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Aww, die armen Männer.

tl;dr Zu dem tollen „What about teh Menz“-Beitrag „Spielehelden haben Klischeefressen“ bei Golem. Spoiler: Mir doch egal.

Die Diskussionen um Sexismus in Computerspielen laufen ja nun schon länger. Anita Sarkeesian hat mit ihrem Tropes vs. Women Kickstarter und dem dazugehörigen Backlash wohl ziemlich alle Fragen beantwortet. Aber bei Golem.de („IT-News für Profis“) hat man das wohl verpasst. Also so richtig. Komplett. The entirety of Everything.

Sonst könnte Autor Robert Bannert dort wahrscheinlich nicht sowas veröffentlichen:

Zu große Brüste, zu dünn bekleidet und die falschen Rollen: Seit der letzten E3 wird das Frauenbild in Videospielen hitzig diskutiert. Doch was ist mit den männlichen Spielehelden? Auch sie haben sich zu Stereotypen entwickelt.

Herr Bannert derailt hier nicht nur eine Sexismus-Diskussion in unter 3 Sätzen. Er hat dann auch nicht mitbekommen, dass das durch ist. Dass „What About Teh Menz?“ als Derailing enttarnt wurde. Erklärt wurde, warum man sich eigentlich nur blamieren kann, wenn man sowas noch einwendet. Und warum man dann lieber die Fresse hält.

Aber das war nur der Teaser und der Text ist noch schöner.

Herr Bannert steigt direkt voll ein ins Freund-Feind-Denken:

Jetzt, wo sich bei der Gewaltdebatte kein rechter Angriffspunkt mehr finden lässt, wird eine neue aufgemacht: die einseitig geführte Debatte um die Diskriminierung der Frau in Computerspielen.

Das ist jetzt natürlich ein BISSCHEN unschlüssig, weil diese Gewalt / Sittenverrohung / Untergang des Abendlandes durch Computerspiele / Horrorfilme / US-amerikanische Beatmusik der 1950er Jahre Debatten aus einer völlig anderen Richtung kamen. Die Debatte um Sexismus in Computerspielen wurde aber von weiblichen Gamern angestoßen. Von Frauen und Mädchen, die selber spielen. Die aber nicht wollen, dass sie und andere so behandelt werden, wie es passiert durch Sexismus in Spielen und von anderen Spieler*n.

Aber Hauptsache, Herr Bannert hat In- und Outgroup schön übersichtlich.

Dabei wird gern vergessen, dass männliche Frontfiguren meist genauso stereotyp und platt sind wie ihre weiblichen Gegenstücke. […]

Das ist nicht mal falsch, aber im Kontext Sexismus trotzdem Blödsinn. Was Herr Bannert nicht berücksichtigt, als jemand, der von Sexismus offenbar keine Ahnung haben muss, um darüber bei Golem schreiben zu dürfen: Stereotype an sich sind nicht das Problem bzw. nicht das gesamte Problem.

Männer werden durch die Stereotype, die er später auch noch beschreibt, oft aufgewertet. (Cis-/Hetero-) Männer sind aber vor allem nicht von Sexismus betroffen. Sie werden nicht zu Objekten degradiert. Sie werden nicht nach Fickbarkeitskriterien sortiert. Ihre Existenz dient nicht allein als Begleitmaterial für ihre Geschlechtsteile.

Ja, auch Männer in Spielen sind oft eindimensional. Aber was will uns diese wirklich nicht neue Erkenntnis im Zusammenhang mit Sexismus sagen?

Heldenfiguren sind naturgemäß detailreicher ausdefiniert […] Darum ist ein Commander Shepard auch interessanter als der durchschnittliche Bankhocker auf der Citadel. Doch wenn es um das Aussehen und die Charakter-Attribute des Normandy-Chefs geht, kann man als männlicher Zocker einfach nur eifersüchtig werden: Der Kerl kriegt nicht nur mühelos jedes echte Unterwäschemodel herum – als Persönlichkeit ist er auch noch an genau den richtigen Stellen kantig oder geschliffen.

Oder nehmen wir mal Ezio Auditore, den meuchelmordenden Schwarm italienischer Frauen zur Zeit der Borgia. Als junger Patrizier vergenusswurzelt der Mann jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist, als gestandenes Mannsbild ist er erst recht hochbegehrt, und selbst als alter Knochen gibt er mit großem Erfolg den tragischen Lover. Was soll man so einem Kerl als Otto-Normal-Zocker mit Gummimuskeln und Bauchansatz schon entgegensetzen?

Hier wird nun die Aufwertung (!) männlicher Spielfiguren problematisiert, weil der Gamer mit Bauchansatz da zu Hause Befindlichkeiten von bekommt. What about Teh Menz in Reinform. Betroffenheit von Diskriminierung absprechen und erklären, dass männliches Mimimi hier ja wohl mal das eigentliche Problem ist.

Die Sexualisierung weiblicher Charaktere ist für Herrn Bannert weiterhin kein Problem: Commander Shepard wird beneidet, weil er „jedes echte Unterwäschemodel“ rumkriegt [Fickbarkeitskategorie Feuchter Mackertraum plus]. Ezio Auditore „vergenusswurzelt“ [im Gegenatz zu „hat Sex mit“; Mann = aktiv, Frau = anwesend] „jede Frau, die nicht bei drei auf den Bäumen ist“ [im Gegensatz zu „Frauen, die ganz gerne Sex mit ihm hätten“; this is Rape Culture].

Wird aber noch schöner.

Selbst Typen wie Deponia-Antiheld Rufus scheinen mit dem weiblichen Geschlecht im Hinterkopf entworfen zu sein und sind die schrullig-nerdige Version eines gezeichneten Backstreet-Boys.

Wenn Männer im weitesten Sinn heiß sind, ist das also zum Vergnügen der Gamerinnen so. [Dass es eine ganze Menge nicht-so-heterosexueller Gamerinnen gibt, auf die seine Theorie nicht passt, ging Herrn Bannert wohl bis Redaktionsschluss nicht auf.]

Kaum verwunderlich übrigens, denn bei vielen männlichen Digital-Promis treffen Damen Designentscheidungen: Der ebenfalls nicht ganz unattraktive Nathan Drake zum Beispiel wurde von Amy Henning geprägt und Mittelalter-Rockstar Ezio Auditore von Rhianna Pratchett. Die hat außerdem die neue Version von Lara Croft mitzuverantworten.

Immer noch Blödsinn, aber schönes Nitpicking: Weil Frauen was auch machen, kann was nicht problematisch sein. Hier in der Nebelkerzen-Ausführung, weil er das ja erst selber problematisiert hat und niemand sonst.

Tatsache ist, dass Helden ganz bewusst als laufende Klischees gezüchtet werden – denn der Mensch denkt nun mal in Klischees. Weil er sie leicht begreifen, speichern und dann wieder abrufen kann. Darum ist der Märchenprinz grundsätzlich gut (aussehend), die Prinzessin hilflos und wunderschön und der sie entführende Troll ganz furchtbar hässlich und dazu abgrundtief böse.

Warum die Prinzessin so selten ein hässlicher Troll ist, oder der hilflose Prinz nicht gerettet werden muss, bleibt offen. Von den vielen nicht angesprochenen sexistischen Tropes in Spielen mal abgesehen. Dass Menschen Stereotype brauchen, stimmt natürlich. Dass man ihnen deswegen aber nicht zumuten könnte, dass sich auch mal ein neuer Gedanke in ihren Kopf verirrt, ergibt sich daraus nicht.

Die Spielwelt sowie ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt und der Avatar ist nur eine Schnittstelle für ihre Erkundung. Auf den ersten Blick primitive Stereotypen wie ein Duke Nukem gehörten da schon zu den intelligenteren Heldenmodellen: Diese pixelfleischgewordenen Testosteron-Brocken bemühen sich zumindest darum, die ihnen zugrundeliegenden Klischees zu reflektieren und humorig zu demontieren.

Wo sich mir jetzt der Punkt wieder nicht erschließt. Mir scheint, Herr Bannert will auf Sexismus gegen Männer(tm) hinaus.

Heute haben sich die Helden etwas weiter entwickelt: Ihre Herkunftsgeschichten sind nett bis tragisch – und das am Marketing-Reißbrett entworfene Aussehen der Herzensdiebe hat das Zeug, Kunden jedweden Geschlechts beziehungsweise jedweder Sexualität anzufixen.

Typ…

Abgesehen davon, dass er nicht gemerkt hat, dass lesbische Gamerinnen leer ausgehen würden, wenn das Angebot nur aus männlichen Helden besteht: Manche wollen nur spielen, nicht masturbieren. Erst recht nicht zu rape-culturey „Herzensdieben“ und „Testosteron-Brocken“.

Commander Shepard zum Beispiel ist obendrein völlig vorurteilsfrei, indem er seinen Matratzensport ebenso gerne mit gestandenen Manns- wie Weibsbildern ausübt.

Typ.

Ich kürze hier mal etwas ab. Es geht weiter darum, dass in Spielen selbst Männer, die scheiße aussehen sollen, nicht wirklich scheiße aussehen. Der Autor nennt es „Sitcom-Syndrom“. Die Leute würden sonst nicht gucken. Und bei den Frauen wären auch die „hässlichen Entlein“ in Wahrheit „granatenscharfe Feger“ [weil ja nur sexualisierte Frauen gute Frauen sind, Herr Bannert?] „sobald sie Brille und Mauerblümchen-Kostüm fallen lassen“.

Spätestens hier wird klar: Der Autor denkt wirklich in Tropes und spart sich damit aufwändige Gedankengänge (The Glasses Gotta Go; Beautiful All Along)

Kurzum: Es gehört einfach zum Job eines Helden gut auszusehen. Und im selben Maße wie sich das Schönheitsbild im Laufe der Zeit geändert hat beziehungsweise immer mehr Damen das Hobby für sich entdeckt haben, sind ihre ästhetischen Merkmale differenzierter geworden. Akzentuierter. Zeitgemäßer. Aus dem plumpen Muskelprotz wurden interaktive Unterwäschemodels, androgyne Schönlinge und der ideale Schwiegersohn.

Sehr hetero. Sehr sexuelles Interesse bei Spieler*innen voraussetzend, die vielleicht gar keins haben. Und sehr nicht der Punkt. Wir dürfen gespannt sein, ob Herr Bannert noch erklärt, warum das alles Sexismus in Spielen besser macht. Er fand ja – wir erinnern uns – die Debatte darüber zu einseitig.

Dass sich Männer mit den in Videospielen gepflegten Klischee-Fressen am Ende besser abfinden als Frauen mit ihren weiblichen VR-Gegenstücken, hat einen ganz einfachen Hintergrund: Die digitale Spielewelt ist in erster Linie ein Männerprodukt. Sie wurde von Kerlen erfunden und zur nerdigen Testosteron-Domäne erhoben, in der kleine Pickelgesichter davon träumen, große und attraktive Helden zu sein, die auch mal eine Frau abkriegen.

Wenn wir genau hingucken, hat Herr Bannert dann doch mitbekommen, dass die männlichen Helden auf- und nicht abgewertet werden. Dass Männlichkeit u.a. aufgewertet wird, durch Frauen „abkriegen“. Vielleicht merkt er noch, dass das genau das Gegenteil von dem bedeutet, worauf er hinaus wollte.

Könnte eng werden, der Text ist fast zu Ende.

Kaum verwunderlich also, dass sich Damen hier früher nur selten wohl gefühlt haben. Und die aus dieser Ära geborenen Berührungsängste bis heute anhalten. Aber in der Regel wird die holde Weiblichkeit hier nicht mehr diskriminiert als sich der Mann selbst demontiert. Doch auch hier ist die Evolution unaufhaltsam: Der Spiele-Held von heute ist eher Hollywood-Figur als klassischer Gaming-Muskelprotz – er ist noch immer ein Supermann. Aber zumindest einer, dem man die Wohnungsschüssel anvertrauen würde. Der nette Übermensch von nebenan.

Ja, gut. Dann nicht.

*

Überschrift geklaut bei @moeffju.
Danke für das Lektorat an @Bediko.

Holla der Waldelf*, Frau Rosenfeld.

tl;dr Ich las Zeit Online und schön war’s nicht.

Das ist kein Aufschrei. Anders als Sie bzw. Ihre Autorin Dagmar Rosenfeld (und mit ihr ein ganzer Haufen Maskulist*n, Antifeminist*n und anderes rechtsaffines Vergangenheitsfandom), trolle ich nämlich keinen ausgezeichneten Hashtag gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus mit dreißig Jahren diskursverzögertem Mimimi über geschlechtergerechte Sprache.

Dass Sie ein paar Jahrzehnte zu spät zur Party sind: Geschenkt. Dass Sie die zur Verfügung stehende Zeit nicht genutzt haben, sich in den Diskurs einzuarbeiten: Nicht so sehr.

Um „Frauisierung“ geht es bei geschlechtergerechter Sprache nicht. Da haben Sie was falsch aufgeschnappt, Frau Rosenfeld. Und mit „aufgeschnappt“ meine ich, dass Sie sich offenbar in Maskulisten-Foren informiert haben, statt bei Sprachwissenschaftler*innen. Ich sag mal: Aua, Frau Rosenfeld. Sie teilen das falsch angeeignete Vokabular mit Nazis und Frauenhassern. (Way to go, wenn Sie dahin wollten.)

Aber zu Ihrer Bequemlichkeit und weil Sie’s vielleicht doch nicht so schnell lernen, erklär ich Ihnen das kurz: Sie meinen wahrscheinlich die sprachliche Berücksichtigung der Tatsache, dass Frauen exisitieren. Keine Ahnung, ob es dafür ein Wort gibt. Vielleicht „Realitätsbezug“.

Geschlechtergerechte Sprache nennt man es jedenfalls nicht. Zur Geschlechtergerechtigkeit fehlt da immer noch eine ganze Menge. Das ist dann der Punkt wo Sie, Frau Rosenfeld, mit Ihrem Binnen-I-Bashing irgendwo in der Vergangenheit feststecken. Das Binnen-I ist eine Ewigkeit her. Wir* haben viel gelernt seitdem. (Ich mach das jetzt mal wie Sie, Frau Rosenfeld: Ich schreibe „wir“ und meine alle, die meiner Meinung sind.)

Um zu geschlechtergerechter Sprache zu kommen, müssen noch eine ganze Menge mehr Menschen berücksichtigt werden als Männer (das sind die, die Sie berücksichtigen wollen) und Frauen (die Sie unnötig finden, zu berücksichtigen): Nämlich alle, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einsortieren (das sind die, wo Ihr Altherrenjournal-Schreiber*innen-Tellerrand schon vor längerem zu Ende war).

„Frauisierung“ dagegen bedeutet im weitesten Sinne u.a., dass Menschen das Geschlecht „Frau“ zugeschrieben wird. Und das nicht immer zutreffend.

Geschlechtergerecht meint ALLE, Frau Rosenfeld. Und das ist, warum Ihr Beitrag ehrlich gesagt ziemlich scheiße ist: Sie informieren sich nicht mal genug, um anderer Leute Anliegen professionell zu verreißen. Sie dreschen auf einen Strohmann ein. Einen „Verweiblichungswahn“, wie sie es so unzutreffend und ableistisch nennen, gibt es jedenfalls nicht. Es geht um mehr als Frauen.

Warum Sie geschlechtergerechte Sprache so sehr stört, will ich überhaupt nicht wissen. Ihr Problem muss es ja nicht sein, wenn Sie sich vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen. Whatever floats your boat.

Aber dass Sie geschlechtergerechte Sprache als übergriffig bezeichnen, während in Wirklichkeit Sie es sind, die übergriffig agieren, indem Sie anderen reinreden und absprechen, und versuchen, Ihre Meinung aufzudrücken, verursacht schon fast körperliche Schmerzen, so verdreht ist das.

Bei geschlechtergerechter Sprache geht es nicht um Ihre persönliche Präferenz. Sie sind nicht der Mittelpunkt des Universums. Es geht ganz einfach darum, Leute nicht zu übergehen oder auszuschließen. Wenn Sie sich nicht übergangen fühlen: Schön für Sie. Wenn andere sich übergangen fühlen: Steht es Ihnen nicht zu, das abzusprechen. Sie haben das irgendwie rückwärts verstanden anscheinend. Fast, als hielten Sie Ihre Meinung über die Probleme anderer Leute für mehr wert, als deren eigene. (Lesen Sie vielleicht echt nicht so viel in Maskublogs.)

Sie sexualisieren Gleichstellungsbemühungen, als hielten sie Sex für was Schlechtes. Ich will nicht wissen, wie solche Gedankengänge zustande kommen. Sie widern mich ein bisschen an.

Sie erklären ‚Das Binnen-I, die „-in“-Endungen – sie sind überflüssig geworden.‘ Woher Sie das haben, wissen wir ja bereits. Aber es ist in sich unschlüssig und durch die Realität widerlegt. Eine „Frau Bundeskanzler“ überwindet genausowenig Sexismus wie ein schwarzer Präsident Rassismus. Das sind alles Diskussionen, die so breit geführt wurden, dass ich Ihnen nicht mal abnehme, dass Sie die verpasst haben können.

Sie bashen „Alice-Schwarzer-Opfer-Feminismus“, der mit ihrem Thema so ca. nichts zu tun hat, und merken dabei nicht, wie nah sie dran sind an genau diesem Mindset aus Besserwisserei und Paternalismus, wenn sie Leuten vorschreiben wollen, mit welchen sprachlichen Anachronismen sie sich bitteschön zu arrangieren haben, nur weil es Ihnen persönlich ja gut damit geht.

Und dass Sie Feminist*innen im generischen Maskulinum ansprechen? Ja, ach. Müssen Sie ja selber wissen, welches Niveau Sie für sich für angemessen halten.