3], [4], [5].

Feministinnen, die sich in einer gemeinsamen Bewegung mit schwarzen Frauen und anderen Women of Color sehen – und nicht als deren Befreierinnen – werden schwerlich begründen können, warum allein ihre eigene Vorstellung von Freiheit die richtige ist. Oder, wie im Fall von Femen, warum das Kopftuch nicht zu den Optionen gehört, für die eine Frau sich entscheiden darf. Seid frei. Tut, was ihr wollt. Nur du dahinten mit dem Kopftuch nicht. Beim Kopftuch hört der Spaß auf.

Dieser Feminismus funktioniert eben nicht für alle.

Wie sehen Politiken ohne/nach Universalismus aus?

Klar ist, dass man nicht einen Universalismus durch einen anderen ersetzen kann. Es gibt nicht die eine richtige Antwort. Und es gibt keine endgültigen Antworten. Dennoch lassen sich – ohne Ewigkeitsgarantie – einige Standards festlegen.

Solidarität darf nicht vom guten Willen gegenüber denjenigen, die sie benötigen, abhängen. Unterstützung aus Freundschaften oder anderen sozialen Netzen heraus ist soweit nicht politisch wie man sie bei gleicher (!) Problemstellung fremden oder weniger gemochten Menschen verweigern würde: Solidarität bedeutet natürlich nicht – und kann auch nicht mit der Forderung verbunden sein – immer Handlungsoptionen zum Eingreifen zu haben, aber unabhängig von den Handlungsoptionen ist man entweder gegen Unterdrückung oder man ist es nicht, unabhängig davon, wer gerade betroffen ist. Politische Solidarisierungen müssen entlang von Positionen, nicht Personen, verlaufen.

Sexismus und übergriffiges Verhalten werden nicht „ausnahmsweise“ okay, weil man die Betroffenen nicht leiden kann oder weil der Täter ein Freund ist. Sexismus gegen Nazis ist immer noch Sexismus. Witze über Schlaganfallfolgen sind auch dann noch ableistisch, wenn der Betroffene Thilo Sarrazin ist. Und ein kolonialer Blick auf Schwarze Menschen und andere People of Color ist auch dann noch rassistisch, wenn die Intention eine andere ist.

Menschen mit denen uns gemeinsames verbindet, sind unsere Freunde, sozialen Umfelder. Dafür suchen wir uns homogene oder zumindest ertragbar heterogene Gruppen. Politik kann auf dieser Grundlage aber nicht funktionieren. Wir können nicht nur mit Unterstützung gleichgesinnter Bubbles politisch aktiv sein. Oftmals platzen unsere Bubbles wegen Politik.

Angela Davis hat eine Vorstellung von Solidarität beschrieben, die über Differenzen stark ist statt über Gemeinsamkeiten. Mit der wir über eine Vielzahl von Differenzen hinweg dennoch in der Lage sind, uns über gemeinsame Vorstellungen zu Koalitionen zusammenzuschließen [1] [2]. Für solche Allianzen müssen wir Machtstrukturen mitdenken. Weiße müssen einsehen, dass weiße Perspektiven nicht universalisierbar sind. Dafür müssen „wir“ (soweit wir weiß sind) erstmal anerkennen, dass weiße Perspektiven weiß sind. Und das heißt, sich jeden Tag wieder kritisch selbst zu hinterfragen, wo man universalisiert und eigene Vorstellungen anderen aufdrückt. Und das heißt, Kritik auch anzunehmen, wenn sie von außen kommt. Nicht-Betroffene bestimmen nicht, wie Aktivismus in sozialen Kämpfen auszusehen hat, die nicht ihre eigenen sind.

Diane Elam hat mit „Groundless Solidarity“ eine ähnliche Vorstellung von Solidarität: Groundless – also ohne Grund, bodenlos – ist ihre Solidarität insoweit, als man zwar ein gemeinsames Anliegen hat, dieses sich aber auf Unbestimmbares bezieht. Elam sieht Feminismus als Ethik, nicht als Aktivismus. Für sie gibt es kein im Voraus und für alle bestimmbares Richtig oder Falsch und kann es deswegen keine feststehenden Regeln geben. Die Suche nach der richtigen Entscheidung ist notwendigerweise endlos. Eine Festlegung würde immer wieder zu einem Mangel an Solidarität führen. Elam hat u.a. am Beispiel der Pro Choice Bewegung gezeigt, dass Bewegungen nicht nur über Gemeinsamkeiten stark sind, sondern vor allem auch über ihre Differenzen. Das gemeinsame Anliegen der Pro Choice Bewegung ist, dass die Option offen sein muss, die für sich richtige Wahl treffen zu können. Man trifft keine Wahl, man lässt eine. Und damit liegt die Stärke der Pro Choice Bewegung in der Differenz, in dem gemeinsamen Interesse, sich unterschiedlich entscheiden zu können.

Wir sollten gegen Diskriminierung aufstehen und solidarisch sein. Tun wir aber nicht.

LGBT-Jugendliche sind massiven Repressionen ausgesetzt, bringen sich um, weil sie es nicht ertragen, während irgendwelche Linken, die nicht merken, dass sie auch mal nicht gemeint sind, diskutieren, wie langweilig sie Coming-Outs finden. Weiße Aktivist*innen werden gegen Kritik in Schutz genommen, wenn sie auf Rassismus aufmerksam gemacht werden. Weil weiße Befindlichkeiten wichtiger sind als der Kampf gegen Rassismus. Dasselbe gilt für weiße/heterosexuelle/cis-Männer und Sexismus, Dominanzausübung und Übergriffigkeit.

Das alles ist Solidarität mit den Unterdrücker*n und sind Positionen, die einer emanzipatorischen Bewegung zuwider laufen. Man kann nicht die Unterdrücker mitnehmen auf Kosten der Unterdrückten. Es lohnt auch meines Erachtens nicht, zu versuchen, alle zu überzeugen. Viele von uns haben bereits die Erfahrung, dass der Bote immer das Arschloch ist und der Lerneffekt gleich Null. Wer lernen will, würde das von sich aus tun. Das Wissen ist offen verfügbar. Die Kritik ist bekannt. Was stattdessen passiert, sehen wir mit zunehmender Deutlichkeit sowohl im US-Diskurs als auch hier. Default des Unmarkierten ist eben „Solidarität“ mit der Gesamtscheiße. Das ist in einigen Fällen bitter, aber es ist halt manchmal so. Been there, done that – man reibt sich dabei nur sinnlos auf. Wir haben manchmal nicht dieselben Ziele. Auch nicht über unsere Differenzen hinweg.

Wahrscheinlich wird es immer „Wir“ und „Die“ geben. Das Politische kann das nicht überwinden. Wir können nicht mit jedem ein „Wir“ bilden. Aber mit vielen. Darum sollten wir sehen, wo wir über unsere Differenzen hinweg gemeinsame Ziele haben und Allianzen schließen. Und merken, dass gar nichts schlimm daran ist, wenn wir nicht immer ein Wir sind. Gerade das ist Politik: Ausgleich von Interessen, die niemals in vollkommene Einheit zusammenfallen. Wir wollen soziale Ungleichheit überwinden und nicht unsere Differenz.

Empörers gonna empör

 

[Content Note: Diverse Scheiße]

tl;dr Über Kritik, Empörung und wie man heutzutage kaum noch in Ruhe privilegiert sein kann. 

Diese eine Frau da, die findet, dass das kein Sexismus war, dass es nicht angebracht ist, wenn diese Person sich von jemandem verletzt fühlt, dass sie übertreibt, wenn sie sagt, sie fühlt sich mit ihm nicht mehr sicher. Die ist auch Feministin, und die lacht über diese ganzen Konzepte und Policies mit diesen komischen Namen, über Safe Spaces und Ausschlüsse. Oder Silencing. Sollen sich doch mal selber silencen (hihi!), statt dauernd andere mit ihren Befindlichkeiten zu nerven. Diese Stellvertreteropfer, die selber keine Probleme haben.

Wenn die Mehrheit miteinander klar kommt, wo ist dann das Problem? Klar werden da mal Feministinnen angeätzt oder ausgelacht oder angeschrien oder angemackert. Aber mit ein bisschen Gemacker und sexistischen Flachwitzen sollten erwachsene Frauen doch wohl klarkommen. Alles andere ist rumopfern. Klar geht’s da um Wegboxen, aber da gehören ja immer noch zwei zu. Da braucht man ja nicht drauf einsteigen. Mit asymmetrischen Machtverhältnissen hat das sicher nichts zu tun. Wie, Sexismus ist ein Unterdrückungsinstrument? Das ist eine Definition.

Klar, der Typ ist der Frau zu nahe getreten, und die andere hat Angst vor diesem anderen. Und der eine wird manchmal laut und dominant. Aber die gehören zu den Guten. Die tun echt viel. Soll man die jetzt ausschließen? Und Nazis mit Wattebällchen bewerfen? Ja, also. Kann man auch mal einmal was nicht so eng sehen? Das nutzt sich doch ab, wenn man sich dauernd empört.

Man kann auch nicht immer andere mit reinziehen, um Unterstützung oder Positionierung bitten. Wir sind doch alle gegen Sexismus. Wie, das nützt nichts, wenn das nur abstrakt ist? Nach der Revolution klärt sich das, da fällt ja der Grund weg für die Diskriminierung. Und bis dahin könnten die Spalterinnen, Schreihälse und unfehlbaren Pfeifen doch einfach mal die Fresse halten. United we stand, divided we fall.

Das Ding mit der Definitionsmacht? Ist doch völlig inakzeptabel. Wo kämen wir hin, wenn wir uns von Betroffenen anhören, wie die sich gefühlt haben, und denen versuchen, ihre Erfahrungen und Ängste nicht abzusprechen? Sodom und Dingens. Wir leben ja schließlich in einem Rechtsstaat. Da gilt die Unschuldsvermutung auch für Sexismus. Und die Meinungen sind immer noch frei. Diskriminierung muss als Meinung gelten, dann diskreditiert die sich schon von ganz allein. Alles andere wäre Faschismus.

Und was reden die da über hegemoniale Männlichkeiten? Wenn einer sagt, dass Nazis kleine Schwänze haben, beleidigt das doch ausschließlich Nazis. Wie, nur mittelbar, indem man erst Leute mit kleinen Schwänzen abwertet? Für zu wenig Männlichkeit? Was Männlichkeit aufwertet? Wissen die eigentlich, wie kalt das da draußen ist beim Nazis blockieren?

Diese Queerfeminist_in da hat ja sowieso einen an der Waffel. Will anderen öffentliches Knutschen verbieten. Was soll das überhaupt sein, diese „heterosexuelle Hegemonie“, von der die reden? Bestimmt total unwissenschaftlicher Kram. Eine Matrix, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Ja, klar. Sieht doch jeder, dass Menschen als Männer und Frauen auf die Welt kommen. Biologie ist das. Natur. Und Heterosexualität ist schließlich normal, da kann doch keiner was für. Jeder wie er will.

Heterosexuelle unterdrücken auch sicher niemanden durch Zuneigungsbekundungen im öffentlichen Raum. Nicht mit Händchenhalten, oder Küssen, oder im Supermarkt den Weg versperren weil sie im Wurstregal mal ganz kurz fummeln müssen. Nicht mit dem Pärchenavatar bei Twitter, dem gegenseitig in der Bio aufführen, nicht mit dem Knutsch-Header bei Facebook, und nicht mit diesen Statusupdates, in denen steht wie lange die sich schon wie sehr und für immer lieben. Nicht mit dem öffentlich beim Kosenamen nennen, nicht mit dem Flirten, nicht mit den Knutschsmileys. Was soll denn daran dominant sein? Es geht da um Liebe, und die ist das einzige was zählt. Scheiß Neider.

Feminismus müsste wieder mehr für normale Leute und deren alltägliche Probleme sein. Total edgy! Was soll eigentlich diese dauernde Vereinnahmung bei der Feminismus die Glocke für Antirassismus und LGBT-Themen ist? Heterosexuelle Paare mit Kind, die haben richtige Probleme. Die alleinerziehende Lesbe ohne Job auch? Schwarz ist die? Ach komm, jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Das sollte man doch jetzt bitte nicht gegeneinander ausspielen. Wer da verlangt, erstmal Privilegien zu checken, sollte dringend mal seine Prioritäten sortieren. Arm sein ist das neue schwarz.

Und dieser eine, der sich manchmal über Feministinnen lustig macht, ja ach. Darum ist man noch lange nicht für Sexismus. Außerdem wurde da interveniert und die Kritik auch angenommen. Und dass der eine da eindeutig rechte Blogs verlinkt, weil da so gut analysiert wird, warum Feministinnen Faschos sind? Ja, da wird auch auf jeden Fall garantiert theoretisch vermutlich interveniert.

Außerdem weiß doch jeder, dass der perfekte Mensch utopisch ist. Und wenn Sexismus unvermeidlich ist, warum dann überhaupt kritisieren? Eben. Ist doch fucked Logic, die diese Tanten da an den Tag legen. Und mit weniger als perfekt geben die sich ja nicht zufrieden. Keine Ahnung, was die meinen, wenn die sagen, dass ihre Kritik auf eine normative Ebene derailt wird, und dass das ein Sein-Sollens-Fehlschluss wäre. Können die kein deutsch, wie normale Leute?

Und warum sollen jetzt weiße Männer nicht den Sexismus von schwarzen Männern kritisieren? Das ist doch Kulturrelativismus. Das sollten die mal ehrlicherweise Bigotterie nennen. Die kritisieren doch echt nur, was sie wollen. Weiß doch jeder, das diese ganzen postkolonialen Perspektiven einfach nur relativistische Scheiße sind. Da muss man nichts differenziert sehen. Kopftücher sind immer Unterdrückung. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Aus welchen obskuren Ecken akademischer Literatur ziehen die Bücher, in denen allen Ernstes steht, dass an „weiße Männer retten braune Frauen“ irgendwas nicht in Ordnung wäre?

Wenn diese Feministinnen Femen dafür kritisieren, dass die die Objekte ihrer Befreiungbestrebungen unterdrücken, sind die doch nur neidisch auf die Brüste. Und wenn die dann fragen, ob man Inhalte nicht vielleicht anders besser vermitteln könnte, und ohne neokolonialen Rassismus, kann man die ja wohl mal dissen, die teilen ja auch aus. Man trägt doch den Rassismus nicht mit, nur weil man die Gruppe promotet. Wie kommen die darauf?

Und dieser Mist mit der kulturellen Aneignung? Wem schadet das denn? Da kann man doch nur drüber lachen, Kulturen haben sich schon immer vermischt. Jede Kultur nur ein Symbol! Sind die behämmert. Die Kolonisation war nicht nur schlecht. Die konnten ja nichts in Afrika. Wie, kein Buch dazu gelesen? Das weiß man doch aus der Schule. Wie, Rassismus in Schulbüchern? Och, bitte. Rassismus gegen Weiße ist auch schlimm. Da redet nie jemand drüber.

Und dieses ganze Gebashe gegen heterosexuelle weiße Männer? Als ob Männer der Feind wären. Dass die nicht mehr überall ihr Shirt ausziehen sollen? Geht’s noch lächerlicher? Kann ja wohl echt nicht sein, dass dieses einzelne AZ in 500 Kilometer Entfernung in seiner antisexistischen Policy mehr Rücksicht auf traumatisierte Besucherinnen nimmt als auf Männer. Und Triggerwarnungen… Grow a pair.

Männlich positionierte People of White haben auch Probleme. Dieses Gerede von unterschiedlichen Sozialstrukturen und überschneidenen Unterdrückungsachsen dient doch einzig und allein dieser verqueren Unterdrückungsolympiade, mit der die akademische Gender-Elite Gruppen spaltet, die im Grunde dieselben Ziele haben. Da sollte der Feminismus mal rational und objektiv rangehen, die Augen nicht länger vor den Fakten verschließen, und merken, wo er zurückstecken muss für die Sache. Solidarität ist keine Einbahnstraße! Nach oben treten und Unterdrückung kritisieren ist genauso schlimm wie Unterdrückung! Langsam reicht es mit dem immer neue Diskriminierungsformen erfinden.

Und echt mal: Was geht diese Queerfeministinnen anderer Leute Lifestyle an und dass normale Frauen noch auf echte Kerle stehen? Wie kommen die darauf, anderer Leute Frauenbild widerlich zu nennen? Ist halt so, dass heterosexuelle Männer ihr Territorium markieren. Und dass Männer das mehr respektieren als die Frau. Und dieses Consent Culture Ding? Das können die doch nicht ernst meinen.

Nein, der Witz war nicht behindertenfeindlich. Das nennt man Inklusion, wenn man sich über Behinderte lustig macht! Die wollen ja schließlich behandelt werden wie Normale. Man wird ja wohl noch zehnjährige Sexisten, die im Rollstuhl sitzen, doof finden dürfen, liebe Feministinnen! Wer nicht als defizitär wahrgenommen werden will, muss sich schon Witze über seine Defizite gefallen lassen. Was soll das heißen, ob mir der Logikchip durchgebrizzelt ist? Das ist ableistisch!

Und diese Empörer! Da möchte man ja gleich alles hinschmeißen und Prinzessin werden, so nerven die. Schlimmer als die wenigen Idioten, die tatsächlich Rassisten oder Sexisten sind. Ständig emotional und betroffen, als wär marginalisiert werden irgendwie scheiße. Dabei tu ich so viel, um denen zu helfen. Ich muss mich schließlich nicht engagieren. Und die sagen, ich wär Teil des Problems statt „Danke“.

Und dann dieses Gerede von Critical Whiteness und whatever. Erfindung von weinerlichen Weißen mit Positionierungswahn. Meinen, man müsste bei sich selber anfangen, statt immer mit dem Finger auf Einzelfälle zu zeigen. Die rechte Ecke wäre überhaupt keine Ecke. Rassismus strukturiere Gesellschaft. Die haben doch echt zu viel von diesen Postlegionellen gelesen. Ist doch klar, dass denen niemand zuhört. Dieses ganze Positionieren und Reflektieren über Weißsein und angebliche Privilegien ist doch kontraproduktiv. Können wir nicht einfach mal miteinander klarkommen?

Konsens ist, und das sagen sogar anerkannte weiße, heterosexuelle, männliche, gut situierte Empörungsexperten im Radio, dass wir uns in einer Phase der Hyperzivilisierung im Netz befinden, in der sich mit psychischer Gewalt in Form von Shitstorms gegen angeblichen Rassismus gewehrt wird. Da reißt eine Frau mal völlig aus Versehen einen Witz, der vielleicht nicht ganz okay ist, und das gesamte Internet tickt aus und die arme Frau verliert ihren Job. Wegen denen! Eine Prangerkultur hat sich da entwickelt, wo sich jederzeit aus nichtigen Anlässen wie systematischer Unterdrückung ein Lynchmob auf unbescholtende weiße Leute stürzen kann und fragen #HasJustineLandedYet?

Man muss auch mal Widerspruch zulassen. Wenn Nicht-Betroffene das verstehen, kann das ja wohl nicht so schwer sein. Und wenn einem was nicht passt, dann kann man ja wegbleiben. Waren schon weg? Scheiß Spalter.

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Abspann:

Wer es nicht gemerkt hat: Das war Bullshit-Bingo.

Im nächsten und/oder übernächsten Text ist geplant, das ganze theoretisch auseinander zu dröseln: Was ist Wahrheit? Wer bestimmt, was diskriminierend ist? What the fuck is wrong with people?

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Links:

Ich habe länger überlegt, wie ich mich am besten zwischen die Stühle „Frei erfunden“ und „Igitt, die prangert“ setze, und mich gegen die Verlinkung von Quellen entschieden. Wer es denn doch nicht lassen kann, Quellen zu suchen, dem_der sei empfohlen, sich durch das entstehende Empörungsexpertentum zu lesen, z.B.

Patrick Breitenbach: Verbannung und Hyperzivilisierung im Netz
-> zur Wortwahl (mit „Zivilisierung“ in einen antirassisischen Diskurs intervenieren): Wikipedia: Zivilisation
Blog Karlshochschule: The Day after Shitstorm: Die zweite Stufe der Zivilisierung
Detektor.fm: Der virtuelle Pranger – Zwischen Shitstorm und Schweigespirale
-> zur Wortwahl (Rassismusbetroffene als „Lynchmob“ bezeichnen) [Triggerwarnung]: Wikipedia: Lynching [en].

Auf der Plus-Seite:

Breaking the Waves: Empörung aktivieren – Konformismus und Mobverhalten im Netz
Ronsens: Empathie und so

Danke an @Sokalist_n für das Lektorat.

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[ETA 07.02.2014, 16:45: Überschrift geändert und einen Satz gelöscht.]

Heute in Rape Culture: KO-Tropfen, Nein Danke.

Nachtrag unter dem Text

[Content Note: Vergewaltigung, Rape Culture]

tl;dr: Nein.

Berlin sagt Nein Danke zu K.O.-Tropfen
Bild: @tofutastisch

In Berlin wird zur Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln mit einer Kampagne über K.O.-Tropfen „aufgeklärt“:

Berlin sagt „Nein Danke“ zu K.O.-Tropfen. Für ein sicheres Nachtleben – Damit es kein böses Erwachen gibt“.

Pass auf dich und deine Freundinnen und Freunde auf: Ein paar einfache Vorsichtsmaßnahmen helfen dir dabei, sicher unterwegs zu sein.“ [Quelle]

Die Grundidee der Kampagne ist bereits völlig absurd: Sag Nein zu Date-Rape-Drogen, die dir jemand ohne zu fragen ins Getränk kippt. Nimm kein offenes Getränk an. Trinke nicht zu viel Alkohol. Dann bist du sicher.

Als hätte man mit einem bestimmten Verhalten, einer bestimmten Kleidung eine größere Chance, von Übergriffen verschont zu bleiben. Als würden ohne K.O.-Tropfen, ohne Alkohol keine Übergriffe passieren. Die Illusion, dass man sich schützen könnte, wenn man sich nur genug einschränkt, ist Teil von Rape Culture.

Initiiert wurde das Ganze u.a. von den Opferschutzorganisationen LARA (Krisen- und Beratungszentrum für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen) und der Opferhilfe Berlin e.V., also Menschen, denen man eigentlich genügend Sachverstand zutrauen darf, keine Rape Culture Narrative zu verbreiten.

Was ist Rape Culture?

Rape Culture ist die Art und Weise, in der die ständige Bedrohung sexueller Übergriffe die täglichen Bewegungen von Frauen beeinträchtigt. Rape Culture erklärt Mädchen und Frauen vorsichtig zu sein, was man anzieht, wie man es anzieht, wie man auftritt, wohin man geht, wann man dort hin geht, mit wem man geht, wem man vertraut, was man tut, wo man es tut, mit wem man es tut, was man trinkt, wieviel man trinkt, ob man Augenkontakt herstellt, ob, man allein ist, ob man mit einem Fremden zusammen ist, ob man in einer Gruppe ist, ob man in einer Gruppe Fremder ist, ob es dunkel ist, ob die Gegend nicht vertraut ist, ob man etwas trägt, wie man etwas trägt, was für Schuhe man trägt für den Fall dass man weglaufen muss, was für eine Tasche man mitnimmt, welchen Schmuck man trägt, wie spät es ist, welche Straße es ist, welches Umfeld es ist, mit wievielen Leuten man schläft, mit was für Leuten man schläft, wer deine Freunde sind, wem du deine Nummer gibts, wer anwesend ist wenn der Lieferservice kommt, ein Apartment zu bekommen wo man sieht wer an der Tür ist bevor man aufmacht, […] sich eine*n Mitbewohner*in zu suchen, Selbstverteidigungskurse zu machen, immer wachsam und aufmerksam zu sein und immer die Augen aufzuhalten und immer die Umgebung wahrnehmen, und nie unachtsam sein für einen Moment damit du nicht sexuell angegriffen wirst, und wenn doch und du wirst und du hast nicht alle Regeln befolgt, ist es dein Fehler.

Rape Culture ist die allgegenwärtige Angst und das Hinnehmen dieser Angst als unvermeidbar.

Diese Kampagne, wie alle anderen dieser Art, die Sicherheit versprechen, wenn man sich an ein Set von immer denselben, immer unnützen Regeln hält, ist falsch und gefährlich. Es gibt diese Sicherheit nicht.

Es ist Rape Culture, wenn Frauen Mitschuld zugewiesen wird, weil sie Alkohol getrunken haben oder unter Drogeneinfluss standen, weil ihre Kleidung freizügig war oder sie „unvorsichtig“ waren, weil Sie allein die dunkle Straße entlang gegangen sind, oder mit dem falschen Mann, oder zu Hause geblieben sind oder sonstwo waren. Und es ist Rape Culture, Frauen zuzumuten, ihr Leben danach auszurichten. Trinkt nicht so viel Alkohol. Tragt keine hohen Schuhe. Macht euch einen Brokkoli ans Revers.

Wir tun alles mögliche, um Vergewaltigungen zu verhindern. Nur nicht Männern erklären, dass Sex ohne Zustimmung Vergewaltigung ist. Weil es der als normal erachtete heteronormative Standard ist, vor dem Sex nicht nach Zustimmung zu fragen. Rape Culture fragt nicht nach „Ja“ sondern nach „Nein“ und ausreichender Gegenwehr. Rape Culture privilegiert Täter.

All diese Erzählungen von Vermeidbarkeit und Mitschuld sind Victim Blaming. Es ist Victim Blaming, davon auszugehen, Frauen könnten irgendetwas richtig oder falsch machen, und damit beeinflussen, ob sie vergewaltigt werden oder nicht.

Das ist Rape Culture. Und die reproduziert man, indem man bei der Prävention von Übergriffen bei den potentiellen Opfern ansetzt.

[Nachtrag 25.11.2014]

Die Stadt Berlin hat sich anlässlich des Internationales Tages gegen Gewalt an Frauen nicht nehmen lassen, die Kampagne nochmal zu „starten“ und verteilt seit heute Infomaterial an Aufstellern in Hotels und Gastronomie.

Dazu fällt mir nur dies ein:

[/Nachtrag]

Vorher in diesem Blog:
Was ist Rape Culture?

Links, die zeigen, dass Vergewaltigungsprävention anders geht:
Vergewaltigungsmythen: Das ist keine Einladung zu vergewaltigen
Feministing: Edmonton’s new rape prevention ads should be everywhere
Jezebel: Powerful Posters Cleverly Highlight Sexual Assault Awareness
Zerlina Maxwell / Ebony: 5 Ways We Can Teach Men Not to Rape
Gradient Lair: Rape “Prevention” Advice That Doesn’t Include Tips For Men’s Behavior = Rape Culture
Mädchenmannschaft: Vergewaltigt und “selbst schuld”?
Amptoons: Sexual Assault Prevention Tips Guaranteed to Work!
Feministing: “Dear Prudence” columnist publishes rape denialism manifesto advising women to “stop getting drunk”
Newsweek: No. 1 Surefire Rape Prevention Tip For Ladies: Don’t Exist
Salon: Sorry, Emily Yoffe: Blaming assault on women’s drinking is wrong, dangerous and tired
Slate: To Prevent Rape on College Campuses, Focus on the Rapists, Not the Victims
Salon: Can men be taught not to rape?

Danke an @Sokalist_n für das Lektorat.