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Care-Ethik vs. Consent Culture

[Trigger-Warnung: Rape Culture]

tl;dr Care-Ethik / Moral der Fürsorge vs. Consent Culture ist ein falscher Gegensatz.

Dieser Text bezieht sich auf den Beitrag „Die Alternative zur Consent Culture: Moral der Fürsorge!“ von @schizoanalyse, in dem sie diskutiert, ob das Konzept der Consent Culture zugunsten einer Moral der Fürsorge verworfen werden sollte. Ich versuche hier, die Problematik von der „Seite“ der Consent Culture aus aufzurollen.

Kernargumente des Textes waren:

  • Liebe sei ein Abhängigkeits- und Machtverhältnis
  • Consent Culture ignoriere die in Liebesbeziehungen eingewobenen Machtverhältnisse, indem sie allen Beteiligten Konsensfähigkeit (Entscheidungsfreiheit) apriorisch unterstelle
  • — Dies bedeute ethische Gewalt im Sinne einer Exklusion der nicht zu Konsens Fähigen bis hin zur Leugnung ihrer Existenz
  • Die Moral der Fürsorge betone die durch bestehende Machtverhältnisse entstehende Verpflichtung zur Sorge, insbesondere jenen gegenüber, die durch den ConsentCulture-Ansatz exkludiert seien
  • — Mit einer Moral der Fürsorge sei ein achtsamerer Umgang miteinander und eine Reflexion von Machtverhältnissen besser möglich als mit ConsentCulture-Konzept

Ich meine: Nein, geht nicht.

Consent Culture kommt aus einer anderen Richtung und will woanders hin als die Moral der Fürsorge. Consent Culture besagt, es gibt kein Default „Yes“. Damit richtet sie sich gegen eine konkrete Realität, in der explizite weibliche* [jedenfalls meistens so gedacht] Zustimmung keine Voraussetzung für Sex ist. Eine Realität, in der ein Nein nicht reicht, um ohne Zustimmung erfolgten Verkehr als Vergewaltigung zu qualifizieren. Eine Moral der Fürsorge läuft da ins Leere, wo es kein moralisch-fürsorgliches Gegenüber gibt.

Eine Moral der Fürsorge greift nicht gegen Rape Culture.

Dem_der potenziellen Täter*in Entscheidungsverantwortung für das Wohlergehen des potenziellen Opfers zu übertragen, ist kontraproduktiv. Ziemlich genau das passiert bereits, wo Rape Culture fragt, ob sich das Opfer deutlich genug gewehrt hat, und nicht, ob die Zustimmung fehlte.

In der Consent Culture bedeutet nur Zustimmung Zustimmung. Das heißt nicht, dass jegliche Zustimmung ein Freifahrtschein wäre. Consent Culture ist nicht „Deine Entscheidung – Dein Problem“ – im Gegenteil!

„Nein“ ist keine Zustimmung. „Vielleicht“ ist keine sichere Zustimmung, ist keine Zustimmung. „Ja“ ist nicht immer Zustimmung (Alkohol, Drogen, hilflose Situation, Zwang, wenn jemand nicht alt genug ist, um Sex zuzustimmen).
[Consent Culture 101 für Dummies]

Alles, worum es geht, ist, wissen und nicht einfach nur glauben, dass in Ordnung ist, was man gerade macht.
[Consent Culture 101 für Dummies II: Fragen.]

Consent Culture erfordert Verantwortungsbewusstsein, ähnlich wie eine Moral der Fürsorge, aber mit dem Unterschied, dass die Fähigkeit, für sich allein zu entscheiden, nicht generell in Frage steht. Soll heißen: Consent Culture bezieht sich auf die Zustimmung, nicht darauf, ob damit eine gute oder schlechte Übereinkunft zustande kommt.

Ungewollte Schwangerschaft und Consent

Consent Culture ist nicht Zustimmung zu folgenlosem Sex.

Ungewollte Schwangerschaft ist mögliche Folge von Geschlechtsverkehr zwischen Menschen, die über entsprechende Reproduktionsorgane verfügen. Ungewollte Schwangerschaft ist nichts, das sich dem Konzept der Zustimmungskultur verschließen würde.

Eine gemeinsam produzierte ungewollte Schwangerschaft betrifft meinen Körper und ist *mein* „Problem“. Ein Sexpartner, der nicht mit LOLNOPE abzieht? Schön. Ein Sexpartner, der in meine Selbstbestimmung reinredet? LOLNOPE. Mein Körper, meine Entscheidung. Ich trete nicht die Selbstbestimmung über meinen Körper ab because i let someone put the p in the v.

Wenn ich ein Kind will und einen sorgenden Vater dazu, kläre ich das. Aber ich wähle nicht Sexpartner nach der Bereitschaft dazu aus, bei ungewollter Schwangerschaft ein gemeinsames Kind zu bekommen und einen Sorgezusammenhang zu gründen, wenn das für mich selber keine Option ist, die ich mir wünsche oder plane.

Gleiches gilt für STDs, Honeymoon-Zystitis, sonstige Infektionen: Kann man mit rechnen. Das ist nichts, was Consent Culture negieren würde.

Autodestruktive Promiskuität, Mono-Poly und Uninformed Consent

Consent Culture schließt nicht aus und leugnet nicht die Existenz von nicht konsensfähigen Menschen.

Leugnen wäre, zu sagen: Es gibt keine Menschen, die nicht zu Konsens fähig sind. Ausschließen wäre, zu sagen: Gibt es, aber für die ist in unserem Konzept kein Platz. (Oder Leerstelle lassen). Tatsächlich ist es so, dass selbst kantianisches Rausdefinieren aus der Gemeinschaft der Vernunftbegabten nicht zu einem Ausschluss aus dem Konzept der Consent Culture führt.

Autodestruktive Sexualität; Psychopathie

Moral der Fürsorge vollzieht genau den bemängelten Ausschluss, indem sie davon ausgeht, dass bestimmte Menschen Entscheidungen nicht oder nicht allein treffen können und die (Mit-/) Entscheidung des_der fürsorgenden Partner*in über die der nicht zum Konsens fähigen Person stellt.

Moral der Fürsorge schließt sogar mit deutlichen weiter reichenden Folgen aus als der Consent Culture (fälschlich) unterstellt: Weil sie erst mal *alle* als potenziell nicht zu ihrem eigenen Besten Handelnde (ab-)qualifiziert. Und allen abspricht, etwas anderes als das Beste für sich (was ist das?) wollen zu dürfen.

Maternalismus mag theoretisch eine wunderbare Idee sein, der Unterschied zu Paternalismus ist an der Stelle aber ein gradueller: Bevormundung vs. Bevormundung durch Die Guten™.

Das kann völlig unproblematisch sein, muss es aber nicht, insbesondere in dem Fall – der bei sexuellen Beziehungen die Regel sein dürfte – dass die andere Person nicht frei von Eigeninteressen handelt.

Ich glaube an keine interessenfreie pure Relationship oder soziale Beziehungen außerhalb des Einflusses von sozialem Kapital. Ich verstehe Bourdieu so, dass es das nicht geben kann.

Maternalistische Fürsorge als Alternative zu Consent Culture setzt ein eigennutzfreies wohlmeinendes Gegenüber voraus. Und das ist meines Erachtens utopisch. (Um nicht Nietzsche zu zitieren, demzufolge sich auch hinter scheinbar wohlmeinenden Motiven oft unbewußt niedere verbergen.)

Polys, die mit Monos schlafen; Uninformed Consent

Hier diskutiert @schizoanalyse „Uninformed Consent“ am Beispiel einer monogamen Person, die eine Beziehung mit einer polyamoren Person unter der Bedingung eingeht, von deren Poly-Aktivitäten nichts zu erfahren. Damit wird Consent Culture auf einen der ursprünglichen Intention nach ungeeigneten Fall angewendet.

Consent Culture befasst sich mit Zustimmung zu Sex, nicht mit Beziehungsfoo.

Uninformed Consent ist: Nicht ausreichend aufgeklärt sein, um eine informierte Entscheidung treffen zu können. Für eine informierte Entscheidung ist aber nicht jede Information relevant. Natürlich muss ich wissen, ob mein* Partner* Sex mit anderen hat, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Aber allein das Wissen, dass ein*e Partner*in poly ist / noch mit anderen Leuten Sex hat, reicht für eine informierte Entscheidung aus (re:sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung etc). Postprivacy oder tiefergehendes Interesse an Wissen bis in die hinterste Verknüpfung eines Poly-Zusammenhangs sind für informierten Consent aber nicht nötig.

Whiteness und kollektivistische Kulturen; (Weiße?) Kultur der Körperlosigkeit

Consent Culture ist keine Idee eines ausschließlich weißen Feminismus. Sie steht auch nicht im Widerspruch zu kollektivistischen Kulturen oder anderen sozialen Zusammenhängen, in denen Anfassen zur alltäglichen Kommunikation gehört.

Für mich erfordert körperliche Nähe Konsens, unverlangter Körperkontakt ist ein Eingriff in meine körperliche Autonomie. Dafür hat Feminismus jetzt … ich hab keine Ahnung wieviele Jahre gekämpft. Das macht mich zum Outsider in einer vermeintlich körperlosen Kultur.

Ich frame das natürlich anders als Menschen aus/in nicht-weißen kollektivistischen Zusammenhängen. Wie wahrscheinlich auch nicht-kollektivistische Leute of Color. White Supremacy sehe ich dafür nicht als Anlass. Auch nicht eine Supremacy der Nicht-Kollektivisten, denn Consent Culture ist gar nicht dazu gedacht, konsensuelles (!) Anfassen zu unterbinden, eine Kultur der Körperlosigkeit zu schaffen oder zu fördern. Auch bei kollektivistischen Kulturen dürfte es eine gemeinsame Ansicht darüber geben, welche Berührungen willkommen sind und welche nicht. Auch das wäre ein Konsens.

Außerdem: Individualismus und Kollektivismus sind keine Gegensätze, da auf unterschiedlichen Ebenen.

Fazit

Eine Care-Ethik – und nicht unbedingt die nach Carol Gilligan – mag unter bestimmten Umständen für sexuelle Beziehungen anders nicht zum Konsens Fähiger ein Ansatz sein, lässt sich aber sicher nicht auf jede sexuelle Interaktion anwenden.

Wieso ausgerechnet die am privilegierten Ende eines asymmetrischen Machtverhältnisses sitzende Person die bessere Entscheidung treffen sollte, erschließt sich mir nicht. Auch nicht, wieso sie das dürfen sollte.

Eine Moral der Fürsorge kann keine Alternative zu Consent Culture sein. „Sorge dich um Menschen, die du liebst“ als Schlusssatz und Essenz dieses Textes zeigt ganz deutlich die unterschiedlichen Zielsetzungen von Care-Ethik und Consent Culture. Sexuelle Interaktion erfordert keine Liebe. Eine Moral der Fürsorge ist nicht in der Lage, Consent Culture zu ersetzen, wo sie nicht denselben Zweck verfolgt: Die Codes der Rape Culture umzudrehen.

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Danke an @sokalist_n für Anregungen, Kritik und Lektorat.

There is no Alternative

tl;dr Entfällt aus Gründen.

The rights of the minority should never be subject to the whim of the majority. // Die Rechte der Minderheit sollten niemals Gegenstand der Laune der Mehrheit sein.

Nichtwähler sind Menschen, die ihre Chance auf demokratische Beteiligung in den Wind schießen. Leute, die sich erst nicht fürs Wählen interessieren, und hinterher über das Ergebnis beschweren.

Wie trotzige Kinder sind Nichtwähler. Die glauben, sie könnten mit Schmollen Erwachsene ärgern. Verantwortungslos. Und Schuld an nicht gewünschten Wahlergebnissen. Von Nichtwählern profitiert die NPD. Nichtwähler sollten auch nicht mitreden: Ihnen ist offenbar alles egal. Nicht Wählen ist Zustimmung! Wer Nichtwähler zu Wählern machen will, muss in die sozialen Brennpunkte gehen. Der Kollege, der nicht wählen darf, weil er kein deutscher Staatsbürger ist, regt sich tierisch auf über Nichtwähler. Wahlboykott ist Ignoranz. Nicht wählen geht gar nicht. Nichtwähler handeln demokratisch verantwortungslos. Nichtwähler wählen „weiter so!“ Nichtwähler haben eine Teilschuld am Untergang des Abendlandes. Wer keine Unterschiede zwischen den Parteien sieht, hat die Programme nicht gelesen und ist auch sonst nicht besonders aufmerksam.

Wer es bis hierhin nicht gemerkt hat: Das waren gerade alles Zitate.

Das letztere:

„Und wer keine Unterschiede zwischen den Parteien sieht, hat halt die Programme nicht gelesen und ist auch sonst nicht besonders aufmerksam“

… stammt z.B. aus der Wahlempfehlung von Anatol Stefanowitsch.

Ich bin auch nach acht mal lesen nicht sicher, ob ich die Ironie übersehe oder das ernst gemeint sein soll.

There is no Alternative zum neoliberalen Kapitalismus. Wer etwas anderes will, findet für sich keine Alternative auf dem Wahlzettel. Die wichtigsten Forderungen der NPD sind von SPD/CDU längst umgesetzt. Es gibt keine „Asylflut“ zu stoppen. Die gab es bereits in den 1990ern nicht, zur Zeit der rassistischen Ausschreitungen u.a. in Lichtenhagen und vor dem „Asylkompromiss„. „Das Boot ist voll“ und „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ waren Parolen der Kohl-Regierung. Die Parteien der demokratischen Mitte verschenken das rassistische Potenzial des Stammtischs nicht an rechtsaußen.

Es macht in diesem Sinne keinen Unterschied, wen man wählt.

Was ist der Zweck des Wahl Habens? Bestellung von Herrschaft. Mehr nicht. (Lesen, ernsthaft!)

Demokratie ist für mich die Wahl zwischen [x] Will ich nicht [x] Muss nicht sein und [x] Oh no, not again.

Demokratie ist, wenn die Mehrheit alles bestimmt. Das finde ich immer wieder erschreckend. Dass die eigentliche Idee, nämlich des Schutzes von Minderheiten, des Rechts, anders zu sein als die Mehrheit, dass das keinerlei Rolle spielt in den ganzen Debatten. — @plobhh (Der Computer kann alles – August 2013: NSA, kochende Volksseele, Netzpolitik im Wahlkampf)

Wir™ sind die Guten, und wenn wir erstmal die Mehrheit haben, dann wird alles gut. Das heißt, wir können das eigene Verständnis vom Schönen und Guten den Anderen aufdrücken. Anders machen inklusive (pun intended).

Othering und Beherrschbarmachung um von oben herab mit Nettigkeiten zu beglücken, ist nicht open minded, das ist White Man’s Burden die x-te.

Ich will nicht, dass grundlegende Dinge zur demokratischen Disposition stehen. Ich versteh nicht die Rufe nach mehr Demokratie. Ich will nicht mehr von etwas, das sowieso schon scheiße ist. Mehrheitsherrschaft will ich nicht. Die Borg sind die perfekte Demokratie.

Ich will, dass wir uns auf Dinge einigen. Zu akzeptablen Ergebnissen kommen. Und ich weiß, das ist zutiefst undemokratisch.

Wofür meine Stimme ins Gewicht fällt, kann ich in der Demokratie nicht bestimmen oder vorhersehen. Ich kann nur in vier Jahren anders wählen, wenn’s mir nicht gefallen hat.

Wie schlüssig ist Nichtwähler*innen-Verteufelung mit „Das nützt doch nur der $Pfui“?

Gar nicht. „Wer nicht wählt, wählt X“ stimmt einfach nicht. Vom Nichtwählen „profitieren“ rechnerisch alle Parteien proportional zu ihrem Stimmenanteil, d.h. die großen Parteien etwas mehr als die kleinen.

Nichtwählen und ungültig machen haben denselben Einfluss auf das Wahlergebnis: Keinen. Die Ergebnisse / erreichten Prozentanteile berechnen sich nur nach den abgegebenen gültigen Stimmen. Bei niedrigerer Wahlbeteiligung sind Mandate mit weniger Stimmen zu haben, die Fünf-Prozent-Hürde einfacher zu erreichen. Wer ungültig wählt „verteuert“ die Anteile.

Der Unterschied zwischen Nichtwählen und Ungültigmachen liegt im Einfluss auf die Statistik:

[…] Häufig wird die Wahlbeteiligung als Gradmesser für die Zufriedenheit der Bürger mit dem politischen System angesehen. Die Wahlbeteiligung setzt sich aber aus den gültigen und ungültigen Stimmen zusammen. Wer nicht zu einer höheren Wahlbeteiligung beitragen will, sollte also zu Hause bleiben. (Wahlrecht.de)

Wofür entscheidet sich das im Neoliberalismus feststeckende Subjekt auf der Suche nach Alternativen jetzt?

Im Zweifel für Mühsam:

Ob und wen alle diejenigen wählen, die im Prinzip mit der geltenden Staatsordnung einverstanden sind, scheint mir sehr wenig belangvoll. Jedes Parlament, ob seine Mehrheit links oder rechts vom Präsidenten sitzt, ist seiner Natur nach konservativ. Denn es muß den bestehenden Staat wollen – oder abtreten. Es kann nichts beschließen, was den Bestand der heutigen Gesellschaft gefährdet, also auch nichts, was denen, die unter der geltenden Ordnung leiden, nützt. Die Entscheidung für diesen oder für jenen Kandidaten ist nicht die Frage des Stichwahltages. Die Frage heißt: Soll ich überhaupt wählen oder tue ich besser, zu Hause zu bleiben? Überlege jeder, daß er mit jedem Schritte, den er zum Wahllokal lenkt, sich öffentlich zur Erhaltung des kapitalistischen Staatssystems bekennt. Frage er sich vorher, ob er das tun will. Wer aber denen glaubt, die vorgeben, durch Ansammlung von möglichst vielen Stimmen, mögen sie gehören, wem sie wollen, die Fähigkeit zu erlangen, in parlamentarischer Diskussion sozialistische Ansprüche zu ertrotzen, dem sei erklärt: solche Behauptung ist blanker Schwindel. — Erich Mühsam (Der Humbug der Wahlen. Aus „Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit“, Jg.1, Heft 10, Januar 1912 via Kaffeehausdilettant*n Sendung vom 28.08.2013)

Ich will das Ende vom Ende der Geschichte. Und das gibt’s nicht auf dem Wahlzettel.

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Abspann:

Zeit: Wahlboykott ist Ignoranz
Zeit: Nicht wählen geht gar nicht
Tagesspiegel: Nichtwähler handeln demokratisch verantwortungslos

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Danke an @sokalist_n, @TheGurkenkaiser, @yetzt und für Anregungen, Kritik und Lektorat.

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Kommentare sind [X] Aus

Romantische Hachscheiße

[Edited to add 12/2017 Diesen Text würde ich heute so nicht mehr schreiben]

~

von @sanczny, @sokalist_n und @yetzt

tl;dr Beziehungsformen mit ≥0 Partner*innen funktionieren einfach nicht. —Die Kulturelle Praxis

Kuscheln, küssen, Sex, und dass jemandem nicht völlig egal ist, wenn man nicht da ist. Die Erkenntnis, das von einer einzigen Person zu wollen, ist vielleicht nicht der gelungenste Einstieg in einen Text über heteronormkritische Beziehungskonzepte.

Wer fühlt was für wen? Wer kann das aussprechen, ausleben, und wie? Wer impliziert ins Leere oder sagt gar nichts? Wer kann Aufmerksamkeit einfordern? Wer ist nicht in der Position dazu? Wer schmerzt vor sich hin? Wer kriegt Unterstützung und wer nicht? Wer findet eine_n, zwei, x Partner_in/nen und wer ist zu „kompliziert“. Wer kann im Weg stehen und knutschen? Wem stehen knutschende Pärchen im Weg? Wer fühlt sich angegriffen, wenn das kritisiert wird und warum? Wer kriegt die schlechten Witze ab, die Buh-Rufe, Beschimpfungen, oder Hinweise auf „Issues“? Was hat das alles mit Politik zu tun? Was mit Klasse und anderen Situiertheiten? Was damit, ob man Mann, Frau oder Variation ist und ob und wen man begehrt oder nicht?

@yetzt hat in seinem Beitrag keiner drei – beziehungsweise machtwirklichkeit in groben Zügen aufgeschrieben, worum es geht. In die Lücken gehören x-tausend Seiten Theorie. Viele haben nicht die Zeit, das alles zu lesen, andere nehmen sie sich nicht, und machen stattdessen Witze über Probleme, die nicht ihre eigenen sind.

Was sind das für Probleme?

Das hat [cc by] @plastikstuhl in der folgenden Zeichnung (via Blog Gendercamp: Heteroperformance in der Öffentlichkeit: Solidarität, RZB und Raumeinnahmen) zusammengefasst:

heteroperformance_plastikstuhl

Hetero- und Paarnormativität reglementieren hin zu Hetero- und Paarbeziehungen und privilegieren diese. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, befindet sich außerhalb der Norm und schaut dann wie im obigen Bild etwas unglücklich in die Gesellschaft.

In Beziehungen, auf Beziehungen und aus Beziehungen heraus herrschen Machtverhältnisse. Machtverhältnisse, die man zu einem guten Teil nicht wahrhaben will, wenn man jemanden liebt. Been there, done that. Viele mögen nicht, wenn man in ihrem „Wichtig ist doch nur, dass man sich liebt“-Narrativ die politische Dimension aufzeigt. Liebesbeziehung als Rückzugsort von der Gesamtscheiße kritisch zu beleuchten, passt den meisten nicht ins Konzept. Dass nicht kritisch beleuchtet wird, gehört zum Konzept der Romantischen Zweierbeziehung (RZB) als systemtragender Scheiße™. Politik aus dem Privaten heraushalten zu wollen, macht das Private nicht weniger politisch. Man guckt halt nur nicht hin.

Diese Machtverhältnisse müssen bewusst gemacht und reflektiert werden. Reflektiert – ja, das nervt – was man selbst beiträgt. Wie man dominiert und dominiert wird, sich dominieren lässt. Und ob das alles sich so richtig anfühlt und wenn ja, warum.

Die Herausforderung der romantischen Zweierbeziehung muss am Punkt Romantik anfangen und nicht (erst) bei „Hetero-“ oder „Zweier-„. Romantik als Liebeskonstrukt muss in Frage gestellt werden.

Was ist gemeint mit Romantik als Liebeskonstrukt?

Romantik ist in diesem Zusammenhang nicht der Teil mit der Zuneigung in einer Liebesbeziehung, sondern der kulturelle Code der romantischen Liebe.

Diskursives Wissen ist Produkt von Artikulation durch Sprache. Der kulturelle Code ist die Vorstellung vom Inhalt einer Botschaft. Kodierung und Dekodierung von Botschaften erfolgen mit bestimmtem Vorwissen, Bias, Ideologie. Der Grad des Verständnisses hängt vom Grad der Symmetrie/Asymmetrie zwischen Sender/Kodierendem und Empfänger/Dekodierendem ab. Das Empfangen einer Nachricht ist kein passiver Vorgang, ihre Bedeutung nie völlig vom Sender determiniert (Stuart Hall).

Pulli bedeutet „hält warm“. Romantische Liebe bedeutet nach dominant hegemonialem Verständnis Zuneigung, Zärtlichkeit, Sex, Verbindlichkeit, Loyalität, Zweisamkeit, Treue, Wollen, Schwärmen, Hingabe, Schmetterlinge, … you get the idea.

Die romantische Zweierbeziehung ist gerade mal 300 Jahre alt, dennoch ist ihr kultureller Code so weit naturalisiert, dass sie nicht mehr als konstruiert sondern völlig natürlich, vorbestimmt und unverrückbar, normal erscheint.

Liebe („nur“ Liebe) hatte ursprünglich eine etwas andere Bedeutung, u.a. daran erkennbar, was wir noch heute unter engl. „make love“ („Liebe machen“) verstehen [geguttenbergt aus Karl Lenz: Soziologie der Zweierbeziehung].

Die romantische Liebe ist gekennzeichnet durch:

  1. Die Einheit von Liebe und Sex
  2. Die Einheit von Liebe und Ehe
  3. Die Einheit von Ehe und Elternschaft
  4. Den Ewigkeitsanspruch an die Liebe: Ewige Treue
  5. Den Individualitätsanspruch: Die romantische Liebe ist auf ein einzigartiges Individuum ausgerichtet. Man liebt nicht Frauen_Männer, sondern eine bestimmte Person. Dieser Individualitätsanspruch stellt die Treue sicher und macht Eifersucht explizit überflüssig. Die geliebte Person ist einzigartig, daher konkurrenzlos.
  6. Die Wertschätzung des Individuums (s.o.): Die romantische Liebe ist die einzige Form von Liebe die Menschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennt.
  7. Erst erwiderte Liebe ist richtige Liebe. Hier wird mit der früheren Hierarchie der Geschlechter gebrochen: Frau wird erstmals zu einem autonomen Gefühlssubjekt. Ihre Gefühle sind wichtig. Und sie hat das Recht, Nein zu sagen.

So richtig durchgesetzt hat sich das Ideal der romantischen Liebe und der Liebesheirat erst im 20. Jahrhundert. Zuvor waren Ehen eher von ökonomischem Pragmatismus geprägt. Liebe war keine Voraussetzung für die Ehe. Und Liebe meinte, siehe oben, etwas anderes. Die unbezahlte (meist) weibliche Reproduktionsarbeit in der RZB passt wie zufällig perfekt in die kapitalistische Verwertungslogik. Und wie schon Simone de Beauvoir erklärte, macht der Gedanke, aus Liebe Töpfe zu schrubben, die Sache irgendwie angenehmer. Der Erfolg der Romantischen Zweierbeziehung und dass sie vom – zunächst bürgerlichen – Ideal zur Norm wurde, ist also kein Zufall. Obwohl bürgerliche Gesellschaft und Kapitalismus nicht immer komplett zusammenfallen, wirken sie sehr eng verzahnt zusammen.

So schön das Ideal der RZB auf den ersten Blick erscheint, und so emanzipativ sie gemeint war, so unrealistisch ist sie: Statt ewiger Treue gibt’s Fremdgehen, offene Beziehung und Inanspruchnahme von Sexarbeit als feste, tabuisierte, unvereinbarte aber faktisch immanente, Bestandteile von RZBs, die anders nicht halten würden. Weil man eben doch nicht die eine oder nur die eine Person liebt, die Person den Ansprüchen nicht genügt, oder oder oder. Leute haben Sex miteinander, um Streit zu vermeiden, einen verbindet ja sonst so viel.

Unromantisch, nicht aromantisch

Laut Duden bedeutet romantisch „gefühlsbetont, schwärmerisch; die Wirklichkeit idealisierend“ und unromantisch „nicht romantisch; nüchtern“.

Unter dem einen unromantisch verstehen wir hier, keine Freund_innen der Romantik zu sein – nach dem Romantikbegriff, wie er zunächst gemeint war. In der Bedeutung des R in RZB. Etwas anderes ist aromantisch. Das ist das Zuneigungsäquivalent zu asexuell.

Angenommen – wirklich nur angenommen, weil rückwärts aus der Norm hergeleitet – Verliebtsein/Liebe und sexuelles Begehren wären zwei Komponenten einer Liebesbeziehung, ist bei Aromantischen der Verliebtsein/Liebe-Teil nicht vorhanden und bei Asexuellen der Sex.

Großes Aber: Diese „Abwesenheit von“ ist nur laut Norm ein Fehlen. Die Norm interessiert uns aber außer zu „Forschungszwecken“ hier nicht. Soll heißen: „Abwesenheit von“ Liebe bzw. Sex erkennen wir nicht als Mangel an, sondern sehen das als Variationen von Hirn-, Herz-, Genitalbeteiligung. Was wir hier ungern aber lapidar „fehlen“ nennen, ist nur im Rahmen dieses idealisierten hochromantisierten Beziehungskonzeptes der romantischen Zweierbeziehung ein Fehlen. Es gibt Begehrensformen ohne Liebe und Zuneigungsformen ohne Sex, und das alles auch in Partnerschaften. Und das alles entspricht nicht der Norm, darum geht es hier.

Romantik zu hinterfragen oder abzulehnen meint also nicht dasselbe wie aromantisch zu sein.

Das andere unromantisch

Was wir auch nicht meinen, wenn wir sagen, wir mögen Romantik nicht, ist, dass wir nicht gerne Serien schauend in die Kuscheldecke pupsen, im Regen küssen, und an Bahnsteigen stehen und heulen. Okay, letzteres mögen wir wirklich nicht. Aber das ist trotzdem romantisch. Das andere romantisch.

Wie geht jetzt diese Normkritik?

Wissen wir auch nicht so genau. Das sollte jede*r für sich herausfinden; am besten im gemeinsamen lernen.

Beziehung ja oder auch nein, aber nicht unbedingt RZB, und wenn überhaupt dann trotzdem. Kritisch, und zwar zuallererst bei uns selbst. Im Privaten, welches ja bekanntlich politisch ist. Nicht einfach vermeiden, öffentlich Beziehung zu performen, und wenn keiner guckt die heterosexuellste Person im Universum sein. Nicht einfach so tun, als hätte man keine Beziehung. Nicht dauernd allen die Zweisamkeit ins Gesicht performen. Es ist wirklich nicht nötig, Purzelchen elf Mal am Tag als taken zu markieren.

Zweisamkeit, das Zusammenwirken Zweier, ist als normatives Narrativ positiv konnotiert, im Gegensatz zur Einsamkeit, die sich im Gefüge der romantischen Norm nicht vom Vorhandensein einer, sondern durch die Abwesenheit einer zweiten Person definiert.

Alleinstehende Menschen werden dadurch defizit_isiert, dass sie nicht der Zweierbeziehungsnorm entsprechen, auch durch die Performance von Schnucki und Purzelchen.

Auch mal lesen, was Simone de Beauvoir vor über sechzig Jahren geschrieben hat. Und merken, warum „Ficken statt Herrschaft“ ein Widerspruch in sich sein könnte. Nicht jedes Mal das Rad neu erfinden wollen, erst mal gucken, wie weit andere schon waren. Lesen, was Butler uns über die heterosexuelle Hegemonie beizubringen hat und Bourdieu über die Reproduktion der männlichen Herrschaft. Eingestehen, dass man da mitmacht, Krone richten, besser machen. Merken, dass bei „we cannot fuck our way to freedom“ der naheliegende Umkehrschluss das Gegenteil von richtig ist. Sich klarmachen, wer spricht und wer gehört wird.

Romantik als normatives Ideal ist ein Aspekt herrschaftsförmiger Wirkung von Beziehungen. Diese Norm gilt es auch in eigenen Beziehungen zu hinterfragen und ihre Wirkmächtigkeit mit dem eigenen Handeln zu durchbrechen. Gerade wenn die eigenen Beziehungsvorstellungen dem normativen Idealbild der Romantik entsprechen, ist ein Bewusstsein für die Diversität von Beziehungsentwürfen sowie die Dominanz der eigenen Vorstellung von Beziehung und ein antinormativer Umgang damit unabdingbar.

Es geht um mehr, als nur eine ‚Spaltpilzlösung‘, mit ein paar (no puns intended) Gleichgesinnten „andere“ Beziehungsformen zu entwickeln; dies geschieht ständig und das ist auch gut so. Auch geht es nicht (’nur‘) darum, daß diese Beziehungsformen keinesfalls das ‚andere‘ (Geanderte) der Hetero-Sexuellen-RZB sein sollten. Nicht einmal darum, daß (dauerhaft) kein Sex aus der Zone der Unbewohnbarkeit geholt werden und als Option denkbar werden sollte (aktuelles Beispiel: https://twitter.com/Wolfseule/status/356156870131585024 ). Es geht darum, daß eine Beziehungsform zur (häufig impliziten) Norm gesetzt wird und sie damit sowohl Druck-, als auch Sogwirkung entfaltet, diesem Standardentwurf möglichst nahe zu kommen. Dies läßt sich nicht durch ein paar Erweiterungen dieser Norm beheben.

Gleichwohl auch wir – ebensowenig wie tote Franzosen und lebende US-Amerikanerinnen – keine fertigen Entwürfe anbieten können oder sollten: Wir brauchen ein neues Verständnis von Sexualität und wir brauchen einen anderen Möglichkeitsraum zur Gestaltung unserer Beziehungsweisen, als uns die gegenwärtigen ‚Defaults‘ nahelegen.

Deshalb: Romantik verbieten!

Vergewaltigungsmythen: Das ist keine Einladung zu vergewaltigen

[Triggerwarnung]

tl;dr Gekürzte Übersetzung der Kampagne „This is not an Invitation to rape me“ der Lothian and Borders Police in Zusammenarbeit mit dem Edinburgh Women’s Rape and Sexual Abuse Centre und Rape Crisis Scotland.

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Über die Kampagne

In Schottland führen derzeit nur 2,9% der von der Polizei erfassten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung, und die Erniedrigung, die weibliche Anzeigenerstatter vor Gericht erleben, ist gut dokumentiert.

Trotz der jüngsten Bemühungen, Frauen, die vergewaltigt wurden, zu Gerechtigkeit zu verhelfen, spielen weiterhin gesellschaftliche Einstellungen eine wichtige Rolle, diese Gerechtigkeit zu beschränken.

Mehrere Untersuchungen (darunter eine des schottischen Crown Office) und andere Forschung, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, zeigten konsequent eine Reihe erschreckender durch Vorurteile geprägter Einstellungen der Öffentlichkeit, die Frauen die Schuld für ihre Viktimisierung geben und eine bereits traumatische Erfahrung verschlimmern, indem sie den Übergriff ganz oder teilweise einem Aspekt ihres Benehmens oder Verhaltens zuschreiben.

Dies gilt insbesondere bei Frauen, die, bevor sie vergewaltigt wurden, getrunken hatten, die sich „provokativ“ kleideten, oder die sich vor dem Übergriff an einem gewissen Level von Intimität beteiligt hatten. Frauen, die Vergewaltigung in einer Ehe oder Partnerschaft durchmachen, sind ebenfalls schwer benachteiligt von Einstellungen der Öffentlichkeit, in der oft die Ansicht vorherrscht, dass sie beim Eingehen von Ehe oder Beziehung ihr Recht aufgegeben hätten, die Zustimmung zu Sex zu verweigern.

Der Mythos besteht weiter, dass nur Vergewaltigung durch einen Fremden als „richtige Vergewaltigung“ zählt, trotz der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Angriffe von jemandem durchgeführt wird, der dem Opfer bekannt ist (oft ihrem Ehemann oder Partner), und sie genauso schädigend sind.

Mit This Is Not An Invitation To Rape Me will Rape Crisis Scotland diese Einstellungen konfrontieren und lädt Mitglieder der Öffentlichkeit ein, mitzuhelfen, den Schuldzuweisungen an Frauen für Vergewaltigungen ein Ende zu setzen.

Frauen laden NIE dazu ein, vergewaltigt zu werden, egal in was für einer Beziehung sie sind, welche Entscheidungen sie getroffen haben über Kleidung, Alkohol, oder an wieviel Intimität sie sich schon mit ihrem Angreifer beteiligt haben. Wir müssen die Schuldzuweisungen und Verachtung, mit denen wir Frauen begegnen, die vergewaltigt wurden, ersetzen durch Unterstützung und Gerechtigkeit. Und wir müssen die Verantwortung dahin verweisen, wo sie wirklich hingehört: Zu den Vergewaltigern.

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Kleidung | Intimität | Alkohol | Beziehungen

 rape_crisis_dress

Kleidung

Die Kleidung einer Frau wird während Vergewaltigungsprozessen oft dazu genutzt, ihre Reputation zu diskreditierten und anzudeuten, sie sei die „Art von Frau“, bei der es unwahrscheinlich sei, dass sie Zustimmung zu Sex verweigert.

„Ich fühle mich in diesem Outfit großartig – das Top sieht so viel besser aus ohne BH.“ „Ich sehe eine spärlich bekleidete Frau, die geradezu darum bittet.“ „Ihre Kleidung überlässt nichts der Vorstellungskraft. Sie fordert Ärger meiner Meinung nach heraus.“ „Ich weiß, dass ich eine gute Figur habe und und kleide mich gerne sexy. Das gibt keinem Mann das Recht zu einem sexuellen Übergriff.“

Der Mythos

Die Art und Weise, wie sich Frauen kleiden, wird routinemäßig als Anstiftung zur Vergewaltigung angeführt. Verweise auf durchsichtige und eng anliegende Stoffe, tief sitzende Jeans und weit ausgeschnittene oder bauchfreie Tops, kurze Röcke und großzügig aufgelegtes Make-up sind in Vergewaltigungsprozessen üblich. Frauen werden häufig auf der Grundlage der Art und Weise, wie sie sich präsentieren, beurteilt. Als ob die Anwesenheit eines BHs oder eine unauffälligere Lippenstiftfarbe den entscheidenden Unterschied gemacht hätten zwischen einem ereignislosen Anlass und einem, bei dem ein sexueller Übergriff stattfand. Die Annahme, dass solche Entscheidungen zu Vergewaltigungen führen – dass Kleidung für Frauen, die Nein sagen, sprechen kann – ist lächerlich und extrem schädlich. Obwohl sie in diesem Fall die Anzeigenerstatterin ist, was bedeutet, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach vergewaltigt wurde, ist es die Frau und nicht der mutmaßliche Angreifer, die der öffentlichen Beurteilung unterzogen wird. Zu prüfen, wie eine Frau zur Zeit eines Übergriffs angezogen war, ist eine von vielen Arten, wie verbreitete Mythen und Vorurteile genutzt werden, um ihren Ruf und ihre Glaubwürdigkeit im Interesse der Verteidigung zu schädigen. Obwohl das Verhalten und die Absichten des Beschuldigten von weit höherem Interesse sind als jede Kleidung, bezieht dieser nur selten Stellung oder muss für seine Entscheidungen oder sein Verhalten Rechenschaft ablegen.

Die Fakten

Ein Fünftel eines breiten Querschnitts der schottischen Bevölkerung (700 Befragte), die im August 2007 an einer Umfrage im Auftrag von Rape Crisis Schottland teilgenommen haben, glaubte, dass Frauen dazu beitragen, vergewaltigt zu werden, wenn sie freizügige Kleidung tragen. Das stand komplett im Einklang mit anderen Forschungsergebnissen: Im Jahr 2005 von Amnesty International durchgeführte Umfragen ergaben, dass 27% der Befragten glaubten, dass eine Frau ganz oder teilweise verantwortlich ist, wenn sie „sexy oder freizügige“ Kleidung trägt. Eine Befragung von 986 Schotten durch TNS System Three im Februar 2008 für die Schottische Regierung hat ergeben, dass 27% dachten, dass eine Frau eine gewisse Verantwortung hat, wenn sie freizügige Kleidung trägt.

Der Effekt

Es gibt unzählige Beispiele und verschiedene Erscheinungsformen, in denen Kleidung in diesem Kontext gegen Frauen verwendet wird, die sich um Strafverfolgung von Vergewaltigung bemühen. Sue Lees beschreibt die eigentliche Funktion der Thematisierung von Kleidung in Vergewaltigungsprozessen: Die Art, wie sie verwendet wird, den Fokus weg zu bewegen von den Handlungen des Angreifers zu Charakter und Ruf der Anzeigenerstatterin: „In Vergewaltigungsprozessen tauchen exakt dieselben Kriterien zur Beurteilung des Rufs einer Frau wieder und wieder auf. Die junge Frau, die sich ganz normal in heutiger Mode kleidet, wird deswegen vor Gericht gestellt. Der Zweck einer solchen Verzerrung besteht darin, Geschworenen den Eindruck zu vermitteln, dass die Frau provozierend war und somit verantwortlich für den Übergriff ist. Die Identifikation von Frauen als „Beute“, verantwortlich dafür, angegriffen zu werden auf der Basis, wie sie sich kleiden, oder als Resultat aller möglichen Arten völlig normalen Verhaltens, spiegelt die untergeordnete Stellung von Frauen in der Gesellschaft insgesamt wider. Die Frauenfeindlichkeit hinter solchen Darstellungen ist für die meisten Geschworenen nicht offensichtlich, und sie werden somit als Selbstverständlichkeiten angenommen. [Sue Lees in Carnal knowledge: Rape on Trial; London, The Women’s Press, überarbeitete Auflage, 2002]

Kleidung verwendet gegen Frauen, die um Strafverfolgung für Vergewaltigung ersucht haben

Beispiele, die dies belegen, gibt es fast täglich, in Schottland wie überall: Im März 2008, erklärte bei einer Verhandlung gegen einen 24jährigen Mann, der wegen sexueller Nötigung eines 15jährigen Mädchens verurteilt wurde, dessen Verteidiger dem Gericht: „Ich glaube nicht, dass es fair ist zu sagen, dies war eine sehr verletzbare Person. Es lag nahe, dass das Mädchen zuvor bereits sexuell aktiv war. Die Anzeigenerstatterin trug Shorts, schwarze Stiefel und ein weißes Top. Sie versuchte, sich älter zu kleiden als sie war. Sie benahm sich, als ob sie über 16 war.“ T. wurde zu drei Jahren auf Bewährung und gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Die Unterstellung war klar: Obwohl sie ein Kind war, sagte die Kleidung der Anzeigenerstatterin genug darüber aus, was für eine Art von Mädchen sie war – um die Annahme zu erlauben, dass sie ihr Recht, vor einem sexuellen Übergriff geschützt zu sein oder Strafverfolgung dafür erwarten zu können, verwirkt habe.

Urteile über Kleidung während eines Vergewaltigungsprozesses

Lindsay Armstrong wurde in Ayrshire im September 2001 vergewaltigt. Bei der Verhandlung ihres Angreifers wurde Lindsay gebeten, die Hose, die sie zum Zeitpunkt des Angriffs getragen hatte, hoch zu halten. Obwohl dies der Verteidigung angeblich dazu diente, nachzuweisen, dass die Hose nicht beschädigt worden war, wurde Lindsay gebeten, dem Gericht zu sagen, was auf der Hose geschrieben stand: Die Worte „Kleiner Teufel“. Lindsay diese öffentliche Demütigung durchmachen zu lassen diente keinem anderen Zweck, als die Verteidigung ihren Ruf beschmutzen zu lassen – es erlaubte dieser, nahe zu legen, dass die Hose und das Motto, das sie trug genug waren, um zu demonstrieren, dass Lindsay die „Art von Mädchen“ war, bei der es unwahrscheinlich ist, dass sie die Zustimmung zu Sex verweigern würde und demnach unwahrscheinlich, dass sie vergewaltigt worden war. Obwohl die Person, die sie vergewaltigt hatte, verurteilt wurde, hat sich Lindsay Armstrong drei Wochen später umgebracht.

Was Sie tun können

Stellen Sie Annahmen über Frauen und Kleidung in Frage, und Frauen beschuldigende Einstellungen, die um ihr Aussehen kreisen. Hören Sie auf, im Sinne von „respektablen“ Frauen und solchen, die „danach fragen“ zu denken – keine Frau will oder verdient, vergewaltigt zu werden, und jede Frau, die angegriffen wird, hat Anspruch auf Gerechtigkeit ohne Demütigung oder Zerstörung ihrer Privatsphäre oder Würde. Versuchen Sie nicht, über die Bedeutung der Kleidung oder des Benehmens einer Frau zu spekulieren – Frauen sind berechtigt, bei der Auswahl, was sie tragen, Entscheidungen, wie auch immer sie mögen, zu treffen – genau wie Männer frei entscheiden, ob sie eine Vergewaltigung begehen oder nicht. Wenden Sie nicht ihre Werte und Codes auf andere an – Sie können die Art, wie eine Frau entschließt, sich zu präsentieren, nicht ratsam oder sogar inakzeptabel finden, aber sie haben kein Recht, sie als weniger Achtung verdienend zu verurteilen.

Stellen Sie sich ein paar Fragen:

  • Was sagt die Annahme, dass Kleidung zu Vergewaltigung beitragen kann, über Männer?
  • Dass sie so völlig unfähig sind, ihr sexuelles Verhalten zu steuern, dass es gut möglich ist, dass sie jederzeit einen sexuellen Angriff starten, wenn sie ausreichend provoziert werden? Ist das, wie Männer sich selbst sehen wollen?
  • Was sind die wirklichen Gründe, Fragen rund um Kleidung und Aussehen in Zusammenhang mit Vergewaltigungsprozessen aufzuwerfen, und Frauen die Tortur, die Lindsay Armstrong (und viele Frauen wie sie) erlitten haben, durchmachen zu lassen?
  • Wie kann jemand den Standpunkt vertreten, dass einige Frauen weniger Achtung und Schutz verdienen als andere?
  • Dass, weil es so leicht ist, gängige Vorurteile auszunutzen, indem man andeutet, dass es einigen Frauen (und, wie wir gesehen haben, Kindern) an Sittsamkeit fehlt, sie schlechten Geschmack oder schlechtes Urteilsvermögen zeigen, oder absichtlich provokativ waren, sie für Vergewaltigung verantwortlich gemacht werden können, und ihren Anspruch auf Gerechtigkeit und ein faires Verfahren verwirkt haben?

Kleidung | Intimität | Alkohol | Beziehungen

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Intimität

Die Schuld, die Frauen so oft zugeschoben wird, ist nirgendwo hartnäckiger als in Situationen, in denen es vorher ein gewisses Maß an sozialem Kontakt oder Intimität zwischer der Frau und ihrem Angreifer gab.

„Nur weil wir uns geküsst und berührt haben, bedeutet das nicht, dass ich Sex zugestimmt habe.“ „Es wird offensichtlich sehr intim und manche Männer können einfach nicht aufhören, nachdem ein bestimmter Punkt erreicht ist.“ „Ihr sexuelles Verhalten ihm gegenüber bedeutet, dass er berechtigt ist, zu denken, dass er mit ihr Sex haben kann, egal ob sie zustimmt oder nicht.“ „Es gibt nie einen Punkt, an dem ein Mann erwarten kann, Sex zu haben. ‚Nein‘ bedeutet ‚Nein‘!“

Der Mythos

Die Schuld, die Frauen so oft zugeschoben wird, ist nirgendwo hartnäckiger als in Situationen, in denen es vorher ein gewisses Maß an sozialem Kontakt oder Intimität zwischen der Frau und ihrem Angreifer gab. Wenn sie eine Verabredung mit ihm hatte, ihn angelächelt hat, mit ihm geflirtet, getanzt, gelacht, ihn geküsst hat und ein gewisses Level Intimität mit ihm hatte, und anschließend von ihm vergewaltigt wird, wird sehr oft die Ansicht vertreten, dass sie naiv war, es hätte besser wissen, „erwarten“ oder „kommen sehen“ müssen. Oft wird sie in solchen Situationen als „eine, die anmacht und dann abblitzen lässt“ beschimpft, die „ihm etwas vorgemacht hat“ und darum zu einem gewissen Grad verantwortlich und mitschuldig ist an dem, was ihr passiert ist. Tatsache bleibt jedoch, dass ein Kuss kein Vertrag ist, und dass eine Frau das Recht hat, zu jeder Zeit nein zu sagen, unabhängig davon, was vorher war – bis zum und sogar während des Geschlechtsverkehrs. Das Recht auf sexuelle Autonomie, auf die wir alle Anspruch haben, bedeutet die vollständige Kontrolle darüber, was wir mit unserem Körper tun, mit wem, wann – und wie lange. Es ist nichts „unvermeidlich“ an Vergewaltigung.

Die Fakten

Fast ein Viertel (23%) eines breiten Querschnitts der schottischen Bevölkerung (700 Befragte), die im August 2007 an einer Umfrage von Progressive im Auftrag von Rape Crisis Schottland teilgenommen haben, glaubte, dass Frauen zu Vergewaltigung beitragen, wenn sie sich an irgendeiner Form von sexueller Aktivität beteiligt haben. Das korrespondierte stark mit anderen Forschungsergebnissen: Im Jahr 2005 von Amnesty International durchgeführte Umfragen ergaben, dass über ein Drittel der Befragten glaubte, dass eine Frau ganz oder teilweise verantwortlich ist, wenn sie mit jemandem geflirtet hat. Eine Befragung von 986 Schotten, durchgeführt von TNS System Three für die schottische Regierung im Februar 2008 hat ergeben, dass, wenn eine Frau geflirtet hat bevor sie sexuell angegriffen wurde, 25% der Erwachsenen unter 24 Jahren glauben, sie habe zumindest teilweise Verantwortung. In der Altersgruppe 65 Jahre und älter stieg diese Auffassung auf 50%. Von Zero Tolerance im Jahr 1998 durchgeführte Forschung hat ergeben, dass 1 von 2 Jungen und 1 von 3 Mädchen glaubten, dass es unter bestimmen Umständen akzeptabel wäre, wenn ein Mann eine Frau zum Sex zwingt.

Der Effekt

Die Prävalenz dieses Mythos hat zu vielen falschen und schädlichen Annahmen geführt:

  • Dass Beteiligung an irgendeiner Form von Intimität eine Art „grünes Licht“ für Geschlechtsverkehr gibt
  • Dass der Sexualtrieb bei Männern eine Art unaufhaltsame Kraft ist, über die sie keine Kontrolle haben
  • Dass von einer Frau erwartet werden kann oder sie verpflichtet ist, es „zu Ende zu bringen“, wenn sie irgendeinen Grad von Interesse an einem Mann gezeigt hat oder intim mit ihm war
  • Dass Männer wegen Vergewaltigung entschuldigt werden können auf der Grundlage, dass sie „Signale falsch interpretiert“ haben
  • Dass Frauen nein sagen, aber ja meinen.

Der weit verbreitete Glaube an diese Ideen ermöglicht Vergewaltigern, ungestraft zu handeln, wohl wissend, dass für ihre Angriffe das Verhalten der Frauen verantwortlich gemacht werden kann. Die Wahrnehmung unter Frauen, dass ihnen Skepsis und sogar Verachtung entgegengebracht wird, für das, was ihnen passiert ist, weil die Umstände der Vergewaltigung als Verabredung oder andere soziale Begegnung begonnen haben, ist vollkommen gerechtfertigt und erhöht die Zurückhaltung, das Verbrechen anzuzeigen. Potenzielle Täter können Vergewaltigung unter diesen Umständen als Delikt mit niedrigem Risiko, bestraft oder sogar in einigen Fällen, überhaupt ernst genommen zu werden, sehen. Und genau wie der CICA [Criminal Injuries Compensation Authority] kürzlich nachgewiesen wurde, dass sie Frauen, die getrunken haben, Schuld zuweist, und bei diesen die Höhe der zugesprochenen Entschädigung reduziert, hat das Sentencing Guidelines Council (das Leitlinien für Richter in England und Wales herausgibt) kürzlich empfohlen, für eine Ersttat bei Vergewaltigung die Mindeststrafe auf 5 Jahre festzulegen, wenn das Opfer 16 Jahre oder älter und keine „besonderen Faktoren“ vorliegen, und diese auf 4 Jahre reduziert werden könne, wenn das Opfer sich unmittelbar vor dem Übergriff an einvernehmlichen sexuellen Aktivitäten mit dem Angreifer beteiligt hatte. Frauen haben völligen Anspruch auf ein ausgefülltes und lebendiges Sozialleben ohne Angst vor sexueller Gewalt – oder vor Verachtung, wenn sie von sexueller Gewalt betroffen sind. Frauen haben das Recht, neue Leute kennenzulernen und die Möglichkeiten des Grades sexueller Intimität, über den Einvernehmen besteht, zu erkunden, unter den Umständen, die sich damit entwickeln – zu flirten, küssen, Händchen zu halten, zu trinken, ihre Kleider auszuziehen und sich herumzuwälzen, wenn sie sich dafür entscheiden. Sie sind auch berechtigt, nein zu sagen, und Gerechtigkeit zu erhalten, wenn dieses Nein nicht respektiert wird.

Was Sie tun können

Verwehren Sie sich gegen die Idee, dass Frauen zu Vergewaltigung „ermutigen“ oder die Verantwortung teilen, wenn sie sich an irgendeiner Art von Intimität mit dem Angreifer beteiligt haben. Stellen Sie die Vorstellung in Frage, dass männliche Sexualität eine Art führerloser Zug wäre, oder dass Männer unfähig seien, sich über einen gewissen Punkt hinaus zu kontrollieren. Weisen Sie aufs Schärfste jede Behauptung von berechtigter Erwartung oder Berechtigung zu Geschlechtsverkehr auf der Basis davon, was vorher passiert ist, zurück – auch wenn dieses Vorher nur 5 Minuten her war.

Stellen Sie sich ein paar Fragen:

  • Warum sind wir bereit, Vergewaltigern die Schuld abzunehmen, indem wir Frauen für „gewagtes Verhalten“ verurteilen?
  • Warum hören wir nicht auf, zu fragen, „warum hat sie diesen Drink akzeptiert / intim getanzt / ihn geküsst / ist in sein Auto eingestiegen / mit in seine Wohnung gegangen?“ statt „warum hatte er Sex mit ihr ohne ihre Zustimmung?“
  • Glauben wir wirklich, dass Männer unfähig sind, ihren Sexualtrieb zu kontrollieren?
  • Was ist so verwirrend an „Nein“?

Kleidung | Intimität | Alkohol | Beziehungen

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Alkohol

Alkohol ist in Vergewaltigungsfällen oft involviert und einer der am häufigsten angeführten Faktoren, mit denen versucht wird, zu erklären oder zu entschuldigen.

„Wir wollen trinken und eine gute Zeit haben. Ein Kater ist das schlimmste, womit wir rechnen.“ „Wenn sie sich so betrinkt, dass sie nicht mehr weiß, was sie tut, und mit einem Kerl im Bett landet, muss es zum Teil ihre Schuld sein.“ „Durch Saufgelage setzen sie sich dem Risiko der Vergewaltigung aus. Sie müssen etwas Schuld für ihr Verhalten akzeptieren.“ „Wir lieben es, auszugehen, uns zu betrinken und zu lachen, und Jungs zu treffen, aber niemand erwartet, vergewaltigt zu werden.“

Der Mythos

Alkohol ist in Vergewaltigungsfällen oft involviert und einer der am häufigsten angeführten Faktoren, mit denen versucht wird, zu erklären oder zu entschuldigen. Nichtsdestotrotz, obwohl Alkoholkonsum etwas ist, dass allen über 18 freisteht, stellt sich seine Bedeutung im öffentlichen Diskurs um Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe sehr unterschiedlich für Frauen im Vergleich zu Männern dar. Alkohol wird als etwas gesehen, das stark die Anfälligkeit von Frauen, vergewaltigt zu werden, erhöht, aber auch, perverserweise, die Schuldzuweisung für diese Vergewaltigung an das Opfer. Obwohl es Männer sind, die Vergewaltigungen begehen, sind es Frauen, die aufgefordert sind, ihr Verhalten zu ändern, nicht oder weniger zu trinken, und sich so der durch übergriffige Männer drohenden Gefahr anzupassen. Alkohol wird von Männern, die vergewaltigen, sowohl als Mittel benutzt, Frauen kampfunfähig zu machen, als auch als Entschuldigung für ihr eigenes Verhalten. Es ist tief in unserer Kultur eingebettet, dass dies die natürliche Ordnung der Dinge ist – dass Frauen Beute sind, und sie daher verpflichtet, sich in einer Weise zu verhalten, die Belästigungen und Übergriffe verhindern oder vermeiden kann. Ergebnis dessen ist, dass Verhalten, das wirklich problematisch ist (in dem Maße, dass es kriminell ist) – die Bereitschaft so vieler Männer, Frauen anzuvisieren und auszunutzen, die betrunken sind, oder Alkohol als Entschuldigung für Übergriffe auf sie zu benutzen – nie in Frage gestellt oder überhaupt adressiert wird. Und bis es so ist, und wir aufhören, Frauen die Schuld für Vergewaltigung zu geben, weil sie getrunken haben, werden Frauen weiterhin für den Doppelmoral bezahlen, den wir anwenden, wo Alkohol beteiligt ist.

Die Fakten

Mehr als ein Viertel (26%) eines breiten Querschnitts der schottischen Bevölkerung (700 Befragte), die an der von Progressive im Namen von Rape Crisis Schottland durchgeführten Umfrage im August 2007 teilnahmen, glaubten, dass Frauen zu Vergewaltigung beitragen, wenn sie betrunken sind. Das korrespondierte sehr stark mit anderen Forschungsergebnissen: Eine von Amnesty International im Jahr 2005 durchgeführte Umfrage ergab, dass 28% der Befragten glauben, dass eine Frau ganz oder teilweise verantwortlich ist, wenn sie betrunken ist. Bei einer Befragung von 986 Schotten durch TNS System Three im Februar 2008 für die schottische Regierung wurde festgestellt, dass 24% denken, eine Frau kann zumindest teilweise dafür verantwortlich sein kann, wenn sie zum Zeitpunkt des Angriffs betrunken ist. Forschung an unechten Juries hat gezeigt, dass Menschen eher die Schuld an Vergewaltigungen Frauen geben, wenn diese getrunken haben (Wenger & Bornstein, 2006).

Der Effekt

Die Ansicht, dass sich Frauen irgendwie schuldhaft verhalten, oder dass Fragen der Zustimmung weniger Gewicht haben, wenn eine Frau getrunken hat, ist so tückisch, dass sie häufig nicht nur als einzelne Meinung in Erscheinung tritt, sondern als institutionelle Politik und sogar als maßgebliche Rechtslage: Im August 2008 bestätigte die Criminal Injuries Compensation Authority [die Entschädigungsbehörde], dass im Einklang mit einer Klausel, die besagte, dass Alkohol „zu den Umständen, die zu einer Erhöhung der Fallzahlen beigetragen hat“, im vergangenen Jahr 23 Vergewaltigungsopfern ihre Zuerkennungen gekürzt wurden. Eine Frau, die glaubt, dass vor der Vergewaltigung ihr Getränk mit etwas versetzt wurde, sagte dem Guardian es „fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht“ als die Standard-Zuerkennung von £11.000 in ihrem Fall um 25% reduziert würde, weil die CICA glaubte, ihr „übermäßiger Konsum von Alkohol war ein entscheidender Beitrag zu dem Vorfall.“ Im November 2005 platzte ein Vergewaltigungprozess in Wales, als ein Richter am High Court die Jury anwies, den Angeklagten (einen Wachmann, der durch das Personal auf dem Campus, wo die Frau eine Party besucht hatte, angewiesen war, sie sicher nach Hause zu bringen), nicht für schuldig zu befinden, da es der Beschwerdeführerin immer noch möglich gewesen sei, Sex zuzustimmen, obwohl sie dem Gericht gesagt hatte, sie sei extrem betrunken gewesen, nur kurz bei Bewusstsein während des Vorfalls, und sich erst zwei Tage nach dem Vorfall, als der Angeklagte von der Polizei befragt wurde, bewusst wurde, dass vollständiger Geschlechtsverkehr stattgefunden hatte. „Betrunkene Zustimmung ist immer noch Zustimmung“, erklärte Richter Roderick Evans.

Was Sie tun können

Stellen Sie die Vorstellung in Frage, dass eine Frau, die getrunken hat, eine gewisse Verantwortung für einen Angriff gegen sie hat – Trinken ist kein Verbrechen, Vergewaltigung ist eines. Ordnen Sie die Verantwortung für Vergewaltigung denen zu, die sie verüben, nicht denjenigen, die sie angreifen. Denken Sie nicht in Analogien – eine Frau, die getrunken hat, ist kein „unverschlossenes Auto“, keine „Geldbörse die aus einer Gesäßtasche ragt“, oder irgendeine andere ausgedachte Anstiftung zu kriminellen Aktivitäten – sie ist kein potenzieller Tatort sondern eine Frau, und hat Anspruch auf die gleichen Freiheiten und den gleichen Respekt wie jeder Mann. Lehnen Sie jede Vorstellung ab, dass Alkoholkonsum irgendwie die Gewässer rund um Zustimmung trübt: Im Gegenteil – jede Frage, die die Berauschung der Frau aufwirft, schon das kleinste Maß an Unsicherheit über ihre Fähigkeit zur Zustimmung, sollte von der Anstrengung, sie zu behaupten oder sich zu sichern, abschrecken. Hören Sie auf, darauf zu bestehen, dass Frauen die Pflicht hätten, sich zu schützen, und bestehen Sie stattdessen darauf, dass Männer sicherstellen müssen, dass ihr eigenes Verhalten keinen Schutz notwendig macht.

Stellen Sie sich ein paar Fragen:

  • Warum ist es an den Frauen, wachsam zu bleiben und halten sich abzusichern, wenn es so oft Männer sind, die Unsicherheit verursachen?
  • Wie können wir die Doppelmoral rechtfertigen, bei der Alkohol gleichzeitig als etwas fungiert, das Frauen anfällig macht, aber die Handlungen von Männern, die sie angreifen, entschuldigt?
  • Warum fokussieren sich Diskussionen über sogenannte „Date Rape“-Drogen so oft auf chemische Verbindungen wie Rohypnol und GHB und übersehen regelmäßig die am weitesten verbreitete Droge von allen: Alkohol?
  • Glauben wir wirklich, dass Frauen, die getrunken haben, weniger Anspruch auf den vollen Schutz des Gesetzes (und weniger Anspruch auf volle Entschädigung, wenn das Gesetz von jemandem gebrochen wird) haben sollen?

Kleidung | Intimität | Alkohol | Beziehungen

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Beziehungen

Es ist immer noch ein weit verbreiteter Mythos, dass Frauen nicht von ihren Ehemännern oder Partnern vergewaltigt werden können.

„Er hat mich vergewaltigt. Er riss meinen Schlafanzug runter, er schlug mich. Es war nicht anders, weil ich mit ihm verheiratet war.“ „Wenn sie verheiratet sind, muss sie damit rechnen, mit ihm Sex zu haben. Ich verstehe nicht, wie da eine Vergewaltigung passieren könnte.“ „Ich denke nicht, dass ein Mann der sich seiner Frau aufzwingt, vergewaltigt.“ „Ein Trauschein ist keine Erlaubnis, sich Sex zu nehmen, wann man will. Es braucht immer noch gegenseitiges Einvernehmen.“

Der Mythos

Es ist immer noch ein weit verbreiteter Mythos, dass Frauen nicht von ihren Ehemännern oder Partnern vergewaltigt werden können. Viele Menschen glauben, dass Geschlechtsverkehr ohne Zustimmung in diesem Zusammenhang nicht wirklich Vergewaltigung ist, oder, wenn sie es doch tun, dass es irgendwie nicht so ernst ist wie ein von einem Fremden durchgeführter Angriff. Der Glaube, dass durch Heirat oder Zusammenleben mit ihrem Angreifer eine Frau ihr Recht, nein zu sagen aufgegeben hat, und von ihr erwartet werden kann, seinen sexuellen Forderungen nachzukommen, ist alltäglich und verursacht großen Schaden für Frauen, die Übergriffen in diesem Zusammenhang ausgesetzt sind. Der Schaden, wenn eine Frau von ihrem Partner vergewaltigt wird, kann sehr ernst sein. Die Erfahrung einer Vergewaltigung ist für eine Frau in dieser Situation verschärft durch einen vollständigen Vertrauensbruch von jemand zuvor gebliebtem – oft der Grundlage ihres Privatlebens und ihrer Sicherheit. Zwangsläufig kann sie das darüber verängstigen, was eine Konfrontation bedeuten könnte. Sexuelle Übergriffe durch einen Partner können für eine Frau nicht nur sehr schwierig sein, offen zu legen oder sich aus der Situation rauszuziehen, sondern auch, aufgrund des Drucks der Umstände, sich selbst einzugestehen.

Die Fakten

2002 veröffentlichte das britische Innenministerium die Ergebnisse einer Umfrage zu Verbrechen, bei der 6.944 Frauen geantwortet hatten. Fast die Hälfte (45%) der Vergewaltigungen, die bei der Umfrage gemeldet wurden, waren von Tätern begangen worden, die zum Zeitpunkt des Übergriffs Partner des Opfers waren. Fremde waren für nur 8% der angegebenen Vergewaltigungen verantwortlich. Die Umfrage ergab außerdem, dass Vergewaltigung durch Partner das höchste Auftreten von mehrfachen Vergewaltigungen (62%) mit sich bringt und dass Angriffe durch Partner und Ex-Partner mehr als doppelt so wahrscheinlich Verletzungen der Opfer (39%) zur Folge haben als Angriffe von Fremden (19%). In ihrer bahnbrechenden Studie Rape and Marriage (Bloomington, IN: Indiana University Press, 1990), berichtete Diana Russell über Interviews mit einer Stichprobe von 930 Frauen in der Gegend von San Francisco. Von all den Frauen, die verheiratet waren, waren 14% von ihren Ehepartnern mindestens einmal vergewaltigt worden. Davon berichtete 1/3 ein Mal vergewaltigt worden zu sein; 1/3 berichtete zwischen 2 und 20 Fälle, und 1/3 sagte, dass sie von ihren Ehepartnern mehr als 20 Mal vergewaltigt worden waren. Eine weitere Studie schätzt, dass 10 bis 14% aller verheirateten Frauen von ihren Ehepartnern vergewaltigt wurden oder werden (Finkelhor, D., and Yllo, K., License to rape: sexual abuse of wives. The Free Press, New York, 1985).

Der Effekt

„Es war für mich ganz klar. Er hat mich vergewaltigt. Er riss meinen Schlafanzug runter, er schlug mich. Ich meine, das würde irgendein Drecksack auf der Straße mit mir machen. Also für mich war es nicht anders, weil ich mit ihm verheiratet war. Es war Vergewaltigung – ganz klar, was es war. Es hat emotional mehr verletzt. Ich meine, man kann es abschotten bei Vergewaltigung durch einen Fremden – du warst am falschen Ort zur falschen Zeit. Du kannst anders darüber hinweg kommen. Aber hier, du bist zu Hause mit deinem Mann und du rechnest nicht damit. Ich war unter ständiger Angst, auch wenn er es nicht tat.“ (Quelle: Ein Überlebende von Vergewaltigung in der Ehe.) Bei Frauen, die von ihren Partnern vergewaltigt werden, ist es viel weniger wahrscheinlich, dass sie die Angriffe gegen sie anzeigen oder Rechtsschutz suchen, als bei Frauen, die von Fremden angegriffen werden. Dies kann sie anfällig machen für wiederholte Angriffe und offen für Schuldzuweisungen anderer in der Gemeinschaft, die oft nicht in der Lage sind, zu verstehen oder sich einzufühlen in das Geschehene. Angst vor Vergeltung, ein Gefühl der Familienloyalität oder sogar ein Mangel an Bewusstsein, dass das, was passiert ist, gegen das Gesetz verstößt, bringt viele Frauen, die Übergriffen durch ihren Partner ausgesetzt sind, zum Schweigen, und verhindert, dass sie die Übergriffe als Vergewaltigung benennen, sogar sich selbst gegenüber. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Schottland erst 1989 als Verbrechen anerkannt. Das Konzept der „ehelichen Pflichten“ mag im gesetzlichen Rahmen ausgestorben sein, aber das Gefühl, dass ein Mann Anspruch auf Sex mit seiner Frau oder Partnerin hätte, ist immer noch sehr lebendig in den Köpfen und Vorstellungen vieler Menschen, und wird oft verwendet, Vergewaltigung zu entschuldigen oder zu verharmlosen.

Was Sie tun können

Verharmlosen Sie nicht Sex ohne Zustimmung zwischen (Ehe-) Partnern, einfach weil diese zuvor einvernehmlichen Sex hatten – Sex ohne Zustimmung ist IMMER Vergewaltigung und Vergewaltigung ist IMMER ernst. Hinterfragen Sie die Vorstellung, dass Vergewaltigung im Kontext Ehe oder anderer intimer Beziehungen weniger ernst sei als Vergewaltigung durch einen Fremden, und bestehen Sie darauf, dass Frauen in Beziehungen die gleichen Rechte haben wie alle Frauen, einschließlich dem Recht, nein zu sagen.

Stellen Sie sich ein paar Fragen:

  • Wie können wir an der Vorstellung festhalten, dass ein „typischer“ Vergewaltiger ein Fremder ist, der nachts draußen lauert, wenn Studien zeigen, dass die Bedrohung sehr viel wahrscheinlicher von jemandem kommt, den Frauen kennen und der oft ihr Ehemann oder Partner ist.
  • Warum weigern wir uns, die Vergewaltigung einer Frau durch ihren Partner genauso ernst zu nehmen, als wenn sie von einem Fremden vergewaltigt worden wäre?
  • Wann werden wir erkennen, dass sexuelle Gewalt eine häufige Komponente häuslicher Gewalt ist und Frauen, die diese durchleben, helfen, die selbe Gerechtigkeit und Unterstützung wie andere Opfer sexueller Gewalt zu erhalten?

***

Quellen:
thisisnotaninvitationtorapeme.co.uk
Links & Resources 

Consent Culture 101 für Dummies II: Fragen.

[Hetero-Content, explizite Sprache]

tl;dr Fragen ruiniert nicht die Stimmung.

Menschen, die es für sinnvoll halten, vor dem Sex zu fragen, ob das Gegenüber mitmachen möchte, werden von einigen immer noch angeschaut, als wären sie gerade erst auf diesem Planeten gelandet. Oder ihre Blog-Moderationsschleife zugemüllt mit „Haben wir ja noch nie gemacht!?“ in 796 Variationen.

Fragen scheint vielen unnötig, anderen ist es peinlich, einige meinen, es ruiniere die Stimmung. Das Konzept Consent Culture ist vielen zwar irgendwie sympathisch, mit der Umsetzung haben sie aber ihre Probleme. Weil so viele der Einwände gegen Consent Culture sich anhören, als kämen sie von Finanzbeamten, fielen mir die Consenting Robots Roboteranwälte von The Pervocracy ein.

Im Leben gibt es Skripte, schreibt The Pervocracy, und das verbreitetste Skript für Sex ist leider Mist [sehr frei übersetzt, don’t sue me]:

Zustimmungsroulette

Aktiver Partner (in der Regel männlich) und rezeptiver Partner (in der Regel weiblich) sind allein. Sie unterhalten sich, trinken oder schauen einen Film. Aktiver Partner erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. Aktiver Partner erhöht allmählich die körperliche Nähe zu rezeptivem Partner und macht einige sexuelle Anspielungen. Schließlich macht A weiter und küsst R. Falls diese nicht widerspricht, führt A sie zu einem Bett oder Sofa, damit sie sich hinlegt. A küsst weiter und fummelt. Wenn R nichts einwendet, zieht A ein Kondom über und erwartet von R, ihre Beine zu spreizen. Geschlechtsverkehr erfolgt.

Das ist Mist aus dem einfachen Grund, dass es Grenzen austestet und Grenzüberschreitung in Kauf genommen wird. Er – in dem Beispiel – geht einfach mal davon aus, dass okay ist, was er macht, bis ihm das Gegenteil mitgeteilt wird. Es ist aber nicht Aufgabe der – in dem Beispiel – Frau, sicherzustellen, dass sie nicht gegen ihren Willen Sex hat. Nein sagen während der Mann schon auf ihr drauf liegt, wäre dann für sie Roulette. Hört er auf oder macht er weiter? Sex nach diesem Skript kann großartig und einvernehmlich sein, aber das weiß man erst hinterher. Nicht gut.

Hypothetisches Script: Roboteranwälte stimmen 1 (in Worten: einem) Akt Geschlechtsverkehr zu

Aktiver Partner A und rezeptiver Partner R sind zusammen allein. Sie unterhalten sich, trinken, oder schauen einen Film. Aktiver Partner A erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. A beginnt eine Konversation und fragt R „Darf ich dich küssen?“. Falls R ja sagt, küssen sie sich, obwohl A sich vorsieht, seine Hände nicht irgendwo zu platzieren, wo es nicht ausdrücklich genehmigt wurde. A unterbricht den Kuss, stellt jeden körperlichen Kontakt ein, blickt freundlich in die Mitte zwischen beiden und fragt R: „Darf ich deine linke Brust berühren? Darf ich deine rechte Brust ebenfalls berühren?“ Falls R zustimmt, berührt A ihre Brüste. Nach etwas leisem, vorsichtem Berühren auf Armlänge unterbricht A nochmals, sammelt sich und fragt: „Würdest du gerne Sex haben?“ Falls R dies positiv beantwortet, klärt A ab: „Mit mir?“

Das ist so ungefähr das Höchstmaß an denkbarer social Awkwardness. Langweilig, wenn man sowas nicht doch wieder irgendwie anziehend findet, einseitig und nicht wirklich sex-positiv. Vor allem aber ist das, so auch The Pervocracy, ein Strohmann-Argument gegen Consent Culture, denn niemand verliert, nur weil es um Sex geht, plötzlich sämtliche sozialen Fähigkeiten.

Und wie geht’s denn nun wirklich?

Script: Kommunikativer Sex, der nicht scheiße ist

Partner A und B sind allein. A erkennt (oder wunschdenkt sich) einen Hauch von Romantik/Lust in der Luft. A sagt zu B: „Du bist so verdammt niedlich, weißt du das? Ich würde wirklich gerne mit dir rummachen.“ B antwortet, indem sie sich rüber lehnt und ihn leidenschaftlich küsst. B legt einen Finger auf der As obersten Knopf und fragt: „Darf ich?“ mit einem Grinsen und hochgezogener Augenbraue. Er nickt und sie öffnet sein Hemd, berührt ihn und küsst seine Brust hinunter. „Sollen wir im Schlafzimmer weitermachen?“, fragt sie und sieht ihn an, ihre Lippen streifen seine Haut direkt oberhalb seiner Jeans. A reagiert, indem er ihre Hand nimmt und sie ins Schlafzimmer führt. B setzt sich aufs Bett und fängt an, sich auszuziehen. Sie zieht A zu sich auf Bett. „Willst du Sex?“ fragt A. „Oh verdammt, ja,“ sagt B, und beginnt A wieder zu küssen. Sie bewegt ihre Hand nach unten bis zu seinem Reißverschluss, zögert aber, macht Blickkontakt, bevor sie weiter geht. „Halt,“ sagt A, „nur damit du’s weißt, ich mag’s wirklich nicht, wenn jemand meine Eier anfasst.“ „Okay“, sagt B, „aber kann ich mit deinem Schwanz spielen?“ „Bitte„, anwortet A, und ihre Hand gleitet in seine Hose und seine Antwort wird zu einem Stöhnen als sie ihre Hand um seinen Schwanz legt, und anfängt, ihn zu streicheln.

Das ist nur ein Beispiel. Viele Leute haben so Sex. Die meisten schweigen sich nicht einfach an. Außerdem gibt es mit Dirty Talk und Telefonsex explizit Fetische und Praktiken, die zeigen, dass es völliger Quatsch ist, zu behaupten, reden ruiniere die Stimmung. Alles, worum es geht, ist, wissen und nicht einfach nur glauben, dass in Ordnung ist, was man gerade macht. Wer Schwanz nicht über die Lippen bringt (trololo), hat das ganze Internet, um alternative Namen zu finden. Und wer diese Wörter wirklich überhaupt nicht sagen will, malt sich halt einfach ein Blümchensexbingo.

Links:
Consent Culture 101 für Dummies (I)
Wir lieben Konsens: Was ist das Zustimmungskonzept?
The Pervocracy: Rescripting sex | Asking | Consent Culture | Real Consent

***
Danke an @ekelias fürs Gegenlesen.

Flirtverbot

tl;dr Wenn das, was gerade „Flirten“ genannt wird, Flirten ist, kann das weg.

Die Debatte um #aufschrei, Berichte über Sexismus und sexuelle Belästigung Tausender überwiegend weiblicher Betroffener auf Twitter hat bei vielen Männern die Frage aufgeworfen, ob man denn nun überhaupt nicht mehr flirten darf, wenn man nicht Gefahr laufen will, eine Frau zu belästigen. Ist ja klar, dass bei sowas die erste Sorge ist, wie man(n) nach all dem noch unbehelligt zum Zug kommt. Flirten und Belästigung unterscheiden sich nach Meinung einiger nur am „erwünscht“ oder „unerwünscht“. Wäre der aufdringliche Typ jung/schön/heiß, würden Frauen übergriffiges Verhalten nicht so eng sehen, glauben manche. Fast würde ich den Wikipedia-Artikel „Strohmann-Argument“ mit George Clooney bebildern wollen, so oft wie der als Beispiel genannt wurde. Männer seien schuldlos an Grenzüberschreitungen, da sie heutzutage ja gar nicht mehr wüssten, wie man Frauen ansprechen darf. Männer seien orientierungslos. Durch Feminismus und so.

Unabhängig von den teils sehr bemühten Erklärungen, ist schon allein der Ansatz, Übergriffe seien schiefgelaufene Flirts, höchst problematisch.

In den meisten Fällen liegt übergriffiges Verhalten, wie man bei vielen der Aufschrei-Tweets erkennen konnte, weit jenseits dessen, was man unter „Flirt“ verstehen sollte. Flirt ist im weitesten Sinne sexuell konnotierte Kommunikation. An solcher Kommunikation sollte mehr als eine Person beteiligt sein, die zweite aber nicht nur als Betroffene_r oder Opfer. Ein Mindestmaß an Respekt und Gegenseitigkeit sollten Voraussetzung sein, damit sich etwas überhaupt als Flirt qualifiziert.

Primaten- oder Stöhngeräusche, Hinterherpfeifen, nachlaufen, anzügliche Äußerungen, ungefragt Hintern, Brüste, andere Körperteile, kurzen Rock oder tiefen Ausschnitt kommentieren, einfach so zu Sex auffordern oder welchen anbieten, Menschen, die man nicht oder nicht privat/näher kennt, mit irgendwelchen Kosenamen anreden, sich aufdrängen, in jemandes Personal Bubble vorschleimen, insistieren, ungefragt anfassen, Negging-Teasing-Komplimente-Anfassen a.k.a. Pickup… Kein Flirten sondern Belästigung.

Bei den meisten solcher Grenzüberschreitungen ist es den Tätern*innen egal, wie es dem Gegenüber dabei geht. Das erschließt sich aus dem Zusammenhang, die Intention braucht man gar nicht zu kennen.

Wer sämtliche Frauen per Default als verfügbar einschätzt und Interesse an seiner Person voraussetzt, ist schon mal mindestens unverschämt.

Dann die Verallgemeinerungen: Männer wissen gar nicht mehr, wie sie Frauen ansprechen sollen? Was ist denn mit den vielen Männern, die es schaffen, ohne Frauen zu nahe zu treten oder übergriffig zu werden? Aber ausgerechnet Arschlöcher, die das nicht schaffen oder nicht wollen, erklären dann, die Männer seien verunsichert und orientierungslos.

Als Autoritiätsperson Abhängige zu fragen, ob sie mit einem ausgehen oder Sex wollen, führt zu keiner Antwort die unbeeinträchtigt wäre von diesem Abhängigkeitsverhältnis. Will ein Chef, dass seine Angestellte ihn mag, oder kommt ihm die Notlage, dass sie auf den Job angewiesen ist, gerade ganz gelegen? In letzterem Fall fehlt kein Flirtratgeber-Wissen. Diese Männer wissen, was sie tun, und sie tun das mit Absicht. Im ersteren Fall würden Männer wahrscheinlich erstmal überlegen, statt vorzupreschen. Alles andere wäre Ausnutzen von Macht.

Ich nehme Menschen, denen zu #aufschrei als erstes die Frage einfällt, wie sie jetzt noch flirten können, nicht ab, dass sie nur aus Versehen Grenzen überschreiten. Im günstigsten Fall testen diese Menschen Grenzen aus, und nehmen dabei billigend in Kauf, dass sie zu weit gehen.

Man fasst nicht einfach Leute ungefragt an. Diese ganzen Pickup-„Tricks“, erstmal wie zufällig unverfängliche Stellen zu berühren und dann zu gucken, wie weit man gehen kann, sind für die Tonne. Bei Pickup gibt es keine Flirt-Tipps für arme verunsicherte Männer, da geht’s um Aufreißen durch Manipulation. Kein Anfassen ohne Zustimmung.

Wann darf man eine Frau küssen? Wenn sie frei entscheiden kann und sich dafür entscheidet. Fragen ist eine gute Methode, herauszufinden, ob sie will.

Wie wollen Frauen angeflirtet werden? Im Zweifel: Gar nicht. Wenn es sich anders herausstellt: Schön. Aber nicht alle Frauen sind hetero, nicht alle sind verfügbar. Manche schon, aber nicht unbedingt für dich.

Frauen sollen sagen, wenn ihnen was nicht passt? Nein. Männer sollten es einfach gar nicht erst tun. Niemand sollte erklären müssen, dass etwas zu weit geht. Weil stattdessen das Gegenüber auch einfach nicht zu weit gehen könnte. Die Grenze zwischen Zustimmung und Zwang ist, wo man einfach etwas anfängt, von dem man nicht weiß, ob das Gegenüber das auch mag. Consent Culture gilt auch beim Flirten.

Manche Grenzüberschreitungen merkt man gar nicht, oder sie fallen erst später auf. Wir sind von klein auf gewöhnt dass unsere körperliche Autonomie missachtet wird. Wenn uns schon als Kleinkind das Gesicht verziehen, wegdrehen oder zurückziehen abgewöhnt wurde, wenn irgendwelche Tanten, Onkel, fremde Leute uns angefasst haben, haben so endlos oft kleine und größere Übergriffe erlebt, dass wir auf die kleineren schon gar nicht mehr reagieren.

Frauen wollen Machos? Kann schon sein, dass einige das wollen. Aber das vorauszusetzen, ist dumm. Frauen wollen selbstsichere oder dominante Männer? Wollen viele unbestreitbar. Aber nach aufdringlichen, übergriffigen Männern fragt eigentlich keine.

Kurze Röcke sind nicht zur sexuellen Herausforderung irgendwelcher Menschen gedacht, die sich nicht unter Kontrolle haben. Wenn du meinst, jede Frau hat einen so kurzen Rock an, weil sie dir gefallen will, hast du leider das falsche Memo bekommen. Und du beleidigst vor allem Männer, wenn du Männer für hormongesteuert, triebgesteuert, „können nicht anders“ erklärst. Du verallgemeinerst von Arschlöchern mit dummen Ausreden – das wärst dann du – auf Männer.

Wie geht jetzt nochmal Flirten? Weiß ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Ratgeber über „Sei kein Arsch“ hinaus allgemeingültige Tipps geben könnte, wie man(n) Frauen für sich einnimmt, wie man sie wissen lässt, dass man Sex oder eine Beziehung mit ihr will, geht gegen Null. Man steht ja nicht auf irgendeine Frau, sondern auf eine bestimmte Person.

Was ist Hysterie?

Frauen wird immer wieder attestiert [pun intended], sie seien hysterisch. So eine Aussage zeigt vor allem zwei Dinge: Frauenfeindlichkeit und Ableism.

Aus der englischen Wikipedia frei übersetzt:

***

Weibliche Hysterie

Hysterie war eine früher gebräuchliche medizinische Diagnose, die ausschließlich Frauen gestellt wurde. Heute wird sie von modernen medizinischen Autoritäten nicht mehr als medizinische Störung anerkannt. Ihre Diagnose und Behandlung waren jahrhundertelang Routine in Westeuropa. In der medizinischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurde weibliche Hysterie weithin diskutiert. Frauen, die angeblich an Hysterie litten, zeigten eine breite Palette von Symptomen wie Schwäche, Nervosität, sexuelle Lust, Schlaflosigkeit, Wassereinlagerungen, Schweregefühl im Unterleib, Muskelkrämpfe, Kurzatmigkeit, Reizbarkeit, Verlust von Appetit auf Essen oder Sex, und „die Neigung zur Unruhestiftung“.[1]

Seit der Antike wurden Frauen mit vermeintlicher Hysterie manchmal „Beckenbereich-Massagen“ unterzogen – d.h. manueller Stimulation der Genitalien durch den Arzt, bis die Patientin einen „hysterischen Anfall“ (Orgasmus) erlebte. [1]

Frühgeschichte

Weitere Informationen: Wandering Womb

Die Geschichte des Begriffs der Hysterie kann bis in die Antike zurückverfolgt werden; im antiken Griechenland war sie in den gynäkologischen Abhandlungen des Corpus Hippocraticum beschrieben, die aus dem 4. und 5. Jahrhundert vor Christus stammen. Platos Dialog Timaios vergleicht die Gebärmutter einer Frau mit einem lebendigen Wesen, das durch den Körper einer Frau wandert, „Passagen blockiert, die Atmung behindert und Krankheit verursacht“. [2] Das Konzept einer pathologischen, wandernden Gebärmutter wurde später als Quelle des Begriffs Hysterie betrachtet, [2] der vom verwandten griechischen Wort für Uterus, ὑστέρα (hystera), abstammt.

Galen, ein prominenter Arzt aus dem 2. Jahrhundert, schrieb, dass Hysterie eine Krankheit sei, die durch sexuelle Deprivation besonders leidenschaftlicher Frauen verursacht sei: Hysterie wurde ziemlich oft bei Jungfrauen, Nonnen, Witwen und gelegentlich verheirateten Frauen diagnostiziert. Das Rezept der Mittelalter- und Renaissance-Medizin war Geschlechtsverkehr wenn verheiratet, Eheschließung wenn alleinstehend, oder vaginale Massage (Beckenbereich-Massage) durch eine Hebamme als letzte Möglichkeit [1].

Als weitere Ursache wurde eine Zurückbehaltung weiblichen Samens, der sich mit männlichem Samen während des Geschlechtsverkehrs vermische, vermutet. Dieser, wurde angenommen, würde in der Gebärmutter gespeichert werden. Hysterie wurde als „Witwenkrankheit“ bezeichnet, da vom weiblichen Samen angenommen wurde, er würde giftig, wenn er nicht durch regelmäßigen Höhepunkt oder Geschlechtsverkehr freigesetzt würde.[3]

19. Jahrhundert

Im Jahr 1859 behauptete ein Arzt, ein Viertel aller Frauen litten an Hysterie. Ein anderer Arzt katalogisierte 75 Seiten möglicher Symptome von Hysterie und erklärte die Liste für unvollständig; [4] fast jedes Leiden könne zu der Diagnose passen. Ärzte waren der Auffassung, die Anspannungen des modernen Lebens mache zivilisierte Frauen sowohl anfälliger für nervöse Störungen als auch für die Entwicklung fehlerhafter Fortpflanzungsorgane [5]. In den Vereinigten Staaten bekräftigten solche Störungen, dass die USA auf Augenhöhe mit Europa war; ein amerikanischer Arzt zeigte sich erfreut, dass das Land im Vergleich zu Europa bei der Verbreitung der Hysterie „aufholte“.

Die Wissenschaftlerin Dr. Rachel P. Maines stellte fest, dass solche Fälle sehr profitabel für Ärzte waren, da das Leben der Patientinnen nicht in Gefahr war, wiederholte Behandlung aber notwendig. Das Problem war nur, dass die Ärzte keine Freude an der mühsamen Aufgabe der vaginalen Massage (allgemein als „Becken-Massage“ bezeichnet) hatten: Die Technik war für einen Arzt schwierig zu beherrschen und es konnte Stunden dauern, bis ein „hysterischer Anfall“ erreicht wurde. Die gängige Methode der Überweisung der Patientinnen an Hebammen bedeutete wiederum einen geschäftlichen Verlust für den Arzt. [1] Die Chaiselongue und Ohnmachts-Couch wurde ein populäres Wohnmöbel, um Frauen mehr Komfort während die Behandlung zu Hause zu gewährleisten. Ohnmachtszimmer wurden für mehr Privatsphäre während die Behandlung zu Hause genutzt.

Eine Lösung war die Erfindung von Massage-Geräten, die die Behandlung von Stunden auf Minuten verkürzten, wodurch die Notwendigkeit von Hebammen wegfiel und sich die Behandlungsleistung der Ärzte erhöhte.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren in Bath Hydrotherapie-Geräte verfügbar, und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie in vielen hochkarätigen Badeorten in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern sehr beliebt. [1] Ab 1870 war ein mit einem Uhrwerk angetriebener Vibrator für Ärzte verfügbar. Im Jahr 1873 wurde der erste elektromechanische Vibrator in einer Irrenanstalt in Frankreich zur Behandlung von Hysterie eingesetzt.

Während Ärzte der damaligen Zeit anerkannten, dass die Erkrankung aus sexueller Unzufriedenheit resultierte, schienen ihnen die sexuellen Zwecke der verwendeten Behandlungsgeräte nicht bewusst oder sie waren nicht willens, dies zuzugeben. [1] Tatsächlich war der Einsatz des Spekulum anfänglich weit umstrittener als der des Vibrators [1]. Ab dem 20. Jahrhundert brachte die Ausweitung der häuslichen Stomversorgung den Vibrator auf den Verbrauchermarkt. Der Anreiz billigerer Behandlung in der Privatsphäre des eigenen Zuhauses machte den Vibrator verständlicherweise zu einem beliebten frühen Haushaltsgerät.

Tatsächlich war der elektrische Heim-Vibrator vor vielen anderen Haushaltsgrundgeräten auf dem Markt: neun Jahre vor dem elektrischen Staubsauger und 10 Jahre vor dem elektrischen Bügeleisen.[1]
Eine Seite aus einem Sears Katalog für elektrische Haushaltsgeräte aus dem Jahr 1918 zeigt einen tragbaren Vibrator mit verschiedenen Aufsätzen, der als „sehr nützlich und befriedigend zu den Dienst zu Hause“ [1] beworben wurde. Andere Heilmittel für weibliche Hysterie umfassten Bettruhe, ungewürztes Essen, Abgeschiedenheit, Verzicht auf geistig anstrengende Tätigkeiten (z. B. Lesen) und Entzug von sensorischen Reizen.[6]

Rückgang

Während des frühen 20. Jahrhunderts ging die Zahl der Frauen, die mit weiblicher Hysterie diagnostiziert wurden, stark zurück. Für diesen Rückgang wurden viele Gründe angeführt: Viele medizinische Autoren behaupten, dass ein besseres Verständnis der Psychologie von Konversionsstörungen durch Laien dazu führte.[7]

Bei so vielen möglichen Symptomen wurde Hysterie immer als eine Sammeldiagnose betrachtet, der jedes unidentifizierbare Leiden zugeordnet werden konnte. Als sich die diagnostischen Verfahren verbesserten, gingen die Fallzahlen zurück und schließlich gen Null. Zum Beispiel wurde vor der Einführung der Elektroenzephalographie Epilepsie häufig mit Hysterie verwechselt.[8] Viele Fälle, die zuvor als Hysterie bezeichnet wurden, wurden von Sigmund Freud als Angstneurose reklassifiziert.[8]

Heute wird weibliche Hysterie nicht mehr als Krankheit anerkannt, aber unterschiedliche Erscheinungsformen von Hysterie in anderen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Konversionsstörung und Angst-Attacken wiedererkannt.

Siehe auch

Histrionische Persönlichkeitsstörung [de]
Human female sexuality [en]
Hysteria [en]
Hysteria (2011 film) [en]
Borderline Persönlichkeitsstörung [de]

[Quelle: Wikpedia: Female Hysteria]

[Rezension] Meat Market: Female Flesh under Capitalism

Laurie Pennys 2011 erschienenes Buch „Meat Market: Female Flesh under Capitalism“ (deutsch: „Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus“) hat mich das Gegenteil von überzeugt. Das Buch ist laut Klappentext ein „dünnes Stück feministischer Dialektik“. Wer das wörtlich nimmt, wird nicht enttäuscht.

Wer Meat Market kauft, bekommt romantisierten Antikapitalismus (wenn morgen alle Frauen aufhören würden, zu arbeiten…), steile Thesen (Feminismus geht nicht in 500$-Manolos), und reißerischen Schreibstil („body and beauty fascism“, „The eroto-capitalist horror of human flesh, and of female flesh in particular, is a pathology that can and must be resisted“). Backen und Sticken nennt Penny hedonistische Zeitverschwendung und genauso bedenklich wie Schuluniform- und Peitschenfetisch: Spaß, solange man es nicht ernst nehme, aber mit der Gefahr verbunden, auf die Realität abzufärben.

Sie nennt zeitgenössische Pornographie pauschal „blandly violent“, jede Form von handelbarem Sex, westliche Femininität und einiges andere mehr „frigide“. Männer sind bei Penny eine „bourgeoise Klasse“ von „großen Babies“, die auf die häusliche Schinderei von Frauen angewiesen sei.

Meat Market verkürzt Austauschverhältnisse bis ins Absurde. Bei Penny ist im Spätkapitalismus jede weibliche Sexualität Arbeit („The ubiquity of female sex work as fact and as social narrative affects women who are not sex workers, because under late capitalism, all female sexuality is work.“). Sexarbeit sei ein Symptom ökonomischer Ausbeutung von Frauen, die Körper von Sexarbeiterinnen deswegen verhasst, weil es die Gesellschaft entsetze, dass bei Sexarbeit Frauen die Kontrolle über die Einnahmen aus dieser Arbeit hätten. Penny nennt weibliche Körper dann auch auch konsequenterweise Produktionsmittel sexueller Arbeit, und unser (aller Frauen) Mittel, auf dem „Fleischmarkt“ Kapitalismus zu überleben.

Mit ein bisschen mehr Ahnung würde ich hier mit der Frankfurter Schule reingrätschen: Liebe vs. Vernunft oder Zweckrationalität. Oder fragen, warum, wenn jede sexuelle Beziehung so weit der Marktlogik unterworfen wäre, dass sich Sex als unbezahlte Sexarbeit  darstellen lässt, dann so vergleichsweise wenige Frauen zweckrational handeln? Vielleicht weil man soziale Beziehungen nicht mal so eben auf Ökonomie verkürzen kann.

Davon abgesehen: Wie kann man sexuelle Arbeit derart problematisieren, und die Situation z.B. der in Textilfabriken in Indonesien, China, Taiwan usw. für drei fünfzig Tageslohn unter übelsten Bedingungen schuftenden Frauen gar nicht?

Für ein kapitalismuskritisch gemeintes Buch beschäftigt sich Meat Market dann allerdings kaum mit Klasse. An einer Stelle geht es kurz um ein Klassenelement sexueller Viktimisierung in Form „klassistischer“ Stereotype, an einer anderen darum, dass Sexarbeit eine Geldfrage sei. Für Penny ist zwar Kapitalismus der „Kontext“, die Marginalisierung weiblicher Körper zu verstehen, das Wissen, warum Kapitalismus soziale Ungleichheit braucht, muss man aber mitbringen, Zusammenhänge werden nicht erklärt.

Wo Frausein allein schon marginalisiert, erspart man sich die Beschäftigung mit anderen Unterdrückungsformen: Große aber nicht einzige Leerstelle im Buch ist Rassismus. An einer Stelle, wo es um Haushaltshilfen geht, die mehrheitlich weiblich und Einwanderinnen sind, wird das Thema gestreift aber nicht benannt.

Ironie an Meat Market ist, dass Penny die zweite Welle pauschal für Essentialismus kritisiert, aber selber immer wieder auf ein universales Wir verfällt. Außerdem hindert sie ihre Meinung nicht daran, sich großzügig bei Feministinnen der zweiten Welle zu bedienen.

Penny spart sich Fußnoten, verwendet teils (ur)alte Zitate im aktuellen Kontext. Sie kennt Gender Performativität aber nicht Judith Butler.

Sie benutzt Formulierungen wie „weibliches Fleisch“ und „marginalisierte Körper“ oft und teils synonym für Frauen. So etwas aus einem Umfeld empfohlen zu bekommen, das „Schlampe“ mit so vielen Sternchen versieht, dass ich Schlumpf lese, finde ich sehr irritierend.

Pennys „One Size fits All“-Strategie gegen Unterdrückung ist Nein sagen. Da und an einigen anderen Stellen scheint deutlich ihr Tellerrand durch: Hausarbeit und unterbezahlte Jobs nicht machen und „Riot, don’t Diet“ sind nicht nur keine Lösung, sondern für viele auch keine Option.

Privatschule meets Klassenkampf. Mit 79 Seiten immerhin kurz.

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Dies ist eine Übersetzung des Textes „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ (1988) von Peggy McIntosh.

[Edited to add 10.12.2014: @evilmel_ hat mit ein paar anderen die Übersetzung nochmal überarbeitet. Danke!]

White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken

Tägliche Auswirkungen von White Privilege
Schwer fassbar und flüchtig
Verdiente Stärke, unverdiente Macht

„Mir wurde beigebracht, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit zu sehen, nicht in unsichtbaren Systemen, die meiner Gruppe Dominanz verleihen.“

Peggy McIntosh

Bei der Arbeit, Materialien und Perspektiven aus der Frauenforschung in den Rest des Lehrplans zu bringen, habe ich oft den Unwillen von Männern bemerkt, einzuräumen, dass sie ihm Lehrplan übermäßig privilegiert sind, selbst dann, wenn sie einräumen, dass Frauen benachteiligt sind. Sie mögen sagen, dass sie auf die Verbesserung des Status von Frauen in der Gesellschaft, der Universität oder im Lehrplan hinarbeiten wollen, aber dass sie nicht die Idee unterstützen können oder wollen, den von Männern zu verringern. Bestreiten, das Tabus gleichkommt, umgibt das Thema Privilegien, die Männer durch die Benachteiligung von Frauen gewinnen. Dieses Bestreiten schützt davor, dass männliche Privilegien voll anerkannt, vermindert oder beendet werden.

Indem ich über nicht anerkanntes männliches Privileg als Phänomen nachdachte, erkannte ich, da Hierarchien in unserer Gesellschaft ineinandergreifen, dass es höchstwahrscheinlich ein Phänomen beim White Privilege gibt, das gleichermaßen bestritten und geschützt wird. Als weiße Person, erkannte ich, ich war Rassismus als etwas gelehrt worden, das anderen zum Nachteil gereicht, war aber nicht gelehrt worden, einen seiner resultierenden Effekte, das weiße Privileg, zu sehen, das mir einen Vorteil verschafft.

Ich denke, Weißen wird so sorgfältig beigebracht, White Privilege nicht zu erkennen, wie Männern beigebracht wird, Male Privilege nicht zu sehen. So habe ich auf eine ungeschulte Art begonnen, zu fragen, wie es ist, White Privilege zu haben. Ich sehe White Privilege jetzt als ein unsichtbares Paket unverdienten Vermögens, auf dessen Einlösung ich mich jeden Tag verlassen kann, bei dem aber vorgesehen war, dass ich es nicht wahrnehme. Weißes Privileg ist wie ein unsichtbarer gewichtsloser Rucksack voll mit besonderen Vorräten, Karten, Ausweisen, Codebüchern, Visa, Kleidung, Werkzeugen und Blankoschecks.

White Privilege zu beschreiben, macht eine*n neu verantwortlich. Wie wir in der Frauenforschung daran arbeiten, männliches Privileg aufzuzeigen, und Männer auffordern, ihre Macht aufzugeben, muss jemand, die*der darüber schreibt, White Privilege zu haben, fragen “Nachdem ich es beschrieben habe, was will ich tun, um es zu verringern oder zu beenden?”

Nachdem ich das Ausmaß, in dem Männer auf der Basis von nicht eingestandenem Privileg arbeiten, erkannt habe, habe ich verstanden, wie viel der Unterdrückung durch sie ihnen unbewusst war. Dann erinnerte ich mich an die häufigen Vorwürfe von Women of Color [1], dass weiße Frauen, denen sie begegnen, unterdrückend seien. Ich begann zu verstehen, warum wir (Weißen) gerade als unterdrückend gesehen werden, auch wenn wir uns nicht so sehen. Ich fing an, die Arten zu zählen, auf die ich unverdientes Privileg aufgrund meines Weißseins genieße, und auf die Nichtbeachtung dessen Existenz ich konditioniert worden war.

Meine Ausbildung hat mich nicht trainiert, mich selbst als Unterdrückerin zu sehen, als unfair begünstigte Person, oder als Mitwirkende an einer beschädigten Kultur. Mir wurde beigebracht, mich als Individuum zu sehen, dessen moralischer Zustand vom individuellen moralischen Willen abhängt. Meine Ausbildung folgte dem Muster meiner Kollegin Elizabeth Minnich, die darauf hingewiesen hat: Weiße lernen, über ihr Leben als moralisch neutral, normativ und durchschnittlich und auch ideal zu denken, so dass, wenn wir auf das Wohl anderer hin arbeiten, das als Arbeit dahin gerichtet gesehen wird, die “ihnen” erlaubt, mehr wie “wir” zu sein.

Tägliche Auswirkungen von White Privilege

Ich beschloss, an mir selbst zu arbeiten, indem ich wenigstens ein paar der täglichen Auswirkungen von White Privilege in meinem Leben identifiziere. Ich habe die Bedinungen ausgewählt, die in meinem Fall etwas mehr mit Privileg aufgrund meines Weißseins verknüpft sind, als mit Klasse, Religion, ethnischem Status, oder geografischer Lage, obwohl natürlich alle diese anderen Faktoren kompliziert miteinander verwoben sind. Soweit ich es beurteilen kann, können meine afrikanisch-amerikanischen Kolleg*innen, Freund*innen und Bekannten, mit denen ich in täglichen oder häufigen Kontakt komme, zu dieser/m speziellen Zeit, Ort und Arbeitsgebiet, auf die meisten dieser Bedinungen nicht zählen.

1. Ich kann, wenn ich möchte, arrangieren, die meiste Zeit in der Gesellschaft von Menschen zu sein, die, wie ich, weiß sind.

2. Ich kann vermeiden, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich zu misstrauen gelehrt wurde und die gelernt haben, meinesgleichen oder mir zu misstrauen.

3. Wenn ich umziehen muss, kann ich ziemlich sicher sein, eine Wohnung mieten oder kaufen zu können in einer Gegend, die ich mir leisten kann und in der ich leben wollen würde.

4. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Nachbar*innen in einer solchen Gegend neutral oder nett zu mir sind.

5. Ich kann die meiste Zeit alleine einkaufen gehen, und ziemlich sicher sein, dass ich nicht verfolgt oder belästigt werde.

6. Ich kann den Fernseher einschalten oder die Titelseite der Zeitung anschauen und Menschen repräsentiert sehen, die wie ich weiß sind.

7. Wenn mir über unser nationales Erbe oder “Zivilisation” erzählt wird, wird mir gezeigt, dass Menschen sie dazu gemacht haben, was sie ist, die, wie ich, weiß sind.

8. Ich kann sicher sein, dass meinen Kindern Lernmaterialien gegeben werden, die die Existenz von Menschen bezeugen, die, wie sie, weiß sind.

9. Wenn ich will, kann ich ziemlich sicher sein, eine*n Verleger*in für dieses Stück über White Privilege zu finden.

10. Ich kann ziemlich sicher sein, dass meine Stimme in einer Gruppe, in der ich das einzige weiße Mitglied bin, gehört wird.

11. Ich kann sorglos darüber sein, ob oder ob ich nicht einer anderen Person in einer Gruppe, in der er*sie das einzige weiße Mitglied ist, zuhöre.

12. Ich kann in ein Musikgeschäft gehen und darauf zählen, die Musik vertreten zu finden bzw. in einen Supermarkt und die Grundnahrungsmittel kaufen, die meinen kulturellen Traditionen entsprechen und in einen Frisiersalon gehen und jemanden finden, der*die meine Haare schneiden kann.

13. Egal ob ich Schecks, Kreditkarten oder Bargeld verwende, kann ich darauf zählen, dass der Umstand, dass ich weiß bin, nicht gegen den Anschein meiner finanziellen Zuverlässigkeit arbeitet.

14. Ich kann dafür sorgen, dass meine Kinder die meiste Zeit vor Menschen, von denen sie wegen Vorurteilen nicht gemocht werden, geschützt sind.

15. Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen täglichen physischen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.

16. Ich kann ziemlich sicher sein, dass die Lehrer*innen und Arbeitgeber*innen meiner Kinder sie akzeptieren werden, wenn sie in Schul- und Arbeitsplatznormen passen; meine Hauptsorgen um sie betreffen nicht die rassistische Haltung anderer.

17. Ich kann mit vollem Mund reden und ohne dass Menschen das darauf zurückführen, dass ich weiß bin.

18. Ich kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen, oder Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidungen auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabet*innenrate der Weißen zurückführen.

19. Ich kann in der Öffentlichkeit zu einer mächtigen männlichen Gruppe sprechen, ohne dabei stellvertretend die Weißen auf den Prüfstand zu stellen.

20. Ich kann in einer schwierigen Situation gut abschneiden, ohne eine Ehre für die Weißen, genannt zu werden.

21. Ich werde nie gebeten, für alle Weißen zu sprechen.

22. Ich kann die Sprachen und Gebräuche von People of Color, die die Mehrheit in der Welt ausmachen, unbeachtet lassen, ohne in meinem weißen Umfeld eine Strafe für solche Gleichgültigkeit zu spüren.

23. Ich kann unsere Regierung kritisieren, und darüber reden, wie sehr ich ihre Konzepte und ihr Verhalten fürchte, ohne als Außenseiter*in aufgrund meines Weißseins gesehen zu werden.

24. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich die “verantwortliche Person” sprechen will, ich eine Person vor mir haben werde, die, wie ich, weiß ist.

25. Wenn ein*e Verkehrspolizist*in mich herauswinkt oder das Finanzamt meine Steuererklärung prüft, kann ich sicher sein, dass ich nicht ausgewählt wurde, weil ich weiß bin.

26. Ich kann leicht Poster, Postkarten, Bilderbücher, Grußkarten, Puppen, Spielzeug und Kinder-Zeitschriften mit Abbildungen von Menschen kaufen, die, wie ich, weiß sind.

27. Ich kann von den meisten Treffen von Organisationen, denen ich angehöre, nach Hause gehen und mich einigermaßen eingebunden fühlen anstatt isoliert, fehl am Platz, in der Unterzahl, ungehört, auf Abstand gehalten oder gefürchtet.

28. Ich kann ziemlich sicher sein, dass eine Auseinandersetzung mit eine*r Kolleg*in, die nicht wie ich weiß ist, eher seine*ihre Aufstiegschancen gefährdet als meine.

29. Ich kann ziemlich sicher sein, dass, wenn ich für die Förderung einer Person, die nicht wie ich weiß ist oder eines Programms, das sich um den Ausgleich rassistischer Diskriminierung dreht, argumentiere, unwahrscheinlich ist, dass mir das in meiner jetzigen Situation schadet, auch wenn meine Kolleg*innen mit mir nicht übereinstimmen.

30. Wenn ich erkläre, dass ein rassistisches Problem vorliegt, oder dass kein rassistisches Problem vorliegt, wird mein Weißsein mir mehr Glaubwürdigkeit für beide Positionen verleihen als eine Person of Color sie haben wird.

31. Ich kann mich entscheiden, die Entwicklungen im Minority Writing [Schreiben von Minderheiten] oder bei den Aktivismus-Programmen für Minderheiten zu ignorieren oder zu verunglimpfen oder aus ihnen zu lernen, in jedem Fall aber Wege finden, mehr oder weniger vor negativen Konsequenzen dieser Entscheidungen geschützt zu sein.

32. Meine weiße Sozialisation vermittelt mir kaum Befürchtungen davor, die Perspektiven und die Macht von Menschen zu ignorieren, die nicht, wie ich, weiß sind.

33. Mir wird nicht akut bewusst gemacht, dass meine Form, mein Verhalten oder mein Körpergeruch auf alle Menschen zurückfallen wird, die, wie ich, weiß sind.

34. Ich kann mir über Rassismus Gedanken machen, ohne als eigennützig oder selbstsüchtig gesehen zu werden.

35. Ich kann einen Job bei einer*m Arbeitgeber*in, di*er benachteiligte Gruppen fördert, annehmen, ohne dass meine Arbeitskolleg*innen vermuten, ich hätte ihn bekommen, weil ich weiß bin.

36. Wenn mein Tag, meine Woche oder mein Jahr schlecht läuft, brauche ich mich nicht bei jeder negativen Episode oder Situation zu fragen, ob sie rassistische Untertöne hatte.

37. Ich kann ziemlich sicher sein, Leute zu finden, die bereit sind, über meine nächsten beruflichen Schritte mit mir zu reden und mich zu beraten.

38. Ich kann über viele Optionen, soziale, politische, imaginäre oder berufliche, nachdenken, ohne zu fragen, ob eine Person, die, wie ich, weiß ist, akzeptiert oder ihr gestattet würde, zu tun, was ich tun will.

39. Ich kann zu spät zu einem Meeting kommen, ohne dass die Verspätung darauf zurückfällt, dass ich weiß bin.

40. Ich kann öffentliche Unterkünfte wählen, ohne Angst, dass Menschen, die, wie ich, weiß sind, nicht hinein können oder misshandelt werden an den Orten, die ich gewählt habe.

41. Ich kann sicher sein, dass, wenn ich rechtliche oder medizinische Hilfe benötige, der Fakt, dass ich weiß bin, nicht gegen mich arbeiten wird.

42. Ich kann meine Aktivitäten so arrangieren, dass ich nie Gefühle von Ablehnung erleben muss, die darauf beruhen, dass ich weiß bin.

43. Wenn ich geringe Glaubwürdigkeit als Führungskraft habe, kann ich sicher sein, dass nicht das Problem ist, dass ich weiß bin.

44. Ich kann leicht akademische Kurse und Institutionen finden, die nur Leuten Aufmerksamkeit schenken, die wie ich weiß sind.

45. Ich kann erwarten, dass Bildsprache und Bilder in allen Künsten von Erfahrungen von Menschen zeugen, die, wie ich, weiß sind.

46. Ich kann Abdeckstifte oder Pflaster in “fleischfarben“ nehmen und sie passen mehr oder weniger zu meiner Hautfarbe.

47. Ich kann alleine oder mit meine*m Ehefrau*mann reisen, ohne mit Verlegenheit oder Feindseligkeit derjenigen, die mit uns zu tun haben, zu rechnen.

48. Ich habe keine Schwierigkeiten, Wohnviertel zu finden, wo die Menschen unseren Haushalt billigen.

49. Meinen Kindern werden Texte und Unterrichtsstunden gegeben, die unsere Art der Familie implizit unterstützen und sie nicht gegen meine Wahl der häuslichen Partnerschaft einnehmen.

50. Ich fühle mich willkommen und “normal” in den üblichen Bereichen des öffentlichen Lebens, institutionellen und sozialen.

Schwer fassbar und flüchtig

Ich habe jede der Erkenntnisse auf dieser Liste immer wieder vergessen, bis ich sie niederschrieb. Für mich hat sich White Privilege als schwer fassbar und flüchtig herausgestellt. Der Druck, ihm aus dem Weg zu gehen, ist groß, denn wenn ich mich ihm stelle muss ich den Mythos der Meritokratie [2] aufgeben. Wenn diese Dinge wahr sind, ist dies nicht so ein freies Land, das Leben ist nicht, was man daraus macht: viele Türen öffnen sich für bestimmte Leute durch etwas anderes als ihre eigenen Tugenden.

Beim Auspacken des unsichtbaren Rucksacks mit White Privilege, habe ich Bedingungen alltäglicher Erfahrung aufgelistet, die ich vorher für selbstverständlich hielt. Auch habe ich von keiner dieser Bedingungen als schlecht für den Inhaber gedacht. Ich denke jetzt, dass wir eine feiner differenzierte Taxonomie [3] für Privilegien benötigen, da einige dieser Variationen nur das sind, was man für alle wollen würde in einer gerechten Gesellschaft, und andere die Lizenz geben, ignorant, ahnungslos, arrogant und destruktiv zu sein.
Ich sehe ein Muster die Matrix von White Privilege durchziehen, ein Muster von Annahmen, die an mich als weiße Person weitergegeben wurden. Es gab ein wichtiges Stück Kulturrasen, es war mein Rasen, und ich war bei denen, die den Rasen kontrollieren konnten. Mein Weißsein war ein Vorteil für jede Bewegung, die ich erzogen war, machen zu wollen. Ich konnte über mich als auf wesentliche Arten zugehörig denken, und daran, die Sozialsysteme für mich funktionieren zu lassen. Ich konnte frei verunglimpfen, fürchten, vernachlässigen oder ahnungslos sein gegenüber allem außerhalb der dominanten weißen Formen. Als Angehörige der weißen Dominanzkultur konnte ich diese auch ziemlich frei kritisieren.

In dem Maße, wie meine weiße Gruppe selbstsicher, ungezwungen und ahnungslos gemacht wurde, dürften andere Gruppen unsicher, unbehaglich und entfremdet geworden sein. Weißsein schützte mich vor vielen Arten von Feindseligkeit, Angst und Gewalt, die mir wiederum auf subtile Art antrainiert wurde, People of Color aufzuerlegen.

Aus diesem Grund erscheint mir das Wort “Privileg” jetzt irreführend. Normalerweise denken wir über Privilegien als in einer bevorzugten Lage sein, ob verdient oder durch Geburt oder Glück übertragen. Doch arbeiten einige der Bedingungen, die ich hier beschrieben habe, systematisch darauf hin, bestimmte Gruppen zu über-ermächtigen. Ein solches Privileg verleiht einfach Dominanz, weil jemand weiß ist.

Verdiente Stärke, unverdiente Macht

Ich will dann unterscheiden zwischen verdienter Stärke und unverdienter Macht. Verliehenes Privileg kann wie Stärke aussehen, wenn es tatsächlich eine Erlaubnis ist, zu entkommen oder zu dominieren. Aber nicht alle Privilegien auf meiner Liste sind zwangsläufig schädlich. Einige, wie die Erwartung, dass die Nachbar*innen anständig zu dir sein werden, oder dass vor Gericht nicht gegen dich verwendet wird, dass Du weiß, Schwarz oder Person of Color bist, sollten die Norm sein in einer gerechten Gesellschaft. Andere, wie das Privileg weniger mächtige Menschen zu ignorieren, verzerren die Menschlichkeit sowohl der Inhaber als auch der ignorierten Gruppen.

Wir könnten zumindest beginnen, indem wir unterscheiden zwischen positiven Vorteilen, bei denen wir daran arbeiten können, sie auszubreiten, und negativen Arten von Vorteilen, die, wenn sie nicht zurückgewiesen werden, immer unsere gegenwärtigen Hierarchien stärken werden. Zum Beispiel sollte das Gefühl, dass man in den menschlichen Kreis gehört, wie die amerikanischen Ureinwohner*innen sagen, nicht ein Privileg Weniger sein.
Im Idealfall ist das ein Anspruch, den man nicht verdienen muss. Derzeit, da nur Wenige ihn haben, ist es ein unverdienter Vorteil für diese. Dieser Artikel resultiert aus einem Prozess des Erkennens, dass einiges der Macht, die ich ursprünglich als zum menschliches-Wesen-Sein in den Vereinigten Staaten zugehörig sah, aus unverdientem Vorteil und übertragener Dominanz bestand.

Ich habe nur sehr wenige Männer getroffen, die wirklich erschüttert waren über systemisches, unverdientes, männliches Privileg und die damit übertragene Dominanz.
Und so ist eine Frage für mich und andere wie mich, ob wir wie sie sein werden, oder ob wir wirklich erschüttert, sogar empört sein werden, über weiße Privilegien und damit übertragene Dominanz, und wenn ja, was wir tun werden, um diese zu verringern. In jedem Fall müssen wir mehr daran arbeiten, zu identifizieren, wie sie tatsächlich Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Viele, vielleicht die meisten, unserer weißen Studierenden in den Vereinigten Staaten glauben, dass Rassismus sie nicht betrifft, weil sie keine People of Color sind; sie sehen Weißsein nicht als Teil ihrer Identität.

Darüber hinaus, da Weißsein und Mannsein nicht die einzigen bevorteilenden Systeme am Werk sind, müssen wir gleichermaßen die täglichen Erfahrungen mit Vorteilen durch Alter oder Ethnizität oder körperliche Fähigkeit oder Vorteile in Bezug auf Nationalität, Religion oder sexuelle Orientierung untersuchen.

Schwierigkeiten und Gefahren um die Aufgabe, Parallelen zu finden, gibt es viele. Da Rassismus, Sexismus und Heterosexismus nicht gleich sind, sollten die Vorteile, die mit ihnen verbunden sind, nicht als gleich angesehen werden. Darüber hinaus ist es schwierig, Aspekte unverdienten Privilegs zu entwirren, die mehr auf sozialer Klasse, ökonomischer Klasse, Weißsein, Religion, Geschlecht und kultureller Identität beruhen, als auf anderen Faktoren. Dennoch sind alle Unterdrückungen miteinander verzahnt, wie die Mitglieder des Combahee River Collective in ihrem “Black Feminist Statement” von 1977 aufgezeigt haben.

Ein Faktor scheint klar über all die verzahnten Unterdrückungen: Sie nehmen sowohl aktive Formen an, die wir sehen können, als auch eingebettete Formen, die man als Mitglied der dominanten Gruppen gelehrt wird, nicht zu sehen. In meiner Klasse und meinem Ort habe ich mich selbst nicht als rassistisch gesehen, weil mir beigebracht wurde, Rassismus nur in einzelnen Handlungen der Gemeinheit von Mitgliedern meiner Gruppe zu sehen, nie in unsichtbaren Systemen, die unaufgefordert von Geburt an weiße Dominanz auf meine Gruppe übertragen.

Missbilligung des Systems wird nicht ausreichen, um dies zu ändern. Mir wurde beigebracht, zu denken, dass Rassismus enden könnte, wenn weiße Individuen ihre Haltung ändern würden. Aber Weißsein öffnet in den Vereinigten Staaten viele Türen für Weiße, egal ob oder ob wir nicht die Art, wie Dominanz auf uns übertragen wurde, billigen. Individuelle Handlungen können diese Probleme lindern, aber nicht beenden.

Um soziale Systeme neu zu gestalten, müssen wir zuerst ihre kolossalen unsichtbaren Dimensionen anerkennen. Das Schweigen und Abstreiten, das weiße Privilegien umgibt, sind die wichtigsten politischen Werkzeuge hier. Sie halten das Denken über Gleichberechtigung oder Gleichheit unvollständig, schützen unverdientes Privileg und übertragene Dominanz, indem sie dieses Thema tabuisieren. Das meiste Gerede von Weißen über Chancengleichheit erscheint mir jetzt über die Chancengleichheit zu sein, zu versuchen, in eine dominante Position zu kommen, während man abstreitet, dass Systeme von Dominanz existieren.

Es scheint mir, dass Ignoranz gegenüber weißen Privilegien, genau wie Ignoranz gegenüber männlichen Privilegien in den Vereinigten Staaten stark unbewusst unterstützt gehalten wird, um den Mythos der Meritokratie aufrecht zu erhalten, den Mythos, dass demokratische Wahl für alle gleichermaßen verfügbar ist. Dass die meisten Menschen unwissend darüber gelassen werden, dass die Freiheit selbstbewusster Aktion nur für eine kleine Anzahl von Menschen da ist, unterstützt diejenigen, die an der Macht sind und dient dazu, die Macht in den Händen der gleichen Gruppen zu halten, die bereits am meisten davon haben.

Obwohl systemische Veränderung viele Jahrzehnte dauert, gibt es drängende Fragen für mich und, so stelle ich mir vor, für einige andere wie mich, wenn wir unser tägliches Bewusstsein für die Begünstigungen des Weiß-Seins erhöhen. Was wollen wir mit diesem Wissen tun? Wie wir aus der Beobachtung von Männern wissen, ist es eine offene Frage, ob wir uns entscheiden, unverdienten Vorteil zu nutzen, und ob wir etwas von unserer willkürlich verliehenen Macht nutzen, um zu versuchen, Machtsysteme auf einer breiteren Basis zu rekonstruieren.

Quelle:
White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack via Amptoons und via NYMBP (.pdf)

Links:
Combahee River Collective via History Is A Weapon: The Combahee River Collective Statement (1977)
Wikipedia: Combahee River Collective [Englisch | Deutsch]
Wikipedia: Whiteness Studies | Weißsein
Transcript: Barack Obama’s Speech on Race, March 18, 2008
Linksnet: Critical Whiteness – ein falscher Freund?

Was ist Rape Culture?

[Triggerwarnung, offensichtlich]

Aus der englischen Wikipedia übersetzt:

Rape Culture ist ein Konzept, das verwendet wird, um eine Kultur zu beschreiben, in der Vergewaltigung und sexuelle Gewalt weit verbreitet sind, und in der vorherrschende Einstellungen, Normen, Praktiken und Medien sexuelle Gewalt normalisieren, entschuldigen, tolerieren, oder sogar gutheißen.

Beispiele für Verhaltensweisen die üblicherweise mit Rape Culture verbunden werden, sind Victim Blaming [Schuld auf das Opfer schieben], sexuelle Objektifizierung, und Trivialisierung von Vergewaltigung.

Rape Culture ist verwendet worden, um Verhalten innerhalb sozialer Gruppen abzubilden, darunter Strafvollzugssysteme, wo Gefängnisvergewaltigung weit verbreitet ist, und Krisengebiete, wo Vergewaltigung im Krieg als psychologische Kriegsführung verwendet wird. Ganzen Ländern wurde ebenfalls vorgeworfen, Vergewaltigungskulturen zu sein.[1][2][3][4][5]

Obwohl das Konzept der Rape Culture eine allgemein akzeptierte Theorie in der feministischen Wissenschaft ist, besteht noch Uneinigkeit darüber, was eine Vergewaltigungskultur definiert, und bis zu welchem Grad eine bestimmte Gesellschaft die Kriterien erfüllt, um als Vergewaltigungskultur betrachtet zu werden.

Rape Culture, so wurde festgestellt, korrelliert mit anderen sozialen Faktoren und Verhaltensweisen. Die Forschung hat eine Korrelation zwischen Vergewaltigungsmythen, Victim Blaming und Trivialisierung von Vergewaltigung mit einer erhöhten Inzidenz von Rassismus, Homophobie, Altersdiskriminierung, Klassismus, religiöser Intoleranz und anderen Formen von Diskriminierung identifiziert. [6][7] […]

Feministische Theorie

Der Rape Culture Theorie zufolge, wird sexistisches Handeln oft eingesetzt, um frauenfeindliche Praktiken zu validieren und zu rationalisieren. Zum Beispiel können sexistische Witze erzählt werden, um Respektlosigkeit gegenüber Frauen und eine begleitende Missachtung ihres Wohlergehens zu fördern. Ein Beispiel wäre, ein weibliches Vergewaltigungsopfer dafür verantwortlich zu machen, vergewaltigt worden zu sein, wegen der Art, wie sie sich gekleidet oder gehandelt hat.

In der Rape Culture wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen als ein Kontinuum angesehen in einer Gesellschaft, die die Körper von Frauen als standardmäßig sexuell verfügbar betrachtet.[23]

Als Ursache für Rape Culture wird in der Regel die „Herrschaft über und Objektifizierung von Frauen“ angenommen.[24] Allerdings meint die akademische Theorie, dass Rape Culture nicht unbedingt eine einzelne Ursache hat, und dass Ursachen basierend auf anderen sozialen Aspekten der Kultur lokalisiert werden können.[25] Zum Beispiel führte in Südafrika die übergeordnete „Kriegskultur“, die Männlichkeit und Gewalt hervorhebt, zu einer Kultur, in der Vergewaltigung normalisiert wurde.[22][24]

Ein öffentliches Dokument des University of California Davis [Health System] unterstellte, dass die Durchsetzung des Befolgens von sozialen Regeln durch Frauen und die Konditionierung auf Geschlechterrollen die Hauptursachen waren.[26] Laut einer Studie über Date Rape [Vergewaltigung nach Verabredungen], gelten geschlechtsspezifische Missverständnisse als wichtiger Faktor, der zu einer Rape Culture auf dem Campus führt.[27] Der allgemeine Unwillen von Polizei und Staatsanwälten, Vergewaltigungen zu verfolgen, wo keine Gewalt involviert war, oder wo das Opfer irgendeine Beziehung mit dem Agressor hatte, wird ebenfalls als Motivation für Date Rape und Vergewaltigung auf dem Campus angegeben. [25]

Rape Culture steht auch in engem Zusammenhang mit Slut-Shaming [„Schlampen“ beschämen] und Victim Blaming [Schuld auf das Opfer schieben], wo Vergewaltigungsopfer als für die Vergewaltigung verantwortlich betrachtet werden, und es wird argumentiert, dass diese Verbindung der Präsenz einer Kultur geschuldet ist, die weibliche Sexualität beschämt [skandalisiert]. Dass einige Vergewaltigungen nicht bei der Polizei gemeldet werden aus Angst, sie würden nicht geglaubt, wird oft als Symptom von Rape Culture genannt [25] [28], dass sie dachten, die Polizei würde ihnen nicht glauben, wird als Grund von 6% der Frauen angegeben, die Vergewaltigung nicht gemeldet haben. [29] Pornographie wurde auch häufig als Beitrag zu Rape Culture ins Visier genommen, weil sie als Beitrag zu größeren Mustern von Unterdrückung angenommen wird. Einer der Wege, wie sie dies tun soll, ist, indem sie den weiblichen Körper zur Ware reduziert.[30]

Obwohl viel ihres frühen Einsatzes alsTheorie, um das Auftreten von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt zu erklären, auf Vergewaltigung von Frauen fokussiert war, ist Rape Culture als nachteilig sowohl für Männer als auch für Frauen beschrieben worden. Einige Autoren und Redner, wie Jackson Katz, Michael Kimmel, und Don McPherson, sagten, dass sie untrennbar verbunden ist mit Geschlechterrollen, die männliche Selbstdarstellung limitieren und psychische Schäden an Männern verursachen.[31]

Aus „Transforming a Rape Culture“ von Emilie Buchwald, Pamela Fletcher und Martha Roth (via Finally Feminism 101 / Shakesville: Rape Culture 101) übersetzt:

Eine Vergewaltigungskultur ist ein Komplex von Überzeugungen, die männliche sexuelle Aggressionen fördern und Gewalt gegen Frauen unterstützen. Sie ist eine Gesellschaft, in der Gewalt als sexy und Sexualität als gewalttätig angesehen wird. In einer Vergewaltigungskultur nehmen Frauen ein Kontinuum angedrohter Gewalt wahr, die von sexuellen Bemerkungen, sexuellen Berührungen, bis hin zu Vergewaltigung selbst reicht. Eine Vergewaltigungskultur duldet physischen und emotionalen Terror gegen Frauen als die Norm.

In einer Vergewaltigungskultur gehen sowohl Männer als auch Frauen davon aus, dass sexuelle Gewalt eine Lebenswirklichkeit ist, unausweichlich wie der Tod oder Steuern. Diese Gewalt ist jedoch weder biologisch noch gottgewollt. Vieles, das wir als unvermeidlich akzeptieren, ist in Wirklichkeit Ausdruck von Werten und Haltungen die sich ändern können.

Aus Finally Feminism 101 / Shakesville: Rape Culture 101 übersetzt:

Rape Culture fördert männliche sexuelle Aggression. Rape Culture betrachtet Gewalt als sexy und Sexualität als gewalttätig. Rape Culture behandelt Vergewaltigung als Kompliment, als ungezügelte Leidenschaft, erregt in einem gesunden Mann von einer schönen Frau, die den Drang unwiderstehlich macht, ihr Mieder aufzureißen, oder sie gegen eine Wand zu schlagen, oder gegen einen schmiedeeisernen Zaun oder eine Motorhaube, oder sie an den Haaren zu ziehen, oder sie auf ein Bett zu schubsen, oder eine Million weiterer Bilder von Kampf-Ficken in Filmen und TV-Shows und auf den Titelseiten von Liebesromanen, die vermitteln, dass gewalttätige Triebe untrennbar mit (heterosexueller) Sexualität verbunden sind.

Rape Culture behandelt Heterosexualität als Norm. Rape Culture wirft queere Sexualität mit nicht-konsensualen sexuellen Praktiken wie Pädophilie und Sex mit Tieren in einen Topf. Rape Culture privilegiert Heterosexualität, weil allgegenwärtige Bilder von zwei Erwachsenen des gleichen Geschlechts in egalitären Partnerschaften ohne geschlechtsspezifische Dominanz und Unterwerfung (fehlerhafte) biologische Begründungen für die Existenz von Rape Culture unterminieren.

Rape Culture ist, Vergewaltigung als Waffe zu verwenden, als Werkzeug von Krieg und Völkermord und Unterdrückung. Rape Culture ist, Vergewaltigung als Korrektiv einzusetzen, um queere Frauen zu „heilen“. Rape Culture ist eine militarisierte Kultur und „das natürliche Produkt aller Kriege, überall, zu allen Zeiten, in allen Formen.“

Rape Culture ist, dass 1 von 33 Männern einmal im Leben sexuell angegriffen wird. Rape Culture ermutigt Männer, die Sprache von Vergewaltigung zu benutzen, um Dominanz über einander herzustellen („Ich mach dich zu meiner Bitch“). Rape Culture macht Vergewaltigung zu einem allgegenwärtigen Teil von männlichem Bonding. Rape Culture ignoriert die riesige Notwendigkeit einer Reform für Männergefängnisse teilweise, weil die Bedrohung, im Gefängnis vergewaltigt zu werden, als akzeptable Abschreckung, Verbrechen zu begehen, betrachtet wird, und die Bedrohung nur funktioniert, wenn tatsächliche Männer tatsächlich vergewaltigt werden.

Rape Culture ist, dass 1 von 6 Frauen einmal im Leben sexuell angegriffen wird. Rape Culture ist, nicht mal über die Realität, dass viele Frauen mehrfach in ihrem Leben sexuell angegriffen werden, zu reden. Rape Culture ist die Art und Weise, in der die ständige Bedrohung sexueller Übergriffe die täglichen Bewegungen von Frauen beeinträchtigt. Rape Culture erklärt Mädchen und Frauen vorsichtig zu sein, was man anzieht, wie man es anzieht, wie man auftritt, wohin man geht, wann man dort hin geht, mit wem man geht, wem man vertraut, was man tut, wo man es tut, mit wem man es tut, was man trinkt, wieviel man trinkt, ob man Augenkontakt herstellt, ob, man allein ist, ob man mit einem Fremden zusammen ist, ob man in einer Gruppe ist, ob man in einer Gruppe Fremder ist, ob es dunkel ist, ob die Gegend nicht vertraut ist, ob man etwas trägt, wie man etwas trägt, was für Schuhe man trägt für den Fall dass man weglaufen muss, was für eine Tasche man mitnimmt, welchen Schmuck man trägt, wie spät es ist, welche Straße es ist, welches Umfeld es ist, mit wievielen Leuten man schläft, mit was für Leuten man schläft, wer deine Freunde sind, wem du deine Nummer gibts, wer anwesend ist wenn der Lieferservice kommt, ein Apartment zu bekommen wo man sieht wer an der Tür ist bevor man aufmacht, zu gucken bevor man dem Lieferservice die Tür aufmacht, einen Hund oder eine Maschine die Hundegeräusche macht zu besitzen, sich eine/n Mitbewohner/in zu suchen, Selbstverteidigungskurse zu machen, immer wachsam und aufmerksam zu sein und immer die Augen aufzuhalten und immer die Umgebung wahrnehmen, und nie unachtsam sein für einen Moment damit du nicht sexuell angegriffen wirst, und wenn doch und du wirst und du hast nicht alle Regeln befolgt, ist es dein Fehler.

Rape Culture ist Victim-Blaming. Rape Culture ist, wenn ein Richter einem Kind die Schuld an ihrer eigenen Vergewaltigung gibt. Rape Culture ist, wenn ein Pfarrer die Schuld den Kindern gibt, die seine Opfer waren. Rape Culture wirft einem Kind vor, Geiselhaft, Vergewaltigung und Folter zu genießen. Rape Culture investiert enorm viel Zeit, irgendeinen Grund zu finden, warum einem Opfer für ihre/seine eigene Vergewaltigung die Schuld gegeben werden kann.

Rape Culture ist, wenn Richter die Verwendung des Wortes Vergewaltigung im Gerichtssaal verbieten. Rape Culture ist, wenn die Medien Euphemismen für sexuelle Übergriffe benutzen. Rape Culture ist, wenn Stories über Vergewaltigung unter „Odd News“ [Seltsame Nachrichten] gebracht werden.

Rape Culture ist, den Opfern die Last der Vergewaltigungsprävention aufzuerlegen.

Rape Culture ermutigt Frauen, Selbstverteidigung zu lernen, als ob das die die einzige erforderliche Lösung wäre, Vergewaltigung zu verhindern. Rape Culture mahnt Frauen, „gesunden Menschenverstand zu lernen“ oder „verantwortungsvoller zu sein“ oder „sich der Risiken in Bars bewusst zu sein“ oder „diese Orte zu meiden“ oder „sich nicht auf diese Art zu kleiden„, und versagt, Männer zu ermahnen, nicht zu vergewaltigen.

Rape Culture ist, wenn „nichts“ die häufigste Antwort auf die Frage ist, was Leute formell über Vergewaltigung gelehrt wurden.

Rape Culture ist, wenn Jungen unter 10 Jahren wissen, wie man vergewaltigt.

Rape Culture ist die Vorstellung, dass nur bestimmte Leute vergewaltigen – und nur bestimmte Leute vergewaltigt werden. Rape Culture ignoriert, dass das Ding bei Vergewaltigern ist, dass sie Menschen vergewaltigen. Sie vergewaltigen Menschen die stark sind und Menschen die schwach sind, Menschen die klug sind und Menschen die dumm sind, Menschen die sich wehren und Menschen die sich fügen um es hinter sich zu bringen, Menschen die Schlampen sind und Menschen die prüde sind, Menschen die reich sind und Menschen die arm sind, Menschen die groß sind und Menschen die klein sind, Menschen die fett sind und Menschen die dünn sind, Menschen die blind sind und Menschen die sehen, Menschen die gehörlos sind und Menschen die hören, Menschen aller Rassen* und Formen und Größen und Fähigkeiten und aller Umstände.

Rape Culture ist die Erzählung, dass Sexarbeiter_innen nicht vergewaltigt werden können. Rape Culture ist die Behauptung, dass Ehefrauen nicht vergewaltigt werden können. Rape Culture ist die Behauptung, dass nur nette Mädchen vergewaltigt werden können.

Rape Culture weigert sich anzuerkennen, dass die einzige Sache, die die Opfer alle Vergewaltiger gemeinsamen haben, verficktes Pech ist. Rape Culture weigert sich anzuerkennen, dass das einzige, was ein Mensch tun kann, um nicht vergewaltigt zu werden ist, nie im selben Raum wie ein Vergewaltiger zu sein. Rape Culture ist, zu vermeiden darüber zu reden, was für eine absurd unsinnige Erwartung das ist, da Vergewaltiger sich nicht ankündigen, Schilder tragen oder lila leuchten.

Rape Culture ist, wo Menschen, die dich schützen sollen – wie Eltern, Lehrer, Ärzte, Pfarrer, Polizisten, Soldaten, Selbstverteidigungslehrer – dich stattdessen vergewaltigen.

Rape Culture ist, wenn ein Serien-Vergewaltiger in ein staatliches Panel berufen wird, das Entscheidungen bezüglich der Gesundheit von Frauen trifft.

Rape Culture ist ein Urteil, das sagt, Frauen könnten ihre Einwilligung nicht zurückziehen, wenn der Sex einmal begonnen hat.

Rape Culture ist ein kollektives Verständnis über Klassifikationen von Vergewaltigern: Der „normale“ Vergewaltiger (dessen Verbrechen höchst wahrscheinlich mit einer „Boys Will Be Boys“ [Jungen sind nun mal so] -Art scherzhafter Entschuldigung abgewiesen wird) ist der Mann, der sich attraktiven Frauen aufzwingt, Frauen in seinem Alter in guter Gesundheit und Form, dessen Verbrechen seinen männlichen Verteidigern erschreckend verständlich ist. Die „echten Irren“ sind die Männer, die es auf Kinder, alte Frauen, Behinderte, Unfallopfer im Koma abgesehen haben – der Art von Menschen, die sich nicht wehren können, deren Vergewaltigung schwerlich als erregend vorstellbar ist, im Gegensatz zur Vergewaltigung „hübscher Mädchen“, die so einfach in eine Kampffick-Fantasie zu gießen ist, von Kreischen und Winden und schlussendlich der Schmeichelei, vergewaltigt zu werden, nachgeben.

Rape Culture ist das Beharren auf den Versuch, zwischen verschiedenen Arten von Vergewaltigung zu unterscheiden via Verwendung von Begriffen wie „Grauzonenvergewaltigung“ oder „Date Rape„.

Rape Culture sind allgegenwärtige Erzählungen über Vergewaltigungen, die trotz gegenteiliger Beweise existieren.

Rape Culture sind allgegenwärtige Vorstellungen über Vergewaltigung durch Fremde, obwohl Frauen dreimal häufiger von jemandem, den sie kennen, als von einem Fremden vergewaltigt werden, und neun Mal häufiger zu Hause, bei jemandem den sie kennen zu Hause, oder anderswo als auf der Straße vergewaltigt werden, so dass, was man gemeinhin als „Date Rape“ bezeichnet, mit Abstand die häufigste Art von Vergewaltigung ist.

Rape Culture ist allgegenwärtiges Beharren darauf, dass falsche Beschuldigungen verbreitet sind, obwohl sie weniger häufig (1,6 %) als falsche Beschuldigungen über Autodiebstahl (2,6 %) sind. Rape Culture sind allgegenwärtige Behauptungen, dass Frauen „einfach so“ Vergewaltigungsvorwürfe machen, wenn 61% der Vergewaltigungen ungemeldet bleiben.

Rape Culture ist die allgegenwärtige Erzählung, dass es eine „typische“ Art gibt, sich zu verhalten, nachdem man vergewaltigt wurde, anstatt der Anerkennung, dass die Reaktionen auf Vergewaltigung so vielfältig wie ihre Opfer sind, dass unmittelbar nach einer Vergewaltigung, einige Frauen einen Schock erleiden; einige luzid sind, einige ärgerlich sind; einige sich schämen, einige stoisch sind; einige erratisch sind; einige Anzeige erstatten wollen, einige nicht; einige handeln werden, einige sich in sich selbst verkriechen werden; einige ein gesundes Sexualleben haben werden, einige niemals wieder.

Rape Culture ist die allgegenwärtige Erzählung, dass einem Vergewaltigungsopfer, das ihre/seine Vergewaltigung anzeigt, bereitwillig geglaubt und es gut unterstützt wird, anstatt anzuerkennen, dass eine Vergewaltigung anzuzeigen ein riesiger persönlicher Einsatz ist, ein schwieriger Prozess, der peinlich, beschämend, verletzend, frustrierend sein kann, und allzu oft vergeblich. Rape Culture ignoriert, dass es sehr wenig Anreiz gibt, eine Vergewaltigung anzuzeigen; es ist eine schreckliche Erfahrung mit niedriger Wahrscheinlichkeit, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird.

Rape Culture sind Krankenhäuser, die keine Beweissicherung machen, ungläubige Strafverfolgungsbehörden, unmotivierte Staatsanwälte, feindselige Richter, Opfer beschuldigende Geschworene, und dürftige Strafzumessungen.

Rape Culture ist die Tatsache, dass höhere Fallzahlen von Vergewaltigung dazu neigen mit niedrigeren Verurteilungsraten zu korrelieren.

Rape Culture ist Schweigen zu Vergewaltigung im nationalen Diskurs und bei Vergewaltigungsopfern zu Hause. Rape Culture ist, Vergewaltigung durchgemacht zu haben als etwas zu behandeln, für das man sich schämen müsste.

Rape Culture ist, wenn Familien auseinander gerissen werden wegen Vergewaltigungsvorwürfen, die nicht geglaubt oder ignoriert oder in einem Stahltresor aus Geheimhaltung in einem tiefen dunklen Meer versenkt werden.

Rape Culture ist die Objektifizierung von Frauen, die Teil eines Entmenschlichungsprozesses ist, der Zustimmung irrelevant macht. Rape Culture ist, Körper von Frauen wie öffentliches Eigentum zu behandeln. Rape Culture ist Belästigung auf der Straße und Angrabschen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gleichsetzung der Körper vergewaltigter Frauen mit einem Mann, der mit aus den Taschen hängenden Wertsachen herumläuft. Rape Culture ist, wenn die meisten Männer so weit entfernt sind von der Bedrohung durch Vergewaltigung, dass ihnen Diebstahl als naheliegendster Vergleich zu einem gewaltsamen sexuellen Übergriff einfällt.

Rape Culture ist, 13jährige Mädchen wie Trophäen für Männer, die als große Künstler betrachtet werden, zu behandeln.

Rape Culture ist, zu ignorieren, in welcher Weise berufliche Umfelder, die sexuellen Zugang zu weiblichen Untergebenen als Ansprüche erfolgreicher Männer behandeln, Zwang verursachen und enthusiastische Zustimmung kompromittieren können.

Rape Culture ist, wenn ein überführter Vergewaltiger stehende Ovationen in Cannes bekommt, einen Cameo-Auftritt in einem Kinohit, und ein Wiederaufleben seiner Karriere bei dem er Witze darüber machen kann, wie er es hasst zu sehen, wenn Menschen verletzt werden.

Rape Culture ist, wenn es heißt, Hundekämpfe zu veranstalten rufe mehr Empörung hervor als es die Vergewaltigung einer Frau würde.

Rape Culture sind verwischte Linien zwischen Hartnäckigkeit und Zwang. Rape Culture ist, verminderte Fähigkeit zur Zustimmung als natürlichen Weg zu sexueller Aktivität zu behandeln.

Rape Culture ist, vorzugeben, dass nicht-physische sexuelle Übergriffe wie Voyeurismus völlig ohne Bezug zu brutalen und physischen sexuellen Übergriffen sind, anstatt sie als Kontinuum sexueller Übergriffe zu betrachten.

Rape Culture mindert die Schwere jeder sexuellen Nötigung, versuchten sexuellen Nötigung oder Kultur tatsächlichen oder potenziellen Zwangs in jeder Weise.

Rape Culture ist, das Wort „Vergewaltigung“ zu benutzen, um etwas, das mit dir gemacht werden muss, und nicht erzwungenen oder abgenötigten Sex, zu beschreiben. Rape Culture ist, Dinge zu sagen wie „Der Geldautomat hat mich mit einer riesigen Gebühr vergewaltigt“ oder „Das Finanzamt hat mich auf meine Steuern vergewaltigt“.

Rape Culture ist, Vergewaltigung als Unterhaltung zu nutzen, in Filmen und TV-Shows und Büchern und in Videospielen.

Rape Culture sind Fernsehsendungen und Filme, die Vergewaltigung weglassen aus Situationen, wo sie im wirklichen Leben präsent und eine signifikante Gefahr wäre.

Rape Culture ist, wenn Amazon anbietet „Vergewaltigungs“-Produkte für Sie zu finden.

Rape Culture sind Vergewaltigungwitze. […]

Rape Culture ist, wenn Menschen die Einwände gegen den Müll der Rape Culture haben, eher überempfindlich genannt werden, als Menschen, die Rape Culture perpetuieren, nicht empfindlich genug.

Rape Culture ist, wie die unzähligen Arten, auf die Vergewaltigung stillschweigend und offen begünstigt und gefördert wird, jede Ecke unserer Kultur so gründlich saturiert haben, dass Leute nicht so einfach begreifen, was Rape Culture eigentlich ist.

Und das ist längst nicht alles. Es ist lediglich die Spitze eines unermesslichen Eisbergs.

Rape Culture ist die verbreitete Fehlinterpretation von „Schrödingers Rapist“ dahingehend, dass alle Männer für potentielle Vergewaltiger gehalten würden, anstatt als Aufforderung, Ängste zu respektieren, und sich entsprechend zu verhalten.

Rape Culture ist Scott Adams‘ Intelligenz beleidigender Blogpost „Pegs and Holes“, in dem er erklärte, Männer können nicht anders und die von der Gesellschaft auferlegte Zurückhaltung in Bezug auf Vergewaltigung sei gegen die männliche Natur.

Rape Culture ist, wenn Strafverteidiger Penetration einer schlafenden oder halb schlafenden Frau nicht als Vergewaltigung qualifizieren. Und wenn derjenige, dem das vorgeworfen wird, erklärt „Schweden ist das Saudi-Arabien des Feminismus. Ich bin in ein Hornissennest des revolutionären Feminismus gefallen“ und seine Unterstützer Fehlverhalten nicht bei ihm sondern bei „Feministen (Typ Feminazi)“ sehen.

Rape Culture ist, wenn Todd Akin behauptet, von „legitimate rape“ könne man nicht schwanger werden, weil der weibliche Körper „Wege hat“, „diese ganze Sache herunterzufahren“. Und Rape Culture ist vor allem, dass er nicht der einzige „Pro-Life“ / Anti-Choice-Vertreter ist, der so etwas verbreitet.

Rape Culture ist, wenn ein 31jähriger vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wird, weil sein 15jähriges Opfer Nein gesagt, sich aber aus Angst nicht gewehrt hat. Rape Culture ist, wenn dann plötzlich und kurzfristig die breite Masse schockiert, weswegen sich Feminist_innen seit Jahren die Tastaturen fusselig schreiben. Rape Culture ist ein Vergewaltigungsparagraph, der nicht jede Form von sexuellem Verkehr ohne Zustimmung unter Strafe stellt. Und Strafverteidiger, die erklären, dass müsse so sein, weil sonst einvernehmlicher Sex nachträglich in eine Straftat umgedeutet werden könnte.

Rape Culture ist, wo Juristen den Unterschied zwischen sexualisierter Gewalt und Sex am wehren oder nicht wehren festmachen. Und über Leute, die darauf hinweisen, dass daran was nicht in Ordnung ist, erklären, diese wollten die Unschuldsvermutung aushebeln oder gleich den Rechtsstaat abschaffen.

Vorher in diesem Blog:
Consent Culture 101 für Dummies

Links:
FinallyFeminism101: FAQ: Rape Culture
Rape Crisis England and Wales: Common Myths About Rape
The Pervocracy: Rescripting Sex
The Pervocracy: Asking.