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Romantische Zweierbeziehung und warum Liebe weh tut

 

Für mich und all die anderen, die im Teelöffel fischen.

Fast zwei Jahre ist dieser Post her. Ich würde heute vieles anders schreiben. Darum schreibe ich diesen Post, auch auf die Gefahr hin, dass mich wieder aufgebrachte Heten beschimpfen und mir erklären, dass das alles nicht stimmt, weil sie anders sind.

Normative Ideale muss niemand exakt so leben, damit sie ihre Funktion erfüllen. Romantik ist ein normatives Ideal. Und dieses sich selbst als anders verorten, passiert meines Erachtens viel zu schnell. Darum dieser Post.

Ich sehe sehr viel Polyamorie um mich rum und sehr wenig Anstrengung, sich mit dem ganzen Mist auseinanderzusetzen, den man auch dort wieder hinein trägt. Anders ist nicht automatisch besser, aber viele scheinen das anzunehmen.

Und ich finde, zu wirklich emanzipatorischen Beziehungspraxen gehört sehr viel mehr Anstrengung.

tl;dr Es gibt im Kapitalismus keine Liebe außerhalb seiner Konkurrenzverhältnisse.

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Die Romantische Zweierbeziehung

Was gibts zu kritisieren an der Romantischen Zweierbeziehung?

Sie ist normativ und ausschließend. Zu ihr gehören zwei Leute, nicht mehr, nicht weniger. Idealerweise ein Mann und eine Frau. In linken Kreisen wird sie deshalb oft verschämt gelebt. Dazu gibt es diesen Text von Fremdgenese, der die RZB als „Trotzdem“ analysiert. Mit all diesen Trotzdems, die wir so leben, wenn wir die RZB leben, während eine bessere Zukunft noch nicht so ganz absehbar ist.

Warum RZB? Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre. Letztere auch als Sphäre der Ausbeutung durch unbezahlte Arbeit. Die heterosexuelle Paarbeziehung ist funktional für den Kapitalismus. In der Fachsprache nennt man sie deswegen „systemtragende Scheiße“.

Aber die RZB ist auch: Liebe, Zärtlichkeit, Loyalität. Ganz und unverstellt geliebt werden. Der Gegenentwurf zur Individualisierung. Liebe bedeutet Zuneigung, Zärtlichkeit und Nähe, Sex, Verbindlichkeit, das Gegenteil von Einsamkeit, Hingabe, Treue (vielleicht), … und Schmerz. Liebe bedeutet nicht für alle dasselbe, aber darum gehts hier gerade, das, womit sie aufgeladen ist.

Heteronormativität reglementiert hin zu Hetero- und Paarbeziehungen und privilegiert diese. Ganz oder teilweise ausgeschlossen sind Menschen, die nicht in diese Normen passen: Homosexuelle, bisexuelle, asexuelle, trans*, intersexuelle, aromantische Menschen und Abstufungen/Variationen, Menschen ohne Partner*in, mit Mehrfachbeziehungen, … (Ich will nicht sagen, dass die alle diskriminiert wären.)

Die Liebe ist bei Luhmann ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“, ein Code, mit dem wir in der Lage sind, Gefühle auszudrücken. Die Art, wie wir Intimität kodieren. Wir lieben nicht “von Natur aus” wie wir das tun, wir lernen das, und zwar in unterschiedlichen zeitlichen und kulturellen Kontexten unterschiedlich.

Menschen sind „von Natur aus“ so wenig mono- wie poly-romantisch. Man ist nicht „born this way“ in ein soziales Konstrukt.

Romantik ist ein kultureller Code. Wir laden Dinge mit Bedeutung auf nach bestimmten Regeln. Die lernen wir, durch Abschauen von der Umwelt, Liebeslieder, romantische Komödien … um dann Dinge zu wissen über Paris, Candlelight-Dinner, Blumen … Einige sind ganz schlau, und behaupten, dass Romantik bei ihnen nicht funktioniert, während sie einfach nur andere Dinge mit derselben Bedeutung auf- und überladen. (Über Romantik im Kapitalismus: Eva Illouz „Consuming the Romantic Utopia“)

Fakt ist: Die Romantik ist nicht vom Himmel gefallen. Das war nicht „schon immer“ so und ist nicht irgendeine „menschliche Natur“.

Beziehungen existieren in keinem Machtvakuum. Die Machtverhältnisse werden von den wenigsten gerne hinterfragt, weil die Liebe als Rückzugsort konzipiert ist, über den man sich nicht auch noch die Illusionen nehmen will. Aber Ausblenden hilft halt nicht gegen Probleme.

[Jetzt kommt der beliebte Theorieteil, falls ihr den überspringen wollt.]

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I. Bestandsaufnahme

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Was ist Romantik?

Mit dem romantischen Liebesideal wurden Liebe, Sex und Elternschaft in die Ehe verbannt. Wahre Liebe sollte für immer halten. Maßnahmen zu ihrer Erhaltung waren also unnötig bzw. Zeichen dafür, dass die Liebe nicht aufrichtig war. Die romantische Liebe nahm die geliebte Person als einzigartig an und darum konkurrenzlos. Eifersucht war damit überflüssig. Die hohe Wertschätzung der Individualität machte die Liebe zum wichtigsten Ort der Selbstverwirklichung. Nur erwiderte Liebe war richtige Liebe. Damit wurde die Frau vom Objekt der Verehrung zum autonomen Gefühlssubjekt. Ihre Gefühle wurden wichtig und sie bekam das Recht, Nein zu sagen.

Veränderungstendenzen im Liebescode

Einige Punkte des kulturellen Codes der Liebe haben sich überlebt, andere in der Bedeutung verschoben. [Könnt ihr alles ausführlicher nachlesen in: Karl Lenz „Soziologie der Zweierbeziehung“]

  • Selbstverwirklichung ist heute zentrales Motiv romantischer Beziehungen. Die einmal getroffene Entscheidung für eine*n Partner*in wird nicht mehr als lebenslang bindend betrachtet.
    Es gibt nicht mehr den*die Eine*n. Das Gelingen einer Beziehung hängt von den Beteiligten ab, die jetzt als autonome Personen gedacht werden, die miteinander kommunizieren und ihre Gefühle ausdrücken. Selbstaufopferung widerspricht dem Gedanken der Selbstverwirklichung. Was früher Musterbeispiel für wahre Liebe gewesen wäre, ist heute zu viel. Heute gilt es, die Eigenständigkeit zu wahren und die des Gegenübers anzuerkennen.
  • Die Geschlechtsspezifik verschwindet zunehmend aus dem Liebescode. Die Geschlechter werden nicht mehr als grundlegend verschieden gedacht und auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt. Frauen werden nicht mehr so stark auf den die privaten Bereich beschränkt und gewinnen an Freiheit und Unabhängigkeit. Männern werden stärker als früher Gefühle zugestanden. Unsere Vorstellungen von Geschlecht in Beziehungen nähern sich an.
  • Kommunikation gewinnt an Bedeutung, weil (1) das Streben nach Selbstverwirklichung und (2) der Wegfall geschlechtsspezifischer Vorgaben frühere Orientierungspunkte aus den Beziehungen nehmen, was Beziehungen dynamischer macht. Es muss mehr Austausch stattfinden. Offenheit und Aufrichtigkeit sind dabei zwingend notwendig. Die Partner*innen werden so etwas wie Therapeuten füreinander, und Beziehung ein Ort, an dem man sich zuhört und über Ängste austauscht. Die frühere Tendenz zur Konfliktvermeidung wird abgelöst von der Ansicht, dass Konflikte unvermeidbar sind, konstruktiv sein können, stärker aneinander binden.

Das bedeutet …

  • Das Versprechen der Dauerhaftigkeit hat an Bedeutung verloren: Durch die gesteigerte Bedeutung des Individualitätsanspruchs wird die Liebe zur einzig legitimen Basis der Zweierbeziehung. Die Beziehung ist durch nichts gesichert außer der Liebe. Wenn die Liebe verschwindet, endet die Beziehung.
  • Die Paradoxie des Individualitätsanspruchs wird sichtbar: Die Bestätigung der eigenen Individualität ist in der Liebe von herausragender Bedeutung. Gleichzeitig soll aber durch die Liebe die Fremdheit zum Gegenüber völlig überwunden werden. Die romantische Liebe setzt damit eine Einheit von Selbstbezug und Fremdbezug voraus, bei der das Enttäuschungspotential schon eingebaut ist.
  • Die Einheit von Liebe und Elternschaft bricht weg: Die Vorstellung, dass sich im gemeinsamen Kind die Liebe vollendet, verliert an Bedeutung. Kinder sind nur noch eine von mehreren Optionen zur Selbstverwirklichung.
  • Die Liebe ist nicht mehr auf pure Zweisamkeit angelegt: Abschottungstendenzen lockern sich. Die Außenwelt ist nicht mehr vorrangig Störfaktor. Es kann auch wichtige Bezugspersonen außerhalb der Beziehung geben.

Der Code sagt noch nichts darüber, wie wir leben:

Wie sieht die soziale Praxis der Liebe heute aus?

  • Unterschiedliche Leitbilder des Liebesideals existieren nebeneinander. Alte und neue Vorstellungen über die Liebe existieren zeitgleich. Teilweise sind einzelne Menschen Träger unvereinbarer Vorstellungen und zwischen alten und neuen Vorstellungen hin- und her gerissen.
  • Neben den unterschiedlichen Leitbildern fordern Spannungen und Paradoxien im Liebescode selber die Improvisationsfähigkeiten der Beteiligten und ihre Fähigkeit zu Kompromissen.
  • Auch Menschen mit ähnlichen Vorstellungen von der Liebe können unterschiedliche Vorstellungen von den Vorgaben ihrer Liebe haben, z.B. kann unter beiderseitigem Anspruch auf absolute Offenheit in der Beziehung immer noch unterschiedliches verstanden werden.
  • Weiter weicht die gelebte Liebe in der Zweierbeziehung von ihrem kulturellen Code ab, weil Ideal und reale Rahmenbedingungen unvereinbar sind. Alltag, Routine und Banalität sind im romantischen Ideal nicht vorgesehen. Das Ideal fordert von den Beteiligten mehr, als sie leisten können unter den Bedingungen der Realität. Die unausweichlichen Enttäuschungen werden sich selbst oder einander zugeschrieben, nicht der Liebe.
  • Das Ideal der romantischen Liebe geht von einem Maß an Sozialkompetenzen aus, das Liebende in der Realität selten haben. Auch hier ist hohes Potential zum Scheitern eingebaut.

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Normative Ideale brauchen keine Menschen, die exakt so leben, um zu funktionieren. Die ganzen Tweaks und Cheats, die das romantische Ideal lebbar machen, ändern nicht, dass das was da gelebt wird, problematisch ist.

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II. Kritik

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Bedürfnisse

Beziehung ist heute weniger die Basis für Familie als Rückzugsort. Beziehung ist ein Ort für unsere Bedürfnisse, um über Bedürfnisse zu sprechen, alle möglichen Bedürfnisse auszulagern, die wir woanders nicht ansprechen können oder mit denen wir woanders nicht gehört werden. In der Beziehung wird die Trennung privat/öffentlich reproduziert.

Wir haben Erwartungen der Bedürfnisbefriedigung an unser Gegenüber in der Beziehung. Ob wir erst ein Gegenüber haben und dann Bedürfnisse entstehen oder ob wir zu vorhandenen Bedürfnissen ein Gegenüber suchen, ist manchmal nicht ganz klar. Laut Freud ist zuerst ein Begehren da und eine Leere, die gefüllt werden muss.

Die RZB beinhaltet auch den Wunsch nach Gegenseitigkeit: Man will nicht nur, sondern will auch zurück-gewollt werden. Das muss auch gezeigt werden, freiwillig aus sich heraus und wie zufällig genau so, wie sich das Gegenüber das wünscht. Nicht einfach.

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Heteronorm

Heteronormativität ist die Einstellung, dass Heterosexualität der normale und natürliche Ausdruck von Sexualität ist. Wo eine Norm ist, sind auch Ausschlüsse: Menschen, die nicht in die Norm passen, und denen die damit verbundene „normale“ Behandlung verwehrt bleibt. Heterosexualität wird privilegiert. Heteronormativität ist auch Basis für die RZB. Sich komplettieren und all das.

Die romantische Zweierbeziehung ist nicht symmetrisch. Das in der Beziehung zum Thema zu machen, ist aber schwierig: Weil die Liebe dem Ideal zufolge ausschließt, dass nicht fair zueinander sein im Bereich des Möglichen liegt.

Geschlechterdifferenz ist konstitutiv für die heterosexuelle Beziehung, expliziter Bezug auf eine unterstellte Unterschiedlichkeit ist zentraler Bestandteil.

Hetero-RZBs bestehen aus unterschiedlich vergesellschafteten Individuen. Frauen sind doppelt vergesellschaftet in Produktions- und Reproduktionssphäre, Kompromisse werden eher von ihnen erwartet. Männer sind in der Produktionssphäre privilegiert, werden dort immer noch besser bezahlt. Die gegenseitige Unterstützung in der RZB geht tendenziell zu Lasten der Frauen, auf die aufgrund immer noch unterschiedlicher Sozialisation mehr unbezahlte Arbeit zurückfällt.

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Herrschaft und Liebe

Die romantische Liebe ist herrschaftsförmig. Sie ist die Ideologie, die die Anziehung der in Zweigeschlechtlichkeit als einzigen naturalisierten Geschlechter sicherstellt. Das ist funktional für den Kapitalismus.

Die RZB ist aber auch der Ort, an dem wir Nähe finden, uns nicht zu verstellen brauchen. Theoretisch. Manchmal verstellen wir uns, weil uns die Beziehung wichtig ist. Manchmal beschwert man sich mal nicht oder äußert Bedürfnisse nicht, weil das die Beziehung belasten würde. Aber theoretisch ist die RZB eine Bindung, auf die man sich verlassen kann. Und das ist unabhängig von dem gesellschaftlichen Zweck, den sie erfüllt, ~eigentlich eine gute Sache.

Die RZB ist ein Austausch, man kann an ihr wachsen, Bedürfnisse aufeinander einstellen.
Aber diese Bindung ist immer auch ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis. Man hat sich aufeinander eingestellt. Und wenn das zu Ende ist, steht man da als eine Hälfte von etwas nicht mehr Existierendem.

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Abschottung

Romantische Liebe bedeutet auch Abschottung. Die Zweisamkeit schließt Dritte aus. Die RZB hat Priorität und alle anderen müssen hinter ihr zurückstehen. Die RZB ist die letzte Person, der man absagt. [Das gilt auch für hierarchische Mehrfachbeziehungen.]

Die RZB ist auch ein Ort viel zu hoher Erwartungen. Dinge, die man auch in Freundschaften bekommt, wenn man keine RZB führt, werden in die RZB verlagert und exklusiv gemacht. Alle Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Sex, treffen auf nur eine Person, die diese erfüllen soll. Und die Bedürfnisse dieser einen Person stimmen vielleicht auch nicht immer mit den eigenen überein. Wenn die RZB nicht mehr funktioniert, führt das auf einen Schlag zu einem riesigen Verlust, weil man so viele Bedürfnisse in sie hinein verlagert hat.

Die Abschottung wirkt noch auf andere Weise: Menschen außerhalb reproduzieren das Innen/Außen mit und mischen sich nicht so leicht in die Angelegenheiten der RZB ein. Die RZB gilt als freiwillig. Die materiellen, sozialen, emotionalen Zwänge, die sich in der Beziehung einstellen, müssen ausgeblendet werden wegen der Anforderungen, die das Ideal an uns stellt: Unsere Autonomie zu wahren und unabhängig zu bleiben. Das ist in einer Realität mit gemeinsamen Freunden, Verpflichtungen und sich aufeinander verlassen, nicht einfach. Dabei ist sich aufeinander verlassen können zentral für die RZB.

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Keep your Politics out of my Everything

Der Anspruch, die Politik irgendwo „rauszuhalten“, gehört zu den Spaltungen kapitalistischer Gesellschaften. (Könnt ihr hier genauer nachlesen, ich schreibs aber nochmal kürzer auf. Don’t sue me.)

Es gibt drei große Spaltungen in der kapitalistischen Gesellschaft, die für diese funktional sind. Die Trennung in …

1. Gesellschaft und Politik

Die bürgerliche Gesellschaft ist konzipiert als eine apolitische Sphäre, in der alle für sich Privatinteressen nachgehen können, und eine politische Sphäre, in der Allgemeininteressen verhandelt werden. Im Liberalismus merkt man diese Trennung z.B. an dem Anliegen, von Einwirkungen des Staates (also der Politik) möglichst verschont zu bleiben. Die persönlichen Interessen erscheinen so als unpolitisch. Gesellschaft wird damit zu einer Sphäre, in der man sich nicht füreinander interessiert. Wir nehmen uns im Vorbeilaufen auf der Straße nicht als voneinander abhängig und in Allgemeininteressen verbunden wahr. Unsere gemeinsamen Anliegen diskutieren wir in der Politik. Die Gesellschaft entziehen wir deren Zugriff.

2. Öffentlichkeit und Privatsphäre

Während in der vorbürgerlichen Gesellschaft Familie, Wirtschaft und Politik noch in Haus/Hof/Familie zusammenfielen, kam es mit der Industrialisierung zu einer klaren Trennung von öffentlichem und privatem Leben, von Produktions- und Reproduktionssphäre, mit einer spezifischen Arbeitsteilung. Die Produktion verlagerte sich von Haus und Hof weg in die Lohnarbeit. Die Reproduktion (die Herstellung und Wiederherstellung von Arbeitskraft) verblieb im [dann] Privaten.

Mit dieser Aufteilung kam es zu einer unterschiedlichen Vergesellschaftung von Männern und Frauen. Männern war der öffentliche Bereich zugewiesen (die Lohnarbeit), Frauen der private Bereich (die Sorge für Mann und Kinder, die Pflege der Eltern) in finanzieller Abhängigkeit vom Mann. Die unterschiedliche Vergesellschaftung besteht bis heute fort, wenn auch in abgemilderter Form. Heute sind Frauen doppelt vergesellschaftet, d.h. dass sie auch einem Beruf nachgehen, ist selbstverständlich. Die Anforderungen an Männer im Privaten haben sich aber nicht im gleichen Maß verändert. Es wird nicht erwartet, dass sie nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben. Wenn sie sich an der Hausarbeit beteiligen, ist oft von „helfen“ die Rede, als wäre diese Arbeit eigentlich nicht ihre.

Die Öffentlichkeit ist als Raum mit stereotyp männlichen Anforderungen (Rationalität, Härte, Durchsetzungsfähigkeit) konzipiert. Die Privatsphäre ist der Raum für stereotyp Weibliches (Intimität, Geborgenheit, Schwäche zeigen können). Zu unserem Rückzugsraum vom Öffentlichen, dem Privaten, gehört die Beziehung, die damit hoffnungslos überlastet wird.

3. Gesellschaft und Individuum

Die Menschen in diesem kollektiven Produktionszusammenhang Gesellschaft tauschen sich nicht darüber aus, wer was braucht und wie viel. Die Waren werden über den Markt vermittelt. Die Menschen brauchen keine persönlichen oder politischen Beziehungen zu den Produzierenden zu unterhalten. Sie müssen die Bedingungen des Zustandekommens der Waren nicht mitbekommen. Das nennt man Entfremdung.

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Diese drei großen Spaltungen der Gesellschaft schränken die Menschen in ihrer Handungsfähigkeit ein. Sie führen zu Entfremdung und Hilflosigkeit, verhindern Austausch und kollektives Handeln. Emanzipation und die Wiedererlangung der Kontrolle über das eigene Dasein würden also erfordern, diese Spaltungen aufzuheben, abzumildern, oder außer Kraft zu setzen.

Was machen wir stattdessen? Politik aus dem Privaten raushalten. Dinge bitte nicht in das big Picture einordnen.

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Warum Liebe weh tut

Die meisten kennen diesen Schmerz, der mit der Liebe verbunden ist: Verliebtsein in eine Person, die das nicht erwidert oder sich nicht binden will. Ein Beziehungsalltag, der hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das gebrochene Herz. Oder zermatscht und über den Zaun getreten.

Wir verarbeiten Probleme aus unserer Kindheit in unseren späteren Beziehungen, sagen die Freudianer. Und deswegen verorten wir heute, obwohl die meisten von uns sehr ähnliche Erfahrungen mit der Liebe machen, Ursachen und Verantwortung für unsere Unfähigkeit, zu lieben und glückliche Beziehungen zu führen, nicht bei der Liebe oder unseren vorherrschenden Begehrens- und Beziehungsformen, sondern bei uns selbst.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sich die Gemeinsamkeiten in unseren Erfahrungen mit der Liebe genauer angeschaut, und kam zu einem anderen Ergebnis: Das Problem ist nicht eine fast schon kollektiv unzulängliche Psyche, sondern, wie die romantische Liebe heute funktioniert.

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle gestehen verletzbarer macht als jemals zuvor. Illouz erklärt in ihrem Buch „Why Love Hurts“, woran das liegt.

Früher gab es Klasse als Schutz, der das Gesicht wahren ließ bei Zurückweisung. Eine Zurückweisung als „nicht standesgemäß“ hatte nichts mit der zurückgewiesenen Person zu tun, sondern mit ihrem sozialen Hintergrund. Es gab Courtship Practices, Werbungspraxen, die das Gesicht wahren ließen, wenn man abgewiesen wurde. Das waren Regeln für eine langsame Annäherung, Schritt für Schritt, von beiden Seiten, und auf Wechselseitigkeit aufgebaut. Gefühle sollten sich langsam entwickeln. Ein Aussteigen war jederzeit möglich, wenn die entsprechenden Signale ausblieben. Ohne größere emotionale Verluste.

In den Beziehungen setzte sich das fort. Einmal getroffene Entscheidungen für eine*n Partner*in wurden nicht so leicht wieder in Frage gestellt. Frauen lebten zwar in finanzieller Abhängigkeit von ihren Männern, emotional waren sie aber nicht so leicht zu erschüttern, weil Ehe und Familie als solidarische Bindungen verstanden wurden, und nicht, wie heute, als Hort der Selbstverwirklichung.

Wenn man heute liebt und abgelehnt wird, hat man in Zeiten neoliberaler Subjektivierung ein Problem mit dem Selbst.

Wenn deine Beziehungen kaputt gehen: Bist du nicht begehrenswert genug. Verbessere dein Selbst. Es zählt nur noch die Liebe. Und wer nicht geliebt wird, hat ein Problem mit seinem sozialen Wert. Was stimmt nicht mit dir, dass niemand bereit ist, dich zu lieben?

Der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, wenn nicht ganze Industriezweige Abhilfe für Probleme versprechen würden, die es ohne ihn so nicht gäbe. In dem Fall: Psychotherapien, Paartherapien, Selbsthilfe-Literatur und Frauenzeitschriften, die voll sind mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Beziehungsaufbau, „How to Make Him Want You“, „Liebe lernen“, „Wie Partnerschaft gelingt“, „Stop Hurting“.

Liebe ist ein Markt. Sex ist ein Markt. Sexiness ist Kapital auf dem Dating-Markt, käuflich und konsumierbar. Sex hat nicht erst in Sexarbeit Warenform.

Wir evaluieren heute potentielle Partner*innen nach zwei Kriterien: Emotionaler Intimität und psychologischer Kompatibilität auf der einen Seite, Sexiness auf der anderen.

Die erstere Idee sucht, die unterschiedlichen Eigenschaften und psychologischen Verfasstheiten der Beteiligten miteinander zu vereinbaren, kompatibel zu machen. Und Sex Appeal oder Sexiness spiegelt den kulturellen Schwerpunkt auf Sexualität und körperlicher Attraktivität wider, unabhängig von moralischen Werten, also auch von der ersteren Idee, den Emotionen.

Schönheit war früher nicht sexuelle Ausstrahlung, sondern gleichzeitig körperliche und geistige Kategorie. Sexiness funktioniert unabhängig vom Geistigen.

Sexuelle Anziehung ist eine Ware. Die notwendige Ressourcenverknappung erfolgt durch Körpernormen. Den höchsten Wert haben normschöne Körper. Weiß / nicht schwarz, dünn / nicht dick, cis- / nicht trans, ableisiert / nicht behindert. Diesen Wert kann man herstellen und steigern durch Arbeit: Sport, Diäten, Operationen, Hautaufhellung, Haarglättung, Kosmetik, Mode; Investition von Zeit und Geld steigert die heteronormative Begehrbarkeit.

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Wahlfreiheit und Autonomie

Wahlfreiheit ist das Leitbild unserer Zeit. Wahlfreiheit und der Anspruch, die bestmögliche Wahl zu treffen, nicht eine passende oder ausreichend gute, sondern die zum jeweiligen Zeitpunkt beste.

Es gibt heute eine fast unbegrenzte Auswahl potentieller Partner*innen, und immer noch eine Möglichkeit, dass die nächste Beziehung die bessere Wahl wird. Ständige Introspektion und Selbstreflexion macht die Entscheidungen schwerer. Wer bin ich? Was will ich? Was erwarte ich von der Liebe? Bekomme ich genug von dem, was ich brauche?

Das ist zu viel Auswahl, wenn man Illouz folgt, um uns noch festlegen zu können. Die Folge ist Überforderung und unglückliche Liebe.

Liebe und Beziehung gehören zu den Lifestyle Choices mit der größten sozialen Anerkennung. Anders als im Beruf, den die meisten ausüben aus dem einfachen Zwang heraus, Überleben finanzieren zu müssen, werden hier noch deutlich größere Entfaltungsmöglichkeiten gesehen. Mehr Freiheit.

Wir brauchen heute mehr als je zuvor die Liebe als Rückzugsraum, in dem unsere Bedürfnisse nach Nähe und Zuneigung erfüllt werden, in dem wir unverstellt Anerkennung finden können. Und die Notwendigkeit dieser Anerkennung macht unser innerstes Selbst verletzbar.

Illouz folgt Bourdieus Konzept vom sozialen Kapital und zeigt, wie viel von ihrem Selbstwert nicht nur aber vor allem heterosexuelle Frauen über die Wahrnehmung von außen beziehen. Zu einem großen Teil über ihre Begehrbarkeit.

Beziehung ist Quelle für Bestätigung und sozialen Wert.

Die Anforderungen an die Geschlechter sind dabei durch Sexismus strukturiert. Heterosexuelle Männer sind von Zwängen etwa durch Schönheitsnormen in erheblich geringerem Maß betroffen und haben bessere Möglichkeiten, das auszugleichen. Weil sie in einer durch Sexismus strukturierten Gesellschaft als Kollektiv immer noch über mehr Machtmittel verfügen.

Postmoderne Liebe ist voller Widersprüche und paradoxer Anforderungen.

Wir haben den Anspruch an die Liebe, dass sie nicht begründbar sein darf. Jederzeit aus sich heraus gefühlt werden muss, um echt zu sein. Das heißt, Liebe nach unseren heutigen Vorstellungen versperrt sich der Festlegung. Sie lässt sich nicht binden und nicht durch Absprachen festhalten. Das nimmt Sicherheit und Verbindlichkeit aus unseren Beziehungen.

Autonomie hat heute oberste Priorität. Aber Liebe zerstört Autonomie. Wer Liebe gesteht, riskiert, enttäuscht zu werden. Wer stärker liebt, begibt sich in eine emotional unterlegene Position. Wir wollen autonome Subjekte lieben. Wer liebt, ist aber nicht mehr autonom. Verfügbarkeit macht uninteressant[er].

Sich davon frei zu machen, gelingt auch heute noch heterosexuellen Männern besser als allen anderen. Ihre frühere Vormachtstellung hatte ökonomische Ursachen. Heute verschiebt sie sich hin zu einer (auch) emotionalen.

Unser Selbstwert ist eng mit der Liebe verknüpft. Die Liebe ist jetzt der Ort, an dem die meisten Erfüllung suchen. Und gleichzeitig unsicherer als je zuvor.

Das ist, warum Liebe weh tut.

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III. Alternativen

Mehrfachbeziehungen?

Mehrfachbeziehungen können helfen, Beziehungen zu entlasten. Bedürfnisse auf mehrere Menschen verteilen. Bedürfnisse, die in der einen Beziehung nicht erfüllt werden, in eine andere Beziehung tragen.

Mehrfachbeziehungen haben aber auch riesiges Potential, Ungleichheit zu verstärken. Die Gefahr, Bedürfnisshopping zu betreiben und nötigen emotionalen Support nicht zu leisten, ist groß. Womit wir wieder bei den Machtverhältnissen wären. Dem großen Ganzen, in das die meisten ihre „privaten“ Beziehungen nicht einordnen wollen.

Nicht-Monogamie kann man auf viele verschiedene Arten leben: Feste Partnerschaften, offene Beziehungen, Freundschaften, Monogamie plus, Polyamorie, Beziehungsanarchie, … Manche beinhalten Hierarchien, teils aus praktischen Gründen. Was nichts daran ändert, dass Hierarchien ein enormes Potential für Scheiße haben. Manche haben primäre und sekundäre Beziehungen, mit oder ohne Relationship Escalator.

Mehrfachbeziehungen sind nicht an sich schon emanzipatorisch, auch wenn viele, die so leben, das glauben. Den emanzipatorischen Anspruch muss man mitbringen. Und dann ist es immer noch harte Arbeit, die sich viele lieber nicht machen.

Was hindert uns? (Abgesehen von privilegierter Ignoranz und Faulheit.)

Eifersucht zum Beispiel, die Allzweckwaffe des romantischen Liebesideals.

Ziemlich viele der negativen Gefühle, die wir unter Eifersucht zusammenfassen – Unsicherheit, Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden, sich ausgeschlossen, nicht gut genug, unzulänglich fühlen, sind vermeidbar durch ein paar ganz banale Rücksichten. Wer The Ethical Slut gelesen hat, dürfte den Teil kennen.

Die Zweierbeziehung ist ein Sonderfall unter den Beziehungen. Die einzige, bei der wir davon ausgehen, dass sie exklusiv sein müsste. Bei Freundschaften glauben wir nicht, dass unsere Gefühle weniger werden, wenn wir mehrere Freund*innen haben. Eltern mehrerer Kinder lieben die einzelnen nicht weniger.

Man teilt nicht eine bestimmte Menge Zuneigung auf, die weniger wird, wenn sie auf mehr Menschen verteilt wird. Auf der anderen Seite haben wir aber nicht endlos Zeit, Kraft und andere Ressourcen, füreinander da zu sein. Das muss nicht, kann aber, zum Problem werden.

Dass man Eifersucht nicht einfach als persönliche Unzulänglichkeit abtun kann, dürfte nach dem Abschnitt über „Why Love Hurts“ klar geworden sein. Konkurrenzdenken ist eine logische Konsequenz der Vergesellschaftung in kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen. Solche negativen Gefühle zu individualisieren und auf eine unzulängliche Psyche zu schieben, wie das in unpolitischen / esoterischen [nicht nur] Poly-Zusammenhängen oft gemacht wird, ist meines Erachtens nicht der beste Umgang.

Aufmerksamkeit wollen ist nichts Schlimmes. Wenn Menschen in Konkurrenz zueinander gesetzt werden, um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen, ist auch Mehrfachbeziehung nicht emanzipatorisch.

Wenn Ressourcenverteilung ein Problem ist, hilft oft einfach die Rückversicherung, dass eine*m jemand nicht egal ist.

Und zum Schluss: Jede*r hat ein Recht auf Vorhersehbarkeit. Auch in Mehrfachbeziehungen.

Was Mehrfachbeziehungen leisten könnten: Helfen, mit Dingen, die in Zweierbeziehungen oft als selbstverständlich angenommen werden, anders umzugehen. Mehrfachbeziehungen brauchen explizitere Aushandlung, und da liegt ihr größtes Potential für positive Veränderung. Nicht allein im Schritt aus der Exklusivität.

Andere Alternativen?

Keine Beziehung(en), keine romantischen Beziehungen, Romantik hinterfragen. Nicht nur das „Zweier-“ an der Romantischen Zweierbeziehung problematisieren.

Konkretere, explizitere Aushandlung von Beziehungen, Zeiteinteilungen, Arbeitsteilung. (Wenn man zusammen lebt: Sexistische Arbeitsteilung explizit machen.)

Liebe, Freundschaft und Familie könnten sich einiges voneinander abschauen. Liebe hat ein Ablaufdatum. Freundschaft nicht. Den Unterschied erkennen und anders machen. Romantische Liebe könnte durch Annäherung an Freundschaft besser werden.

Merken, wo wir die RZB zum Nachteil anderer privilegieren. [Oder die Haupt- oder irgendeine andere Beziehung.] Hierarchien sichtbar machen.

Emotionale Abhängigkeiten nicht ausnutzen und nicht ausnutzen lassen. Nicht immer nur da sein. Zuhören, aber nicht immer nur Zuhören. Helfen. Aber nicht die Therapie ersetzen.

Sehen wo gängiges Beziehungsverhalten Teil männlicher Dominanzreproduktion ist.

Denkt euch was aus.

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